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Das Blumenfest der englischen Arbeiter

Georg Weerth: Das Blumenfest der englischen Arbeiter - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
authorGeorg Weerth
titleDas Blumenfest der englischen Arbeiter
publisherVerlag Tribüne Berlin
printrun1. Auflage
year1988
isbn3-7303-0337-6
illustratorWerner Klemke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectida2ea03b7
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XI

Der Buchhalter Lenz als Bürgergardist

Die Revolution des März war geschehen. Der Herr Preiss glich einem nassen Pudel, der seine Schnauze zwischen die beiden Vorderbeine steckt und über die Nichtigkeit alles Irdischen eine lange, melancholische Betrachtung anstellt. Die Februarereignisse berührten ihn wie eine Ohrfeige; die Märzrevolution traf ihn wie der Donner Zeus', des unsterblichen.

»Von heute an will ich alle Betteljungen in österreichischen Metalliques-Coupons bezahlen!« rief der schmerzlich bewegte Mann aus, »da bin ich sicher, daß ich nicht zuviel gebe. Meine Bons auf die Insel Sandwich sind nur zu Fidibus gut; meine Eisenbahn- und Bergwerksaktien – hol sie der Teufel. Sela!«

Dutzende ähnlicher Stoßseufzer entwanden sich der Brust des ehrenwertesten aller Handelsherren. »Aber mein Entschluß ist gefaßt«, fuhr er fort, »verlassen will ich dieses Land der Schrecken, verlassen diese Atmosphäre der Anarchie; verkaufen will ich mein Haus, meinen Hof, meinen Garten, verkaufen meinen Wagen, meine Pferde, meine Hunde; entlassen meine Knechte, meine Mägde, meinen Buchhalter Lenz, und hinüberziehen nach einer einsamen, wüsten Insel, fern, fern in den Wogen des unendlichen Meeres.« – Der Herr Preiss versank in ein dreiviertelstündiges Stillschweigen. Wer weiß, wie lange er dem Fluge seiner Phantasie gefolgt wäre, wenn nicht plötzlich draußen auf dem Gange des Hauses ein höchst beunruhigender Lärm entstanden wäre. Ein sonderbarer, ganz ungewohnter Skandal. Er kam näher. Es war des Getöse von Waffen; es war, als wenn klipp, klapp ein Säbel auf die Waden eines Mannes fiele – – und entsetzt hob sich der Sinnende empor von dem Kissen des Lehnstuhls. Da knarrte die Tür in ihren Angeln, und gerüstet vom Kopf bis zur Zehe trat der Buchhalter Lenz vor seinen erschrockenen Hernn.

»Lenz!« seufzte der Herr Preiss.

»Mein verehrter Herr!« erwiderte der Buchhalter.

»Lenz! Aber seid Ihr des Teufels, Lenz?«

»Verzeihen Sie, ich bin ein bewaffneter Staatsbürger!«, und Prinzipal und Buchhalter maßen sich mit den erstaunten Augen.

Lenz nahm sich vortrefflich aus. An einer Seite, trug er einen Säbel, den sechs Mann nicht aus der Scheide zu ziehen vermocht hätten. Auf seiner Schulter lag ein Gewehr, ein Kuhbein, lang wie es Lederstrumpf getragen, der Coopersche Nordamerikaner. Auf seinem Haupte schwankte eine Mütze mit der schwarzrotgoldenen Kokarde, groß wie ein Wagenrad. Dazu die großen Füße, die enge, kurze Hose, die fast über den Rand des Stiefels reichte; die weiße, altertümliche Weste in Falten geschnürt durch den Riemen des Säbelgehänges, der schwarze Frack mit den dolchspitzen Zipfeln, die Brille endlich und die rote Nase nicht zu vergessen – alles das machte ein Ensemble, was den Griffel eines Hogarth oder den Pinsel eines Hasenclever auf der Stelle in die geschäftigste Bewegung gesetzt haben würde. Der Herr Lenz glich einem Soldaten aus der Armee Sir John Falstaffs, einem Warze, einem Schimmelig. Rechtes Kanonenfutter war der Kerl vom Schädel bis zur Sohle. Die Kindermädchen versteckten sich hinter den Haustüren, wenn er über die Straße ging, die Hunde bellten, die Hühner ließen vor Schreck ein Ei fallen.

Der Buchhalter hatte seine Muskete in die Ecke des Comptoirs gestellt; die Patronentasche aber noch auf dem Hintern und den Flamberg an der Seite, setzte er sich ohne weiteres auf seinen Stuhl, um nach Genuß einer großen Prise wie gewöhnlich sein Tagewerk zu beginnen.

