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Das Blinkfeuer von Brüsterort

Johann Richard zur Megede: Das Blinkfeuer von Brüsterort - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleDas Blinkfeuer von Brüsterort
publisherVerlag Friedrich Rothbarth / Leipzig
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5afc59f8
created20061226
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Am Morgen erwachte er früh. Ein lichtgebadeter Tag. Es war ein einfaches Mansardenzimmer, doch gemütlich und hell, auf dem Tische stand ein Feldblumenstrauß. Der Blick ging auf Wald. Im Morgenwind spielten die Birkenblätter, und die jungen Triebe der Kiefern leuchteten im zarten Graugrün. Dahinter das Meer silberglänzend, klar. Georg von Dühling öffnete das Fenster. Im Garten unten klirrten Kaffeetassen. Junge Stimmen, Lachen. Der schmale Weg nach dem Strand ging am Hause vorüber. Helle Kleider grüßten herauf, frische Mädchengesichter. Seine Toilette dauerte immer lange. Als er hinunterkam, war das Haus fast leer. Diese Frühaufsteher aus der Provinz nahmen den Tag voll und vergnügten sich bereits in der See oder im Wald. An der schwarzen Tafel im Korridor inspizierte er die Namen, gleichgültige Namen, kein einziger Bekannter darunter. Gott sei Dank! Auch »Georg von Dühling, Offizier«, schimmerte bereits in weißer Kreide. Er lächelte. Der Kellnerinstinkt hatte doch richtig geraten. Das a.D. malte er selbst ungeschickt dazu. Eine freundliche, ältere Dame überraschte ihn dabei, die Frau des Hauses. Sie erkundigte sich liebenswürdig, wie er die erste Nacht an der See geschlafen habe, und belehrte ihn, daß die Dünenvilla nicht etwa ein Hotel, sondern ein Pensionat sei, daß man fünf Mahlzeiten nehme, und daß sie in ihrer Jugend einen Herrn von Dühling auf Berten sehr wohl gekannt habe.

Der Gast kniff nur die Lippe und sagte: »So?« um dann etwas höflicher hinzuzufügen: »Fünf Mahlzeiten? Da kann ich nicht mit, gnädige Frau. Außer dem Kaffee zwei sind mir reichlich genug.«

Die Dame zuckte die Achseln: »Ja, die Herrschaften verlangen's nun einmal, namentlich das zweite Frühstück. Und Sie sollten mal sehen, wie heißhungrig die Jugend nach dem Bade darüber herstürzt. Aber es freut mich auch, ich freue mich überhaupt, wenn es den Gästen schmeckt, denn die Küche dirigiere ich. Und die Seeluft macht Appetit! Sie werden das noch an sich selbst erfahren. Und es sollte mich freuen, wenn Sie nach einigen Wochen etwas wohler aussehen als jetzt!« Sie sagte das in einer feinen, hausmütterlichen Art, die wohl tat.

»Ich hoffe auch, gnädige Frau«, antwortete er freundlich. Der Kellner Karl hatte sich dazugesellt; listig blinzelnd, die Hand in der Hosentasche spielte mit den Biermarken. Und als die Frau ging, erklärte er vertraulich:

»Aber Sie können alles kriegen bei uns, Herr Rittmeister, wie in einem Hotel, nur billiger. Wir haben nämlich meistens Damen hier, und die sind auf die Dittchens, herrjeh! Wenn nicht noch die Passanten wären, könnte unsereiner gar nicht bestehen!«

Im Garten wartete bereits der Kaffee, ein guter Kaffee, der überreichlich dem Messinghahn einer altmodischen Maschine entströmte. Die Schenkin war ein hübsches, junges Ding aus dem Dorf, mit etwas törichten Augen, – sie hatte noch niemals eine Eisenbahn gesehen. Nach all den Modebädern, den luxuriösen Winterkurorten mal etwas ganz anderes, etwas Ursprüngliches, ein Küstenort mit reiner Luft und einfachen Menschen. Die Villa, ein riesiges Schweizerhaus, turmgekrönt, mit großen Balkons und langer Glasveranda, ragte gar luftig und frei auf der Düne. Der gelbe Sand ringsum glänzte festlich in der Sonne, das zarte Birkengestrüpp ließ darauf seine zitternden Schatten spielen, und kleine Tannen zwischen duftendem Heidekraut kämpften zäh gegen die rieselnde Körnerflut, die sie immer wieder in weißen, heimtückischen Wellen begraben wollte.

