Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Naumann >

Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
projectid2b30e61d
wgs
Schließen

Navigation:

Wir leben im Zeitalter des Verkehrs, das bedeutet: erst durch den Verkehr wird unser Leben mehr als geringe Daseinsfristung. Deshalb muß der volkswirtschaftliche Wille darauf gerichtet sein, das Austauschsystem zu fördern und unsere Produktion ihm anzupassen. Wir dürfen es nicht wie ein mühseliges und im Grunde trauriges Geschick ansehen, daß wir ein austauschendes Volk sind, sondern müssen alle miteinander ein Kaufmannsvolk im höchsten Sinne des Wortes werden, ein Volk, das seine Kraft nur an wertvollste Produktionen wendet, um dadurch seinen Lebensstand im ganzen zu erhöhen. Wenn wir dieses in uns aufgenommen haben, dann wird die Parole Welthandel für uns zum positiven Ideal. Ein wachsendes Volk auf begrenztem Boden, mit relativ geringen Naturgütern, darf gar nicht anders denken als: wir wollen für alle Welt arbeiten, damit alle Welt für uns arbeiten muß! Das ist unser Weg, ein Herrenvolk zu werden, das ist unsere Nationalbestimmung, das ist die Methode, unsere sozialen Schwierigkeiten zu erleichtern: »Auf! Macht Lust, macht unsere Häfen frei, laßt uns ein Werkhaus der Völker werden und ein Stapelplatz der Erzeugnisse aller Zonen!«

 

Das Ideal des geschlossenen Handelsstaates kann ein Ideal sein für kleinere Nationen auf großem Boden, kann es sein für Nationen, die nicht mehr wachsen, kann und darf es aber nicht sein für wachsende Völker. Wenn wir ein geschlossener Handelsstaat sind, so erdrückt unsere Vermehrung unseren Wohlstand, und wir werden wieder arm und hungrig wie einst das Erzgebirge und der Spessart. Unsere Masse zwingt uns dem Austausch entgegen. Weil wir wachsen, müssen wir kaufen und verkaufen. Der erste Teil der Wirtschaftspolitik eines wachsenden Volkes ist deshalb seine Handelspolitik.

Auch der Handel hat aber gewisse Voraussetzungen. Man kann nur mit guter Ware erfolgreich handeln. Die Masse muß also gute Ware herstellen, wenn sie nicht an leiblicher und geistiger Qualität abnehmen soll. Das würde leichter sein, wenn allein wir ein wachsendes Volk wären. Da aber die Volksvermehrung ein ganz allgemeiner europäischer Vorgang ist, sind wir von Völkern umgeben, die dasselbe Bedürfnis haben, Nahrungsmittel durch Bearbeitung von Stoffen zu erkaufen. Mit ihnen stehen wir in einem sich beständig steigernden Wettbewerb. Der Inhalt dieses Wettbewerbs ist die Frage: welches Volk hat die beste Technik, die beste Form und die beste Organisation der Arbeit und des Handels? Mit anderen Worten: wo ist die höchste menschliche Leistung zur Massenerscheinung geworden? Wo gibt es die wenigste Arbeitsvergeudung, die wenigste Verschleuderung von Zeit an wertlose Produkte, die wenigsten Störungen des Produktionsprozesses? Wo gibt es die vollendetste Ausnützung der inländischen Naturschätze, die verständigste Verwendung der Anlagen und Begabungen der Bevölkerung, die gewandteste Anpassung an die Bedürfnisse der Käufer, wo ist das erste Industrievolk der Neuzeit? Masse ohne Steigerung der Arbeitsqualität wird zur Last, denn auch bei der Warenherstellung gibt es etwas, was dem sinkenden Bodenertrage gleicht, nämlich die Wahrheit, daß alle einfache und ungelernte Arbeit die Tendenz hat, so billig wie möglich bezahlt zu werden, da jeder sie nachmachen kann. Nur Waren, die nicht jeder nachmachen kann, erleichtern das Dasein eines Volkes. Was sich in der Welt bezahlt macht, ist stets nur die höhere Qualität.

Höhere Qualität der Ware ist aber nicht möglich ohne höhere Qualität der Arbeitskräfte, und zwar aller Arbeitskräfte. Die gute Arbeit muß Volkscharakter werden. Nur unter dieser Bedingung können wir unseren wachsenden Millionen mit Ruhe entgegensehen, hier liegt das eigentlichste Wirtschaftsproblem der deutschen Gegenwart. Unser Volksideal muß sich auf Qualitätsproduktion richten. Hätten wir Überfluß an Naturgütern, so könnten wir uns mit deren Hervorbringung und erster Verarbeitung begnügen. Es muß Völker geben, die dieses tun. Wir aber können unser Land nicht vergrößern, haben keine tropische Fruchtbarkeit, haben wenig Metalle, wenig Holz, wir haben als unser bestes nationales Kapital die Menschen selber. Aus ihnen müssen wir soviel herausholen als möglich ist. Dabei müssen Technik, Betriebsform, Recht, Schule, Kunst und Weltanschauung helfen.

 

Wir sind das geborene Ausfuhrland für Fertigfabrikation. Innerhalb der Fertigfabrikation besteht aber ein scharfer Unterschied zwischen solchen Waren, die überall und mit jeder Bevölkerung hergestellt werden können, und solchen, die nur mit guterzogener und gutbezahlter Bevölkerung herstellbar sind. Die erste Art von Waren ist nur auf Grund geringer Löhne und knappster Kalkulation verkäuflich. Völker, die sich auf ihre Herstellung verlegen, bleiben im volkswirtschaftlichen Knechtszustand. Alle Arbeiterbewegung ist im Gebiet solcher Waren grundsätzlich erfolglos, da sich jede Lohnsteigerung in Absatzverminderung umsetzt und nur die Konkurrenz bedürfnisloserer Nationen stärkt. Diese Art von Waren müssen wir abzuschieben suchen, was aber nur in dem Maße gelingen kann, als wir die Voraussetzungen für die höhere Art von Waren bei uns herstellen. Diese Voraussetzungen sind teils ästhetischer, teils moralischer, teils volkswirtschaftlicher Natur. Wir müssen als Volk im ganzen den Satz begreifen und uns in Fleisch und Blut eingehen lassen, daß nur der höhere Mensch höhere Ware schaffen kann. Im Wirtschaftsideal der gehobenen Fertigfabrikation liegt also gleichzeitig ein großes Willensziel für das deutsche Menschentum überhaupt.

