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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Als Brigitte in Begleitung der Amme, Kargert und Johannes ihren Einzug in Schloß Vestrum hielt, zeigte sie sich der Situation durchaus gewachsen. Schon während der Fahrt, als in der Ferne die ersten Umrisse des Schlosses sichtbar wurden, die Brigitte nach den Plänen und Beschreibungen des Johannes sofort erkannte, schmiegte sie sich an die Amme, drückte sie leidenschaftlich die Hände Roberts, bebte sie am ganzen Körper, wies sie mit zitternder Hand in die Ferne, sagte sie, Tränen in den Augen: »Da! – Vestrum! mein Schloß! – meine Heimat!«

Auch die Amme und Kargert waren gerührt. – Was mag in ihr vorgehen, dachte Kargert und versetzte sich in ihr Inneres. Generationen waren durch Jahrhunderte mit diesem Schloß verwachsen, aus dem man sie gewaltsam oder mit List gerissen hatte. Nun kehrte sie zurück und begann damit erst wieder, wie ehedem zu atmen und zu fühlen. Wohl möglich, sagte sich Kargert, daß damit auch das sie von ihm Trennende verschwand und sie sich wieder wie ehedem zusammenfanden. Neue Hoffnung lebte in ihm auf.

Als das Auto durch den Schloßpark fuhr und die Hupe des Chauffeurs erscholl, schlugen die Hunde an und die Dienerschaft lief zusammen. Brigitte spürte jetzt doch eine leichte Beklemmung. Sie warf im stillen Johannes vor, daß er nicht die Gelegenheit gesucht und gefunden hatte, sie durch Alkohol in die richtige Stimmung zu bringen. Er wußte doch, daß sie daran gewöhnt war, und auch in der Anstalt hatte der Wärter, der sie wie ein Liebhaber betreut hatte, täglich dafür gesorgt.

Als das Auto hielt, begrüßte sie als Erster der alte Diener, hinter dem etwa zwanzig Angestellte, vom Hausmeister bis herunter zum Küchenjungen, standen. Der Alte quetschte ein paar Tränen und ein paar unverständliche Worte heraus und küßte dann die Hand Brigittes, die im Wagen stand, Allen zunickte und sagte: »Meine lieben Leute! Ich bin so glücklich, daß ich euch Alle wiederseh«! Ich habe Vieles und Schweres durchgemacht, an das ich nie mehr erinnert zu werden wünsche, hier im Hause meiner Ahnen und unter euch, die ihr mir eure Treue und Anhänglichkeit bewahrt habt, werde ich sicherlich schnell gesunden und bald wieder die Alte werden.«

Dann stieg sie aus und gab jedem die Hand.

Manchem schien die Stimme verändert. Sie war nicht mehr so weich wie ehedem und hatte nicht jenen singenden Klang. Aber das mochte auch eine der Folgen des Erlebten sein, das sich ja nicht nur in innerlicher Veränderung zu äußern brauchte.

Freude empfand Brigitte beim Anblick der Hunde. Der alte Diener holte sie aus der Halle und sagte: »Herrin ist da!« woraufhin beide an ihm hochgingen, ein Freudengeheul anstimmten und zur Tür drängten.

Aber draußen schnupperten sie, statt freudig auf Brigitte loszustürzen, an den Leuten herum und blieben schließlich bei der Amme stehen, die sie nur ihrerseits auf die Herrin wies.

In diesem Augenblick sagte Johannes zu Kargert, aber doch so laut, daß die Umstehenden es hören mußten: »Das ist das sicherste Zeichen für die Veränderung, die mit Kornelia vorgegangen ist.«

Kargert schien resigniert, seufzte und sagte: »Leider ist es so!«

Brigitte beschäftigte sich mit den Hunden. Der Barsoi ließ sich streicheln und leckte ihr die Hand, aber der Dackel ließ sich nicht anfassen, kläffte, zog den Schwanz ein und verkroch sich unter dem Rocke der Amme.

Brigitte lächelte wehleidig und sagte: »Hunde haben mehr Empfinden als Menschen! Sie fühlen, daß ich eine andere geworden bin. Aber Ihr« – wandte sie sich zu den Andern – »glaubt, daß ich dieselbe bin, nur weil ich dasselbe Gesicht und die gleichen Hände und das gleiche Lächeln habe.«

Johannes erschrak über die Kühnheit. Aber er überzeugte sich schnell, wie klug es war. Teilnahme und Mitleid stand in allen Gesichtern, und wo sich, wenn auch nur im Unterbewußtsein, ein leiser Zweifel regte, verschwand er durch Brigittes Worte, durch die er seine Erklärung fand.

Brigitte sprach noch einmal zu den Leuten: »Ich hoffe,« sagte sie, »daß wir uns jetzt näher kommen werden als wir uns früher standen. Nur in der ersten Zeit werde ich, um zu mir zurückzufinden, noch viel allein sein. Nehmt das nicht als Hochmut.«

Dann wandte sie sich an Johannes – was Kargert einen Stich ins Herz gab – und ließ sich in die Halle führen.