Auch Staketlauben hoben sich aus Sand und Busch, ein schrecklich steifes Sommerhaus darunter mit farbigem Fenster und einem philiströsen Blumenbeet. Aber hinter der Villa, wo am Holzgalgen der Spielring auf dem Haken klirrte, hatten die Jungen ein tiefes Grab geschaufelt und waren bald ernsthafte Totengräber, bald trotzige Ritter im Verlies. Wenn nicht vor dem Haus um das wehmütige Rosenrundell die vielen Gartentische gestanden hätten mit den bunten, flatternden Decken und den Bieruntersetzern, und wenn nicht das weiße Schild am Eingang den Passanten allerlei Erfrischungen verheißen hätte, würde man vielmehr eine vornehme Privatvilla vermutet haben. Und jetzt noch starrten mißtrauische Fremde auf die Inschrift und sahen die bunten Illuminationslämpchen verwundert an ihrem Draht schwanken, ehe sie mutig eintraten oder schüchtern weitergingen.

Allmählich stellten sich die ersten Frühstückshungrigen ein. Junges Volk. Die Mädchen mit frischen Farben, das Haar aufgelöst, noch feucht vom Bad, und hoffnungsvolle Jünglinge mit schlaksigem Gang und etwas ausgewachsenen Hosen. Sie lachten und sprachen laut, und die Mädchen schlenkerten die weißen Baderollen. Ab und zu äugte ein hübsches Kind nach dem Fremden. Denn ein Fremder war hier immer Ereignis. Dann stieß sie wohl die Nachbarin an, sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und kicherten verschmitzt. An den Tischen bildeten sich Gruppen. Die Buttermilchkanne wanderte die Reihe herum, aus dem braunen Fell löste sich einladend das mattgelbe Fleisch der geräucherten Flunder, weiche Eier wurden beklopft, und mit kleinstädtischem Mißtrauen prüften die Hausfrauen, ob sie auch frisch seien. Die Mädchen aßen hastig, die sorglosen Mütter dazwischen mit Bedacht, ein paar alte Jungfern langsam oder zerstreut, von melancholischen Phantasien getragen. Aber die Gymnasiasten saßen stolz für sich, das Männerbier perlte, und der Kneifer wurde kühner gesetzt, wenn sie mit Siegerblick nach den kleinen Mädchen hinüberschauten. Jungens tobten bereits mit der Klappstulle durch den Garten, das Kriegsgeheul gellte, und am Holzgalgen schwang sich der Ring.

Es war wahrlich keine blasierte Gesellschaft, und Georg von Dühling fühlte sich unter diesen Provinzlern ein wenig fremd, und wiederum schienen ihm die Stimmen und die Gesichter vertraut. Auf dem Strandwege draußen flutete ein bescheidener Menschenstrom. Alle schauten nach der Villa, neugierig, vielleicht neidisch die einen, etwas verächtlich überlegen die andern. Seit vorigem Jahr bestand ein heimlicher Zwist: ob die lustige, elegante Dünenvilla auf der Höhe vorzuziehen sei oder die alten Gasthäuser im Dorf. Die Jugend plädierte leidenschaftlich für die Düne, weil der Strand so nahe und der Blick freier, aber die alten Familien erklärten im maßgebenden Ostpreußisch, daß der Teich und der Zauberwald unten im Dorf weit schöner seien, und daß eine dreißigjährige Badegasttreue Beweis genug dafür wäre. Doch Gefühle sind wandelbar und Menschen wankelmütig. Die Villa galt heute bereits als der aufgehende bessere Stern. Eine feste Fronde bildeten nur noch unfehlbare Gymnasialprofessoren und die Wirte.

Der Kellner Karl kam geschäftig: »Herr Rittmeister, soll ich Ihnen nicht auch ein bißchen Frühstück rausbringen? Ganz frische Flundern«, und er zwinkerte freundlich.

Dühling dankte lächelnd. Diese Provinzart wurde ihm nachgerade spaßig.

»Aber lieber Freund, bitte, nicht Rittmeister, ich liebe keine Chargen ...«

»Na, nehmen Sie's nur nicht übel, Herr Baron ... die Herrschaften wollen's hier gerade so. Da heißt's immer: Frau Doktorn und Frau Rätin ...«

Dühling stand auf. »Sie sind unverbesserlich, teurer Karl ... Der Ort ist doch nicht weit?«

»Nein, rechts und dann um die Ecke und dann links, und dann können Sie nicht fehlen.«

Der Gast nickte, der Kellner dienerte. In der Gartentür blieb Dühling noch einen Augenblick unschlüssig stehen. Auf einmal murmelte er verdrießlich: »Auch der noch, – ich danke!« und bog rasch nach links. Doch nach wenigen Schritten war er schon eingeholt, eine Herrenhand schlug ihm auf die Schulter. Es war der Offizier von gestern, diesmal in Reitzivil.

