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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
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Die erste Tatsache der neueren Menschheitsgeschichte ist die Vollendung der Entdeckung der Erdoberfläche. Als wir Kinder waren, war Afrika noch in der Hauptsache ein unbekanntes Land und Mittelasien ein weißer Fleck auf der Karte. Noch etwas früher war auch das nord- und südamerikanische Hinterland noch unbeschriebene Weide für Büffel und Lamas. Das bedeutete zwar nicht, daß überhaupt niemand diese Landgebiete kannte. Abgesehen von den Schneeregionen an den beiden Polen und von den vereisten Hochgebirgswildnissen sind alle Teile der Erde längst den Menschen bekannt, nur hatten diese Menschen früher keine Verbindung untereinander. Auch Afrika war vor Livingstone, Stanley und Emin Pascha schon bekannt, nur kannten wir diejenigen nicht, die es kannten. Der Vorgang der Erdentdeckung ist also in erster Linie eine Aufnahme des Teilbewußtseins einzelner Menschheitsgebiete in das sich bildende Zentralbewußtsein der kapitalistischen Periode. Daran schließt sich dann sofort die Darstellung und Vertiefung der neu aufgenommenen Kenntnisse in der Methode der sieghaften Zivilisation: es entsteht Landesbeschreibung und Landkarte, das will sagen: eine Anweisung zur Erreichung jedes gewünschten Platzes auf der Erdkugel. Mit ganz geringen Ausnahmen darf der Boden, auf dem Menschen wohnen, als bekannt bezeichnet werden. Es sind auf der Erdoberfläche keine großen neuen Überraschungen mehr zu erwarten. Die Romantik des Menschheitshintergrundes ist zu Ende, die Menschheit ist eine übersehbare und fast schon kontrollierbare Größe geworden. Das ist der erste gewaltige Unterschied von allen früheren Zeiten. Wir reden von der Menschheit als von einer benannten Größe. Das X = Menschheit ist beinahe in Ziffern ausdrückbar. Die meisten Gebiete haben Ziffern, die auf Zählungen beruhen. Natürlich sind auch diese Zählungen noch von verschiedenem Werte und entstammen verschiedenen Jahren. Wir sind noch nicht bis zur gleichzeitigen Menschheitszählung vorgedrungen. Aber es ist doch schon etwas Ungeheures, wenn von Indiens 315 Millionen Menschen Zahlen vorliegen, die den Anspruch erheben, auf Grund von Einzelforschung entstanden zu sein.

 

Professor Hickmann rechnet in seinem internationalen Atlas vom Jahre 1911 in runder Ziffer 1600 Millionen Menschen. Das sind unsere Zeitgenossen, unsere Mitmenschen.

Wir nähern uns einer Menschheitsübersicht. Was ist damit gewonnen? Zunächst etwas Theoretisches: man übersieht die Summe der menschlichen Aufgaben. Es kann keinen unerwarteten Zuwachs mehr geben. Bei jedem Volke wird Abgang und Zugang registriert und Phantasie ist nicht mehr zugelassen. Man kennt die Größe der Menschheit und damit zugleich die etwaige Möglichkeit, einige Einrichtungen für sie alle gemeinsam zu machen. Man kann in Gedanken eine Art Haushaltplan der Menschheit sich vorstellen, und es hat diese Vorstellung auf manchen Gebieten schon gewisse Grundlagen.

Für die einzelnen Nationen bedeutet die Menschheitsübersicht, daß sie ihren Bestand in Prozenten der Gesamtmenge ausdrücken können. Rechnet man die Deutschen innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen zu 80 Millionen, so sind wir genau 5 % der Menschheit; die Engländer sind mit Einrechnung der englischsprechenden Nordamerikaner 7,5 %; Skandinavier, Holländer und Vlamen etwa 1,3 %; also Germanen zusammen 13,8 %. Solange also in der Weltgeschichte Ziffern allein entscheiden, wird das Germanentum von anderen Rassen weit überwältigt. Die Slaven sind freilich nur 8,7 %, die Romanen 10 %, aber Hindus und verwandte Stämme stehen mit fast 15 % und die Mongolen mit über 27 % zu Buche. Diese Hauptgruppen streiten um den Vorrang und um die Beherrschung der Nebengruppen. Ihr Streit vollzieht sich teils auf dem Gebiete des Bevölkerungswachstums und teils auf dem der militärisch-technischen Beeinflussung. Unsere westeuropäischen Völker müssen gewaltig gesund bleiben, wenn sie bei diesen Ziffernverhältnissen die Menschheitsführung in die Hand nehmen wollen.

Während nämlich früher die Mitwirkung des Einzelvolkes an der Menschheit nur in seinen geistigen Errungenschaften gesucht wurde, so tritt jetzt als etwas Neues in das Bewußtsein der führenden Völker, daß es sich um Verwaltungsaufgaben von unerhörtem Umfang handelt. Am meisten und frühesten haben das die Engländer begriffen, aber wir lernen sozusagen stündlich von ihnen. Was wir Weltpolitik nennen, ist das Aufdämmern der Menschheitsorganisation. Alle Menschheitsteile sollen einer kapitalistischen Einheitskultur erschlossen werden, bei der sich die stärksten kapitalistischen Nationen um ihren Anteil streiten. Das, was die Abendlandsvölker kolonisatorisch tun, ist gar nicht sehr verschieden, denn Engländer, Franzosen, Deutsche, Russen bringen überall dieselben modernen Normaleinrichtungen mit: Die Eisenbahn, den Telegraphen, die Post, die Goldwährung, die Eigentumssicherung, das Lesen, Rechnen, die Eisentechnik, den Baumwollverbrauch, Tabak und Spiritus. Sie streiten sich nur um die Kontingente vom Herrschaftsgewinn. Darum können Kolonien als vertauschbare Güter angesehen werden, weil es im Grunde schon heute nur eine Methode ihrer Bearbeitung gibt, die zwar von jeder Nation etwas anders gehandhabt, aber doch von ihnen allen gemeinsam weitergebildet wird. Die Menschheit wird einheitlich gemacht, das heißt: sie fängt an, die gleiche Lebenstechnik zu bekommen. Das tritt viel früher ein als die gleiche Lebensgesinnung. Man hat überall dieselben Schreibmaschinen, Gaskocher, Uhrketten, Tintenfässer, Teetassen, Panamahüte und Strohmatten.

