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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Doktor Kargert hatte in dieser Nacht kein Auge geschlossen. Unter den mannigfachen Gefühlen, die ihn hinsichtlich Kornelias bewegten, war das weitaus stärkste, das alles Andere beiseite drängte, das Glücksempfinden, sie wieder zu haben. Denn er hatte nie aufgehört, das Bild, das er von ihr im Herzen trug, zu lieben.

Aber dabei hatte er doch noch in dieser Nacht alle Schritte getan, die den Frevel des Herrn van Gudry aufdecken und Kornelia wieder in den Besitz ihres Schlosses bringen sollten.

Mit dem zuständigen Beamten war telefonisch vereinbart worden, daß er mit Cornelia und der Amme in aller Frühe des nächsten Tages auf das Gericht kam. Dort würde man auf Grund eidesstattlicher Versicherungen, die Doktor Kargert und die Amme abgaben, ein Zeugnis über die Identität Kornelias mit der Schloßherrin ausstellen und der Heimkehrenden gleichzeitig ein paar Beamte mitgeben, die mit einem Haftbefehl für Johannes van Gudry und der falschen Kornelia versehen waren. Damit, so hoffte Kargert, hatte diese Tragödie ihr Ende erreicht und seiner Vereinigung mit Kornelia stand nichts mehr im Wege.

Schon gegen sieben Uhr ließ Kargert die Amme wecken und besprach noch einmal alles genau mit ihr. Die Ereignisse, die hinter ihnen lagen, waren so stark und so ungewöhnlich, daß die Amme, deren Leben bisher ohne Erschütterungen in vollkommener Ruhe auf dem Schlosse hingegangen war, nicht mehr recht folgen konnte, die Zusammenhänge verlor, sich mit Selbstvorwürfen quälte und sich eines unsicheren Gefühls nicht erwehren konnte.

»Wecken sie Kornelia so spät wie möglich!« sagte Kargert zu ihr. »Es ist gewiß ihre erste ruhige Nacht seit langer Zeit.«

Die Amme öffnete leise die Tür zu Kornelias Zimmer. Sie lag scheinbar in tiefem Schlaf und atmete schwer.

»Sehen Sie nur, Doktor, wie tief sie schläft.«

Der betrachtete sie liebevoll und sagte leise: »Gott sei Dank, daß wir sie wieder haben. – Und wie erholt sie aussieht gegen gestern!«

Man brachte Brigitte das Frühstück ans Bett. Sie tat erschöpft, zog sich hastig an und band sich einen schwarzen Schleier um, den sie sich nicht zufällig mitgenommen hatte. Als sie bald darauf mit Kargert und der Amme im Wagen saß, drückte sie, statt zu reden, dankbar und bewegt abwechselnd Beiden die Hände.

Kargert saß in Gedanken und träumte von seinem Glück. Die Amme trocknete Tränen und sagte immer wieder: »Nie werde ich mir das verzeihen.«

Obgleich Brigitte peinlich jedes überflüssige Wort vermied, konnte sie sich doch nicht enthalten, zu fragen: »Was denn?« worauf die Amme sie ansah und erwiderte:

»Daß ich auch nur einen Augenblick lang an diese falsche Kornelia glauben konnte! – Jetzt, wo ich dich wieder habe, glaube ich, ich war die ganze Zeit über mit Blindheit geschlagen!«

Da Brigitte nicht wußte, was am Abend vorher über sie gesprochen worden war, so vermied sie es, weiter zu fragen, obschon sie gern mehr über den Eindruck erfahren hätte, den sie als Kornelia und Schloßherrin gemacht hatte.

Es war eben neun Uhr, als sie bei dem Gericht vorfuhren. Doktor Kargert gab einem Gerichtsdiener seine Karte und wurde sofort vorgelassen; mit ihm Brigitte und die Amme.

