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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
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Die Konkurrenz schafft bei ihrer ungehinderten Verschärfung im Laufe verhältnismäßig kurzer Zeiten Zustände, bei denen teils die Höhe des kapitalistischen Verdienstes, teils auch die Reellität der Produktion in Frage gestellt wird. Der erste Grundsatz der freien Konkurrenz ist die gegenseitige Unterbietung. Diese kann erreicht werden entweder durch Verschlechterung der Ware oder durch besondere Erleichterungen, die man dem Käufer in Hinsicht auf seine Zahlungen und Leistungen gewährt, oder durch Herabsetzung der Preise bis nahe an die niedrigsten Selbstkosten oder durch eine Vermehrung der Quantität des Angebotes, die den Markt überschwemmt und zu einer Herabdrückung aller Preise führen muß. Mit Recht hat einer der älteren französischen Sozialisten gesagt, daß die Konkurrenz die Konkurrenz tötet, und Karl Marx sah mit der Schärfe seines Verstandes die Wirkungen der Konkurrenz in der Aufzehrung der kleineren durch die größere und der größeren durch die größte. Sobald man sich die freie Konkurrenz bis an das Ende hindurchdenkt, wird sie zu einem angstvollen Kampf ums Dasein für alle Beteiligten und wird gleichzeitig in allen einfachen Massenartikeln zu einer Gefahr der Verschlechterung der Qualitäten. Diese Form der Konkurrenz konnte von der ersten Generation liberaler Volkswirtschaftler noch nicht in ihrem ganzen Umfange übersehen werden, denn diese erste Generation hatte noch gar nicht die wirklich ausgewachsene und ausgereifte Konkurrenz vor sich, sondern öffnete ihr nur die Türe. Was den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Deutschland als Konkurrenz erschien, war ein harmloser Wettkampf gegenüber der Unerbittlichkeit des Rechnens und der Reklame, mit der ein Menschenalter später die verschiedenen Unternehmungen sich gegenseitig vom Markt zu stoßen suchten. Sobald aber einmal die Konkurrenz in Wirklichkeit entfesselt worden ist, so bildet sich aus Furcht und Grauen aller gegen alle die umgekehrte Gesinnung, nämlich der Drang, einen contrat social herzustellen, eine Lebensmöglichkeit durch Ausschaltung gegenseitiger Übergriffe.

Diese Grundstimmung tritt am stärksten in die Erscheinung, wenn Perioden matteren Geschäftsganges über die Industrie hingegangen sind. In den guten Zeiten glaubt jeder Unternehmer sich selbst halten und emporkämpfen zu können. In den schlechten Zeiten aber sieht er sich und seine Konkurrenten leiden, und beide geben sich, sobald die Lage sich bessert, die Hand: Laßt uns Brüder sein! Sie wissen, daß sie damit einen Teil ihrer Freiheit und Selbständigkeit dahingeben, aber die Verhältnisse sind stärker als ihr Wollen, und bald macht man aus der Not eine Tugend und erwärmt sich für die Gemeinschaft, in die man sich einzuordnen gezwungen wurde. Es geht dies aber um so leichter, je mehr bei wiederkehrender guter Geschäftszeit das Kartell sich als finanziell förderliche Macht erweist, je mehr durch das Zusammenwirken von Unternehmerverband und Kartell einerseits die Herstellungskosten niedrig gehalten, andererseits die Verkaufspreise erhöht werden. Ist das Kartell in seinem ersten Jahre eine Hilfsveranstaltung gegen Not gewesen, so wird es sehr leicht im dritten und vierten Jahre eine Gewinnveranstaltung zur Ausnutzung guter Geschäftslage. Die Gewinne werden durch das Kartell teils größer, teils regelmäßiger, und um dieses unleugbaren Vorteils willen lassen es die Mitglieder des Kartells sich willig gefallen, daß ihre Geschäftsführung einer immer genaueren Kontrolle unterworfen wird, so daß schließlich über der Leitung der Einzelunternehmungen eine Oberleitung entsteht, ein Direktorium, eine selbstgewählte Regierung der verschiedenen industriellen Arbeitszweige. Diese Oberregierung kann sich juristisch in den verschiedensten Formen darstellen, als neue Aktiengesellschaft oder als Handelsgesellschaft oder auch nur als nichterwerbender Verband. Volkswirtschaftlich aber ist die Regellosigkeit der Feststellung der Produktions- und Verkaufsbedingungen überwunden, und das Einzelgeschäft ist im Grunde zu einer Art Filiale eines kaufmännischen Unternehmens geworden, welches den Konsum eines ganzen Gebietes zu leiten unternimmt.

 

Es entsteht eine alleroberste Schicht von kaufmännischen und geschäftlichen Leitern des Produktionsprozesses, welche die Verwalter des industriellen Kapitals sind. Ihre Tätigkeit spielt sich zur einen Hälfte in den Banken ab und zur anderen Hälfte in der Führung von Kartellen und kartellierten Riesenunternehmungen. Unterhalb dieser obersten Schicht steht eine zweite Klasse von Unternehmern, die an sich noch groß und bedeutend erscheinen, die sich aber den eigentlichen Leitungen gegenüber als Regierungskräfte zweiten Grades darstellen. Hinter ihnen kommt die Menge der kartellierten Verbandsunternehmer, die je länger, desto mehr Beamte in einem Betriebe sind, dessen Führung über ihre Kräfte hinausgeht, und erst hinter diesen Verbandsunternehmern bleibt eine der Zahl nach nicht geringe Menge von kleinen selbständigen Unternehmern übrig, welche, formell angesehen, unabhängig sind, in Wirklichkeit aber an das Schicksal der großen Industrien gebunden, und ebenso in dem, was sie herstellen, als in der Bildung ihrer Preise eingefügt sind in feste Normen, denen sie nur mit Gefahr ihrer Existenz Widerstand leisten können. Es bildet sich also eine industrielle Hierarchie aus, bei der die letzten von den ersten himmelweit entfernt sind, und bei der die letzten sich fragen, ob sie denn noch gemeinsame Unternehmerinteressen mit denen haben, die wie Herzöge hoch über ihnen auf der Oberstufe des wirtschaftlichen Lebens thronen.

