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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Es liegt, wie Marx unbestreitbar richtig gezeigt hat, im Wesen des Kapitalismus, seinen Gegensatz in sich selbst heranwachsen zu lassen. Ist es nämlich eine Eigentümlichkeit der kapitalistischen Methode, menschliche Leistungen als profitbringende Ware zu verwenden, so muß sich bei allen denen, die nicht an der Leitung des kapitalistischen Getriebes beteiligt sind, ein Streben entwickeln, nicht nur lebenslängliche Objekte geschäftlicher Spekulation zu sein. Dieses Streben der Objekte, Subjekt zu werden, ist Sozialismus.

 

Kapitalismus ist die aristokratische Auffassung desselben Wirtschaftslebens, dessen demokratische Auffassung Sozialismus heißt.

Es ist von allerhöchster Wichtigkeit, dieses gegenseitige Verhältnis von Kapitalismus und Sozialismus richtig zu erfassen, wenn man sich über die Aussichten des Sozialismus ein Urteil bilden will. Ist nämlich der Sozialismus eine grundsätzliche Verneinung der vorhandenen Entwicklungsrichtung unseres Wirtschaftslebens, dann ist er aussichtslos, denn keine Theorie, und sei sie noch so begeistert in den Willen vieler Menschen übergegangen, vermag etwas gegen die Wucht der unregierbaren Gewalten, die in der unbewußten Entwicklung liegen. Nur wenn, weil und soweit der Sozialismus nichts anderes ist als ein legitimes Kind der bisherigen Wirtschaftsgeschichte, wird er lebensfähig sein. Alle bloße Utopie hat nur den Wert von schönen Träumen.

Der Sozialismus hat wegen dieser seiner Stellung im Kapitalismus zu diesem eine doppelte Haltung einzunehmen. Er muß ihm einerseits zur Vollendung helfen und ihn andererseits in seiner inneren Organisation umgestalten. Beides ist vom Marxismus richtig vorgezeichnet worden. Die marxistische Lehre hat das unzweifelhafte Verdienst, die deutschen Arbeiter von einer an sich naheliegenden rückständigen Beurteilungsweise der kapitalistischen Umwandlung des Wirtschaftslebens ferngehalten zu haben. Wie leicht konnte der Arbeiter gegen maschinelle Fortschritte, gegen Bankkonzentration oder Syndikatsbildung mißtrauisch und gegensätzlich gemacht werden, wenn ihm nicht feste Begriffe über die Gemeinsamkeit seiner Interessen mit denen des kapitalistischen Fortschrittes beigebracht worden wären! Hier zeigt es sich, welchen hohen Wert es gehabt hat, daß der deutschen Sozialdemokratie ein Mann von universalem Blick als geistiger Vater geschenkt wurde. Selbst die doktrinäre Verknöcherung der marxistischen Lehre hat darin einen Nutzen gehabt, daß sie alle Versuche, die deutschen Arbeiter als Hilfstruppen der wirtschaftlichen Reaktion zu brauchen, unmöglich gemacht hat. Noch heute stehen Kapitalisten und Sozialisten den beträchtlichen Resten vorkapitalistischer Zustände, Empfindungen und Absichten gegenüber als geistige Einheit da. Sie vertreten zusammen das Zeitalter des Verkehrs, der Technik, der praktischen Bildung, des Freihandels, der Goldwährung und der Syndikate, soweit sie sich aus Freihandel aufbauen. Sie sind zusammen eine gemeinsame Kulturbewegung, nur innerhalb dieser von ihnen beiden verteidigten und geförderten Kultur streiten sich die Materialbesitzer und die Arbeitleister um das Maß ihrer Rechte.

