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Das Blumenfest der englischen Arbeiter

Georg Weerth: Das Blumenfest der englischen Arbeiter - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
authorGeorg Weerth
titleDas Blumenfest der englischen Arbeiter
publisherVerlag Tribüne Berlin
printrun1. Auflage
year1988
isbn3-7303-0337-6
illustratorWerner Klemke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectida2ea03b7
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XIII

Der Herr Preiss über die Dinge im allgemeinen

Auf dem Comptoire des Herrn Preiss lag wieder einmal die schauerlichste Geschäftsstille.

Der Herr Preiss sah aus wie ein Totengräber, in dessen Kundschaft während ganzer vierzehn Tage auch nicht ein einziger Mensch gestorben ist.

In der Tat, seit vierzehn Tagen hatte der Herr Preiss keinen Käufer bei sich gesehen.

Der Buchhalter Lenz schrieb die Köpfe seiner Handelskonti für ein halbes Jahr im voraus, aus reiner Langerweile. Die schönen Handelskonti! »Romulus & Remus Sollen an Kaffee-, Zucker- und Korinthen-Konto.« Oder: »Rhein-, Ahr-, Lahn- und Moselwein-Konto Hat an Kastor & Pollux.« Der Buchhalter Lenz nahm zwischen jeder Silbe eine Prise. – August, der blonde Korrespondent, schnitt, sich vierzehn Dutzend Federn, ebenfalls aus Langerweile; der Lehrling liniierte ein halbes Ries Propatria.

»Es ist mir unbegreiflich«, begann der Herr Preiss, »wie man jetzt mit dem Geschicke der Welt so leichtsinnig umgehen kann!«

»Sehr leichtsinnig!« erwiderte der Buchhalter.

»In Deutschland geht man indes noch weniger schlimm in diesem Punkte zu Werke als in manchen ändern Ländern.«

»Bei weitem weniger!« erwiderte der Buchhalter scharfsinnig.

»Da setzt man z. B. in Frankreich an die Spitze des Staates einen Poeten!«

»Es ist unerhört!«

»Allerdings, Lenz. Es ist rein zum Tollwerden. Einen Poeten – einen Poeten, der Verse macht einen Poeten – ich bitte Sie, Lenz, gibt es etwas Närrischeres auf der Welt als einen Poeten?«

»Nicht leicht – nur ein Mensch, der Verse liest, kann möglicherweise noch närrischer sein als ein Mensch, der Verse macht

»Da sind wir ganz miteinander einverstanden, Lenz. Poesie ist Wahnsinn. Die Poesie ist die verrückt gewordene Prosa, und ein Poet gehört nach Siegburg, aber nicht an die Spitze der französischen Republik.«

»Dies mein ich nicht, Herr Preiss.«

»Wieso, Lenz?«

»Wenn die Poesie die verrückt gewordene Prosa ist, so kann man die Republik die verrückt gewordene Monarchie nennen; und steht ein Poet an der Spitze der Republik, so paßt das nur ganz herrlich; der eine Wahnsinn geht mit dem andern Hand in Hand.«

»Sie sind einsichtsvoller, als ich dachte, Lenz!«

»Wehe dem Lande, dessen Minister ein Poet ist!«

»Ein Mensch, der von Jugend auf nur für Rosen und Lilien, für grüne Wälder und goldne Saaten, für Lerchen und Nachtigallen und für ähnliche Lappalien schwärmte, der soll nun plötzlich eine Nation von fast sechsunddreißig Millionen essenden, trinkenden, tanzenden, räsonierenden und revolutionierenden französischen Menschenkindern im Zaume halten – hören Sie mal, Lenz, das kann nimmer gut gehn!«

»Nimmer, Herr Preiss; die Kurse müssen noch mehr fallen.«

»Das glaub ich auch, Lenz. Hole der Henker den französischen Poeten!«

»Erstens spricht er durch die Nase.«

»Und zweitens will er die Menschen glücklich machen.«

»Und drittens ist er ein Poet!«

»Er hat die drei gefährlichsten Mängel, welche ein Sterblicher haben kann.« –

Eine Windstille entstand in der Konversation. Der Buchhalter beschaute seine Handelskonti; der Herr Preiss fuhr im Lesen der Zeitung fort.