 

Die größte und auffälligste Leistung der letzten zwanzig Jahre ist der Ausbau des Eisenbahnnetzes in den außereuropäischen Ländern.

 

Zur Eisenbahn gehören Post und Telegraph. Das Menschheitssystem erfordert die beständige Verkehrsmöglichkeit von jedem zu jedem. Noch ist sie längst nicht hergestellt, aber sie kommt. Die Austauschleichtigkeit der Vereinigten Staaten von Nordamerika findet ihre Fortsetzung in Westeuropa, erfaßt den europäischen Süden und Osten und bespült alle Küsten und fast schon alle Völker. Überall, überall wird telephoniert, telegraphiert, geschrieben.

* * *

Der innere Sinn des Menschheitsverkehrs ist die Vertauschbarkeit aller Werte. Wie man Worte übersetzt, so bringt man Gewichte auf den gleichen Nenner und findet Einheitsmaße für die Qualitäten aller großen Handelsartikel. Es entstehen auf diese Weise zwingende Begriffe für alle Herstellenden. Sie müssen Normalware liefern, das will sagen: vertauschbare Ware. Wer das nicht tut, an dem geht der große Verkehr vorüber, denn der große Verkehr hat keine Zeit für Winkelkram. Er macht die Menschen »großzügig« in dem Sinne, daß sie Mustervorstellungen bekommen, wie etwas eingerichtet sein muß, um in Bombay, Valparaiso und Kopenhagen verwendet werden zu können. Wir freuen uns, wenn deutsche Architekten das Parlamentshaus von Japan oder den Königspalast in Siam bauen. Was aber bedeutet das anders als die Vertauschbarkeit solcher Gebäude? Man sucht einen Menschheitstypus. Wir Deutschen hoffen, dabei viel Eigenes geben zu können, aber indem wir das hoffen, beabsichtigen wir, anderen ihre eigenen Formen abzugewöhnen, denn wir können erst dann erfolgreich für diese anderen arbeiten, wenn sie so weit internationalisiert sind, um unsere Arbeit vertragen zu können.

Der Menschheitsverkehr schleift Unterschiede ab, und zwar wird weicheres Gestein schneller zerrieben als harte Masse. Die Geröllkulturen der Ureinwohner Amerikas sind fast restlos zerstört. Wer merkt noch etwas von ihnen? Und wird es nicht mit allen afrikanischen Negerkulturen ebenso gehen? Wir erleben Massenbekehrungen wie in den Tagen Karls des Großen, genau so roh wie damals, keine Einzelerneuerungen, sondern eine Zwangseingliederung in eine Gesellschaft, von der die Vorfahren nichts wußten. Die Menschheitsidee kommt zunächst als Zerstörerin, als Zerbrecherin alter Sitten, Religionen, Künste, Sprachen. Sie kommt mit einer Rücksichtslosigkeit ohnegleichen: seid verschlungen, Millionen!

Was sich neben der abendländischen Normalzivilisation einigermaßen halten kann, sind nur die alten gefestigten Bestände von China, Indien und der mohammedanischen Kulturgemeinschaft. Über die Nachhaltigkeit ihrer Eigenart kann man bis heute kaum auch nur Vermutungen äußern, und selbst vielerfahrene Weltreisende wissen darüber im Grunde kaum mehr als wir anderen. Am ehesten lassen sich von Japan aus Rückschlüsse ziehen, aber auch dort scheint der Prozeß noch längst nicht so weit vorgeschritten, um beurteilen zu können, wieviel dauernde und innerliche Veränderung durch das Verkehrs- und Austauschsystem der Menschheit hervorgerufen wird. Erst wenn neue Generationen von vornherein unter den Eindrücken der Maschine und Zeitung stehen, wird sich beurteilen lassen, welche Kraft eigener Neugestaltung übrig bleibt.

 

Heute entstehen keine neuen Sprachen mehr, aber alte verschwinden. Die starken Sprachen und die starken Völker werden stärker und überwältigen und verschlingen die übrigen. Vieles, was wir als Nationalitätenkampf bezeichnen, ist nur ein letztes Ringen alten Gemeinschaftslebens gegen den Tod. Und in diesem Ringen entschleiern sich zuckend und vor Kälte weinend neue Erkenntnisse. Die Menschheit fühlt ihr Gehirn zuerst als Schmerz ihrer alten Gedankenzentren. Es will nichts mehr recht passen. Das alte Bewußtsein wird ein Teilbewußtsein, ein Partikularismus. Unsere Konfessionen werden – Dogmatik und Ritualismus, unsere Einzelstaaten werden – Bundesstaaten einer noch unerschienenen Einheit, unsere Sprachen werden – Dialekte eines vielsprachlichen Menschheitsdenkens, und neue Entdeckungen werden herausgehoben aus dem Chaos, dünn, blaß, erst nach dem Sauerstoff des Lebens dürstend: der Einheitspreis, das Einheitsporto, die Einheitsmethode, die eine Sitte, der eine Wille, der große Friede ... o wie seid ihr so schwach, so zerbrechlich, ihr Anfänge der neuen Gestaltung! Alles Alte hat Blut getrunken und ist damit fest geworden – auch ihr werdet erst noch Blut trinken müssen, Blut derer, die für euch und die gegen euch kämpfen!

