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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
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Erster Teil
Von den politischen Dingen

Die hier gebotenen, zu einer neuen Einheit verschmolzenen Auszüge entstammen zum großen Teile den am Schluß angezeigten, im Verlag Georg Reimer in Berlin beheimateten größeren und kleineren Werken Friedrich Naumanns. Daneben ist ein nicht viel kleinerer Teil dem 1. bis 19. Jahrg. [1895-1913] der Naumann'schen Zeitschrift » Die Hilfe« und den bisherigen Bänden des Naumann'schen Jahrbuchs » Patria« entnommen sowie Beiträgen Naumanns in andern Zeitschriften und Zeitungen. Einige wenige Abschnitte stammen aus den Andachten der » Gotteshilfe.« [Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen. – Gesamtausgabe und wohlfeile Einzelbändchen.] Kleine sprachliche Abweichungen vom Originalwortlaut wurden an einigen Stellen nötig und sind sämtlich von Friedrich Naumann genehmigt. Der herausgebende Verleger hofft durch die vorliegenden Auszüge zur Lektüre der Hauptwerke Naumanns anzuregen. Wer mit dem, was Naumann der Zeit zu geben hat, in dauernder Verbindung bleiben will, wird die genannte wohlfeile Wochenschrift » Die Hilfe« zu abonnieren gut tun. Probenummern durch die Buchhandlungen.

 

Es ist ein geringes Vergnügen, Bücher zu lesen, in denen das Wesen des Staates erörtert wird. Nicht als ob diese Bücher dumm wären, nein, sie sind zu gescheit! Sie wollen nämlich eine Begriffsbestimmung suchen, die für alle Staaten aller Zeiten und Völker paßt. Das aber gelingt nicht, denn der Staat ist ein Chamäleon, ein Proteus, ein verwandelbares Tier. Er sieht in den verschiedenen geschichtlichen Lagen so verschieden aus, daß man kaum noch weiß, ob er es selber ist. Er vergleicht sich einem Geschäft, das in Galanteriewaren anfing, zu Spezereiwaren überging und schließlich als Spezialgeschäft für Südfrüchte endigte, und das dabei gelegentlich seine Räume, Personal und Inhaber vollständig wechselte. Was ist das Wesen dieses Geschäftes? Schlechterdings nichts anderes als die Kontinuität des Hauptbuches und der Umstand, daß jede folgende Gestaltung sich langsam und aus natürlichem Wege aus der vorhergehenden herausgeschält hat. Alles kann sich ändern, alles, und das »Wesen« bleibt doch dasselbe! Es bleibt, wenn man so sagen darf, das unsichtbare Ich, das stets seine alten Erfahrungen und Kräfte benutzt, um anders zu werden. Dieses Staats-Ich mit Logik und Dialektik verfolgen zu wollen, ist eine Jagd nach einem Eber, der die Kraft hat, gelegentlich ein Hirsch zu sein.

Vielleicht aber hilft uns doch das Wort etwas weiter, das wir eben vergleichsweise brauchten, das Wort »Geschäft«? Wir wollen versuchen, den Erwerbstrieb als das Wesen des Staates zu betrachten. Das ist sicher keine allseitige Betrachtung, aber sie ermöglicht einigermaßen, die Wandlungen in Subjekt, Objekt, Umfang und Qualität der Staatstätigkeit zu charakterisieren. Und zwar verzichten wir darauf, die Staatsgebilde ferner Vorzeit und anderer Zonen unter diesem Gesichtswinkel anzusehen, obwohl auch dieses nicht ganz unmöglich sein würde, und setzen dort ein, wo der »moderne Staat« in Deutschland sich bildet, beim Territorialstaat des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.

Der Vorgang ist dieser: Unter der Hülle des absterbenden alten Staates des heiligen römischen Reiches deutscher Nation entstehen von unten her zahlreiche neue Staaten, die Landesherrschaften. Der Trieb zur Staatenbildung ist sehr lebendig, die jungen Staaten sind aber noch nicht fest, teilen sich, verbinden sich, gehen wechselnde Kombinationen ein, bis die sehr gemischte Gesellschaft von Souveränitäten entsteht, die auf Napoleons Besen wartet. Süddeutschland war der eigentliche Herd dieser Art von Staatenbildung, die größeren Vorbilder aber lagen draußen: Frankreich, Preußen und in gewissem Sinne Österreich. Diese Art von Staaten ist es, die in scharfer Weise als Erwerbsgeschäfte bezeichnet werden können, denn sie sind fürstliche Privatunternehmen zur Mehrung der Einkünfte. Die Grundlage dieser Art von Staat ist die alte Organisation der Arbeit, daß nämlich die Arbeit in den meisten Fällen ein abgabepflichtiger Herrschaftsdienst ist. Insbesondere die bäuerliche Arbeit trug diesen Charakter. Sie war rechts und links mit Abgabepflichten behangen. Diese ungeordneten Abgaben in bestimmte Kanäle zu leiten, sie zu zentralisieren und zu vermehren, war der Zweck der Territorialherrschaft. Deshalb wollte man Untertanen haben, um Einnahmen zu haben. Man macht sich heute kaum mehr eine Vorstellung, wie Untertanen verhandelt wurden. Die Fürstenzusammenkünfte waren Börsen von Steuermöglichkeiten. Nicht das fragte man, ob die Untertanen zusammenpaßten, ob sie in Konfession, Sitte, Produktionsweise sich glichen, nicht ob sie Deutsch, Polnisch, Italienisch, Französisch sprachen, nicht, ob sie in der Ebene wohnten oder in den Bergen, sondern nur: was sie leisten konnten, das will sagen: welchen Mehrwert der Fürst vom Ertrage ihrer Arbeit abheben konnte. Diese Art Staatsverwaltung ist das oberste kapitalistische Großgeschäft im alten Deutschland.

