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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
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Es ist wieder ein allgemeiner deutscher Liberalismus nötig, eine Volkspartei, in der Demokratie und Nationalsinn beieinander wohnen, eine breite schaffende Mehrheitspartei mit freien neuen Gedanken. Das ist nötig. Das ist es, was wir unter dem Wort »die deutsche Linke« erstreben und nach Möglichkeit vorbereiten. Dahin zielt die Entwicklung, das arbeitet in tausend Köpfen, das bohrt in jungen Gehirnen, das kommt einmal, aber – wann kommt es?

Es gibt sehr gescheite Leute, die vor lauter Weisheit ganz müde sind. Diese wollen natürlich von der deutschen Linken noch nichts wissen, weil man ihnen bis heute nicht vorerzählen kann, was alles dazu gehört, und welches das Programm sein wird. Sie haben feste Begriffe in ihrem Kopf von dem, was ein Sozialdemokrat ist, und von dem, was ein Linksliberaler oder ein Nationalliberaler ist. Vor lauter solchen Bäumen sehen sie den Wald nicht, merken nicht, daß überall in der Linken neue Kräfte am Werk sind.

Andere aber wollen schon morgen Früchte sehen. Wenn es zur Zeit noch Schwierigkeiten gibt, verlieren sie gleich den Mut und sprechen: es wird ja doch nichts! Sie wünschen im Grunde die Linke, haben aber für sie keine Geduld. Damit erschweren sie sich und anderen die Mühe. Es ist ein großes langes Werk, die neue deutsche Volksmehrheit herauszuführen. Aber das Allerschwerste ist doch nun schon getan: man wartet bereits, ob sie kommen will. Zweifelnd, hoffend, schimpfend, grollend wird von allen Seiten der neue Aufmarsch im voraus begrüßt: es kommt! es kommt nicht! es kommt doch!

Was die deutsche Linke zusammentreibt, ist dabei weniger die größer werdende Einsicht von ihrer hohen geschichtlichen Notwendigkeit. Diese wirkt nur bei einer gewissen Anzahl von Menschen. Mehr als die Idee selber wirkt die praktische Erfahrung, daß jede andere innerpolitische Idee unausführbar ist. Sowohl Sozialdemokraten wie Nationalliberale werden durch die Logik der sonstigen Unmöglichkeiten trotz starker Abneigung endlich zum einzig Möglichen getrieben.

Es sieht aus, als handle es sich bei allem Reden über die kommende deutsche Linke nur um einen neuen Schachzug aus dem alten Schachbrett der Parteien. Das aber ist nur die Außenseite der Sache. Rechts steht Rom und Ostelbien, links steht Königsberg und Weimar. Der Geist, der vor hundert Jahren die kämpfende Jugend belebt hat, steht wieder vor der Tür, der Geist der freien Kraft, die vorwärts will. Ihm gilt es, die Tore zu öffnen.

 

Was ist die gemeinsame Geschichtsaufgabe des deutschen Liberalismus? Sie läßt sich negativ aussprechen als Niederwerfung der konservativ-klerikalen Herrschaft und positiv als Herbeiführung eines Staats-, Handels- und Gewerberechtes, wie es der heutigen Industrialisierung Deutschlands entspricht. Wir wollen nicht mehr von den sinkenden Ständen regiert werden, weil sie uns abwärts ziehen. Wie sich das in Verfassung, Verwaltung, Handelspolitik und Sozialpolitik ausspricht, steht in den Programmen der liberalen Parteien geschrieben und wird sich finden, sobald die Macht derselben wächst; jetzt muß erst die Grundlage zu solcher Macht gelegt werden. Ehe nämlich Macht da sein kann, muß der Wille zur Macht entstehen, der Wille zur Führung, zur Verantwortung, zur Einordnung. Diesen Willen zur Macht zu erzeugen, ist das Problem der Linken.

Der Wille zur Macht muß in die drei Millionen liberaler Wähler hineinfahren. Das ist keine kleine Sache; denn die meisten von ihnen haben nur den kleinen Willen zur persönlichen Tüchtigkeit und Wohlfahrt, sind aber ohne festen Trieb gegenüber dem Gemeinwesen. Je besser es ihnen als Einzelmenschen geht, desto unpolitischer ist ihre Seele. Dieser Masse von gutwilligen, aber schwachen Elementen muß beigebracht werden, daß sie etwas im Staate bedeuten kann, wenn sie will. Du kannst, wenn du willst! Die Voraussetzungen sind da; es müssen nur die inneren Schlußfolgerungen gezogen werden. Es muß rückhaltlos dieser Menge von Gutwilligen klargemacht werden, daß sie politische Knechte sein und bleiben müssen, solange sie selber sich nicht anstrengen, um Herren zu werden. Sentimentale Klagen ändern gar nichts: entweder ihr begreift, worin politischer Wille besteht, oder ihr seid nichts als Klienten und Heloten der Junker und Priester! Wenn ihr unterworfen bleiben wollt, so lernet leiden ohne zu klagen, so küsset die Hände, die euch schlagen, so bauet Ehrenpforten denen, die euch mißachten! Ein paar Abgeordnete können euch eure politische Arbeit nicht abnehmen; ihr müßt hinein in den Dienst der Beseelung der drei Millionen!

Ob das die Liberalen begreifen werden? Oft scheint es so, als seien sie so unpolitisch geboren, daß alle Mühe vergeblich ist. Sie haben keinen eigenen Stolz gegen rechts und einen falschen Stolz gegen links und verderben sich damit ihre ganze Zukunft und die des Vaterlandes.

 

Wenn heute der deutsche Liberalismus arm erscheint an geistiger Lebendigkeit, so fehlt es eben am Tiefsten und Innersten: der Glaube an die Pflicht, für Volk, Menschheit und Fortschritt sich ganz und gar einzusetzen, ist nicht verbreitet genug. Es besteht Blutarmut des geistigen Lebens. Das kann durch bloßes Agitieren nie ersetzt werden. Es fehlt der Drang, der von selber die Jugend ergreift und die Alten noch in Feuer geraten läßt. Das ist im Grunde eine Glaubensfrage: Wo aller Idealismus zerstört ist, wächst kein Staat und keine Gemeinde! Auch die Sozialdemokratie fängt an zu merken: mit Materialismus erneuert man keine Gesellschaft. Dazu gehören Willenskräfte, Glaubensregungen, Ahnungen von dem, was da war und was da kommt.

 

Liberalismus baut sich darauf auf, daß Einzelmenschen nicht nur selber selbständig werden wollen, sondern daß sie auch ihren Nächsten wünschen, daß sie selbständig werden sollen.

Und zwar gilt das nicht nur von den politischen Beziehungen: und damit berühre ich eine der wundesten Stellen in der moralischen und psychologischen Haltung vieler Liberalen, die da sagen: die Gleichheit der Bürger gilt theoretisch in der Politik, schon gesellschaftlich gilt sie nicht, im wirtschaftlichen Betriebe gilt sie gar nicht; die allgemeinen menschlichen Verhältnisse bleiben unliberal, nur in der Politik wollen wir liberal sein! Sobald man die Sache so macht, bleibt man auch in der Politik nicht liberal, denn dann fehlt eben jener Gesinnungsuntergrund, auf dem der Liberalismus der Verfassung zum Liberalismus des Volkes wird.

* * *

Eine Linke, die sich selbst zerreißt, ist von vornherein machtlos. Deshalb müssen die Temperamentsunterschiede, die es zwischen der liberalen Oberschicht und Unterschicht stets gibt und geben muß, als vorhandene Notwendigkeiten hingenommen und beiderseits ertragen werden. Der ungelernte Arbeiter wird, wenn er einmal geweckt ist, im Durchschnitt radikaler sein als der gelernte Arbeiter, dieser wieder radikaler als der Beamte, dieser unter Umständen radikaler als der Unternehmer und Bauer. Wem die Tonart alles ist, der verzichtet auf den Erfolg.

Aber auch abgesehen von diesen Unterschieden in Energie und Tempo bleiben sachliche Schwierigkeiten genug, deren größte die Differenz zwischen Arbeitskäufern und Arbeitsverkäufern ist. Für sie gibt es keine absolute Lösung, aber die Durchführung des reinen liberalen Prinzips ist die beste Erleichterung dieser dauerndsten Schwierigkeiten, die es gibt. Wenn beiderseits die Achtung der Persönlichkeit und die unbedingte Freiheit der Koalition festgehalten wird, dann sind es kaufmännische und rechtliche Fragen, die in Wirtschaft und Politik strittig bleiben, und bei denen kein Teil es dem anderen verübeln wird, wenn er seine Interessen korrekt und zäh vertritt. Ausgeschlossen muß sein jede Art von Herrschaftsarbeit und jede Art von Bevormundung.

 

Ich halte eine große geeinigte Linke für möglich. Alle Beteiligten müssen sich nur erst darüber klar werden, wievieles von den alten Streiten inzwischen durch die Entwicklung erledigt ist, was man davon schon alles wieder weggetragen hat. Es bleiben freilich noch genug Schwierigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern, Schwierigkeiten der beiderseitigen Taktik, es bleibt immer schwierig, Leute aus verschiedenen Gesellschaftsschichten eine einigermaßen gleiche politische Sprache lernen zu lassen. Schwierig ist es auch, bei den Arbeitern den Nationalsinn zu wecken, ohne den eine Vaterlandsleitung undenkbar ist, schwierig ebenfalls, auf dem Gebiet der Staatsfinanzen ein durchführbares und einheitliches Programm der ganzen Linken zu finden. Aber gegenüber allen diesen Schwierigkeiten wiederhole ich: es herrscht die Rechte genau so lange, bis die Linke sich politisch so weit diszipliniert und organisiert, daß sie eine politische Einheit wird. Wenn die Linke das nicht kann, dann regiert die andere Seite ruhig weiter. Alle inneren Kämpfe innerhalb der Linken ändern am Gesamtbild Deutschlands gar nichts. Deutschland ist aber sicherlich noch nicht am Ende seiner weltgeschichtlichen Entwicklung angelangt. Es ist noch nicht reif, das bessere Spanien zu werden. Noch hat es Großes für die Menschheit zu leisten. Das ist der Glaube, den wir haben und ohne den wir nicht arbeiten können: daß in unserem deutschen Volk noch eine ungeheure Zukunftsbegabung liegt, für deren Entfaltung unter konservativ-klerikaler Herrschaft kein Raum ist.

Was wird sich aus der deutschen Arbeiterschaft herausholen lassen, wenn sie einmal auch in Preußen das Gefühl los wird, nur Staatsbürger dritter Klasse zu sein! Was läßt sich herausholen, wenn man die Kinder alle in den ersten Schuljahren auf dieselbe Bank und in dieselbe gesunde Luft hineinsetzt! Was läßt sich aus diesem wundervollen Volke gestalten, wenn man es nicht nur behandelt wie eine aufsichtsbedürftige Herde, sondern es ansieht wie ein Volk werdender Menschen! Wir alle miteinander sind vom Schicksal oder von Gott auf dasselbe Brett im Ozean der Zeiten geworfen, um da eine Weltgeschichte miteinander zu machen, bei der wir uns vertrauen müssen auf Tod und Leben, vertrauen gegenseitig ohne Angst voreinander! Wenn es möglich ist, unser Volk mit einer solchen geschichtlichen Lebensstimmung zu füllen, dann kommt wirklicher Liberalismus, dann gibt es nicht nur wieder Mandate für die Fraktionen (das ist vielen Leuten zu wenig, um dafür zu arbeiten!), sondern es kommt das bessere Deutschland, für das die Reichsgründung nicht nur eine Episode war, nicht nur ein kleines Zwischenspiel, sondern der Anfang der letzten Entfaltung alles deutschen Geistes und Könnens. Wir wollen nicht das bessere Spanien werden, wir wollen es nicht, sondern wollen mit dem Engländer und Amerikaner den hohen Wettkampf kämpfen, welche von unseren Nationen die größten Kulturwerte in die Zukunftsgeschichte der Menschheit hineinwerfen kann. Das aber werden wir niemals erlangen, solange wir konservativ-klerikal bleiben. Wir sagen nicht, daß wir unter dem Zentrum leiblich verhungern. Gewiß, wir können zugeben, daß auch unter der konservativ-klerikalen Führung die Menschen etwas besser genährt werden und etwas länger leben als in früheren Zeitläuften. Das bestreiten wir gar nicht. Aber auch hier gilt und gerade hier, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern lebt auch, politisch gesprochen, von den großen Gedanken und Hoffnungen, die er für sein Volk haben darf. Die konservativ-klerikale Herrschaft ist ein Versicherungssystem gegen seelische und wirtschaftliche Gefahren, aber gerade dadurch ist sie selber die größte Gefahr für die Seele der Nation. Zölle und Bevormundung machen allmählich matt und mürbe. Es weht kein rechter deutscher Wind mehr, es fehlt Fortschritt, Liberalismus. Wir sagen nicht, daß unsere politischen Gegner schlechte Menschen sind, aber kurzsichtig, ängstlich, hoffnungslos! Unter ihren Händen wird das Deutschtum arm und klein. Um des Vaterlandes willen bekämpfen wir sie und warten auf den Tag der deutschen Freiheit.

