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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
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wgs
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Ein Volk, das seine Politik nicht ernst nimmt, verdient, daß ihm eine schlechte Politik gemacht wird. Glaubt man, daß ein Volk, dem die Politik zur Nebensache und zum Geschwätz geworden ist, große politische Köpfe aus sich erzeugen und unterstützen kann? Und wieviel verliert jeder, der politisch gedankenlos lebt! Er ist ein totes Glied seines Volkes! Er wird sterben, aber das Vaterland wird ihn nicht vermissen! Auf seinem Grabe kann stehen: »Dein Volk beweint dich, aber nicht deinen Tod, sondern dein Leben!« Mit solchen Menschen sollen wir Weltpolitik machen, Sozialpolitik, Industriepolitik!

Es scheint, daß wir erst in die Not hineinfahren müssen, ehe wir aufwachen. Wenn wir erst einmal etwas verloren haben, wenn wir uns den Markt verdorben haben, wenn wir Knechte der Agrarier geworden sind, wenn wir einmal hungern, seufzen, dann wird ein Teil der Gedankenlosen sich ermuntern. Aber wie leicht kann es dann schon zu spät sein! Jetzt ist es noch Zeit, noch ist nichts Großes verloren, aber es fehlt der Ernst. Die Nation, die man so oft wegen ihrer Gründlichkeit gelobt hat, ist jetzt nicht bereit, ihr eigenes Geschick mit Eindringlichkeit zu prüfen. Es wird um unser nationales Leben gewürfelt. Ihr merkt es nicht! Es wird um die Zukunft unserer Kinder geschachert. Ihr fühlt es nicht! Ihr habt keine Zeit für solche Dinge. Nein, ihr habt keine Zeit, denn ihr braucht eure Zeit für Ansichtspostkarten und hundertfachen Klimbim! Das Vaterland ist euch kein Teil eures Wesens. Geht hin und singt irgendeinen Gassenhauer, denn für euch ist es doch nichts, das alte prächtige Lied: »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!«

 

Carlyle sagt irgendwo, daß jedes Volk die Regierung hat, die es verdient. Das antworten wir allen denen, die jetzt mit einem Male jammern und wehklagen, als sei es etwas ganz Neues, daß die deutsche Politik nicht vom deutschen Volke selber gemacht wird. Ihr Klageweiber, was habt ihr denn bisher getan? Wo wart ihr denn, wenn Volkspolitik gemacht werden sollte? Wo waren eure Gedanken und wohin flossen eure finanziellen Mittel? War euch nicht jede Tänzerin wichtiger als die Ausübung des obersten Regiments? Wo wart ihr bei den Versammlungen der Staatsbürger? Ihr verlangt, daß der Kaiser euch nicht von oben herab behandeln soll? Ihr! Erst soll unsere Bildungsschicht etwas tun, ehe sie ein Recht hat zu räsonnieren. Ihr werft dem Kaiser vor, daß er nicht methodisch politisch arbeitet. Ganz recht. Aber macht ihr es denn anders? Dem »impulsiven Regiment« entspricht eine Bildungsschicht, die ganz ebenso ist. Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild! Ihr werdet in demselben Maße von seinem persönlichen Regiment freiwerden als ihr selbst etwas Politisches tut! Ihr sagt, er redet zuviel! Gewiß! Aber was tun denn die anderen? Wer überlegt gründlich, wer studiert Politik, wer achtet die politische Geistesarbeit der Väter? Das Volk soll sagen: mea culpa, mea maxima culpa, wir selber sind schuld, daß alles so weit gekommen ist! Wir alle müssen den Staat neu begreifen lernen, den neuen Staat mit seinem Großbetriebscharakter, und müssen von vorne an lernen, für den neuen Staat ein neues Regiment zu schaffen, eine Form des Regiments, die den Volksbedürfnissen entspricht in der Art des englischen Systems. Auch das englische System ist nur so lange wirksam, als das englische Volk ein politisch tätiges Volk ist. Sobald es erschlafft, kommt entweder der Absolutismus oder die Niederlage, oder beides. In diesem Sinne brauchen wir eine politische Reformation an Haupt und Gliedern. Sie wird den Inhalt der politischen Kämpfe der nächsten Jahrzehnte ausmachen.

 

Jedermann liest täglich von Politik, aber die politische Pflicht, daß jeder eine Meinung haben soll, ist vielfach noch ganz unentwickelt. Auch sehr gebildete Männer und Frauen sind oft politisch meinungslos. Diese Meinungslosigkeit gibt sich als Bescheidenheit, ist aber Schwäche. Politik ist Willenshandlung und ohne vielfältigen gemeinsamen Willen wird in ihr nichts erreicht.

