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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Sie wurde es dadurch, daß Johannes nicht nur jede Hinterstiege im Hause Kargerts kannte, sondern schon vor seiner Flucht mit Kornelia ihm auf geschickteste Weise einen Wechsel in der Dienerschaft nahegelegt hatte.

Wenn der neue Portier und Kargerts persönlicher Diener dann rein zufällig, und ohne daß Kargert es ahnte, Personen wurden, auf die sich Johannes – um es milde auszudrücken – verlassen konnte, so war auch das ein Umstand, der ihm jetzt sehr zustatten kam.

Zunächst mal bestätigte es sich, daß Kornelia und die Amme bei Kargert waren. Bis in die Nacht hinein hatten die drei zusammen gesessen. Erst hatte Kornelia erzählt und die Amme geheult, dann war tatsächlich von einer richterlichen Verfügung die Rede gewesen. Der Diener hatte aus dem Bureau Aktenbogen und Stempel hereinbringen und noch nach Mitternacht eine telefonische Verbindung mit einem Beamten der Staatsanwaltschaft herstellen müssen.

Mithin war alles genau so, wie Johannes es vermutet hatte.

Nach ein Uhr erst hatten sie sich zur Ruhe begeben. Kornelia schlief vorn in einem für Fremde bestimmten Zimmer; nebenan auf einer Chaiselongue bei offener Tür schlief die Amme.

Ihr Schlaf war ebenso laut wie tief, so daß Johannes und Peter Last, die sich in der Halle der Kargertschen Villa mit dem Portier und Diener berieten, keine Gefahr darin erblickten, die Tür geöffnet zu lassen. Die Betäubung der in unruhigem Schlaf liegenden Kornelia vollzog sich schnell. Sie hoben sie hoch – und in das warme Bett schlüpfte Brigitte, nachdem sie sich im Flur das Hemd und die Strümpfe Kornelias angelegt hatte, die die in ihrer Erregung und Müdigkeit wohl vergessen hatte, abzuziehen.

Nach kaum zwanzig Minuten saßen Johannes und Peter Last mit der noch immer betäubten Kornelia wieder im Auto.

Der Portier und der Diener Kargerts zählten, ehe sie sich wieder zur Ruhe begaben, einen Stoß Banknoten, den ihnen Johannes zugesteckt hatte.

Irgendwo eingeschlossen kläffte der Dackel. Die Amme erwachte, richtete sich hoch und rief ins Nebenzimmer: »Schläfst du, Kornelia?«

Als Antwort kam Brigittes schwerer Atem.

»Gott sei Dank!« dachte die Amme, lächelte, legte sich wieder um und schlief weiter.


Als Johannes und Peter Last mit der noch immer bewußtlosen Kornelia im Auto saßen, sagte Johannes und wies auf Kornelia:

»Sie ist viel schöner als Brigitte.«

»Ich sehe keinen Unterschied,« erwiderte Last, und Johannes sagte, den Blick immer auf Kornelia gerichtet: »Er liegt im Geistigen!«

»Du liebst sie!« platzte Peter Last heraus.

Johannes erschrak, sah ihn an und fragte: »wie kommst du darauf?«

»Ich merke es – und dann: Du würdest sonst anders mit ihr verfahren.«

Johannes stöhnte und sagte: »Es ist möglich, daß du recht hast.«

Dann ergriff er Kornelias Hände und küßte sie leidenschaftlich.

»Das taugt nichts,« meinte Peter Last. »Das kostet uns schließlich noch den Kragen. – Ich bringe sie um.«

Er zog eine Waffe hervor und wollte sich auf Kornelia stürzen. Ein Faustschlag ins Gesicht war Johannes' Antwort.

Halb betäubt sank Peter Last in den Wagen zurück. Ein zweiter, heftigerer Schlag des wütenden Johannes betäubte ihn ganz.

Als Peter Last regungslos in der Wagenecke lag, schlang Johannes seine Arme um Kornelia, riß sie an sich und küßte sie auf den Mund.

»Alles könnte gut sein, wenn du wolltest,« stammelte er der Bewußtlosen ins Ohr, erschrak gleich darauf vor sich selbst, richtete sich auf, sagte sich: »Nur jetzt nicht schwach werden!« und legte Kornelia wieder auf ihren Platz.