 

Die Welt fängt in jedem Jahre wieder von vorn an, und frische Jugend wächst zu uns heran. Was können die Parteien auf der Rechten heute der Jugend bieten? Sie sind so unsagbar dürr geworden, rechnerisch knapp, ohne Opfer und ohne Ideen, Gegner der Erbschaftssteuer, Bekämpfer der Arbeiterbewegung, voll Angst vor der Masse. Was sie zeitweise an nationalem Magnetismus gehabt haben, ist der Erbschaft und der Rente zu Füßen gelegt. Dort findet keine Jugend ihre Ideale. Auch bei uns wird die Jugend nicht sofort alles so finden, wie sie es haben will, denn der Liberalismus ist eben schlecht organisiert und noch kein politischer Körper, aber bei uns verlohnt es sich zu schaffen und zu arbeiten, denn hier entsteht das romfreie und junkerfreie Deutschland, um dessen willen vor vierzig Jahren mit Blut und Kraft das Reich gegründet ward.

 

Sollte es möglich sein, daß wir uns aus reiner Interessenpolitik zu einer höheren Form politischen Lebens heraufarbeiten, so würde damit gleich gegeben sein, daß die Bedeutung der Gebildeten für die Politik wieder steigt. Unter einer höheren Form des politischen Lebens verstehen wir aber den Zustand, der in England nach dem Sturz des Zollsystems eingetreten ist. Auch in England hat es bis zum Jahre 1846 eine Zeit gegeben, wo die Politik des Inselreiches nicht wesentlich anders war, als die heutige deutsche Politik. Von da an aber, wo der Staat nicht mehr als Maschinerie zur Herstellung von Privatvorteilen benutzt werden konnte, das heißt, seit dem grundsätzlichen Sturz der protektionistischen Auffassung, ist die englische Politik in viel höherem Grade Nationalpolitik geworden, als wir es von der heutigen deutschen Politik sagen können. Man treibt Politik, um Macht, Einfluß und Wohlfahrt des Volkes im ganzen zu heben, und nimmt an, daß diese Hebung den einzelnen Volksschichten von selbst einen größeren Vorteil abwirft, als wenn sie emsig darauf bedacht sind, sich Sondervorteile mit Hilfe der Gesetzgebung zu sichern. Das, was wir in England vor uns sehen, ist die Epoche, die hinter der Zeit der rein materiellen Interessenvertretungen kommt. War es nun aber in England schon eine schwierige Angelegenheit, sich zu dieser Epoche der Politik emporzuarbeiten, so wird es für Deutschland noch schwieriger sein, weil der konfessionelle Gegensatz und das Vorhandensein der Zentrumspartei die Bildung eines großzügigen Parteisystems äußerst schwer macht. Es kann also sein, daß wir noch ziemlich lange Zeit warten müssen, bis wir wieder eine Politik bekommen, in der auch die Kulturideale der Bildung etwas zu bedeuten haben.

 

Wenn eine herrschende liberale Meinung vorhanden ist, überwindet sie alle formellen Hindernisse. Auch der preußische Landtag war trotz seines Dreiklassenwahlrechts einmal liberal. Eine herrschende liberale Meinung dringt, wenn sie einmal entstanden ist, durch die festesten Türen hindurch, erobert ganz von selbst die Redaktionen der Zeitungen und die Lehrstühle der Professoren, erscheint ungerufen in den Stuben der Geheimräte und meldet sich schließlich selbst in den ältesten Schlössern. Vor dieser Meinung verlieren, wenn sie genug Lebenskraft gewonnen hat, die politischen Lehrsätze der Gegner ihre Selbstverständlichkeit. Liberalismus muß wieder politischer Volksglaube werden. Wer darauf noch hofft, der ist liberal.

Wie kann eine herrschende liberale Meinung erzielt werden? Auf keinem anderen Wege als auf dem alten Wege, daß es liberale Männer gibt, die ihre Meinung aussprechen und sich auf Grund ihrer Meinungen organisieren. Die Aussprache unserer Überzeugungen ist die einzige Waffe, die wir haben. Eine Meinung, die im stillen Schrein des Herzens verborgen bleibt, hat politisch keinen Wert.

Nicht jede Aussprache von Meinungen hat politischen Erfolg. Meinungen, die nicht auf der Linie der natürlichen Entwicklung liegen, können durch keine rednerische Kunst zu allgemeinen Meinungen gemacht werden. Es fragt sich also, ob unsere liberalen Meinungen dem natürlichen Entwicklungsgange des deutschen Volkes entsprechen. Das ist es, was unsere Gegner verneinen. Sie sagen, daß der Liberalismus ein überwundenes Zwischenspiel der deutschen Geschichte gewesen sei. Damit aber haben sie unrecht, denn in ganz Europa und in Amerika erhält sich der Liberalismus dort, wo er einmal Volksgesinnung geworden ist, und steigt in die Höhe, wo er bisher bedrückt wurde. Nicht der Liberalismus ist das Zwischenspiel, sondern die konservativ-klerikale Herrschaft über ein industrielles Kulturvolk.

* * *

Das Jahr 1878 ist einer der merkwürdigen Wendepunkte, an denen Stimmung, Gefühl, Hoffnung und Ideal eines ganzen Zeitalters zu Grabe getragen werden, und andere Wünsche, andere Gedanken, neue Personen und neue Schichten steigen aus und bringen veränderte Formen des Denkens. Das war freilich denen, die es damals erlebten, nicht so deutlich, wie es uns heute, die wir rückschauend jene Zeit betrachten, vor Augen steht. – Vom Jahre 1848 bis 1878 war eine Epoche mit innerlicher Einheitlichkeit, die Epoche des Liberalismus, von da an beginnt eine andere Epoche, die Zeit der konservativ-klerikalen Vorherrschaft in Deutschland. Sie beginnt unter anderem mit jenem Wort, das der alte Kaiser Wilhelm nach den Attentaten sprach: Die Religion muß dem Volke erhalten werden!

 

Das war der politisch entscheidende Vorgang im Geistesleben der deutschen Nation, daß in der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der allgemeine Glaube daran, daß der Liberalismus der natürliche Ausdruck der vorwärtsschreitenden deutschen Kultur sei, ins Wanken kam. Während ein Menschenalter vorher alles, was der Zukunft entgegenging, gleichsam von selbst zu irgendeinem Teil des Liberalismus sich rechnete, zeigten sich von da an starke wirtschaftspolitische und nationalpolitische Strömungen, die den Liberalismus für eine überwundene »Theorie« erklärten. Im Anfang haben die Liberalen nur wenig an die innere Kraft der damals neu auftretenden konservativen und klerikalen Strömungen geglaubt, aber sie haben sich leider im Verlaufe der letzten dreißig Jahre davon überzeugen müssen, daß es sich um eine fast vollkommene Änderung der Temperatur des geistigen Lebens in Deutschland gehandelt hat. Die Führung der öffentlichen Meinung entglitt den Händen der Liberalen. Erst von da aus sind die Fortschritte und Siege verständlich, die aus allen Gebieten des Staats- und Wirtschaftslebens von unseren Gegnern erreicht worden sind. Es ist an dieser Stelle nicht nötig, Abrechnung darüber zu halten, wo die größere Schuld bei diesen Vorgängen liegt. Wahrscheinlich würde keine Person und keine Partei imstande gewesen sein, das Schicksal auszuhalten, das über den Liberalismus hereinbrach. Er hatte tatsächlich sehr Großes geleistet und einen bedeutenden Teil seiner alten Ziele und Ideale verwirklicht. Ist es ein Wunder, wenn er nun während eines Menschenalters einer gewissen Ermattung anheimfiel?

 

Es gibt also in Deutschland einen konservativ-klerikalen Staat, der als Staat durchaus bestehen kann und auf längere Zeit durch die Landtage gesicherte Mehrheitsverhältnisse hat, der nur eins nicht erfüllt: die Hoffnungen derer, die das Deutsche Reich gegründet haben, nämlich die Hoffnung auf die unauslöschliche Kraft der deutschen Energie inmitten der Weltwirtschaft und die Hoffnung aus Entfaltung aller ungehobenen Begabungen und Fähigkeiten der deutschen Kultur und der deutschen Seele. Alles, was jener ältere Liberalismus jugendlich kühn für die Zukunft geschaffen hat, ist in feste konservative und klerikale Hände gebracht worden und wird da nach alten Rezepten verwaltet; nicht in ungeschickte, sondern in sehr geschickte und kluge Hände, aber in Hände von ängstlichen Lehrmeistern. Von ihnen wird nun der Nationalgeist erzogen, bewahrt, behütet und bevormundet, daß er nur ja seiner inneren Schaffenskraft und seiner Naturindividualität nicht gar zu viel nachgibt, hier setzt der tiefste Gegensatz ein, jener innerliche Gegensatz zwischen links und rechts.

 

Unser Wirtschaftsleben und unser Geistesleben sind nicht mehr so schwache Kinder, daß sie beständig eingepackt werden müssen. Nächst den Engländern und Amerikanern können wir von allen am meisten die Freiheit und den Mut vertragen. Mit ihnen können wir uns in die erste Reihe stellen. Nur gehört dazu, daß wir von unserem Nationalbewußtsein den bösen Staub der Ängstlichkeiten abschütteln, der sich vor jedem fremden Schiff, vor fremder Ware, fremder Meinung, fremder Verfassung fürchtet, als seien draußen nur hunderttausend Teufel, bei uns aber lauter liebe Engel. Der Kern der jetzt herrschenden konservativ-klerikalen Verbrüderung ist die Angst vor dem großen Verkehr der Erzeugnisse und der Geistesströmungen. Die materielle und geistige Schutzzöllnerei als Lebensprinzip verdirbt dem Volke den Sinn des großen Erlebnisses der vorigen Generation, denn sicherlich ist nicht dazu das Deutsche Reich gegründet worden, damit konfessionelle Schulen und hohe Getreidepreise erhalten werden. Durch die Einschiebung dieser Gesichtspunkte ist vorläufig noch der Masse verdunkelt, was auch für sie der Geschichtsumschwung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wert war. Die Reichsgründung erscheint als Sieg des Junkers und Priesters, weil diese jetzt die Zügel des Reichspferdes in der Hand haben. Aber das ist nicht das Ende der Entwicklung. Nicht dazu überstand unser Volk so große Leiden und Kämpfe und rang sich durch bis zur Höhe einer weltgeschichtlichen Nation, daß nun zwei sinkende Stände sich als seine ewigen Herren und Zuchtmeister gebärden dürfen. Diese Herrschaften müssen abgeworfen werden, damit das Deutschtum das werden kann, wozu es berufen ist: ein Volk, das mit den besten Kulturnationen zusammen den Geist der Menschheit bestimmt, damit wir das werden, was uns die großen Denker prophezeit haben, die vor hundert Jahren am Anfange unserer neueren Geschichte standen.

 

Nie war es falscher, kleinliche Menschen zu erziehen, als jetzt! Wir brauchen Kräfte, die sich selbst etwas zutrauen, die lieber auf eigene Rechnung und Gefahr verloren gehen als sich bevormunden lassen wollen. Nur mit solchen Kräften werden wir die Konkurrenz mit alten Kulturvölkern bestehen. Es ist wichtiger, neue Kräfte zu entfesseln als alten Schlendrian sorgsam zu schonen. Wo wirkliches Talent ist, sollen sich ihm die Wege leichter öffnen als bisher! Was ist es denn, was die Amerikaner in die Höhe bringt? Sie haben »das Land der unbegrenzten Möglichkeiten«, wir aber lassen es uns gefallen, daß unsere Möglichkeiten verkürzt werden, daß Talente verloren gehen, selbständige Personen aus den Betrieben hinausgetan werden! Es ist ein Risiko, daß das alte, brave, deutsche Volk modern werden will, aber ein Risiko, das nur dann gefährlich wird, wenn man zu langsam vorgeht.