Der Rohstoff, das Objekt der Tätigkeit, war also der Untertan. Das Mittel zur Bearbeitung des Stoffes waren Beamtenschaft und Heer. Die ganz kleinen Unternehmer des Monarchengeschäftes konnten sich meist von diesen Arbeitsmitteln nur das erste leisten und mußten sich sonst auf den Schutz kaiserlicher Majestät und die moralische Macht des Reichsgerichtes verlassen. Das waren sozusagen die maschinenlosen Betriebe. Von ihnen brauchen wir nicht zu sprechen; denn sie sind im Laufe der Zeit und zuletzt 1803 fast alle verschluckt worden. Die weitere Entwicklung setzt nicht bei diesen hilflosen Zwergbetrieben ein, sondern bei den Staaten mit Soldaten, bei den Staaten, welche imstande waren, Erbfolgekriege zu führen, denn der Erbfolgekrieg ist der charakteristische Krieg dieser Epoche. Er ist der reine Erwerbskrieg an sich. Das Subjekt des Krieges ist nicht die Summe der Untertanen, denn für diese machte es gar nichts aus, ob ihr gnädiger Herr noch im Lothringischen oder sonstwo einige Ämter mehr besaß, das Subjekt des Krieges ist der Fürst, oder, noch präziser gesagt, die fürstliche Kammer. Diese Kammer kaufte sich mit dem Ertrag des bisherigen Bestandes von Untertanen eine militärische Maschine zur Herbeischaffung neuer Untertanen, das heißt: sie kapitalisierte den Gewinn im eigenen Geschäft. Soldaten und Untertanen haben in diesem ersten Stadium des modernen Staates nichts miteinander zu tun. Der Fürst nimmt absichtlich nicht seine Landeskinder zu Soldaten, da ja die Landeskinder die Herde sind, von deren Wolle er leben will. Nur wenn er in den fremden Gebieten nicht genug Soldaten auftreiben konnte, mußte er die Söhne seiner eigenen Bauern in die Uniform stecken. Das aber ist für die ganze Geschichte des Staates ein sehr wichtiger Vorgang, denn aus der Identität von Untertan und Soldat entsteht der Staatsbürger.

Im allgemeinen liegt dieser Vorgang im 18. Jahrhundert und vollendet sich im 19. Jahrhundert. Die Veränderung ist folgende: Während vorher der Soldatendienst eine bezahlte Lohnarbeit war, man kann sagen die erste Lohnarbeit großen Stils, so verwandelte er sich in eine Abgabenpflicht oder vielmehr Leistungspflicht der Untertanen. Damit wurde das Heer relativ billiger, konnte deshalb entsprechend vergrößert werden, aber die Belastung des Untertanen stieg, seine Weltabgeschlossenheit verminderte sich, und vor allem der Fürst wurde nun von der Tapferkeit und Hingabe derer abhängig, deren Ausbeutung sein bisheriges Geschäft war und nach Lage der Dinge bleiben mußte. Aus dieser neuen Kombination von Untertan und Soldat erwachsen oder durch sie vermehren sich folgende Tendenzen:

Der Fürst sucht den Druck seiner Untertanen zu vermindern und wird ein wohlwollender Monarch. Da er aber nach wie vor viel Geld braucht, so muß er das Geld kaufmännisch zu erwerben suchen. Damit entsteht die für das Volk sorgende merkantilistische Monarchie, die durch Grenzzölle, Ausfuhrverbote, Gewerbesubventionen, Kolonisationen, Entwässerungen, Lohnregulierungen, Berufszwang, Staatsfabriken und ähnliches den Gesamtertrag der Gebietswirtschaft zu heben sucht. In diesem Stadium wird der Geschäftscharakter des Monarchismus am deutlichsten, aber gleichzeitig verschiebt sich das Unternehmerverhältnis, denn von nun an sagt der Fürst nicht mehr: ich arbeite für mich! sondern: ich arbeite für euch, ich bin der erste Diener meines Staates! Zugegeben, daß dieses Wort »ich arbeite für euch« zunächst Phrase war, so kommt es doch öfters vor, daß Phrasen bei längerem Gebrauch zu Wahrheiten werden, einfach weil sie geglaubt werden. In diesem Fall wird die Phrase zuerst vom Fürsten geglaubt, bei dem sich ein landesväterliches Pflichtgefühl entwickelt, das je nach Temperament und Seelenumfang der Fürsten sehr verschieden war, das aber doch das alte, selbstsichere Unternehmertum innerlich untergrub. Erst nachdem die Fürsten dieses »für euch« zu glauben angefangen hatten, ging es langsam auch dem Untertanen auf »für uns!« Das aber war ein viel tieferer Vorgang als der Fürst ihn gewollt und erwartet hatte. Er wollte den »dankbaren« Untertanen, der aus Dankbarkeit ein guter Steuerzahler und Soldat ist, gerade wie heute die wohlwollenden Großindustriellen den dankbaren Arbeiter wollen. Der Untertan aber nahm mehr als diesen kleinen Finger, er nahm die ganze Hand: wenn die Staatsarbeit für mich geleistet werden muß, dann bin ich ja das Subjekt des ganzen Geschäftes, der Auftraggeber, und der erste Diener des Staates ist dann mein Beauftragter! Kurz, es wurde strittig, wer Subjekt des Unternehmens sei, und die Streite in England und Frankreich erleichterten es den deutschen Untertanen, den schwierigen Umdenkungsprozeß zu vollziehen.