Der hiermit dargestellte Vorgang vollzieht sich in den verschiedenen Gewerbszweigen sehr verschieden. Im allgemeinen ist festzuhalten, daß die Verarbeitung von Rohstoffen zu Halbfabrikaten der Konzentration des Betriebes größere Möglichkeiten öffnet, als die Herstellung fertiger Gebrauchswaren. Die Fertigfabrikation ist in vielen ihrer Teile fast gar nicht kartelliert. Sie leidet unter dem Druck der Preise, die von den Kartellen gemacht werden, und sucht diesen Druck an die Käufer der Waren weiterzugeben. Wie weit ihr das gelingt, hängt von der Konsumkräftigkeit der kaufenden Menge, von der Organisation des Kleinhandels und von der Möglichkeit, trotz der Kartellpreise auf dem Auslandmarkt zu konkurrieren, ab. Wird diese Möglichkeit durch allzu große Verteuerung abgeschnitten, dann bedeutet das System der Kartelle geradezu eine Verengung des Luftraumes für diejenigen Industrien, in denen sich das persönliche Element am meisten ausleben kann.

Es werden darum die Kreise der Fertigfabrikation je länger desto mehr darauf bedacht sein müssen, daß die wirtschaftliche Macht der in ihrem Rücken stehenden Kartelle keine allzu große wird, und wir erwarten, daß aus diesen Kreisen eine Bewegung entsteht, die sich zwar nicht gegen das Kartell an sich richtet, aber alle besonderen Staatsbevorzugungen der Kartelle bekämpft. Mit anderen Worten: Wir erwarten, daß die von den Kartellen bedrängten Fertigfabrikanten sich einer mehr freihändlerischen Bewegung anschließen, damit durch den freieren Handel die Kartelle ihrer künstlichen Stütze beraubt werden und sich nur soweit entwickeln können, als sie bei freiem Handel sich als wirtschaftlich fest und vorteilhaft erweisen.

 

Dadurch, daß der einzelne Markt vom großen gemeinsamen Markte verschlungen wird, wird alle Arbeit untereinander immer ähnlicher. Das gilt auf ästhetischem Gebiet, davon aber ist hier nicht zu reden. Das gilt in Hinsicht der Rohstoffe und der Preise. Früher gab es provinzielle Stoffe und Preise. Jetzt aber tauschen alle Provinzen und Länder ihre Arbeitsmethoden und Preise miteinander aus. Vor allem die Massenartikel des Volksbedarfes werden schematisiert, das will sagen: sie bekommen ihre Normalnummern, denen sich kein Produzent mehr entziehen kann. Beispiele sind die Bezeichnungen der Garnsorten, Getreidesorten, Weinsorten, Bierarten, Zuckersorten, Glasarten. Der einzelne kann versuchen, seine Spezialsorten an den Mann zu bringen, hat unter Umständen damit Glück, aber im ganzen wird ein Kampf ums Dasein zwischen den marktgängigen Sorten gekämpft, in dem nur eine gewisse Anzahl normaler Durchschnittsformen das Feld behauptet. Schon die Wucht der großen Reklame entscheidet für einzelne Artikel. Ob Odol oder Kosmin besser oder schlechter sind als hundert andere Zahnwasser, kommt nicht mehr in Frage, sie haben das Ohr der Menge erreicht. Es ist möglich, daß sie verdrängt werden, aber nur wieder von einer neuen Normalform, nicht von verschiedenen Individualprodukten. Ob man von Herrn X oder von Herrn Y Papier oder Kohlen kauft, macht wenig mehr aus, da sie zu denselben Preisen fast genau oder ganz genau dasselbe liefern müssen, von welchem Eisenwerk der Maschinenfabrikant bezieht, verliert an Bedeutung, da er weiß, daß sie alle unter gleichen Bedingungen produzieren. Der Spielraum der selbständigen Gestaltung wird in allen kontrollierbaren Artikeln fabelhaft eng. Ob die Hausfrau beim Kaufmann Müller oder beim Kaufmann Schulze kauft, macht heute viel weniger aus als früher, da beide in derselben Straße wohnen und sich ruinieren würden, wenn sie nicht gleich schlecht oder gleich gut wären. Zu beiden kommen dieselben Geschäftsreisenden und machen ihnen dieselben Offerten, beide bezahlen relativ die gleiche Miete, beide zahlen die gleichen Löhne und Gehälter, beide kämpfen um dasselbe Publikum. Sind sie nicht im Grunde wie zwei Angestellte einer einzigen unsichtbaren Firma? Und wenn die Bauern in Eichsdorf oder in Müllerwinkel eine gemeinsame Molkerei machen, einen Einkaufsverein für Düngemittel haben, eine Dreschmaschine von Gehöft zu Gehöft wandern lassen und an denselben Getreide- oder Viehhändler verkaufen, sind sie da noch frei in der Herstellung? Am gleichförmigsten gestaltet sich natürlich die Arbeitslage der abhängigen Lohnarbeiter. Sie sind wie Ameisen in einem großen Haufen. Wer sie nicht ganz mikroskopisch betrachtet, kann sie nicht unterscheiden. Aber auch der ganze kleine und mittlere Betrieb reguliert sich. Wir bekommen wieder gebundene Zeit im Wirtschaftsleben, wo der einzelne untertaucht. Die Arbeit als gemeinsame Leistung zwingt die Individualitäten in ihren Bann. Das Wirtschaftsleben bekommt wieder Stil, Tradition, Zwangsformen. Das ist das große und schwere Thema, das die Gegenwart beschäftigt, das ist die soziale Frage in der Organisation der Arbeit. Mit einer sehr gemischten Empfindung von Bewunderung und Grauen begrüßen wir dieses über uns kommende Schicksal. Unsere Gefühle sind noch in der alten Welt, die im wirtschaftlichen Liberalismus ihren Ausdruck fand, aber um uns herum türmen sich unliberale Gestaltungen: Syndikate, Preiskartelle, Riesenbetriebe, Arbeiterverbände, Verkaufsgemeinschaften aller Art. Ihnen offen ins Auge zu schauen, ist unsere Pflicht.