 

Der Aufschwung der deutschen Lebensfähigkeit, den wir von den sechziger Jahren an erlebt haben, ist doch nicht etwa ein konservatives Gewächs, das können doch nicht die Männer auf der konservativen Seite sich auf ihr Konto buchen, denn alle Voraussetzungen der gewaltigen neuen Entwicklung haben sie ja nicht gewollt! Alles Neue ist ihnen von der linken Leite abgedrängt und manchmal auch – geben wir das ruhig zu – auf eine etwas ungebildete Weise abgetrotzt worden. Aber die das taten, waren immer in unendlich größerem geschichtlichen Rechte als diejenigen, die mit einer vornehmen Kritik sich vor der unabsehbaren Entwicklung gefürchtet haben. Wir haben erlebt, wie durch die Loslösung aus alten Banden ein wachsendes Volk entstand, das sich in jedem Jahr erst halbe und später fast ganze Millionen von Menschen zusetzte, ohne daß wir ärmer wurden. Erlebt haben wir, wie der Tod von dreißig pro Mille aus zwanzig pro Mille zurücktrat, und wie ein Gewerbewesen entstanden ist mit einer Fülle von Arbeit, mit einem Umsatz, mit einem Durchschnittswohlstand, den man vorher aus diesem armen deutschen Boden nie für möglich gehalten hätte.

 

Wir arbeiten für den Tag, der hinter den Tagen von 1866 und 1870 der wichtigste für unser neues deutsches Volkstum sein wird, für den Tag, wo die vereinigten Großgrundbesitzer und Kapläne nicht mehr die Leitung der deutschen Geschichte in ihren festen, aber alternden Händen haben werden, wo das Kaisertum imstande sein wird, mit dem Liberalismus zu gehen, wo die Größe deutscher Volkskraft von den Arbeitern verstanden wird, wo unsere Politik unserer bereits jetzt vorhandenen wirtschaftlichen Lage entsprechen wird, Wann dieser Tag kommt, kann niemand genau vorhersagen, aber daß er kommt, ist einfach in der deutschen Volksstatistik geschrieben.

Es ringen sinkende und steigende Mächte im Volk miteinander. Die sinkenden Mächte sind der alte großgrundbesitzende Landadel und die alte katholische Bevormundungsgewalt. Sie sammeln noch einmal alle ihre Weisheit und Klugheit, ihr Organisationstalent und ihre materiellen Kräfte. Mit großem Geschick wissen sie alle möglichen Volkskreise an sich zu ketten. Ihre Losung ist Abschließung vor der Neuzeit, vor dem Zeitalter des Verkehrs und der geistigen Fortschritte. Der dauernde Sieg dieser alten Mächte ist das geschichtliche Ende der Hoffnungen auf deutsche freie Größe. Gegen sie zu kämpfen, ist innere Befriedigung, denn wer dient nicht gern der besseren Zukunft? Ob heut, ob morgen der Sieg kommt, dort haben wir zu stehen, wo eben unsere Volksgeschichte Bedarf an Männern hat. Das ist im nationalen Sinne moralische Pflicht.

* * *

Der ostdeutsche Adel ist eine Erobererkaste, die sich eine slawische Fläche germanisiert hat, damit sie ihr diene. Im Eroberer aber steckte politischer Lebenssaft, sowohl im Angelsachsen, der übers Wasser ging, wie im Deutschritter, der Ostpreußen unterwarf. Diese politische Rasse ist es, die heute der grimmigste, entschlossenste Feind der deutschen Demokratie ist, nicht weil es ihr Spaß macht, sondern weil sie muß. In der Demokratie erhebt sich der Industrialismus zur politischen Massenerscheinung, im Sozialismus kommen Maschine und Volksrechte; die neue Zeit will über die alte Agrarwelt triumphieren. Noch aber ist die konservative Welt fest genug, um den Millionen von Belagerern ihre Wälle nicht preiszugeben.

 

Das Schachspiel des preußischen Grundadels ist gut aufgestellt, es hat in der Mitte den König, der der größte Grundbesitzer ist und der es gewöhnt ist, seine Springer, Läufer und Türme um sich zu sehen. Auch die Bauern werden mit unleugbarem Geschick vorgeschoben. Alles, was nicht konservativ ist, fühlt sich als kaum geduldet. Der Liberalismus zahlt die meisten Steuern, aber zu sagen hat er wenig. Die Sozialdemokratie stellt die meisten Soldaten von allen Parteien, aber mitzureden hat sie noch weniger. Die »geborene Herrschaft« hat so viele politische Kastelle und Mauern gebaut, daß eine lange, schwere Belagerung nötig sein wird, um sie Schritt für Schritt zurückzudrängen, hier hilft nichts als eine neue politische Leidenschaft, die zu neuen Rechten führt.

 

Der alte Adel lagert um den König herum wie die gezähmten Löwen um ihren Bändiger. Dieser geht an ihnen vorbei und streichelt sie und sagt: Leo, du bist mein Freund! Leo weiß ganz genau, daß er gar nichts anderes mehr sein kann, denn die Zeiten, wo er sein eigenes Gefilde beherrschte, sind vergangen. Er braucht den König, denn er selber ist waffenlos. Seine Burg hat nur noch dekorativen Wert. Er kann keinen Bauern mehr zwingen, ihm den Zehnten zu geben, er darf nicht einmal den Pferdejungen mehr auspeitschen lassen, wenn er ihm wegläuft. Zu Hause in Schlesien oder an der Lahn hängen im Burgsaale noch alte Hellebarden, Armbrüste, Schilde und vorn auf der Terrasse stehen zwei kleine nette Kanonen, aber das alles ist doch nur wie eine Sage voll Rost und Schimmer. Er heißt Herzog oder Fürst oder Graf, aber kommandieren darf er doch nur, wenn der König ihn zum Obersten macht. Und die gutsherrliche Polizei hat er im Auftrag des Staates, den der König vertritt. Er ist in seinen Wäldern an das Wald- und Jagdgesetz gebunden, überall begegnet auch ihm das öffentliche Recht, und die Einnahmen seines Rentamtes hängen von den Zöllen ab, die vom Staate beschlossen werden. Ja selbst seine Steuerfreiheit und sein Fideikommißrecht ruht auf schwachen Grundlagen, wenn einmal der König über diese Dinge anders denken sollte. Deshalb ist er der Freund des Königs, nicht immer der Herzensfreund, aber der politische Freund auf Tod und Leben, solange der König ihn schützt. Abends am Feuer im Marmorkamin gegenüber dem dunkel gewordenen Ölbilde des Ahnen, der vielleicht noch selber Burgen berannte, mag er wohl gelegentlich seine eigenen Gedanken über die Könige haben. Aber was hilft es? Geschichte ist Geschehenes, Geschichte ist Schicksal!

Den Konservativen ist es durch ihre ganze Vorgeschichte leicht, die Erinnerung der Kämpfe zu wecken, in denen ihre Ahnen siegten, von ihrer Minderwertigkeit bei Jena sprechen sie seltener. Auch die Väter der Proletarier haben ihr Blut bei Leipzig, Königgrätz und vor Paris vergossen, aber die Proletarier sind weniger stolz auf das Blut ihrer Väter. Sie überlassen es den Söhnen der Führer, sich als die alleinigen Wahrer des Höchsten darzustellen, was es im politischen Leben gibt, der geeinten Tapferkeit eines für Haus, Acker, Heimat, Kinder kämpfenden Volkes.

 

Der preußisch-deutsche Staat ist militärisch emporgewachsen als ein Landheerstaat auf Grundlage bäuerlicher Rekruten und adliger Offiziere. Was das alte Heersystem in der Vergangenheit geleistet hat, ist in die Bücher der Geschichte eingeschrieben und bleibt den Beteiligten zur Ehre im Gedächtnis der Nation. Es versteht sich aber nicht etwa von selbst, daß das alte System für alle Zeiten richtig ist. Gerade ein starres Festhalten am hergebrachten kann zu einem neuen Jena führen.

Verzichten wir hier auf jede Erörterung darüber, ob durch Fortschritte der Friedensbewegung in Zukunft der militärische Charakter des Staates überhaupt gemildert werden kann, und stellen wir uns auf den Standpunkt der Gegenwart, wo alle Staaten rüsten! Diese Rüstungen haben nur dann einen Zweck, wenn sie einen Krieg verhindern oder, falls der Krieg unvermeidlich sein sollte, zum Siege führen. Heeresausgaben, die keine Kriegsbereitschaft garantieren, sind hinausgeworfenes Volksvermögen. Es muß also das ganze Heeresinstrument immer unter Mobilmachungsgesichtspunkten betrachtet werden. Da ergibt sich aber, daß der Krieg von morgen etwas völlig anderes sein wird als der Krieg von gestern.

Die Unterschiede sind folgende: der Krieg der Zukunft ist ein volkswirtschaftliches Organisationsproblem allerschwerster Art und eine technische Leistung wie noch nie eine erfordert wurde. Die alten militärischen Eigenschaften treten zurück vor den Einrichtungsaufgaben. Nicht als ob Tapferkeit und Ausdauer der Einzelpersonen nicht für alle Zeiten die Grundlage der Heereskraft blieben, aber um Tapferkeit und Ausdauer nicht nutzlos zu verschwenden, muß organisatorische Genialität vorhanden sein. Das ergibt sich schon aus den gewaltigen Heeresziffern. Diese Mengen von Menschen zu transportieren, zu plazieren und zu ernähren, ist der tägliche Gedanke der betreffenden militärischen Oberleitungen. Daß das Problem an sich von ihnen richtig erfaßt wird, steht nicht in Zweifel, wohl aber, ob mit einer Militäroberleitung, deren Hintergrund das Rittergut ist, dieses Problem hinreichend gut gelöst werden kann. Mit bloßer militärischer Tüchtigkeit ist es ja hier nicht getan: daß diese in unserem Offizierkorps auf erster Höhe steht, wird von Feind und Freund als Tatsache angenommen. Die Sorgen beginnen erst jenseits dieser Frage. Wir wissen, daß unser Volk in seiner Industrie erfolgreiche Organisatoren besitzt, Gehirne, die daran gewöhnt sind, große Quantitäten von Materien und Personen zu dirigieren, Männer, die für ganze Erwerbsgebiete neue Lebensgesetze schaffen, ohne sich auf irgendwelche mystische Autorität berufen zu können. Wir mögen als Sozialpolitiker diesen Industriegeneralen oft scharf entgegentreten müssen, aber wenn wir an einen Krieg denken, dann wollen wir doch von ihnen geleitet sein, weil wir wissen, daß sie etwas können. Natürlich sollen sie nicht in das Handwerk der Kriegstechniker eingreifen, aber die Kriegsverwaltungsaufgaben müssen ihre Domäne werden. Und was die Kriegstechnik anlangt, so wird es auch bei dieser von Jahr zu Jahr fraglicher, ob sie von adligen Offizierkorps besser geleistet wird als von Sprößlingen bürgerlicher Technik. So hoch man die Charaktervorzüge der alten Herrenkaste einschätzen muß, und wir werden trotz allen politischen Gegensatzes diese Vorzüge nie verkennen dürfen, so vollzieht sich doch offenbar eine Umbildung der Angriffs- und Verteidigungsmethoden, bei der neben die alte Charakterfrage der ehernen Manneszucht die moderne Frage tritt, wie man den Menschen im Kampf durch Mechanik ersetzen kann. Daß dieses nie vollständig gelingen wird, ist selbstverständlich, denn es gibt keine Maschine, die nicht der Menschenseele bedarf, aber daß in dieser Richtung noch gewaltige Änderungen bevorstehen, ist zweifellos. Derselbe Vorgang, den wir in fast allen Industrien kennen, wiederholt sich hier: die Rückverlegung der Arbeit in Bergwerke, Maschinenhallen und Transportmittel. Wer heute eine mechanische Weberei besucht, findet dort relativ wenig Menschen, da der ganze Raum schon voll ist von bereits getaner Arbeit eines nicht sichtbaren Hintergrundes. So muß auch im Kriege die Front so knapp wie möglich mit Menschenleibern besetzt sein. Diese Menschen aber müssen Mechanik im Blute haben bis hin zum Tode. Im Seekrieg ist dieser Zustand schon sehr weitgehend erreicht. Die Schiffe werden gebaut und bezahlt und im Vergleich zu ihrer Kriegsstärke mit nicht allzu vielen Menschen besetzt. Diese Menschen aber müssen arbeiten wie beseelte Maschinen. Auch die bevorstehende Luftschiffahrtsverteidigung wird viel Fabrikation und Hilfsapparate, aber wenig Kriegspersonen erfordern. Der Krieg entpersönlicht sich und wird zu einem Wettlauf der Finanzen und der Mechanik. Daß darin militärische Mitglieder des Adels das Allerhervorragendste leisten können, zeigt das bewundernswerte Beispiel des Grafen Zeppelin, es bleibt aber der dumpfe Druck übrig, als hätten wir besonders im Landheer noch reichlich viel an vorindustrieller Tradition nicht nur im guten Sinne der Treue und Manneszucht, sondern auch im Sinne des Ausweichens vor der Technisierung. Es lebt noch immer recht viel vom Paradesoldaten, bei dem die Knie wichtiger sind als die Finger und der Kopf. Die Industrialisierung des Heeres kommt, aber schrittweise. Sie beginnt bei der Artillerie und endigt voraussichtlich einmal bei der Kavallerie. Militärautomobile, Militärfahrräder, Eisenbahnbataillon sind vorhandene Ansätze. Die allgemeine Wehrpflicht bekommt einen anderen Sinn, nämlich den, daß ein ganzes Volk zahlt und arbeitet, damit seine Waffen absolut erster Klasse sind. Das Volk, das die beste Technik in den militärischen Dienst stellen kann, wird bei den Kriegsverhältnissen der Neuzeit voraussichtlich den Sieg gewinnen.