 

Die alten Monarchen des 17., 18. und auch noch des 19. Jahrhunderts waren sozusagen Großgrundbesitzer erster Klasse. Sie waren vergrößerte Gutsherren, die sich eine Militärmacht zugelegt und damit das Besteuerungsrecht über ein Landgebiet erzwungen hatten. Ihre Gegner waren nicht in der Tiefe des Volkes zu finden, denn dort wußte man es nicht anders, als daß man von irgendeiner Herrschaft besteuert und beschützt wurde, und es konnte sich in jedem einzelnen Falle nur darum handeln, welche von den vielen Herrschaften es gerade war. Die Gegner der Monarchen waren die Nächstgrößten, die beinahe stark genug waren, selber Monarchen zu sein. Diese zweifelten nicht daran, daß es Monarchen geben müsse (das kam nur in Reichsstädten und Hansestädten vor), sondern nur daran, ob der zufällige Inhaber der Monarchie beseitigt werden könne oder nicht. Das Prinzip als solches stand fest, denn dieses Prinzip war überall vertreten. Überall wurde persönlich regiert, auf dem Bauernhof, im Handwerk, auf dem Rittergut. Die Rechte des väterlichen Regiments waren im einzelnen vielfach umstritten, im ganzen aber felsenfest. Herrschaft muß sein! Das hieß damals: ein Herrscher muß sein. Daß das Herrschen eine Gemeinschaftsarbeit sein könne, sozusagen genossenschaftlich, kollegialisch betrieben werden könne, konnte einer Zeit nicht in den Sinn kommen, die so wenig genossenschaftliche Erfahrungen überhaupt besaß. Nur in den Städten gab es freies gemeinschaftliches Handeln, was aber bedeuteten noch vor hundert Jahren in Deutschland die Städte? Das Agrarland Deutschland war monarchisch bis auf die Knochen, mochten seine Monarchen schlecht oder gut sein, weil es voll war von hunderttausend kleinen und kleinsten Monarchen, die selber Herren sein wollten, und sei es auch nur über eine Frau und zwei Knechte.

* * *

Einstmals bestand das monarchische Problem Deutschlands in der Menge der Monarchen, heute besteht es darin, daß wir im Grunde nur einen Monarchen haben. Die Fürsten der Einzelstaaten werden geachtet, sind aber kein Gegenstand politischen Streites mehr. Im allgemeinen schätzt man sie als Gegengewichte gegen Berlin, und selbst sehr unmonarchisch gesinnte Kreise würden nicht ohne weiteres ein volles Verschwinden der Nachkommen der einstmals lebhaft bekämpften »Tyrannen« wünschen, weil die kleineren Monarchen irgendwie mit zu Seiner Majestät allergetreuester Opposition gehören. Sie haben Teil an den Resten des alten Monarchismus, aber nicht an den Anfängen des neuen. Der neue Monarchismus sitzt bei uns allein im Kaisertum.

Wenn wir uns denken könnten, wir hätten einen Kaiser, der nicht vorher König von Preußen wäre, so würde dieser Kaiser eine völlig neuzeitliche Erscheinung sein, ein Herrscher ohne langen Geschichtshintergrund, der Überwinder der Altertümlichkeiten, ein Präsident des Deutschtums ohne Ahnen. Einen solchen suchte die linke Hälfte des Frankfurter Parlaments in der Paulskirche, indem sie dem Gedanken des Erbkaisers den des Wahlkaisers gegenüberstellte. Auch Ludwig Uhland wollte den Wahlkaiser, der gesalbt sei mit dem Tropfen demokratischen Öles. Wie fein haben jene Männer empfunden, daß wir im Grunde ein freies, traditionsloses Volkshaupt brauchen! Aber freilich, aus solchen Empfindungen allein wird nie Geschichte gewoben. Der gedachte Kaiser entstand nicht, weil zur Überwindung der damals noch vorhandenen vielen alten Monarchen Kanonen gehörten, die ein gedachter oder gewählter Kaiser nicht hat. Der »Erbkaiser« trat auf die Bühne, und zwar nicht damals, als die Frankfurter wollten, sondern später, als er selbst oder vielmehr sein Kanzler es wollte. Auf dem Schlachtfelde von Königgrätz entstand der preußisch-deutsche Imperialismus.

