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Das Blinkfeuer von Brüsterort

Johann Richard zur Megede: Das Blinkfeuer von Brüsterort - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleDas Blinkfeuer von Brüsterort
publisherVerlag Friedrich Rothbarth / Leipzig
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5afc59f8
created20061226
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Die volle, heiße Sonne sengte die Düne. Auf dem lechzenden, leuchtenden Sand flimmerte der Hitzdunst, das Birkenlaub welkte, über das Heidekraut taumelten schwer zahllose Falter. Das Meer lag stumm, bleiern in der Mittagsglut. Die gelbe Küstenlinie zog sich endlos, auch der dunkle Wald oben schien zu schlummern. Wüstenstimmung.

Doch die Dünenvilla hob sich darum nur noch schmucker und heller aus dem Heidegrün – wie eine Fata Morgana – mit ihrem schlanken Turm, ihren schattigen Balkons. Es war Ferienzeit. In dem Pensionsgarten summte der Bienenschwarm der Passanten, – die Lüsterjacke, der Entoutcas, das tröstende Bierglas. Die Pensionäre zogen sich hochmütig in ihre Lauben zurück, sie fühlten sich auch wohl etwas zurückgesetzt. Denn ganze Innungen drängten sich zuweilen um die buntgedeckten Tische, mit unergründlichen Eßkobern und ins Korsett gezwängten Müttern, mit schwitzenden Männern und dem denkwürdigsten Ostpreußisch. Harmlose Leute, vom Vereinswahnsinn gefaßt, wie alle guten Deutschen zuzeiten. Dühling, der Hochmut nach unten nicht kannte, sah gern zu. Er versuchte zu rubrizieren. Einmal entdeckte er die unverfälschtesten Bäckerbeine, das andere Mal herrschte der Gastwirtsbauch oder die blaue Kommisfaust. Seine junge hübsche Nachbarin hatte Dühling verlassen, etwas treulos, gerade in den Tagen, wo er gern Aufschlüsse über Frau von Westrems Ehe gehabt hätte.

Die interessante Frau selbst kam nicht mehr. Und sie in ihrer abgelegenen Villa aufzusuchen, was er als alter Kamerad des Mannes wohl gekonnt hätte – nein! War es nur Zartgefühl für ihn, so wollte er gern ihre Zurückhaltung ehren; war's irgend etwas andres – er hatte sich niemals dreist in Geheimnisse gedrängt. Und doch sah er seit jenem Tage oft ihr Bild, das leuchtend rote Haar, die vornehmen Bewegungen und im blassen Auge den aufzuckenden Funken. Das Bild kam und ging, ohne daß er es rief. Er hörte auch ihre Stimme, eine schöne, tiefe Stimme, die vor der Konsequenz nicht bebt. Die Pension stand gerade im Zeichen der Aufregungen. Erst wäre der Schriftsteller beinahe in Ungnade gefallen. Er hatte auf Befragen unvorsichtig geäußert: »Wie ich hierher gekommen? Na, 'ne Kateridee! Aber sie bekommt mir vorzüglich!« Die ostpreußischen Mütter verfemten ihn darauf sofort, fanden ihn blasiert, kritisierten seine Romane, die der Nachsicht bedurft hätten, lieblos und führten beim Nachmittagskaffee bald Natalie von Eschstruth, bald Goethe gegen den Wehrlosen siegreich ins Feld. »Gute« Leihbibliotheksbücher lagen auffallend in der Glasveranda umher. Die Jugend wollte den Gefährdeten in liebenswürdigem Enthusiasmus für die Kunst schützen, aber sofort regneten die Beschuldigungen: Natürlich interessiert sie sich – und er war wirklich nicht zum Interessieren; oder verdorbener Geschmack – denn in seinen Schriften siegte die Tugend nur ausnahmsweise. Auch des mangelnden Heimatgefühls wurde der Unglückliche beschuldigt, denn er hatte Insterburg einmal abgelegen genannt. Schon Dühlings hübsche Freundin hatte viel leiden müssen, weil sie mit dem Schriftsteller oft und gern sprach.

Heute ruhte der Streit. Der ganze Badeort war festlich gestimmt, die Dünenvilla vor allem. Seit dem frühen Morgen schwärmte die Pension den Berg hinab durchs Dorf und den sandigen Fichtenhügel jenseits des Teiches wieder in die Höhe. Dort lag, vom Wald verdeckt, der neue Bahnhof. Der echte Sommerbahnhof, klein und luftig, freundlich weiß die Mauern, das Holzwerk grün, mit allegorischen Drachenköpfen. Im tiefen, heißen Sand stand das Gebäude, schattenlos, und weit schweifte der Blick in das Samland hinein.

Es war Eröffnungstag. Von Kuhren her dampfte der erste Zug heran. Die Kinder auf dem dichtgedrängten Bahnsteig jubelten, die Erwachsenen schrien Hurra und schwenkten die Hüte. Die Lokomotive bimmelte unaufhörlich. Die kleinen, eleganten Wagen rollten leicht, Birkenlaub grüßte aus den Abteilfenstern, Tannenreiser umkränzten festlich den schwarzen Leib der Maschine. Die Schaffner riefen lustig schon von weitem: »Wer mitfahren will, einsteigen, es kostet nichts!« Das war eine Fröhlichkeit, eine Lust! Georg von Dühling stand mitten in der schwatzenden, schwitzenden Menge. Der Schriftsteller neben ihm. Solche Feste gehören zum Kurprogramm kleiner Badeorte.

