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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Elftes Kapitel.

Nach diesem Abend verfiel Kornelia in Melancholie. Alle Aufmunterungsversuche van Gudrys blieben erfolglos. sobald er den Gedanken einer Vereinigung, durch die ihr der Weg zur Rückkehr geebnet wurde, auch nur andeutete, verfiel sie in nervöses Schluchzen, das stundenlang anhielt. Er ersann die kühnsten und reizvollsten Abenteuer, um ihre vererbte Leidenschaft anzufachen. Aber sie setzte ihm Widerstand entgegen und sprach von Wandlung und Umkehr – Dinge, über die er laut lachte.

»Es fehlte nur noch, daß Sie in ein Kloster gehen!« meinte er, und der Blick, mit dem sie ihn daraufhin ansah, war so ergeben, daß es ihm leid tat, den Gedanken ausgesprochen zu haben.

Plötzlich sagte sie: »Eigentlich müßte ich Ihnen dankbar sein.«

»Sie mir?« fragte er erstaunt.

»Ja,« erwiderte sie. »Denn in jener Nacht, als wir vom Opernball nach Hause fuhren und Sie mir Ihr wahres Gesicht zeigten, habe ich – was ich bisher nie kannte – Furcht vor mir selbst bekommen.«

»Das verstehe ich nicht. Sie müssen deutlicher reden.«

»Auch bei Ihnen war es anfangs gewiß nichts anderes als eine Leidenschaft – genau wie bei mir – und ist dann erst das geworden, was es jetzt ist.«

»Nämlich?«

»Gemeines Verbrechertum!«

»Daß ich Sie nicht ...« – er hob den Arm gegen sie. fauchte, – sie rührte sich nicht von der Stelle, verzog keine Miene. – Er beherrschte sich, mühte sich, zu lachen, aber es klang gequält.

Kornelia fuhr fort: »Davor habe ich Furcht – daß es das bei mir auch wird, und diese Besorgnis nimmt meiner Leidenschaft den Eifer und das Feuer, so daß ich jetzt glaube, dem Trieb mit mehr Erfolg als bisher begegnen zu können.«

»Wenn ich Vater wäre, würde mir diese Wandlung vielleicht Freude machen – vielleicht auch nicht. So aber kann ich damit nichts anfangen – gar nichts!«

»Das weiß ich!«

»Schließlich wird es noch dahin kommen, daß Sie als reuige Büßerin nach Schloß Vestrum zurückkehren.«

Kornelia dachte nach, schüttelte den Kopf und sagte: »Reue? – nein! die habe ich nicht. Und an eine Rückkehr nach Vestrum kann ich nicht denken.«

»Das meine ich auch! Der Tatbestand dort kann sie wohl verdächtigen, aber er kann Sie, solange man Sie nicht gehört hat, nicht überführen.

Kornelia atmete auf und sagte: »Gott sei Dank!«

»Wenn ich aber Ihr Mann wäre, – niemand würde wagen, auch nur mit einer Frage hervorzutreten.«

Wenn Kornelia bisher die Werbung van Gudrys als Qual empfunden hatte, so sah sie jetzt, wo sie ihn erkannt hatte, darin eine Kränkung.

»Für den Trieb, der mir überkommen ist, kann ich nichts,« sagte sie. »Wenn ich aber einem Menschen wie Ihnen die Hand reiche, so bin für die damit verbundene Beschmutzung meines Namens ich allein verantwortlich.«

»Sie werden unverschämt, Kornelia!«

»Kornelia van Vestrum bin ich für Sie!« erwiderte Kornelia stolz. Aber Johannes fuhr in seiner Wut fort: »Hüten Sie sich!«

»Ich fürchte mich nicht! Und wenn Sie versuchen sollten, mich weiter hinunterzuziehen, so werden Sie einen anderen Menschen vor sich sehen.«

Alles das sagte sie so ruhig und bestimmt, daß Johannes den Ernst durchaus erkannte. Gewiß, sie war in seiner Hand und konnte ohne Verständigung mit ihm weder zurückkehren, noch den Versuch machen, sich ihm zu entziehen. Aber auch ihm waren, leistete sie passive Renitenz, die Hände gebunden. Er konnte nichts mit ihr anfangen; sie nicht zwingen. Denn setzte sie sich zur Wehr und brachte er sie zur Strecke, dann zog sie ihn mit in ihren Sturz hinein. Das Klügste also war, einzulenken und den schlechten Eindruck jenes Abends nach dem Opernball zu verwischen. Er begriff selbst nicht seine Unbeherrschtheit, wie er, in Sorge um den kostbaren Halsschmuck, derart aus der Rolle fallen und sein wahres Gesicht hatte zeigen können.

Unter den vielen Plänen, die Johannes erwog, um – wie er sich Peter Last gegenüber wenig geschmackvoll ausdrückte – das Geschäft Kornelia van Vestrum zu effektuieren, war nicht einer, der bei genauer Prüfung sicheren Erfolg versprach. Daran, daß Kornelia in dieser Form weiterlebte, war nach ihrer inneren Umstellung – auch wenn diese weniger eine Folge innerer Läuterung als vielmehr Scheu vor dem war, was später wurde – nicht zu denken. Und zu befürchten blieb, daß Kornelia, noch bevor er am Ziel war, doch mürbe wurde und, zumal sie auf Nachkommen keine Rücksicht zu üben hatte, eines Tages gewaltsam ein Ende machte und ihn womöglich mit in ihre Katastrophe hineinzog.

Da somit der Fall schwierig lag, kam auch eine einfache Lösung nicht in Frage. Und diese Erkenntnis war wohl auch mitbestimmend, wenn Johannes von allen Möglichkeiten, die er sich zurechtgelegt hatte, der scheinbar entlegensten, ausgefallensten und gewagtesten den Vorzug gab.