»Tag, Dühling! Wollen mich heut wohl wieder schneiden?«

Der Angeredete blieb stehen. »Ach so, Sie sind's«, antwortete er etwas gedehnt. »Tag ... Wieder schneiden? Wieso?«

»Na, gestern in Königsberg an der grünen Brücke. Sie waren aber immer so, Dühling.« Und ohne die Antwort abzuwarten, nahm er ihn unter den Arm: »Kommen Sie nach der Bank da! Da müssen Sie beichten, und hübsche Bälger flanieren da immer.«

Dühling ging geduldig mit. Es war ein lauschiger, grüner Platz am Strandweg.

Der Neue erwies sich als ein etwas derber, blonder Beau mit dickem Habyschnurrbart und Kommißteint. Er hieß Freiherr von Westrem. Die beiden hatten dieselbe Kriegsschule besucht, kurze Zeit im selben Regiment gestanden, irgendeine Sympathie verband sie nicht.

»Nett, daß man sich mal wiedersieht«, sagte Dühling endlich. »Sie sehen famos aus, Westrem, ungefähr zehn Jahre jünger als ich.«

»Nur äußerlich!« erwiderte der andre, »Übrigens, der weiße Schnurrbart steht Ihnen nicht mal schlecht ... allerdings mit achtunddreißig Jahren ein bißchen reichlich früh. Zeigen Sie mal die Hand! Natürlich Schnee, Aristokrat, genre distingué wie immer.« Und er schlug dem Kameraden kräftig aufs Bein.

»Meinen Sie?«

»Das waren Sie mal wieder ganz, Dühling! – Meinen Sie? – Ich kenne niemand, der die zwei Worte so arrogant sagen kann ... Aber Scherz beiseite, wie ich Sie gestern in Königsberg sah, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß man so schnell weiß werden kann.«

»Ich sehe aus wie mein eigner Vater, nicht wahr? Schadet nichts, ich bin auch nicht mehr eitel!«

»Aber blasiert sind Sie, Dühling, und das tüchtig!«

»Ach, Westrem, Sie reden nur nach, was mir schon seit meiner Fähnrichszeit nachgeredet wird.«

»Wir wollen uns nicht zanken«, meinte der andre gutmütig. »Die Zeit ist edel ... Sagen Sie mal, Dühling, warum haben Sie eigentlich Ihren Abschied so plötzlich genommen?«

»Es paßte mir nicht mehr.«

»Na, na, Dühling, das allein?«

Der andre aber fuhr ruhig fort: »Ich habe ja mein Gut, und wenn es auch klein ist –«

Westrem lachte hell auf. »Das glaubt Ihnen ja kein Mensch! Sie und sich in Litauen auf dem Lande begraben!«

»Und wenn ich es doch täte ...«

Der andre blinzelte schlau. »Wissen Sie, wer nach Ihnen Adjutant bei derselben Kavalleriebrigade gewesen ist?«

Georg von Dühling sah den Sprecher groß an: »Sie. Ich lese doch die Rangliste.«

Der andre blinzelte noch pfiffiger. »Und die reizende Kommandeuse?«

»Und was hat die Dame mit meinem Abschied zu tun?« fragte Dühling eisig.

Da setzte sich der andre ganz dicht heran und stieß ihn leicht in die Seite. »Schauspielern Sie doch nicht, Dühling! Die Spatzen pfiffen's ja von jedem Kirschbaum ... Und dann ist Ihnen die Sache über geworden, und merkwürdig wie Sie immer waren, pfiffen Sie sofort auf den ganzen königlichen Dienst, der Ihnen doch nichts getan hatte ... Aber eine Sünde, eine ganz große Sünde war die Frau schon wert ... Famoses Weib!«

Georg von Dühlings blasses Gesicht färbte sich leichenhaft. Er war aufgestanden, und die dunkeln Augen blitzten hart wie Stahl. »Lieber Westrem, wenn böse Zungen sich in der Gemeinheit üben, haben Sie wenigstens die Güte, nicht den Kolporteur zu spielen! Ich kann Ihnen nur sagen: die Frau, die Sie allein meinen können, ist eine vornehme Frau, für manchen Geschmack wohl unverständlich vornehm. Und gerade Sie, der Sie die Frau so gut kennen, sollten sich ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende und wandte sich mit einem verächtlichen Achselzucken zum Gehen.