»Außer den Poeten«, begann er endlich aufs neue, »sind indes auch die Astronomen an die Reihe gekommen. Da haben wir so einen gelehrten Mann, der sein ganzes Leben lang hinauf in den Himmel geschaut hat und der nun auf einmal die Erde regieren soll.«

»Es ist lächerlich, aber traurig.«

»Allerdings, Lenz, man hätte diesen Menschen provisorisch unter die Sterne versetzen sollen – aber unter irdische Minister – Lenz, es kann gewiß nicht gut gehn! Am meisten ängstigt es mich indes, daß man sogar Literaten und Zeitungsschreiber in das Gouvernement gebracht hat.«

»Was Sie sagen, Herr Preiss!«

»Ja, bei Gott, Lenz, diese Zeitungsschreiber sollen jetzt das Schicksal der Nationen entscheiden.«

»Es ist kaum glaublich.«

»Aber es ist eine entsetzliche, sehr herbe Wahrheit, Lenz, und ich muß gestehen, daß sich meine Haare sträuben, wenn ich an diese Gesellen denke.«

»Ein Zeitungsschreiber: Minister!, Es ist fatal. Zeitungsschreiber gehören zu den gefährlichsten Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft.«

»Da haben Sie wohl recht, Lenz. Ich kenn diese Leute mit ihren großen Schnurrbärten und mit ihrem gottvergessenen, frivolen Lachen!«

»Sie sehen entsetzlich aus!«

»Und doch sah ich sie manchmal gern.«

»Nun ja, wie man bisweilen in Menagerien gern einen Tiger oder einen Panther sieht.«

»Allerdings! Die Kerle haben etwas Eigentümliches an sich; auch bei uns sehen sie aus wie lustige Verbrecher – namentlich seit der Abschaffung der Zensur –«

»Ja, das war unser Unglück!«

»Tür und Tor ist jetzt ihrem Treiben geöffnet; alles verunglimpfen sie mit ihren Lästerzungen, und gern machten sie jede Woche wenigstens eine Revolution –«

»Bloß um eine Extrabeilage zu ihrer Zeitung machen zu können.«

»Sehr richtig, Lenz, und ich wollte, daß sie alle miteinander der Teufel holte; es ist eine verderbte Rasse.«

»Schade, daß sie manchmal gescheiter sind als andere Leute –«

»Frecher sind sie jedenfalls –«

»Niemanden können sie in Ruhe lassen –«

»Alles machen sie herunter.«

»Sie schreiben nicht für das Publikum –«

»Sie schreiben nur für sich selbst.«

»Man sollte eigentlich gar keine Zeitung mehr halten; bloß um diese Menschen zu ärgern –«

»Man muß sie wenigstens so schlecht wie möglich in ihrem Beginnen unterstützen –«

»Am Ende steht man sich noch besser unter der russischen Knute als unter dem Hohn eines Zeitungsschreibers.«

»Ja, wahrhaftig, Lenz, der Geist eines guten Bürgers spricht aus Ihnen.« –

Abermals versank der Herr Preiss in seine Zeitung und der Buchhalter in seine Handelskonti.

»Zu den Poeten, den Astronomen und Zeitungsschreibern kommt indes noch eine vierte Menschenklasse, welche anfängt, beunruhigend zu werden«, sprach der Herr Preiss.

»Die Scharfrichter meinen Sie?«

»Gott bewahre, Lenz. Die Advokaten –«

»Ganz recht, die Advokaten.«

»Die Advokaten habe ich nie leiden können.«

»Sie sind hinterlistig und voller Ränke.«

»Sie hören die Flöhe husten, und sie sehen das Gras wachsen.« – »Sie führen Prozesse und machen uns den Prozeß.«

»Und ein ehrlicher Mann ist noch niemals sicher vor ihnen gewesen.«

»Und Ihren Abscheu vor diesen Leuten teile ich durchaus, Herr Preiss.«

»Ja, lieber Lenz, diese Advokaten haben nicht weniger angefangen, unser Jahrhundert zu dominieren; glattzüngigen Schlangen ähnlich winden sie sich aus ihren zerrütteten Vermögensverhältnissen empor zu dem Rand der Tribünen, wo sie so lange lästernd und verführend ihr entsetzliches Wesen treiben, bis sie aus dem Dunst einer Volksversammlung zu der Herrlichkeit eines einträglichen Staatsamtes eingehen können. So in Frankreich.«

»Und in Deutschland?«

»Lieber Lenz, man muß sich hüten, das Kind beim rechten Namen zu nennen. Oh, unsere Tage werden schlimm. Gleich blutigen Kometen stehen diese Poeten, diese Astronomen, diese Zeitungsschreiber und diese Advokaten unheilverkündend am Horizonte unseres bürgerlichen Himmels, doch was das schlimmste ist – Lenz –«

»Herr Preiss –«

»Was mich bis in die Seele hinein ärgert –«

»Herr Preiss –«

»Was meinen Zorn bis zu jauchzender Wut steigert –«

»Herr Preiss –«

»Das ist, daß gar ein ›Ouvrier‹ einen Platz in dieser provisorischen Rotte Korah hat.«

»Heiliger Gott!« seufzte der Buchhalter.

»Beschütze uns vor der blutroten Fahne«, setzte der Herr Preiss hinzu, und wiederum lag auf dem weiten Comptoire die schauerlichste Stille.

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