Jetzt erst fiel Johannes ein, daß auch Brigitte es stets vermieden hatte, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sicher kam sie aus keinem Milieu, das sie zur Kellnerin im »Strammen Hund« prädestinierte. Wenngleich ihre Manieren den dortigen Gewohnheiten entsprachen, so verriet doch diese überraschend mühelose und schnelle Umstellung eine Kultur, die vielleicht nicht mehr gepflegt worden war, jedenfalls aber einmal vorhanden gewesen war und sicherlich nicht mehr als ein, zwei Generationen zurücklag.

Als Brigitte jetzt durch das Schloß ging, feierte sie mit Dingen, die sie nie gesehen hatte, ein Wiedersehen, das Kargert und die Amme zu Tränen rührten. Und vor den Bühnenbildern in der Galerie sank sie tatsächlich in die Knie, faltete sie die Hände, bewegte sie die Lippen, vergoß sie Tränen.

Nur bei der ersten Mahlzeit, die sie bald nach ihrer Ankunft nahmen und zu der außer der Amme auch Kargert und Johannes blieben, fiel sie aus der Rolle.

Johannes, der sie anfangs streng im Auge behalten hatte, sprach, ebenso wie sie, bald unbeherrscht dem alten Burgunder zu. So kam es, daß Brigitte allmählich in hohe Stimmung kam, ihre Haltung verlor und den Putenknochen in beide Hände nahm. Und als sie zum Entsetzen Kargerts und der Amme ein großes Glas ohne abzusetzen heruntergegossen hatte, klopfte sie Johannes mit dem abgenagten Putenknochen kräftig auf die Hand und rief: »Mensch! wo bleibt der Schampuß? Ich verdurste!«

Das brachte Johannes zur Besinnung – zumal als er der Amme und Kargerts entgeisterte Gesichter sah, und der alte Diener die schwere Kristallflasche auf die Erde fallen ließ.

Johannes stellte sein Glas, daß er grade in der Hand hatte, auf den Tisch und gab Kargert und der Amme ein Zeichen, weiter zu essen und zu tun, als wenn nichts geschehen wäre. Die folgten – zunächst verständnislos. Als jetzt aber Brigitte dem alten Diener den Burgunder ins Gesicht spritzte und rief: »Schampuß, Dussel! hörst du schwer? wir zahlen alles? hier bestimme ich!« – da sprang Johannes auf, stürzte auf sie zu, umfaßte ihre Knöchel, kam mit seinem Gesicht ganz dicht an ihrs heran, bohrte seine Augen förmlich in ihre hinein und flüsterte ihr, kaum die Lippen bewegend, zu: » Spiel' verrückt!«

Dabei schlug er ihr die Nägel ins Fleisch. Brigitte biß vor Schmerz die Lippen aufeinander, aber sie kam zu sich – und sank, mit genau demselben Ausdruck der Verblödung wie in der Anstalt, mit offenem Munde auf den Stuhl zurück, auf dem sie starr und teilnahmslos sitzen blieb.

Kargert und die Amme waren aufgesprungen. Johannes sagte leise: »Mit Rückfällen dieser Art müssen wir in den nächsten Wochen noch rechnen. Der Arzt hat es mir gesagt.«

»Wodurch geschah das?« fragte Kargert.

»Die Erinnerung an irgendeine wüste Szene, deren sie unzählige erlebt hat.«

»Man sollte verhindern, daß sie soviel trinkt,« meinte die Amme, und Johannes erwiderte mit leichtem Vorwurf: »Das sollte man! – Sie allein können es!«

»Der Arzt muß kommen!« forderte Kargert.

»Nein!« erwiderte Johannes bestimmt. »Der Anblick des Arztes mit der Aussicht auf die Anstalt würde so auf sie wirken, daß sie wieder für Wochen, wenn nicht für länger, in ihren alten Zustand verfällt, der ohne dies vielleicht schnell vorübergeht.«

Er hob Brigitte hoch, wandte sich zu dem alten Diener, flüsterte ihm zu: »Sagen Sie den Leuten nichts,« und trug sie mit Hilfe Kargerts und der Amme auf die Chaiselongue.

»Sie muss Ruhe haben und allein sein,« sagte Johannes. »Danken wir Gott, daß sie so weit ist!«

Und tatsächlich war Brigitte am nächsten Morgen wieder die Alte – und betrank sich in den nächsten Wochen nicht mehr.

Sie war der Amme gegenüber zwar zärtlich aber wortkarg. Und so oft sie anfing, von Vergangenem zu reden, hielt ihr die Amme die Hand vor den Mund und sagte: »Das Einzige, was der Arzt streng untersagt hat! – Sprechen wir von der Zukunft, Kornelia, die dich hoffentlich für alles entschädigt, was du durchgemacht hast.«

»Und wie denkst du dir meine Zukunft?« fragte Brigitte.