 

Wir setzen jährlich etwa ¾ Million zur bisherigen Ziffer der deutschen Bevölkerung hinzu. Die vermehrte Zahl will nun außerdem noch besser leben als bisher. Beides zusammen zwingt uns, die Menschenqualität so hoch zu steigern als irgend möglich, und zwar sittliche und technische Qualität, denn die Führung in der Weltwirtschaft bekommt nur ein Volk von Männern und Frauen, die als einzelne etwas Wertvolles bedeuten. Wir müssen auf den Hauptgebieten unserer Arbeit den künstlerischen und technischen Stil der Menschheit bestimmen, wenn wir leben wollen. Unsere Ware muß werbende Kraft haben. Das ist der Gedankenkreis, aus dem heraus das Schulprogramm der industriellen Masse geboren werden muß. Noch nie hat es eine politische Strömung gegeben, die soviel von der Schule verlangt hat, wie die, die jetzt an Deutschlands Zukunft arbeitet. Was ist denn alles unser Reden von Sozialismus, wenn wir nicht ein schaffendes Volk ersten Grades werden, das sich verdoppelte Güterquantitäten zu verschaffen in der Lage ist?

Die Schule wird bei dieser Auffassung in ihrer ganzen praktischen sozialen und nationalen Notwendigkeit begriffen. Was wir Deutschen nach unserer Art und Vergangenheit besser leisten können als andere Völker, ist eben die Schule, und insbesondere die Volksschule. Das ist unser lebendes Kapital. Wir haben kein eigenes deutsches Gold, keine Baumwolle, keine ausreichenden Erze, kein großes freies Ackerland; was wir haben, sind Vorzüge, die mit Heer und Schule zusammenhängen: wir verstehen den organisierten Großbetrieb und können eine hohe Volksbildung erreichen. Das ist unser deutsches Pfund, mit dem wir wuchern müssen. Unser geschultes Denken wird im technischen Zeitalter zum realen Wertgegenstand. Bildung bringt in der heutigen Welt wirklich Macht, allerdings nicht die lockere Aneignung etlicher Aufklärungsredensarten, aber die geschulte Durchbildung der Menge. Jede Arbeit der Welt wird von einem gebildeten Volke besser und mit weniger Vergeudung von Arbeitskraft vollzogen als von einem ungebildeten. Und zwar genügt es nicht, oben gute Schulen zu haben und unten glückliche Dummheit zu pflegen. Die Dummheit unten verdirbt den ganzen Erfolg der guten Oberschulen, denn was nützen die besten Maschinen, wenn die Menschen, die sie handhaben sollen, Esel sind?

 

Billige Arbeit ist schlechte Arbeit, denn man kann von einer Arbeiterschaft, die dürftig lebt, keine moralischen und technischen Heldentaten verlangen. In aller Welt erreichen nur diejenigen Arbeitskäufer etwas, die anständig zahlen. Wer am geringsten zahlt, muß den Ausschuß von Arbeitskräften erhalten.

Er soll sich nicht wundern, wenn er dann über schlechte Materialbehandlung von seiten der Arbeiter zu klagen hat! Man unterschätze den jährlichen Materialverlust nicht, der durch Fahrlässigkeit, Pflichtwidrigkeit, Unbildung, Stumpfheit vor sich geht! Er ist viel größer als der Verlust durch Feuersbrünste und Überschwemmungen. Wieviel Getreide, Futter, Vieh, Obst, Gemüse, Holz, Leder, Wolle, Tuch, Pappe, Papier, Metall kann erhalten werden, wenn der Geist der Materialerhaltung zum allgemeinen Volksgeist geworden ist! Wieviel Maschinen werden vor der Zeit verdorben, wieviel gute Ware verfault, und vor allem, wieviel Materie wird in Waren verwandelt, die nichts taugen! Der erste Grund aller dieser Verluste ist die niedrige materielle Lage der arbeitenden Klassen. Wer selber nur schlechte Materie besitzt, kann und wird es nie lernen, gut mit der Materie umzugehen. So straft sich die falsche Sparsamkeit beständig selbst und schlägt um in einen Luxus der Materialvergeudung. Es ist aber nicht die geringe Bezahlung der Arbeit allein, die beständig an unserem Materialbestande zehrt (am Kapital), sondern ein allgemeiner Mangel der Produzenten und Konsumenten an Sinn für die Dauerhaftigkeit. An späterer Stelle wird zu erwähnen sein, inwiefern das Anfangsstadium aller Maschinentechnik die Oberflächlichkeit und Minderwertigkeit der Arbeitsleistung begünstigt, es handelt sich aber keineswegs bloß um maschinelle Unbeholfenheit, sondern um den Geist der Materialbetrachtung an sich. Der Kern der Sache ist der, daß aus demselben Stoffe mit Einsetzung von weniger Arbeit und Treue ein vergängliches, und mit aller Einsetzung von mehr Arbeit und Treue ein bleibendes Wirtschaftsgut geschaffen werden kann. Das letztere ist im Herstellungspreis teurer, bedeutet aber trotzdem einen unvergleichlich größeren Vorteil.

 

Mit allen geringen Waren sind Unternehmer, Arbeiter und Käufer gegenseitig betrogen, weil sie sich um etwas abgemüht haben, was keiner Mühe wert war. Solche Arbeit sollten wir halbgebildeten Völkern überlassen. Wir sollten von vornherein auf dem Standpunkt stehen, daß jede deutsche Kraft durch die in sie hinein veranlagte Bildung zu gut ist, um den Dienst der Herstellung von wertloser Produktion zu übernehmen.

Es ist ja auch aus diesem Gebiet schon manches besser geworden, aber der Mangel an allgemeinem Materialverständnis ist noch riesengroß, hier können uns in vielen Sachen die Engländer zum Muster dienen. Auch sie sind durch die Zeit der Minderwertigkeiten hindurchgegangen und haben sie noch keineswegs ganz überwunden, aber man betrachte auf einer Reise die Ausstattung einer deutschen und einer englischen Familie, und man wird Studien über Koffer, Schirme, Hüte, Mäntel, Kleider, Schuhe, Wäsche, Schmucksachen machen können, die für den Deutschen zwar unerfreulich, aber heilsam sind! Und wie ist es in der Hausausstattung? Was ist eigentlich, was man »Berliner Möbel« nennt? Es ist Holz mit zu wenig Arbeitsvertiefung, Materie, die man nicht vermißt, wenn sie nicht da ist. Wir stellen her, um wegzuwerfen, wir verderben uns selbst die Liebe zu Dingen, mit denen wir leben sollten, und damit verderben wir uns das Geschäft, das große volkswirtschaftliche Geschäft der deutschen Ausfuhr. Nur ein Volk, das seine Materie liebt und achtet, kann volkswirtschaftlich groß sein. Man denke doch nicht, daß über die Zukunft der deutschen Ware nur der Preiskatalog entscheidet! Jeder Deutsche, der auf Reisen geht, ist ein Stück Musterlager. Man sieht ihn und sagt: so sind die deutschen Sachen! Jedes deutsche Hotel, in das ein Engländer oder Amerikaner einkehrt, dient als kleine Ausstellung: so sind die Fabrikationen dieses Volkes! Und man kann keine solid ausgestatteten Reisenden und keine einfach guten Hoteleinrichtungen vor der übrigen Welt vorzeigen, wenn nicht die ganze dazugehörige Kultur über das Stadium der Herstellung von Unwerten hinweg ist.