»Hat so 'ne Klingelbahn eigentlich sehr viel Sinn für das Nest, speziell für Leute wie uns?« fragte Dühling.

Der Schriftsteller zuckte die Achseln: »Daß man nicht wieder hingeht! Die sogenannten Kollegen werden auch bald auftauchen, – ich danke!«

»Na, die Leute hier wollen leben, und wenn ich Gastwirt wäre oder Terrains hätte ...«

»Gewiß! Im übrigen sind das doch alles merkwürdige Leute hier! Sie bilden sich faktisch ein, jeder von ihnen müßte mich ganz besonders interessieren.« Er lächelte selbstgefällig. »In Wirklichkeit interessieren mich nur zwei Menschen.«

»Und die sind?«

»Frau von Westrem und Sie.«

»Nanu!«

»Aber ich bitte Sie! Sehr einfach: Sie gehören beide nicht hierher und werden doch am längsten hierbleiben!«

»Kaum, Verehrtester!«

Der Schriftsteller sah gelassen auf den Zug:

»Oder gerade!«

»Ich trage mich mit Abfahrtsgedanken«, sagte der Rittmeister.

»So? Na, dann wird wohl meine Behauptung erst recht stimmen ... Kommen Sie übrigens mit der Westrem oft zusammen?«

»Nein!«

»Schade! Ich möchte Sie beide gern zusammenbringen, wenigstens im Roman!«

»Bitte sehr!«

»Leider fehlt mir zurzeit noch das Beste. Ich muß nämlich erst heraushaben, ob die Frau an der Ehe krankt oder an der Liebe.«

»Vielleicht an keinem von beiden.«

Der Schriftsteller pfiff durch die Zähne und meinte leichthin: »Vielleicht sagt sie es Ihnen mal.«

»Mir?«

»Jawohl, gerade Ihnen, Herr von Dühling! Ich habe nämlich die Überzeugung: wenn zwei Leute durchaus in eine Wüste gehen, die nicht in die Wüste passen, so haben sie immer irgend etwas Gemeinsames ... Schicksal, Charakter, was weiß ich! Und nur diese beiden werden sich wirklich verstehen, so sehr sie sich auch scheinbar fliehen.«

Dühling lachte auf.

»Lachen Sie nicht zu früh, Herr von Dühling!« sagte der Schriftsteller ernst. Mit der ihm eignen halben Ironie fuhr er dann fort: »Also, wenn Ihnen mal die interessante Frau Andeutungen machen sollte, vergessen Sie mich, bitte, nicht! Seziert wird sie doch, und es sollte mir leid tun, wenn ich ihr falsche Motive unterlegte ... Sie selbst sollen dabei auch nicht schlecht fortkommen. Ich brauche nämlich zur Abwechslung einen Helden mit einem weißen Schnurrbart ... Warum färben Sie ihn eigentlich nicht? Sie sind doch noch jung genug ... Sehen Sie, das interessanteste an Ihnen ist mir der weiße Schnurrbart! Färbten Sie ihn, so wären Sie ganz sicher nicht hier, vielleicht in Ostende oder Harzburg oder irgendwo.«

Dühling schwieg betroffen. Sie waren auf und ab gegangen im Sand und hatten mit halbem Auge zugesehen, wie der Zug in einer tief ausgeschnittenen Waldschlucht verschwand. Der letzte Zuruf, das letzte Bimmeln ... Jetzt wurde der Bahnhof rasch leer, nur noch die welken Girlanden am Stationshaus und der Kellner mit halbgeleerten, klappernden Seideln. Den beiden Nachzüglern brannte die Sonne nun auch zu heiß. Sie gingen zurück nach dem Dorf. Im Wald sagte der Schriftsteller noch: »Zitieren Sie mich, bitte, in der Pension nicht wegen der Wüste! Die Leute nehmen gleich alles persönlich. Das Nest ist wirklich zu schön, um sich täglich an kleinlichen Mißverständnissen zu ärgern.«

Zwischen den Kiefern blinkte der Teich. Am Hange waren Bänke zerstreut mit gefühlvollen Inschriften: »Abschiedsblick«, »Klein-Thüringen« und so weiter. Die Sonne sengte hier erbarmungslos. Wurzeln krochen über den Weg, und die Sohlen brannten im tiefen Sand. Aus einem Seitenpfade kam eine Dame im Reitkleid, das Pferd am Zügel. Das Tier trat unsicher, der Steigbügel klirrte. Es war Frau von Westrem. Der Schriftsteller lächelte, und Dühling wollte darum schnell vorübergehen. Doch gerade am Teichrand trafen sie sich.

»Darf ich Ihnen den Gaul nicht abnehmen, gnädige Frau?« fragte Dühling höflich.