 

Was der Kern des Konservatismus heute ist, läßt sich viel leichter praktisch sagen als theoretisch, es ist praktisch der Selbsterhaltungstrieb des preußischen Großgrundbesitzertums. Die alte Herrenschicht von etwa 24 000 Köpfen ist in Verteidigungszustand geraten und benutzt nun alle möglichen Mittel, um sich in einem demokratisch werdenden Zeitalter über Wasser zu halten. In dem Bestreben, sich Hilfskräfte heranzuziehen, wird sie bauernfreundlich und handwerkerfreundlich, ja zuzeiten sogar arbeiterfreundlich. Aus demselben Grunde macht sie Bündnisse mit dem industriellen Kapitalismus und mit dem Zentrum. Sie versteht die Kunst des Angliederns von Mitinteressenten besser als irgendeine sonstige politische Gruppe. Es ist ja doch überhaupt ein merkwürdiger Anblick, wenn der gnädige Herr die Tagelöhner seiner Standesgenossen bitten muß, ihn zu wählen, oder wenn er vor den Resten des von seinen Vorfahren ruinierten Bauernstandes die Zusammengehörigkeit von Adel und Bauerntum beteuern muß, oder wenn er den Schuhmachern und Schneidern des nächsten kleinstädtischen Nestes seine tiefe Überzeugung von der Heilsamkeit der Zwangsinnung auseinandersetzt. Es könnte vom rein ästhetischen Standpunkt aus tragisch genannt werden, daß die neue Zeit vom alten selbstherrlichen Adel solches fordert! Wir verstehen es, wenn Konservative das allgemeine Wahlrecht nicht gut vertragen. Es verdirbt ihnen den eigenen Charakter, denn vor einer Wahlversammlung kann man doch nicht schlechtweg den Grundsatz vertreten: Autorität, nicht Majorität! Das konservative Bewußtsein muß um dieses Wahlzwanges willen an gewissen Unklarheiten leiden. Nur in ständischen Körperschaften, wie im preußischen Herrenhaus oder in der sächsischen ersten Kammer, kann es sich geben, wie es ist. Deshalb ist der heutige Konservative eine Kompromißnatur, ein Herrenmensch mit demokratischen Handschuhen. Er wandelt in der Zeit der Freizügigkeit, der Wahlrechte und des Getreideweltverkehrs mit der Würde des Vertreters eines alten großen Hauses, welches durch die Verhältnisse gezwungen ist, auch kleinere Kunden bei guter Laune zu erhalten.

 

Wenn die Ostelbier für sich allein stark genug wären, um Minister und öffentliche Meinung zu regulieren, so würden sie gar nicht daran denken, sich mit den Emporkömmlingen von Kohle, Eisen und Garn zu verschwistern, aber sie sind eben nicht stark und reich genug und bedürfen der seitlichen Deckung ... Der Kohlenbaron hilft dem Junker, seine Landarbeiter unter der Gesindeordnung halten, um dafür seine Bergarbeiter in eine Abhängigkeit zu bringen, die sich von der alten Schollenpflichtigkeit in der Praxis nur wenig unterscheidet. Wenn ihnen beiden dabei gelegentlich das Zentrum hilft, so wird das mit Dank angenommen, aber der Kern des Konservatismus ist der Bund von Eisen, Kohle und Garn mit Getreide.

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Man weiß, daß teure Brotpreise das Verbrechen aus seinen Tiefen locken. Der erste, der in Deutschland den Blick auf dieses dunkle Gebiet lenkte, war der Statistiker Georg v. Mayr, der im Jahre 1867 die bayerischen Verhältnisse auf den Zusammenhang von Brotpreis und Diebstahl untersuchte. Sein Urteil formulierte sich in dem Satz, »daß in den Jahren 1835 bis 1861 so ziemlich jeder Sechser, um den das Getreide im Preis gestiegen ist auf je 100 000 Einwohner einen Diebstahl mehr hervorgerufen hat, während andererseits das Fallen des Getreidepreises um einen Sechser je einen Diebstahl bei der gleichen Zahl von Einwohnern verhütet hat«. Und was damals der süddeutsche Statistiker mit unabweisbaren Zahlenreihen feststellte, wird durch die seit 1882 existierende deutsche Kriminalstatistik bestätigt. Jede größere Schwankung des Getreidepreises drückt sich in Diebstahlsziffern aus, nur so, daß der Diebstahl teilweise im folgenden Jahre zur Aburteilung kommt.

 

Geht hin, ihr Brotverteurer und baut neue Gefängnisse, stellt Gefangenwärter an und Gefängnisgeistliche, vermehrt Richter und Polizisten! Gleichzeitig aber dürft ihr auch an Krankenhäuser, Arzte, Pflegeschwestern und Gottesäcker denken, denn höhere Brotzinsen locken die Schwindsucht. Was helfen unsere neuen peinlich sauberen Lungenheilstätten, solange wir die Ernährung der Proletarier erschweren? Der Bazillus weicht dem besseren Brote. In den gut ernährten Volksteilen kommt Tuberkulose als gelegentliches Unglück vor, aber in den Industriekreisen mit Unterernährung hört die Volksseuche der Neuzeit nicht auf. Schlechte Wohnungen, geringe Löhne und teures Brot werfen die Menschen vorzeitig ins Bett und ins Grab, mit dem billigeren Brote aber werden die Lungen freier und stärker. Ich weiß nicht, wer von meinen Lesern Gelegenheit hatte, an vielen Krankenbetten in ärmeren Stuben zu weilen. Ärzte und Geistliche kennen die Eindrücke: ein Leben quält sich langsam zu Ende. Muß das so sein? Ist das Gottes Wille? Sollen im Jahr 90 000 Deutsche oder mehr so zeitig und mühsam enden? An diese Lagerstätten gehören die, denen es ein leichtes scheint, hohe Zölle auf Brot zu legen.

 

Aber sagt, ihr Kenner menschlichen Lebens, ob die Masse der Ärmeren nicht stets das Opfer großer Berechnungen der Reicheren war? Die Menge Pfennige, die die Menge täglich erwirbt und täglich zum Krämer trägt, macht große Herren lüstern, so daß sie sprechen: wozu in aller Welt brauchen diese vielen Leute so billige Wohnung, so billige Kohle, so billiges Petroleum, so wohlfeiles Salz, so preiswerte Fische, so günstigen Zucker und so gut kaufbares Brot? Wenn Gott reiche Naturgaben ausstreut und seine Wasser für alles Volk regnen läßt, dann setzen sich die schlauesten unter den alten menschlichen Füchsen zusammen und ratschlagen, wie man den Segen Gottes aus der Masse in die Aristokratien emporpumpen könne.

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Was der Bauer im Osten und im Westen lernen muß, ist die geschichtliche Tatsache, daß die Großgrundbesitzer als politisch führende Klasse niedergehen. Jetzt erwartet er das Gegenteil. Er klammert sich mit beiden Armen an die Söhne seiner alten Fronherren und will von ihnen Hilfe. Von diesem instinktiven Triebe, der ihn bei den alten Herren Schutz suchen läßt, können wir ihn durch kein anderes Mittel befreien, als daß wir helfen, daß der Niedergang der alten Herrenklasse so schleunig und so gründlich wie möglich sei. Das ist Mitarbeit an der politischen Bauernbefreiung, und erst nach dem Fall der Grundherren entsteht das Bauernland Ostelbien, getragen von einer Nation, die an die Stellen, wo jetzt preußische Großgrundbesitzer mit polnischen Arbeitern Exportgetreide bauen, deutsche Bauernfamilien setzt, die ein Wall gegen das Slawentum und eine Grundlage gewerblicher Kultur werden, heute aber muß das Wort innere Kolonisation ein Klang der Zukunftshoffnung sein, denn heute herrscht noch das Geschlecht, das den Osten zu Gutsland machte. Dieses Geschlecht politisch zu stürzen, ist die erste Vorbedingung aller großen landwirtschaftlichen Reformen, es ist zugleich die Vorbedingung der politischen Größe und Wohlfahrt unseres ganzen Vaterlandes.

 

Daß praktisch jetzt nicht an Abschaffung der Getreidezölle zu denken ist, weiß jeder Kenner der Mehrheitsverhältnisse, daß aber der Lauer verloren geht, wenn keine Kornzölle mehr sind, glauben im Ernst wenige – dagegen spricht zu mächtig die Tatsache, daß in England seit dem Fall aller Getreidezölle keine Bauerngüter mehr untergegangen sind. Aber allerdings etliche Rittergüter könnten in andere Hände kommen. Mögen es 2000 oder 3000 sein oder wieviel man will! hängt an der ungetrübten Erbfolge dieser Güter die ganze Zukunft des deutschen Volkes? Tut sie das wirklich? Wer glaubt, daß wir bei einer gewissen Auslese unter den alten Geschlechtern zu existieren aufhören werden? Wir glauben es nicht.

 

Die Landwirtschaftsfrage ist mindestens ebensosehr eine Frage der Erziehung zur geschäftlichen Leistungsfähigkeit wie eine Frage der Preise an sich. Wer Land hat, Vieh züchten kann und inmitten eines wachsenden Volkes sitzt, das täglich essen will, der kann in keiner verzweifelten Lage sein.

 

Man kann die Lage der Landwirte ungefähr so kennzeichnen: alle landwirtschaftlichen Artikel, die Welthandelsware geworden sind, sinken im Geldwert, und alle Artikel, die der nahe Markt braucht, steigen. Es steigen Fleisch, Milch, Butter, Obst, Gemüse; es halten sich auf leidlicher Höhe Futtergewächse, es sinkt zeitweise Brotkorn. Das Gesamtergebnis ist aber glücklicherweise kein Niedergang, sondern ein Aufstieg. Kein Mensch, der deutsche Dörfer früher gekannt hat und sie heute kennt, kann behaupten, daß sie das Bild des Rückganges darbieten. Es soll nicht geleugnet werden, daß in einzelnen Ecken, wohin die neue Zeit nicht kommt, das Landvolk noch ebenso dürftig ist wie früher, dürftiger als früher wird es kaum irgendwo sein. In der weitaus überwiegenden Zahl von Ortschaften reden allein schon die Gebäude der ländlichen Gehöfte vom Nutzen der gegenwärtigen Arbeit. Nicht als ob sie schon ideal wären, aber sie werden solider, größer, besser gepflegt!

 

Je mehr man die Menschen zusammenhäuft, desto fleischbegieriger werden sie. Die Intensität des Lebens und Arbeitens drängt zur intensiven Ernährungsweise. Dieser von aller beabsichtigten Regelung unabhängige Zug der Neuzeit zum Tierfleisch ist die größte Tatsache im Leben unserer Landwirtschaft, und es ist geradezu Irreleitung der öffentlichen Meinung, wenn man heute noch so redet, als sei die alte Unterordnung des Fleisches unter das Brot vorhanden.

Deutschland ist auf dem besten Wege, das erste Viehland Europas zu werden.

 

Höret zu, ihr Stadtbewohner, denn ich will zu euch von den Mühen und Arbeiten der Landleute reden! Fast ihr alle stammt vom Lande. Irgendwann sind eure Väter oder Mütter von draußen hereingekommen. Auch wenn ihr aus der kleinen Stadt stammt, so wäret ihr vielleicht in noch früheren Zeiten einmal auf dem Dorfe. Noch vor hundert Jahren waren ja vier Fünftel der Bevölkerung ländlich. Es verbinden euch darum mit dem Lande die verwandtschaftlichsten Beziehungen. Wenn vom Dorfe geredet wird, so wachen älteste Erinnerungen in euch auf. Fast eure ganze Sprache hat ländlichen Ursprung in allen ihren Wendungen und Benennungen. Und sobald ihr könnt, geht ihr ganz aufs Land, beseht den Acker und die Gärten und das Vieh. Und dabei wird euch wohl, denn es weht Heimatluft.