Die Sozialisten leugnen theoretisch, daß der private Besitz an der Materie, die in den kapitalistischen Prozeß eingegangen ist, eine für diesen Prozeß notwendige Funktion erfüllt. Sie sagen, daß die ganze ungeheure Arbeit der modernen Welt auch ohne Aktionäre und Obligationenbesitzer getan werden könne. Man sehe ein Bergwerk an! Kann es nicht seinen Dienst gegenüber der Gesamtheit tun, auch wenn es keine besonderen Besitzer gibt, denen Dividende gezahlt werden muß? Kann es nicht auf irgendeine Weise diese Besitzer von sich abschieben, um nur sich selbst zu gehören? Oder kann es nicht unter Abfindung der Besitzer in die Hand der Allgemeinheit, der Gesellschaft, übergeführt werden? Und gilt das, was von dem einen Bergwerk gilt, nicht von allen großen unpersönlich gewordenen Unternehmungen? Soll die Arbeit bis in Ewigkeit mit Pflichten gegen eine Rentnerschicht belastet bleiben, die volkswirtschaftlich nicht mehr nötig ist?

Diese Grundfrage des Sozialismus ist so natürlich entstanden, drängt sich jedem Beobachter der heutigen Wirtschaftsverfassung so unmittelbar auf, daß selbst die Kapitalisten, sobald sie ihre persönlichen und egoistischen Gefühle zum Schweigen bringen, sich der Wucht der Frage an sich nicht entziehen können. Es gibt schon heute viele Kapitalisten, die den Ernst der Frage ebensogut verstehen, wie viele Sozialisten. Diese gleichen jenen Aristokraten der alten Zeit, die das Recht, der Demokratie zu leugnen nicht für nötig hielten. Nur sagen sie ihrerseits, daß die geschichtliche Rolle des privaten Wirtschaftskapitals noch lange nicht ausgespielt ist. Noch gibt es endlos große Gebiete des inländischen und vor allem des internationalen Wirtschaftslebens, die längst nicht durchkapitalisiert sind. Der Privatkapitalismus ist erst noch mitten in seiner Arbeit. Jeder privatwirtschaftliche Kapitalzuwachs dient der weiteren Durchkapitalisierung der Erdoberfläche. Was ist es, das die notwendigen Betriebsmittel in alle Ecken der Erde wirft, wenn nicht der Trieb des Besitzes, sich zu vermehren? Glaubt man, daß ein Staatssozialismus oder eine Genossenschaftsindustrie dasselbe leisten werde? Wenn der Privatkapitalismus wirklich schon am Ende seiner Aufgabe wäre, so müßte er die Züge eines alt und müde gewordenen Systems an sich tragen, Züge der Hilflosigkeit, Unsicherheit, der inneren Gebrochenheit. Das ist aber in unseren Tagen trotz aller sozialdemokratischen Leitartikel noch nicht der Zustand des Kapitalismus. Er ist voll und übervoll von Plänen und gewinnt noch immer steigende Mittel und Regierungskraft, während der Sozialismus Mühe hat, sich ihm gegenüber zu behaupten. Nach aller menschlichen Voraussicht ist die Uhr des Kapitalismus noch nicht abgelaufen. Man kann ihn in Resolutionen totschlagen, aber was hilft das?

Eine Wirtschaftsverfassung, die aus so vielen Voraussetzungen heraus entstanden ist, und die sich mit alten und neuen Rechten so ummauert hat wie der Kapitalismus, ist langlebig auch in einer schnell vorwärtsschreitenden Zeit. Sie verändert sich in sich selbst nach ihren eigenen Gesetzen und wird sich schließlich einmal so verändert haben, daß sie etwas völlig anderes geworden ist, aber sie ist in jedem Einzelkampf, den man ihr aufzwingt, von enormer Zähigkeit. Man sehe doch, wie zäh noch immer das prinzipiell überwundene Adels- und Feudalsystem sich am Leben erhält! Und wie sollte das viel jüngere und vollsaftigere neue System schon wieder seinen Platz räumen wollen? Der Sozialismus wird sich darauf einrichten müssen, daß es noch lange Zeiten hindurch den Kapitalismus gibt, und wird sich darauf beschränken müssen, ihm im einzelnen Terrain abzugewinnen und die Demokratisierung der Wirtschaftsleitung zu fördern.