Die Dame grüßte über den Sattel weg leicht: »Danke wirklich! Drüben, an der Landstraße steht schon mein Groom.«

»Schnittiger Gaul!« sagte Dühling, wieder auf der andern Seite schreitend, und klopfte dem Fuchs das weiche, zuckende Fell mit dem starken Geäder am Hals.

»Das ist er sicher!« antwortete sie. »Aber er hat sich vorhin was getan, wahrscheinlich Fessel verknackst. Und da führ' ich ihn schon lieber.«

Die schmale Bohle über das Mühlenfließ kam. Der Fuchs schnob furchtsam.

»Ach was, hab dich nicht, Roy!« Die Reitgerte zuckte, und das Pferd stolperte auf dumpf klappernden Hufen hinüber. Bei den Linden kam eilfertig der Diener. Frau von Westrem warf ihm die Zügel zu. Dann strich sie dem Pferde noch einmal prüfend die linke Vorderhand entlang. Am Fesselgelenk zögerte der Reithandschuh. »'n bißchen aufgerieben die Sehne ... Es ist sicher nichts Schlimmes ... Aber gleich kühlen, Friedrich! Ich komme nachher noch selbst in den Stall.« Erst jetzt trat sie zu den Herren hinüber und bot ihnen die Hand. »Ja, das hat man vom Pferdeschonen«, meinte sie etwas ärgerlich. »Ich wollte den Wallach nicht abhetzen bei der Hitze, und zum Dank dafür tritt er in einen Maulwurfshaufen mit seinem bummeligen Schritt ... Schäme dich, Roy!« Darauf wandte sie sich zum Diener:

»Machen Sie, daß Sie fortkommen, Friedrich!«

Der Groom griff erst gut geschult nach seiner Tressenmütze. Darauf kramte er in der Brusttasche: »Ich habe noch ein Telegramm für Frau Baronin.«

»Telegramm für mich?« Sie verfärbte sich leicht. Mit ihren hübschen, energischen Händen faltete sie rasch das Papier auseinander. Beim Lesen zitterte die Rechte mit der Reitgerte etwas, und die Mundwinkel zuckten. Sie warf das Papier gleich achtlos ins Wasser. »Es ist nichts Besonderes«, erklärte sie.

Neugierige standen von fern. Auch ein Damenpferd war hier Ereignis.

»Sie kommen von der Bahn, meine Herren? Welch historische Begebenheit! Werden wir es bald zu lesen bekommen, Herr Doktor?« Und sie wandte sich lächelnd zum Schriftsteller.

Der lächelte boshaft wieder: »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Verspätet haben wir uns aber zufällig aus einem andern Grunde. Nicht wahr, Herr von Dühling?«

Herr von Dühling blickte zerstreut. »Jedenfalls ein angenehmer Zufall, gnädige Frau, der mir den Vorzug gab ... Wir treffen uns ja immer nur aus Zufall.«

Der Schriftsteller kniff die Augen zusammen. »Zufall? Gibt's überhaupt einen Zufall? Denken Sie, bitte, an unsre Unterhaltung vorhin!« Darauf empfahl er sich rasch. Er müsse seinen guten Ruf wiederherstellen und den alten Damen noch beim Frühstück versichern, daß heute ein neues Weltbad eröffnet sei.

Frau von Westrem sah dem Eiligen nach: »Gibt's überhaupt einen Zufall? Was soll das eigentlich ... Denkt der vielleicht, ich schwärme für Rendezvous unter den Teichlinden?«

»Kaum. Er dichtet mal wieder, gnädige Frau!« erklärte Dühling geringschätzig.

Sie gingen eine Weile schweigend unter den Linden auf und ab.

»Sie reisen, gnädige Frau?« sagte er plötzlich.

Sie blieb stehen und schlug mit der Reitgerte in die Luft. »Allerdings. Das war nicht übermäßig schwer zu raten. Morgen mit dem Nordexpreß soll's losgehen, und ich muß noch packen.«

»Sie freuen sich auf Berlin?«

»Nein!«

»Warum reisen Sie dann?«

»Ich überlege ja auch noch.« Sie war zu einer Linde getreten, die Reitgerte wippte in langen, scharfen Hieben gegen den uralten, rissigen Stamm. »Früher habe ich Berlin mal leidenschaftlich geliebt«, sagte sie langsam. »Das ist aber lange her. Ich durfte beim Ordensfest vor der Kaiserin meinen Schleppenknicks machen, und meine Toilette fiel überall auf. Das berauschte mich natürlich ... Sie können denken, wie jung und töricht ich damals noch war. Jetzt bin ich viel lieber in der Einsamkeit. Ich habe weder Nerven noch bin ich sonst leidend, aber ...« Sie schwieg. Ein Hieb sauste schärfer. »Ich werde doch reisen«, sagte sie leise und bestimmt.

