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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Dreizehntes Kapitel.

Obschon Dr. Kargert die Verdächtigung der Frau van Jörgens nicht ernst genommen hatte, war er als gewissenhafter Mensch den Dingen doch nachgegangen und hatte von den bedeutensten Auskunfteien Amsterdams, Berlins, Londons und Paris Berichte über Johannes van Gudry eingefordert. Sie lauteten übereinstimmend günstig und schlossen einen Verdacht so niedriger Art, wie Frau van Jörgens ihn geäußert hatte, völlig aus. Johannes van Gudry war der Erbe eines der ältesten holländischen Adelsgeschlechter, hatte als Kunstkenner und Mäzen einen Namen von internationalem Klang, verkehrte in der ersten Gesellschaft, nahm keinen Kredit in Anspruch, war Mitglied namhafter Klubs und war wegen seiner sprichwörtlichen Gradheit und Offenheit geachtet und gefürchtet.

Diese Auskünfte beruhigten Kargert vollends, und er, der für sich längst Verzicht geleistet hatte, erhoffte für Kornelia, daß kein Anderer als Johannes van Gudry Mittel und Wege zur Befreiung finden werde. Denn daß sie einem Entführer, der mit verbrecherischen Mitteln arbeitete, verfallen war, stand für ihn außer Zweifel.

Die Nachrichten, die erst aus Schottland, später aus London und Paris, schließlich aus Madrid von Johannes kamen, zeigten, daß er sich in der Angelegenheit ständig bemühte, mehrfach einer Aufklärung nahe war, von keiner Enttäuschung sich abschrecken und beirren ließ. Seine letzte Information an Kargert lautete:

»Bestimmte Anzeichen lassen vermuten, daß Kornelia van Vestrum noch völlig das willenlose Werkzeug ihres Verführers ist. Ich bin ihm auf der Spur und habe begründete Aussicht, ihn in Kürze zu stellen. Gebt die Hoffnung also nicht auf.
Johannes van Gudry.«

Durch derartige Informationen wurde die Hoffnung auf die Rückkehr Kornelias stets wachgehalten und – darin lag ihr Zweck – an Ort und Stelle so gut wie nichts zur Aufklärung unternommen.

So konnte Johannes in aller Ruhe seinen abenteuerlichen Plan zur Durchführung bringen.

Mit Brigitte war man schnell handelseinig geworden. So ganz durchschaute sie die Absichten des Johannes zwar nicht. Sie wußte nur, daß sie eine Doppelgängerin hatte, die sie gründlich studieren sollte, um ihr in Allem gleich zu werden. Diese Doppelgängerin hatte aus irgendeinem Grunde bei Johannes Zuflucht genommen und mußte verschwinden. Wie das vor sich gehen sollte, ging sie nichts an und wollte sie auch garnicht erfahren, um für alle Fälle von jeder Verantwortung frei zu sein.

So hatte sie denn noch am gleichen Abend ihre paar Sachen zusammengekramt und war mit Johannes und Peter Last mitgegangen. In der kleinen Wohnstube hatte ihr Johannes vor die Tür, durch die man in Kornelias Zimmer gelangte, einen Stuhl geschoben, aus der Tür eine eingeschraubte Rosette abgenommen und Brigitte eingeschärft:

»So! und nun studierst du diese Frau da drin genau! beobachtest jede ihrer Bewegungen, wie sie sich setzt, aufsteht, die Arme bewegt, das Gesicht verändert, weint, lacht – kurzum, du machst ihr alles nach. Ich bleibe bei dir und gebe acht. Denn ich muß zunächst einmal feststellen, ob du ihr wie im Aussehen auch in deinen Bewegungen gleichst.«

Brigitte, die vielerlei kannte und für die alles Neue Reiz hatte, kniete sich mit wahrer Begeisterung in ihre Aufgabe hinein. Da die dicke Frieda noch immer bei Kornelia im Zimmer und die Unterhaltung noch im vollem Gange war, so war die Gelegenheit, Studien zu machen, für Brigitte besonders günstig.

