Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Weerth >

Das Blumenfest der englischen Arbeiter

Georg Weerth: Das Blumenfest der englischen Arbeiter - Kapitel 14
Quellenangabe
typesketch
authorGeorg Weerth
titleDas Blumenfest der englischen Arbeiter
publisherVerlag Tribüne Berlin
printrun1. Auflage
year1988
isbn3-7303-0337-6
illustratorWerner Klemke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectida2ea03b7
Schließen

Navigation:

XII

Wie sich der Herr Preiss nach den Zeitverhältnissen richtet

»Ich bin heute mit dem rechten Bein aus dem Bett gestiegen«, begann der Herr Preiss zu seinem Buchhalter. »Ich habe mehr Mut als gewöhnlich, ich bin beinahe guter Dinge, der Hafer sticht mich fast –«

»Hafer ist im Preise gewichen«, erwiderte der Buchhalter Lenz, indem er im Lesen eines Preiskurantes fortfuhr.

»Sie verstehn mich nicht, Lenz, ich meine, daß ich wieder mehr Unternehmungsgeist habe, als es vielleicht in diesen schlechten Zeiten wünschenswert ist; ich sehne mich nach Tätigkeit; vielleicht ist der Sommer –«

»Sommersaat steht noch sehr niedrig und ist beinahe gar nicht gefragt –«, unterbrach der Buchhalter.

»Nein, Lenz, ich meine, daß der Sommer wohl nur schuld daran ist; daß mich das schöne Sommerwetter wohl nur so heiter und kühn stimmt; bei lichter, klarer Witterung ist der Mensch mehr zu Spekulationen aufgelegt, als er es vernünftigerweise sein sollte. Ich fühle mich zu einer Torheit um 20 Prozent mehr aufgelegt als seit langer Zeit.«

»Zwanzigprozentiger Spiritus ist in Stettin augenblicklich nicht vorrätig«, erwiderte der Buchhalter, indem er ruhig das Studium seines Handelsberichtes fortsetzte.

Der Herr Preiss wäre fast ärgerlich geworden. »Aber hören Sie doch zu, Lenz! Ich spreche weder von Hafer, von Sommersaat noch von Spiritus. Ich habe ganz andre Dinge vor; hole der Henker die gewöhnlichen Artikel! Ich sehne mich nach etwas Besserm; die Zeitverhältnisse –«

»Die Zeitverhältnisse wirken noch immer sehr störend auf das Geschäft ein, schreibt man von Amsterdam.«

Der Herr Preiss hätte beinahe geflucht. »Geben Sie das Lesen Ihres Berichtes dran, lieber Lenz, die Zeitverhältnisse lassen mich weder an Stettin noch an Amsterdam denken. Man muß sein Augenmerk auf die Dinge im allgemeinen richten, der Handel muß von einem höhern Standpunkt aus begriffen werden. Wie sich die Zeiten ändern, so müssen wir uns selbst ändern. Ein gescheiter Mann hängt den Mantel nach dem Winde –«

»Der dauernde Ostwind hält die Einfuhr in manchen englischen Häfen auf sehr bedauerliche Weise zurück, meldet man von Liverpool –«

»Donner und Doria, Lenz! Hören Sie, was ich sage. Wenn ich von meiner Gemütsstimmung rede, da sprechen Sie von Hafer; erkläre ich Ihnen die Einflüsse der Jahreszeit, da sind Sie beim Spiritus und bei der Sommersaat; will ich Sie von der Lage Europas unterhalten, da geraten Sie nach allen Ecken der Welt, nur nicht in die, welche uns am meisten interessieren muß.«

Erstaunt sah der Buchhalter von seinem Berichte auf, und der Herr Preiss fuhr fort: »Sie wissen, Lenz, mit den Artikeln, die wir bisher führten, ist es nichts mehr –«

»Gar nichts!«

»In Korinthen ist es flau. In Heringen entschieden ruhig. Grütze wenig gefragt. Schnaps vernachlässigt.«

»Es ist, als ob niemand mehr Durst hätte.«

»Richtig bemerkt, Lenz! Wir müssen uns deswegen auf andre Gegenstände werfen, welche mehr den sozialen und politischen Zuständen der Gegenwart angemessen sind.«