Doch der andre eilte ihm sofort nach, er war dunkelrot geworden, und die Stimme zitterte etwas. »Um Gottes willen, Dühling! Doch nur ein dummer Schnack ... Und daß Sie es so tragisch, so scharf auffassen konnten! Ich hab's nicht böse gemeint. Ich habe nun einmal die etwas robuste Art ... Ich nehme natürlich alles zurück ... Geben Sie mir Ihre Hand, Dühling!«

Dühling tat's zögernd und mit abgewandtem Gesicht. Es war ein peinlicher Moment. Und rasches Vergeben und Vergessen lag nicht in des Mannes Natur. So oder so würde die Sache noch mal ein Nachspiel haben. Sie schritten den Strandweg auf und ab. Dühling sprach kein Wort, und Westrem schlug mit der Reitpeitsche nach überhängenden Birkenzweigen.

Vor der Villa trennten sie sich. »Ich muß noch einen wichtigen Brief schreiben.«

»Aber, bitte sehr, Dühling, bitte sehr! Hätte Sie noch gerne meiner Frau vorgestellt, erwartet mich um zehn drüben im Wald. Schade! Na, wenn Sie länger bleiben sollten, sehen werden Sie sie schon mal. Wir essen oft hier, aber wir wohnen in einer Villa ziemlich weit ab, das heißt, ich komme alle acht Tage mal von Königsberg rausgeritten und markiere den eifersüchtigen Ehemann.« Er lachte etwas gezwungen. »Sie sind heute wirklich nicht in Stimmung, Dühling ...«

»Das bin ich allerdings nicht.« Und sie schieden mit einem höflichen Händedruck.

Die Pensionsgäste sahen dem Fremden nach, als er zwischen den Tischen dahinschritt. In der Glasveranda begann er der Form halber eine Ansichtspostkarte zu schreiben. Er haßte Briefschreiben; Wichtiges regelte immer der Telegraph. Die Sonne brannte heiß auf den geschlossenen Raum. Doch Dühling blieb stumpf sitzen. Da war wieder der Anfall, die Leere, diesmal mit Wehmut gemischt. Hinter ihm im Eßzimmer klapperten Teller. Da fuhr er nervös zusammen. Die Frau des Hauses kam. Er stand auf.

»Haben Sie sich bei uns umgesehen, Herr von Dühling?«

»Nein, gnädige Frau«, und er wies auf die unvollendete Karte.

Die Dame lächelte. »Ja, mit dem Schreiben wird das hier nie viel, die Herrschaften klagen alle ... Aber Sie haben ja noch so viel Zeit!«

Viel Zeit und wenig Möglichkeit sie totzuschlagen, das war die Signatur aller dieser Bäder. Essen, spazierengehen, schlafen, wer diese Nervenprobe bestand, war gerettet. Und Georg von Dühling machte sich vernünftig klar, daß er es wenigstens versuchen mußte.

Er nahm seinen Morgenspaziergang wieder auf. Zuerst in den Zauberwald. Ein stolzer Name! Die Villa lag mitten drin und überragte ihn, wie ein Schloß seine Parkhecken. Gestern in der Nacht hatte Dühling sich in dem dunklen Buschwerk fast verirrt, heute hatte solche Möglichkeit weniger Schrecken. Der Wald war nur ein Sandmeer mit Hängen und Schluchten, das gelb zwischen dem wuchernden Heidekraut vorleuchtete, die braunen Fichten umrieselte und die weißen Birken. In den Baumspitzen spielte der frische Seewind, aber unten war's schwül. Eine träumerische Schwüle. Der Sand brannte, geschäftig krochen die Ameisen hin und her. Es duftete nach Harz und Laub. Der Erikageruch zog mit. Und wo der kümmerliche Wald sich lichtete, blaute das Meer, grüßte der Salzhauch. Dühling wandelte verschwiegene Buschpfade, watete im Heidekraut, bestieg geheimnisvolle Waldhügel. Überall derselbe dürstende Sand, derselbe starke Duft, dasselbe arme Grün. Die Bienen summten, Insekten zirpten. Es war die einförmige Poesie der Heide um Mittag. Man schaut und träumt und schlummert ein. Die Kurgäste kannten wohl diesen Heidezauber und liebten ihn. Zwischen den Kiefern schwankten Hängematten, deren Insassen schlaftrunken in Büchern blätterten. Ins Heidekraut hingestreckte Mädchen starrten mit großen Augen zum Himmel. Auf schattigem Hügel hatte sich eine ganze Familie niedergetan mit Kinderwagen und Frühstückspapieren und einem schwitzenden, hemdärmeligen Vater ... Nirgends ein lautes Wort, nur schläfriges Flüstern, heimliches Gekicher. Die duftende Schwüle sog jeden Ton auf. Und ganz fern verschwamm der Wellen Schlafmusik. Es war Dühling einen Augenblick, als wenn der große Pan stumm über die Düne schritte und alles Leben fühlte den Zauberstab.