Er ging zu Peter Last ins Zimmer, der mit der dicken Frieda bei Schnaps und Karten saß.

»Komm!« rief er ihm zu. »Ich will mit dir in den ›Strammen Hund‹.«

»Was? mitten am Tage?«

»Frag' nicht und komm!«

Die dicke Frieda nahm ihm die Karten aus der Hand, schob die Schnapsflasche zur Seite und sagte: »Geh' schon!«

Aber da hatte Johannes ihn auch schon am Kragen und riß ihn mit gewaltigem Ruck in die Höhe.

»Du bist in letzter Zeit renitent, mein Junge!« sagte er und stieß ihm die Faust ins Genick, »wenn das nicht anders wird, dann setz' ich dich an die Luft oder sorge für deine Überführung – du verstehst!«

Peter Last winselte wie ein Hund.

»Das werden Sie nicht tun, Herr van Gudry! Sie haben doch selbst gesagt: das Gefängnis verdirbt die besten Anlagen. Und um meine Courage wäre es schade.«

»Vorwärts! red' nicht, komm!«

Frieda reichte Johannes Hut und Stock. Dann gingen die beiden Männer über den Flur; und Kornelia, die ihre Schritte hörte, atmete auf – wie immer, wenn Johannes das Haus verließ.

Es vergingen nicht fünf Minuten, da klopfte Frieda an Kornelias Tür:

»Kann ich Ihnen irgend etwas bringen?« fragte sie.

Kornelia dankte und betrachtete sich diese dicke, unappetitliche Frau, die verschminkt und verpudert, dabei loddrig und unsauber gekleidet war, zum ersten Male genauer.

»Sie fühlen sich wohl hier?« fragte Kornelia.

Die lachte.

»Bei dem Kerl? – na ja, er bezahlt gut, und wenn das Geschäft geht, dann fällt auch für mich was ab. Man ist nicht mehr die Jüngste – leider! – da muß man eben mit Arbeit sein Geld verdienen.«

»Das muß man doch wohl auch, wenn man jung ist – dann doch grade!«

Die dicke Frieda kicherte und stupste Kornelia mit dem schmutzigen Zeigefinger vor dem Leib.

»Sie sind gut, Fräulein! Sie wollen mich frotzeln. Als wenn man nötig hätte, zu arbeiten, wenn man jung und schön ist.«

»Ja, haben denn Sie nicht gearbeitet?«

»Seh' ich so aus?« fragte die gekränkt und rückte von Kornelia ab. »Ich war genau so schön und so schlank wie Sie, und die Männer waren hinter mir her. An jedem Finger hatte ich einen. Elfmal hätte ich heiraten können! Noch vor fünf Jahren hatte ich die Wahl zwischen einem jungen Baron und einem reichen Juden. Aber ich wollte mich ausleben und konnte mich nicht binden – an den Juden schon garnicht. Ich lehnte ab und geriet an diesen Kerl hier, der mich aussaugte und auspreßte und zum Hund erniedrigte – genau wie er es mit Ihnen machen wird. Eines Tages liegen Sie an der Kette und haben keinen eignen Willen mehr. O!, das versteht er!«

So weltfremd Kornelia war, so verstand sie doch alles, was diese Frau ihr erzählte, und brachte, zumal sie in Gefahr war, gleiches zu erleben, starkes Mitgefühl auf.

Nun aber riet ihr die Alte derart dringend, so schnell wie möglich und ohne jede Rücksicht auf das, was aus ihr würde, aus dem Hause zu gehen, daß Kornelia stutzig wurde und fragte:

»Ja, wie kommt es denn, daß Sie, wo Sie doch selbst sagen, daß Sie keines menschlichen Gefühls mehr fähig wären, daß dieser Gudry alles in Ihnen getötet habe – daß Sie da für mein Schicksal so viel Teilnahme aufbringen?«

Und statt einer Antwort geschah folgendes:

In das tote Gesicht der Alten kam Leben. Aus ihren Augen schoß ein Strom von Tränen, der Puder und Schminke löste und den gelben Teint und die faltigen Risse der Haut offen legte. Der ganze Körper kam in Bewegung, sie schluchzte laut in sich hinein, krampfte die Finger in eine Decke, die auf dem Tische lag und sagte:

»Ich liebe ihn! – Ich bete ihn an! – Ich dulde niemanden neben mir! Ich habe Angst vor Ihnen! – Ich schließe kein Auge, seitdem Sie im Hause sind.« – Und nun fiel sie vor ihr nieder, umklammerte ihre Knie und bettelte: »Ich flehe Sie an – ich habe Erspartes – ich gebe es Ihnen! – auch meinen Schmuck! Jedes Stück sollen Sie haben – aber, bitte, bitte, gehen Sie!«

Kornelia sah teils mit Mitleid, teils mit Widerwillen die Szene mit an, machte sich frei von ihr, trat ein paar Schritte zurück und sagte: »Seien Sie ohne Sorge! Ich gehe! Ich wäre auch ohne dies gegangen!«

Da strahlte die Alte, zog sich die Ringe von den Fingern und versuchte, sie Kornelia aufzudrängen. Die Bestimmtheit, mit der sie die ablehnte, machte sie stutzig.

»Und sie gehen doch?« fragte sie ängstlich.

Kornelia nickte. Völlig aufgelöst in Tränen verbarg die Alte das klebrige Gesicht hinter der schmutzigen Schürze und beugte sich zu Kornelia, die angeekelt dastand, herab und küßte ihr die Hände.

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