Dühling räusperte sich diskret. Er wußte nichts zu sagen. Die Reitgerte hing jetzt schlaff an dem schlanken, hübschen Arm ... Es war so heiß. Die junge Frau suchte mit zitternden Nasenflügeln nach dem frischen Wasserhauch. Es war wohl der Abschied von dem reizenden Platz. Dann sagte sie auf einmal lustig: »Den letzten Tag hier will ich wenigstens voll genießen! Ich laufe noch einmal so weit, wie ich komme, und esse in irgendeinem Dorfwirtshause ... Dann kommt Berlin. Gott bewahre mich! Ich sehe den Zug schon einfahren im Morgengrauen und den Dunst, und die Fabrikschlote und die mürrische Spree ... Verstehen Sie den Ekel?«

Er lachte hart auf! »Ob! Seit Jahren ist dieser Ekel mein steter Begleiter.«

Sie sah nachdenklich auf den Boden. »Wollen Sie mitgehen jetzt?« fragte sie zögernd.

»Aber selbstverständlich, gnädige Frau! Es ist mir eine besondere Auszeichnung, Sie gerade auf dem letzten Spaziergang beschützen zu dürfen.«

»Ist das wahr?«

»Würde ich sonst, gnädige Frau?!«

Sie schüttelte unwillig den Kopf, »überlassen Sie die höfliche Phrase doch andern! Sie steht Ihnen nicht, sie steht Ihnen gar nicht.«

Er fühlte die Wahrheit und sagte einfach: »Ich bin so viel allein, gnädige Frau.«

»Das bin ich auch, eigentlich immer ... Also kommen Sie!«

Er schlug ihr noch ein bequemeres Kostüm vor. Er werde sie hier erwarten.

Sie lachte nur. »Warum? Umziehen! Sie wissen doch, daß das bei einer sogenannten Dame Ewigkeiten beansprucht. Und an diesem letzten Tage will ich nicht eine Sekunde freiwillig opfern ... In dem Kleide geht sich's ganz gut, und wenn die Leute an meinen Reitstiefeln und an einem Reithut Anstoß nehmen, immerzu! Wenn's mir nur paßt ... Ich bin von Jugend auf für allen Sport trainiert, und Ermüdung kenne ich eigentlich kaum ... Heute geht's landeinwärts. Ist's Ihnen recht? Ich führe.«

Sie gingen über den Hang zurück in den Wald. Sie stieg so sicher, so elastisch. Und er hinter ihr fühlte stärker den Reiz dieser hohen, biegsamen Gestalt. Der schmale, gelbe Stiefel, das elegante Kleid, die fast herausfordernde Sicherheit – es war der Anstand einer Schulreiterin, nur distinguierter, rassiger. Und der griechische Knoten leuchtete verführerisch unter dem grau verschleierten Hut ... Ob sie sich auch so sicher und elegant im Tanze wiegte, auf dem bunten Jahrmarkt der Eitelkeit? Ein herber Zauber umfloß sie, das Parfüm der großen Welt und unbesieglicher Jugend zugleich. Erst jetzt begriff er ganz, wie jung sie noch war und wie frisch. Oben in der brütenden Hitze der Kiefern schritten sie langsamer.

»Sie müssen sich sehr früh verheiratet haben, gnädige Frau ...« sagte er.

»Siebzehn«, antwortete sie gleichgültig.

»Es ist wohl das Richtige.«

»Kaum.«

»Ja gewiß, wie man's nimmt.«

»Nein, nicht wie man's nimmt, Herr von Dühling!« Und sie schritt wieder schneller. »Wer sich verheiratet, muß wissen, wen und warum, und das weiß keiner mit siebzehn Jahren, auch beim besten Willen nicht. Wer sein Glück dabei wirklich findet, der greift eben mit einem sehr leichtsinnigen Griff in den Glückstopf: das eine große Los.« Er sah sie mißtrauisch an. »Aber jeder liegt freilich, wie er sich bettet, und wer ein Schicksal nicht anständig zu tragen vermag, der ist es auch nicht wert ... Mich betrifft das natürlich nicht. Ich habe, was ich wollte. Aber man sieht so viele andre, und wie mancher glückseligen kleinen Närrin möchte ich zurufen: ›Warte doch noch, bis dir die törichten Augen aufgegangen sind!‹ Sehen Sie mal, das einzige, was mir an Ihrem Schriftsteller gefällt, ist: daß seine Menschen reife Menschen sind, wenn sie lieben ... Und daß sie regelmäßig an dieser Liebe zugrunde gehen? Ich weiß nicht, ob das Notwendigkeit ist ... aber es scheint doch.«

Georg von Dühling fühlte den wehen Stich wie immer bei solchen Unterhaltungen. Sein eigen Schicksal! Kannte ihn die Frau so genau, oder war es die Pose einer sogenannten Unverstandenen? Mit seichter Sentimentalität kokettieren sie ja alle, diese verwöhnten Kinder eines leeren Scheins. Sie war sicher eine davon und sicher ganz glücklich. »Es ist die Kinderlosigkeit, gnädige Frau«, meinte er endlich, der Unterhaltung müde.