Im Getöse und Blut von Königgrätz vollzog sich zweierlei: der Sieg des Königs von Preußen über den bürgerlichen Liberalismus, und der Sieg des kommenden Kaisers über die vorhandenen Monarchen. Darin, daß diese beiden Vorgänge zusammenfielen, liegt unser politisches Schicksal, liegt auch das Schicksal der hohenzollernschen Kaiser. Sie haben zwei Gesichter, ein preußisches und ein deutsches, ein altmonarchisches und ein neumonarchisches. Deshalb ist ihre Lage eine viel verwickeltere als etwa die des englischen Königs oder des amerikanischen Präsidenten. Überall steht bei uns um den Kaiser herum eine Vergangenheit, die alles andere ist, nur nicht modern imperialistisch. So oft er sich unterzeichnet I. R. (imperator, rex), zeichnet er als Bewohner zweier Welten.

 

Es muß in der neuen Zeit etwas sein, was zur Großmonarchie hindrängt.

An sich erscheint die neue Zeit als eine starke Demokratisierung oder Vergesellschaftung des Lebens. Der Begriff des Monarchen im gewöhnlichen Leben wird unsicherer. Was ist in den städtischen Familien die Vatergewalt über heranwachsende Kinder? Was ist Mannesgewalt über die Frau? Wo ist noch ein Herrenverhältnis zum gewerblichen und häuslichen Gesinde? Jetzt ist fast jedes Dienstmädchen Fräulein und jeder Knecht ein kleiner Herr. An Stelle der Herrschaftsrechte treten kündbare Verträge, und niemand kann mit vollgeblasenen Segeln durch die Welt fahren: seht, seht, hier komme ich! Alle stehen unter der Kontrolle der Öffentlichkeit, gehorchen derselben Obrigkeit, lesen dieselben Zeitungen, verschwinden in einer Menge, in der es kein Monarchentum mehr gibt. Die neue Zeit bringt allgemeine Schulpflicht, allgemeine Wehrpflicht, Einordnung in hundert Verbände, Kassen, Vereine. Jeder Mensch sagt zu seinem Vordermann: weshalb sollte ich dich höher achten als mich? Die Masse steht auf und zieht einen Volksteil nach dem andern in sich hinein, bis es nichts mehr gibt als eine einzige Flut von Menschen oder Bürgern ohne Namen. Die Nation hat noch einen Namen, der Beruf lebt, aber der Einzelmensch ist Molekül im Eisengusse geworden, Zelle im Organismus. In dieser Demokratisierung der Menschen liegt die besondere Größe und Leistung gerade unserer Zeit: Massenverkehr, Massenhandel, große Industrie und große Heere. Der Mensch wird zu großen Formen zusammengeknetet wie niemals früher. Dabei zerbrechen die kleinen Monarchen, die Monarchen der Werkstatt und der Ortsgemeinde, dabei zerbrechen auch etliche Großherzöge und werden still, aber – – das ist das Merkwürdige, daß die Mechanisierung und Demokratisierung der Gesellschaft aus sich heraus neue Könige erzeugt.

Auf allen Gebieten des modernen Lebens heben sich einzelne Köpfe heraus, die weit mehr bedeuten, als es früher bei engeren Verhältnissen überhaupt möglich war. Je gleichförmiger die Durchschnittsbedingungen des Daseins werden, desto ungeahnter wird die Kraft dessen, der die Durchschnittsbedingungen zu regeln hat. Über Hunderttausenden von Bergleuten und Metallarbeitern, über einem Heer von Unterbeamten und Oberbeamten, über einem Apparat, in dem die Millionen auf- und absteigen, walten einige direktoriale Köpfe. Man braucht nur an Kohle zu denken, so weiß man etliche Namen, an Schiffahrt, so nennt man etliche Männer. Man denkt an das Bankwesen, es hat seine Könige, an die Elektrizität, sie besitzt ihre Herren. Mit jedem neuen Syndikat entsteht ein neuer Herzog, mit jedem Großhandelsartikel entstehen neue Gewaltige. Die Grundform des neuen Wirtschaftslebens ist die Zusammendrängung der Oberleitung in wenige Hände. Wohl selten hat ein Zeitalter den Vorgang der Entstehung von Herrschaften so handgreiflich erlebt als das unserige. Es ist demokratisch und monarchisch zugleich. Die Technik drängt zur Einheit und die Einheit zur Einheitsleitung.

Auch im Leben der arbeitenden Masse waltet dasselbe Gesetz. Solange die Arbeiterverbände klein und hilflos sind, gilt in ihnen ein Genosse fast so viel wie ein anderer, sobald sie aber breit und verantwortungsvoll werden, sind es einige Männer, die ganz von selbst über alle anderen herauswachsen und für sich allein mehr wirkliche Macht besitzen als zehntausend Vereinzelte. Ein Führer einer großen Gewerkschaft ist auf seinem sozialen Gebiete ein Herr über Krieg und Frieden. Er kann nicht willkürlich schalten und walten, aber das haben auch die Fürsten niemals wirklich gekonnt, er ist wie sie von denen abhängig, deren Angelegenheiten er verwaltet, aber in seinem Kopfe reifen die letzten Entschlüsse und entstehen die Pläne des nächsten Jahres. Auch große demokratische Parteien schaffen sich von selbst ihre Oberhäupter, ihre Diktatoren, die zwar keine geschriebenen Königsrechte besitzen, aber deren Wille durch hunderttausende weiterrollt. Und je länger die moderne Entwicklung andauert, je größer die Verbände sowohl der Industrien wie der Banken, des Handels und der Arbeiterschaft werden, desto klarer wird auch der monarchische Zug heraustreten, der in dem allen mit enthalten ist.