Deshalb ist es völlig verdreht, wenn jemand Nur-Städter sein will mit Verachtung des ländlichen Untergrundes. Das ist falsch durch und durch, denn ohne Acker und Vieh kann kein Mensch leben. Ihr alle wollt Brot und Fleisch und Milch und Kartoffeln. Wer schafft es? Wer arbeitet dafür? Sooft ihr euch zu Tisch setzt, verzehrt ihr Bauernfleiß. Ob der betreffende Bauer im Inland oder Ausland wohnt, es ist ein Ackersmann und ein Viehzüchter nötig, damit ihr leben könnt. So einfach diese Tatsache ist, so oft wird sie von den Städtern übersehen. Man sagt, daß man von der Industrie lebt, vom Verkehr, von der Bildung. Das ist alles schön und gut, aber Brot muß der Mensch haben, ehe er Fabriken aufrichten und Schulen herstellen kann.

Mit anderen Worten also, meine verehrten Städter, es gibt keine Stadtkultur ohne ländlichen Untergrund. Auch gibt es nicht einmal eine gute Stadtkultur, wenn draußen auf den Dörfern Armut, Unsauberkeit oder Krankheit waltet, denn vom Dorfe kommt die Milch eurer Kinder und der tägliche Aufbau eures eigenen Körpers. Ihr müßt wünschen, daß die Dörfer gesund, tüchtig und leistungsfähig sind. Deshalb hat auch der alte Liberalismus vor 60 oder 80 Jahren so viel Gewicht auf Bauernbefreiung gelegt. Die alten Liberalen wußten, daß der liberalste Mensch in der Welt ein selbständiger Bauer sein kann. Später hat es freilich oft Städter gegeben, die dafür kein Verständnis gehabt haben. Ihr könnt es nicht leugnen, daß bisweilen eure großstädtischen Zeitungen sich um die Landsorgen zu wenig gekümmert haben. Es war da gelegentlich ein Ton der Mißgunst gegen alles ländliche Wesen, den ihr niemals dulden dürft. Aus bloßem Gegensatz gegen die falsche und störende Politik des Bundes der Landwirte ließ man eine Abneigung gegen das Land überhaupt laut werden. Das darf nicht sein! Mag der Bund der Landwirte auch noch so schlecht handeln, wie er es ja oft tatsächlich tut, so sollt ihr nicht vergessen, daß es eine deutsche Landwirtschaft vor diesem Bunde gegeben hat und nach ihm geben wird, und daß die Landwirtschaft für Volk und Vaterland unentbehrlich ist.

Sicherlich ist es wahr, daß die Landjunker alles getan haben, um das Stadtleben zu verbittern, von ihnen stammen die Ungleichheiten des bürgerlichen Rechtes, denn sie wollen Herrenkaste über euren Köpfen bleiben. Sie haben zur Verschärfung der sozialen Kämpfe Unsägliches beigetragen. Wenn Deutschland heute noch nicht frei und groß in der Welt dasteht, so liegt die Hauptschuld beim Landjunker. Gegen ihn nehmt alle Kraft zusammen! Er muß erst einmal aufs Haupt geschlagen werden, damit es besser werden kann. Aber schont dabei den Bauern und den Landarbeiter, denn diese sind eure geborenen Freunde, selbst wenn sie es heute noch nicht wissen! Ihr werdet sie brauchen und sie euch! Hört es, ihr Städter!

 

Die Landleute steigen nur mit der Stadt, nicht gegen sie! Ihr Verdienst steigt, wenn drin in der Stadt verdient wird. Das ist A und O aller Landwirtschaftspolitik. Die Menge der Arbeiterkinder machen die Milchwirtschaft bezahlt. Die städtische Fleischesserei macht die Schweinezucht möglich. Wenn in der Stadt der Geschäftsgang darniederliegt, so ist der Markt des Landmanns tot. Es ist ein Geschäftsgang, von dem beide Teile leben, ein großes, gemeinsames Atmen geht durch den ganzen Volkskörper. Diese Gemeinsamkeit wird vom Liberalismus vertreten.

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Es muß klargestellt werden, daß das Deutsche Reich von vornherein eine wirtschaftlich fortschrittliche Gründung ist, antikonservativ in seiner ersten Jugend. Damit hat es einen Charakter erhalten, den es zeitweise sich trüben lassen kann, den es aber nicht dauernd verlieren darf. Wenn der alte römische Historiker Sallust darin recht hat, daß Staaten und ähnliche Dinge durch dieselben Ursachen erhalten werden, durch welche sie entstanden sind, so darf das Deutsche Reich nicht zur Versorgungsanstalt für notleidende Großgrundbesitzer herabgedrückt werden, wenn es seinen ihm eigenen Geist und geschichtlichen Charakter bewahren will.

 

Die Frage der Macht wird von vielen bürgerlich Liberalen nicht ernst genommen. Man sieht, daß man auch existieren kann ohne gerade ausschlaggebend zu sein. Die Welle des modernen Weltverkehrs schüttete dem Bürgertum so viel Arbeit und Gewinn zu, daß es Politik für Nebensache hielt und sie denen überließ, die davon von Haus aus mehr verstehen, den Junkern. Warum soll, wer uns die Offiziere stellt, uns nicht auch sonst regieren? Natürlich erbost sich diese Art Liberalismus im einzelnen über Brüsewitze und Itzenplitze, deklamiert gelegentlich von Bürgerkronen und Märzgefallenen, aber sie hat gar nicht die ernstliche Absicht, die innerpolitische Herrschaft den alten Inhabern abzunehmen. Man kann diese Sorte Liberalismus als Gelegenheitsliberalismus bezeichnen. Gesättigte Bürger wollen sich mit böser Politik ihre schönen Abende nicht stören lassen. Man sehe doch: wieviel liberale Köpfe beteiligen sich eigentlich aktiv am öffentlichen Leben?

 

Dieselben Männer, die politisch so wenig fertig bringen, verrichten wirtschaftliche Wunderdinge. Eines hängt wohl mit dem anderen zusammen. Solange eine Schicht in technischer und kaufmännischer Hinsicht alle Hände voll zu tun hat, besitzt sie nicht die nötige Zeit und Kraft für regelrechte politische Betätigung. Man kann von manchem erfolgreichen Unternehmer hören: mich bloß halb und gelegentlich mit Politik zu befassen, hat keinen Zweck; wenn ich es einmal tue, dann tue ich es ordentlich; dazu aber habe ich keine Zeit! In dieser Hinsicht steht die Arbeiterschaft anders da als das Unternehmertum. Diejenigen Arbeiter, welche nicht in den Gewerkschafts- und Konsumvereinsverbänden direkt wirtschaftlich tätig sind, haben für Politik mehr Zeit frei als ihre Chefs. Die letzteren tragen, gerade dann, wenn es tüchtige aufstrebende Leute sind, ihre Berechnungen immer mit sich im Kopfe herum. So wenigstens ist es oder war es in der ersten Werdezeit des deutschen Industrialismus. Es ist da vom deutschen Industriellen und Kaufmann gewaltig gearbeitet worden. Ganz Deutschland ist jetzt eine einzige große Urkunde dieser Arbeit. Geht nach Hamburg, geht nach Bremen, fahrt nach Dortmund, Bochum, Essen, Düsseldorf, seht euch das Saargebiet an und die Fabriken am Mittelrhein, seht, wie in ganz Süddeutschland die Technik steigt und die Fabrikationen sich mehren, laßt Sachsen an eurem Auge vorüberziehen und laßt euch erzählen, was aus Oberschlesien geworden ist, werft einen Blick in alle Mittelstädte, wie sie sich recken und strecken, und schließt dann damit, daß ihr die Arbeit von Berlin in ihrer übermächtigen Fülle vor euch hinbreitet! Dieses neue Deutschland ist ein Erzeugnis menschlichen Denkens und Wollens. Es wuchs nicht von selber, sondern überall mußte gedacht, gewagt und gerechnet werden. Sicherlich haben das die Unternehmer und Kaufleute nicht allein getan. Ohne ihre Angestellten und Arbeiter sind sie nichts, aber wer erzog dieses Heer von Angestellten, wer mußte trotz aller Schwierigkeiten des Klassenkampfes mit der Arbeiterschaft sich einzurichten wissen, wer organisierte das Ganze? Das waren dieselben Leute, über deren politische Mattigkeit und Energielosigkeit wir so oft geklagt haben. Sie haben bis jetzt die Industrie geschaffen und keine Zeit gehabt, zur Industrie den Industriestaat zu fügen.

Es ergab sich auf diese Weise ein wunderliches Staatsgebilde, das nicht auf die Dauer so bestehen kann, es ergab sich nämlich das Industrievolk im politischen Kleide des Agrarstaates. Unser politischer Zustand ist etwa so, wie wenn in alte Landwirtschaftsgebäude eine täglich sich ausdehnende Fabrik hineingebaut wird. Da steht die modernste Maschine unter einem alten Dachbalken und eiserne Träger werden durch Lehmwände hindurchgezogen. Wir haben einen Staat, der vom Gelde der Industrie ernährt, aber von den Söhnen der Rittergüter und von den Kaplänen regiert wird. Diejenigen, die sich im besonderen Sinne die Staatserhaltenden nennen, sind es nicht, die die Staatskassen füllen. Man sehe sich die preußischen Verhältnisse an! Über die Hälfte der preußischen Einkommensteuer wird von fünf Regierungsbezirken aufgebracht, nämlich von Berlin, Potsdam, Düsseldorf, Köln und Wiesbaden. Im Landtage jedoch haben diese fünf Regierungsbezirke nur ein Sechstel der vorhandenen Plätze. Es zeigt sich aber dieses Verhältnis keineswegs nur bei der Einkommensteuer, sondern im ganzen Staatshaushalt. Der bei weitem größte Posten aller Staatseinnahmen sind die Eisenbahnerträge. Wer aber bringt den Nettoertrag der Staatseisenbahnen von 600 Millionen Mark? Wer zahlt die Stempelsteuern? Welche Bevölkerungsteile zahlen die Verbrauchssteuern, von denen etwa 120 Millionen Mark der preußischen Staatskasse zufließen?