Sie schlug mit der Reitpeitsche nach einem dürren Kiefernast. »Daß das kommen würde, wußte ich! Aber ich bin nun einmal keine unglückliche Frau, es ist auch nur das Geschlecht, was ich bedaure ... Kinder möcht' ich ganz gewiß nicht haben! An wem von uns beiden es liegt, ist gleichgültig, und mit siebenundzwanzig Jahren braucht' ich die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Aber ich will nun einmal kein Kind. Bei dem Gedanken daran faßt mich sogar eine unsinnige und Ihnen sicher unverständliche Angst. Wer auch nur ein wenig über sich nachgedacht hat, der hütet sich meist, sein Geschlecht fortzusetzen, sich selbst vielleicht zur Freude, dem andern aber sicher zum Leide.«

Sie waren an das Bahngeleise gekommen. Durch Wald und Sand krochen die silbrig blinkenden Schienen, über einen tiefen Graben führte ein schwankes, schmales Brett. Sie schritt leicht und sicher hinüber, der Sporn klirrte. Als er ihr achtlos nachtrat, kippte das Brett, und er mußte sich durch einen kühnen Sprung auf den Kiesdamm retten.

»Verbotene Wege!« lachte sie. »Zuweilen liebe ich die ... Vielleicht ist es auch ein Omen ... Sie müssen übrigens ein viel besserer Turner sein als mein Mann, denn er wäre ganz sicher hineingefallen ... Hier kochten die Bahnarbeiter früher, daher kenne ich den Schleichweg. Kommen Sie rasch, sonst werden wir auch noch gepfändet!«

Drüben senkte sich der Wald zu einer Heidewildnis mit kleinen Gebüschgruppen und vereinzelten Kiefern. Weiße Sandpfade schlängelten sich hindurch.

»Haben Sie Angst vor Kreuzottern?« fragte sie. »Es soll hier ein spezielles Schlangenheim sein. Ich sah freilich noch nie eine, es raschelte höchstens mal verdächtig ... Das geniert mich aber nicht.«

Dühling zuckte nur die Achseln. »Ich bin noch immer ein Mann, gnädige Frau.«

Es war so hübsch hier trotz der Sonne. Die Büsche im hellen Grün, die Heide grauviolett, wie ein dicker Teppich mit winzigen Knospen ohne Zahl und rastlosem Insektengezirp. Frau von Westrem war eine gute Führerin. Über Sand, Täler und Hügel ging's pfadlos, einmal schwankte auch mooriger Grund, bis sie zuletzt über dürres, braunes Ödland eine sanfte, trostlos kahle Kuppe gewannen. »Der Heinrichsberg«, sagte sie; »in den Bergen wär's kaum ein Hügel.« Feldsteine lagen geschichtet, der Blick schweifte weit. Die Küstenlinie wand sich sanft, vom ragenden Leuchtturmkap von Brüsterort, an den spärlichen Fischerdörfern entlang bis zur dämmerigen Höhe von Kranz. Die hohen Dünen der Kurischen Nehrung gleißten verschleiert. Das Meer leuchtete grau, ein ruheloses Glitzern. Die weiße Brandung säumte in schmalem Gischtstreifen den Sand. Im Rücken das Samland. Grün-golden die reifende, sommerliche Flur. Das Rot der Dörfer strahlte greller, Fenster blitzten, und im weißen, flimmernden Hitzdunst starre, dunkle Wälder, wie ein verwunschenes Eiland der Galtgarben: Ostpreußens höchster Buchenhügel.

Frau von Westrem stand an den Steinstoß gelehnt, das Haupt auf der Hand. Die Reitpeitsche wippte. Die schlanken, elastischen Glieder zeichneten sich deutlicher. Schauend sprach sie: »Das ist Ihre Heimat. Sind Sie nicht stolz?«

Er lächelte etwas überlegen. »Wenn ich diese Heimat so sehr liebte, würde ich schon lange auf meinem Gut in Litauen sein ... Nein, was mich hier hält, das ist nur die Einsamkeit, die Ebene, das Weite.«

»Aber schön ist es doch!« Sie beschrieb mit der Hand einen weiten Kreis bis zum Horizont, wo das Meer in Dunst versank. »Mich macht die Ebene immer frei, andere drückt sie ... Die Welt ist hier ohne Ende«, meinte sie träumerisch.

»Sie ist nur rund, gnädige Frau.«

»Und muß sich immer drehen ... und das ist vielleicht das beste an ihr ... Denken Sie, wenn die Sonne immer wie jetzt im Zenit stände ...«

»So würde eben alles Leben langsam versiegen.«

Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein, dann würde alles verbrennen. Und das Ende wünschte ich mir.«

»Sagen Sie doch: Sonne, stehe still!« spöttelte er.

»Möchten Sie das auch?«

»Nein«, sagte er ernst. »Dazu müßte ich erst eine Sonne haben.«

Sie schwieg. Die Mundwinkel sanken ihr schlaff ... »Wer hat sie überhaupt?« sprach sie leise.