Dühling hatte, nach ziellosem Wandern müde geworden, sich auf eine Bank gesetzt. Eine alte Dame vertrieb ihn. Erst hustete sie zornig und dann pflanzte sie sich stumm neben den Eindringling. Es war wohl die sonderbare Vorstellung der Kleinstädterin, daß Plätze, die sie sich auserkoren, ihr auch endgültig gehörten. Der Eindringling war aber nicht bösartig und trollte sich bald. Dabei geriet er in eine tiefe, lose Sandwelle. Dahinter ein Hügel mit alten Kiefern. Als er ihn erstiegen hatte, schauten die roten Dächer des Dorfes durch das Grün. Der kleine Ort lag im engen Tal, von Wald gesäumt. Der langgestreckte Spiegel eines Sees blitzte. Ein friedlich Bild. Unten klapperte eine Mühle, floß träge das Fließ. Nichts verriet die nahe See ... Vielleicht hatten die alten Gäste doch recht mit ihrer Vorliebe für das bescheidene Idyll. Am See standen uralte Linden, Bänke darum. Rechts zog sich die sandige Landstraße hin. An ihr entlang das Dorf, sanft die Dünenhöhe emporsteigend, geborgen in Busch und Grün. Auf dem jenseitigen Ufer hoher, dunkler Kiefernwald, die Stämme leuchteten gelb in der Sonne.

Dühling blieb bei den Linden. Man konnte da die ganze Länge des Sees sehen, und wie seine frische Flut bis ins Feld hinaus blinkte. Seerosen schwammen, die Sonne blinzelte ins helle Naß. Es roch nach Wasser und Kühle. Mädchen in Sommerkleidern ruderten lachend und ungeschickt einen großen Kahn. »Die Heimat ist doch schön!« sagte der Vielgereiste ehrlich. Und der See blinkte freundlich, und der Wind fächelte Dank ... Auf der Landstraße ging ein Paar Arm in Arm. Dühling schielte hinüber. Es waren Westrems; der Mann sprach angelegentlich auf seine Frau ein. Vor den Linden bogen sie ab. Dühling sah ihnen nicht nach. Er saß mit gekniffener Lippe. Und dann fiel ihm ein, daß er einmal ein Bild von dieser Frau gesehen, – es war lange her, und ein überglücklicher Bräutigam zeigte es damals im Kasino herum. An dem Bilde hatte ihn etwas sehr gefesselt. Er hatte keine Ahnung mehr was, nur das Lachen der Kameraden hörte er noch und den Ausruf: »Natürlich, der unfehlbare Frauenkenner!« Und er dachte weiter, daß dieser Westrem wohl gerade jetzt die Begegnung von vorhin haarklein erzählte und daß man ein teures Andenken wieder mit Füßen trat. Ja, die Wunde blutete noch immer, aber er starb nicht daran.

Der Kahn mit den Mädchen stieß hier ans Land. Und während sie vorübergingen, sagte eine laut: »Hast du eben gesehen? Das war der schöne Rittmeister von Westrem. Er kommt immer von Königsberg rübergeritten, und sie soll ihn gar nicht so sehr mögen ... Das kann ich mir aber nicht vorstellen!«

Und Dühling murmelte bitter: »Ihr seid jetzt ungefähr zehn Jahre verheiratet, und da kommt man sich ganz nahe, oder man scheidet sich ganz ... Ich möchte dir etwas wünschen zum Dank für heute, alter Freund ... Aber die Frau wird wohl genau so sein wie der schöne Mann.«

Wochen vergingen. Georg von Dühling war geblieben. Die gelinde Neugier für den Neuling hatte sich gelegt. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten erwies er sich als etwas ironischer, gleichmäßiger Tischnachbar. Den Pensionsausflügen blieb er fern, den obligaten Sonnenuntergängen auch. Die kleine, unsichtbare Mauer, sie umgab ihn überall, und man respektierte sie stets.

