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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Zweites Kapitel.

Kornelia van Vestrum führte auf ihrem Schlosse trotz Reichtums, Jugend und Schönheit ein völlig zurückgezogenes Leben. Teile des Schlosses, in denen sie mit ihrer, wie eine Mutter sie betreuenden Amme lebte, ganze Teile des Parkes, in denen sie spazieren ging und ritt, waren selbst der Dienerschaft verschlossen. Das gab Anlaß zu allerhand Mythen, die überall die Runde machten und bis in die Stadt drangen. Alte Frauen erzählten sich, daß ein unsichtbarer Gast, den niemand sähe als Kornelia selbst, im Hause herumginge und Gewalt über Kornelia besitze. Und Kindern, die man strafen wollte, drohte man mit dem unsichtbaren Gast vom Schloß Vestrum, das bald ein märchenhafter Schimmer von Mystik umwob.

Wenn, was oft geschah, die Kinder und die Armen der Gegend auf Schloß Vestrum beschenkt wurden, und wenn Fräulein Kornelia dann in dem enganliegenden, schwarzen Kleid, schlank wie eine Gerte, bleich wie Linnen, mit großen träumenden Augen, die mild und gütig blickten, in die weite Halle schwebte – – dann war den Kindern wohl zu Mute wie in der Kirche, wenn nach der Predigt sanft und weich die ersten Klänge der Orgel ertönten. Sie liebten sie Alle und drängten zu ihr – nicht der Geschenke wegen – weil zärtliche Güte von ihr ausging und sich wie die Hand einer liebevollen Mutter auf die empfänglichen Kinderseelen legte.

Außer ihrer alten Amme und dem jungen Advokaten, dessen Bekanntschaft ihr alter Oheim vermittelt hatte, besaß Kornelia niemanden, der ihr nahestand. Und sie sah es auch nicht gern, als Dr. Kargert ihr eines Tages seinen Freund, Johannes van Gudry, ins Haus brachte, dessen Selbstbewußtsein und bestimmtes Auftreten ihre Unsicherheit noch erhöhten.

»Warum kommen Sie nie mehr ohne diesen Herrn van Gudry?« fragte sie, als Kargert zum dritten Male mit seinem Freunde erschienen war. »Wir kommen überhaupt nicht mehr dazu, uns unter vier Augen zu sprechen.«

»Wenn Herr van Gudry wüßte, daß unser Verhältnis mehr ist als flüchtiger Verkehr, glauben Sie mir, Kornelia, daß er dann taktvoll genug wäre, sich zurückzuhalten.«

»Nein!« erwiderte Kornelia und ergriff seine Hand. »Sie dürfen ihm nie sagen, daß wir uns mehr sind, Robert – versprechen Sie mir das!«

»Fürchten Sie ihn?«

»Er ist mir unheimlich.«

»Er ist ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle.«

»Kennen Sie ihn so genau?«

Robert dachte einen Augenblick nach. Eigentlich waren es mehr Zahlen und Geschäfte, die für ihn in einem Zusammenhang mit Gudry standen. Von dem Menschen wußte er nicht viel.

Kornelia hielt noch immer seine Hand. Er sah sie an und sagte: »Was kümmern uns Dritte? – wo wir wissen, was wir uns sind! – Warum zögern Sie noch immer? Was hält Sie zurück? Fühlen Sie denn nicht, daß jede Stunde, die wir uns nicht gehören, für unser Leben verloren ist?«

Er fühlte den festen Druck ihrer Hand und sank vor ihr auf die Knie.

»Ja, Robert, ich fühle es, und Sie dürfen mir glauben, daß ich lieber heute als morgen Ihre Frau würde.«

Er sah nicht, daß ihre Augen voll Tränen standen, daß ihr Gefühl und ihre Gedanken anderswohin gingen – – daß sie unter einen Zwang geriet, dem sie sich widersetzte. Ihre Hand, die eben noch ihr Gefühl verriet, wurde kalt, spannte sich zur Abwehr. Ein kurzer Kampf, in dem sie unterlag. Sie beugte sich zu Robert herab – nicht um ihn zu umarmen. Der Mann, der ihr zu Füßen lag, war in diesem Augenblick für sie nicht Robert, sondern ein Objekt, an dem sich ein vererbter Trieb versuchte. – Als Kornelia sich aufrichtete, hielt sie in der schmalen, weißen Hand ein goldenes Etui, das sie mit zitternden Fingern irgendwo verbarg. Dann wankte sie, bleich wie der Tod, durch's Zimmer und stand, als sie eben auf die Tür zuschritt, dem lächelnden Johannes gegenüber, der zur Seite trat und die Entsetzte an sich vorübergleiten ließ. – Robert hatte sich erhoben.