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Ebenso wie ein an sich gesunder Menschenleib zahllose törichte Prozeduren verträgt, viel falsche Ernährung aushält und vielen Medizinen gegenüber eine erhabene Gleichgültigkeit an den Tag legt, so ist auch eine Volkswirtschaft wie die deutsche nicht so matt und zimperlich, daß sie an jeder agrarischen Dummheit stirbt. Sonst müßte sie längst eingegangen sein. Sie verträgt ziemlich viel und wird noch manche Gelegenheit haben, dieses zu beweisen. Diese erfreuliche Gesundheit ist oder war gleichzeitig die Ursache der prinzipiellen Mattigkeit in der Bekämpfung von Schädigungen. Endlich aber kommt doch einmal ein Zeitpunkt, wo auch der gesundeste Körper sich gegen Mißhandlung wehrt, einfach weil er sonst nicht mehr gesund bleibt. Daß dieser Zeitpunkt kommt, dafür sorgt schon die weitere agrarische Gesetzgebung. Durch allzuviele Zölle und Finanzgesetze zusammen wird eine Erwerbsbeschwerung geschaffen, die auf die industriellen Unternehmer ebenso wirkt wie die Zollverteuerungen auf die Finanzministerien. Langsam, aber sicher sammelt sich der Unmut und führt zur Politisierung der Industrie- und Handelskreise, das heißt zur ernsthaften eindringlichen Beschäftigung mit den wirtschaftlichen Wirkungen des Staates. Es ist das ein folgenschwerer Umschwung, wenn die Unternehmer zu Politikern werden oder doch wenigstens politische Führer aus sich heraus in den Kampf der Öffentlichkeit entsenden. Diese neuen Politiker werden nicht gleich mit einem Male die ganze Politik in ihren Gedankenkreis hineinziehen, sondern zunächst alles andere ruhig belassen und nur wirtschaftspolitische Fragen behandeln wollen. Das entspricht der Art einer vielbeschäftigten kaufmännischen Klasse. Sie theoretisieren nicht über die Grundsätze des Güteraustausches an sich, sondern verlangen nur Ruhe und Freiheit für ihren Austausch, sie denken nicht an Staatsbürgerrechte im allgemeinen, sondern an ihre Rechte im Staat, sie haben kein fertiges Programm, sondern nur Tagesforderungen. Aber je mehr sie sich mit diesen Tagesforderungen beschäftigen, desto mehr werden sie zu Kritikern des ganzen Agrarstaates werden. Die Idee des Industriestaates ist nichts, was man in alten Büchern lesen kann, selbst nicht in den Geschichtsbüchern Englands. Zwar in vieler Hinsicht entspricht das, was uns bevorsteht, dem Umschwunge der englischen Politik in der Mitte des verflossenen Jahrhunderts. Die Ähnlichkeit liegt darin, daß eine alte Agrararistokratie aus Selbsterhaltungstrieb den Staat als Hemmungsmittel gegen Industrie und Handel benutzte und von den neuen Kräften entthront werden mußte, um der neuen Volkswirtschaft freie Bahn zu schaffen. Der Unterschied aber liegt darin, daß damals in England die neue Industrie noch durchaus individualistisch war und aus lauter Privatunternehmern bestand, die für sich nichts anderes verlangten als Freiheit des Wettbewerbes. Es gab noch keine Unternehmerverbände, Syndikate oder sonstwelche starke Organisationen der aufsteigenden Erwerbsschicht. Diese aber verändern die Sachlage sehr beträchtlich, denn bei uns rückt jetzt nicht der Einzelunternehmer vor, sondern der Verband, es rückt ein organisiertes Interesse vor, das sich nicht mit den Grundsätzen von Adam Smith deckt, so sehr es mit ihm in dem Drange nach möglichster Ausnutzung aller wirtschaftlichen Kräfte einig ist. Die Volkswirtschaftslehre des kommenden Industriestaates wird sicherlich keine einfache Abschreibung der Theorien sein, die bei uns in der ersten Blütezeit des deutschen Liberalismus von England herübergenommen wurden. Das Wirtschaftssubjekt wird, um es grob zu sagen, nicht der Einzelmensch sein, sondern der Verband, und die Konkurrenz wird sich nicht als Wettkampf der Vereinzelten abspielen, sondern als Ringen festgeschlossener Erwerbskorporationen. Da es aber für diese veränderte Sachlage bis heute noch keine fertigen Formeln gibt, so fehlt dem Industriestaat sein lehrhaftes Programm. Er ist nicht einfach Liberalismus, er ist noch weniger gewollter Sozialismus, aber sein Drängen verbindet liberale und sozialistische Elemente: Wirtschaftsfortschritt und Produktionssteigerung durch Assoziation, durch Organisation der Arbeit! Die Seele der ausschlaggebenden großen Industrien ist syndikalistisch geworden. Bei den Halbfabrikatsindustrien ist das am handgreiflichsten, aber auch die Fertigindustrien stehen unter demselben Zuge der Zeit. Man hat keinen Sinn mehr für »den Einzigen und sein Eigentum«. Man verhandelt an allen Ecken über »Regelung der Produktion«, das heißt über Herstellung von Zwangsverbänden.

Bis jetzt trägt die Verbandsgesinnung innerhalb der Industrie einen oft noch unpolitischen Charakter. Das ist nicht naturnotwendig, denn sowohl die Arbeitergewerkschaften wie der Bund der Landwirte zeigen, wie leicht und vollständig sich Erwerbsverband und Politik verbinden können. Der unpolitische Charakter der bisherigen Industrieverbände hängt mit der ganzen bisherigen Gleichgültigkeit gegen politische Probleme zusammen. Sobald diese schwindet, wird ganz von selber jeder Unternehmerverband ein politischer Körper werden etwa in demselben Sinne wie es heute Arbeiter- oder Bauernverbände sind. Die Unternehmer werden dann eine eigene politische Klasse. Solange das Unternehmertum individualistisch war, fand es den Weg nicht, sich vom Magnetismus der alten Aristokratie freizumachen. Jetzt erst, wo die Organisation des Unternehmertums begonnen hat, entsteht ein Klassengeist der industriellen Aristokratie, der sich dem Klassengeist der Agrararistokratie gegenüberstellt. Es heißt nicht mehr: wir wollen mit euch herrschen! sondern: wir wollen an eurer Stelle herrschen! Der Wille zur Macht steht vor der Tür. Und erst aus dem Willen heraus vollendet sich das Programm.

Bezeichnen wir also als Industriestaat einen künftigen Zustand, bei welchem die industrielle Oberschicht kraft ihrer Organisation und ihres Willens zur Macht sowohl den Regierungsapparat als auch die parlamentarische Führung in die Hand nimmt, so bleibt dabei die Hauptfrage, wie sich dazu die industriellen Mittel- und Unterschichten verhalten. Wer sich aber den Industriestaat nach Art des bisherigen Vorgehens der bayrischen Metallindustriellen oder der rheinisch-westfälischen Zechenbesitzer vorstellt, der kann ihn überhaupt nicht ausdenken, denn auf wen soll sich denn diese brutale Industrieherrschaft stützen? Die Arbeiter werden ihr gegenüber alles tun, was politischer Grimm ersinnen kann, die Gebildeten werden für diese Art Herrschaft keinen Finger rühren, und auch der Mittelstand hat bei aller seiner Abneigung gegen die Sozialdemokratie keine Spur von Vorliebe für Kirdorf und Genossen. Die Industrieherrschaft muß liberal sein oder sie wird überhaupt nicht sein. Das ist die erste Wahrheit, die vom neuen Willen zur Macht begriffen werden muß. Der protzenhafte Unternehmer, der sich im modernsten Gewerbe aufführt wie der älteste Krautjunker, gehört in die Rumpelkammer, und zwar werden ihn seine eigenen Klassengenossen dahin verweisen müssen, wenn sie vorwärtskommen wollen. Eine der dringendsten Aufgaben der Führer zum Industriestaat ist die Erziehung ihrer eigenen Leute zur Achtung vor den Menschenrechten. Erst in dem Maße, als diese Erziehung gelingt, können Erfolge in Aussicht gestellt werden.

Vor einem Irrtum wird sich dabei die neue Herrschaft hüten müssen. Sie wird geneigt sein, das Geld sehr hoch und die geistigen Strömungen gering einzuschätzen. Mit Geld allein aber wird keine Politik gemacht. Mit Geld kann man vieles tun: Zeitungen kaufen, Literatur auswerfen, Redner bezahlen, Vereine unterstützen, aber wir haben schon genügend erlebt, wie leicht sich große Summen vergeblich verpulvern lassen, wenn keine uneigennützige Begeisterung mithilft. Mit einer Papierüberschwemmung erzwingt man keine Siege des Willens. Der Industriestaat muß reellen Idealismus besitzen und darf sich nicht bloß mit einer Phrasenbrühe begnügen wollen. Das war das Große und Sieghafte am englischen Liberalismus, daß er voll war von Menschheitsideen und seelischen Hoffnungen. Es wurde ihm geglaubt, weil er selber glaubte. Ob das in Deutschland sich einstellen wird, bleibt abzuwarten. An sich liegt es in der deutschen Natur, die Dinge tief und ernsthaft zu nehmen, und es ist wohl möglich, daß der Wille zur Macht sein geistiges Kleid findet, in dem er ehrlich und frei vor alles Volk treten kann. Aber vorhanden ist die neue liberale Lebensstimmung bei uns noch nicht. Sie muß erst werden. Die philosophischen Elemente dazu sind reichlich vorhanden im alten und neuen Kantianismus und in allen sozialphilosophischen Arbeiten unserer Theologen und Philosophen, aber der Übergang aus den Büchern in die Gemüter ist noch nicht vollzogen. Eine Weltanschauung des Willens und der Menschenachtung liegt bereit, aber vorläufig ist sie Geheimlehre der Ethiker. Noch fehlt das, was Carlyle und Klingsley in England fertiggebracht haben: die Füllung der öffentlichen Luft mit großen und freien Ideen. Kommt das nicht, so ist das Zentrum mit seiner Mystik und der Konservatismus mit seiner Romantik stärker als ein bloß materialistischer Liberalismus.

Die Politik des Industriestaates wird Interessenpolitik einer Klasse sein, aber zugleich von selbst allgemeine Politik, weil mit dieser einen Klasse der Aufstieg der übrigen verbunden ist. Wenn das letztere nicht der Fall wäre, und soweit es nicht der Fall ist, hat es für idealistische Elemente keinen Sinn, dieser Gestaltung ein mithelfendes Interesse entgegenzubringen. Das ist der Unterschied zwischen sinkenden und steigenden Aristokratien: die sinkende Aristokratie zieht mit sich das ganze Volk abwärts, weil sie eine Politik der Angst treiben muß. Aus lauter Angst vor dem Auslande müssen wir uns aus Befehl dieser alten Aristokratie einkapseln, müssen tun, als vertrügen wir keine freie Geistesluft, und müssen unsere Volksmassen behandeln, als seien es Horden von Staatsfeinden. Eine sinkende Aristokratie gleicht einer alten Dame, bei der es nobel, aber höchst unpraktisch zugeht. Je älter sie wird, desto wackliger wird ihr Hausrat und desto ängstlicher fürchtet sie sich vor offenen Fenstern und neuen Grundsätzen. Auch wird sie im Alter so fromm, daß der Kaplan jeden Tag zu ihr kommen muß. Dieser redet von ihrer Seele und läßt sich gelegentlich etwas für seine frommen Anstalten in die Tasche stecken. Man kann eine derartige alte Dame vielleicht gern haben, aber ein Element des Fortschritts ist sie sicherlich nicht. Der Fortschritt wird von anderen Leuten gemacht, welche selber vorwärts wollen und eben dadurch die übrigen mit vorwärtsschieben. Die industrielle Aristokratie denkt zuerst an ihre eigenen Geschäfte, aber da sie große Geschäfte machen will, so kann sie nicht an sich allein denken, denn man kann nicht Handel treiben wollen ohne Produzenten und Käufer, man kann keine großen Umsätze erzielen, wenn man nicht für allgemeine Kaufkräftigkeit sorgt, man kann als Händler nicht reich werden wollen auf Grund allgemeiner Verarmung. Sicherlich will die neue Oberschicht kapitalistisch fein und nicht sozialistisch, aber es liegt in der Ironie der Welteinrichtung, daß ein großgewordener Kapitalismus von selbst sozialistische Züge aufweist, indem er Betriebe herstellt, die nur zum Schein noch Privatbetriebe sind. Je vollendeter das Prinzip des Verbandsunternehmens sich auslebt, desto schneller wird der Klassenegoismus durch gemeinsame Verwaltung in feste Grenzen gebracht. Der einzelne Unternehmer kann ein »Ausbeuter« sein wollen, das Syndikat wird natürlich auch gewinnen wollen, aber es kann nicht kurzsichtigen Raubbau treiben, wenn es sich nicht selbst ruinieren will. Die Volkswirtschaft gewinnt somit an Solidität und Stetigkeit, wird berechenbarer in ihrem Verlauf und sucht auch gegenüber der Arbeiterschaft Streitigkeiten, Stockungen und Krisen noch Möglichkeit auszuschalten. Das Wahrzeichen des Industriestaates wird der Tarifvertrag sein, welcher wohl nicht die letzte Lösung der sozialen Frage ist, aber eine höchst entwicklungsfähige Form der beiderseitigen Verständigung.

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Die eigentümliche Stärke des unser Volk spaltenden konfessionellen Geistes muß erkannt werden, wenn man seine Gefahren bekämpfen will. Das ist ein Hauptgrund für die Schwäche des Liberalismus, daß er sich die Sache viel zu leicht gemacht hat. Er dachte, die Priester durch Deklamationen über Volksverdummung und religionslose Bildung zu überwinden, und das Ergebnis ist, daß heute ebensowohl im Reichstage eine konfessionell gesinnte Majorität herstellbar ist, wie sie im Landtag vorhanden ist. Nur noch Sozialdemokratie und Volkspartei wehren sich gegen das Prinzip der konfessionellen Teilung des geistigen Lebens. Nur sie haben noch das frühere Ideal der deutschen Einheitskultur. Die Mehrzahl der Parlamentarier will Konfessionen und benutzt geradezu den Konfessionsgeist, um ihre Partei zusammenzuhalten gegenüber Parteibildungen, die sich auf wirtschaftlichen Grundlagen aufbauen. Dieser Zustand der Konfessionalisierung unseres politischen Vertretersystems gibt Anlaß zu ernstlicher Überlegung, ob das deutsche Volk in Wirklichkeit konfessionalistisch ist oder nicht, Wie kommt es, daß heute die Konfessionen wieder so stark geworden sind?

Man gehe durch das Land und suche die konfessionell gesinnten Staatsbürger! Es gibt sie in allen Klassen, aber daß sie die Majorität seien, wird kaum jemand behaupten. Schon allein die große Zahl der Mischehen spricht dagegen. Alle Hervorhebung des Konfessionsstandpunktes ist nicht imstande, die Mischehen zurückzukämmen, ein sicheres Zeichen, daß die Konfession bei uns anders empfunden wird als im Orient. Und wird etwa von der Majorität des Volkes die Mischehe als unpassend angesehen?