 

Die Dauerhaftigkeit der Produktion ist aber nur die eine Seite der Qualitätsfrage. Die andere Seite ist die künstlerische Formvollendung. Ein Volk, das mit seiner Arbeit Milliarden verdienen will, muß die Kunstfrage volkswirtschaftlich betrachten lernen. Schon unsere Forderung, in allen Produktionen auf Dauerhaftigkeit Gewicht zu legen, führt zur Wertschätzung der Form, denn es ist bei vielen Gebrauchsgegenständen unzweifelhaft, daß sie nur dann lange im Gebrauch bleiben, wenn sie in ihrer äußeren Erscheinung einen bleibenden Gefühlswert besitzen. Am offenbarsten ist das bei der Hauseinrichtung. Welches Gestühl kommt aus allen Auktionen immer wieder in die Höhe? Nur das, bei dem Güte der Materie und Klarheit der Form zusammentreffen! Welche alten Gläser und Porzellansachen existieren noch? Welcher Gold- und Silberschmuck hat festen Erbwert? Welche Häuser läßt man stehen? Welche Gärten brauchen nicht verändert zu werden? Die Antwort ist immer dieselbe. Die erhöhte seelische Arbeit, die in die Materie hineingetan wurde, ist der sicherste Schutz vor Vernichtung.

Die Form besitzt aber auch gleichzeitig den Gegenwartswert, daß sie in einem Zeitalter des Kaufens und Verkaufens den Sinn der Käufer anlockt und festhält, und zwar läßt sich diese Wirkung durch alle Gebiete des Schaffens hindurch verfolgen. Je vergänglicher die Materie selbst ist, desto mehr verlegt sich bei ihr die Form in die Einpackung, und je dauerhafter sie an sich ist, desto gleichgültiger wird ihre Einpackung, da sie selbst die Trägerin der Kunstarbeit wird.

 

Alle Arbeit auch im Großbetriebe ist im letzten Grunde Persönlichkeitsleistung!

Das ist es, was unendlich oft übersehen wird. Die Menschen sehen immer nur die Außenseite. Da behaupten sie, der Mann, der neben der Maschine steht, brauche nur erzogen zu werden wie ein Stück Maschine; – wenn er aber nur ein Stück Maschine ist, dann ist er ein loddriges Stück. Er ist dann weniger wert als die eiserne Maschine, weil die nicht aus Fleisch und Blut und Trieben und Stimmungen zusammengesetzt ist, sondern weil sie einfach mit Kohle und Wasser genährt wird und aus auf Millimeter berechnetem Metall besteht. Die Maschine funktioniert, der komplizierte Fleischapparat Mensch aber funktioniert ohne Persönlichkeitserziehung schlecht und liederlich. Man kann keine Großbetriebsform auf die Dauer festhalten mit entpersönlichtem Menschenmaterial.

Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und sage: Man kann zwar niedere Formen in allerlei Arten von Industrie und Großbetrieb mit verhältnismäßig unentwickeltem Menschenmaterial machen, man kann aber die Fortschritte der Maschinen nur benutzen bei gleichzeitigem Fortschritt der Menschenentwicklung. Gerade die Vertiefung in den Fortschritt der Maschine zeigt uns nämlich, daß der Mensch immer weniger zu tun hat in bezug auf Muskelleistung im großen, daß er aber immer mehr zu tun bekommt in bezug aus absolute Akkuratesse, Entscheidungsfähigkeit, Entschlußfähigkeit im Moment, aus jenes feine Augenmaß und den Geschmack, der nur in dem Menschen entsteht, der auf eine gewisse Höhe allgemeiner Bildung gehoben worden ist, und der soviel Ich-Bewußtsein und jenes Stück persönlichen Stolzes noch besitzt, daß er ein Mensch ist, der etwas auf sich hält und seine Sache ordentlich machen will.

Das ist der wunderbare Zusammenhang, in dem Persönlichkeitsbildung und Arbeitsweise stehen. Wenn man sich aus den Standpunkt der kalten Maschine an sich stellt, würde man wünschen, Menschen erziehen zu können, die gar keinen Persönlichkeitstrieb haben, sondern nur eine äußerst entwickelte Exaktheit und das zur Ausführung der seinen Arbeiten notwendige persönliche Pflichtgefühl. Das ist aber die Quadratur des Zirkels im Maschinenalter. Das gibt es nicht! Man schafft keinen Menschen, der diese Qualitäten erreichen kann, wenn man ihn nicht im ganzen vorher auf eine gewisse Höhe des Pflichtgefühls, der Selbstachtung und inneren Unabhängigkeit gehoben hat. Deshalb: Sobald Industrie, Gewerbe und Handel die Menschen immer mehr entpersönlichen und entwürdigen, sterben sie selber in wenigen Generationen ab an der Ruinierung der Menschenkraft, die in ihnen steckt. Es gibt keinen größeren Raubbau als ein großindustrielles Zeitalter, das die Menschen in der vorhin beschriebenen mechanischen Weise erziehen würde. Es ist vielmehr für ein industrielles Zeitalter in einem aufstrebenden Volk geradezu eine absolute Notwendigkeit, daß neben dem Aufsteigen der Großbetriebe gleichzeitig die Gegenwirkung der Persönlichkeitsbestrebungen nicht aufhört. Und je höher der Großbetrieb wird, desto notwendiger ist es, daß diese Gegenwirkung, genau formuliert und den Menschen bewußt, innerhalb dieses Großbetriebszeitalters auftritt.

* * *

Die erste Begründung der Arbeit heißt stets: wovon sollten wir sonst leben? Die Völker sind in dem Maße arbeitsam geworden, als sie Nöte hatten. Unsere hochgesteigerte Arbeitsamkeit erklärt sich dadurch, daß zwei Drittel des Volkes sofort nichts zu essen haben, wenn sie nichts zu arbeiten haben. Dort, wo die Sorgen aufhören, hört die Gleichmäßigkeit der Arbeit auf, da gibt es einzelne starke Arbeiter, aber zwischen ihnen viel männliche und weibliche Hingabe an die Naturideale der Trägheit und des freien zwecklosen Spieles der Kräfte. Alle aber, auch diejenigen, die selbst wenig arbeiten, wissen, daß nur die Arbeitenden die Lebenserhalter der Menschheit sind. Alle Kinder, Greise, Kranken, alle Bettler, Bummler, Lebemänner, Dirnen leben von der Arbeit der Arbeitenden. Deshalb sind auch die Arbeitsfreisten immer so erschrocken, wenn irgendwo die Arbeit eingestellt wird. Was soll werden, wenn alle Bergarbeiter streiken, wenn es eines Tages den Knechten einfällt, nicht mehr Getreide einzufahren, und wenn etwa die Mägde aufhören zu melken! Womit sollen wir uns Licht schaffen, wenn die Gasarbeiter Ferien machen, womit uns kleiden, wenn die armen Weber erklären, daß sie lieber sterben wollen, als arbeitend weiterzuhungern? Jedes Nachlassen der Arbeit wirft uns in Not hinein.

