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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Einunddreißigstes Kapitel.

Während Johannes van Gudry seine Ehe betrieb und mit Peter Last, der zum Hausmeister mit weitgehendsten Befugnissen vorgerückt war, über Mittel und Wege zur Beseitigung Kornelias nachsann, machten Gefängnisdirektor und Geistlicher der Strafanstalt eine Eingabe an das Ministerium, in dem sie die Begnadigung Brigittes nachsuchten.

Die Eingabe schloß mit den Sätzen:

»Ein weiteres Verbleiben der Strafgefangenen Brigitte Madsen in der Anstalt ließe sich nur dadurch rechtfertigen, daß man auf den segensreichen Einfluß, den sie auf die Mitgefangenen ausübte, nicht ohne Not verzichten will. Darin läge aber eine unberechtigte Härte, es sei denn, daß sie freiwillig diesen Dienst der Nächstenliebe auch für den Rest ihrer Strafzeit auf sich nähme. In diesem Falle, der bei der Veranlagung der Strafgefangenen Brigitte Madsen im Bereiche der Möglichkeit liegt, erlauben wir uns die gehorsame Bitte, sie nach erfolgter förmlicher Entlassung für die restlichen drei Monate als freie Beamtin bei uns wirken zu lassen.

Wir sind uns des Ungewöhnlichen unseres Schrittes durchaus bewußt; ebenso bewußt aber sind wir uns der Tatsache, daß es sich hier um einen ungewöhnlichen Fall und einen ungewöhnlichen Menschen handelt.«

Das bureaukratische Ministerium zeigte für derart menschliche Regungen, die sich in keinem der bestehenden dreitausendsiebenhundertundsechsundfünfzig Paragraphen der Strafrechtspflege fügen ließen, kein Verständnis. Er verwies Gefängnisdirektor und Geistlichen auf ihre durch das Gesetz scharf begrenzten Kompetenzen, innerhalb deren Eingaben dieser Art nicht vorgesehen waren, erließ im Übrigen aber der Strafgefangenen Brigitte Madsen auf Grund des § 2785, Absatz II, den Rest der Strafe. –

Mit dieser Möglichkeit hatte Johannes van Gudry, der sonst an alles dachte, nicht gerechnet. Er betrieb als nächsten Schritt seine Ehe, der sich von keiner Seite mehr Widerstände entgegenstellten. Das Kapitel Kornelia vertagte er, obschon kein Tag verging, an dem er nicht über Möglichkeiten nachdachte, es ohne Anwendung von Gewalt zu lösen.

Abenteuerliche Gedanken, die die Phantasie eines Poe und E. T. A. Hoffmann in Schatten stellten, kamen ihm. War das Gemälde von Frans Hals, von dem ein neuer Glaube – und wenn es nur ein Aberglaube war – ausgehen sollte, eine tote Heilige, so sollte Kornelia van Vestrum ihm Leben einflößen. War das Gespenst, von dem man sich erzählte, daß es im Schloß sein Wesen treibe, ein Spuk, an den nur alte Weiber glaubten, so sollte es jetzt greifbare Beweise körperlichen Daseins geben. Als Gefangene wollte er Kornelia behandeln, sie ganz seinem Willen unterwerfen und sich ihrer als Werkzeug seiner Pläne und zugleich als sichtbares Zeichen einer höheren Macht bedienen.

Wie das geschehen sollte, war eine Frage, zu deren Beantwortung ihm Zeit genug blieb, wenn – ja wenn sich die Zeit der Gefangenschaft Kornelias nicht um ein Drittel verkürzt hätte.

So aber kamen ihm die Ereignisse zuvor.

Es hatte sich nicht vermeiden lassen, daß die gesamte Dienerschaft auf Vestrum den Termin seiner Hochzeit erfuhr, obschon er sich bemüht hatte, ihn geheim zu halten.

Die Kirche des Dorfes war festlich geschmückt, der Weg vom Schloß zur Kirche dicht von Menschen besetzt, die sämtlich in irgendeiner Beziehung zu Schloß Vestrum standen. Denn die Bezeichnung »Schloß Vestrum« umfaßte außer dem Schloß und den zahlreichen Wirtschaftsgebäuden mehrere, den Vestrums gehörige Fabrikanlagen, den Riesenpark, Tausende von Morgen Landes, einen fischreichen See und schließlich das Dorf, in dem die Fabrik- und Landarbeiter wohnten.

Der Tag, an dem Kornelia, die Herrin, die Ehe mit Herrn van Gudry einging, galt Allen als Festtag. Die Fabriken standen still, auf den Äckern bewegte sich kein Pflug.

Es war – Brigitte hatte es sich gewünscht – ein Fest, dem alle Fremden fernblieben und an dem nur die Leute, die auf Vestrum beschäftigt waren, teilnahmen.

Nach der kirchlichen Trauung fand in dem Schloßpark unter den Jahrhunderte alten Bäumen ein Festmahl statt, an dem über sechshundert Menschen teilnahmen.