 

Es gibt einen unsichtbaren Bund aller wirklich Schaffenden gegenüber den bloßen Genießern und Beurteilern. Wer zu den Schaffenden gehört, hat ganz von selber Sinn für Politik, weil er in ihr das Gestaltende, Lebenformende empfindet. Es kann sein und ist oft der Fall, daß der künstlerisch Schaffende keine Zeit und Kraft hat, sich um die Einzelheiten der Staatskunst zu kümmern. Das wird ihm niemand übelnehmen, denn er hat genug zu tun auf seinem Gebiet, aber kein Schaffender wird grundsätzlich unpolitisch sein. Das sind immer nur die Nachahmer der Formen, die von anderen Leuten erfunden wurden, die bloßen Anempfinder, Nachfühler, Nachklügler. Daß ihnen ein so großer Teil unserer Gebildeten jetzt verfällt, das ist wirklich ein Schaden.

 

Es gibt Liberale, die sich dann beteiligen wollen, wenn wieder eine große allgemeine liberale Bewegung vorhanden ist. Jetzt verlohne es sich nicht, an dem Kleinkram und Fraktionsstreit teilzunehmen. Wenn einmal ein neuer liberaler Pfingsttag kommt, dann wollen sie mit Wort und Geld bei der Sache sein. Jeder solcher Wartende verzögert das Eintreten der Bewegung, auf die er wartet, denn Bewegungen entstehen nicht aus Erwartungen, sondern aus Handlungen. Wer soll denn schließlich den Anfang machen? Oft sind es gerade die fähigsten und tüchtigsten Menschen, die sich lebenslang im Warteraum des Liberalismus befinden und nicht einsteigen, weil es den großen D-Zug noch nicht gibt.

* * *

Du bist ein Staatsbürger! Ich rede jetzt nicht zu den Frauen, denn ob sie schon Staatsbürger sind, weiß ich leider nicht. Die Gesetzgebung sieht sie nicht als solche an. Ich rede auch nicht zu den Unerwachsenen. Ich spreche zu dir, der du Mann bist, als Mann zum Mann, als Staatsbürger zum Staatsbürger, und meine Absicht ist, deine tiefe Gleichgültigkeit gegen dein Staatsbürgerrecht zu überwinden. Ich weiß, daß dir die nebensächlichsten Dinge ebensoviel wert sind wie dieses Recht. Man könnte es dir über Nacht stehlen, und du würdest es kaum merken. Vielleicht würde dich dann das Geschrei der anderen ein wenig aus dem Schlummer wecken, aber du, du selbst würdest dich nicht ärmer fühlen, wenn du morgen wieder Untertan sein würdest und nicht Staatsbürger. Ist es denn so schlimm, Untertan zu sein? Man versteht doch nur wenig vom Staat! Und Ruhe ist so bequem! Was sollst du dich aufregen? Die Welt wird ja doch ohne dich ihren Gang gehen. Was kommen soll, das kommt. Ich sehe es ordentlich, wie du auf der einen Seite deines Sofas sitzest und dir dort deutlich machst, weshalb du auf dein Staatsbürgertum gar keinen Wert zu legen brauchst.

Und wenn du nur ein Vereinzelter wärest, der so denkt, so könnte man dich gehen lassen, denn in der Tat, du allein änderst die Welt nicht. Ob du etwas tust, es kann Wert haben, aber es kann auch wertlos sein, denn was ist Einer? Aber das Unglück ist nur, daß du kein Vereinzelter bist. Indem ich zu dir rede, meine ich Tausend und Zehntausend. Ihr alle seid politisch schlaff! Verzeihet den harten Ausdruck, aber er ist richtig: ihr seid politisch gedankenlos! Im übrigen mögt ihr prächtige Leute sein, gute Hausväter und Männer von Ehre. Auch soll man euch Pflichtgefühl im allgemeinen nicht absprechen, nur hat euer Pflichtgefühl eine Lücke. Ihr habt Pflichtgefühl gegenüber eurem Beruf und euren Kindern, aber nicht gegenüber dem Staat. Kein Mensch wird von euch zu staatsbürgerlichem Handeln angeregt, denn wie soll jemand andere erwärmen, der selber kalt ist? Euer Patriotismus ist inhaltlos, denn ihr überlaßt das Vaterland, zu dem ihr euch bekennt, seinem Schicksal. Für euch haben diejenigen Vorfahren, die für die Rechte des Bürgers gestritten haben, ihre Opfer ganz umsonst gebracht. Wer weiß, ob es nicht den Tod der Edelen getrübt haben würde, wenn sie euch hätten vorhersehen können? Sie glühten für die Mitbeteiligung aller Bürger an der Staatsleitung, und ihr begreift eigentlich gar nicht mehr, warum sie sich so angestrengt haben, Parlamente zu schaffen, Wahlen einzuführen, Vereinsrechte zu erlangen. Alle diese Güter sind für euch keine Güter, denn eure Seele ist in politischen Dingen die Seele von Knechten. Einige von euch lehren auf höheren Schulen die Knaben den Staatssinn der Athener und Römer preisen. Sie ehren die politischen Menschen in der Vergangenheit und verachten die Politik in der Gegenwart.