»Nun, ich nehme doch an, daß sich da nichts geändert hat.«

»Alles hat sich geändert, nichts ist geblieben wie es war.«

»Aber die Gefühle sind doch dieselben geblieben?«

»Die schon gar nicht.«

»So liebst du also auch Kargert nicht mehr?«

»Der Gedanke, ihn je geliebt zu haben, ist mir heute unfaßlich!«

»Wieso nur?« fragte die Amme erstaunt, »Kargert ist ein gütiger, zuverlässiger Mensch, der dich auf Händen tragen würde.«

»Eine Kornelia van Vestrum kann nur einen Edelmann heiraten!«

Die Amme erschrak und sagte: »Doch nicht etwa diesen Herrn van Gudry?«

»Weshalb nicht? Das Geschlecht der van Gudrys ist beinahe so alt wie das unsrige!«

»Verbürgt das ein Glück?«

»Außerdem fühle ich, daß er es ist, dem ich meine Rettung verdanke.«

»Gewiß! du bist ihm zu Dank verpflichtet! zu großem! – Aber gibt es keine andere Möglichkeit, ihm diesen Dank abzutragen?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht und brauche es auch nicht, da ich mich ihm menschlich nahe fühle.«

»Du dich ihm? – wo Ihr so grundverschieden seid?«

»Eben deshalb! – Ich bin weich, schwach, unsicher und brauche daher einen Mann, der hart, stark und bestimmt ist.«

»Früher, da hattest du doch eine Scheu vor ihm.«

»Was wußte ich denn früher vom Leben? Und dann: wollten wir das Vergangene nicht ruhen lassen?«

Die Amme seufzte.

»Der Gedanke, van Gudrys Frau zu werden, hätte also heute nichts Unheimliches mehr für dich?«

»Um Gegenteil, es gäbe mir ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe.«

»Und er? hat er schon davon mit dir gesprochen?«

»Ich bin überzeugt, daß er fühlt wie ich. Und wenn er bisher noch schweigt, so tut er das nur aus Rücksicht auf meine Gesundheit.«

»Armer Robert Kargert!« sagte die Amme.

»Er steht dir, scheint's, näher als ich.«

»Wie kannst du so sprechen, Kornelia; wo du weißt, daß seit deiner Geburt jedes meiner Gefühle und jeder meiner Gedanken, dir und nur dir gehört.«

»Dann wirst du dich auch an diesen Gedanken gewöhnen müssen.«

»Ich sehe es ein! – aber es wird mir schwer!« – zumal ich fühle, daß du mir dann ganz entgleiten wirst.«

Brigitte widersprach lebhaft, überschüttete die Amme mit Zärtlichkeiten, wühlte letzte Gefühle in ihr auf, setzte sich wie ein Kind auf ihren Schoß, schlang die Arme um ihren Hals und sagte: »Wenn ich so bei dir sitze, dann erlebe ich noch einmal die Tage der Kindheit und bin ganz ruhig und fühle mich geborgen. Nie! nie kann das anders werden. Und näher als jeder Mann, wenn er mich mit noch so viel Liebe umgibt, wirst du mir stehen, Mutter

»Mutter,« wiederholte die Amme gerührt. »Sie müßte es hören! Sie wäre glücklich!«

»Ich habe sie nie gekannt!«

»Hab' ich dir nicht von ihr erzählt? Tag für Tag! –« Und nun kramte sie stundenlang alte Erinnerungen aus, die Brigitte noch nicht kannte und die für ihren Verkehr mit der Amme und ihr ganzes Einempfinden in diese Welt wertvoll waren.

»Ich werde es ihr von jetzt ab jeden Tag erzählen!« dachte die Amme, als sie unter Tränen und völlig außer Atem Brigitte verließ. »Dann wird sie in Allem bald wieder ganz wie früher sein.«

Brigitte aber saß nachdenklich in ihrem Sessel und dachte: »Wie schön muß so eine Kindheit sein.« – Sie wußte nicht einmal wer ihr Vater war.

Einmal hatte sie ihre Mutter danach gefragt. Die war erst verlegen, sagte dann aber. »Wissen mußt du's ja doch ! – Also mein Kind, wenn dich jemand fragt, dann antwortest du ganz frech: der Herzog von Arenberg!« – »Der Herzog von Arenberg?« hatte sie erwidert. »Dann bist du ja eine Herzogin, Mama!« – »Quatsch!« hatte daraufhin die Mutter gesagt: »Erstens war es gar nicht der Herzog von Arenberg, sondern ein Professor der Mathematik aus Rostock, der mich auch geheiratet hätte, wenn ihm nicht jemand die Sache mit dem jungen Assessor von Windels verraten hätte – der wahrscheinlich auch dein Vater ist. – Aber ich weiß es selbst nicht.«

Als wenn es heute wäre, so deutlich war ihr jedes Wort, das die Mutter damals sprach, im Gedächtnis.

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