 

Der Gedanke einer Organisation der Industrie im ganzen war noch vor 15 Jahren in Deutschland wenig verbreitet. Natürlich war er den Führern der entstehenden industriellen Verbände nicht fremd, aber die Mehrzahl der Unternehmer verhielt sich ablehnend, und die übrige Bevölkerung sah das neue Problem überhaupt noch nicht, nur die sozialdemokratische Presse behauptete beständig, die Kapitalistenklasse sei eine organisierte Einheit. Indem die Sozialdemokraten dieses sagten, griffen sie der Entwicklung der Dinge vor, aber sie beurteilten im Grunde die Sache richtig, richtiger als die Mehrzahl der direkt beteiligten Unternehmer. Die Unternehmerklasse war bei Beginn des großen Wirtschaftsaufschwunges in der Mitte der neunziger Jahre einem See vergleichbar, der noch nicht gefroren ist, dessen Oberfläche aber voll kleiner Eiskristalle schwimmt. Es gehört wenig dazu, und der flüssige Aggregatzustand wird an der Außenfläche in eine feste Organisation übergehen. Das ist es, was wir eben jetzt erleben: die Industrie macht sich selber Gesetze und zwingt den Einzelunternehmer in Verbände. Diesen Vorgang statistisch genau darzustellen, ist heute noch niemand imstande, denn noch ist er zu jung, um in seinem ganzen Verlauf wissenschaftlich erfaßbar zu sein, auch vollzieht er sich vielfach im Halbdunkel streng vertraulicher Privatabmachungen. Aber das Wesen der neuen Gestaltung können wir schon jetzt aufzuzeigen versuchen, denn so unklar der Einzelverlauf bis heute erscheinen mag, so deutlich ist die an allen Ecken gleichzeitig hervortretende Gesamtrichtung der Bewegung. Es handelt sich dabei um einen wirtschaftsgeschichtlichen Vorgang allerersten Ranges, um die Entstehung von Formen für unabsehbare Zeiten, um das, was in der Sprache der Sozialdemokratie die »neue Gesellschaftsordnung« heißt.

 

Das Wesen der alten Innungen bestand darin, daß die Herstellung von Waren geregelt wurde einesteils in Hinsicht aus eine gewisse durchschnittliche Güte, anderenteils in Hinsicht auf den Preis, und daß gleichzeitig die Zahl der Arbeitskräfte (Gesellen und Lehrlinge) und die Grenzen des Absatzgebietes bestimmt wurden. Diese Bestimmungen waren ein Doppelergebnis teils der freiwilligen Organisationen und teils der gesetzlichen Bestimmungen, sei es der Stadtmagistrate, sei es der staatlichen Aufsichtsbehörden. Der Geist der alten Innungen bestand darin, daß niemand zu schlecht, zu billig, zu viel oder außerhalb seines Bezirks herstellen und verkaufen sollte. Genau diesem selben Geiste begegnen wir heute in der Industrie von neuem, und das, was anders geworden ist, ist erstens der Umfang des Gebietes, über das sich die Organisationen erstrecken, und zweitens bis jetzt das geringere Eingreifen der Staatsbehörden in die freiwillig entstandenen Verbände. Man sieht aber schon, daß auch dieser letztere Unterschied der neuen von den alten Innungen kaum von ewiger Dauer sein wird, denn in der verschiedensten Weise wenden sich die neuen Innungen selber an den Staat, damit er ihnen ihre Gebietsabgrenzungen sichere (Zölle), und andererseits versucht der Staat, sich eine Art von Aufsicht und Oberverwaltung über die neuen Gebilde zu schaffen.

 

Die volkswirtschaftliche Parole des älteren Liberalismus hieß: Jedermann ist Kaufmann! Der Bauer, der Handwerker, der Künstler ist Kaufmann! Sie alle tragen ihre Getreidesäcke, Stiefel oder Bilder zu Markte. Wer am besten verkaufen kann, der soll der Herr sein! Das war der Sieg des Kaufmannsgedankens an sich. Inzwischen aber vollziehen sich Abwendungen von dieser wirtschaftlichen Weltanschauung, die wir verstehen lernen müssen, um zu wissen, was um uns herum vorgeht. Es vollzieht sich die Zurückdrängung der Kaufmannsgesinnung durch eine andere wirtschaftliche Grundidee, für die es ein ganz zutreffendes Wort noch nicht gibt. Es meldet sich »das Prinzip einer neuen wirtschaftlichen Periode«.