Die Abneigung weitester Kreise gegen konfessionelle Zänkereien ist auch aus vielen anderen Kennzeichen sicher zu erkennen, beispielsweise aus dem Inhalt der gewöhnlichen Zeitungen, die sich gewiß nicht scheuen würden, konfessionalistisch zu sein, wenn sich das besser bezahlt machen würde als die Farblosigkeit. Gerade diese charakterlosen Thermometer des öffentlichen Bewußtseins beweisen, daß es falsch ist, von einem allgemeinen Volksbedürfnis nach Konfessionalität zu reden. Und doch ist die Tatsache vorhanden, daß der früher lebhaft geglaubte Gedanke an eine über den Konfessionen stehende deutsche Kultur sich heute äußerst schwach zeigt. Man liebt die Konfessionen nicht besonders, aber man hat sich mit ihnen abgefunden und hält es für Zeitverschwendung, über ihre Notwendigkeit zu reden. Und diese Resignation ist es, die den Vertretern des Konfessionalismus hilft, denn aus dem resignierten Zugeständnis, daß wir uns mit den Konfessionen abfinden müssen, machen sie ihrerseits einen Rechtsgrund, das Prinzip des Konfessionalismus auf die Spitze zu treiben.

Überall hört man: Katholizismus und Protestantismus sind zweierlei Weltanschauungen, nicht nur zweierlei Kirchenlehren, zweierlei Moral, zweierlei Lebenspraxis, Gegensätze, bei denen es nur ein hartes, volkszerreißendes Entweder-Oder gibt! Und überall liest man, es sei unmöglich, die Kinder gleichzeitig in zwei Welten einzuführen. Entweder man mache aus ihnen Protestanten oder Katholiken. Die Idee aber, aus ihnen deutsche Menschen zu bilden, die über dieses Entweder-Oder sich hinwegsetzen können, sei eine Einbildung, die heute schon in den Bereich veralteter Illusionen des verstorbenen Rationalismus gehöre. Es ist wahr, das, was sich heute dem Vertreter des altliberalen Kulturgedankens entgegenwirft, ist von ungeheurer Schwere. Wo soll die Wiederbelebung der Weltanschauung herkommen? Unsere großen Philosophen? Wer liest sie noch? Die Idee der Humanität und der religionslosen Moral? Wer glaubt sie noch auf den Höhen der Wissenschaft? Wird es nicht nötig sein, daß auch wir das Verlorene als verloren betrachten und preisgeben? Es hilft ja doch nichts?!

Nein! Noch glauben wir nicht, daß der Konfessionalismus das letzte Wort in dieser Sache ist. Auch diese geistige Welle hat ihre Zeit, und es geschieht im vorausschauenden Blick auf ihren Niedergang, wenn wir fest bleiben im Protest gegen die weitere gesetzliche Fixierung des Konfessionalismus.

 

Die Modernität strebt einem andern Ziele zu als einer Klassifizierung der Menschen nach Bekenntnissen.

Demgegenüber hat die Macht der Konfessionskirche keine andern Mittel als die äußerste Anspannung ihrer Autorität, durch welche mitten im Weltverkehr jeder Katholik oder Protestant als Glied der alten Bekenntnisgemeinschaft und Gehorsamsgemeinschaft erhalten werden soll.

Das Zentrum sitzt in seiner Werkstatt und sagt: unser Stolz soll sein, alle Klassen, alle Stände zu umfassen, und bei jeder Frage diejenigen Abschleifungen vorzunehmen, durch welche die Sache von einer gemischten Mehrheit angenommen werden kann. Meist freilich geschieht dies mit einer gewissen Wendung nach der konservativen Seite hin.

Auf solche Art wurde das Zentrum die Partei, die sich selbst für notwendig hält für die nationale Existenz. Denn so pflegen sie zu sagen: Wohin würden die anderen bei ihrem rohen Gegensatz der Klasseninteressen geraten, wenn wir nicht als Partei des Friedens und des Ausgleichs in der Mitte ständen! Diese Überzeugung von seiner taktischen Notwendigkeit wird für das Zentrum der Übergang, um sich in diesem deutschen Staate häuslich einzurichten. Die alten oppositionellen Gefühle der Reichsfeinde der Bismarckischen Zeit, der unentwegten Männer aus dem Kulturkämpfe, sind längst übergegangen in Gefühle einer gewissen vorsichtigen Zufriedenheit mit dem gegenwärtig erreichten Zustande. Und größer wird die Zufriedenheit, wenn das Zentrum Berichte aus Frankreich, aus Italien und aus anderen katholischen Ländern entgegennimmt. Dann schaut es sich in der deutschen Heimat um, und es entstehen bei der jüngeren Generation Gefühle der stolzen katholischen Führerschaft diesem unserem Volke gegenüber. Die größere der beiden konservativen Parteien hat dann Empfindungen, wie sie zum Beispiel Professor Spahn ausspricht: »Schon jetzt ist das Deutsche Reich in seinem noch so unvollkommenen Entwicklungsstadium, worin wir es sehen, die einzige urwüchsige, wahrhafte, organische Staatsschöpfung der neueren Jahrhunderte, eine bewunderungswürdige Hervorbringung des deutschen Staatsgeistes. Wird sein Wachstum zur Reife kommen, so wird das Reich aus innerer Kraft und staatlicher Vollendung die stärkst fundamentierte moderne Großmacht sein.«

Das soll heißen: das Deutsche Reich ist auf dem Wege, ein besseres Spanien zu werden. Das soll heißen: alles das, was der Klerikalismus früher in romanischen Ländern versucht hat, wird er unter einer für ihn fabelhaft günstigen Zusammenstellung der Parteien mit Hilfe seiner festgefügten Minderheit auf dem alten Kampffeld Deutschland erlangen: den Staat, welcher staatssozialistisch, Zollstaat und Konfessionsstaat ist. Das ist die moderne Form des katholischen Staatsgedankens. Schwer und langsam gewöhnen wir anderen uns daran, die deutsche Zukunft vom Konfessionalismus ummauert und durch bevormundende Gesetze und Regeln bis zum Übermaß durchzogen uns zu denken. Und wenn irgend etwas dem Liberalismus die geschichtliche Aufgabe stellt, noch einmal wieder in den Vordergrund zu kommen, seine verlorenen Kräfte wieder zu sammeln, sich alle alten Aufgaben neu durchzudenken, dann ist es die jetzt von uns beschriebene Entwicklung.

 

Von Rom aus wurde 1887 das entscheidende Wort zugunsten der Bismarckischen Septennatsvorlage gesprochen und von Rom her wurde das Zentrum, entgegen seiner früheren »reichs-feindlichen« Haltung, zum deutschen Militarismus und Marinismus bekehrt. Wie kam das? In Rom hat man die Hoffnung auf erneute Weltmacht des Franzosentums prinzipiell aufgegeben und fängt an mit dem politischen Zerfall Österreichs zu rechnen. Natürlich wird beides nicht ausgesprochen, aber die Tatsachen reden. Man denke sich doch einmal in den Gedankengang der Kurie hinein! Sie ist die ewige Macht, vor ihr sinken und steigen die Staaten. Das beängstigendste Ereignis für das Papsttum ist das ungeahnte Wachsen des europäischen und amerikanischen Angelsachsentums. Eine Zeit lang mochte man glauben, die englische Staatskirche zur Verbindung mit Rom gewinnen zu können, aber die Aussichten dieses Planes sind und bleiben gering. Wo England sich hinsetzt, sitzt der Papst nicht. Erst durch England wurde der Protestantismus Weltmacht. Napoleons Verlust bei Waterloo war die letzte große Niederlage des Katholizismus in der Weltgeschichte, und die Schlachten von Königgrätz und Sedan verstärkten die Niederlage, sobald nur das neue preußisch-deutsche Reich ein ebenso protestantischer Staat wurde wie England. Der erste Eindruck der deutschen Siege von 1866 und 1870 auf das Papsttum mußte der Wunsch sein, die neue Macht doch noch zu untergraben. Das war die alte Aufgabe Windthorsts. Dazu verband er sich mit allen Partikularisten, Polen und Protestlern. Zeitiger aber als die Zentrumswähler in Deutschland begriff die weiterblickende römische Politik, daß das Deutsche Reich nicht wieder beseitigt werden kann. Kann man es nicht ruinieren, dann muß man es katholisieren. Das ist der Kern der Schwenkung von 1879 an.

Die Katholisierung Deutschlands kann begreiflicherweise nicht durch Katholisierung der deutschen Protestanten geschehen. Dies ist unmöglich. Sie geschieht durch Vergrößerung Deutschlands nach Süden und unter Umständen nach Osten. Ein Deutschland, das bis zur Adria reicht und dessen zweite Hauptstadt Wien heißt, ist ein katholisch stark beeinflußter Staat. In einem solchen Staat ist der Klerikalismus schlechthin der erste innerpolitische Faktor. Ein solcher Staat liegt nun in gewissem Sinne in der Linie der preußisch-deutschen Entwicklung. Niemand verstehe das falsch! Solange Österreich lebensfähig ist, ist seine Erhaltung für uns weit wertvoller als jede deutsche Grenzerweiterung. Wir Deutsche müssen alles tun, um Österreich zu erhalten. Aber wenn einmal der österreichische Kaiser zwischen Wien und Budapest sollte wählen müssen, dann würde es für eine reichsdeutsche Politik eine Notwendigkeit sein, nur dann, den Flottenhafen am Mittelmeer nicht in fremde Hände kommen zu lassen. Das weiß man in Rom. Dort sieht man die Weltgeschichte kommen, und deshalb arbeitet man trotz aller Schwierigkeiten jetzt mit Berlin.

 

Der Protestantismus ist von Haus aus individualistischer als der Katholizismus und sieht das Ziel weniger in der Harmonie, als im Fortschritt. Der Fortschritt aber wird nicht durch Bevormundung gemacht, sondern durch Wagnis, Risiko, Konkurrenz, Anspannung aller Kräfte auf Gewinn oder Verlust. Das haben insbesondere die reformierten Teile des Protestantismus scharf herausgearbeitet, die Holländer und Engländer, aber auch bei uns im lutherischen Deutschland ist ein Gefühl dafür vorhanden, daß wir dem Kampfe ums Dasein von Grund aus etwas anders gegenüberstehen als der Katholik. Der Kampf ums Dasein ist uns nichts Ungöttliches oder Unreligiöses an sich, sondern er ist die Form, in der die Weltregierung arbeitet. Wir sollen ihn nicht verneinen oder aus der Welt schaffen wollen, sondern sollen uns mit Kopf und Herz an ihm beteiligen. In dieser vorwärtsdrängenden Gesinnung liegt der große Vorzug der protestantischen Völker. Ihn dürfen wir nicht preisgeben wollen. Und ebenso dürfen wir nicht darauf verzichten, daß in allen Korporationen, Innungen, Berufsvertretungen, Gemeinden und schließlich auch in Staat und Kirche der Einzelmensch seine persönliche Bewegung behält. Das katholische Menschenrecht heißt Schutz, das protestantische Menschenrecht heißt Freiheit. Die Wirklichkeit braucht beides, aber es scheint, daß wir einer Zeit entgegengehen, wo wieder stärker das persönliche und das demokratische Prinzip hervorgehoben werden muß als Gegengewicht gegen ein Übermaß von Bevormundungsvorschriften.

* * *

Wir wissen, daß Freiheit nichts ist, was zu allen Zeiten und an allen Orten genau die gleiche Form und Farbe hat. Jede Zeit hat ihre Freiheiten, die sie sucht. Aber in allen Verschiedenheiten gibt es doch etwas Einheitliches, das ganz tief in der Seele liegt, nämlich eine Art innerer Entschlossenheit: Freiheit ist eine ganz persönliche Angelegenheit! Wenn sie das nicht ist, dann gibt es keine freien Staaten und keine freien Kulturen.

Kein Fortschritt der Freiheit ist in der Welt erreicht worden, wenn es nicht Menschen gab, die lieber sterben als Knechte sein wollten. Das ist am offenbarsten bei den Freiheitskämpfen der Nationen, aber auch alle innerpolitischen Kämpfe sind durchtränkt mit Herz und Blut. Die Gasse der Freiheit trägt Spuren verspritzten Lebens. Mit bloßer Abrechnung macht man Menschen nicht von ihren Banden los. Ja, man kann sagen, daß die »Freiheiten«, die ohne merkbare und große Opfer gewonnen wurden, weniger fest und sicher sind als die, die durch Tod gekittet sind. Es ist schon öfter darauf hingewiesen worden, daß das Wahlrecht zum deutschen Reichtstag fester sein würde, wenn es mit unlöschlichen Opfern erzwungen worden wäre. Daß es der Masse gegeben wurde, ehe sie stark genug war, es sich zu holen, ist seine Schwäche. Natürlich soll man nicht unnötig Kämpfe suchen und soll nicht künstliche Märtyrer herstellen wollen, aber es würde nicht richtig sein, vom Ideal der Freiheit zu reden, ohne es klar auszusprechen, daß es Freiheit nicht gibt ohne freie Menschen. Freie Menschen sind aber solche, die im Entscheidungsfalle selbst den Tod nicht fürchten.