– – Das alles ist Phantasie! Zugegeben! Alles, was im Geistesleben erst kommt, ist Phantasie. Alles, was gekommen ist, war früher einmal Phantasie. Phantasie ist der Übergang vom Chaos zur Bewußtheit, von Verworrenheit zur Regelung. Noch liegt die Menschheitsseele wie Morgennebel um die Völker der Menschen herum. Ob wir sie hoffen sollen? Ob nicht? Ob sie uns erhöht oder verkleinert? Sie wird beides machen, wie jeder bisherige Fortschritt in der allgemeinen Geistes- und Lebensgeschichte der Menschen ein Zerbrechen und Aufrichten zugleich war. Zerbrochen aber werden am meisten die, deren Sinn am wenigsten der Zukunft entgegenging, denn diese hatten immer die größten Opfer zu bringen.

 

Fast hält es keine Insel mehr ohne Kabel aus; denn mehrere Tage auf die Menschheitsnachrichten warten zu müssen, ist allzu peinlich. Wer weiß, was inzwischen passiert sein kann? Selbst der Schiffahrer will durch Telegraphie ohne Draht immer etwas aus aller Welt hören.

Wir brauchten soeben absichtlich den Ausdruck: Menschheitsnachrichten. Das nämlich ist die Folge des internationalen Nachrichtensystems, daß eine Gleichzeitigkeit des Erlebens eintritt, die für alle früheren Geschlechter unglaubhaft sein mußte. Man erinnere sich an den schauerlichen Untergang des Schiffes »Titanic«! Das ist ein richtiges Musterbeispiel für die Gemeinschaft des Interesses. Ehe die Geretteten an Land waren, kannten alle fünf Erdteile überall dort, wohin das Verkehrssystem reicht, den Vorgang. Binnen höchstens zwei Tagen erfuhren alle lesenden Menschen in allen Sprachen, daß das größte Fahrzeug der Zivilisation elend versinken mußte. Überall wird dasselbe gesprochen.

Sicherlich ist der Umstand, daß ein Schiffsunglück an allen Telegraphenstationen der Menschheit gleichzeitig bekannt wird, mehr technisch interessant als kulturell bedeutsam. Wichtiger schon ist es, daß heute jeder Kanonenschuß, der irgendwo abgefeuert wird, sofort von allen Nationen gehört wird. Das Wichtigste aber daran ist, daß der Weg zum Einheitsdenken grundsätzlich gefunden wurde. Die Menschheit hat die Möglichkeit, gemeinsam etwas durchzuarbeiten. Welchen Gebrauch sie davon machen wird, ist Zukunftsangelegenheit; heute stehen wir erst in der Zeitspanne der Aufrichtung des Verkehrs an sich. Und in der Tat, das jetzige Geschlecht verändert unglaublich viel am seelischen Wesen der Menschen!

* * *

Die Weltgeschichte steht an der Töpferbank und fertigt allerlei kleines Gemächte von merkwürdigem Allerweltsstil: Weltpost, Weltkredit, Schiedsgericht, Auslieferungsvertrag, Weltpreis, Weltmarkt. Alle diese einzelnen Stücke legt sie neben sich auf den Tisch, als seien es Dinge für sich. Der Körper, an den die Einzelstücke angesetzt werden sollen, fehlt noch. Er existiert nur im Gehirn der Weltgeschichte; wer aber einige Erfahrung darin hat, wie die Geschichte sonst zu arbeiten pflegt, der weiß sicher, daß sie nicht Organe schafft, die ewig körperlos bleiben sollen. Nicht das ist sicher, daß ihr der neue Körper gelingt, aber daß sie ihn will.

 

Es ist falsch, die Menschheitsidee so vorzubringen, als ob alle übrigen Menschengemeinschaften durch sie entwertet seien. Nein, die Frage ist nur, ob sich oberhalb der Nationen und Staaten noch eine Obergemeinschaft bildet und welchen Charakter sie hat.

Das ist der Unterschied zwischen der Zeit Herders und unseren Tagen, daß damals die Frage hieß, welchen Charakter die Menschheitsgemeinschaft haben soll, und daß von uns gefragt wird, welche Anzeichen eines werdenden Charakters bereits sichtbar geworden sind. An dieser veränderten Fragestellung kann man am besten ermessen, welchen gewaltigen Fortschritt für die Menschheitsidee das verflossene Jahrhundert bedeutet. Sie hat begonnen sich zu verwirklichen; sie hat begonnen! Das ist viel oder das ist wenig, je nachdem man es nimmt.