 

Das Subjekt des Handels in Ware oder Arbeit ist innerhalb des neuen Systems der Verband. Das aber ändert auch das Wesen des Handels selber. Überall dort, wo von Verband zu Verband gehandelt wird, hat man das Bestreben, sich für längere Fristen alles einzelne Feilschen zu ersparen. Tausend verschiedene kleine Akte des Handelns rücken zu einem einzigen Akte zusammen. Beispielsweise wird der Kohlenpreis schon heute behandelt wie eine Gesetzesvorlage. Der Arbeitspreis der gut organisierten Buchdrucker läßt sich an einem fertigen Tarife ablesen. Es entstehen feste Verhältnisse. Noch ist die Entwicklung zu neu, als daß die Festigkeit bis jetzt eine große sein könnte. Noch wechseln alle Preise und Abmachungen, aber man denke sich nur um 10 Jahre in das jetzige System weiter hinein, so wird man von selbst fühlen, daß dann manche jetzige Kurzfristigkeit sich in Langfristigkeit verwandelt haben muß, weil die miteinander handelnden Körper stabil werden und gegenüber ihren Aktionären und Mitgliedern allzu lebhafte Schwankungen gern vermeiden werden. Es scheint, als ob die abendländische Welt, nachdem sie eine Zeitlang alles als Handelsware betrachtet hat, nun dessen müde sei, und daß sie das Handeln im kleinen und einzelnen noch viel mehr ausschalten wird, als wir es heute ahnen.

 

Der einzelne will aufhören, Kaufmann zu sein, weil er es nicht mehr sein kann! Auch der Arbeiter will aufhören, seine Arbeitskraft selber auf eigne Rechnung und Gefahr zu verkaufen. Deshalb hält er sich einen Verbandssekretär, der die Verkaufsbedingungen für ihn feststellt. Seine Verbände sind im Kern ebenso Verkaufsverbände wie die ländlichen Genossenschaften und die Kartelle der industriellen Unternehmer.

 

Der Stahlwerksbesitzer, der Bauer und der Arbeiter halten sich in gleicher Weise ihre Verkaufssekretäre und ordnen sich einer Verfassung unter, bei der sie Stahl, Milch oder Arbeit nur zu den gemeinsam festgesetzten Bedingungen abgeben. In allen diesen Fällen zeigt sich erst im Laufe der Zeit, wieviel mit dem Eintritt in den Verband aufgegeben wurde. Ist der Verband einmal in Gang und hat seine ersten Kinderkrankheiten überwunden, so ist er eine Größe, der sich die einzelnen gar nicht mehr entziehen können. Der Bauer kann gar nicht mehr ohne den Verband Milch in die Großstadt schicken, sobald einmal der ganze Handel auf Verband eingerichtet ist. Der einzelne Industrielle wird geschäftlich zerdrückt, wenn er sich dem System der Gemeinsamkeit entwinden will, und der Arbeiter der gut organisierten Berufe muß Gewerkschaftler sein, wenn er nicht als Paria behandelt werden will. In fabelhaft kurzer Zeit haben sie aufgehört, überhaupt noch Privatverkäufer sein zu können. Gleichzeitig aber gewöhnen sich dieselben Leute, auch als Einkäufer von Kohlen, Düngemitteln, Kolonialwaren gemeinsam vorzugehen. Und das Ende von dem allem? Das menschliche Einzelwesen hört auf, von sich zu sagen, daß es Kaufmann ist! Es ist Produzent, Konsument und Mitglied eines Produzenten- und eines Konsumentenverbandes. Darin besteht das kommende neue Wirtschaftssystem, von dem wir nicht behaupten, daß es schon fertig ist und daß es je ganz fertig werden wird, aber dessen Charakter sich schon heute sehr deutlich vom Charakter der vorhergehenden Periode abhebt.

Das, was früher vollständig unmöglich schien, die ganze Produktion eines Erzeugungsgebietes von einer Stelle aus zu übersehen und ebenso zu behandeln wie etwa in den Landtagen die Steuer- und Wegebauangelegenheiten eines Landes behandelt werden, ist in einigen Produktionen verwirklicht. Die Herstellung geschieht bei diesem System nicht mehr in das Blinde und Unberechenbare hinein, sondern sie geschieht nach vorher geschehener methodischer Überlegung. Es wird kalkuliert, wieviel Spiritus, wieviel Kohle im Laufe des nächsten Jahres im ganzen auf den Markt kommen soll, und auf Grund dieser Kalkulation bekommt der einzelne Unternehmer seinen Jahresauftrag.

Ist einmal die Entwicklung bis auf diese Stufe gekommen, dann verliert es seinen Zweck, daß der einzelne Unternehmer überhaupt noch Kaufmann ist. Er kann nichts anderes mehr sein als Lieferant der Zentralstelle, die den Haushaltplan aufstellt. Das führt zum Verkaufskartell, dessen reine Form wir in der Spiritusverwertungsgesellschaft vor uns sehen, die über 90 % des in Deutschland in den Handel gebrachten Spiritus von ihrer Zentralstelle aus dirigiert. Die Absonderung des Verkaufes von der Herstellung ist somit reinlich vollzogen, und der Hersteller lebt nicht mehr von dem Handelsgewinn, sondern er bezieht von der Verkaufsstelle ein Entgelt, welches zwar formell noch als Anteil eines großen kaufmännischen Handels erscheint, das sich aber in Wirklichkeit einer Art von Gehalt sehr nähert und bei längerer Dauer dieser Kartelle immer mehr nähern wird.

Der alte Handwerker arbeitete auf Bestellung. Dieser Zustand wurde überwunden durch die Parole: Jeder Produzent ist Kaufmann und arbeitet für den Markt! Inzwischen arbeitet der Produzent wieder auf Bestellung, nur ist es diesmal seine eigene Organisation, die die Bestellung an ihn richtet. Es ist möglich, daß in noch viel späterer Zeit die Bestellung wieder von Konsumenten ausgeht, dann nämlich, wenn einmal die Organisation der Konsumenten stark genug sein sollte, um als Bestellerin aufzutreten.