Die Zauberworte der Modernität sind Großbetrieb, Organisation, Disziplin. Daß in dieser allgemeinen Richtung sehr große Gefahren für das Menschentum liegen, ist zweifellos richtig; an dieser Stelle beschäftigt uns aber nur die Tatsache des allgemeinen Zuges zum Großbetriebe, weil er die Grundlage für die Erneuerung des Einflusses der obersten Monarchen geworden ist. Eine Zeit, die auf allen Gebieten Herrschaftspersonen über die Masse heraufsteigen sieht, Organisatoren großen Stils, hat eben dadurch eine gewisse Offenheit für einen Mann an der Spitze des Staates, ob er nun Präsident heißt oder Kaiser, ob er gewählt wird oder geboren, ob er Ahnen hat oder nicht. Man schaut zu ihm auf wie zu den anderen Größen der industriellen Massenentwicklung, und da er von vornherein schon eine hohe Macht fertig mitbringt, so stellt sich die Öffentlichkeit selber in seinen Dienst. Von ihm reden die Zeitungen, sein Bild hängt an jeder dritten Wand, seine Worte werden telegraphiert, und auch das wird für beachtlich gehalten, was er über Nebendinge äußert. Dieselbe moderne Tendenz, die einige große Dichter und Schriftsteller zu Weltberühmtheiten macht und die den Ruhm eines Musikers von Odessa bis San Franzisko verbreitet, hilft mit Vorliebe denen, die noch mehr zu gestalten haben als nur Theaterspiele und Konzerte. Sobald sie es nur einigermaßen verstehen, sich photographieren zu lassen, werden sie sofort von aller Welt photographiert. Einst gab es eine gewisse kleinbürgerliche Gesinnung, die aus einer Art ehrlichen Bürgertrotzes von Hof und Hofgeschmeiß nichts wissen wollte. Diese Gesinnung wurde leider je länger desto mehr von einer anderen Art des Denkens verschlungen: die Menschheit will Repräsentanten haben, Signalpersonen, Präsidenten, mögen diese nun Bebel heißen oder Tolstoi, Ballin oder Kirdorf, Mendelssohn oder Kanitz, Röntgen oder Zeppelin, Roosevelt oder Wilhelm II.

 

Wie aber arbeitet eigentlich der Monarch? Wir stellen diese Frage nicht in der Weise des neugierigen Zeitungsreporters, der wissen will, wann der Kaiser früh aufsteht, wann er ausreitet, wie oft er sich umkleidet, wie viele Unterschriften er leistet und wie viele Hasen er auf der Hofjagd schießt. Alles das ist uns nebensächlich. Die Frage, die uns beschäftigt, ist die, ob es nicht überhaupt und an sich eine große Illusion ist, daß ein einzelner Mensch so große Aufgaben übernimmt, wie im modernen Begriffe der Monarchie liegen. Auch ein sehr begabter Monarch kann doch schließlich nur eine begrenzte Zahl von Dingen wirklich wissen, um aber regieren zu können, muß man wissen.

Zweifellos ist gerade beim gegenwärtigen deutschen Kaiser die Fähigkeit, sich schnell in allerlei Dinge hineinzufinden, sehr ausgebildet, aber selbst wenn sie größer wäre als bei irgendeinem anderen sterblichen Menschen, so kann er nur einige Prozent von dem wirklich wissen, was in sein Arbeitsgebiet gehört. Er muß für sich denken und arbeiten lassen und bleibt als Einzelmensch sozusagen nur die innerste Stelle des Apparats, der von außen her Monarch genannt wird. Alles wird ihm verarbeitet und nur in seinen letzten Stadien vorgetragen, und es gehört Kunst dazu, die Speise der Wirklichkeiten für ihn zuzubereiten. Wir wollen damit nicht sagen, daß ihm Falsches vorgetragen wird, aber es liegt in der Natur der Sache, daß er für breite Darlegungen weder Zeit noch Nerven übrig hat. Er bekommt Zeichnungen in äußerster Verkürzung, letzte Reduzierungen komplizierter Dinge. Was wird er beispielsweise von den Einzelheiten des Zolltarifs gewußt haben? Was kann er von den Einzelheiten des bürgerlichen Gesetzbuches wissen? Wie weit kennt er die Akten der auswärtigen Politik? Was weiß er morgen noch von den Personen, die er heute empfangen mußte? Alles fliegt in fabelhaftem Wirbel an einem einzigen Kopfe vorbei: Weltpolitik, Familiensorgen, Schiffskonstruktionen, babylonische Altertümer, päpstliche Wünsche, Divisionsmanöver, Einweihung eines Standbildes, Gerichtsverhandlungen gegen hohen Adel, Militärgerichte, Wechsel im Gesandtschaftspersonal, neue Uniformen, Sozialpolitik, Geldfragen der Hausverwaltung, Literatur, Todesfälle, Reichsfinanzen, Mädchenschulreform, landwirtschaftliche Ausstellung, Reibung im Ministerium, Brief aus Petersburg, bulgarische Wünsche, Hochzeit, Einladung, Eisenbahn – wer kann es wissen, wer mag es beschreiben, was alles an den Gehirnwindungen eines Monarchen auf und ab klettert? In diesem Bewußtsein nun werden die schwersten Entscheidungen reif. Er steht zu allen diesen Dingen nicht wie ein Zeitungsleser, der nur träumend von ihnen erfährt, nicht wie ein Journalist, der nur neugierig und unverantwortlich über sie schreibt, sondern als der Mann, der im Fluge etwas Entscheidendes sprechen soll: das und das will ich! Dort, wo der Wille am freiesten ist, hat er am wenigsten Zeit, sich auszugestalten.