Es liegt nun in dieser Auffassung der Arbeit, daß sie nicht in erster Linie als das Werk des Einzelmenschen aufgefaßt werden kann. Was nämlich der einzelne als einzelner, als Einsiedler zur Überwindung der Lebensnöte tun kann, ist minimal; darüber vermag uns keine Robinsongeschichte hinwegzutäuschen, denn hinter Robinson lagert ja die Arbeit der ganzen Kultur seiner Heimat. Arbeit ist ihrer Natur nach Gattungsleistung: Familienarbeit, Sippschaftsarbeit, Rassenarbeit, Standesarbeit, Ortschaftsarbeit, Volksarbeit. Der einzelne macht die Arbeit nicht, sondern wird in sie hineingeboren und fällt aus ihr wieder heraus, wenn sein Lebenslicht erlischt. Die Schiffahrt ist größer als der Schiffer, die Landwirtschaft größer als der Bauer. Tausend Jahre wird derselbe Boden bearbeitet. Wer es tut, ist Nebensache. Wenn der Vater stirbt, ackert der Sohn die Furche zu Ende. Irgendwo las ich das Wort: Die Werke der Menschen sind mächtiger als die Menschen. Dieses tiefe Wort steht am Anfang aller Erkenntnis des Wesens der Arbeit. Die Arbeit ist ein Prozeß, der von Jahrhundert zu Jahrhundert zwischen Mensch und Natur verhandelt wird. Die Natur will den Menschen töten, der Mensch aber zwingt sie, ihn lebendig zu erhalten. In diesem Prozesse tauchen zahllose Köpfe auf, Männer mit harten Knochen und solche mit feinen weichen Fingern, stumpfe Gesichter, müde Pyramidenbauer, helle Köpfe, Spekulanten, Erfinder, tapfere Kapitäne, treue Diener, wilde Wagehälse, stille Arbeitsfrauen, Dulderinnen, Lastträgerinnen, orientalische Weberinnen, Berliner Verkäuferinnen, friesische Bäuerinnen, Mütter vieler Kinder, kleine Mädchen, die Semmeln tragen, Knaben, die Garn spulen, alte Menschen, die im Walde holz lesen, Fabrikanten, Handwerker, Zufallsarbeiter, Naturmenschen, Kulturmenschen, Dachdecker, Bergarbeiter: es quillt aus der Tiefe des Lebens, es schreitet daher wie eine Karawane der Ewigkeit, es kommt die Arbeit! Sie alle hängen unter sich zusammen, denn einer schafft immer mit für einige andere. Von der Arbeit, gerade von ihr gilt das Bibelwort: »Unser keiner lebt ihm selber.«

Dieser Gemeinsamkeitscharakter der Arbeit tritt bei wachsender Volksdichtigkeit viel stärker hervor, ist aber schon bei dünner Bevölkerung vorhanden. Im dünnbevölkerten Lande ist die Gruppe, die füreinander arbeitet, eine kleine Welt für sich und hängt nur durch geringen Austausch von Arbeit mit dem übrigen Leben zusammen. Es besteht in diesem Falle Selbstwirtschaft, ein kleiner Kreislauf sich ergänzender Tätigkeiten zwischen wenigen Personen. Einige Männer und einige Frauen tun alles, was zur begrenzten Kulter dieses Kreises gehört, aber so wenige es sind, so haben sie schon Organisation der Arbeit, das heißt: Arbeitsteilung und Arbeitsleitung. Je größer der Kreis wird, je näher die Menschen aufeinanderrücken, desto mehr zieht sich die Arbeit in ihre Teile auseinander. Der eine ackert, der andere baut, der dritte spinnt, der vierte fängt Fische usw., desto mehr aber wird auch die Organisation der Arbeit ein hartes Problem, denn desto schwieriger ist es, die Quantität und Qualität dem Bedarfe anzupassen und den Ertrag unter die Beteiligten zu disponieren. Die Leitung der Arbeit wird aus diese Weise selbst zur Arbeit, und zwar zum entscheidendsten Teile der Arbeit, von ihr hängt es letztlich ab, ob die Not überwunden wird und ob die Grenze dessen, was als Überwindung der Not angesehen wird, sinkt oder steigt.

Die Summe der Erbweisheiten ist der goldene Schatz aller Arbeit, und auch die kühnsten Bahnbrecher der Neuzeit sind nur Kinder der Handwerkstechnik ihres Gewerbes. Kein Mensch könnte eine moderne Brücke bauen, wenn es nicht unberechenbar viele Brückenbauer vor ihm gegeben hätte. In diesem Sinne leistet niemand eine eigene Arbeit, so wenig wie er eine eigene Sprache spricht oder einen eigenen Glauben hat. Das Eigene ist immer nur Zusatz, Verschärfung, Klärung, Verbindung, aber es ist nie das Wesen der Arbeit. Das Wesen ist und bleibt Tradition, und zwar eine Tradition, die über das einzelne Volkstum hinausreicht, wenigstens in allen alten und großen Haupttätigkeiten des Menschentums. Erst wenn man sich dieses mit ganzer Eindringlichkeit verdeutlicht hat, kann man darangehen, den Unterschied älterer und neuerer Technik zu bestimmen. Er liegt, um es kurz zu sagen, in der bewußten Zerlegung der Einzelvorgänge, sozusagen in der Anatomie der Arbeit.

Die Arbeit entsteht ursprünglich wie jede schöpferische Leistung aus unbewußtem Geschick, aus kühnem Gefühl, aus zufälligem Gelingen. Ein Mensch kann Eisen schmieden, lange ehe er etwas von Molekülen, Hitzegraden und Aggregatzuständen der Materie weiß. Er kennt instinktiv das Feuer, das Metall und seine Kraft. Er schmiedet, wie man ohne Noten singt. Erst viel später kommt der Notenschreiber. Dieser aber ermöglicht die Übertragung des Liedes ohne persönliche Berührung, die Übersetzung auf andere Tonarten und Instrumente, die bewußte Anbringung von Variationen und die Ausscheidung ungeeigneter Individualtöne. Das Lied wird kontrollierbar und rekonstruierbar. So wird der Schmiedeprozeß zerlegt und seiner Zufälligkeiten entkleidet. Man lernt, warum sich verschiedene Erze verschieden verhalten, indem man das Material auf seine Einzelteile hin prüft. Man lernt die Einwirkung des Feuers nach Temperaturgraden und Heizmaterial berechnen, lernt den Schlag des Hammers in seine Bestandteile zergliedern und ihn vom menschlichen Träger freimachen, soweit er rein mechanisch wirken soll. Man versteht Phosphor, Mangan, Kohlenstoff und Sauerstoff zu werten. Das naive Vorgehen wird zur raffinierten Anwendung verwickeltster Kenntnisse. Alles menschliche Wissen muß schließlich mithelfen, einen einzigen Schlag wirksam zu machen. Aus der Mystik der Arbeit wurde Rationalismus.

