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Das Blumenfest der englischen Arbeiter

Georg Weerth: Das Blumenfest der englischen Arbeiter - Kapitel 16
Quellenangabe
typesketch
authorGeorg Weerth
titleDas Blumenfest der englischen Arbeiter
publisherVerlag Tribüne Berlin
printrun1. Auflage
year1988
isbn3-7303-0337-6
illustratorWerner Klemke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectida2ea03b7
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XIV

Das Dasein des Herrn Preiss gewinnt eine welthistorische Bedeutung

Hastigen Schrittes betrat der Herr Preiss das Comptoir. Er trug eine weiße Halsbinde; die breiten weißen Vatermörder reichten bis unter das Ohrläppchen.

Hemdkrause, Weste und Frack standen ihm vortrefflich. Die Stiefel des Herrn Preiss waren außerordentlich blank.

»Der Herr Preiss geht gewiß auf eine Kindtaufe«, murmelte der Korrespondent.

»Zum allerwenigsten auf ein Leichenbegängnis«, erwiderte der Lehrling. Da hatte der geschäftige Handelsherr das Comptoir durchschritten. Ein bedeutungsvoller Wink jagte den Buchhalter Lenz von seiner Arbeit auf, und Herr und Diener standen bald im Nebenzimmer des Comptoirs, in dem Geheimkabinett des Geschäftes.

Ehe die Konversation begann, hatte der Buchhalter Gelegenheit, seinen Herrn noch einmal von Kopf bis zu Fuß zu beschauen. Der Herr Preiss war in sichtlicher Aufregung. Das Blut war ihm in die Wangen gestiegen, er zitterte. Vergebens suchte er den Sturm seiner Seele unter der feierlichsten Gelassenheit zu verbergen. »Setzen Sie sich, Lenz«, sprach der Herr Preiss, »ich versichere Ihnen, wir leben in einer sonderbaren Zeit, die Ereignisse überpurzeln sich, die Weltgeschichte jagt mit vierundzwanzig Pferden.«

»Mit vierundzwahzig Postpferden«, setzte der Buchhalter hinzu.

Da saßen Herr und Diener einander gegenüber. Lenz nahm eine Prise. Der Herr Preiss stemmte die Fäuste in die Seite und legte den Kopf zwischen die Vatermörder.

»Hören Sie aufmerksam zu, Lenz!«

»Ich bin ganz zu Ihrem Wohlgefallen, Herr Preiss.«

»Ich habe ein höchst wichtiges Schreiben bekommen. Ein Schreiben, welches Epoche in meinem Leben macht. Denken Sie sich, Lenz –«

»Ich denke, Herr Preiss.«

»Denken Sie sich, daß unser Projekt –«

»In Hopfen zu spekulieren –?«

»Halten Sie das Maul, Lenz! Verschonen Sie mich mit diesen trivialen Einwürfen; ich bin wahrhaftig in keiner Hopfenstimmung, die Zeiten sind zu gewitterschwanger, die Weltgeschichte rollt – denken Sie sich, Lenz –«

»Ich denke, Herr Preiss –«

»Denken Sie sich, daß unser Plan –«

»Eine Ölmühle zu bauen –?«

»Heiliger Schöpfer Himmels und der Erden, fallen Sie mir nicht ins Wort, Lenz. Es ist entsetzlich, Sie machen mich krank mit Ihren wohlgemeinten Bemerkungen. Wenn Sie die Wichtigkeit dieses Augenblicks nicht von vornherein einsehen können, so warten Sie wenigstens, bis ich fertig bin, bis Ihnen eine Laterne im Schädel aufgeht. – Denken Sie sich, Lenz –«

»Ich denke, Herr Preiss.«

»Denken Sie sich, daß unsere Absicht, Schrapnells zu fabrizieren, allerhöchsten Ortes die günstigste Aufnahme gefunden hat.«

»Was Sie sagen, Herr Preiss!«

»Der General Schwefel von Höllenstein, der Kommandant des tausendvierzigsten Armeekorps, ist entzückt darüber.«

»Der edle von Höllenstein!«

»Der General Schwerenot von Donnerwetter, Kommandant der berittenen Kamel-Artillerie, ist voll meines Lobes.«

