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Das Blinkfeuer von Brüsterort

Johann Richard zur Megede: Das Blinkfeuer von Brüsterort - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleDas Blinkfeuer von Brüsterort
publisherVerlag Friedrich Rothbarth / Leipzig
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5afc59f8
created20061226
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Die Regenwoche war schrecklich. Die Pensionsgäste stießen sich in der Villa herum. Sie starrten melancholisch auf die appetitlichen Flundern, sie hockten frierend in der Glasveranda und sahen verzweifelt, wie der kalte Regen unaufhörlich rann, wie die Gartentische trübselig glänzten und die Birkenbüsche sich frostig schüttelten. Man floh zu den ältesten Zeitungen, den abgegriffensten Büchern, der Dauerskat tagte. Zuweilen rührte eine Hand verlegen die Pianinotasten, und sofort fuhr sich ein alter, musikalischer Griesgram mit beiden Händen wütend nach den Ohren. Den Teufel mit Beelzebub vertreiben – das fehlte noch! Die Dame des Hauses tröstete liebevoll: »Das Barometer steigt, sehen Sie!« Und sie klopfte an der schmachvoll gesunkenen Wettersäule. Doch nur ein höhnisches Gelächter antwortete. Sie klopften ja alle täglich, stündlich, das feige, verräterische Metall duckte sich nur noch tiefer. Schon am frühen Morgen klapperte der Groglöffel, es duftete süßlich nach Arrak und seefeuchten Zigarren. Der Kellner Karl hatte bequeme Tage, aber auch er blickte trübselig darein, die spärlichen Passanten draußen auf dem Strandweg zogen gekränkt unter ihren Touristenschirmen nach den alten Dorfwirtshäusern hinunter. Bei Tisch wurde höflich geschwiegen oder verbissen geknurrt, höchstens ein gellendes Auflachen des Galgenhumors. Das Essen schmeckte einfach miserabel. »Wieder die verdammten kleinen Steinbutten mit der labbrigen Soße ... und der Kalbsbraten! ... Ich bitte Sie, dagegen bei uns in Königsberg! Aber das erkläre ich hiermit feierlich: das letztemal samländischer Strand. Man friert oder verregnet. Es ist die alte Geschichte. Das soll nun der Urlaub sein, auf den man sich schon das ganze Jahr gefreut hat!« Und wenn jemand kleinlaut Einspruch zu erheben wagte, ward er sofort mit bösen Blicken zugedeckt, oder man zuckte verächtlich die Achseln. Einmal blinzelte die Sonne blaß und hohläugig durchs grämliche Grau.

»Oh, sehen Sie doch, Herr von Dühling, die Sonne! Und es wird schön ... es wird schön!« triumphierte die hübsche Enthusiastin neben ihm. Sie erntete nur ein galliges Schweigen oder ungläubiges Lachen. Freilich, die Jugend nahm den Regen nicht so tragisch. Sie tat sich mit dem Schriftsteller in der Glasveranda zusammen und machte gottlose Witze, auch die Pension wurde etwas durchgehechelt. Georg von Dühling hielt sich abseits, entweder auf seinem Zimmer, oder er saß beobachtend. Auch ihm drückten Regen und Langeweile auf die Stimmung. Aber er fühlte auch zugleich, was er lange nicht gefühlt, daß man im Leben doch irgendein festes Ziel haben müsse, sei es auch das törichteste ... vielleicht ein Frauenkopf, der die Wünsche, die Phantasie leitet, und wo man hoffnungsvoll vorwärts schaut nach dem lachenden, nicht träumend zurück nach dem weinenden Glück. Diese einzige Wahrheit des Lebens ging ihm wieder auf, aber er glaubte doch daran nicht und schaute nur noch sehnsüchtiger zurück nach einer fernen, fernen Gestalt. Das hübsche, junge Mädchen setzte sich oft zu ihm und sprach lustig auf ihn ein und sah durch den Regen immer die Sonne. Auf Augenblicke erwärmte ihn diese Jugend, dieses Hoffen. Er blickte auch wohl nachdenklich umher, wie es unbefriedigte Junggesellen immer tun; es waren viele hübsche, frische Dinger darunter, und ein warmes Frauenauge lachte vielleicht verstohlen auch ihm. Doch vergebens. Auch nicht ein Schimmer von Neigung leuchtete in ihm auf.