Die verstandesmäßige Zergliederung des Arbeitsvorganges, diese Zerstörung der Naivität der Arbeit, hat zur Folge, daß der Herstellung der Hilfsmittel und Werkzeuge der Arbeit eine Aufmerksamkeit zugewendet wird, wie nie zuvor. Während früher die persönliche Leistung allen Arbeitserfolg zu beherrschen schien, beginnt die neue Zeit für die Entpersönlichung der Arbeit sich zu begeistern. Das Ideal ist die mechanische Arbeit an sich. Wo es irgend möglich ist, Menschen- und Tierkraft durch einen automatischen Vorgang zu ersetzen, greift man zu. Man baut Maschinen aller Art, Apparate, künstlichen Ersatz der Hände. Damit erst bekommt die Herstellung von Werkzeugen eine eigene volkswirtschaftliche Bedeutung. Teilweise freilich ist es nur Illusion, daß man die Menschenkraft durch mechanische Kraft ersetzen könne. Wenn beispielsweise ein Gasmotor einige Arbeitskräfte spart, so entsteht doch weder der Motor noch das Gas ohne menschliche Hände, und es fragt sich, ob wirklich viel Menschenkraft gespart wird. Es handelt sich teilweise sicher nur um eine andere Disposition, nicht um eine Ausschaltung von Menschenkraft.

* * *

Der Strom des Maschinenlebens wird breit wie die Elbe bei Hamburg. Es hat etwas Erhebendes, ihn fluten zu sehen. Das sind also die berühmten Milliarden eiserner Sklaven! Das sind unsere schwarzen Knechte! Was für ein freies Herrenvolk könnten wir alle mit diesen Sklaven sein, wenn die Technik allein den Gang der Menschheitsentwicklung bestimmte! Fern in der Zukunft leuchtet eine Zeit, wo die Maschine alle Arbeitsgebiete ergriffen hat und wo sie allen dient. Jetzt aber leben wir noch im Kampf alter und neuer Wirtschaftsformen. Die Maschine ist Glück und Druck zugleich. Ihr Siegeszug ist Konkurrenz und Ruin. Es kann nicht anders sein. Sie kommt als Werkzeug der Bereicherung einzelner. Auch das kann nicht geändert werden. Immerhin erleichtert diese Erkenntnis die reine ungetrübte Freude nicht. Es stampft, rollt, wirbelt und surrt, wirft nach oben, stößt nach unten, es bohrt und rumort, und das Objekt dieser Unermüdlichkeit sind im Grunde wir alle, unsere Gesellschaft. Wir bauen Maschinen, die uns umgestalten.

 

Im allgemeinen wird man sagen können, daß die Anfangszeiten aller warenherstellenden Maschinen nur privatwirtschaftlich, aber nicht volkswirtschaftlich nützlich sind, das heißt, sie nützen, wenn es gut geht, ihrem Erbauer und Verwender, schädigen aber die Gesamtheit durch Qualitätsverschlechterung! Das Auftreten der Maschine wird zunächst durch Schundware bezeichnet, die zwar billiger ist als das frühere Handerzeugnis, aber gleichzeitig so große Mängel an sich hat, daß sie volkswirtschaftlich als passiv gebucht werden muß. Man denke an den Zustand der Gewebe, Schuhe, Möbel, Getränke, Ackergeräte, mit denen zuerst die Maschinenindustrie auf den Markt trat! Nur sehr langsam und unter viel Mühen gelangte die Maschine dazu, volkswirtschaftlich vorteilhaft zu sein. Ist sie aber einmal so weit, hat sie die Vollkommenheit der Handwerksproduktion unter Ersparung von Menschenkraft erreicht, so wird sie zur wahren Helferin der Menschheit, zur Überwinderin von Mängeln, denen die bloße Handwerkskraft hilflos gegenüberstand, zur Erhöherin des Minimalmaßes menschenwürdiger Existenz. Es liegt also alles daran, die böse Durchgangsperiode der unzulänglichen Maschinen schnell zu überwinden.

 

Laßt uns die Fabrikationsmaschine betrachten, wie sie sich vor Jahrzehnten hinter den alten Handwerker setzte und ihm bei seiner Arbeit zusah. Ob er Gewebe fertigstellte oder Hausrat oder Kleidungsstücke, immer sprach die Maschine: der Alte macht gräßlich langsam. Er bringt so wenig fertig. Ich will viel schneller arbeiten! Und sie lernte ihm die einfachsten Handgriffe ab. Die metallenen Hände waren im Anfang noch sehr ungeschickt. Man konnte nur einfachste Formen von ihnen erwarten, und es wäre falsch gewesen, ihnen das feinste Garn oder Leder oder Papier anzuvertrauen. Alle Industrie fängt auf ihrer ersten Stufe mit geringwertiger Massenware an. Bei schlechtem Lohn wird mit billigen Maschinen etwas hergestellt, was weder die Sonne noch den Sturm aushalten kann. Wir erinnern uns, mit welcher Geringschätzung noch oft in den siebziger Jahren von »Fabrikware« geredet wurde. Das klang wie Ausverkauf und Schund. So ist die Zeit, in der die Maschine direkt als Kunstzerstörerin auftritt. Sie schiebt die alte Handwerkskunst vom Stuhl und füllt die Räume mit Plunder. Auch wenn man nicht übertreibt, was die alte Durchschnittsmeisterschaft wert war, sie hatte ihr persönliches Element. Mindestens zwei Menschen dachten wirklich über einen neuen Schrank nach, der Vater der Braut und der Tischler, und sie überlegten: wie muß gerade für diese Kammer der Schrank sein? Später dachte niemand mehr nach, denn das Geschäft stellte 250 gleiche Exemplare her, und Emma und Meta und Frieda bekamen genau dieselben Schränke, Bänke und Gardinen. Aus dieser ersten Maschinenperiode sind wir noch keineswegs ganz heraus, aber sie ist im Zurückweichen nach halbkultivierten Ländern, Wir kamen inzwischen auf die zweite Stufe.