 

Die Herstellung von Eisen ist in der Weltwirtschaft von den germanisch-angelsächsischen Nationen in die Hand genommen worden und wird voraussichtlich auf Jahrhunderte hinaus von ihnen festgehalten werden können. Wenn also der Weltbedarf an Eisen steigt, und das wird er durch den Eisenbahnbau in allen Teilen der bewohnten Erde tun, so werden sich die Amerikaner, Deutschen und Engländer anbieten: wir sind bereit, euch Schienen, Räder, Wagen, Schiffe, Schrauben, Dampfkessel, Werkzeugmaschinen, Draht, Blech, Röhren, Öfen und wer weiß was noch alles zu liefern. Diese Konkurrenz wird um so gewaltigere Formen annehmen, je mehr die Eisenindustrien der drei Hauptländer unter sich organisiert sind, bis eines Tages der Gedanke des internationalen Eisensyndikates. Wirklichkeit werden wird. Er ist sicherlich keine Unmöglichkeit, wenn man bedenkt, daß es sich im ganzen um nicht ganz 2000 Hochöfen handelt und daß viele von diesen schon heute unter sich verbunden sind. Es würde dieses Syndikat, wenn es einmal zustande kommen sollte, das erste und schwerste von allen werden. Es entsteht eine Stelle, von der aus alle Menschen besteuert werden sollen, weil alle Eisen brauchen. Diese Stelle bereitet sich heute innerhalb der Einzelstaaten vor und – unsre Staatsregierung hilft dabei. Sie stützt die Syndikatsbildung durch Zölle und läßt sich nicht einmal etwas dafür geben. Man sehe die Kurse der verschiedenen Hüttenwerke und dann die Kurse der deutschen Reichsanleihen! Unter Staatsschutz entsteht hier die neue Herrschaft in der Welt. Wer weiß, ob nicht einmal ein deutscher Kaiser im Schloßhofe der Eisenindustrie stehen wird wie einst Heinrich IV. in Canossa? Er wird sagen: ich bitte euch, edle Herren, bringt mir die Reichsfinanzen in Ordnung, denn ihr seid reich und ich bin arm, ihr habt das Monopol und ich habe nur Steuern, die erst hinter Kohlen und Eisen kommen, helft mir, ihr Herren! Dann wird oben am Fenster ein Gesicht erscheinen: wir sind bereit, wenn wir ewiges Recht gewinnen, den Markt deines Reiches zu beherrschen! Was wird ihm dann übrig bleiben? Er wird sich oben zu den eisernen Herren setzen, – drunten aber wird gemurmelt werden: »Der Hochofen ist das Zepter der Neuzeit, ein verwundbares Zepter, denn alle Hochöfen sind sehr empfindlich gegen Störungen!« Es sitzen dann oben die Herren und fragen: ist es auch alles sicher?

Das etwa wird die Herrschaft sein, die sich jetzt vorbereitet durch immer neue Millionen Tonnen von Eisen und immer größere Hochöfen.

 

Die wirtschaftliche Großmacht kommt. Seht, wie sie sich daherwälzt! Es kommt das Kartell der Kartelle, die schwere Industrie als fabelhafte schwarze Einheit. Da geht es wie Zittern durch den Wald des kleinen Lebens. Die Fabrikanten, die Handwerker, die Kaufleute, die Staatsbeamten stehen hilflos, bewundernd und erschrocken vor dem neuen Gebilde. Man macht eine Kartellenquete, bloß um festzustellen, daß das neue Wesen nicht gestört sein will, wenn es sich weiter wälzen will. Der Handelsminister versucht, ein Bergwerk zu sich hinzuziehen. Da schüttelt das neue Wesen seine Pranken und die Helfer des Ministers werden ganz blaß. Man hält einen internationalen Sozialistentag und beschließt, daß das Wesen bis auf weiteres nicht gestört werden dürfe, teils weil es unnütz, teils weil es gefährlich sei. Das ist die neue Unfreiheit, die sich im freien Spiel der Kräfte erhebt. Ihr dient alles, ihr dienen die Freiheiten, die der wirtschaftliche Liberalismus gebracht hat, und die Zölle, die aus der Angst vor dem Liberalismus herausgepreßt wurden. Bei gutem und schlechtem Wetter wächst die neue Macht, denn während der Krise zerdrückt sie die Kleinen und bei gutem Geschäftsgang weitet sie selber sich aus. Dieser Macht gehören schon ganze Städte, und die Könige sind froh, wenn sie ihr Vermögen in den Schutz der neuen Größe stellen können. Das ist die Gefahr, die der Freiheit droht, denn was nützen die gleichen Bürgerrechte, wenn die Menschen sich freiwillig verkaufen müssen, falls sie leben wollen?

Marx zwar hat uns eine hellere Zukunft verheißen. Er sieht aus der Konzentration der kapitalistischen Mächte das Morgenrot der letzten und größten Freiheit hervorleuchten. Möge er recht haben, möge es wahr sein, daß die Gegenkräfte, die die neue Macht heranzieht, stark genug werden, sich an ihre Stelle zu setzen, und mögen sie dann wissen, wie man es macht, den Großbetrieb mit Freiheit arbeiten zu lassen! Der Sieg der Freiheit hängt davon ab, daß diese Zukunftswünsche sich irgendwie einmal verwirklichen. Nur soll man nicht glauben, daß der Sieg bald und von selber kommt. Es gibt ernste Männer genug, die Jahrhunderte neuer feudaler Bindung heranziehen sehen wie Armeekorps einer feindlichen Macht. Sie sagen zu uns: wie wollt ihr den geeinigten Großproduzentenring jemals brechen? Ist nicht dieser neue Ring eiserner als der Bund des einstigen Landadels? Wann und wo gab es Mächte, die sich alle Arten von Helfern kaufen konnten wie diese? Und wann entstand eine neue Macht so sehr im Dunkeln, unbegriffen von der Masse, verborgen in stillen Sitzungen und Hauptbüchern, telephonisch unter sich verbunden und schweigend nach außen? So fragen die Angstvollen, und es würde Leichtsinn sein, ihre Fragen nicht zu überlegen.