Das alles bedeutet in keiner Weise eine Unterschätzung des Sozialismus. Er ist eine wirtschaftsgeschichtliche Bewegung allerersten Grades, eine Erscheinung, wie sie in keiner früheren Zeit vorhanden war. Die Masse will wirtschaftlich Subjekt werden. Nur wird sie nicht darauf rechnen können, daß ihr alle Fülle alter Macht sozusagen von selbst in den Schoß fällt. Sie muß sich im Kapitalismus in die Höhe arbeiten und hat dazu wesentlich drei Wege: erstens die möglichste Steigerung der technischen, geistigen und moralischen Leistung ihrer einzelnen Mitglieder, zweitens die Vervollkommnung der Organisationen der Arbeitsverkäufer und der Einkäufer von Massenwaren, drittens die Ausnutzung der staatsbürgerlichen Rechte zur Erzielung einer staatlichen Wirtschaftspolitik, die den Interessen der besitzlosen Menge entgegenkommt und sie fördert. Diese drei Richtungen der Tätigkeit des Sozialismus sind unter sich eng verbunden, denn die Qualitätserhöhung der Arbeiter ist ohne Erhöhung der Staatsleistungen für Bildung und ohne Organisierung der Arbeiterschaft nicht denkbar, die Organisierung ist ohne politische Freiheit und Qualitätsverbesserung nicht allgemein durchführbar, die politische Macht setzt wirtschaftliche Leistungen voraus. Es muß ein großer allgemeiner Wille in der Masse lebendig sein, aufwärtszusteigen. Dieser Wille ist die seelische Grundlage des Sozialismus. Daß dieser Wille von der Sozialdemokratie geweckt und gefördert worden ist, und sei es auch zeitweise in agitatorischer Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit, ist ihr bester Beitrag zur nationalen Gesamtwirtschaft.

Die arbeitende Klasse ist in Deutschland im Aufsteigen. Die Statistik des wachsenden Volksbedarfs beweist es, daß wir eine Erweiterung des Lebensspielraums der Menge vor uns haben. Aber der Augenschein jedes Menschen, der das Arbeiterleben in seiner Alltäglichkeit kennt, bezeugt trotzdem, daß noch unendlich große Aufgaben vor uns liegen. Was könnte aus dem deutschen Volke gemacht werden, wenn es in allen seinen Teilen gut erzogen, gut ernährt und sittlich geachtet würde! Das würde ein Volk von wunderbarer Tüchtigkeit sein! An dieses Volk, das im ganzen kein Volk von Knechten mehr ist, glaubt der Sozialismus. Um dieses Glaubens willen werden von zahllosen kleinen Leuten Opfer gebracht, die in Erstaunen setzen. Mag für viele dieser kleinen Leute der Sozialismus eine Art Religion sein, ein Glaube, der sich mehr mit dem Endziel beschäftigt als mit den Zwischenstufen seiner Verwirklichung, so ist ein gewisses Maß von Illusion bei allen bedeutenden Geschichtsbewegungen notwendig, und auch der ältere Liberalismus ist seinerzeit nicht ohne populäre Illusionen ausgekommen. Wer viel erreichen will, muß noch mehr hoffen können. Der Verlauf der Geschichte zeigt schon von selbst, wo die Elastizität des Wünschens größer war als die Möglichkeit der Verwirklichung. Es zeigt sich, daß der Kapitalismus nicht im Sturm erobert werden kann. Er ist noch fest, aber er bietet der Arbeiterklasse die Möglichkeit, sich immer mehr zu recken und zu strecken, hilft ihre Zahl vermehren und ihre Unentbehrlichkeit empfinden.