Übrigens haben die begeistertsten und lautesten Vertreter der internationalen Menschheitsidee bei weitem nicht das meiste zu ihrer bisherigen Verwirklichung beigetragen. Weder die Propheten noch die Agitatoren schaffen den Menschheitsverband, sondern er entsteht ohne sie und wird vielfach gerade von denen am meisten befördert, die sich theoretisch am lebhaftesten dagegen wehren. Das gehört eben zur alten unübertrefflichen Ironie der göttlichen Vorsehung, daß die Menschen ihre Werke schaffen ohne zu wissen, was sie im letzten Grunde tun. Ebenso wie die sozialistische Regelung der Produktion in der Hauptsache von antisozialistischen Kreisen herbeigeführt wird, so wird Internationalismus unter nationaler Flagge gefördert. Dabei geht alles ganz natürlich zu: um groß zu werden, geht eine Nation ins Ausland, treibt Weltpolitik, internationalisiert sich. Nicht die paar Kongresse machen den Menschheitsverband; sie sind nur Meßapparate für den vorhandenen Gehalt an Internationalismus. Gemacht wird der Verband von Kaufleuten, Bankdirektoren, Eisenbahngründern, Regierungsgouverneuren, Bergtechnikern und ähnlichen Leuten, das heißt von den Geschäftsführern des Kapitalismus. Sie überwinden alle Grenzen, durchbohren alle Berge, durchfahren alle Fluten, erzwingen sich überall Zutritt, nicht weil Rousseau, Herder und Marx es so gewollt haben, sondern weil für sie dort Gold, Getreide, Eisenerz, Kohle, Wolle, Tabak oder sonst etwas Greifbares zu holen ist. Erst neben ihnen schreiten als Begleiter die Geographen, Missionare, Sprachlehrer, Telegraphisten, Postbeamten, Gastwirte, Kellner, Musikanten und Touristen. Hinter dem allen aber lagern Fabriken, Walzwerke, Unternehmer und Arbeiter, ein wachsendes industrielles Volk, das mit bloßer Heimatpolitik nicht mehr auskommt. Minderzahl und Maschine sind die schiebenden Mächte für das Kommen der Menschheit. Nicht China verwirklicht die Menschheitsidee, nicht Indien, aber im kapitalistischen Westeuropa erhob sich der neue Zustand und ging von dort in alle Welt.

* * *

Die stärksten Anregungen für internationale Verbindungen sind immer dort vorhanden, wo der finanzielle Gewinn durch Internationalisierung gesteigert wird. Nehmen wir als großes Hauptbeispiel das Getreide. Seit 1901 besteht mit dem Sitz in Berlin die internationale Union für die Festsetzung der Getreidepreise. Die Aufgabe der Union ist die »Übermittelung statistischer, legaler, administrativer und kommerzieller Nachrichten, die geeignet sind, den Getreidepreis zu beeinflussen«. Natürlich kann eine derartige Stelle keine Preise vorschreiben, denn wie sollte sie den einzelnen Verkäufer zwingen, wieviel er zu fordern hat? Aber indem sie Nachrichten aus aller Welt zusammenträgt, schafft sie tatsächlich mit am Weltgetreidepreis.

 

Der Kaufmann arbeitet an einer Menschheitsorganisation, die in ihrer Art ganz neu ist, an dem freiwilligen Menschheitsparlament der Preisnormierung. Diese Organisation unterscheidet sich von allen staatlichen Organisationen durch ihre Ungezwungenheit; aber diese Ungezwungenheit ist doch nur organisatorisch zu verstehen, sachlich gibt es keinen stärkeren Zwang als den des allgemeinen Preises. Der einzelne darf seine eigenen Wege gehen wollen, aber er vermehrt dabei sein Risiko. Wer die Macht des Preises nicht anerkennt, wird von ihr erdrückt. Bei aller ihrer Macht aber ist die Preisbildung etwas beständig Werdendes. Stets gibt es, wie im kleinen Einzelhandel so auch im Welthandel, eine preiserhöhende und eine preiserniedrigende Strömung. Aus dem Zusammenstoßen dieser zwei Strömungen entstehen fast alle großen Streite des Wirtschaftslebens.

 

Wie entsteht der Preis? Alle Welt sagt, daß er durch Angebot und Nachfrage entsteht, und diese Wahrheit ist so offenbar, daß man ein Narr sein müßte, sie leugnen zu wollen, nur hat man mit der bloßen Verbeugung vor dieser volkswirtschaftlichen Katechismuswahrheit die Sache selbst noch wenig gefördert. Man muß nämlich von vornherein wissen, daß es nicht einen Preis gibt, sondern in jeder Ware ein ganzes System von in sich zusammenhängenden Preisabstufungen. Dieses System ist es, das nach Angebot und Nachfrage schwankt, und zwar vergleichbar einem locker zusammengebundenen Floß, welches von kleinen Wellen stückweise, von großen Wellen aber im ganzen gehoben oder gesenkt wird. Beispielsweise sind die Roggenpreise von München, Mannheim, Hamburg, Danzig und Berlin selbständige Preise, aber doch untereinander so verbunden, daß die Linien ihrer Bewegungen eine gewisse Verwandtschaft behalten müssen. Danzig wird infolge seiner Lage stets niedriger sein als die anderen Orte, München wird fast stets höher sein, weil es schwierige Frachtverhältnisse hat, Berlin ist nicht niedriger als Mannheim usw. Diese Gegenseitigkeitsverhältnisse können durch lokale Vorgänge jeden Tag sich ändern. Herr X. in Danzig faßt den Markt anders auf als Herr N. in Mannheim. Das ändert je nach dem wirtschaftlichen Gewicht dieser Herren den Abstand der Preise beider Orte. Jeder dieser Orte ist nun aber selbst erst wieder als Zentralstelle eines sehr verzweigten Preisbildungsverfahrens anzusehen, indem die Roggenproduzenten einerseits, die Mühlen und kleinstädtischen Getreidehändler andererseits ein Wort durch Kauf und Verkauf sprechen. Was aber alle diese Preise in einem gewissen gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis hält, ist das kleine Wort: ich kann auch in Berlin kaufen! Nun ist jedoch dieses deutsche Roggenpreissystem immer nur erst ein Teil dessen, was man mit dem Worte »der Roggenpreis« bezeichnet. Die andere Seite des Roggenpreises liegt in Rußland und teilweise auch in Österreich-Ungarn; ja irgendwie sind fast alle Länder selbst am Roggen beteiligt. Der Roggenpreis der kleinen Landorte im Innern Rußlands zittert mit, wenn die Berliner Roggenbörse sich bewegt, Berlin aber bewegt sich, weil es die Ernteschätzungen eben dieser russischen Nester bekam. Man kann den einen Preis in seiner hundertfachen Verästelung einer Idee vergleichen, die in hundert Köpfen auf eigene Weise aufgenommen worden ist. Er wirkt vom letzten verkaufenden Produzenten bis zum letzten kaufenden Konsumenten, beide meist dann erreichend, wenn die Zentralstellen schon wieder in neuer Welle schwimmen. Diese nämlich weben den Preis der Zukunft, indem sie die vorhandenen Vorräte, die Erntehoffnungen und die Konsumkraft der Roggenesser kombinieren.

