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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Als Johannes eines Nachmittags bei Frau van Jörgens war, die sich das Fragen längst abgewöhnt hatte und für jede Stunde dankbar war, die er ihr schenkte, meldete der Diener Dr. Kargert.

»Was soll nun werden?« fragte Johannes, der wußte und verziehen hatte, in welchen Verdacht sie ihn bei Kargert gebracht hatte.

»Du mußt verschwinden!« sagte Frau van Jörgen«.

Er lächelte und sagte: »Fällt mir nicht ein!«

»Wie stehe ich da, wenn er dich hier findet?«

»Kaum sonderbarer als ich, den er im Süden Spaniens vermutet.«

»Er darf dich nicht sehen!«

»Es stünde schlecht um mich, wenn ich mich vor diesem Advokaten verkriechen müßte.«

Im selben Augenblick trat Kargert ein.

»Auf das Gesicht war ich gespannt!« empfing ihn Johannes.

Kargert brachte vor Staunen kein Wort heraus.

»Zunächst, lieber Doktor,« fuhr Johannes fort, »hat Frau van Jörgens sich zu berichtigen.«

»Ich schwöre, es war alles erlogen, was ich Ihnen damals erzählt habe!« platzte Frau van Jörgens leidenschaftlich heraus.

Johannes lachte und sagte: »Du brauchst es nicht zu beteuern Kind! Doktor Kargert ist Psychologe genug, um zu wissen, was dich dazu veranlaßt hat.«

»Ja! ich war eifersüchtig!« beteuerte Frau van Jörgens. »Johannes hatte mich einer anderen Frau wegen verlassen.«

»Ich gebe zu, daß du Grund hattest, unzufrieden mit mir zu sein, Aber ich habe mich gebessert. Mein erster Weg vom Bahnhof aus war zu dir! – Und ich freue mich des Zufalls, Doktor, auch Sie hier begrüßen zu können!«

Kargerts Überraschung war noch immer so groß, daß er kaum folgen konnte.

Jetzt setzte Johannes eine andere Miene auf. Sein Gesicht wurde streng, seine Haltung förmlich.

»Wenn aber, wie es beinahe den Anschein hat, die Verhältnisse sich in meiner Abwesenheit hier geändert haben sollten, dann« – er machte eine Verbeugung zu Frau van Jörgens hin – »will ich nicht stören.«

»Johannes!« rief Frau van Jörgens entsetzt und merkte nicht, daß er nur seine Rolle konsequent durchführte.

Und Johannes, der annahm, daß sie im Bilde blieb und auf sein Spiel einging, dachte: »Soviel Talent hatte ich ihr gar nicht zugetraut.«

Frau van Jürgens wandte sich an Kargert und rief: »So verteidigen Sie mich doch!«

Kargert fiel von einem Erstaunen ins andere.

»Ja, ich begreife gar nicht,« begann er unsicher, da er sich plötzlich im Mittelpunkt einer Situation sah, mit der er geglaubt hatte, gar nichts zu tun zu haben. »Ich bin lediglich hierher gekommen, weil ich hoffte, von Frau van Jürgens etwas über Ihr Kommen, das Sie ja in Ihrem letzten Telegramm an mich in Aussicht stellten, zu hören.«

Kargert fühlte selbst, wie gequält das klang. – In Wahrheit führte ihn mehr innere Unruhe als ein bestimmter Grund hierher.

Johannes nutzte die Situation und lächelte ungläubig. Er wandte sich zu Frau van Jörgens und flüsterte ihr, während er sich steif und förmlich vor ihr verbeugte, zu: »Ich komme heut' Abend!«

Ein glückliches Lächeln um den Mund zeigte, daß sie ihn verstanden hatte. Dann wandte er sich kurz zu Kargert um, maß ihn von oben bis unten und sagte: »Ich hatte mir das Wiedersehen anders vorgestellt! – schade!« verbeugte sich und ging.

Frau van Jürgens brauchte viel Zeit, um den verzweifelten Dr. Kargert zu beruhigen. Erst tat auch sie, die endlich die Situation erfaßt hatte, erregt und machte ihm heftige Vorwürfe.