 

Sind wir der Überzeugung, daß der Industrialismus und Kapitalismus noch im Aufsteigen ist, daß er die nächste und vielleicht auch die übernächste Periode noch beherrschen wird, dann ist die Frage des Sozialismus nicht die: Wie wird es einmal aussehen, wenn wir den Charakter der Periode beherrschen, sondern: Welches sind unsere Möglichkeiten und Aufgaben in dieser Periode, die sich noch kapitalistisch aufwärts entwickelt? Und da ergibt sich das Doppelverhältnis, daß der Sozialismus dem Kapitalismus Fortschritte wünschen muß und ihm doch beständig in den Arm fallen muß, dieses Doppelverhältnis, welches viel komplizierter ist als die einfache Idee von der alten vergehenden und der neuen kommenden Gesellschaft. Der Sozialismus muß auf der einen Seite sagen: Wir brauchen es, daß die Kapitalmacht wächst, denn wir brauchen Modernisierung des ganzen Betriebes, Vermehrung der Betriebsmöglichkeit, Vermehrung der Güter; wir brauchen es, daß die Leitung der Technik so exakt ist und so hoch steht, wie sie nur irgend sein kann, und wir müssen wünschen, daß in dieser Hinsicht unsere jetzige geschäftsführende Schicht noch viel mehr leistet, soviel überhaupt denkbar ist. Der Sozialismus muß zur jetzigen kapitalistischen Gesellschaft sagen: Ihr müßt technisch noch viel durchgearbeiteter, kapitalistisch noch viel durchorganisierter werden, und in dieser Hinsicht muß er dem aufsteigenden Kapitalismus helfen gegenüber der schweren rückwärts ziehenden Bewegung, muß ihm helfen in bezug auf Verkehrspolitik und muß ihm helfen in bezug auf Handelspolitik; ja selbst in einem Punkt, der für diejenigen, die selber kein Kapital haben, ungeheuer schwer ist, hat der Sozialismus die Rolle begriffen, daß er den Kapitalismus fördern muß, nämlich in bezug auf die Gesetzgebung über die Börse.

Indem er dies alles tut, muß er doch zugleich auf der andern Seite sagen: Alles das, was nun gewonnen wird durch die größere Technik, durch größeren Verkehr, durch die Freiheit des Handels, durch größere Beweglichkeit der Börse, kurz durch die ganze neue Volkswirtschaft, ist ein Erbe, auf das wir unsere Hand mit legen wollen, wovon wir unsern Anteil haben wollen. Und während er gemeinsam mit dem Kapitalismus vorwärts rennt, muß er ihm doch immer wieder ein Stück des Ertrages aus den Händen zu ziehen suchen und muß sagen: Gewiß, wir gewinnen zusammen, aber wir – denn in diesem Falle ist der Sozialismus die Gegenstellung gegen die, welche die Leitung im kapitalistischen Prozeß haben – kämpfen um Lohn, um Arbeitszeit, kurz, um den Anteil an alledem, was dieses moderne Leben uns in Volk und Land hineinwirft. Mit andern Worten, das Systembildende der kommenden Periode ist immer noch nicht der Sozialismus, sondern der industrielle Kapitalismus, und der Sozialismus wächst mit diesem als seine notwendige Begleiterscheinung, wächst mit ihm als sein Gegenbild, wächst mit ihm als Bruder und Feind zugleich in die nächste kapitalistische Epoche hinein.

* * *

Aus bloßen kaufmännischen und technischen Bestrebungen heraus kann man es nicht verstehen, wenn der Erwerbstrieb und der Organisationsgeist einen früher nie geahnten Umfang annehmen. Die Menschen bleiben nämlich unter Umständen jahrhunderte- und jahrtausendelang in mittelalterlicher Wirtschaft, wenn ihre Seelen so lange mittelalterlich gebunden bleiben. Man sehe sich die Chinesen an! Auch dort gab es ökonomische Gründe genug, die Wirtschaftsweise ertragreicher zu gestalten, als sie bis heute ist. Die Not der Übervölkerung hätte dort viel eher zu neuen Entwicklungen führen müssen, wenn es nicht am wesentlichsten gefehlt hätte, an der neuen Seelenrichtung. Diese entstand nicht im Kulturlande des Ostens, sondern bei uns im Abendlande auf einem Boden, der zunächst viel weniger nach ihr schrie, als etwa der Boden Chinas und Indiens. Bei uns entstand in einer eigentümlichen Weltgeschichtstemperatur die kapitalistische Seele und wurde Massenerscheinung. Vorher und anderswo kam sie vereinzelt vor, sozusagen versuchsweise, in Westeuropa aber wurde sie Normaltypus.