Am letzten Tage der Regenprüfung nahm ihn der Stadtrat geheimnisvoll in die Ecke: »Eine Frage, Herr Rittmeister. Haben Sie nicht mit dem Baron Westrem zusammen bei der Garde gestanden?«

Dühling antwortete zurückhaltend: »Bei der Gardekavallerie nicht, nicht einmal beim Gardetrain ... Ich war zuletzt Leibulan.«

Aber der kleine Herr fuhr aufgeregt fort: »Das ist auch nur unwesentlich. Die Sache ist nämlich die: ich bin sehr liberal, und das ist mein Stolz, was Sie auch dagegen sagen mögen; aber für die Geschichte der wirklich vornehmen Geschlechter habe ich mich immer lebhaft interessiert. Und gerade bei diesem Regenwetter komme ich auf meine alte Passion zurück. Wollen Sie vielleicht mal die Güte haben, Herr Rittmeister« – er zog eine Visitenkarte vor: Esther Freifrau von Westrem, geborene Freiin Lyssar –, »die kam mir neulich in die Hände. Lyssar, Lyssar – nie gehört! Was denken Sie über diesen Adel? Im letzten Gothaischen steht er nicht drin, das sage ich Ihnen gleich.«

»Es klingt aber sehr anständig. Und waschechte Freiherren können sie trotzdem sein.«

Der bewegliche Herr trat von einem Bein aufs andre und schüttelte heftig den Kopf: »Nein, Herr Rittmeister! Das ist gerade der Krebsschaden bei uns; alle diese Pseudo-Barone, denen man gesetzlich nicht beikommen kann. Knöpft dem Mann das Heroldsamt den Titel ab, die Frau führt ihn dann um so ungenierter weiter ... Wirklich alte Familien, Hut ab, selbstverständlich! Da ist Tradition, da ist was dahinter.«

»Oder manchmal auch nicht.« Dühling begann sich zu langweilen.

Doch der alte Herr packte ihn am Rockknopf und wurde jetzt ganz geheimnisvoll: »Nein, Herr Rittmeister, Sie dürfen nicht ausweichen! Glauben Sie, daß an dieser Freifrau von Lyssar etwas dran ist? Mir gefällt sie, unter uns gesagt, gar nicht, und wenn ich Ihnen von Königsberg Geschichten erzählen wollte ... Sie sind ein Menschenkenner, Herr Rittmeister, und es würde mich sehr interessieren.«

Dühling lachte. »Sie hat rote Haare und spielt Tennis, mehr weiß ich auch nicht, übrigens« – er zeigte nach dem Garten –, »da kommen die beiden gerade. Wenn Sie wünschen, frage ich direkt.«

Der Kleine hob die Hand wie zur Beschwörung: »Herr Rittmeister, es war im tiefsten Vertrauen ... wenn Sie das täuschen könnten!«

»Keine Angst, Herr Rat, keine Angst, ich bin wirklich kein Schwätzer!«

Die Tür der Glasveranda öffnete sich, und der Kleine stob aufgeregt von dannen. Westrems legten ihre Regenmäntel ab. Der Mann sagte etwas laut zur Dame des Hauses: »Immer gemütlich bei Ihnen«, und dann zum Kellner: »Also erst 'n anständiges Gabelfrühstück und dazu 'ne anständige Pulle Sekt ... Was will der Mensch noch mehr!« Darauf trat er in die Tür zum Eßsaal, wo Dühling abgewandt am Fenster Figuren zeichnete. Und mit der Taschenbürste über den tadellosen, dicken Scheitel streichend: »Ein Käfer immer netter als der andre. Das muß man der Dünenvilla lassen!« Die Bewunderung war hörbar genug. Zwei junge Halmaspielerinnen aus Verzweiflung duckten sich angenehm beschämt. Dühling drehte sich unwillkürlich halb nach dem Sprecher um. »Ah, sieh da. Dühling! Immer noch hier? Heute sind Sie feierlich eingeladen: Déjeuner à la fourchette. Mein Kommando grade 'raus: sechs Monate zum königlichen Marstall. Erwarte nur noch Telegramm wegen des Antritts ... Sollen mal sehen bei dem großen Generalschub zu Königs Geburtstag: Westrem, Abschied in Gnaden behufs Übertritt zum Königlichen Hofdienst. Später Oberstallmeister. Exzellenz und so weiter. Wenn's glückt, soll's da höllisch rasch gehen. Passen Sie mal auf, Dühling, ich fahre Sie noch mal viere lang durch die Siegesallee. Man muß nur Glück haben, Dühling, Glück!«