Ihm selbst bekam der Strand über Erwarten gut. Er badete, er aß, er schlief. Mehr verlangte er vorläufig vom Schicksal nicht. Und nach langen Irrfahrten in der großen Welt tat ihm vielleicht diese kleine wohl, wie dem Feinschmecker zuzeiten das Schwarzbrot. Er war immer ein scharfer Beobachter gewesen, ein Mensch von düsterem Humor. Diese Anlage kürzte ihm auch hier die Stunden.

Von der allgemeinen Vorstellung hatte man ihn dispensiert. Seine Tischecke genügte ihm vollkommen. Er saß zwischen zwei Damen – die eine jung, hübsch, liebenswürdig, mit jener überschäumenden Lebensfreude, der der Himmel immer blaut, die Sonne immer lacht. Er beneidete sie, und wiederum tat sie ihm leid. Die Schatten senken sich schwer auf jedes Leben, doch nur wie leichter Nebel wallen sie um ein jugendfrisches Haupt. Die andre mochte er nicht. Sie hatte blanke Augen und war an den Schläfen ergraut und gab sich Künstlerinnenairs, weil ihr Bruder Architekt war. Dann kam noch eine Künstlerin, dann noch eine, dann noch eine, aber er vermochte nie recht zu unterscheiden, ob die mit dem Hardenbergprofil spielte oder die mit dem Wogebusen sang. Eines Tages entführte sie die Strandjournaliere. »Zu einer sehr bedeutenden Zukunft«, – wie der alte Stadtrat geheimnisvoll jedem Pensionsgast zuflüsterte. Er war sonst ein kleiner, äußerst beweglicher Herr, Schöngeist und Schwätzer zugleich. Seine gutmütige, dicke Frau stukste ihn immer freundschaftlich zurecht, denn sie lebte in bebender Angst, daß ein bösartiger Schriftsteller am Mitteltisch – er zeigte sich in Wahrheit als harmlos und schrieb für Familienblätter – ihren Gatten einmal abmalen könnte oder ihren Neffen, den jungen Arzt, den die unkontrollierbare Mär von vielen geküßten und nicht geheirateten Mädchen magisch umfloß. Dann sah Dühling noch auf eine kluge alte Frau mit viel Geld und feinem Witz. Sie hatte zur Zerstreuung ihre Nichte mit, eine abgeblühte Blondine mit ewig feuchten Augen, die Mondscheingedichte schon zu Mittag deklamierte und der Reihe nach allen Heiratskandidaten der Pension gefährlich geworden war – dem frauenfeindlichen Gymnasialdirektor durch Virgilstellen, dem Archivar durch das Wessobrunner Gebet. Nur den Schriftsteller verachtete sie – und dies mit Recht. Jetzt richteten sich ihre feuchten Augen liebevoll auf einen reisenden Künstler. Und das Fremdenbuch gab poetische Aufschlüsse über ihre einsame, suchende Seele. Doch sie dichtete glücklos. Er hatte zwar einen starken Adamsapfel und einen blonden Malerbart, und er liebte ganz sicher die Frauen, aber ganz sicher die Ehe nicht ...

Das waren Dühlings erste Tischeindrücke und seine Art des Sehens. Noch von jeder Reise hatte er ein kleines Album mit solchen Charakterköpfen mitgebracht – er tat's ganz unwillkürlich, und die harten, scharfen Linien, die er zog, verwischten sich auch in der Erinnerung nicht. Es war viel vorteilhafter, hinter seinem Rücken zu sitzen. Wenn er mit halbzugekniffenen Augen langsam über den langen, weißen Schnurrbart strich, hatte er immer eine Silhouette genommen. Die letzte, die er vom ersten Mittag mitnahm, war ein Kalkulatorspaar aus einem kleinen Nest. Sie war früher sicher sehr hübsch gewesen, ein Kokottengesicht mit feingeschnittener Nase, jetzt kalkte sie unbarmherzig, und ihre kostbare Matinee schleifte wie bei einer Theaterprinzessin über den Strandweg. Sie konnte sich nicht entschließen, alt zu werden. Alle sahen das, nur der Gatte nicht, der kleine Subalternbeamte mit der goldenen Brille im sinnigen Gesicht, der spießbürgerlich und doch stolz neben dieser gewesenen Beauté daherzackelte. Viele sahen dem ungleichen Paare nach. Das Parfüm der Halbwelt wallte, und alte Sünder schnupperten mißtrauisch.