Verblüffend war die Leichtigkeit, mit der Brigitte jede Bewegung Kornelias nachahmte. Nichts schien gezwungen oder gestellt. Jede Bewegung erschien wie der Ausdruck inneren Erlebens, so und nicht anders mußte es sich äußern, und es war deutlich, daß sich die Ähnlichkeit dieser beiden Frauen nicht in dem gleichen Aussehen erschöpfte.

Johannes van Gudrys Herz hüpfte vor Vergnügen und Brigitte war derart bei der Sache, daß er ihren Eifer nicht nur nicht anzuregen brauchte, ihn im Gegenteil sogar hemmen mußte. Denn mehr als einmal begleitete sie ihre pantomimischen Bewegungen mit leisen Tonfällen, die im Klang und Höhe mit denen Kornelias zusammenstimmten und wohl nur daher im Nebenzimmer unbeachtet blieben.

An der Tür hing Kornelias Hut und Pelz. Johannes kam auf eine Idee. Er zog Brigitten hastig den Pelz an, setzte ihr den Hut auf und ließ sie zur Seite treten, nachdem er die Rosette wieder in der Tür befestigt hatte. Als dann die dicke Frieda aus Kornelias Zimmer kam, Johannes sah und unter Hinweis auf die Tür, durch die sie eben getreten war, zu ihm sagte: »Die wird dir noch viel Scherereien machen!« da stellte er sich dumm und fragte:

»Wer?«

»Die da drin.«

Johannes winkte Brigitte heran. Die trat dicht vor Frieda hin und sah ihr fest ins Gesicht.

»Allmächtiger!« schrie Frieda so laut, daß Kornelia nebenan erschrocken auffuhr, klammerte sich an ihn und wies verängstigt auf Brigitte.

»Was ist dir?« fragte Johannes und tat arglos.

Frieda fiel auf die Knie, bekreuzigte sich und betete ein Vaterunser.

»Bist du toll?« fragte Johannes.

»Der Teufel sitzt mir im Genick!« jammerte verängstigt Frieda und spürte tatsächlich Schmerzen im Genick.

»Mach' nicht so'n Lärm!« gebot Johannes. »Du weckst Kornelia auf!«

»Kor--ne--lia!« wiederholte Frieda, taumelte, streckte die Hand nach Brigitte aus und sagte: »Sie sind verhext! – Ich bleibe hier nicht! Lieber gehe ich zugrunde!«

Johannes nahm Frieda bei der Hand, flüsterte ihr zu: »Ich komme gleich und klär' dich auf.«

Dann schob er sie ins Nebenzimmer, nahm Brigitten Hut und Pelz ab, was erst nach heftigem Widerstreben gelang, da sie sich in den Sachen gefiel und sie behalten wollte. Erst auf Johannes' Zusicherung hin, daß es nur von ihrer Geschicklichkeit und ihrem guten Willen abhänge, daß sie die kostbarsten Kleider tragen und sich mit den teuersten Pelzen schmücken könne, ließ sie sich die Sachen wieder abnehmen. Dann wies er ihr eine Kammer an, die neben der Küche lag, und was Raum und Einrichtung betraf, mehr als bescheiden war.

Brigitte verzog denn auch das Gesicht und sagte: »Und hier soll ich mich auf meine künftige Größe vorbereiten?«

Johannes lachte über die geschwollene Redeweise Brigittes und dachte: die Frau entwickelt sich. Dann redete er ihr zu und sagte:

»Das alles hat seine Gründe, die du bald begreifen wirst.«

Als er nach einiger Zeit in das Wohnzimmer, das jetzt dunkel war, zurückkehrte, schlich grade Kornelia in Hut und Mantel, die Tasche im Arm, aus ihrem Zimmer. Er blieb stehen, hob den Arm zur Wand, knipste das Licht an. – Kornelia, die jetzt mitten im Zimmer stand, erschrak und ließ die Tasche fallen.

»Schau! schau!« sagte Johannes spöttisch. »Darf man das gnädige Fräulein auf ihrem nächtlichen Spaziergang vielleicht begleiten?«

Kornelia zitterte vor Wut und Erregung.