* * *

Der moderne Staat ist ein höchst verwickeltes Instrument, noch viel verwickelter als eine große Bank oder ein industrielles Syndikat. Da nun schon die großen geschäftlichen Unternehmungen der Neuzeit eine sehr augenfällige Neigung haben, bei aller scheinbaren Wahrung der gesellschaftlichen Verfassungen in Wirklichkeit von wenigen Einzelköpfen regiert zu werden, so ist der Vorgang, den wir Imperialismus nennen, das Entstehen monarchischer Zentralstellen, an sich wohl unvermeidlich und liegt im Gange der Großbetriebsentwicklung. Je sozialistischer wir werden, desto imperialistischer werden wir sein müssen, ob wir es wollen oder nicht, weil jede neue Staatstätigkeit den Apparat noch mehr belastet und seine kollegialische Regierbarkeit vermindert. Man verstaatliche beispielsweise die Bergwerke, falls es möglich ist! Wer wird dadurch stärker? Nicht das Parlament, sondern die Spitze der verwaltenden Mächte, der oberste Diener des Staates, er heiße Kaiser oder Präsident. Wer das nicht will, der muß eine kleinbürgerliche Wirtschaft festhalten wollen. Aber wer kann das? Alle Berufsverbände ohne Ausnahme fordern neue Staatstätigkeiten und damit neue Beamte Seiner Majestät. Diesen Gang der Geschichte erleben wir. Gleichzeitig aber bereitet sich innerhalb des monarchischen Systems etwas anderes vor, was man die Entpersönlichung des Monarchen nennen könnte, ein Vorgang, der eine einfache Folge davon ist, daß der Monarch beim besten Willen nicht mehr alles wissen kann, was für ihn und in seinem Namen und Auftrag geschieht, selbst nicht mehr in allgemeinsten Umrissen. Der Monarch wird ein Begriff. Es wird Recht gesprochen »im Namen des Königs«. Es wird regiert im Auftrag des Königs. Solange er eine starke arbeitsame Persönlichkeit ist, bedeutet diese Kontrolle nicht allzuviel, ist er weniger stark, körperlich matt oder weniger bereit, sich stets als Mikrophon des Gesamtgetriebes anzusehen, dann beginnt hinter der Zeit der Konzentration aller Staatstätigkeiten eine Zeit der Dezentralisation der monarchischen Leistungen. Auch diese wird sich nicht nach einem fertigen ausgedachten Schema vollziehen, sondern in der Praxis von Fall zu Fall, von Schritt zu Schritt. Der neue komplizierte Staat sucht sich seine Instrumentierung. Welche Rolle dabei die Volksvertretungen spielen werden, wird davon abhängen, welche Kraft sie für die wirkliche Staatsarbeit mitbringen. Mit bloßen Deklamationen über Republikanismus und konstitutionelles System allein ist wenig geschehen: wer arbeitet, erwirbt sich Rechte, und wer Erfolg hat, dem gehört die nächste Periode.

 

Solange der Kaiser sich als fähig erweist, die Riesenaufgabe des modernen Imperialismus persönlich zu erfüllen, wird keine Gewalt ihn nötigen können, von seinem souveränen Ernennungsrecht etwas aufzugeben. Deshalb erschienen bis vor wenigen Jahren alle derartigen Forderungen ganz abenteuerlich, weil die Mehrheit der Nation noch an die Möglichkeit der persönlichen Ausfüllung der obersten Stelle glaubte. Dieser Irrtum ist heute schon vielfach als solcher eingesehen worden. Die Stelle ist da, die Aufgabe ist gewaltig, die Anforderung ist übermenschlich, aber es geht – über die Kraft. Das ist das Ergebnis der letzten Zeit, daß dieses allgemein und offen anerkannt wird. Jetzt also sind die Tage gekommen, in denen über die Entpersönlichung der Krone verhandelt werden muß, nicht als ob das ein Akt von heute auf morgen sei, aber so wie man schwere geschichtliche Aufgaben mit einem Stoßseufzer, aber doch mit Entschlossenheit aufnimmt.