Der Herr, der sie empfing und mit dem sich Kargert in der Nacht telefonisch verständigt hatte, war ein höherer Beamter, der gerade in lebhaftem Gespräch mit zwei anderen Herren stand. Er hielt ein Schriftstück in der Hand und wies, während er sprach, darauf hin.

Als Kargert, Brigitte und die Amme eintraten, wandte er sich um und sagte: »Aha! da sind Sie ja!« und forderte sie auf, näherzutreten. Dann sagte er, ohne sich oder die beiden Herren vorzustellen:

»Bitte, setzen Sie sich!«

»Ich muß noch um Verzeihung bitten,« begann Kargert, daß ich Sie mitten in der Nacht mit der Angelegenheit beschwert habe. Bei der Geschäftigkeit und Gemeingefährlichkeit des Herrn van Gudry mußte ich aber damit rechnen, daß er Mittel und Wege findet, uns zuvor zu kommen.«

»Die hat er bereits – nun sagen wir mal: versucht,« erwiderte der Herr, »und zwar unmittelbar nach Ihnen.«

Kargert fuhr zurück, auch Brigitte und die Amme erschraken. Brigitte sagte sogar ganz laut: »Unglaublich!«

Alle drei Herren sahen sie an, und einer von ihnen, der gleichfalls ein Schriftstück in der Hand hielt, sagte: »Sogar persönlich.«

»Mitten in der Nacht?« fragte Kargert.

»Etwa um drei Uhr. Und zwar hat er mündlich, und auf meine Veranlassung sodann schriftlich, zu Protokoll gegeben – aber vielleicht lesen Sie selbst!« – dabei nahm er vom Tisch ein Schriftstück auf und reichte er Kargert. Der las:

An die Staatsanwaltschaft

richte ich das Ersuchen, auf eine Frauensperson zu fahnden, die unter der Angabe, Schloßherrin Kornelia van Vestrum zu sein, seit Wochen in der Stadt Betrügereien großen Stils verübt. Die Hochstaplerin, deren sofortige Verhaftung Sie bitte bewirken wollen, hat eine auffallende Ähnlichkeit mit meiner Frau, der Schloßherrin Kornelia van Gudry auf Vestrum, wodurch es sich auch erklärt, daß es ihr zu wiederholten Malen gelungen ist, selbst Leute zu täuschen, die meine Frau genau kennen. Damit Gutgläubige nicht fernerhin ausgebeutet werden, liegt es im öffentlichen Interesse, der Schwindlerin so bald wie möglich habhaft zu werden und sie unschädlich zu machen.

Johannes van Gudry auf Vestrum.

»Das ist die Höhe!« rief Doktor Kargert, und die Amme schlug auf den Tisch und sagte: »Den Mann muß man köpfen!«

Aber der lange Herr am Tisch mit dem Schriftstück in der Hand verlor die Ruhe nicht und sagte:

»In Begleitung des Herrn van Gudry befand sich der mir persönlich bekannte Geistliche, sowie der mit standesbeamtlichen Befugnissen ausgestattete Rektor des Dorfes Vestrum, die eidesstattliche Erklärungen – hier liegen sie! – abgaben und versicherten, daß die auf Schloß Vestrum befindliche Schloßherrin Cornelia die echte sei.«

»Das ist ja Wahnsinn!« rief Kargert, und die Amme zitterte und hielt sich am Tisch fest.

»Ich möchte daher zu erwägen geben,« wandte sich der Herr an Doktor Kargert, »ob Sie auf die in Aussicht gestellten eidlichen Versicherungen, nach denen die in ihrer Begleitung befindliche Dame die echte Kornelia ist, nach diesen Eröffnungen nicht lieber verzichten wollen.«

»I Gott bewahre!« rief Kargert und sprang auf. »Das ist der tollste und frechste Bluff, der mir je vorgekommen ist!«

Brigitten drehte sich alles im Kopf herum. – was Johannes da in Szene setzte, schien sinnlos und gegen sich selbst gerichtet. Aber sie hatte zuviel Respekt vor seinem Geist, als daß sie nicht willig und ohne viel über die damit verfolgte Absicht nachzudenken, seiner Anregung folgte.