Als die Maschine sah, daß sie nur geringe Arbeit machte, setzte sie sich wieder hinter den Handwerker und sah ihm, nun selber geduldiger werdend, seine Kunst ab. Ganz langsam im Laufe von Jahrzehnten steigerte sie ihre Tüchtigkeit: Griff um Griff, Zug um Zug, Stoß um Stoß. Jede Ecke, jede Rundung, jeder Glanz und jede Prägung ward nun besser herausgebracht. Man müßte die Geschichte jeder einzelnen Maschine beschreiben, wenn man diesen Selbsterziehungsvorgang in der Industrie recht verdeutlichen wollte. Und der Erfolg dieser Mühen war, daß das Wort Fabrikware heute etwas ganz anderes bedeutet als vor dreißig Jahren. Die Fabrikware ist zur Garantie für durchschnittliche Güte geworden. Jetzt kann man der Maschine wertvolles Material anvertrauen und von ihr verlangen, daß sie tüchtigen haltbaren Mittelbedarf herstellt. Das Gebiet dessen, was die Maschine nicht leisten kann, wird zusehends kleiner. Freilich, je höher eine Arbeit steht, desto weniger kann die Maschine allein ohne Zwischenhilfe von Menschenhand fertig werden. In aller besseren Ware ist irgendwo Seele. Man nehme Eisen, Ton, Porzellan, Geflecht, immer findet sich aus dem Wege zur Vollkommenheit etwas, was einen kleinen Zuguß von Persönlichkeit braucht.

Das ist es, was uns zum Verständnis der dritten Stufe hinüberführt.

Nochmals sehen wir die Maschine neben dem Handgewerbe sitzen. Sie grübelt, wie es kommt, daß noch immer der, der etwas ganz Gutes haben will an ihr vorübergeht. Wer ganz gute Teppiche sucht, geht in die Länder, wo mit Händen geknüpft wird. Wer beste Spitzen zahlen kann, wendet sich noch immer an die armen Frauen von Gent und Brügge. Wer Geld und Geist genug hat, um sich ein eigenes, persönliches Dasein zu leisten, der will an einem Tisch sitzen, der für ihn geworden ist. Und die Maschine muß sich demütigen und sagen: je besser die Ware, desto mehr bin ich nur Dienerin! Bei geringer Produktion ist sie Herrin und erniedrigt den Menschen zur Sklaverei, auch bei guter Massenware ist sie noch das Maßgebende, sie gibt das Tempo an und verlangt nur klug geleitet zu werden, aber je höher der Formwert der Herstellung steigt, desto mehr steigt der schaffende Mensch wieder in die Höhe, und das Ziel ist der Mensch, den die Maschinen umgeben wie willige Tiere, der aber über ihnen steht, ihr Herr und Meister. Man denke, wer es kennt, an die Herstellung seiner Maßarbeit im Schuhfach mit Hilfe höchst sinnreicher Hilfsmaschinen! Oder an den Hilfsdienst der mechanischen Sägen bei der künstlerischen Möbelfabrikation! Oder an das Zusammenwirken von Mechanik und Geist in der Gold- und Silberindustrie!

Erst in diesen künstlerisch vorgeschrittenen Gewerben wird der Mensch zum Menschen trotz aller Maschinen. Nun ist ja klar, daß nie ein ganzes Volk nur beste Waren herstellen kann, denn auch diese Waren fordern Hilfsdienste äußerlicher Art, und wo ist ein Volk reich und gebildet genug, um sich mit lauter wertvollen und persönlich geschaffenen Dingen umgeben zu können? Aber mit ihren Erzeugnissen steigen die Völker. Je mehr wir uns der Qualitätserzeugung zuwenden, desto besser wird es um die Durchschnittshöhe der deutschen Menschen stehen, hier ist der Punkt, wo Kunst und Handelspolitik und Sozialpolitik sich berühren.

 

Das interessanteste, aber zugleich unübersehbarste Gebiet der menschlichen Arbeit ist die Ausbildung der Werkzeugmaschine. Es gibt Maschinen, bei deren Anblick man geradezu glücklich ist vor Freude, daß einem Menschen so etwas glücken konnte. Oft sind das vielleicht nicht die allernotwendigsten und wirtschaftlichsten Maschinen, aber sie beleuchten am besten, was im Grund die Maschine ist: der eiserne Mensch! Ich habe früher gesagt: die eiserne Hand, finde aber, daß dieser Ausdruck nicht ganz ausreicht. Die Maschine tut alles, was irgendein Glied des Körpers mechanisch leistet, sie sieht, hört, bläst den Staub weg, tritt, knetet, walkt, reibt, preßt, leckt, klebt, schreibt, stempelt, zählt, näht, schneidet, drechselt, mißt, schiebt, sägt, hobelt, bohrt, nagelt, sticht, färbt, windet, bindet, rollt, stanzt, punzt, fräst. Ich werde nächstens einmal, wenn ich gar nichts mehr zu tun habe, das Lexikon holen und alle Tätigkeitsworte daraufhin durchsuchen, ob sie sich mit dem Subjekt »die Maschine« verbinden lassen. Einige fallen mir ein, die nicht zur Maschine passen, aber es sind wenige. Man kann nicht sagen: die Maschine liebt, die Maschine hofft, die Maschine bittet um Entschuldigung! Aber abgesehen von diesen rein seelisch-sittlichen Vorgängen, was tut die Maschine nicht? Sie putzt Flaschen, füllt sie, korkt sie, entkorkt sie – der Mensch aber trinkt. Es ist rührend von der Maschine, daß sie mit Wasser und Kohle zufrieden ist. Sie ist geduldiger und leistungsfähiger als ein Kamel.

* * *

Glücklicherweise ist Kohle ein deutsches Material. Wenn wir Kohle kaufen müßten, wie wir Baumwolle und Gold kaufen müssen, so würde unsere Volkswirtschaft die Anspannung kaum aushalten. Wenn wir über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands nachdenken und die Überfülle der Naturgaben in den Vereinigten Staaten Nordamerikas und den Reichtum Englands an wirtschaftspolitischer Macht vor unser Auge stellen, wenn wir dann klagen möchten, daß wir Stiefkinder des Wirtschaftsglückes seien, arm an eigenen Materien und arm an brauchbaren Kolonien, dann tröstet uns das, was unser Volk mit Eisen und Kohle erlebt hat, und, so wenig wir die Herrschaftsformen für gut und endgültig halten können, in denen heute die Arbeit in Kohle und Eisen geleitet wird, so sind dennoch sachlich die Horte unserer Hoffnungen unsere deutschen Schächte und das, was sich an wirtschaftlicher Lebendigkeit um sie gruppiert. Die schwarze Last der rheinisch-westfälischen Grenze und die Unerschöpflichkeit Oberschlesiens leuchten im Dunkel deutscher Wirtschaftssorgen. Wir haben Kohle, wir wissen das Eisen zu behandeln! Das ist deutsches Erbgut, sobald wir gleichzeitig nach außen und im Innern das Wort verstehen lernen, das der alte Arndt gedichtet: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!