* * *

Vertieft man sich in diesen Entwicklungsgang, so fühlt man den Geist der kommenden Periode an dieser Stelle deutlicher als an irgendeiner anderen. Der persönliche Charakter des Gewerbes wird vollständig abgestreift, selbst die einzelne Aktiengesellschaft ist noch immer viel zu individuell, und, wenn man so sagen darf, viel zu persönlich für die Zeit, der wir entgegengehen. Die rein geschäftlichen Erwägungen haben einen Sieg über Geist und Stimmung des alten Unternehmertums davongetragen, den noch vor 20 Jahren in Deutschland kaum jemand für möglich gehalten hätte. Daß Besitz und Leitung sich voneinander trennen, liegt hier in ausgebildetster Form vor unseren Augen. Die Leitungen dieser großen Körper sind natürlich ihrerseits keine besitzlosen Arbeitskräfte, aber das, was sie an persönlichem Besitz haben, ist gering gegenüber der Fülle von Besitzrechten, über die sie als Beamte die Verfügung haben. Sie sind Minister neuer gewerblicher Regierungen geworden, deren Auftraggeber hinter ihnen irgendwo in der Dunkelheit der kapitalistischen Gesellschaft sitzen, denn keiner von den Führern dieser Verbände kann eine Auskunft darüber geben, wer eigentlich diejenigen sind, die die Menge der Aktien besitzen, deren Auf- und Niedersteigen von der Tätigkeit dieser wirtschaftlichen Organismen abhängt.

Rein geschäftstechnisch angesehen, sind die Kartelle der Sieg des Kaufmannsgeistes über den einzelnen Kaufmann. Mit ihrer Entstehung beginnt eine Belebung der kaufmännischen Phantasie in einer früher nicht vorhandenen Richtung. Früher war der Inhalt dieser Phantasie: Was läßt sich aus diesen oder jenen Einzelunternehmen machen? Heute ist der Inhalt dieser Phantasie ein anderer: Was läßt sich aus diesen oder jenen Gewerbszweigen im ganzen machen? Ist aber die Phantasie einmal darauf eingerichtet, sich derartige Fragen zu stellen, so erscheint ihr im Grunde aller Einzelbetrieb als eine Art Rückständigkeit und Kleinstaaterei. Wir brauchen mit Absicht das Wort Kleinstaaterei, denn der Vorgang, um den es sich hier handelt, ist der Überwindung der Kleinstaaterei im politischen Leben durchaus verwandt und läßt sich als Wiederholung dieses politischen Vorganges auf wirtschaftlichem Gebiete bezeichnen. Im 17. und 18. Jahrhundert hielt es in Deutschland kaum jemand für unnatürlich, daß es eine Unmenge politischer Zwergbetriebe gab. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts beginnt die Überzeugung allgemein zu werden, daß die Kleinstaaterei ein Übel ist. Sie wird als politisch unproduktiv empfunden, und es dauert nicht lange, so werden zahllose politische Einzelbetriebe ausgeschaltet, und diejenigen, welche übrig bleiben, werden durch das politische Kartell, das wir Deutsches Reich nennen, unter die Führung der Vormacht Preußen gebracht. Der Eintritt in das politische Kartell Deutsches Reich bedeutete für die eintretenden Kleinstaaten gleichzeitig eine Verminderung ihrer Souveränität und eine Garantie ihrer weiteren Existenz. Ihnen wird der Tod durch direkte Konkurrenz erspart, indem sie sich der stärkeren Macht freiwillig angliedern. So etwa ist die Lage eines großen Teils der mittleren industriellen Unternehmungen, die sich jetzt einem Verbande anvertrauen, dessen Führung notwendigerweise in den Händen seiner stärksten Teilnehmer ruht.

 

Eigentum hieß in alter Art ein bestimmtes Verhältnis eines Menschen zu einer bestimmten Einzelmaterie. Dieses Verhältnis war »heilig«. Inzwischen aber wird aus dem einen Menschen eine Reihe sich folgender oder gemeinsam vorgehender Menschen, und aus der bestimmten Einzelmaterie wird die Materialsorte, das Materialanrecht, das theoretisch konstruierte Etwas innerhalb eines ganz unpersönlich gewordenen Materialgetriebes. Heute kann man etwas besitzen, was man nicht im entferntesten kennt, ja, was man auch bei Mühe und Studium gar nicht in seiner Einzelwirklichkeit kennen kann. Wenn jemand am Aktienkapital der Deutschen Bank oder am Geschäftskapital der Siemens-Schuckert-Werke oder einer internationalen Schlafwagengesellschaft beteiligt ist, so ist es keiner Phantasie mehr möglich, die Realität zu bezeichnen, die sein eigen ist. Es gehört in der Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu den wunderbarsten Vorkommnissen, diese Entmaterialisierung des Einzeleigentums zu erleben, und es ist ein formeller Triumph der kaufmännisch-juristischen Technik, diese Entmaterialisierung durchgeführt zu haben. Es ist aber auch leicht begreiflich, daß diese Heraushebung des Eigentumsbegriffes aus der Welt der unmittelbar verständlichen Dinge diesem Begriffe selbst einen Teil seiner alten Festigkeit nimmt und zu sozialer Kritik an dieser Art von Eigentumsrecht überhaupt hinüberführt. Das alte konkrete, materiell faßbare Eigentum wird unmittelbar in seiner Notwendigkeit verstanden. Es erscheint als nötig für den Arbeitsvorgang. Je mehr aber der Arbeitsvorgang sein eigenes Wesen erhält und von der konstruierten Rechtsbeteiligung unabhängig wird, desto mehr fragt die Kritik, ob hier nicht ein alter praktischer Grundbegriff der menschlichen Wirtschaft, das Einzeleigentum an der Materie, sich überlegt, ob es nicht an der Zeit ist, luftförmig zu werden.