»Der würdige von Donnerwetter!«

»Der Admiral Freiherr von der Brandrakete, der sich am meisten in betreff des Preises, der Qualität und der Lieferzeit unsrer Schrapnells beschäftigt zu haben scheint, hat indes dem Entzücken und dem Lobe auch die praktische Berücksichtigung unsrer Eingabe folgen lassen, indem er Sr. Heiterkeit bei dem letzten Reichsfrühstück einen sorgfältig ausgearbeiteten Vortrag darüber gehalten hat.«

»Gott segne den Herrn von der Brandrakete!«

»Ja, ich hatte mich nicht geirrt. Die Schrapnellfabrikation mußte ziehen. Namentlich hat es Anklang gefunden, daß wir diese mörderischen Dinger ›Pillen gegen das souveräne Volk‹ nennen.«

»Und daß wir sie in Rosapapier verpacken?«

»Allerdings, Lenz!«

»Aber da werden wir wohl gleich eine gute Bestellung bekommen haben?« –

Hier entstand eine Pause. Die Lippen des Herrn Preiss umspielte ein mitleidiges Lächeln.

»Aber haben Sie denn wirklich gar keine Ahnung von dem, was ich Ihnen eigentlich erzählen will?« Der Buchhalter wurde sehr aufmerksam.

»Können Sie nicht begreifen, daß es sich weniger um die Schrapnells selbst als um die loyale Bereitwilligkeit handelt, mit der ich den Staat unterstützen wollte?« Lenz öffnete den Mund vor Erstaunen.

»Oh, die Zeiten haben sich geändert! Wir stehen an der Schwelle einer schönen Zukunft.«

Der Buchhalter verlor fast den Verstand. Er war so sehr daran gewöhnt, seinen Herrn über die Not des Jahrhunderts klagen zu hören, daß ihm die plötzliche Verheißung einer schönen Zukunft wie das blaueste Rätsel erscheinen mußte.

»Ja, das Morgenrot der Freiheit ist über uns aufgegangen. Das Vaterland erwacht aus seiner Erstarrung. Die Macht der Tyrannen ist gebrochen, und Männer des Volkes sind berufen, die Segnungen einer glorreichen Revolution zum Segen einer ganzen Nation zu machen.«

»Segnungen einer glorreichen Revolution?« fragte sich der Buchhalter. Es wurde ihm gelb und grün vor den Augen. Die Ansichten des Herrn Preiss schienen sich über Nacht bedeutend geändert zu haben.

»Zitternd auf ihren Thronen, schauen die Fürsten hinunter in die Reihen ihrer schlichtesten Bürger. Dort stehen die Männer, welche das Wrack des Staates retten, welche es mit kräftiger Faust durch den Schlamm des Orkans zurück in den sicher schaukelnden Hafen geleiten können.« Dem Buchhalter Lenz brach der Angstschweiß aus; noch nie hatte ihn der würdige Herr mit so blumenreichen Redensarten überschüttet.

»Ist es daher ein Wunder, Lenz, daß man auch auf mich sein Auge geworfen?« – Der Buchhalter wollte eine Prise nehmen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst.

»Ist es ein Wunder, daß man auch mich aus dem Dunkel des Geschäftslebens herausreißt, um meinen Fähigkeiten den Platz anzuweisen, der ihnen im Buche des Schicksals bestimmt war?«

»Sie sind ein großer Mann!« murmelte der Buchhalter. »Schon durch Ihre Ölspekulationen haben Sie sich weit und breit bekannt gemacht.«

Unangenehm berührte es den Herrn Preiss, in seinen feierlichsten Momenten immer wieder an Öl und dergleichen erinnert zu werden. Der Buchhalter schien dies aber gar nicht zu merken. »Auch durch Ihre Unternehmungen in Korn machten Sie sich sehr verdient um die Gesellschaft.« Wiederum war es Herrn Preiss, als schüttete jemand einen Eimer kaltes Wasser über seinen Kopf. »Wüßten die Leute aber erst, was Sie in Quadratfüßen –«

Hier verlor der Herr Preiss die Geduld. »Genug, die Schrapnells haben den Ausschlag gegeben«, rief er; »aus sicherer Quelle weiß ich, daß man mich in der Residenz zur Bildung eines neuen Ministeriums erwartet.«

Der Buchhalter Lenz hätte vor Schrecken fast ein Kind gekriegt.

»Exzellenz!« stotterte er, seine Nase erblaßte.

Auf das ganz unbegründete Gerücht hin, daß der Herr Preiss Ministerpräsident werde, warfen ihm rohe Proletarier aber noch selbigen Abends die Fenster ein.

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