Seine junge, hübsche Nachbarin hatte Dühling gleich am ersten Tage nach dem schönen Westrem gefragt: »Kennen Sie auch die Frau? Sie ißt heute im Garten draußen. Ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich, weil ihr Mann da ist. Aber sie saßen sonst auch hier – sie gerade auf Ihrem Platz. Oh, sie ist so schick und spielt so wundervoll Tennis!« fuhr die hübsche Sportliebhaberin enthusiastisch fort. »Wenn sie aber immer draußen essen würde, so wäre das eine persönliche Beleidigung für mich. Wir sind alle so nett zu ihr gewesen ... Können Sie sie nicht sehen, Herr von Dühling? Da, gerade vor dem Glashaus, sitzen die beiden.«

Und Dühling klemmte gehorsam das Monokel ein, eine schlechte Gewohnheit noch von der Fähnrichszeit her. »Ja, ich sehe, ich sehe«, antwortete er zerstreut und ließ das Glas sofort wieder fallen. Das schöne Korporalsgesicht seines ehemaligen Kameraden war ihm sehr gleichgültig, und von der Frau sah er nichts als den elastischen Rücken im tailor made und purpurrotes Haar in dickem Knoten.

»Soll ich Sie nachher vorstellen?« fragte das hübsche Mädchen eifrig. »Ich schwärme nämlich etwas für sie, und mit der Pension lebe ich darum im ewigen Streit: Ich kann nun einmal sogenannte schöne Männer nicht leiden – und finde die Frau viel hübscher und distinguierter als ihn.«

Dühling verbeugte sich halb und schwieg. Er wünschte gerade, diese Frau nicht kennenzulernen. Es ward ihm leicht. Die Frau aß nur selten noch in der Dünenvilla, und dann immer im Garten, immer allein. Nur einmal sah er dann das purpurrote Haar von einer Bank am Strandweg leuchten. Und als er näher kam, stand sie auf, beinahe als ob auch sie ihn miede. Als Frau war sie Dühling völlig gleichgültig, nur ihre Kenntnis seiner Angelegenheiten war ihm unangenehm. Doch auch der krankhafte Reiz stumpfte sich ab, weil unter dem Seehauch sich seine Nerven wirklich zu straffen begannen. Er lebte jetzt ganz wie die andern, schlief auf seiner Hängematte im Zauberwald, träumte am Strand. Es war ein langsames Gesunden – doch er wollte nicht recht dran glauben. Jedenfalls gedachte er lange hierzubleiben, bis tief in den Herbst hinein, um dann vielleicht auf sein Gut in Litauen zu gehen. Und manchmal malte sich ihm ein freundliches Bild von kleinen Freuden und kleinen Leiden und einem langen Leben zwischen Hunden, Pferden und Nachbarn. Ja, er sah sich wirklich als Greis – und war ganz glücklich dabei. Aber der fliegende Stich zuckte dann gleich hinterher: Ein langes Leben in dieser Leere? Um Gottes willen!... Er reiste immer mit Pistolen, weil er hoffte, daß der Ekel doch einmal den tierischen Daseinstrieb überwinden würde.

So schwankten die Stimmungen.

Indes spann die Parze ihren Faden weiter.

Eine Regenwoche kam. Sie setzte heimtückisch nach einem wunderschönen Nachmittage mit Sturm, jagenden Wolken und einer wahren Sündflut ein. Das Wetter zuckte, der Donner grollte. Georg von Dühling hatte sich unter eine der großen Teichlinden geflüchtet und sah in seinem Regenmantel beinahe mit Behagen, wie die dicken Strahlen aufs Wasser klatschten, wie die Seerosen erfrischt aufatmeten und wie das Gewitter seine scharfen Lichtreflexe durch die dunkle Flut riß. In wenigen Minuten rieselten kleine Bäche über den Sand, unselige Ausflügler mit formlosen Strohhüten und triefenden Piquékleidern stürzten hochaufgeschürzt vorüber, und Dühling machte dankbare Studien über Provinzunterröcke und Backfischsüße. Zuweilen kehrte eine Ratlose bei ihm ein, schüttelte sich, stürzte weiter. Gegen diesen Strom half kein Blätterdach. Endlich rüstete er sich auch – seine englische Strandmütze troff wie ein Badeschwamm. Er zügelte seine Triebe und spazierte langsam nach einem kleinen Laden an der Landstraße. Badebijouterien füllten das Schaufenster: der helle Bernsteinschmuck, das goldgeränderte Trinkglas, die gemalte Muschel. Kleine Mädchen gafften hier zu allen Tageszeiten sehnsüchtig. Drinnen eine atemraubende Schwüle.