 

Am Eisen entscheidet sich unsere Zukunft. Wenn uns ein anderes Volk die Führung auf dem Eisenmarkt so abnimmt, daß wir sichtlich zurückbleiben, hilft uns alle andere Arbeit nur wenig, denn die wirtschaftlichen Entscheidungsschlachten der modernen Völker werden nicht in Porzellan und Holz, nicht in Fleisch und Getreide, auch nicht in Wolle und Baumwolle, sondern in Eisen geschlagen. Eisen ist das beherrschende Element des Kapitalismus, der Urstoff der neuen Massenkultur, die als solche ein Zeitalter des Verkehrs und der Maschine ist.

Eisenproduktion hat es immer gegeben, solange es Menschheitsgeschichte gibt. Auch die Pyramiden Ägyptens sind nicht ohne eiserne Werkzeuge entstanden. Aber was will alles Eisen der alten Zeiten gegen die Fülle dieses Metalles besagen, mit der wir uns jetzt umspinnen? Unsere Schiffe sind Eisen und werden immer mehr Stahl, unsere Schienen sind Eisen und Stahl, unsere Bahnhöfe, Gasanstalten, Brücken, Türme, Warenhäuser, Wohnungen, Kriegsmaterialien, Werkzeuge, Webstühle, Spinnmaschinen, Dreschmaschinen, Lokomotiven, Wasserleitungen, Heizungen, Fahrräder: alles ist Eisen. Alle anderen Zweige der Technik sind nur Geschwister oder Kinder der Eisentechnik. Eisen bearbeiten zu können, ist der Stolz der Modernität, und es muß deutsche Ehre sein und werden, daß keinem Volke das Eisen mehr in die Hand gewachsen ist als uns.

Die mittelalterliche Eisenkultur war deutsch, von Deutschland aus wurde England versorgt. Erst durch das Elend des Dreißigjährigen Krieges verloren wir die Führung in Eisen. England erhob sich zu scheinbar unerreichbarer Höhe, bis in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Nordamerikaner und wir in eine Konkurrenz mit dieser Eisenmacht traten, die alle Zähigkeit und alle Findigkeit wachgerufen hat, die im deutschen Naturell schlummerte.

Wenn man früher vom eisernen Zeitalter redete, so verstand man darunter ein Zeitalter grober Gewalt. Nun, wo die wirkliche Eisenzeit vor unserer Schwelle steht, fühlen wir, daß sie doch sehr anders ist, daß sie Gewalt ist, aber nicht in Grobheit, sondern in Akkuratesse. Erst der Eisenbetrieb hat uns präzis gemacht, genau, scharf, denn das gerade ist eine der Eigenschaften des Eisens, daß es mit weniger Quantum dasselbe tut, was Holz oder Stein mit vieler und darum oft grober Quantität geleistet haben. Das wirkliche Eisenzeitalter legt ein großes Gewicht auf kleine Maße und Differenzen. Erst mit der Eisenbahn wurde der Verkehr zuverlässig. Und welche Verfeinerung des Nachrichtendienstes liegt im Telephon! Ja selbst der schwerste Schmiedehammer ist nicht nur schwer, sondern auch absolut genau: die Wucht im Bann des Millimeters! Es ist deshalb nicht zuviel gesagt, wenn man die Eisenproduktion als die größte Erzieherin ihres Menschenvolkes bezeichnet, weil die ganze Präzisionsmethode in Handel, Preisbildung, Arbeitsorganisation hier ihre Urquelle hat.

* * *

Unser ganzes gewerbliches Schaffen braucht einen neuen deutschen Stil, um sich in seiner Eigenart in der Menschheit durchzusetzen. Was aber ist das: ein Stil? Jeder von uns weiß, daß alle Handbücher der Kunstgeschichte von gotischem Stil, Renaissancestil, Barock, Empire usw. reden. Das sind die gewesenen Stile. Alles was gewesen ist, kann man gut beschreiben und auf allgemeine Formeln bringen, aber das Lebendige und Werdende entzieht sich der buchmäßigen Abgeklärtheit. Das Werdende ist erst in Anfängen und Ansätzen vorhanden. Wer will genau sagen, welche Ansätze und Anfänge maßgebend für die kommende Zeit werden? Alles Urteil auf diesem Gebiet behält darum etwas Persönliches und Subjektives. Nur in diesem Sinne trage ich das folgende vor.

Der Ausgangspunkt des Maschinenzeitalters überhaupt ist die Eisenindustrie. Unser Glück und Werden hängt von der Fähigkeit ab, Herren des Eisens zu werden, hier sind die Aufgaben, in denen um unsere geschichtliche Größe gerungen wird. Die Eisenindustrie bestimmt das zukünftige Dasein des Deutschtums. Alle anderen Tätigkeiten gruppieren sich um sie herum. Unsere Maschinen sind die ersten und tiefest wirkenden Erzeugnisse des neuen deutschen Geistes. Nur diese Seite der Sache beschäftigt uns heute. Der Geist bekommt seine ersten Formen nicht mehr aus Holz und Stein, sondern aus Eisen. Nicht als ob wir die alten Hauptelemente des sichtbaren Menschenwerkes verachten wollten. Keineswegs! Aber der Charakter der Periode wird in der Metalltechnik gefunden.

Was für Stil hat nun die Eisenzeit? Auch das Eisen begann seinen neuen Siegesgang formlos und geschmacklos, und noch heute sind wir von zahllosen unförmlichen oder mißgeformten Eisenprodukten umgeben. Ich denke an eiserne Schuppen, Wellblechdächer, eiserne Treppengeländer und eiserne Öfen, deren Äußeres oft noch weniger wert war als ihre Wärmeerzeugung. Auch das Eisen macht die drei Stufen durch, von denen wir vorhin sprachen. Es fängt stammelnd an zu reden wie ein großes unbeholfenes Kind. Erst allmählich bekommt es Geschick. Erst langsam werden die Maschinen selbst zu Wesen, die eine Gestalt haben. Man muß viel Maschinen gesehen haben, um den Fortschritt der Linien zu finden. Eine Fülle ganz neuer Gestaltungen umgibt uns, wenn wir im Maschinensaale einer großen Ausstellung weilen. Erst ist das Auge von der Bewegung hingenommen und von dem Gewirr der Konturen erdrückt. Es muß Ruhe haben, bis es eine Maschine sehen lernt wie man einen Baum sieht, dessen verwickeltes Wachstum man als innere Bereicherung empfindet. Jeder Techniker weiß, wie viel Ästhetik in seinen vollkommensten Instrumenten liegt, und wie die Linien seiner Apparate zu Grundlinien seiner Seele werden.