Damit ist der Zusammenhang zwischen Freiheit und Religion gegeben. Die Formen des Freiheitsstrebens sind meist unreligiös und entstammen den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, der Untergrund aller Freiheiten aber ist mit Religion sehr verwandt, denn er ist ein Seelenzustand, der voll von Glauben und Hingabe ist. Man streiche alle Menschen aus der Welt, die diesen Zustand haben, und die Freiheiten werden nur wie naß geregnete Fahnen von den Dächern herabhängen. Oft war Religionskampf und Freiheitskampf in der Geschichte direkt miteinander verbunden. Fast alle englischen Freiheitskämpfe waren dieser Art. Aber auch da, wo gar keine konfessionellen, wiedertäuferischen, methodistischen oder sonst ähnlichen Interessen mitspielen, wo es sich nur um juristische, politische und wirtschaftliche Freiheiten handelt, ist der Dienst der Freiheit ein Kultus gewesen, der nicht ohne Vertiefung und Opfer ausgeübt werden konnte; denn so sicher es ist, daß Freiheit Nutzen bringt, wo sie glücklich gedeiht, so sicher ist es auch, daß es oft nicht der Privatnutzen der Kämpfer war, für sie zu streiten.

Und wenn wir klagen, daß der Fortschritt der Freiheit im deutschen Volke kein eilender ist, so zwingt uns diese Beobachtung bis in den Untergrund der Seelen hineinzuschauen und zu erwägen, wie viele arme Nützlichkeitsseelen vorhanden sind, die zu jeder Knechtschaft bereit sind, wenn man sie nur in Ruhe läßt. Man will sich nicht kompromittieren, nicht anstoßen, nicht stören, nicht unbequem werden. Das aber schadet alles der Freiheit im ganzen. Das erste darum, was wir tun können, um an der allgemeinen Freiheit mitzuhelfen, ist, daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.

 

Niemals war bisher Deutschland das eigentliche Mutterland des politischen Freiheitsgedankens, und wir fürchten, daß auch in Zukunft immer einige der andern Völker uns in Herausarbeitung des freien Staatsbürgergedankens überlegen sein werden. Das gilt besonders von den Engländern und Amerikanern, aber in mancherlei Hinsicht auch von den Franzosen. Diese Nationen sind viel zeitiger in liberale Staatstemperatur gekommen als wir, und bei ihnen ist sie viel ursprünglicher und naturwüchsiger als bei uns.

Worin besteht nämlich im Grunde der Liberalismus? In einer Volksgesinnung, die keine Vergewaltigung des Einzelmenschen zuläßt, und die die Gleichheit aller Staatsbürger für eine Selbstverständlichkeit hält. Diese Gesinnung ist nirgends in der Welt von Anfang an vorhanden, aber einzelne Völker sind leichter für sie zu gewinnen als andre. Überall dort nämlich, wo es früher Sklaverei gegeben hat, bleibt auf Jahrhunderte hinaus ein Geruch von Knechtsgeist in der Luft. Deshalb sind auch die südlichen Staaten von Nordamerika trotz gleicher Verfassung viel weniger liberal als die nördlichen Staaten. Der nördliche Teil der Vereinigten Staaten hat keine Sklavenwirtschaft erlebt. Auch England ist seit vielen Jahrhunderten frei von Leibeigenschaft, nur Irland besitzt Abhängigkeitserinnerungen. Frankreich besaß bis zur französischen Revolution vielerlei Hörigkeit, schüttelte sie aber damals mit einem Rucke so gründlich ab, daß diese Abschüttlung nie wieder aus dem Volksbewußtsein herauskommt. Bei uns aber ist das alles viel allmählicher vor sich gegangen, im Westen zeitiger, im Osten später. Die alten Hörigkeiten und Leibeigenschaften sind »abgelöst« worden, das heißt sie wurden zunächst als rechtskräftig anerkannt und dann in Zahlungen verwandelt. Es hat keinen Tag gegeben, wo die Ketten von selber zu Boden fielen, kein großes politisches Jubeljahr, wo die Gebundenen frei werden durch eigne Kraft. Auch die Reformen des Freiherrn von Stein, so stark sie in das bisherige Verhältnis eingriffen, waren in keiner Weise eine politische Selbstbefreiung. Deshalb fehlt im Volksbewußtsein der Hintergrund eines inneren Freiheitskrieges. Wir haben die Hörigkeit und Leibeigenschaft abgelöst aber nicht abgeworfen. Was ist es denn überhaupt, was das deutsche Volk einmal durch eigenes Rütteln und Schütteln abgeworfen hat? Es hat immer »abgelöst«, sowohl die geistlichen Herrschaften wie die kleineren Monarchen.

Und damit kommen wir zu einem zweiten Unterschiede zwischen deutschen und angelsächsischen Verhältnissen. In England hat es zwar auch im 16. Jahrhundert eine Reformation der Kirche gegeben, dann aber erst im 17. Jahrhundert einen langen blutigen Kampf um die Glaubensfreiheit des einzelnen. Dieser Kampf setzte sich nach Amerika hinüber fort, denn die ersten Staatengründer jenseits des Ozeans waren Religionsflüchtlinge, Pilgerväter, die um ihrer Überzeugung willen die Heimat verlassen hatten. Diese Männer waren liberal im allerinnersten Kerne ihres Wesens, unabhängig in ihrem persönlichsten Bekenntnis. Daß die angelsächsischen Völker so stark um ihren Glauben gerungen haben, gibt ihnen einen gewissen Charakter der Standhaftigkeit auch in anderen Dingen. Das aber fehlt bei uns. Wir haben eine Reformation der Kirche erlebt, die von den Fürsten gemacht worden ist, und später einen Sieg der Toleranz, der aus der Ermattung des Dreißigjährigen Krieges herauskam. Eine freie religiöse Volksbewegung, die alle Einzelmenschen durchschütteln konnte, haben wir in der deutschen Vergangenheit nicht erlebt. Unser deutscher Pietismus war zwar seinem geistigen Gehalte nach der englischen Bewegung verwandt, verlief aber völlig unpolitisch und ergriff immer nur einzelne Volksschichten. Sowohl unser Protestantismus wie unser Katholizismus ist nie aus der Achtung vor der Autorität herausgekommen. Es haben sich zwar viele Einzelmenschen dieser Autorität entzogen, aber unsere Geschichte verzeichnet keinen einzigen großen Heldenkampf der Überzeugung der Einzelmenschen.

Und auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts kam bei uns nicht wie ein Gewitter. Sie kam recht gründlich und sehr philosophisch, aber nicht mit dem Proteste gegen die herrschende Gesellschaft, wie es durch Rousseau und Voltaire in Frankreich geschehen ist. Wir haben die stärksten liberalen Denker gehabt, die es geben kann, Kant und Fichte, aber sie dachten oberhalb der Masse in der Sprache der Gelehrten.

Ist es da ein Wunder, daß unser Volk als Volk in politischen Freiheitsfragen keinen tiefen eingeborenen Instinkt besitzt, kein volles Gefühl für die innere Selbstverständlichkeit des Liberalismus? Wir haben für vieles andre einen ganz vorzüglich ausgebildeten Sinn, für alles, was Ordnung und Organisation heißt. Dieser Sinn ist in allen Volksklassen vorhanden, gerade auch in der Sozialdemokratie. Aber die Kehrseite dieses starken Vorzugs ist die Schwäche an unmittelbaren liberalen Empfindungen. Wir werden deshalb möglicherweise für die sozialen Probleme der Zukunft eine stärkere Begabung mitbringen als irgendein andres Volk, viel stärker als die Engländer und vielleicht auch als die Amerikaner. Sobald es sich um Staatseinrichtungen und Wirtschaftsverbände handelt, fügt sich der Deutsche wie von selbst in schwierigste Organisationsformen. Er versteht etwas von Disziplin, Zucht, Gemeinschaftstätigkeit, sei es nun in Syndikaten, Gewerkschaften oder andern sozialen Körpern, aber er bleibt matt, wenn er das souveräne Recht des einzelnen Ich gegenüber der umgebenden Welt vertreten soll. Das ist der tiefste Grund, weshalb ein wirtschaftlich so fortschrittliches Volk wie das unsrige in politischen Dingen so geduldig ist. Daran kann kein einzelner Mensch etwas ändern, selbst keine Partei, denn auch diese besteht eben aus deutschem Menschenmaterial. Die Sozialdemokratie hat wahrhaftig genugsam versucht, den Geist der revolutionären Nationen nach Deutschland zu verpflanzen, ist aber doch auch zu nichts anderm gekommen als zu einer vorsichtigen echt deutschen Organisation, die ihre Stärke in den deutschen Eigenschaften der Disziplin und Ordnung hat und nicht im Temperament der Franzosen oder in dem persönlichen Unabhängigkeitstrotz des Engländers.

Der Fortschritt der menschlichen Kultur ist eine Folge des Fortschritts der einzelnen Menschen.

Dieser Satz ist notwendig gegenüber allen jenen Irrtümern, als ob man mit Gesetzen allein die Welt reformieren könne. Nicht als ob wir ohne Gesetze auskommen könnten! Keineswegs! Aber es hilft nichts, wenn man über zurückgebliebene Menschen fortschrittliche Gesetze ausspannt, weil sie noch nicht imstande sind, sich an ihnen festzuhalten.

 

Selbst wenn wir eine Verfassung vom Himmel herabholten, die noch besser ist als die belgische und noch reiner als die Musterverfassung irgendeines nordamerikanischen Einzelstaates, und ihr verschenkt diese Verfassung an eine Bevölkerung, in der es keine Selbstachtung des einzelnen Menschen gibt und wo der einzelne vom anderen nicht geachtet wird, dann hat diese Verfassung trotz ihrer technischen Vollkommenheit durchaus keine liberale und fortschrittliche Gesamtwirkung. Ich will ja nicht besonders von den Magyaren reden, wiewohl schon diese ein Beispiel geben, unter wie interessanten Umständen liberale Gesetze bei mangelnder liberaler Gesinnungserziehung kein liberales Gesamtergebnis hervorrufen. Darin beruht der häufige Fehler auch uns sonst gesinnungsverwandter Vertreter russischer Demokratie, daß sie des Glaubens sind, wenn sie nur erst den Wortlaut einer neuen Verfassung hätten, so liefe das andere nachher von selber. Das ist genau so gut, wie wenn man ein modern eingerichtetes Schiff einer Horde von Marokkanern überlassen und sehen wolle, was diese dann damit anfangen. Die Maschinerie des liberalen Staates setzt ein Volk voraus, in dem es längst Sitte geworden ist, daß der einzelne nicht käuflich ist, daß der einzelne nicht vor Menschenfurcht in den Boden versinkt. Was nützt uns das schönste Wahlrecht, wenn die Menschen beispielsweise ihre geheimen Stimmzettel immer vorher erst herzeigen? Erst einmal den Menschen herbeigeschafft, der diese Dinge wirklich in die Hand nehmen kann, dann funktioniert alles!

 

Politik war und ist die Einsetzung des Lebens für gemeinsame Ideale. Das trifft sowohl von der äußeren wie von der inneren Politik zu. Auch in der inneren Politik wird eine alte Macht nicht bloß durch Gedanken hinweggeblasen. Das weiß der Liberalismus aus seiner eigenen Jugend. Er ehrt die »Märzgefallenen«, weil er richtig fühlt, daß ohne ihren Tod kein König nachgegeben haben würde.

 

Darin lag der Irrtum der alten Freiheitskämpfer, daß sie an angeborene ewige Rechte glaubten. Das gibt es nicht. Es gibt nur erworbene und erkämpfte Rechte. Kein Menschenrecht ist ohne Kampf entstanden, und jedes wird wieder auseinanderfallen und in Verlust geraten, sobald kein Kampfeswille mehr hinter ihm steht.

 

Ein Volk, das stark genug ist, sich eine neue Herrschaftsform zu erzwingen, hat auch ganz von selbst schon die Männer, die es dazu braucht; heute aber fehlt noch die breite allgemeine Flutung liberaler Gedanken.

 

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