Aber wozu soll ich schelten? Ich tat es in der leisen Hoffnung, daß dieses Schelten etwas nützen könne, aber mein Verstand sagt mir, daß mein Schelten nichts helfen wird, wo ihr die Sprache der Tatsachen, die doch unendlich viel eindringlicher ist, für nichts achtet. Die Tatsache liegt vor, daß unsere Parlamente wenig erreichen, daß wir keinen Fortschritt in der Richtung auf Selbstverwaltung und Selbstregierung machen, und daß die politischen Rechte, die vor 40 oder 50 Jahren gegeben wurden, heute infolge großer Gleichgültigkeit gerade der gebildeten Schichten unsicherer geworden sind als je. Man weiß, daß ihr für diese Rechte nichts zu opfern bereit seid! Der Arbeiter hat im Durchschnitt mehr Wertschätzung seines Staatsbürgertums als der gebildetere und freiere Mann. Ihr seht seine Emsigkeit, aber es rührt euch nicht. Ihr seht, wie die Kräfte der Dunkelheit wachsen, aber ihr denkt nicht daran, euer Licht in Bereitschaft zu setzen. Das alles brauche ich euch nicht erst zu sagen, denn ihr seid ja klug und gebildet genug, es selbst zu sehen. Ihr studiert euch selbst und wundert euch, warum ihr so seid, wie ihr seid. Ihr findet es interessant, daß ihr politisch nichts leistet, ein Problem, eine Zeiterscheinung. Die deutsche Bildung studiert ihren eigenen Krankheitsprozeß. Sie ist klug, aber ohne allen Willen zur Macht.

Das ist es, was im Hintergrund des Staatsbürgertums liegen muß, daß die Staatsbürger Teilnahme an der Herrschaft gewinnen wollen. Ihr denkt nicht daran, herrschen zu wollen, und sei es auch nur auf einem kleinen Gebiete des Staatswesens. Es ist euch so unendlich wohl, daß ihr keine Verantwortung haben sollt! Ihr liebt eure politische Kleinheit mit bedauernswerter Liebe. Und eure Kinder sollen die Erben des Staates sein, für den ihr soviel getan habt! Und von diesen Kindern wollt ihr einst geehrt werden, und sie sollen euch als Muster aller Tugenden ansehen. Ob sie es tun werden? Gott weiß es! Fast hoffe ich, sie werden es nicht tun. Es wird wieder eine Generation kommen, die mehr politisches Mark in ihren Knochen hat als diese. Sie wird kommen, weil es für unser liebes deutsches Volk gar zu traurig wäre, wenn sie nicht käme, wenn ihr, ihr die letzte Gestalt des politischen Geistes in diesem Volk sein solltet, ihr, die ihr wert seid, zu Chinesen ernannt zu werden!

Was, das wollt ihr euch nicht gefallen lassen? Das sei zu arg, zu toll, eine unverdiente Schmähung eurer Vortrefflichkeiten! Ihr protestiert gegen meine Darstellung eurer Schlaffheit. Sie soll übertrieben sein. Gut, daß ihr protestiert, denn euer Protest ist meinem lauschenden Ohr hundertmal lieber als eure schweigende, demütige Zustimmung! Ihr sollt es euch nicht gefallen lassen, daß man euch für politische Schlafmützen ausgibt, niemals sollt ihr es euch gefallen lassen, weder von mir, noch sonst von jemand, aber euer Protest soll etwas anderes sein, als ein Ruf in die Nacht hinein, der dann wieder von der endlosen Ruhe verschlungen wird. Ihr sollt gegen alle solche Verleumdungen durch die Tat protestieren, indem ihr euch morgen, heute, jetzt politisch in Reih und Glied stellt, zu einer Organisation tretet und der Organisation dient. Von diesem euren Protest werde ich überwältigt sein, wenn er allgemein ist.

Und damit sei es genug. Ich will ganz ruhig schließen. Ich bitte dich, daran zu denken, daß du Staatsbürger bist. Das ist alles. Ich bitte dich. Du merkst, daß ich dich nicht zwingen kann, wenn du nicht willst. Ich habe kein anderes Mittel als dies ganz kleine und schwache: ich bitte dich, gerade heute eben dich!

 

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