»Ich, der Advokat, Doktor Robert Kargert, lege meine Hand dafür ins Feuer, daß diese Frau da« – und dabei wies er auf Brigitte – »Kornelia van Vestrum ist.«

Jetzt sprang auch die Amme auf, erhob die rechte Hand und sagte: »Und ich schwöre, daß ich diese Frau da dreizehn Monate lang an diesen meinen Brüsten« – und dabei schlug sie mit der freien Hand erst auf ihre linke, dann auf ihre rechte Brust – »genährt und einunddreißig Jahre lang wie eine Mutter betreut habe!«

Da wurden die drei Herren stutzig und sahen auf, und der in der Mitte trat vor, dicht an Brigitte heran und sagte: »Nun, was sagen Sie dazu?«

Und Brigitte, in deren Hand nun die Entscheidung lag und die in diesem Augenblick nur daran dachte: »Was mag Johannes Absicht sein?« folgte dem weiblichen Instinkt, der selten trügt, begann am ganzen Körper zu zittern und sagte zögernd: »Ich bin nicht Kornelia! aber ich bin unschuldig und handle unter dem Zwang des Mannes, der Kornelia entführt und in eine Anstalt gesperrt hat! – Ich bringe mich um!«

Die letzten Worte schrie sie den völlig verblüfften ins Gesicht und stürzte hinaus.

Eine Zeitlang standen sie starr, sahen ihr nach, sprachen kein Wort. Dann wandte sich der lange Herr am Tisch an Kargert und sagte: »Mit scheint doch, daß Sie da einer Schwindlerin ins Garn gegangen sind.«

Kargert war völlig verzweifelt, der Glaube an seine eigne Urteilskraft war erschüttert.

»Ich muß gestehen,« brachte er mühsam hervor – »daß ich mich nach diesem Irrtum nicht mehr für fähig und für berechtigt halte, als Advokat zu fungieren.«

Die drei Herren lächelten.

Kargert, der ganz gebrochen war, wankte hinaus.

»Haben Sie noch etwas zu dem Fall vorzubringen?« fragte einer der Herren die Amme.

Die nickte, war aber zu erregt, um etwas zu sagen. Sie trat an den Tisch heran, nahm dem mittelsten der Herren erst den Bleistift, dann die Eingabe aus der Hand und schrieb darauf: »Ich finde mich aus der Geschichte nicht mehr heraus und versichere an Eidesstatt, daß ich nie mehr als Amme gehen werde.«

Dann ging auch sie zur Tür. – Die drei Herren schüttelten die Köpfe und sahen ihr lächelnd nach. Einer van ihnen sagte: »Dafür, daß sie gegen diese eidesstattliche Versicherung nicht verstößt, lege ich meine Hand ins Feuer.«


Brigitte war vom Gericht aus auf schnellstem Wege nach Schloß Vestrum geeilt, wo Johannes sie bereits ungeduldig erwartete.

»Hab' ich's richtig gemacht?« fragte sie außer Atem ängstlich und erregt.

»Erzähle!« drängte er ungeduldig, und als sie berichtet hatte, klatschte er in die Hände und rief: »Bravo! Bravissimo!«

»Wieso?« fragte sie, die nur dem Instinkt gefolgt war.

»Hättest du dich vor Gericht als Kornelia bekannt, so wäre zunächst mal ich verhaftet worden und erledigt gewesen.«

Brigitte nickte.

»Das Wesentliche aber ist, daß Kargert und die Amme von nun an so viel echte Kornelias vor Gericht schleppen können, wie sie wollen – kein Richter wird sie mehr für ernst nehmen oder auch nur anhören.«

»Mit einem Worte, wir haben endlich unsere Ruhe,« rief Brigitte und fiel Johannes um den Hals.

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