Dühling dämpfte die Begeisterung etwas. »Das müßten Sie dann wirklich haben, lieber Westrem. Denn als junger Leutnant hatten Sie eine berüchtigt harte Hand, und jeder neue Gaul ging Ihnen erst in der Bahn durch.«

»Neid, alter Freund, nischt als Neid! Nu kommen Sie aber!«

In der Glasveranda wurde ein kleiner Seitentisch gedeckt. Dühlings Freundin war auch eingeladen. Sie war überglücklich und sagte wohl ein dutzendmal: »Jetzt, wo Sie endlich gekommen sind, gnädige Frau, muß es wirklich gutes Wetter werden ...« Der schöne Westrem galt immer ein wenig als Zauberer, bei jungen Mädchen nicht nur, sondern auch bei Kellnern. Das Frühstück erschien darum sehr bald, der erste Gang, die Schnitzel dufteten besonders aufregend. Im Eßzimmer schnüffelten hungrig und neidisch sehr viele Nörgler. Die Passanten bekämen stets das Beste. Das war für den ganzen Sommer ein nie versiegender Unterhaltungsstoff.

Indessen perlte der Sekt in die Gläser. Der Kellner Karl mit der Serviette blinzelte äußerst pfiffig. Herr von Westrem, der Publikum liebte, erhob sich halb: »Meine Herrschaften, es ist grade kein Kaiserwetter heute, aber ein großer Tag ist es deswegen doch. Wir feiern nämlich heute unsern zehnjährigen Hochzeitstag. Und ich wünschte, daß allen Eheleuten die Liebe genau so grünen und blühen möge wie uns in den zehn Jahren. Meine liebe Esther, dein Wohl!«

Die Gefeierte lächelte, die Augen des hübschen Mädchens leuchteten, und die Gläser klangen.

»Nanu? Etwas deutlicher, Esther!« rief Westrem. »Das ist doch mein alter Freund Dühling, von dem ich dir so viel erzählt habe!«

»Ja, ja ... ich erinnere mich auch.«

»Das sagst du aber ganz merkwürdig, Schatz! Wenn man dir von einem Menschen ganze Bände erzählt hat ...«

Frau von Westrem zuckte etwas nervös: »Ja, ja! Es wäre doch unhöflich gegen Herrn von Dühling, wenn ich jetzt noch nein sagte. Er selbst hat mich neulich beinahe dasselbe gefragt ... Und jetzt erinnere ich mich dunkel ... Nicht wahr, Herr von Dühling, Sie nehmen es mir nicht übel? Mein Mann erzählt so viel, und auch sonst hört man so viel, und man vergißt es, namentlich, wenn man den Betreffenden nie gesehen hat ...«

Dühling verbeugte sich stumm. Der Gatte schüttete resigniert einen vollen Kelch hinter den blonden Habyschnurrbart. Die gute Laune aber verlor er dauernd nie. »Ja, sehen Sie, alter Freund ... Wenn Sie etwa noch beabsichtigen, in den heiligen Stand der Ehe zu treten, dann merken Sie sich, bitte, daß mit dem siebenjährigen Krieg die Sache keineswegs zu Ende ist. Im Gegenteil! Heute vor drei Jahren machte mir meine angebetete Esther die wirklich allererste Szene. Bis dahin war alles eitel Sonnenschein gewesen, und da empörte sie auf einmal eine Bagatelle, ein Nichts. Nervenattacke Numéro I ... Gehört selbstverständlich zur Ehe! Wirst du noch nicht feindlich, Esther?« fragte er gut gelaunt.

»O nein.« Sie hatte auf einmal eine steife englische Art, die die Gäste nicht recht zu deuten vermochten.

