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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Johannes beugte sich aus dem Wagen und rief dem Chauffeur zu: »Langsam fahren!«

Links von der Chaussee führte ein Fußweg über das Feld. Ein Wegweiser mit einem Pfeil gab wohl die Richtung des Fußweges an, verschwieg aber das Ziel, an das er führte.

Johannes überlegte, ob er aussteigen sollte, denn nach seinem Plan, den die neben ihm sitzende Brigitte hielt, mußte es hier ungefähr sein.

Plötzlich fuhr Brigitte auf und wies mit der Hand auf ein Riesengebäude, dessen Konturen sich von einem Stück Wald, der etwa fünf- bis sechshundert Meter zurücklag, deutlich abhoben.

»Das kann es sein!« rief Johannes und fand seine und Brigittes Vermutung sogleich bestätigt. Denn ein Schild, das an einem Baum befestigt war, verkündete:

»Fahrweg zur Landesirrenanstalt.«

»Halt!« rief er dem Chauffeur zu und brachte Brigitte, die in von Kornelia zurückgelassenen Kleidern steckte, in Unordnung. Dann lockerte er ihr Haar, so daß Strähnen herabfielen, ließ sie sich im Chausseestaub wälzen und sagte: »So! Und nun Brigittchen, kommt die Hauptnummer deines Programms, sobald sich irgendein Mensch zeigt, der einigermaßen Vertrauen einflößt, setzt du dich da auf den Meilenstein und ...«

»... spielst verrückt!« ergänzte sie. »Ich kann es schon singen, so oft hast du es mir gesagt.«

»Um so besser, wenn Du es weißt.«

»Viel mehr interessiert es mich, zu wissen, wann du mich aus der Idiotenanstalt wieder herausholst?«

»Sehr bald!«

»Das besagt gar nichts.«

»Ich habe dasselbe Interesse wie du daran, so schnell wie möglich ans Ziel zu kommen. Denn auch für mich wird die Situation allmählich unhaltbar.«

»Also gut! Sagen wir im Höchstfall drei Wochen. Sonst kann dir passieren, daß eines Tags ein Wunder geschieht und ich als geheilt entlassen werde.«

Johannes redete ihr zu.

»Geh! geh!« drängte Brigitte plötzlich und wies in die Richtung der Anstalt. Johannes sah zwei schwarze Punkte, die sich fortbewegten, ohne erkennen zu können, ob es Menschen waren. Trotzdem fand er ihre Vorsicht berechtigt, gab ihr die Hand, bestieg das Auto und fuhr davon, obschon er ihr noch alles möglich hatte sagen wollen.

Brigitte sah dem Wagen nach, beobachtete dann genau die beiden Punkte, die immer näher kamen, größer wurden und schließlich Gestalt annahmen. – Brigitte setzte sich auf den Stein, ließ die Augen hervortreten, beugte den Kopf schief, schob die Unterlippe herab, ließ die Schultern hängen und sah im selben Augenblick auch schon wie eine vollendete Idiotin aus.

Es zeigte sich, daß, was sich dort hinten fortbewegte, Menschen waren, die schnell näherkamen. Es war eine Dienstmagd und eine Art Hausknecht, die einen Korb mit Wäsche schleppten.

Die Magd wies schon von weitem auf Brigitte und sagte: »Sieh doch! Die kann so bleiben!«

Der Mann kniff die Augen zusammen und erwiderte: »Komm schnell! ehe sie uns sieht und ausrückt.«

»Warum soll sie vor uns ausrücken?«

»Du lebst nun anderthalb Jahre unter Idioten und kennst dich noch immer nicht aus.«

»Du meinst ...?«

»Natürlich meine ich. Die Frau ist bestimmt bei uns ausgebrochen, wir müssen sie wieder einfangen.«

»Am Ende ist sie gefährlich! – Ich rühre sie nicht an.«

»Angstpeter!«

Sie waren jetzt ganz dicht an sie herangekommen.

»He!« rief der Mann.

Brigitte bewegte sich nicht.

Er schrie lauter: »He--e! Sie da! Hören Sie denn nicht?«

Brigitte zupfte, ohne aufzusehen, an einer Blume.

»Die Ärmste!« sagte das Mädchen, traute sich aber nicht an Brigitte heran.

»Was machen Sie da? warum sitzen sie hier?« fragte der Mann und versuchte, ihr die Blume aus der Hand zu nehmen.

Brigitte fauchte, sprang auf und fiel ihn an.

Das Mädchen schrie laut auf und lief, ohne sich um den Korb zu kümmern, in der Richtung nach der Anstalt hin davon.

Der Mann packte kräftig zu und sagte mehr zu sich: »Dich wer' ich schon kriegen.«

So plötzlich Brigitte in Wut geraten war, so plötzlich verfiel sie jetzt wieder in einen Zustand der Gefühllosigkeit. Als der Mann sie losließ, sank sie in die Knie und blieb so bewegungslos sitzen.

Der Mann steckte zwei Finger in der Mund und pfiff in der Richtung, in der die Magd eben davonlief. Als die sich umwandte, winkte er ihr zu und rief: »Komm!«

Die schüttelte den Kopf und lief nur um so schneller auf die Anstalt zu, während der Mann zwischen Brigitte und dem Korb mit Wäsche ratlos zurückblieb.

In die Anstalt zurückgekehrt, schlug das Mädchen Lärm, und zwei handfeste Männer brachen auf, um mit Hilfe des dritten, Brigitte, die sich ruhig abführen ließ, in die Anstalt zu bringen.