Seine junge Freundin aus der Pension trat ihm sofort lachend entgegen: »Sie sehen aber schön aus!« Und dann scheuchte sie lustig mit der Hand die Regentropfen, die Dühlings Mütze beim Abnehmen sprühte. »Sehen Sie, ich war viel schlauer! Ich traf Frau von Westrem unten am Teich und sagte: ›Kommen Sie gleich, gnädige Frau, es geht sofort los‹, und kaum waren wir hier drin, da rauschte der Wolkenbruch auch nur so. Nicht wahr, gnädige Frau?«

Aber Frau von Westrem stand über den Kasten mit Ansichtspostkarten gebeugt, sie suchte eifrig und nickte deshalb nur, ohne sich umzusehen. Dühling ärgerte das, und auch sein Versteckenspielen kam ihm kindisch vor. »Darf ich bitten, mich vorzustellen, Gnädigste?« sagte er etwas scharf.

»Gnädige Frau, Herr von Dühling wünscht...«

Frau von Westrem sah jetzt auf. Sie zeigte ein mattes, regelmäßiges Gesicht mit schmalen Lippen und eigentümlich blassen Augen. Dann richtete sie sich in die Höhe – sie war groß, schmale Schultern, schlanke Hüften, in den langen, vornehmen Bewegungen Rasse und Jugend. Sie reichte Dühling zum Gruße die Hand. Eine hübsche, nervige Hand. Doch die Finger bogen sich nur zu ganz flüchtigem Drucke.

»Sie sind schon lange hier, gnädigste Frau?«

»Ja, ich werde auch sehr bald wieder reisen. Mein Mann steht in Ostpreußen, und wir hoffen jetzt auf ein längeres Kommando in Berlin.«

»Ich weiß wohl, gnädige Frau«, sagte Dühling etwas verwundert. »Hat Ihr Herr Gemahl niemals früher meinen Namen genannt oder Ihnen neuerdings von mir erzählt?«

Die Dame beugte sich wieder auf die Ansichtskarten. »Kann sein – kann sein auch nicht ...« Und es war, als wenn eine rosige Welle über die reine Stirn flutete.

»Ich hätte mich schon längst vorstellen lassen müssen – ich wollte es auch, aber man sah Sie eben nie«, fuhr der höfliche Lügner fort.

Da blickte sie ihn plötzlich voll an. »Das glaube ich Ihnen nicht, Herr von Dühling«, sagte sie rasch.

»Aber gnädige Frau!«

»Und ich habe doch wohl recht.«

Dühling schwieg. Wozu einen unnützen Dialog weiterspinnen? Frauen überredet man, aber man überzeugt sie nie – auch nicht von einer Lüge. Und etwas ganz andres reizte ihn in dem Moment. Wie sie ihn eben ansah, da ward ihm das Bild aus ihrer Brautzeit lebendig. Sie glich ihm noch immer frappant. Und jetzt wußte er, was ihn einst an dem Bilde so gefesselt: Es waren die Augen, diese blassen, schön geschnittenen Augen, die eine Welt verschleierten – oder nichts. Eben hatte da ein Funke geglüht – und das erinnerte ihn ... das erinnerte ihn ... Er zerbrach sich aber vergebens den Kopf. Der Wolkenbruch rauschte so rasch vorüber, wie er gekommen war. Auf der Landstraße rannen Bäche, aber die Sonne lachte schon wieder, und es duftete nach jungfräulichem Grün. Sie gingen. Frau von Westrem hätte sie bis zur Höhe begleiten können – denn da erst bog ihr Weg nach der einsamen Villa ab. Doch sie verabschiedete sich sogleich. Dühlings junge Freundin war darüber etwas pikiert, und nach Frauenart ließ sie das den Mann entgelten. »Warum sagten Sie das eigentlich mit der Vorstellung? Damals ließen Sie mich doch direkt abfallen«, meinte sie vorwurfsvoll, während sie die Holztreppe zum Zauberwald hinaufstiegen.

Er zuckte die Achseln. »Gott, façon de parler! Bei solchen Vorstellungen kommt doch nie 'ne vernünftige Unterhaltung 'raus.«

Aber auch er konnte sich keine Rechenschaft geben, warum er so planlos gelogen.

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