Herrn Preiss wurde es schwül zumute; er blickte bald auf die Muskete, bald auf seinen Buchhalter. »Die Zeiten sind nicht bloß schlimm, nein, sie werden auch gefährlich!« murmelte er leise. »Man kann sich vor seinem eignen Buchhalter in acht nehmen, wenn er also schrecklich gerüstet einherschreitet.« Der Buchhalter schien das Gemurmel seines Herrn zu verstehen; er nahm zwei Prisen hintereinander, und ein freudiges Lächeln spielte um die Flügel seiner purpurnen Nase.

»Wir sprachen gestern von den Ökonomien, welche anzubringen wären«, begann der Buchhalter.

»Allerdings, Lenz!« erwiderte der Herr Preiss. »Die Ankunft der Berliner Post unterbrach uns.«

»Ganz recht, verehrter Herr Preiss, aber sollen wir dies Kapitel nicht wieder aufnehmen?« »Wie Sie wollen, lieber Herr Lenz! aber –« »Fürs erste wollten Sie die Wagenpferde abschaffen.«

»Sehr richtig, mein lieber Herr Lenz – indes –«

»Und dann würden Sie den Wagen verkaufen, das war logisch.«

»Allerdings, Lenz, im höchsten Grade logisch, aber –«

»Den Modifikationen in Stall und Remise sollten weitere in Küche und Keller folgen.«

»Gut behalten, Lenz; im Grunde –«

»Verzeihen Sie, vor allen Dingen sollten aber Veränderungen im Getriebe Ihres Geschäftes vor sich gehen –«, der Buchhalter schaute hinüber nach seiner Muskete. Dem ehrenwerten Herrn Preiss wurde es immer unheimlicher zu Sinne.

»Sehr bedeutende Änderungen im Getriebe Ihres Geschäftes!« wiederholte der Buchhalter mit Nachdruck.

»Allerdings, lieber Lenz, übrigens –«

»Die Produktionskosten sollten auf ein wahres Minimum reduziert werden.«

»Sie haben sich alles gut gemerkt, Lenz. Indes –«

»Mit Ihrem Geschäftspersonal wollten Sie anfangen.«

»Aber mein lieber Herr Lenz –«

»Die Arbeiter des Magazins sollten zuerst entlassen werden.«

»Ich weiß nicht, ob ich so sagte; jedenfalls –«

»Jedenfalls sollte aber auch das Comptoir dran.«

»Sie irren sich, lieber Herr Lenz!«

»Keineswegs! der jüngste Kommis sollte jedenfalls geopfert werden.«

»Sie haben ein ungemein gutes Gedächtnis.«

»Und wie Sie neulich den alten Sassafraß entlassen haben, so wollten Sie auch –«

»Ich wollte nichts mehr, Lenz!«

»So wollten Sie, was mich beträfe –«

Hier entstand eine große Pause. Der Buchhalter hatte seinen Herrn mit einem durchbohrenden Blicke angeschaut. Sacht ließ er sich hinabgleiten von seinem Comptoirstuhl, und einen Schritt seitwärts nach der Muskete tuend, schien er von der Antwort des Prinzipals die entsetzlichste aller Maßregeln abhängig machen zu wollen. Dem armen gefolterten Herrn Preiss war der Angstschweiß aus allen Poren gebrochen. Kaum seiner peinigenden Gedanken über die Dinge im allgemeinen los und ledig, wehte ihn schon wieder aus der Konversation mit dem Buchhalter der Geist der Anarchie und der Revolution an. Wie? Der sonst so sanfte Buchhalter, er wagte im Glanze der Waffen in das Comptoir zu treten und, mit der Patronentasche auf dem Rücken, mit dem Säbel an der Seite, eine Sache zur Sprache zu bringen, welche das Verhältnis zwischen Herr und Diener auf so empfindliche Weise berührte – es war unerhört, es war zum Verzweifeln!

Als der Herr Lenz daher die Worte sprach: »Was mich beträfe –«, da versagte dem ehrenwerten Handelsherrn fast die Stimme, und nur mit bebenden Lippen konnte er die Worte hinzufügen: »Seien Sie unbesorgt, Herr Lenz, ich will Ihnen eine Zulage geben von 100 Talern jährlich – preußisch Kurant.«

Der Buchhalter nahm drei große Prisen. »Sie sind ein Ehrenmann, Herr Preiss!« rief er, und die Muskete ergreifend, schulterte er so flott wie der beste Korporal. »Da ich indes die Wache beziehen muß, so werde ich unmöglich heute irgend etwas arbeiten können. – Guten Morgen, Herr Preiss!«

Staunend schaute der Herr seinem Diener nach. Die Kokarde der Gardistenmütze blitzte in den Strahlen der Morgensonne.

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