Der Gatte fuhr scherzend mit dem Sündenregister fort: »Und dann hast du angefangen, die Kommandeusen zu schneiden, und dann hast du dir das Tanzen abgewöhnt, und jetzt badest du neuerdings auch nicht mehr See ... Natürlich Ulk, meine Herrschaften! Die Liebe hat jedenfalls nicht gelitten ... Aber nicht wahr«, wandte er sich scherzend zum Freunde, »als Adjutantenfrau alle Kommandeusen zu schneiden, ausgerechnet alle, das ist ein bißchen ville auf einmal?«

Frau von Westrem war leicht rot geworden. »Ich weiß nur von einer«, sagte sie leise, die Augen auf dem Teller.

Der schöne Westrem lehnte sich etwas breitspurig im Stuhl zurück. »Nu, das ist doch wahrhaftig grade genug, wenn diese eine, genau ausgerechnet, die Frau ...« Er stockte mitten im Wort. Die Frau sah ihn jäh an, und in den blassen Augen blitzte ein heißer, böser Funke: unterstehe dich, Namen zu nennen!

Der Mann schwieg auch sofort gehorsam. Dühling aber schaute gespannt auf die Frau, er verstand sie nicht. Es war ein harmloser Zwischenfall. Und die Sektlaune scheuchte das leichte Mißbehagen schnell hinweg. Die Unterhaltung ging weiter, nur das Thema wechselte. Diesmal Familie. Danach waren die Lyssar aus dem Reichsland, und sehr reich mußten sie auch sein. Doch Frau von Westrem blieb immer steif und zurückhaltend. Sie sprach in die Luft, und das schien wohl Gewöhnung zu sein. Erst bei den Pferden wurde sie lebendig, ja amüsant. Dühling hatte jetzt das Gefühl, als sei irgendeine Laune verflogen.

Später ging der Gast weg, um zu Pferd und im Reitanzug wieder vors Haus zu kommen. Inzwischen flackerte ein leichtes Gespräch zwischen den Damen über die besten Königsberger Tennisspieler. Dann gingen noch alle eine lange Strecke Weges mit, den schönen Westrem abreiten zu sehen.

Als er weit hinter dem Dorf auf einem aufgeweichten Landwege wieder aufsaß, sagte er, sich wohlgefällig in den Bügeln dehnend: »Gott sei Dank, daß unsereiner nicht Infanterist geworden ist! Die halbe Stunde jetzt war mir beinahe schon zu viel ... Also nochmals: Gott befohlen, Schatz! Und in spätestens acht Tagen haben wir, denke ich, das Telegramm. Und dann ein froheres Gesicht, wenn's irgend sein kann, Frau von Westrem.« Er beugte sich noch einmal tief aus dem Sattel, und sie küßte ihn ganz leicht. Doch sah sie ihm lange nach. Er saß so stramm zu Pferde.

Und die harte Hand hat er doch noch! dachte Dühling.

Wiederum begann es zu tröpfeln. »Gehen Sie rasch nach Hause, liebes Fräulein Melitta, und nehmen Sie meinen Schirm, es wäre sonst jammerschade um Ihr neues Sommerkleid.« Frau von Westrem sagte das freundlich, aber bestimmt. »Bis zu meiner Wohnung bringt mich wohl Herr von Dühling.«

So klommen die beiden allein den ausgewaschenen Dünenweg hinan. Sie sah immer zu Boden. Und er murmelte feindlich: »Werdet euch nie verlieren, ihr zwei beide, weil ihr euch nie gefunden habt! Und jetzt markiert sie auch noch die trauernde Strohwitwe.«

Sie standen auf der freien Düne. Das Meer lag im grauen Dunst, über dem Küstenwald wogten die Nebelschwaden. Da sagte sie, ohne aufzusehen, plötzlich: »Ich habe neulich und auch eben gelogen. Mein Mann erzählte mir viel von Ihnen, und ich weiß jedes Wort. Wundern Sie sich meinetwegen darüber, aber wähnen Sie nicht etwa, daß ich mich interessant machen möchte. Ich könnte Sie aufklären, dann würden Sie mich gewiß für schlecht halten oder kindisch. Ich bin beides nicht ... Adieu!« Sie reichte ihm wieder flüchtig die Hand.

Seit diesem Tage interessierte ihn die Frau. Aber nur das Geheimnis lockte.

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