Sie hatten sich in den spärlichen Schatten des Steinhaufens gesetzt, um Kriegsrat zu halten. Sie wollten noch hinüber in die großen Heidegründe, wo es so gefährlich war nach der Ansicht der Kurgäste. Man dürfe die Tour nicht unternehmen, ohne vorher sein Testament zu machen, denn leicht versänke der Unkundige auf Nimmerwiedersehen im Moor, und gebissen würde man auch, denn die Kreuzottern hüteten eifersüchtig ihr Heiligtum. Sie lachten beide über die Mär und witzelten, und die Kurgäste kamen schlecht weg. Frau von Westrem erzählte, daß sie oft diese gefährliche Wildnis durchritten habe, ohne den Schatten einer wirklichen Gefahr. Verirren könne man sich freilich leicht. Und während sie das Kreuz und Quer der Wege mit der Reitgerte beschrieb, lockerte sich unter der engen Reitstulpe eine dünne Goldkette, und ein kleines, altertümliches Medaillon schimmerte. Sie fühlte es auf den Handschuh gleiten und wollte es rasch zurückschieben. Er schaute interessiert auf den merkwürdigen Schmuck: »Ein Amulett?«

»Ja, wenn Sie wollen«, antwortete sie, ohne hinzusehen, und versteckte es unter dem Ärmel. Sie war ein wenig rot geworden.

»Aber zeigen Sie doch!« bat er.

Sie zögerte. Endlich streckte sie ihm den Arm hin: »Meinetwegen ... Es ist festgeschmiedet.«

Er drückte neugierig an der Feder und war wohl enttäuscht. Hinter Glas ein einziges welkes Blütenblatt.

»Nun haben Sie Ihren Willen!« Sie wollte den Arm zurückziehen.

»Nein, gnädige Frau, noch einen Augenblick! Es könnte eine Heckenrose sein.«

Sie nickte.

»Und es bedeutet sehr viel oder sehr wenig«, fuhr er nachdenklich fort. »Sehr viel?«

»Sehr viel!«

»Also auch Phantastin?«

»Das ist doch schließlich jeder einmal ... Dies Rosenblatt ist schon Jahre alt, und es bedeutet in irgendeinem Leben den Wendepunkt. Bis zu der Stunde, wo er dieses Blatt pflückte, ist jemand scharf rechts gegangen, und dann ging er scharf links.«

»Sie selbst, gnädige Frau ...«

»Ich weiß nicht«, antwortete sie tonlos.

Er schaute noch immer nachdenklich. »Darf ich das Glas öffnen?«

»Wenn es durchaus sein muß. Ich öffne es nie. Es ist gewiß eine Torheit, aber der Anblick tut mir zu weh.«

»Erlauben Sie es mir dennoch! Ich bin ein großer Rosenfreund, und in jedem Leben gibt's eine Erinnerung und ein welkes Rosenblatt.«

Er öffnete das Glas und sog den fade süßlichen Duft ein, der geblieben. Dann knipste er es sorgsam und schweigend zu. Der schlanke Frauenarm glitt zurück. Dühling war sehr ernst geworden. Er dachte an ein Rosenblatt daheim in seinem Koffer, in einer kunstvoll verschlossenen Kassette zwischen einem halben Dutzend dünner Briefe. Den letzten dieser Korrespondenz trug er immer bei sich. Seit jenem Tage in Königsberg hatte er das eine Wort darin nicht mehr geküßt. Und jetzt überkam ihn, den Genesenden, die Erinnerung weher als je. Sein Rosenblatt war sicher ein ganz anderes und an einem ganz andern Strauche erblüht, und die Dame neben ihm war sicherlich nichts mehr als eine elegante Sportdame mit weltschmerzlichen Anwandlungen. Doch die Erinnerung, die das fremde Amulett geweckt, war unerbittlich. Er mußte die Zähne aufeinander beißen, um nicht aufzustehen und brüsk zu sagen: »Gnädige Frau, ich möchte allein sein!« Und Bild auf Bild zog schrecklich langsam vorüber ... Wie er zum ersten Male vor seinem witzelnden Brigadekommandeur stand, und wie die junge, reizende Frau ins Zimmer trat mit ihrem müden Charme ... Wie sie ihn bei ihrem eignen Hausball kindlich fragte: »Haben Sie je geliebt?« und wie er nichts anderes tun konnte, als sie ansehen. Und wie sie dann langsam begriff, und wie die Flamme auch zu ihr hinüberschlug. Die Bilder zogen weiter, die heiteren und die grauen ... Und wie er zum letztenmal die schlanke Kinderhand küßte, es war in großer Gesellschaft. Sie hatte es so gewünscht. Die Gäste wandten kein Auge von den beiden Sündern. Und wie er, seiner Sinne kaum noch mächtig, auf die geliebte Hand gebeugt, murmelte: »Wir sehen uns nie wieder.« Und wie sie tröstend lächelte: »Mein Freund, wir sehen uns ganz sicher wieder.« Sie hatte das Ende so gewollt, sie hatte auch gewußt, daß es endgültig zu Ende war und zu Ende sein mußte. Es war der vornehme Instinkt. Sie wollte rein bleiben, und sie blieb es. Niemand wußte das besser als er ... Am andern Tage reiste sie, und er stand vor seinem Kommandeur, der gar nicht begreifen konnte, daß sein junger, vielversprechender Adjutant plötzlich dienstmüde geworden war.