 

Was aber folgt für den einzelnen Roggenhändler aus diesem Vorgang? Daß er nur einen sehr geringen Spielraum hat, sich selber Preise zu machen! Er ist Beamter eines Vorganges, der viel größer ist, als er auch nur übersehen kann. Der Roggenhandel als Ganzes hat sich seine internationale Regierung gegeben. Und ebenso liegt es bei allen Weltmarktwaren, also insbesondere bei allen Getreidearten, Zucker, Kaffee, Petroleum, Baumwolle, Wolle, Kammgarn, Eisen, Kupfer, Kohle, Edelsteinen, viele andere Waren aber sind auf dem Wege, welthandelsreif zu werden. Der Entwicklungsgang ist dieser: zuerst wird das einzelne Stück verhandelt, dann wird nach Muster bestellt, dann wird das Muster zur festen Qualitätsklasse erhoben, dann wird die Klassifizierung vom Zentrum des betreffenden Handels aus anerkannt und aufrechterhalten. Natürlich ist das im allgemeinen bei Rohprodukten leichter als bei Halbfabrikaten, bei diesen wieder leichter als bei fertigen Gebrauchsgegenständen. Man denke an Getreide, Mehl und Brot, an Wolle, Garn und Strumpf, an Eisenerz, Stabeisen und Eisenwerkzeug. Dieser Unterschied ist für den ganzen Aufbau des kapitalistischen Systems sehr wesentlich. Er ist einer der Gründe für das gesellschaftliche und politische Überwiegen teils der Rohstoffproduzenten, teils der Rohstoffhändler. Sie haben das Geschäft mit den einfachsten und größten Linien, wo mit wenigen Strichen über gewaltige Quantitäten und Umsätze entschieden wird; gleichzeitig pflegt ihre Preisbildung für die von ihnen abhängigen Verarbeitungsgebiete maßgebend zu werden. Das nämlich, was wir vorhin vom Roggen zu beschreiben versucht haben, ist nichts als eine Teilerscheinung der Entstehung des Weltpreises an sich. Unter Weltpreis verstehen wir ein Staffelsystem unzähliger voneinander abhängiger Preisgebiete, die in sich wieder in zahllosen Gliederungen organisiert sind. Der Weltpreis ist nicht der Preis irgendeiner Ware, weder der des Eisens, noch der des Weizens, selbst nicht der des Goldes; man kann auch von ihm nie sagen: hier wird er notiert und da wird er telegraphiert, er entzieht sich jeder Einzelbeobachtung; und doch ist er vorhanden und man merkt seinen Atem in allen Einzelprovinzen der Preisbildung. Es ist dieser Weltpreis das »Ding an sich« zu allen Börsenpreisen, diese aber wieder sind wie Gattungsbezeichnungen gegenüber allen wirklichen Kassapreisen.

* * *

Wenn die Engländer von Weltpolitik oder Menschheitsorganisation reden, so versteht es sich bei ihnen ganz von selber, daß sie dabei die Führung haben: sie sind das zur Menschheitsherrschaft auserwählte Volk. Ob dieser ungeheure Anspruch von ihnen wird aufrecht erhalten werden können, muß abgewartet werden, jedenfalls wird er jetzt erhoben. England verwaltet die Seeherrschaft und damit die Menschheitsidee und nimmt es übel, wenn andere Nationen diesen geschichtlichen Vorrang nicht ohne weiteres anerkennen. Sie dürfen innerhalb der Englandswelt gern ihre Kräfte üben; die Engländer sind nicht kleinlich! Nur Subjekt der Menschheitsgeschichte ist das Auswärtige Amt in London! Dieser Anspruch ist es, wogegen wir uns wehren, und zwar können wir der englischen Selbstsicherheit nicht eine ebenso große deutsche Sicherheit gegenüberstellen: wir sind das endgültige Menschheitsvolk! Dazu reichen Kräfte und Vorgeschichte nicht aus, und wir sind uns selbst gegenüber kritischer erzogen als die Engländer. So kommt es, daß deutsche Nationalidee und Menschheitsidee nicht ebenso glatt ineinander überfließen wie bei den Engländern.