Es soll im Namen des Königs und Kaisers regiert werden, aber nicht von ihm. Es soll im Auftrage des Kaisers regiert werden, aber vom Vertrauensmann der Parlamentsmehrheit. Das bedeutet für den Kaiser eine große Entsagung, und wir werden uns nicht wundern, wenn er sich wehrt. Noch hat er starke Kräfte in seiner Hand, es fragt sich nur, ob seine Hand noch ruhig und fest genug ist. Er kann den Prozeß der Entpersönlichung hinausschieben bis zur nächsten Generation, wenn er der Mann des Erfolges ist. Aber die ersten Jahrzehnte seines Regiments sprechen trotz alles ihres persönlichen Glanzes und Schimmers nicht dafür, daß er das können wird. Einst sprach er: ich führe euch glücklichen Tagen entgegen! Wenn dieses sein Ich noch heute wie eine helle Trompete klingen würde, was könnte gegen ihn getan werden? Aber die Trompete klingt matt. Das Drama fängt an zur Tragödie zu werden, so wenigstens scheint es.

Einst schrieb er ins goldene Buch der Stadt München, des Königs Wille sei das oberste Gesetz. Ja, dann aber muß der Wille des Königs von Eisen sein und seine Nerven von Platindraht, seine Augen hell wie Kristalle und seine Gedanken fest wie ein Rädergetriebe von bestem Stahl. Ein solcher Wille findet auch in der heutigen Welt sein Gebiet, aber ein hin- und herzucken von Willensansätzen, ein versuchen und verlassen, ein Kommen und Gehen, das ist nicht das oberste Gesetz, bei uns nicht und nirgends in der Welt. Noch heute kann es Cäsaren geben, aber es gehört dazu eben Cäsar.

 

Für die Anrechnung vergangener Verdienste hat die neuere Zeit sehr wenig Sinn. Wir alle haben mehr oder weniger folgende Empfindung: der Mann, der den Oberbefehl von einer Armee führen soll, wie sie niemals früher vorhanden war, muß entweder der erste Feldherr sein, den es gibt, oder er muß sich restlos und rückhaltlos zurückziehen, um dem ersten Feldherrn Platz zu machen, weil es ein geradezu unerhörter Gedanke ist, daß die ungeheuren Militäranstrengungen eines modernen Volkes deshalb mit einer Niederlage endigen, weil durch Erbschaft die Führung in unsichere oder gar unfähige Hände gekommen ist. Unser Zeitalter ist grundsätzlich geneigt, die absolute Einheit des Oberbefehls zuzugestehen, weil unsere technischen Lebenserfahrungen uns in diesem Sinne monarchistisch beeinflussen, aber es hat ein höchst gesteigertes Gefühl dafür, was alles von der Auswahl der richtigen Oberpersonen abhängt. Wir sind nicht Monarchisten aus Theorie, sondern aus Praxis, aber deshalb messen wir auch den Monarchen mit den strengsten praktischen Maßstäben etwa so, wie wir den Chef eines Elektrizitätswerkes oder den Oberbürgermeister einer Großstadt beurteilen. Wir verlangen nichts Unmenschliches von ihm, keine vierdimensionalen Kräfte, aber wir verlangen, daß er entweder selbst eine Nummer eins ist, oder es versteht, sich durch eine solche vertreten zu lassen. Ein Monarch, der nicht auf diesen Ton gestimmt ist, erscheint uns sofort als Serenissimus und bedeutet gar nichts.

Auch in anderer Hinsicht ist ein sehr merkbarer Unterschied zwischen der alten und der neuen Auffassung. Der Monarch des alten Systems tritt in den Saal und alles verbeugt sich, er kommandiert und alle schweigen. Der alte Monarch ist von lauter Demut umgeben, und wenn man auch wüßte, daß er ein Mensch ist, so gibt man sich doch Mühe, diesen einfachen Tatbestand zu vergessen. Die modernen Monarchen des Gewerbes und des Handels aber sind völlig andere Naturen. Fast alle sind im Privatverkehr biegsam, gelenkig, höflich, stets daraus bedacht, ihren großen Einfluß nicht gesellschaftlich hervorzukehren. Fast jedesmal, wenn man einen erfolgreichen modernen Menschen kennen lernt, ist man erstaunt, wie sehr er zu diesem eigentlich neuzeitlichen Herrschertypus gehört. Es gibt stahlharte Willensmenschen mit seinen milden Händen. Ihnen liegt nichts an Titeln, Orden, Uniformen, an Pomp und Majestät fürs Auge der Frauen und Kinder. Wo sie können, sind sie Privatleute. Diese modernen Herzöge erziehen uns alle zur Kritik des alten Majestätswesens. O, welch ein altfränkisches Brimborium! Man denke an die Zusammenkunft von Cecil Rhodes mit Wilhelm II.!