»Aber liebster, bester Dühling, überlegen Sie sich's doch noch! Sie haben den Stabsoffizier in der Tasche, und was Deuwel ficht Sie an, jetzt auf einmal den Krautjunker spielen zu wollen! Meine Frau wird des Todes verwundert sein, wenn sie von ihren Eltern zurückkommt und Sie nicht mehr vorfindet.«

Aber der Adjutant hatte ihm nur mit einer tiefen Verbeugung gesagt: »Herr General, ich muß. Das Gut ist Majorat, und ich kann nicht länger warten ...« Und dann die Briefe von ihr: der müde Charme der Weltdame, das rührende Ungeschick eines Kindes, seltsam gemischt. Seit dem letzten war ein volles Jahr vergangen, aber der Satz darin: »Da ich es durchaus schreiben soll, ich habe noch ganz dieselben Gefühle wie einst«, dieser Satz war ihm noch immer wie das Abendrot eines schönen Tages ... Und während er, den Blick tauschend, ins Weite träumte, sah er nicht, daß zwei blasse Frauenaugen forschend auf ihm ruhten.

Auf einmal streifte ihr Reithandschuh leicht seinen Arm. Er sah sie verwundert an.

»Herr von Dühling, warum müssen Sie denn nur von der Vergangenheit leben?«

»Was soll das heißen, gnädige Frau?« fragte er nervös.

»Daß ich alles weiß, Herr von Dühling, alles. Und daß ich Ihnen das einmal sagen mußte ... Es ist heute unser letzter Tag –« sie hielt inne, – »ich kenne Sie länger und besser, als Sie ahnen. Ich kenne Ihr Schicksal, und ich kenne auch die Frau. Ich weiß, was im Augenblick an Ihnen vorübergegangen ist, jedes Wort, jedes Bild. Und wie ich Sie so sah, und weil ich so vieles weiß, kommt es mir lächerlich vor, noch weiter Verstecken zu spielen ... Wenn Sie wissen wollen, woher mein Rosenblatt stammt, – ich pflückte es vor drei Jahren in Straßburg. Es war beim Statthalter, bei einem großen Sommerfest. Ich stamme aus der Gegend und war mal vier Wochen allein bei meinen Eltern. Ich sah Sie zum erstenmal. Sie kannten mich nicht, aber von Ihnen hatte ich schon viel gehört. Sie trugen die Uniform der Leibulanen und tanzten mit der Frau Ihres Generals. Und nach dem Tanze küßten Sie der Frau die Hand. Es war so ungewöhnlich ... Und ich stand nur einen Schritt von Ihnen und sah, wie Ihre Lippen sich auf den hellila Handschuh preßten. Und dann blickten Sie die Frau an; es war nur ein Blick, und ich werde den Blick gewiß nie vergessen. Und ringsumher wisperten die Leute, und ich haßte die Leute ... Dann verbeugten Sie sich stumm und gingen in den Garten. Ich folgte Ihnen, es war nicht häßliche Neugier. Und Sie pflückten zwei weiße Knospen von einer Rosenhecke und sahen sie lange an. Und ich stand dicht bei Ihnen, mein Ellbogen streifte Sie fast, und ich pflückte mir eine Knospe von demselben Strauch. Sie sahen mich aber gar nicht. Nachher brachten Sie eine Knospe der Frau und ließen die andre verstohlen in Ihre Brustrabatte gleiten. Und die Frau, die dies gar wohl sah, lächelte weh. Ich habe sie nie wiedergesehen ... Später hörte ich, daß das Ihre letzte Zeit in Straßburg gewesen war. Auch die Frau reiste ab. Und ich dachte immer, daß Sie beide nie wiederkommen würden. Aber die Frau kam wieder. Sie nicht.«

Er blickte sie an wie eine Erscheinung. Dann lächelte er häßlich. »Und das erzählten Sie alles Ihrem Gatten?«

Sie schüttelte den Kopf: »So was erzählt man nicht.«

Er fühlte, daß sie wahr sprach. »Und warum sagen Sie mir das alles erst an unserem letzten Tage?«

»Ja, warum an Ihrem letzten Tage?« wiederholte sie.

Er lächelte wieder das häßliche Lächeln. »Ich spiele nie Komödie. Was Sie sagen, ist ... Und natürlich brechen Sie wie alle den Stab über eine Frau, die Sie doch nicht kennen.«

»Dann würde ich Ihnen das alles sicher nicht erzählt haben«, antwortete sie ruhig.

Er sah sie lange an. Ihre Augen blieben blaß, ihr Gesicht ruhig. Aber das eine fühlte er deutlich, daß sie ehrlich war und daß sie ihn verstand.

»Sie war eine Heilige«, sagte er langsam. »Glauben Sie's mir oder glauben Sie's nicht, das ist allein mein Verhängnis.«

Frau von Westrem war aufgestanden und nahm die Reitgerte von dem Stein.

»Heilige? Ja, ja«, sagte sie etwas gedehnt, »soweit das eine solche Frau gerade sein kann, die seltsamerweise eine verbotene Neigung im Herzen trägt ... Sie tut mir wohl auch leid.«

»Wieso: wohl auch leid?«

»Da werden Sie mich vielleicht nicht verstehen können.« Die Hand mit der Reitgerte ballte sich langsam zur Faust. »Nicht die Heilige tut mir leid, sondern die Frau, die der Sünde nicht fähig war«, sagte sie kurz und hart. Er sah sie an. Auch ihre Augen hatten jetzt etwas unerbittlich Kühles. Georg von Dühling stand langsam auf und klopfte sich den Staub vom Ärmel. In der kurzen Pause fanden beide ihre gesellschaftliche Sicherheit wieder.