»Haben Sie denn gar kein Gefühl?«

»Für einen derartigen Wahnsinn? Nein!«

»Sehen Sie denn nicht, daß ich so nicht weiter leben kann?«

Er ging auf ihre Frage nicht ein, sondern sagte: »Und wohin gedachten Sie jetzt zu gehen?«

Sie sah ihn verzweifelt an: »Ich weiß nicht. – Nur fort von hier!«

»Hat Ihnen dies Frauenzimmer da derart zugesetzt?« fragte Johannes und wies auf die Tür zu Friedas Kammer. »Sie ist närrisch!«

Kornelia lächelte wehleidig: »Was könnte die mir wohl sagen? Sie ist bedauernswert und hat mit sich selbst zu tun.«

Kornelia trat ein paar Schritte weiter auf die Tür zu.

»Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich Sie fortlasse?« »Ich bitte Sie, halten Sie mich nicht!«

»Ich pflege meine Geschäfte zu Ende zu führen!«

»Ihre Geschäfte?« fragte Kornelia.

»Ja, glauben Sie, daß ich Sie bei mir behielt, um Sie durchzufuttern und mich an Ihren Stimmungen zu ergötzen?«

»Was haben Sie vor?« fragte sie ängstlich.

Statt zu antworten, trat Johannes an sie heran, betrachtete sie genau und sagte voller Interesse: »Schön sehen Sie aus, Kornelia, ich möchte Sie malen!«

Sie wandte den Kopf zur Seite und sagte scharf: »Lassen Sie das!«

»Oh! Sie dürfen nicht glauben, daß ich ein Dilettant bin! Ich habe bei einem Freunde in Madrid einen Goya kopiert und an die Stelle des Originals die Kopie gehängt. Es ist – wenigstens bisher – niemandem aufgefallen. – Sie dürfen sich mir also getrost anvertrauen.«

»Ich will fort!« forderte Kornelia bestimmt.

Johannes blieb unverändert.

»So hören Sie doch mit dem Spaß auf!« sagte er vollkommen ruhig.

»Mir ist nicht zum Spaßen!« erwiderte sie und versuchte an ihm vorbeizugehen.

Er faßte sie beim Handgelenk und sagte: »Sie bleiben!«

Kornelia versuchte sich mit Gewalt loszureißen und rief: »Sie lassen mich gehen!«

Er hielt sie fest, schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! – Ich habe mich Ihrer nun einmal angenommen und bin für Sie verantwortlich.«

»Als ob Sie ein Gewissen hätten!«

»Sie verkennen mich!«

»Ich kenne Sie ganz genau! – Ich will heraus aus diesem Schmutz!«

»Wenn Sie mich kennen um so besser! So habe ich nicht nötig, mich zu verstellen. – Also vorwärts! zurück in Ihr Zimmer!«

»Nein!« schrie Kornelia und suchte sich zu befreien.

Frieda, die sich grade das Bettdeck überzog, fuhr auf Kornelias Schrei hin auf, stürzte an die Tür, sah die beiden, rief:

»Allmächtiger! da ist diese Person noch immer!« – – – und glaubte, daß es noch von zuvor Brigitte sei. Sie schlug die Tür zu, schloß sie hinter sich ab und kroch ängstlich wieder unter das Bettdeck.

Johannes machte jetzt kurzen Prozeß.

»Ich kann auch anders!« sagte er, »und wenn Sie sich widerspenstig zeigen, werden Sie mich kennen lernen.«

Kornelia wußte: sie kämpfte um ihr Leben. Sie griff mit der freien Hand nach einem Messer, das auf dem Tisch lag, hob es hoch, drohte und rief: »Hüten Sie sich!«

Im selben Augenblick stieß Johannes den Kopf nach vorn und biß sie mit voller Kraft in die Hand. – Kornelia schrie auf, ließ das Messer fallen, duckte sich. Und da sie auch jetzt noch versuchte, sich zu befreien, so packte er sie bei den Armen, stieß mit den Füßen die Tür zu ihrem Zimmer auf und warf sie mit solcher Kraft hinein, daß sie zu Boden schlug, aufschrie und liegen blieb.

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