Andererseits können wir aber auch nicht eine Nationalidee im Sinne der Kleinvölker pflegen, so wie es etwa Dänen oder Magyaren tun. Diese wissen von vornherein, daß sie die Menschheitsgeschichte doch nicht machen, und darum beschränken sie sich lediglich auf eigene Interessenvertretung innerhalb einer von anderer Seite geleiteten Geschichte. Sie gehen mit dem Größten, oder sie gehen mit der Opposition, oder sie erklären sich, wie es in Budapest wohl vorkommen kann, eines Tages für die Blüte der Menschheit, aber nie haben sie Menschheitsverantwortung in sich, von ihnen ist das auch gar nicht zu verlangen, von uns aber muß es verlangt werden. Wir sind nicht stark genug für englische Harmonie von Menschheits- und Nationalgedanken, wir sind zu stark für kleinvölkische Unverantwortlichkeit, so müssen wir auch diesen Übergang der Weltgeschichte stärker empfinden und in uns verarbeiten als irgendein anderes Volk.

 

Es wird von Weltpolitik geredet. Schon das Wort »Welt«-politik ist nicht ohne Illusion. Damit aber ist die Sache selbst in keiner Weise verurteilt. Es ist nötig, zu sehen, welche positiven Kräfte hinter diesem Worte stehen. Man sieht unseren Handel, unsere Fabrikation, begleitet im Geist unsere Waren über die Erdkugel, sieht deutsche Ansiedlungen in allen Zonen, fühlt den Pulsschlag, der durch Hamburg geht, fängt an, Kiel und Wilhelmshaven als Ergänzungsbestandteile von Hamburg und Bremen zu erfassen, vergleicht den Expansionstrieb anderer Völker und gewinnt dem vorher kritisch verdächtigten Worte großen Inhalt ab. Das Wort ist eine flatternde Fahne, ein Symbol, ein Willensbekenntnis, ein Gelöbnis von Unermüdlichkeit und Opferbereitschaft. Es mag Übertreibungen in sich bergen, ja es muß sie in sich enthalten, denn es ist Pflicht, neue Gedanken größer zu denken, als die Geschichte sie später herausarbeiten wird.

Dort steht der Künstler vor dem Rohstoff. Er weiß, daß zwischen ihm und seinem Stoff viel verloren geht. Weil er das weiß, muß er seine Idee so scharf, hell, farbig im Gehirn konzentrieren, wie nur immer möglich. Er darf nicht bloß das denken, was dann wirklich fertig wird, er muß mehr tun. Tut er es nicht, so leistet er weniger. In diesem Sinne gönnen wir der Weltpolitik ihren Schimmer. Es muß Musik dabei sein, wenn in den Kampf marschiert wird, helle todesfrohe, lebenslustige Musik!

 

Wir hören öfter aus wohlgesinntem nationalen Munde die Weltlage Deutschlands so darstellen, als seien wir allein die friedlichen Lämmer, alle anderen Nationen aber seien reißende Wölfe mit fletschenden Zähnen und blutgierigen Augen. Eine solche Darstellung ist einfach dumm. Man braucht nur einmal längere Zeit Deutschland durch die Brille ausländischer Blätter zu betrachten, um zu wissen, daß wir draußen keineswegs als schneeweißes Weltgeschichtsschäfchen gelten. Die Wahrheit ist doch vielmehr folgende: durch die preußisch-deutschen Siege von 1866 und 1870 ist eine völlige Verschiebung im »Gleichgewicht« von Europa eingetreten, unser neues Kaisertum hat das Habsburgische Kaisertum in den Schatten gestellt und das napoleonische Kaisertum gestürzt, Berlin hat sich zur Hauptstadt des westlichen Kontinents gemacht, das früher gespaltene, gedrückte, verlachte Deutschtum ist zur maßgebenden Potenz zwischen Rußland und England geworden, aus Machtlosigkeit wurde Macht, und neue Macht ist für andere stets drückend. Wir Deutschen sind die neuesten Revolutionäre in der europäischen Familie, die Leute, die den Schlaf des Erdteils zum letztenmal in entscheidender Weise gestört haben. Daß unser Volk das tat, war sein gutes Recht vor Gott und Menschen, es wollte nach langen Jahrhunderten des Elends auch einmal den Platz an der Sonne haben. Wir sind froh und glücklich, daß es gelungen ist, die Reichseinheit und Macht zu gründen, aber wir halten es für einfältige Sentimentalität, wenn wir nun nach dem allen tun wollten, als hätten wir kein Wässerchen getrübt. Weil wir Nation sein wollten, müssen wir auch offen und gern die Folgen tragen, die sich aus der Erfüllung dieses Wollens ergeben.

* * *

Sehr vorsichtig muß man sein mit der moralischen Behandlung der Weltfriedensfrage. Wenn da ein Friedensprediger, sei er Amerikaner, Schweizer oder Deutscher, vor uns hintritt: es ist von euch eine Unsittlichkeit, zu rüsten!, so ist das eine so unerhörte Vergewaltigung aller geschichtlichen Begriffe, daß wir einfach einen schlechten Geschmack von aller Moral bekommen und den Mann reden lassen, was er will. Er selbst freilich weiß gar nicht, was für Unfug er anrichtet, denn er ist eben geschichtslos. Für ihn sind tausend Jahre als wie ein Tag, und er nimmt die erst werdende Menschheit als schon vorhanden. Ja, in der Tat, wenn einmal die Menschheitsorganisation erreicht ist, wenn einmal –, dann ist es unsittlich, gegen den gewordenen neuen Körper die Waffen zu erheben. Selbst das freilich ist nicht für alle Fälle sicher, aber es kann wenigstens vertreten werden. Jetzt jedoch, wo die Menschheit erst als Organisationsproblem auftaucht, wo sie aber noch keineswegs ein moralisch-politischer Körper ist, jetzt ist es absolut verfrüht, wenn einer im Namen dieses übermenschlichen Zukunftsstaates vor uns tritt und von uns verlangt, daß wir um dieser Idee willen alle Gegenwartsmoral über Bord werfen sollen. Gegenwartsmoral ist es, diejenigen Gemeinschaftsformen zu pflegen und zu erhalten, die wir als Ertrag einer langen Geschichte aus den Händen unserer Väter und Mütter empfangen haben. Das aber geht nach bisheriger Menschheitserfahrung nicht ohne Waffen.

