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Das Blinkfeuer von Brüsterort

Johann Richard zur Megede: Das Blinkfeuer von Brüsterort - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleDas Blinkfeuer von Brüsterort
publisherVerlag Friedrich Rothbarth / Leipzig
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5afc59f8
created20061226
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Der Sommer neigte sich. Er hatte an Wärme und Licht gegeben, was nur der kurze östliche Sommer zu geben vermag. Die Passantenströme versiegten allmählich, und die großen Landpartien mit vollgepfropften Leiterwagen, im Sande keuchenden Ackerpferden und Lampions schwenkenden Kindern schienen nur noch eine Legende. Die Teichlinden schimmerten gelb, und ernsthaft lesende Mädchen, die altklug von ihrem Buch auf das raschelnde Blätterspiel sahen, das der Herbstwind trieb, saßen einsam auf den verlassenen Bänken. Das Wasser blinkte stahlblau und kalt. Niemand dachte mehr der furchtbaren Malariadünste, die es in schwülen Julinächten sonst aushauchen sollte. Die Reunions in den Dorfhotels ruhten. Es waren bescheidene Feste gewesen, mit hellen Waschkleidern und furchtbar heißen Gesichtern, mit feurigen Tänzern aus Prima oder vom Ladentisch. Dühling kannte sie kaum dem Namen nach – höchstens von der Straße aus sah er in die staubigen Biergärten mit den Grog trinkenden Philistern sämtlicher ostpreußischen Landschaften.

Auch in der Dünenvilla war eine wohltuende Ruhe eingekehrt. Zwar die Zimmer waren noch vollständig besetzt, und die Hufeisentafel zeigte keine Lücken, aber der Blick der Pension ruhte fast mit Wohlwollen auf dem einsamen Entoutcas eines verspäteten Strandtouristen im Garten. Die heimliche Klage, daß die Passanten durch ungebührlich große Kotelettes verwöhnt und die Stammgäste etwas stiefmütterlich behandelt würden, verstummte, sogar der Groll über das allabendliche Ragout, der die Hundstagsgemüter erhitzt und viel Geist und Witz verschlungen hatte, war nicht mehr. Man wohnte und aß wieder wie zu Beginn der Saison: einfach, aber vortrefflich. Die ungewohnte Fremdenwoge hatte den Kurort aus seinen Gleisen geschleudert, jetzt fand er sich wieder, und es ging nach alter Weise. Im Korridor duftete es anmutig nach Kuchen, die Kaffeemaschine brodelte einladend. Der alte Hauch von Wärme und Gemütlichkeit zog durch das Schweizerhaus. Und wenn der Herbstwind an der Glasveranda rüttelte, blinkte am frühen Abend traulich das Grogglas, und der Whisttisch formierte sich. Und vor allem waren es neue Menschen, Naturfreunde, die gern beschaulich und einsam blieben. Rauschende Badevergnügungen hatten die lange hinter sich. Dühling kannte fast niemand mehr. Von der alten Garde waren nur noch der Schriftsteller und der Gnom zurückgeblieben ... Die Frau des Hauses tat ihr Bestes. Abends wurde musiziert, und sie, die tagsüber Beschäftigte, saß dann gern am Klavier und erholte sich an ihrem eignen guten Spiel. Dühling und den Schriftsteller hatte sie nie geliebt. Die waren zu viel gereist und betrachteten die Menschen darum zu sehr als Dinge – auch sie ... Und im übrigen: Dühling – Westrem! – es gab wenige, die bei diesen Namen nicht ein angenehmer, moralischer Schauer überlief. Nur der Gnom mit seinen schnodderigen Berliner Redensarten war merkwürdigerweise aller Freund. Dühling sah den Mann überhaupt nicht. Es war der einzige Herr, mit dem er nie einen Gruß wechselte.

Der Verkehr mit Frau von Westrem ruhte fast ganz. Zwischen ihnen lag eine Wolke. Sie konnten den alten harmlosen Ton nicht mehr finden. Er grollte nicht, und sie schmollte nicht. Nur ein kleiner Zwist. Er hatte einmal über den Mann etwas lächelnd gesprochen, und sie antwortete sofort frostig ablehnend: »Lassen wir ihn doch! Er ist arm genug ...« Und als sie von der Frau sprach – es war nichts Böses, – antwortete er nervös: »Lassen wir sie doch! Sie ist arm genug.« So trennten sie sich.