Dann erst mühte er sich um Peter Last, der die Augen aufschlug, ein geschwollenes Gesicht hatte und fragte: »Was war?«

Johannes schüttelte ihn und sagte: »Es ist Zeit, daß du zu dir kommst! Und das merk' dir: Krümmt jemand der Kornelia auch nur ein Haar, dann glaubst du dran, mein Junge!«

»Was soll mit ihr geschehen?« fragte Last.

»Zunächst muß sie natürlich verschwinden – wenn auch nur auf kurze Zeit. – Alles Andere wird sich finden. Es darf vorläufig nur eine Kornelia geben!«

»Und wohin soll sie verschwinden?«

»Sie ist nirgends sicherer als im Schloß!«

»Und wenn man sie da findet?«

»Zunächst einmal ist das ganz ausgeschlossen. Man müßte denn zufällig in einer alten Chronik den Wegweiser durch die geheimen Gänge des Schlosses finden, die ich bei meinem monatelangen Suchen nach dem Gemälde von Frans Hals nur durch einen Zufall entdeckt habe.«

In diesem Augenblick schlug Kornelia die Augen auf, beugte sich vor und sagte – wohl noch ohne zu ahnen, wo sie sich befand – ganz ängstlich: »Frans Hals? Wer hat es gefunden?«

Johannes wandte sich blitzschnell zu Kornelia um, nahm ihre Hände und fragte: »Wo ist es?«

Kornelia, die ihr volles Bewußtsein noch nicht wiedererlangt hatte, schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! – Ich fürchte mich nicht!«

»Wo das Bild hängt?« wiederholte Johannes und beugte sich über sie.

Kornelia richtete sich auf, sah sich um, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte – mehr zu sich: »Wie ist das möglich?«

»Werden Sie nun endlich einsehen, daß ich der stärkere bin?« fragte Johannes. »Sie haben zum letzten Male die Wahl, als Herrin auf Vestrum mit mir zu leben oder auf Gnade und Ungnade mir ausgeliefert zu sein.«

»Ich sehen darin keinen Unterschied. Eins ist wie das Andere.«

»Kornelia!« rief er beinahe bettelnd, »so nehmen Sie endlich Vernunft an! Ich bin in einer Situation, in der ich mir selbst helfen muß – mit Ihnen oder gegen Sie – das hängt ganz von Ihnen ab.«

»Mit mir nie!« erwiderte sie und war sich noch immer nicht klar, wie sie in dies Auto und unter diese Menschen kam.

Man hatte ihr schnell das Kleid Brigittes übergeworfen, das – wie alles, was Brigitte auf Vestrum trug – genau nach einem Kleide Kornelias gefertigt war.

»Wie komme ich in dies Kleid?« fragte sie entsetzt. »Wie komme ich überhaupt hierher?«

»Sie waren so leichtsinnig, bei Dr. Kargert Zuflucht zu suchen. Da mir dort für Ihre Sicherheit aber nicht genügend gesorgt zu sein schien, so habe ich mir erlaubt, Sie wieder unter meinen Schutz zu nehmen.«

Das Auto hielt.

»Sie haben die Freundlichkeit, sich ganz ruhig zu verhalten,« sagte Johannes und half ihr aus dem Wagen.

Sie benutzten irgendeinen verborgenen Gang, führten Kornelia, die kaum die Füße setzte und die sie daher mehr trugen, als daß sie ging, ins Schloß und stießen bei ihr auch nicht auf Widerstand, als sie ihr als Aufenthaltsort ein Gewölbe anboten, das mehr den Schilderungen eines Abenteurerromans glich als der Wirklichkeit.

Die Zusicherung des Johannes, für ihre Bequemlichkeit alles Erdenkliche zu tun, berührte sie gar nicht. Sie blieb kalt und teilnahmlos und gab, als er, ehe er von ihr ging, nochmals den Versuch machte, sie umzustimmen, auf keine seiner Fragen mehr eine Antwort.

Es klang dumm und war es durchaus nicht, als Peter Last draußen auf dem Gange zu Johannes sagte: »Die Frau versteht es.«

»Was?« fragte Johannes barsch.

»Dich toll zu machen!«

Johannes biß die Lippen aufeinander und schwieg.

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