Das, was heute den älteren kaufmännischen Eigentumsbegriff noch stark und wirksam erhält, ist der Umstand, daß die Entmaterialisierung nur teilweise vollzogen ist. Es gibt noch ungeheuer viel wirkliches Einzeleigentum. Die überwiegende Menge der im Arbeits- und Austauschvorgang befindlichen Materie ist noch in festen Händen, sie ist mobilisierbar, aber noch nicht frei von bestimmter Personalverbindung. Um die Hauptsachen zu nennen: der Acker und das tote und lebende Inventar der Landwirte, die Fabriken und Lagerbestände der Fertigfabrikationen, die Warenbestände der meisten Großhändler und vieler Kleinhändler sind noch persönliches Eigentum, sei es auch mit Anteil fremden Geldes und unter starker Einschränkung ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit durch die allgemeine Preisbildung und durch die Produktionsverbände. Es existiert in diesen Gebieten sozusagen kontrolliertes Personaleigentum an der Materie. Das ist die Grundform der heutigen Gesellschaft, und deshalb ist heute die sozialistische Idee von der geschichtlichen Verflüchtigung des kaufmännisch gedachten Eigentums mindestens verfrüht. Sie eilt der wirklichen Entwicklung weit voraus, ist deshalb kein Programm, aber jedes offene Auge bemerkt, daß nicht die persönlichen, sondern die unpersönlichen Formen des Eigentums stärker werden. Die Zahl der Menschen, die einen Teil des Arbeitsvorganges individuell beherrschen, nimmt ab. Es wächst die Zahl der Menschen, die kein Interesse mehr daran haben, wem das Kapital gehört, in dessen Bereich sie arbeiten. Man denke an das Heer von Arbeitern und Angestellten, das im Umkreis des Stahlwerksverbandes tätig ist, oder an die Menge Menschen, die der Hamburg-Amerika-Linie dienen, oder an die Angestellten der Deutschen Bank! Wer ist der Eigentümer, in dessen Dienst ihr alle steht? Ihr kennt eure Direktoren, aber die Eigentümer sind für euch ein dunkler Hintergrund geworden! Wo sie sitzen, wie sie leben, was sie tun, das ist alles im Nebel! Der Arbeiter und Angestellte weiß von seinem Eigentümer soviel wie der Mensch, der auf Java für holländische Herren Kaffee erntet. Das einzige, was er weiß, ist, daß diese Eigentümer das Recht haben, sich mit ihrer Einlage von dem Geschäft zu entfernen, wenn sie nicht genügenden Ertrag zugeschrieben bekommen. Die Welt der Arbeit und die Welt des Eigentums hängen zusammen durch die Bilanz.

Wir sahen die alte Zeit des gebundenen Gewerbes sich auflösen und dann aus individueller Freiheit wieder neue Bindung werden, und wir sahen das Herrschaftseigentum zum Verkaufseigentum werden und dieses immer mehr seinen konkreten Zusammenhang mit den einzelnen Dingen verlieren, bis in neuer Form Eigentum nichts anderes ist als ein sehr beweglicher Anteil an der Herrschaft über den kapitalistischen Gesamtprozeß. Das Ergebnis aller dieser Entwicklungen ist nun ein Zustand, da Systeme von Wirtschaftsverbänden an die Stelle der einzelnen Privatkapitalisten zu treten begonnen haben. Der Kapitalist wird vom Kapitalismus verschlungen, er wird in ihm teils Organ, teils Ernährungsobjekt, als einzelner aber ist er nicht mehr Herr eines bestimmt abgegrenzten Gebietes weder der Arbeit noch des Besitzes. Diese Veränderung ist das merkwürdigste und folgenschwerste Ereignis unserer Epoche, und wir alle stehen in stiller, mit einer gewissen Angst durchzogener Bewunderung vor der unheimlichen Gewalt und Schnelligkeit, mit der sich die Leitung der Produktion und die Verwaltung der materiellen Lebensgüter der Menschheit zentralisiert.

 