»Man muß mit den Wölfen heulen.«

»Allerdings, Lenz! Und ich habe daher den festen Entschluß gefaßt, daß mir eine Spekulation in – raten Sie mal! –«

»Verehrter Herr Preiss, ich will Ihrer hohen Meinung nicht vorgreifen.«

»Daß wir eine Spekulation in – nun, strengen Sie sich etwas an, Lenz!«

»Entschuldigen Sie mich, Herr Preiss, ich bin zu konservativ, um alle Neuerungen auf der Stelle begreifen zu können.«

»Wohlan! Wir wollen eine Unternehmung in schwarzrotgoldnen Kokarden machen!«

»Das ist patriotisch!«

»Patriotisch oder nicht patriotisch, es ist einträglich!«

Der Herr Preiss warf sich in die Brust, und die Arme übereinanderschlagend sah er den Buchhalter mit triumphierendem Blicke an. Lenz nahm eine große Prise.

»Patriotisch und einträglich! Herr Preiss, ich bin ganz mit Ihnen einverstanden.«

»Nicht wahr, Lenz? Bei einer solchen Geschichte könnten wir reich werden.«

»Und wir machen uns verdient um das Vaterland!«

»Das ist dummes Zeug, Lenz. Aber ich glaube sicher, daß die Sache ziehen wird.«

»Vielleicht! Aber es fällt mir da plötzlich etwas ein –«

»Und Was, Lenz?«

»Glauben Sie, daß der schwarzrotgoldne Spektakel lange halten wird?«

»Wieso?«

»Denken Sie sich, daß uns die Russen oder die Franzosen über den Hals kämen, oder daß wir gar Republikaner würden mit einer neuen Couleure – wie dann? Was machten wir dann mit unsern Kokarden?«

»Sie meinen also, Lenz, daß wir die russischen und französischen Kokarden zu gleicher Zeit mit den deutschen fabrizieren lassen sollten?«

»Das wäre schon besser – aber es bliebe gefährlich!«

»Sehr gefährlich, Lenz! Sie haben recht –« Herr Preiss besann sich. Der Buchhalter schnupfte bedeutend.

»Nein, es geht nicht, Lenz. Es ist nichts mit dieser Geschichte, wir würden zu sehr von den Weltereignissen abhängen. Aber was sagen Sie zu Waffen?«

»Zu Säbeln und Dolchen?«

»Und zu Musketen und Kanonen?«

»Herr Preiss, wir haben große Konkurrenz in diesem Artikel; ich kann kaum dazu raten. Da der Konsumo von Waffen außerordentlich groß ist, so werden auch sicher bald wieder Verbesserungen angebracht, und wehe uns dann mit einem allmächtigen Vorrat! Wenn wir Waffen im Hause haben, da stürmen uns auch die Proletarier bei der nächsten Gelegenheit das Lager –«

Den Herrn Preiss überlief ein kalter Schauder. »Sie haben recht, Lenz. Waffen ist ein diffiziler Artikel – aber es ist doch entsetzlich, daß man beim besten Willen nichts unternehmen kann! Alles ist, verdorben, das ganze Geschäft ist ruiniert; es bleibt wirklich nichts anderes mehr übrig, als den ganzen Kommerz an den Nagel zu hängen.« –

Eine Pause entstand. Zufällig blickte der ehrenwerte Handelsherr in die zuletzt erschienene Zeitung. Er stutzte; er bog sich hinab; ein seliges Lächeln umflog seine Lippen – »Hier ist's! Ich hab's!« rief er, und die Arme auf den Rücken legend, trat er vor den erschrockenen Buchhalter.

»Wissen Sie was, Lenz?«

»Nun, Herr Preiss?«

»Wissen Sie, was der Lieblingsartikel der Gegenwart ist?«

»Welcher denn?«

»Wissen Sie, worin wir spekulieren müssen?«

»Worin denn?«

»Ich will es Ihnen sagen, Lenz! Merken Sie sich –«, die Stimme des Herrn Preiss bekam einen mystischen, feierlichen Ton, »spekulieren in – – Schrapnells

»– Schrapnells –«, wiederholte der Buchhalter Lenz langsam und deutlich.

Er erinnerte sich nicht, diesen Artikel schon früher einmal in einem Preiskurant verzeichnet gesehen zu haben.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.