Kornelia stand in der Bibliothek und hatte hinter sich die Türen verschlossen. An den Wänden hingen die Bilder ihrer Ahnen; hier und da durch ein Altarstück, einen Spiegel, einen alten Gobelin unterbrochen. Sie schloß für einen Augenblick die Augen, holte Atem, fuhr sich über die Stirn, lächelte und überzeugte sich, daß die Portieren an den Fenstern fest geschlossen waren. Dann ging sie an den Spiegel heran, drückte irgendwo auf einen geheimen Knopf und verfolgte, wie hinter dem Spiegel, der langsam in das Mauerwerk hinabglitt, das Bild einer Zigeunerin sichtbar wurde. In Lumpen gekleidet, mit kurzem Haar, einem spöttischen Lächeln um den breiten Mund, die Augen halb geschlossen, zeigte die Zigeunerin doch Züge, die denen der Kornelia ähnlich waren. Zumal jetzt, wo von Kornelia letzte Furcht gewichen war und sie fast heiter blickte, war diese Ähnlichkeit unverkennbar. Kornelia sah zu dem Bilde auf, zog das Etui hervor und lächelte – lächelte genau wie diese Zigeunerin, die jetzt zu leben schien. Eine Zeitlang noch stand sie in Betrachtung des Bildes. Bald schien es, als suche sie sich seinem Einflusse zu entziehen; dann aber wieder brach verhaltene Freude durch, bis sie, unzufrieden mit sich und von den mannigfachsten, einander widerstrebenden Gefühlen bewegt, an die Stelle des Bildes wieder den Spiegel treten ließ.


Robert, an ein sonderbares Wesen Kornelias gewöhnt, schüttelte den Kopf und sah ihr nach. Da stand Johannes schon neben ihm: »Fräulein Kornelia ist ebenso reizvoll, wie eigenartig,« sagte er und sah ihn scharf an.

»Sie haben Interesse an ihr?«

»Wie an jeder schönen Frau! Und in diesem Falle ganz besonders, wo es sich um die Freundin Ihres Herzens handelt.«

»Habe ich Ihnen davon gesprochen?«

Johannes lächelte.

»Sie? Nein! Aber, wenn man zwanzig Jahre lang die Frauen aller Erdteile studiert hat, genügt ein Blick.«

»Und Sie glauben wirklich?« fragte Robert interessiert.

»Glaube?« erwiderte der. »Ich weiß!« – – Er zog sein Zigarettenetui aus der Tasche und bot es Robert an. Der lachte; das Etui war leer. Johannes tat erstaunt; Robert griff in die Weste und suchte alle Taschen ab.

»Aber ich hatte es doch nach vor einer Viertelstunde.«

»Ich selbst habe es gesehen,« bestätigte Johannes.

»Rätselhaft!«

»Wie manches in diesem Hause!«

Robert zog den alten Diener ins Vertrauen. Dessen Gesichtsausdruck verriet einen Schreck, der weniger Erstaunen, mehr Bestätigung einer ständigen Furcht war.

Kornelia ließ die Herren in den Salon bitten. Sie plauderten noch eine Weile; eine Stimmung wollte aber nicht recht aufkommen. Johannes erzählte von seinen Reisen, den Kunstschätzen in fremden Ländern, flocht unauffällig Bemerkungen über bekannte Werke alter Meister ein, deren Aufenthaltsort unbekannt sei, rechnete mit einer unbeherrschten Geste Kornelias, die ihm etwas verraten könnte – aber nichts von alledem geschah, sie schien, ebenso wie Robert, mit ihren Gedanken ganz wo anders und forderte ihn auch nicht auf, zu bleiben, als er sich jetzt erhob und sagte: »Gnädiges Fräulein, es ist Schlafenszeit! Vielen Dank für den anregenden Abend!«

Dabei drückte er ihre schmale Hand stärker als es nötig war und sah ihr in die Augen, als wenn ein geheimes Einverständnis zwischen ihm und ihr bestände. Kornelia wurde unsicher, zitterte, zog die Hand zurück, und zu Robert sagte sie, als auch er sich verabschiedete und Johannes eben draußen war: »Ihr Freund hat etwas Unheimliches.«

Robert erwiderte: »Ich glaube, Sie dürfen sich ihm in Allem anvertrauen, Kornelia, genau wie mir! Er ist sehr klug!«

»Niemals!« erwiderte sie bestimmt.

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