Die alte Majestät tut so, als ob sie von selbst alles wisse und könne. Jede Regierungshandlung ist ein erhabener Gedanke seiner Majestät. Die neue Art des Herrschens tut so, als ob sie sich überall Rat holen müsse, weiß aber meist von vornherein, was sie will. Jenes Verfahren ist autoritär, dieses ist kollegialisch. Alle moderne Macht geht in den Formen der gemeinsamen Beschlüsse einher. Man denke an den Syndikatsleiter, an den ersten Bankdirektor, an den Gewerkschaftsführer! Keiner von ihnen stellt sich hin: der Staat bin ich! Und die größten der Militärmonarchen waren auch in der Form kollegialisch, vor allen anderen Napoleon I. Vor ihnen durfte alles gesagt werden: weil sie alles wissen wollten. Nichts ist gefährlicher für die erste Stelle, als wenn sie zur Feierlichkeit verdammt ist. Dazu neigt das alte System. Das Volk von heute aber versteht keine Feierlichkeit in der Arbeit, weil es von der Arbeit sehr viel versteht, und es wird sehr nachdenklich, wenn es den Mann, der die gewagtesten Arbeiten zu leiten hat, in Positionen sieht, als ob ein König aus dem Morgenlande gespielt werden sollte.

Arbeit ist die Philosophie der Neuzeit, vielleicht arbeiten wir zu viel und träumen zu wenig, aber sicher ist, daß unsere Ehrfurcht den großen gestaltenden Arbeitern gilt, den Menschen, die sich selbst in Zucht haben, um Meister der Dinge werden zu können. Auch diejenigen, die selber nicht an Überarbeitung leiden, wollen ihr Werturteil über menschliche Größe und Majestät von nichts anderem abhängig machen als von dem Eindrucke der Arbeit, des Könnens, der hohen Leistung. Darüber dachten frühere Zeiten anders. Sie wollten fromme Fürsten oder kunstsinnige Fürsten. Wir wollen uns unsere Frömmigkeit und Kunst gern allein besorgen, wenn wir nur sicher sind, daß der Fürst etwas von der Staatsmaschine versteht, so viel wie der Kapitän des Ozeandampfers von seinem Schiff oder der Chauffeur von seinem Automobil. Unser Monarch hat für uns nur einen Zweck, wenn er Kapitän oder Chauffeur ist auf der gefährlichsten Fahrt, die es gibt, auf der Fahrt ins Meer der Weltgeschichte. Wir wollen ihn nicht mit unnützen Fragen stören, wenn wir seinem eisernen Gesicht ansehen, daß er nichts, gar nichts im Kopfe hat, als sein gewaltiges und gefährliches Instrument, das aber wollen wir ihm ansehen können; denn von seinen Nerven oder denen seiner Stellvertreter hängt die Zukunft der Millionen von Menschen ab, die unsere Waffen tragen, die auf unseren Panzerschiffen schwimmen, die für unsere Nation Steuern zahlen und die in harter Tagesarbeit den Nationalreichtum stückweise gewinnen. Hinweg mit aller falschen Romantik! Sie verschleiert nur die eine Tatsache, die viel größer ist als Gold und Purpur, die Tatsache, daß ein Mensch von Fleisch und Blut uns führen muß, wenn wir um Tod und Leben kämpfen. Wer ist dieser Mann und was kann er?

 

Kein König lebt davon, daß er sich selber für nötig hält, sondern er muß von den anderen Leuten für nötig gehalten werden. Das aber wird immer auch von gewissen Nützlichkeitserwägungen abhängen. Die bloße Tradition allein ist kein fester Unterbau, und auch sie ist ja oft nur ein Nachklang früherer Nützlichkeitserwägungen. Mag in Zeitaltern mit viel Religion und Mystik die monarchische Tradition in hohem Grade von feierlichen und unergründlichen Seelenstimmungen umwoben gewesen sein, so ist wenigstens heute der Charakter der meisten Menschen nicht mehr so romantisch, daß sie ohne praktische Überlegung reine Herzensmonarchisten sind.

 

Eine rein monarchische Politik wird im allgemeinen nur in einem Volke dauerhaft und stark sein können, in dem auch sonst das monarchische Prinzip eine bedeutende Rolle spielt, und ebenso wird eine rein republikanische Politik nur dort allen Anfeindungen gegenüber sich erhalten können, wo ein Volk sich in seinen privaten Angelegenheiten republikanisiert hat und diesen Zustand treu bewahrt. Es ist ganz unmöglich, auf ein patriarchalisches Volk eine rein demokratische Verfassung aufzusetzen und umgekehrt. Deshalb hat es gar keinen Wert, eine ganz allgemeine Theorie zu entwickeln und über die Verteilung der Kräfte im Staat aus freier Lust zu philosophieren. Theoretisch kann man ja sehr leicht Republikaner sein.

 

Vom Absolutismus zum englischen System! Das ist das Ziel der deutschen Entwicklung. Dahin weisen die allgemeinen Zeiterscheinungen in allen Ländern, denn überall fast finden wir wie in England ein gleichzeitiges Aufsteigen sowohl imperialistischer wie demokratischer Kräfte. Zwischen diesen beiden beginnt das alte Ringen von neuem, und erst aus diesem Ringen heraus wird sich die Zukunftsform der Herrschaft über den Staat ergeben. Wir können nicht mehr monarchisch im alten Sinne sein, können aber auch die Monarchie nicht abschütteln wie ein altes Gewand. Sie ist da, ist eine Wirklichkeit und wird uns allen noch sehr viel zu schaffen machen.

 

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