»Sie haben sich lächerlich benommen,« schalt sie ihn. »Herr van Gudry mußte ja denken, daß zwischen Ihnen und mir eine Verbindung besteht.«

»Ich war so verblüfft, ihn hier zu finden ...«

»Er hatte Ihnen Zeit genug gelassen, sich von dieser Verblüffung zu erholen.«

»Das gebe ich zu. Ich war der Situation nicht gewachsen.«

»Darum durften Sie mich nicht kompromittieren.«

»Was soll nun geschehen?« fragte er ängstlich. »Ich habe durch meine Ungewandtheit Sie und einen guten Freund verloren.«

»Ich fahre noch heute zu ihm und bringe die Angelegenheit in Ordnung.«

»Sie würden das tun?«

»Meinetwegen tue ich es, Herr Doktor! Sie haben es nicht verdient.«

»Und Sie glauben, es wird Ihnen glücken?«

Sie lächelte überlegen.

»Und wenn er mit seinem Verdacht auf uns recht hätte – es gelänge mir auch! Denn es gibt nichts, was eine Frau einem Manne, der sie liebt, nicht beweisen könnte.«

»Ich wünschte, Sie haben recht!«

»Verlassen Sie sich darauf!«


Schon am Abend des nächsten Tages waren Johannes und Dr. Kargert wieder gute Freunde.

Johannes, der in seine eigentliche Wohnung zurückgekehrt war, erhielt von Kargert außer einem langen Schreiben, das wie ein Plädoyer klang, einen wertvollen alten Stich, ein Erbstück der Familie, das Johannes bei seinem Freunde im Stillen schon lange bestaunt und begehrt hatte.

Abends hatten sie dann zusammen mit Frau van Jürgens ganz offiziell durch ein Essen, das Kargert gab, Versöhnung gefeiert. Dabei hatte Johannes von seinen Reisen, Geschäften und seinen Bemühungen, dem Entführer Kornelias auf die Spur zu kommen, erzählt.

»Der Mann ist in seiner Art ein Genie,« log Johannes. »Er bearbeitet seine Opfer mit Spiritismus, Theosophie und Psychoanalyse; und wo der Schwindel nicht verfängt, da ersetzt er ihn durch wirkliches Gift und verabreicht Morphium und Kokain. In Barcelona war er bekannt, gefürchtet und gesucht wie ein bunter Hund. Er schleppte ein ganzes Harem von Frauen mit sich, die sich eher umgebracht hätten, als von ihm zu lassen. In seiner Art imponiert mir der Mann und ich habe vor, unter dem Titel: »Der wahrhafte Casanova« ein Buch über ihn zu schreiben. Gegen seine Motive, die rein erotischer Natur sind, ist nichts zu sagen und für die Mittel, die er anwendet, sind die Frauen ebenso verantwortlich wie er.«

»Und ... Kornelia ...?« fragte Kargert, der unter der Erzählung des Johannes litt.

»Sie ist vermutlich ein Opfer ihrer Weltfremdheit geworden. Im übrigen glaube ich, daß ihre körperliche und geistige Konstitution dem Leben, das dieser Mensch seine Umgebung zu führen zwingt, nicht gewachsen ist.«

»Sie fürchten also, daß sie bei ihm zugrunde geht?«

»Bei ihm? nein! – Denn sobald eine Frau ihm statt eine Lust eine Last wird, befreit er sich von ihr. Ich habe zwei solcher Frauen gesehen, deren Geist und Gesundheit zwar gelitten hatten, die aber heilbar und fürs Leben noch nicht verloren waren.«

»Und so ein Ungeheuer setzt man nicht fest? macht man nicht unschädlich?«

»Keine der Frauen war zu bestimmen, etwas gegen ihn auszusagen. Im Gegenteil sie bezichtigen sich und nehmen ihn in Schütz.«

»Ich würde ihn umbringen, wenn er mir unter die Finger käme!« ereiferte sich Dr. Kargert.

