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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Schluß.

Eines Nachmittags durchstöberte, wie oft, der bekannte Sammler und Mäcen Louis Lépic die Böden des nicht eben gut beleumdeten Bilderhändlers Pierre Lavoisier im Impasse St. Monique, unten am Ende der Avenue St. Ouen.

Er erhandelte grade einen alten Stich zweifelhafter Provenienz, als unten ein geschlossenes Auto hielt, dem hastig eine verschleierte Frau entstieg. Sie hielt ein Paket unter dem Arm und wechselte, ehe sie ins Haus ging, mit dem Chauffeur, der den Kragen hochgeschlagen und die Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte, ein paar Worte. Der wies nach oben.

Bald darauf klopfte es an der Bodentür Pierre Lavoisiers. Er entschuldigte sich bei Louis Lépic, ging zur Tür, fragte, erhielt ein Stichwort, öffnete.

Die Frau mit dem Paket trat ein, schlug den Schleier zurück und erwiderte auf eine Frage Lavoisiers:

»Er ist tot! – Erschlagen von diesem Bilde, nach dem er so lange gesucht hat.«

Lavoisier interessierte sich nicht für den Tod noch für die Umstände, unter denen er erfolgt war, sondern riß begierig Brigitten das Paket aus dem Arm, öffnete es und rief: »Mein Gott, das ist ja ein Frans Hals!«

Auf den Ruf hin stürzte Louis Lepic herbei, sah das Bild und rief: »Wahrhaftig!«

»Diese Vandalen!« schimpfte der Händler, »es ist vom Knie an zerfetzt und daher wertlos.«

Louis Lepic nahm es ihm aus der Hand und fragte: »Was fordern Sie?«

Der Händler zog sich mit Brigitte zurück und fragte: »Preis?«

»Fünfmalhunderttausend Frank.«

»Du bist verrückt!«

»Unter dem gibt er's nicht her!«

»Wer?« fragte der Händler.

»Peter Last – er sitzt unten im Auto.«

»Ruf' ihn herauf.«

»Das ist zwecklos!«

»Du hast selbst gehört, daß Lepic gesagt hat, es sei zerfetzt und daher wertlos.«

»Du hast das gesagt,« widersprach Brigitte.

»Um so schlimmer! So wird er nichts zahlen.«

»Dreimalhundertfünfzig,« bot der Händler.

»Dann zahlt – ein Anderer!«

»Viermalhunderttausend ist unser letztes Wort,« erwiderte Brigitte.

»Gemacht!« sagte der Händler, gab über die geforderte Summe einen Scheck, ließ sich eine Quittung über siebenmalhundertfünfzigtausend Franken geben, drückte Brigitte die Hand und sagte:

»Schade um Johannes van Gudry! Mit dem ließ es sich gut Geschäfte machen« – und schob sie zur Tür hinaus.

»Sie lassen einen heute nichts mehr verdienen und fordern Preise, auf die man kaum noch etwas aufschlagen kann.«

Dabei hielt er das Bild so, daß es richtig beleuchtet war und trotz der Zersetzung unterhalb des Knies wie ein Ganzes wirkte. Nach einer Weile sagte er mehr zu sich: »Sonderbar!«

»Was finden Sie an dem Bilde sonderbar?« fragte Lépic.

»Es ist fast noch schöner so! – Und je länger ich es betrachte, um so mehr neige ich der Meinung zu, daß der Meister selbst es gefühlt und in einem Moment göttlicher Eingebung die untere Partie entfernt hat.«

Louis Lépic schwieg erst und sagte dann: »Möglich ist es! Aber wer wird es glauben?«

»Niemand wird es sehen, wenn es richtig geschnitten und gerahmt ist.«

»Sind Sie Patriot?« fragte Lépic.

»Ich? – wieso?« erwiderte der erstaunt.

»Sind Sie's, oder sind Sie's nicht?«

»Selbstredend! wäre ich sonst wert, ein Franzose zu sein?«

»Beweisen Sie's!«

Lavoisier, der Böses ahnte, machte ein ängstliches Gesicht.

Louis Lépic sagte: »Ich will das Bild dem Louvre schenken.«

»Schenken?« wiederholte der entsetzt. »Wohl dem, der das kann!«

»Es hängt von Ihnen ab.«

»Von mir?«

»Sie dürfen nicht zu viel fordern.«

»Es ist ein Frans Hals! Und was für einer! Kennen Sie einen besseren?«

Dann kehrte er zu Louis Lepic zurück und sagte:

»Nein! – Es ist unerreicht!«

»Und Millionen wert.«

»Zweifellos!«

»Nu also!«

»Was fordern Sie?«

»Ihnen zuliebe und da Sie das Bild dem Louvre schenken wollen und ich ein guter Franzose bin: zwei Millionen Frank.«

»Die Hälfte.«

Lavoisier lachte, lachte ganz laut und sagte: »Meine Konkurrenz würde meine Überführung in eine Idiotenanstalt fordern.«

»Ihre Konkurrenz würde es nicht erfahren – niemand würde es erfahren außer mir.«

»Also ausgeschlossen! So ein guter Patriot ich bin, aber Sie können doch nicht verlangen, daß ich mich für mein Vaterland ruiniere.«

Lepic nahm Hut und Stock und wiederholte: »Eine Million – kein Centime mehr.«

»Gegen Kasse?« fragte der Händler.

Louis Lepic stellte einen Scheck über eine Million aus. Der Händler packte das Bild ein. Und als er es ihm überreichte, sagte er:

»Und damit Sie sehen, daß ich ein guter Patriot bin und Sie nicht übervorteile – hier ist die Quittung über den Preis, den ich selbst für das Bild bezahlt habe.« – Er reichte ihm die Quittung über 750 000 Frank. – »Sie kennen den Kunsthandel und werden zugeben, daß 25 Prozent Verdienst kein Geschäft sind.«

»Ich erkenne es an und gebe zu, daß Sie mit dem Bilde mehr hätten verdienen können.«

»Ein Esel bin ich und ein Patriot!« rief der Händler, »Aber ich stell' eine Bedingung!«

»Welche?«

»Daß Sie den Stich da auch nehmen.«

»Preis?« fragte Lepic.

»Dreißigtausend Frank.«

»Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, vorhin forderten sie nur zwanzigtausend.«

»Ja vorhin!« erwiderte der. »Da wußte ich auch noch nicht, daß ich eine Million bei dem Frans Hals zusetzen würde.«

»Zusetzen?« fragte Lepic erstaunt.

»Ist es vielleicht kein Zusetzen, wenn ich das Bild in vier Wochen für zwei Millionen verkaufen kann und es Ihnen – wohlverstanden, nur aus Patriotismus – für die Hälfte gebe?«

»Wie man es nimmt!«

»Ich setze, wenn Sie anstatt zwanzigtausend wirklich dreißigtausend für den Stich zahlen, immer noch neunhundertneunzigtausend Frank bei dem Geschäft zu. – Noch ein paar solcher Geschäfte und ich bin ein armer Mann.«

Louis Levic nahm Stich und Bild, übersah, daß der Händler ihm die Hand reichte, ging und bestieg sein Auto – nicht, ohne sich vorher umgesehen zu haben, denn die Gefahr bestand, daß Peter Last und Brigitte ihm das Bild wieder abjagten.


Kornelia van Vestrum erholte sich schnell. Aber vom Leben draußen und den Menschen hatte sie genug.

Sie überließ das Schloß Vestrum mit allem, was dazu gehörte, der Kirche zu Klosterzwecken. Und als das Kloster feierlich seiner Bestimmung zugeführt wurde, blieb sie und nahm den Schleier.

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