»Ich bin Ihnen zu vielem Dank für Ihr Zartgefühl verpflichtet«, sagte er.

Sie gab ihm die Hand. Er wollte sie höflich küssen. Sie ließ es nicht zu. »Sie haben's ja auch sonst nicht getan, Herr von Dühling, und gegenseitige Geständnisse heben sich auf ... Nun aber leben Sie wohl! Ich will nämlich allein zurück ... Was mir der letzte Tag hier in dem Nest geben konnte, das hat er mir gegeben: ich habe die Heide noch einmal in der Mittagsglut gesehen und Ihnen gesagt, was ich sagen mußte ... Man soll sich eben bescheiden im Leben, und vielleicht finden auch Sie noch einmal das wirkliche Glück ... Ich werde meinen Mann von Ihnen bestens grüßen.«

Sie wandte sich rasch. Er blieb gehorsam zurück. Sie ging eben immer ihre eignen Wege, und der Zauber der Persönlichkeit umfloß sie auch jetzt. Er sah ihr nach, wie sie so sicher und schnell über die brennende Heide schritt. Das rote Haar leuchtete, und der graue Schleier flatterte matt. Das reiche Haar, gelöst, mußte ihre schlanken, weißen Glieder umwallen wie ein Mantel. Der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, und dabei fiel ihm der nächtliche Strand ein und die badende Nixe. Hatte die nicht am Ende auch rotes Haar? Aber die Augen hatten anders, hatten so heiß geflammt ... Jetzt verschwand sie im hellen Gebüsch. Noch einmal der leuchtende, griechische Knoten – und Georg von Dühling stand wieder allein auf der sengenden, trostlosen Heide. Jetzt, wo sie fort war, die alles wußte, fühlte er erst, wie einsam sie ihn zurückließ. Die einzige Frau, die ihn verstand ... Und die ließ er gehen? Eine gewisse Sehnsucht faßte ihn ... Wenn er sie noch einmal spräche und ihr wenigstens freundlich sagte: »Gnädige Frau, ich danke Ihnen von Herzen.« Und er überlegte rasch, daß er sie doch noch einholen könne, wenn er den tief sandigen Fahrweg am Berg unten verfolge. »Es ist Torheit, aber wohl tut's ihr vielleicht doch.« Er schritt schnell. Als er beim Bahnhof die Schienen passierte, sah er einen dunklen Schatten an dem alten Übergang vorübergleiten. Im Kiefernwald am Teich trafen sie sich. Jetzt ging sie langsam, fast schwer. Als er sie anrief, schrak sie zusammen. Ihm fiel auf, wie furchtbar blaß sie war. Wohl die Glut, und dann wurde ihr auch der Abschied schwer von dieser wonnigen Einsamkeit, merkwürdig schwer, wie sie selbst zugab.

Dühling war herzlich liebenswürdig zu ihr. Er versuchte sie sogar mit lustigen Phantasien über Berlin zu erheitern.

Darauf konnte sie nur lächeln: »Ach, Berlin! Sie wissen ja selbst ...«

»Aber, gnädige Frau, müssen Sie denn eigentlich hin? Wenn Ihrer Gesundheit der Strand hier so viel besser bekommt, dann warten Sie doch bis zum Herbst, wo in Babel die Saison beginnt.«

»Ich muß nicht gerade«, antwortete sie achselzuckend.

»Ja, dann bleiben Sie doch, gnädige Frau!« bat er. »Ich kenne Sie eigentlich erst seit heute, aber ich bin Ihrem Zartgefühl so sehr verpflichtet, daß ich Sie sicher vermissen werde ...«

Da wurde sie unschlüssig. Die Reitgerte spielte. »Also Sie meinen, ich soll bleiben, Herr von Dühling?« fragte sie plötzlich. Er bejahte auf das liebenswürdigste.

»Vielleicht haben Sie auch recht«, sagte sie langsam. »Glauben Sie an Bestimmung?«

»Nein, nur an den absurdesten Zufall.«

»Ich bin im Begriff, das auch zu tun ... Passen Sie auf: ich nehme den dünnen Kiefernzweig hier mit beiden Händen an den äußersten Enden und zerbreche ihn. Fällt auf Ihre Seite das längere Ende, dann bleibe ich, fällt's auf meine, reise ich.« Sie schloß im Scherz die Augen. Der Zweig knickte.

»Bleiben, gnädige Frau!« rief Dühling und hielt das längere Ende. »Und Sie dürfen mich auch nicht mehr so schneiden wie sonst.«

»Das kann ich Ihnen nicht versprechen.«

Sie trennten sich fröhlich. Aber als sie die heiße Düne allein hinaufging, wurde ihr der Fuß wieder schwer, und sie sagte langsam: »Es ist doch wohl Bestimmung ... Entweder geht es jetzt rasch zum Leben oder rasch zum Tode, und etwas anderes wollte ich ja auch nie.«

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