Rechts von der jungen Frau Kornelia saß der Geistliche, links von Herrn van Gudry die Amme, von Dr. Kargert geführt, dem die Teilnahme an dem Fest nicht leicht fiel. Denn wenn er sich im Laufe der Wochen auch davon überzeugt hatte, daß er für Kornelia nicht mehr dasselbe empfand wie früher, so hatte er sich das mit ihren Leiden erklärt und bis zuletzt im stillen gehofft, daß sie im Laufe der Zeit wieder das alte werden würde. Dem war nun Johannes van Gudry zuvorgekommen.

An der Schmalseite der hufeisenförmig gedeckten Hochzeitstafel saßen beim Brautpaar die festlich geschmückten Kinder, es folgten dem Alter nach die Erwachsenen. Eine zwölfköpfige Kapelle spielte und die Kinder sangen, abwechselnd mit den Alten.

Erst sprach der Geistliche mit Pathos und Überzeugung: »Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.« – Und die Kindlein horchten auf, und Brigitte vergoß Tränen, die, wenn sie auch nicht aus dem Herzen kamen, doch echt waren. – Später dann, als es schon dämmerte und der rote Wein zu wirken begann, erhob sich ein uralter Mann, der auf Schloß Vestrum geboren war, Vater und Mutter Kornelias gekannt und unter denselben Bäumen deren Hochzeit mitgefeiert hatte.

»Daher,« meinte er, »nehme ich mir die Freiheit, für uns Alle hier zu reden. Seit dem Tage, an dem der junge Herr van Vestrum auf der Jagd sein Leben ließ und die junge Herrin ihm nachstarb – hier unter diesen alten Linden haben wir sie aufgebahrt – die Amme, das verwaiste Kind im Arm, stand zwischen den beiden Särgen – seit dem Tage, da wollte hier keine Freude mehr aufkommen. Dreißig Jahre lang hat man auf Schloß Vestrum keine Musik mehr gehört. Wer daheim spielte, schloß die Fenster. Dreißig Jahre lang haben sich unsere Kinder nicht mehr geschmückt, ist auf der Wiese nicht mehr getanzt worden. Kein Wunder, daß aus dem ewig stillen Schloß Spuk und Gespenstergeschichten drangen. Kaum, daß man sich in der Dunkelheit noch in den Park wagte.«

Ein greller Schrei aus vielen Stimmen durchriß die Luft. – Frauen und Männer, die unten an den Enden der Tische saßen, sprangen auf und starrten auf das hohe Gittertor, hinter dem eine Frauensperson stand, die man an der Schmalseite der Tafel noch nicht recht erkennen konnte.

Die Bewegung pflanzte sich fort, griff bis zu den Mitten der Tische über – die Menschen, die am Weitesten unten saßen, schoben sich zurück, ließen ihre Plätze im Stich und drängten auf die zur Mitte hin, die ihrerseits aufsprangen und rückwärts wichen.

Und das Wort, das sich auf die Lippen drängte, erklang erst leise und vereinzelt, dann lauter und von vielen Stellen zugleich, bis es wie ein Akkord anschwoll und Alle ergriff: »Das Gespenst!«

Mit weit aufgerissenen Augen standen sie da und starrten in die Dämmerung, auf das Gittertor, das sich in den Park schob und in den Kies tiefe Furchen grub.

Hier und da hob sich ein Arm, und eine Hand wies auf die Erscheinung, die langsam vorwärts schritt und jetzt am Ende eines der leeren Tische stand.

Im Innenraum der hufeisenförmigen Tafel rückwärtsdrängend, standen sie zu Hunderten zusammengepfercht, wie an eine Barriere an die Schmalseite gedrückt, an der das Brautpaar und die Kinder saßen.

Die Gestalt trat näher – stand jetzt in der Mitte der Tafel – blieb stehen.

Die Amme sank ohnmächtig auf ihren Stuhl, Kargert entfärbte sich, der Geistliche faltete die Hände und sprach ein Gebet, die Kinder schrien laut. Brigitte klammerte sich an Johannes' Arm.

Johannes erkannte was war; riß sich von Brigitte los, sprang auf den Tisch, schrie: »Musik!« – Treibt das Gespenst fort!«

Kein Ton erklang, keine Hand rührte sich.

»Schlagt sie tot!« brüllte er.

Entsetzt drängten Alle noch enger zusammen.

Da erklang hell die Stimme des vermeintlichen Gespenstes.

»Erkennt Ihr mich nicht? Ich bin Kornelia van Vestrum!«

Johannes brach in lautes Lachen aus, das aber gequält, fast ängstlich klang.

Er beugte sich zu Brigitte, ließ sie auf einen Stuhl, vom Stuhl aus auf den Tisch steigen, wies auf sie und verkündete laut und drohend: »Hier steht Kornelia van Vestrum! Seit heute Kornelia van Gudry, meine Frau! – Und wehe dem, der es wagt, ihr in den Weg zu treten!«

Kornelia, die kaum hörte, noch weniger verstand, was Johannes sagte, starrte Brigitte wie ein Wunder an.