 

Am unmittelbarsten wirkt der neue Stil in der Architektur. Unsere neuen Bauten sind die Schiffe, Brücken, Gasanstalten, Bahnhöfe, Markthallen, Ausstellungssäle usw. Sie sind das Neue, das unsere Zeit hat. Um sie als neu zu empfinden, muß man alte Städtebilder hernehmen. Überhaupt lernt man beim Vergleich alter und neuer Bilder den Einfluß des eisernen Trägers und der eisernen Schienen kennen. Der neue Eisenbau ist das Größte, was unsere Zeit künstlerisch erlebt. Auf jedem anderen Gebiet suchen wir Ähren auf Feldern alter Ernte, hier aber wird Neuland in Angriff genommen. Hier gibt es keinen alten Zwang, keine Hofkunst, keine Schulweisheit. Hier wird nicht Kunst neben Konstruktion getrieben, keine angeklebte Dekoration, keine bloße Schnörkelei, hier wird für den Zweck geschaffen, und die Form wird geboren wie ein Kind, an das seine Eltern kaum dachten. In allerlei Mühsal dieser Tage ist es etwas Hohes, daß wir die erste Generation der Eisenarchitektur sind. So wie wir waren etwa jene Leute daran, die einst den Übergang vom romanischen Bau zur gotischen Freiheit erlebten, zur ersten keuschen, zaghaften, unendlich zarten Gotik. Im Eisenbau leben noch unaussprechliche Möglichkeiten. Alle alten Raumbegriffe verschieben sich. Alle Gefühle für Träger und Belastungsverhältnisse werden anders. Große Gewölbe fast auf Punkte zu legen, ist so neu, daß oft der Architekt noch falsche Pfeiler für nötig hält, als schäme er sich selbst seiner jungen Kraft. Noch gibt man dem Eisenbau aus einer Art von Schüchternheit steinerne Vorhallen. Gerade aber dieses leise und doch so frohe Herauskommen aus dem Wald der Vergangenheit gehört mit zum Zauber der neuen Kunst.

Nicht jeder Eisenbau an sich ist schön. Keineswegs! Es entstehen auch hier täglich Halbheiten und Geschmacklosigkeiten: Mannesmannröhren mit korinthischen Kapitälen und dergleichen. Man muß aber aus dem Allerlei den Zug nach neuen Formen zu erkennen wissen. Und niemand wird auf diesem Gebiete ohne inneren Gewinn suchen. Nicht alles was Kunst heißt, stärkt den Menschen, diese Kunst aber hat etwas absolut Charaktervolles. Es gibt Stücke am Unterbau der Berliner Hochbahn, die in ihrer freien Wuchtigkeit besser wirken als Salomonis Sprüche. Der Mensch besinnt sich auf das Wesenhafte, auf den Aufbau der Dinge selber, er lernt die Arbeit der Materie nachempfinden und hebt sich selbst an einem Material, dem diese Arbeit Lust ist. Das alles wirkt auch aus Menschen, die darüber nie verstandsmäßige Auskunft geben könnten. Es lehrt uns Linien erfassen, die wir dann in uns selbst wiederholen. So wird auf eine schwer zu beschreibende Weise das Eisen zum Erzieher seines Zeitalters und hilft mit den Stil der Neuzeit zu schaffen, den wir suchen.

* * *

Die Deutschen würden nicht ihre Maschinen bauen können, wenn sie nicht ihre Philosophen im Hintergrunde hätten. Warum bringen denn die anderen diese Art Maschinentechnik nicht fertig? Weil etliche Gehirnwindungen fehlen, Aber diese Gehirnwindungen sind eben das Erbe der Vergangenheit, von der ich jetzt gesprochen habe. Darum konnten die Deutschen das Eisen angreifen, als ob es ihr Material wäre. Wir nahmen das Eisen und bauten Maschinen und lebten uns ein in dieses Zeitalter der Mechanik. Die alten Träumer waren plötzlich praktisch geworden. Nicht als ob es andere Menschen geworden wären, sondern was dieses Volk in Leid und Not gelernt hatte, das legte es nun hinein in die bildsamste und schwerste Materie.

Nachdem sie aber gelernt haben das Eisen und die Materie zu behandeln, da sollen sie noch lernen, das einzelne Menschenexemplar als Rohstoff edelster Art zu verarbeiten für die Zukunft; denn aus aller dieser Mechanik und Technik ergibt sich als Problem der nächsten großen Periode: wie werdet ihr im Maschinenzeitalter die Menschen behandeln, damit der Mensch nicht bloß Maschine sei, damit der Mensch nicht untergeht in den ewigen Rotationen? Wollt ihr Menschen, die nur Bestandteile eines unübersehbaren Riesenmechanismus sind? Nein! Ein Volk mit geringerer innerer Vergangenheit würde unter der Maschine ein Chinesenvolk werden müssen. Ein Volk mit jener innerlichen gewaltigen Vergangenheit, mit jenen Freuden und Leiden der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges, der deutschen Philosophie und der deutschen Einheitskämpfe, dieses Volk wird sich die soziale Frage nicht so leicht machen. Sie ist nicht leicht auf deutsch zu lösen; sie ist sehr viel leichter romanisch zu lösen: mit einem gewissen Schematismus manche Dinge regeln und die anderen nicht sehen! Sie ist sehr viel einfacher amerikanisch zu lösen: Hinterland! Wem es hier nicht paßt, dort ist die Eisenbahn! Das können wir nicht, sondern wir haben die Menschen örtlich dicht beieinander, wir können sie nicht verschieben, sie wachsen uns unter den Händen, sie verdoppeln sich im Laufe verhältnismäßig kurzer Jahrzehnte.

 

Disziplin und Ordnung und Gehorsam; ohne das lassen sich überhaupt Großbetriebe nicht in der Welt denken, auch in keiner Zukunft und in keiner Gesellschaftsordnung, man mag sie sich ausphantasieren, wie man will. Aber bei vollem Zugeständnis der Notwendigkeit der Ordnung und der Einordnung ist es eine der ersten Aufgaben, darüber nachzudenken, wie man der Einzelpersönlichkeit auch innerhalb des Dienstes ihren gewissen Spielraum läßt.

 

Ein Volk, das industriell vorwärts kommen will, braucht hoffenden Optimismus seines Industrievolkes. Mit einer Arbeiterschaft, die man politisch entrechtet, will man die Welt erobern? Kämpfen wir etwa in erster Linie gegen Völker mit geringwertigen Arbeitern? Unsere Hauptkonkurrenz zahlt hohe Löhne und gibt große politische Freiheit. Darin liegt ihre Stärke, ihr Elan, ihr Übergewicht. Wir unterschätzen nicht, was Amerika an Naturvorteilen hat, sein größerer Vorteil ist aber doch der Geschichtsvorteil der gesicherten bürgerlichen Gleichberechtigung. Auf dieser Basis erhebt sich drüben eine Industrie, deren Stolz Personalqualitäten sind.

 

— — — — — — —

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.