 

Wodurch ist denn bisher in der Menschheit der Krieg weniger geworden? Einfach dadurch, weil er ein immer teureres und schwereres Gewerbe geworden ist. Es kann eben nicht mehr jeder Burgherr oder Stadtmagistrat Krieg führen. Und wenn er es könnte, so würden ihn alle Nachbarn bedräuen, daß er sie nicht störe: zertritt unsere Saaten nicht, verdirb unsere Weinberge nicht, schieße unsere Bürger nicht, schließe keinen Hafen! Das Allgemeininteresse legt sich als zwingende Macht um den einzelnen Kleinkörper herum und hindert ihn, seine Arme zu schleudern, wie er gern möchte ...

Je mehr also die Weltverbundenheit wächst, desto mehr erscheint jeder Krieg als Eingriff in notwendige Lebensvorgänge. Wenn große Nationen ihre Kanonen auffahren lassen, so setzen sie heute viel mehr aufs Spiel als früher, weil sie international verwundbar geworden sind. Diese Logik der Interessen soll man sprechen lassen! Das ist die beste Friedenspropaganda. Dabei spricht das, was vorhanden ist, nicht das, was erst werden soll.

Man kann dem Kriege sozusagen nur indirekt zu Leibe gehen. Das geschieht auf allerlei Wegen. Dahin sind zu rechnen die Abmachung fast aller europäischen Staaten über die Vermeidung giftiger oder sonst besonders abscheulicher Sprengstoffe und über die notwendigen Sicherungen gegen unbeabsichtigte Nebenwirkungen von Seeminen. So gering derartige Abmachungen erscheinen, so ist in ihnen zweifellos ein über das Kriegsinteresse hinausgehendes Menschheitsinteresse anerkannt. Dazu kommen die Abmachungen über die Behandlung von Spionen, Parlamentären, Waffenstillständen, Kapitulationen. Der Krieg erhält gewisse Minimalvorschriften. Noch weitergehend sind die Sicherungen der Nichtkämpfer und die Schonung der verwundeten und ihrer Pfleger. Dem Kriege wird ein begrenztes Ziel gegeben: der Soldat, solange er streitbar ist. Interessant ist die Vereinbarung zur Wahrung des Postbetriebes und des Briefgeheimnisses im Kriege. Dazu das verwickelte Kriegsseerecht. Ob alle diese Bestimmungen immer innegehalten werden, muß abgewartet werden, tritt aber Verletzung ein, so ist das die Stelle, wo das obenbeschriebene Menschheitsgewissen sich am ersten regt, denn hier handelt es sich dann um Überschreitung eingegangener Verträge.

 

Der Untergrund unsres Staatenwesens sind die Kriege vieler Jahrhunderte und die aus ihnen hervorgegangenen Verträge. Der Fortschritt besteht nicht darin, daß man eine nicht vorhandene Gutwilligkeit heuchelte, sondern darin, daß immer stärkere Interessenverbände entstanden. Diese Interessenverbände traten zunächst als Verschärfung der Gegensätze auf, hinderten aber tatsächlich den Ausbruch von Kriegen, weil mit der Größe des Zweckverbandes die Größe der Gefahr und der Aufwendungen steigt. In diesem völlig unsentimentalen Sinne sind seit zwanzig Jahren der Zweibund und Dreibund die Grundlagen des »bewaffneten Friedens« gewesen. Nicht dadurch sind sie friedlich geblieben, weil sie formell nur zum gegenseitigen Schutz gegen Angriffe geschlossen waren, sondern dadurch, daß sie nie fertig waren, sich anzugreifen. Den kleinen Staaten wird möglichst verboten, sich unruhig zu benehmen, und die Zweckverbände der Großstaaten führen den »berechneten Krieg«, das will sagen: sie geben sich gegenseitig so viel nach, als sie Kanonen und Truppen der Gegenseite einschätzen. Der Zweck der Rüstung ist, diplomatisch verrechnet zu werden. Verrechnet aber kann sie nur werden, wenn sie mobilmachungsreif ist.

 

Der durchschnittliche Krieg der Neuzeit ist eine kapitalistische Aktion. Dieses muß nicht verschleiert, sondern im Gegenteil in aller Nacktheit herausgehoben werden, wenn wir den Krieg und die Kriegsrüstung volkswirtschaftlich würdigen wollen. Die Grundform aller neueren Kriege sind die Erbfolgekriege der monarchischen Zeit. In ihnen ist das Objekt des Krieges ganz klar. Zwei Fürsten streiten sich um die Vergrößerung ihres Betriebes durch Eingliederung eines steuerzahlenden Gebietes. Aber auch die Kriege Friedrichs II. von Preußen sind Erwerbskriege im reinen Sinne des Wortes. Es ist ein Kampf der Berliner und der Wiener Kasse um die staatlich erreichbaren Mehrwerte Schlesiens, ein Kampf, der sich dem Geschäftskampf deutscher und amerikanischer Schifffahrtsgesellschaften vergleichen läßt, nur daß diese durch die über ihnen stehenden Staatsgewalten verhindert werden, sich nach Art der Hansa oder der ostindischen Kompagnie selber mit Militär zu versehen. Diese rein privatwirtschaftliche Art des Krieges verändert sich durch die bereits mehrfach hervorgehobene Änderung im Wesen des Staates und des Heeres. Mit Ausscheiden der fürstlichen Privatwirtschaftsinteressen und mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verliert der Krieg sein fiskalisches Gepräge. Er wird nicht mehr zugunsten der Staatskasse geführt, aber er wird zugunsten der im Staat vertretenen Volkswirtschaft geführt. Sein Objekt ist der Anteil am kapitalistischen Prozeß im allgemeinen. Dieses Objekt ist weniger klar erkennbar als die Steuerkraft Schlesiens, kann aber stets gefunden werden, wenn man die Friedensschlüsse beachtet, in denen die Resultate der Kriege formuliert werden. Man muß Kriege nicht nach den Reden beurteilen, mit denen sie eröffnet, sondern nach den Paragraphen, mit denen sie geschlossen werden.