»Wie ist das möglich,« fragte ihr Blick. »Kann es das geben?«

Und sie bedachte nicht, daß sie in dieser Phase wichtigster Entscheidung kostbare Augenblicke verlor.

Johannes wußte es und war beherrschter.

»Fackel her!« schrie er nach dem Schlosse zu in die Dämmerung, die nur noch die Konturen der Gesichter erkennen ließ.

Peter Last kam mit einer Fackel angerannt. Einem Diener, der gar zu eifrig mit einer zweiten Fackel herbeistürzte, schlug er sie aus der Hand.

»Her damit!« brüllte Johannes, indessen Kornelia, während alle Andern mit ängstlichen Blicken an ihr hingen, gebannt Brigitte anstarrte, die jetzt im Schein der Fackel ihr noch mehr zu gleichen schien.

»Schaut her!« rief Johannes und lenkte damit die Augen der Leute von Kornelia ab. »Kennt Ihr Eure Herin Kornelia?«

Und da die Leute in den letzten Wochen öfter mit Brigitte in Berührung gekommen waren als sie Kornelia in Jahren auch nur zu sehen bekommen hatten, so waren sie überzeugt, daß die Frau, die auf dem Tisch neben Johannes stand, Kornelia war. Um so mehr als sie ein unheimliches Gefühl von der gespensterhaften Gestalt Kornelias, die jetzt ganz im Dunkeln stand, abstieß.

Johannes legte den Arm um Brigitte, Peter Last, der auf einen Stuhl gestiegen war, rief: »Hoch lebe Kornelia van Gudry auf Vestrum!«

Jubelnd stimmten alle in den Ruf ein, und außer Johannes sah niemand, wie Kornelia sich umwandte, auf das Parktor zuschritt und langsam in der Dunkelheit verschwand.

Sie jubelten Brigitte und Johannes so laut und so lange zu, bis sie sich von letzter Angst und Beklemmung befreit fühlten. Dann erst wurden Fackeln auf die Tische gestellt und das Hochzeitsfest nahm seinen Fortgang.

»Trink!« feuerte Johannes Brigitte an, die, wie er, die Gefahr erkannt hatte, in der sie schwebten.

Kargert, der selbst benommen und stark bewegt war, führte die Amme, die sich nur schwer und langsam von ihrer Ohnmacht erholte, in das Schloß zurück.

»Was war das nur?« fragte sie als sie ganz wieder bei Besinnung war.

»Wüßt ich es nur,« erwiderte Kargert. »Anfangs hielt ich es für eine Sinnestäuschung, die der Wein, die Landschaft, die Dämmerung verursacht hatten, – alles das hielt ich mir vor, um es mir auszureden – aber dann, als ich die Stimme hörte – und vor allem jetzt, wenn ich mir diese Stimme wieder in Erinnerung rufe, dann scheint es mir – und zwar von Minute zu Minute mehr – als wenn es Wirklichkeit gewesen wäre – als wenn – ich wage nicht, es zu Ende zu denken. –«

»Reden Sie!« drängte die Amme und ergriff seine Hand.

»Als wenn es die Stimme Kornelias gewesen wäre!« stieß er hervor, und die Amme führte ihr Gesicht dicht an seins und flüsterte ihm zu: »Sie war's! – Oder warum sonst, glauben Sie, hätte ich das Bewußtsein verloren? Ich habe sie weder gesehen, noch gehört – aber mein Gefühl sagt es mir.«

»Denken Sie, wenn es so wäre! wenn sie es wirklich war!«

»Warum sind Sie ihr nicht gefolgt? Ich konnte mich nicht rühren. Ich stand wie gelähmt.«

»Wenn sie es war – wer ist dann – die andre?«

»Alles erscheint mir plötzlich fremd an ihr.«

»Wir müssen sie suchen!«

Die Amme zog die Gardine vor das Fenster, auf das vom Park her grell die Fackel fielen.

»Ich bleibe nicht hier!« sagte die Amme. Dann nahm sie hastig ein Tuch aus dem Schrank und beugte sich über den Korb des Dackels, der seit ein paar Tagen krank war, nicht fraß und sich nicht von seinem Lager rührte. – Der Korb war leer.

»Wo ist der Hund?« fragte sie besorgt und suchte im Nebenzimmer.

»Konnte er hinaus?« fragte Kargert.

»Gewiß!« die Tür stand offen. Aber er ist seit Tagen nicht einen Schritt gegangen.

Da nahm Kargert sie bei der Hand und führte sie hinaus. Von dem weichen Sand hoben sich deutlich die Spuren der Dackelpfoten ab. Kargert beugte sich darüber, betrachtete sie genau und sagte gerührt: »Nun besteht kein Zweifel mehr, daß es Kornelia war.«

»Er ist ihr nach,« sagte die Amme. »Er als Einziger!«

»Folgen wir ihm!« rief Kargert und ging eilig mit der Amme in die Nacht hinaus. Vom hell erleuchteten Park her ertönte Musik.

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