Johannes schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wie viele haben das schon geschworen,« sagte er. »Ich kenne Ehemänner, die mit dem Revolver in der Hand in sein Zimmer kamen und am selben Abend Arm in Arm mit ihm soupieren gingen.«

»Trottel waren das?« rief Kargert.

»Möglich!« erwiderte Johannes. »Jedenfalls waren es Männer, die ihre Frauen liebten. Und ich bin ganz Ihrer Meinung, daß die Liebe aus Männern Trottel macht.«

»Wie ... meinen ... Sie ... das?«

»Daß die Liebe lediglich eine Angelegenheit für Frauen ist. Ein verliebter Mann wirkt allemal lächerlich.«

Dr. Karger! beugte sich über seinen Teller. – Der Teller war leer, und so geschah es wohl mehr aus Verlegenheit. –

Johannes sah es und sagte lächelnd: »Verliebte sind meist kindisch und selten ernst. Und Männer, die nicht ernst sind, sind mir ekelhaft.«

Frau van Jörgens stieß Johannes unter dem Tisch an und sagte: »Könnt Ihr denn von gar nichts Anderem reden?«

»Verzeih'« erwiderte Johannes, »Aber uns liegt das Schicksal Kornelias van Vestrum am Herzen.«

»Das hat doch nichts mit Liebe zu tun.«

Doktor Kargert gab sich einen Ruck und fagte: »Was glauben Sie, daß aus Kornelia geworden ist?«

»Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, daß dieser Casanova die Absicht hatte, nach Deutschland und der Schweiz zu reisen. Mir ist es gelungen, mich mit einem seiner Vertrauensleute anzufreunden, der mich über alles auf dem Laufenden hält.«

»Warum tust du das?« fragte van Jörgens. »was hast du für ein Interesse daran?«

Das schien auch Kargert zu interessieren, denn er merkte auf und sah Johannes an.

»Dieser Mensch ist ein Phänomen und interessiert mich, vielleicht, weil ich fühle, daß ich ihm in vielem wesensverwandt bin.«

»Machen Sie sich doch nicht schlecht!« sagte Kargert.

»Ich wünschte mir, ich hätte diese elementare Kraft, wir alle sind verweichlicht und degenerierte Stümper im Vergleich zu ihm.«

»Sie verteidigen ihn noch?«

»Ich bedaure seine Opfer. Obschon auch die jedes Mitleid weit von sich weisen und in den Wochen ihrer Zugehörigkeit zu ihm vielleicht mehr Glück empfinden als eine andere Frau Zeit ihres Lebens.«

»Ein nettes Glück ist das!«

»Ob es nett ist, kann ich nicht beurteilen. Es kommt wohl auch mehr darauf an, ob es intensiv ist – und das scheint es zu sein.«

»Wenn man Sie reden hört, kann man Furcht vor Ihnen bekommen,« sagte Kargert.

»Leider liegt dazu keine Veranlassung vor,« erwiderte Johannes. »Im Vergleich zu ihm bin ich eine Mimose. Aber ich kann nicht leugnen, er imponiert mir!«

Als Frau van Jörgens später ein paar Augenblicke mit Dr. Kargert allein war, sagte der:

»Begreifen Sie, wie Herr van Gudry einen Verbrecher derart verteidigen kann?«

»Ich will Ihnen etwas sagen!« erwiderte die: » les extrêmes se touchent. Herr van Gudry ist trotz seiner harten Außenschale ein von Natur weicher und gütiger Mensch und wünscht sich wohl öfter, etwas härter zu sein, Auch in diesem Fall handelt er nur aus menschlichem Mitgefühl.«

Dem Dr. Kargert leuchtete das ein.

»Er ist ein seltener Mensch,« sagte er. »Ich weiß es und ich bin froh, daß er wieder zurück ist.«

»Das dürfen Sie auch!« erwiderte Frau van Jörgens.

»Das Gefühl, daß er wieder da ist, gibt einem solche Sicherheit. Er ist ein seltener Mensch!«

»Das ist er sicher. Sie müssen ihn erst richtig kennen lernen.«

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