 

Den Ernst dieser Tatsachen muß man sich eindringlich vergegenwärtigen, wenn man die schwere Militärbelastung Deutschlands volkswirtschaftlich überlegt. Wir müssen wissen, daß für uns eine militärische Niederlage Verarmung bedeuten wird, denn sie bedeutet unter allen Umständen eine Versetzung in die Reihe der Schuldnerstaaten und den Übergang unseres überseeischen Großhandels in fremde (amerikanische?) Hände. Der kapitalistische Weltprozeß selbst wird durch unsere Niederlage nicht aufgehalten, aber wir werden in ihm bedeutungsloser. Dieses zu verhindern, bringen wir, auch abgesehen von allen nichtwirtschaftlichen Gründen die kolossalen Opfer unseres Militärhaushaltes mit der Überzeugung, daß sie sich rentieren, wissen aber dabei, daß es die Schwierigkeit gerade unserer geographischen Lage ist, die uns zu Ausgaben zwingt, wie sie eine glücklichere Konkurrenz jenseits des Ozeans nicht zu leisten braucht.

Sollen wir schließlich unsere Meinung darüber sagen, ob wir glauben, daß die Menschheit schon am Ende der Kriegsperiode angelangt ist, so müssen wir gestehen, daß keinerlei Sicherheit für einen ungestörten Verlauf der Menschheitsorganisierung vorhanden zu sein scheint. So große Entwicklungen verlaufen nicht ohne Kraftproben. Schließlich kommt es ja doch für alle Hauptnationen darauf an, welchen Anteil an der Leitung der Obergemeinschaft sie einmal haben werden. Das geht nicht einfach nach Kopfzahl. So formell demokratisch ist die Weltgeschichte nicht, daß sie etwa die 850 Millionen Asiaten genau doppelt so hoch einsetzt wie die 420 Millionen Europäer. Man denke, wie viel die wenigen Engländer in Indien bedeuten! Auch sind die 64 Millionen eigentliche Neger sicherlich nicht dasselbe wie 64 Millionen deutsche Reichsangehörige. Man mag innerhalb der religiösen Verkündigung den Satz vertreten, daß jede Menschenseele vor Gott den gleichen Wert habe, in der Politik gilt dieser Satz für absehbare Zeiten nicht, hier entscheidet neben der Quantität die Qualität, die Organisation, Bildung, Moral, Technik und Leistung. Welches Volk viel leistet, wird viel bedeuten in der Menschheit. Dafür aber kann es keinen anderen Gerichtshof geben als den Kampf der Waffen, bei dem alle Kräfte aller Staatsbürger angespannt werden. Es ist ja theoretisch möglich, daß einmal die Kräfte endgültig gemessen und die Regierungsanteile endgültig bestimmt sind, aber das liegt so weit draußen, ist so fabelhaft fern, daß es geringen Zweck hat, davon schon heute zu phantasieren.

Als einst Deutschlands Einheit entstand, gelang sie nicht ohne letzten schweren Waffengang. Ebenso war es bei allen anderen zur Einheit gekommenen Nationen. Das aber ist das einzige Vorbild, an dem wir ahnend das vorerkennen mögen, was noch sich ereignen mag auf dem Wege zur Menschheit.

Es gibt ein neudeutsches Volk, das seine Zukunft erst noch vor sich sieht. In allerlei Schichten und Berufen leben Männer und Frauen, die sich dem neuen Zeitalter nicht im Trauergewand nahen, sondern einen Glauben haben an die Vernunft, die auch in den wirtschaftlichen Dingen ist, sobald nur die Menschen vernünftig sein und handeln wollen. Diese Menschen, die sich nicht bangemachen lassen, weder vor ausländischer Konkurrenz noch vor neuen Arbeitsmethoden, weder vor Kartellen noch vor Gewerkschaften, diese sind es, die den besten Bestandteil der Nation ausmachen, weil sie nichts anderes wollen als der immer vorwärtsschreitenden Geschichte selber mit ihrem kleinen Können zu dienen.

Es sind die Menschen, deren Seelen leuchten, weil sie die Welt um sich herum neu werden sehen. Zwischen ihnen allen besteht eine Harmonie des Wollens an sich, selbst wenn sie sich um ihrer Programme willen zeitweilig zu zerreißen drohen ... Was der eine oder der andere leistet von den vielen, die namenlos dahingehen, die ihren stillen Dienst tun, niemand sieht es und niemand hört es! Sie gehören aber alle dazu, und sie dienen nicht sich allein, sondern einem Größeren, einem Geschichtsvorgang, von dem wir glauben, daß wir ihn der göttlichen Vorsehung verdanken! Sie dienen der deutschen Geschichte und einem Volke, das um seiner Leiden und um seiner Taten willen wert ist, ihm mit Herz und Sinn und Seele ergeben zu sein.

 

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