Er wäre gern abgereist und wollte sich nicht zugeben, daß die Frau allein ihn forttrieb und festhielt zugleich. Heute beim Morgenkaffee hatte sich die Dame des Hauses zu ihm gesetzt. Sie hatte den untrüglichen Fraueninstinkt für gewisse Verstimmungen, und der Mann tat ihr wohl auch leid. Sie hätte gern alle Menschen glücklich gesehen, wie sie es selbst war durch ihre Arbeit. Der Kellner Karl, der sonst als Vertrauter wichtigen Besprechungen beizuwohnen pflegte, stand fern am Büfett. Er klimperte träumerisch mit den Biermarken in seiner Tasche. In der Herbstzeit regte sich bei Sommerkellnern der Wandertrieb. Die Ansprüche der alten Damen schwollen, doch die Trinkgelder fielen spärlicher.

»Sie hatten sich schön erholt, Herr Rittmeister, aber jetzt sehen Sie wieder etwas matt aus.«

»Ich habe wohl die See forciert, gnädige Frau. Schlecht gerechnet sechzig Bäder. Das würde Ihnen jeder Arzt für Wahnsinn erklären, aber das Wasser ist noch so warm – und viel anderes hat man jetzt auch nicht mehr.«

»Aber Herr von Dühling!« rief die Dame freundlich gekränkt. »Das können Sie unserem Ort nicht nachsagen. Es gibt Spaziergänge die Hülle und Fülle. Und im Herbst sieht sich alles wieder ganz anders an!«

»Frau von Westrem hat das Baden auch wieder angefangen.«

»So? Früher badete sie so furchtbar spät.«

»Das weiß ich nicht!«

»Das war auch vor Ihrer Zeit ...« Und mit freundlicher Bosheit fuhr sie fort: »Sie ist ja wohl eine sehr liebe Dame, die Frau Baronin, aber etwas Unnahbares hat sie immer.« Sie lächelte spitz. »Etwas wie Sie, Herr von Dühling. Ja, ja, gleiche Brüder, gleiche Kappen! Sie haben sich nicht umsonst gefunden.«

Darauf Dühling höflich verwundert: »Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen, gnädige Frau ... Im übrigen ist unser Verkehr doch der natürlichste von der Welt. Ich bin alter Regimentskamerad ihres Mannes ...«

»Aber der Herr Baron muß doch viel jünger sein!«

»Im Gegenteil. Ein paar Monate älter. Er hat nicht mehr sehr lange bis zum Major ...«

»Aber ich dachte doch ...« Und da ihr das Thema peinlich war, sagte sie mit doppelter Herzlichkeit: »Heute müssen Sie aber hinaus, Herr von Dühling! Sie sitzen viel zuviel. Es ist ein Tag so warm und klar wie im schönsten Sommer.« Karl kam mit einem diskreten Kellneranliegen. Die Dame stand auf. »Frau von Westrem ist wohl am Ende gar schon abgereist?« fragte sie im Weggehen mit leichter Pike.

»Ich glaube nicht. Sie würde sich doch wenigstens von Ihnen verabschiedet haben.«

Selbstverständlich war sie noch da! Und dennoch fiel die andere Möglichkeit ihm etwas aufs Herz. Sie war die Frau, auch ohne jeden Abschied zu gehen, wenn es ihr paßte ... Und wenn sie wirklich weg war? Wenn er in der Villa klingelte und den Bescheid erhielt: die Frau Baronin sind vor einer Stunde abgereist? ... Er fühlte plötzlich keine Verstimmung mehr gegen sie, nur eine kindliche Angst, sie vor der Zeit zu verlieren. Er kämpfte: warte bis morgen! Doch er wartete nicht, er ging sogleich. Als er, peinlich in der Toilette wie immer, sich im Korridorspiegel besah, ärgerte ihn der weiße Schnurrbart.

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