Hier stellte es sich heraus, daß sie keine der Insassinnen war, und der Arzt, dem sie vorgeführt wurde, machte – genau wie seinerzeit der Kommissar – Schwierigkeiten, sie aufzunehmen.

»Ich habe keinerlei Anweisung,« sagte er, »und vor allem fehlen die Papiere. Ich weiß ja nicht einmal, wen ich vor mir habe.«

»Eine Geisteskranke,« erwiderte eine Schwester. »Eine Heimatlose, die wir in diesem Zustande doch unmöglich sich selbst überlassen können.«

»Das sind sehr schöne Worte,« erwiderte der Arzt. »Aber ich muß nach dem Reglement verfahren.«

»Und wenn sich die Kranke in einer Stunde unter einen fahrenden Eisenbahnzug wirft oder gar einen Menschen umbringt, was dann?«

»Dann kann mir niemand einen Vorwurf machen, denn ich bin ...«

» ... nach dem Reglement verfahren,« ergänzte die Schwester.

»Sehr richtig!« erwiderte der Arzt schroff. »Und auch Sie werden sich diesem Reglement unterwerfen.«

»Dazu müßte ich erst aufhören, Mensch zu sein.«

»Wir sind hier Beamte.«

»Sie wollen die Kranke also nicht aufnehmen?«

»Nein!«

»Dann gehe ich mit ihr. Allein lass' ich sie nicht.«

In diesem Augenblick gab Brigitte Laute von sich, die mehr ein Lallen als Sprechen waren, Arzt und Schwester wandten sich um und sahen, wie Brigitte Geldnoten aus der Tasche zog und sich abmühte, sie in die Heizungsröhren zu stecken.

»Um des Himmels willen!« rief der Arzt, sprang auf sie zu und versuchte, ihre Hände festzuhalten. Brigitte wehrte sich. »Tausendmarkscheine!« rief er ganz außer sich und zog ihr einen ganzen stoß solcher scheine aus der Tasche, »so helfen sie mir doch!« fuhr der Arzt die Schwester an.

»Mich interessiert nur die Kranke! Und ob sie das Geld in die Heizung steckt oder in der Tasche behält, ist für ihren Gesundheitszustand völlig belanglos.«

»Sie wissen ja nicht, was sie reden!« sagte der Arzt, zitterte vor Erregung und öffnete mit Gewalt die krampfhaft geschlossene Hand Brigittes.

Die Schwester lächelte, als sie das plötzlich erwachte, leidenschaftliche Interesse des Arztes sah.

»Wir werden sie doch hier behalten müssen,« meinte der Arzt.

»Wieso denn plötzlich?« fragte die schwester.

»Wir können ihr doch unmöglich die Scheine wieder in die Tasche stecken, sie bekommt es fertig und wirft sie in den nächsten Chausseegraben.«

»Anzunehmen! Aber was kümmert uns das?«

»Erlauben Sie mal! Nachdem wir das hier mit angesehen haben, kann man uns verantwortlich dafür machen.«

»Für das Geld?«

»Ja!«

»Für den Menschen aber nicht?«

Der Arzt war um eine Antwort verlegen und schickte die Schwester hinaus. –

Johannes war ein guter Psychologe gewesen, als er Brigitten das Geld mit auf den Weg gegeben hatte. Er kannte die Menschen! – Aber auch Brigitte hatte sich ihres Meisters würdig erwiesen.

Nicht nur, daß sie sich dieses Hilfsmittels im richtigen Augenblick mit ausgesuchtem Raffinement bediente, sie spielte auch jetzt, als der so plötzlich Interessierte alle ärztliche Kunst springen ließ, um etwas aus ihr herauszubringen, mit solcher Vollendung die Kranke, daß er schließlich die Zwecklosigkeit weiteren Forschens einsah und in sein Aufnahmebuch schrieb:

»Eingeliefert am 26. März eine unbekannte, etwa fünfundzwanzigjährige, den vornehmen Ständen angehörende Frauensperson, die große Barmittel bei sich führte und vormittags auf der Chaussee, die nach Aarhus führt, aufgefunden wurde. Die genaue Untersuchung ergab:

Progressive Paralyse bei permanentem völligen Aussetzen des Gedächtnisses und partieller Bewußtseinstrübung.«

Brigitte bekam ein verhältnismäßig freundliches Zimmer, ein hartes Bett, wenig und schlechtes Essen, Wasser, den Besuch des Anstaltsgeistlichen, der irgendeine Stelle aus der Bibel aufschlug und ihr vorlas und eine Tafel, auf der mit Kreide die Zahlen eins bis zehn geschrieben waren. Irgendwer erschien dreimal am Tage und sagte ihr, mit einem schmutzigen Finger auf die Tafel weisend, laut vor: »Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht – neun – zehn,« dann ging er wieder.

Brigitte verkannte den Zweck der Übung, der natürlich darauf gerichtet war, ihr Gedächtnis neu zu wecken. Und als der Mann eines Tages wieder laut zählend über die Zahlen fuhr, sprang sie plötzlich auf, stürzte wie ein wildes Tier auf ihn zu und biß ihn derart rücksichtslos in den schmutzigen Finger, daß er laut aufschrie, hinausstürzte und drei Tage lang nicht wiederkam.

»Warte nur Brüderchen!« dachte Brigitte als er am vierten Tage, mit einem Verband um den Finger, wieder erschien und zaghaft die Zahlen las – »das nächste Mal packe ich fester.«

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