Das Eigentumsproblem der unpersönlichen Großbetriebe ist noch kein Problem von heute, aber eine Frage von morgen. Es wird nicht eines Tages in seiner ganzen Vielseitigkeit auftreten, sondern langsam sich Raum schaffen. Es handelt sich nicht um einen Bruch mit der seitherigen Entwicklung, sondern um ihre normale Weiterführung in das formale Recht hinein. Es handelt sich um neue Rechtsformen für das Verhältnis der großen zentralisierten Unternehmungen (kombinierte Eisenwerke, Schächte, Schiffahrtsgesellschaften, Banken, Syndikate, Trusts usw.) zu den Aktionären und um Rechtsformen für das Verhältnis der Angestellten und Arbeiter zu den Betrieben, in denen sie tätig sind. Die Frage: wer ist Subjekt der Riesenbetriebe? drängt nach neuer Beantwortung. Die juristische Antwort von heute lautet: Subjekt der Unternehmungen sind die zeitweiligen Eigentümer der verkäuflichen Aktien. Diese Antwort ist schon heute sachlich falsch, denn die Aktionäre sind gar nicht das wirkliche Subjekt. Sie sind gar nicht imstande, einen einheitlichen Willen zu bilden, und müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen ein Wille zugeschoben wird, der in ihnen selbst nicht entstehen kann. Die wirkliche Leitung aller großen Unternehmungen liegt in den Händen weniger Männer, die sich in den Direktorien der Großbetriebe und in den beteiligten Banken befinden. Die Aktionäre spielen diesen realen Leitungen gegenüber höchstens die Rolle der ehemaligen »edlen und getreuen Stände« gegenüber den Territorialfürsten, das heißt, man braucht sie wegen des Geldes und muß sie im allgemeinen bei guter Laune erhalten, aber Regierung sind sie nicht. Regierung der Industrie und des Handels sind die wenigen, die im Kern des kapitalistischen Getriebes sitzen und dessen Fäden in der Hand haben. Diese zum juristischen Subjekt der Betriebsleitung zu machen, erscheint als der erste Schritt aller weiteren Rechtsentwicklung. Es soll nur in Rechtsform ausgesprochen werden, was schon in Wirklichkeit da ist. Die Aktionäre werden möglicherweise ihrerseits diesen Schritt der Rechtsbildung verlangen, wenn sie in mehreren schweren Fällen erleben, daß ihnen ihre heutigen Rechte praktisch wenig nützen. Sie werden mit der Leitung der Unternehmungen wie mit einer rechtlichen Größe verhandeln wollen und gegen sie unter Umständen klagbar werden können. Es handelt sich um etwas Ähnliches wie um die Ministerverantwortlichkeit im Staat. Aber auch wenn der Wunsch nach rechtlicher Verselbständigung der Betriebsleitungen nicht in dieser Weise kommt, so wird er sich doch irgendwie einstellen, sobald die Kämpfe der Arbeiter mit den Betriebsleitungen an Heftigkeit zunehmen. Der Aktionär ist gar nicht mehr das Subjekt dieser Kämpfe, die für ihn geführt werden, er steht ihnen oft innerlich ganz fern und beklagt unter Umständen die Methode seiner Beauftragten, an der er nichts ändern kann. Man stelle sich Haftbarkeitsklagen zwischen großen Unternehmungen und Arbeiterverbänden vor. Wer ist hier haftbar? Der Aktionär? Er ist hilflos. Die sachliche Haftbarkeit liegt bei der Leitung. Erst wenn die Loslösung der Leitung von der Generalversammlung der Aktionäre auch juristisch vollzogen ist und wenn damit der wirkliche Zustand in Paragraphen gebracht ist, wenn das Unternehmen an sich juristische Person geworden ist, ist es möglich, daß über den Anspruch der Angestellten und Arbeiter auf Teilnahme an Eigentum und Herrschaft am Unternehmen rechtskräftig etwas festgesetzt werden kann. Heute ist die ganze juristische Konstruktion des Großunternehmens exzentrisch, das heißt die Zentralstelle des Willens liegt formell außerhalb der Unternehmung. Gibt man den Aktionären das, worauf sie einen Anspruch haben, und was sie im Grunde allein interessiert, eine Rechtsvertretung ihrer Gläubigerrechte gegenüber dem Betriebe, und entlastet sie von dem, was sie doch nicht ausüben können, nämlich von der Beschlußfassung über die innere und äußere Einrichtung, so macht man das Unternehmen frei, sich selbst seine ihm sachlich angemessene Verfassung zu geben. Damit erst werden die Voraussetzungen geschaffen, unter denen ein konstitutionelles Fabriksystem entstehen kann, bei dem der Arbeiterausschuß und die Beamtenvertretung mehr als ein bloß beratendes Hilfsinstitut werden. Ein organisches Zusammenwirken von Generalversammlung der Aktionäre und Fabrikparlament ist ausgeschlossen, weil beide Versammlungen direkt fast gar nichts miteinander zu verhandeln haben. Jede von ihnen aber hat für sich dann mit der juristisch selbständig gewordenen Leitung zu verhandeln.

Der Vorgang, den wir hier in seinen allgemeinsten Zügen dargestellt haben, ist nicht eine Enteignung, sondern nur eine Ablösung der mit dem Eigentum bisher verbundenen Herrschaftsrechte. Er gleicht in gewissem Sinne dem Verfahren, das bei der Bauernbefreiung eingeschlagen wurde, wenn dabei der »schlechte Besitz« der Bauern in guten Besitz verwandelt wurde, das heißt in rechtskräftiges Eigentum, für welches den bisherigen Oberbesitzern eine Ablösungsabgabe gezahlt werden mußte. Das, was bisher alle am Betrieb aktiv Beteiligten haben, ist schlechter Besitz. Sie schaffen alle am Betriebe, werden in ihm alt, geben ihre Kräfte für ihn hin, aber rechtlich ist er nicht ihr Betrieb. Dieser schlechte Besitz soll in guten Besitz umgewandelt werden, in Rechtseigentum. Erworbene Rechte sollen dabei selbstverständlich geachtet, aber, soweit nötig, in reine Rentenrechte umgewandelt werden. Die Aufgabe, die damit vor dem Staat als Rechtsinstitut steht, ist schwer und langwierig, und ihrer Lösung werden sich mindestens so viele Hemmnisse entgegenstellen wie seinerzeit der Bauernbefreiung, und es ist leider auch wahrscheinlich, daß diese Lösung ebensogut ihre Unvollkommenheiten haben wird, wie die Bauernbefreiung sie in reichlichem Maße hatte, aber man denke nicht, daß unsere Kinder um dieses Problem herumkommen werden!

 

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