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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Kornelia beschäftigte sich im Gefängnis nicht mehr mit ihrem Einzelschicksal. Es erschien ihr bedeutungslos neben der Welt von Ungerechtigkeit, Jammer und Elend, die sich ihr auftat, und von der sie bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte.

Mütter, die stahlen, weil ihre Kinder hungerten, wurden bestraft. Sie ertrugen es, fanden es gerecht und sannen darüber nach, wie sie mehr arbeiten könnten, um mehr zu verdienen.

Unreife Mädchen, deren Unerfahrenheit schlechte Männer nutzten und die dann aus Furcht und Reue sich vor Schande zu bewahren suchten und dabei ihr eigenes Leben in Gefahr brachten, sperrte man ein.

Elend, wohin man sah – und sie hatte, die Hände im Schoß, daheim gesessen und über ihr Schicksal geklagt, über das Herr zu werden nur eine Frage der Energie und Selbstzucht war.

Half sie nur denen, mit denen sie hier zusammensaß, so hatte ihr Leben Zweck und war ausgefüllt. Nur Muße und Überfluß hatten es zuwege gebracht, daß ihre von jeder Pflicht und Sorge freien Gedanken immer dieselbe Richtung nahmen, als wenn es auf der Welt nichts Wichtigeres gäbe, als ein überkommenes Laster, wobei es weniger dem Zwang als der Laune unterlag, ob man es pflegte oder bekämpfte.

Als Kellnerin Brigitte, die einen Halsschmuck gestohlen hatte, fiel es ihr nicht leicht, sich durchzusetzen und das Vertrauen der Anderen zu gewinnen. – Doch fielen Bildung, Takt und Benehmen bald den aufsichtführenden Beamten auf. Sie unterhielten sich mit ihr, gewannen Interesse und fanden, daß die Verfehlungen und der Beruf so gar nicht mit der inneren Kultur dieser Frau übereinstimmten.

Sie, wie vor allem der Anstaltsgeistliche konnten auch feststellen, daß die Strafgefangene auf ihre Umgebung einen segensreichen Einfluß übte. In dem gemeinsamen Arbeitssaal wirkte sie wie der gute Geist, wie eine stille, stumme Wohltat empfand man ihre Anwesenheit und überließ ihr wie etwas Selbstverständliches und ohne daß jemand es aussprach, in allen gemeinschaftlichen Fragen die Führung.

Von dem Gefängnisdirektor angeregt, machte der Geistliche den Versuch, tiefer in ihre Gefühlswelt einzudringen. Aber Kornelia blieb verschlossen. Nur seine immer wiederkehrende Frage, wo und wie sie ihre Jugend verbracht habe, erwiderte sie:

»Ich will nicht zurückdenken und an nichts erinnert werden. Ich habe ein neues Leben begonnen, das alte ist ausgelöscht!«

»Es wird aber doch eine Zeit gegeben haben – und wenn Sie bis an Ihre frühe Kindheit zurückdenken müssen –, die Sie nicht auslöschen möchten,« drang der Geistliche auf Kornelia ein.

»Ich will nicht lügen und kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen,« erwiderte Kornelia – »und bitte Sie daher, mich nicht weiter zu fragen. Ich bin ein Mensch, der gesündigt und seine Strafe freiwillig auf sich genommen hat.«

Da erkannte der Geistliche, daß man sie, ohne ihr weh zu tun und ohne sie in ihrem Läuterungsprozeß zu stören, nicht an diese Dinge rühren dürfe, und nahm sich vor, nie mehr danach zu fragen.

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