 

Wer heute Orient und Okzident vergleicht, der kann sich am besten eine innere Vorstellung vom Wesen des Kapitalismus machen. Im Orient gibt es Reichtümer, Schacherer, Geschäfte, aber noch immer keinen eigentlichen modernen Kapitalismus. Es fehlt etwas Schwer-zu-sagendes: die Unpersönlichkeit des Erwerbstriebes, sozusagen die Mathematik des Mammonismus. Diese ist unser Schicksal, die Ursache unserer Größe und unserer Leiden.

 

Weil der Kapitalismus moralisch und unmoralisch zugleich entstanden ist, trägt er auch bei seinem Größerwerden eine doppelte Seele, eine herzlose und eine menschenfreundliche; er kommt als Ausbeutung und Befreiung, als Materialismus und Idealismus, als ein Instrument für Übermenschen und eine Lebensvermehrung für Massen.

 

Der einzelne Kapitalist arbeitet natürlich nur für seinen Profit, aber mit oder ohne Willen ist er ein Organ der ganzen Volkswirtschaft. Er sitzt an der Quelle und trinkt zuerst, aber er kann es nicht hindern, daß Ströme wirtschaftlichen Wassers durch seine Hände weiterfließen.

* * *

» Wir leben im Zeitalter des Verkehrs«, ist nur ein anderer Ausdruck der Tatsache: wir leben im Zeitalter der gewaltigen Kapitalvermehrung. Wo gibt es noch Wälder, wo gibt es Felder, wo sind Erze, wo sind Steine, wo sind Tiere, wo sind Berge, wo sind Dünen, die nicht anfangen, Kapital zu werden? Man fühlt es, wie das Zeitalter des Verkehrs an jeden alten Felsen klopft, um ihn zu fragen: sage, Alter, kannst du nicht irgendwie Kapital werden? Die Eisenbahn und das Dampfschiff werden es fertigbringen, daß in einigen Menschenaltern die ganze Erdoberfläche durchkapitalisiert sein wird, einbezogen in das Doppelsystem der Material- und Finanzgemeinschaft. Das ist das geschichtliche Erlebnis des Geschlechtes, zu dem wir gehören. Wie wenig Dinge waren im Mittelalter Kapital, und wie unendlich viele sind es jetzt!

 

Noch sind wir mitten drin im Prozeß der Durchkapitalisierung der Erdoberfläche, aber wir sind doch schon so weit, daß die Phantasie versuchen kann, den Zustand zu ergründen, der eintreten muß, wenn selbst China, diese letzte Riesenburg der mittelalterlichen Wirtschaft, in Goldwerte umgedacht sein wird. Dann besteht das Wachsen des Kapitals nicht mehr im Erschließen alter Herrschaftskulturen der vorkaufmännischen Zeit, sondern nur noch in der Steigerung der inneren Intensität des Arbeitsvorganges. Dann erst tritt eine Wirkung der Goldvermehrung rein zutage, die jetzt zwar als Tendenz vorhanden ist, sich aber wegen der großen Ausdehnungsarbeiten nicht merkbar betätigen kann. Goldvermehrung bei sonst gleichbleibenden Verhältnissen, bei geschlossenem Handelsgebiet, bedeutet, daß für mehr Gold weniger Ware gegeben wird, daß also die Warenpreise und Löhne steigen, oder daß die Schuldner weniger Arbeit und Materie abgeben müssen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Goldvermehrung hebt also von einem gewissen Zeitpunkte an die verschuldeten Nationen gegenüber den Gläubigerstaaten in die Höhe. Das wird der kritische Zeitpunkt für die Weltherrschaft der weißen Rasse und insbesondere der angelsächsischen Nationen sein, und erst in dieser späten Situation kann man sich vorstellen, daß der Besitz der Goldfelder als politisches Kampfobjekt der ganzen Menschheit in Betracht kommt, und zwar sind es dann voraussichtlich die besitzenden Völker, die das Gold zurückhalten werden, um ihre Renten hochzuhalten.

Es würde vielleicht nicht nötig sein, der Phantasie zu gestatten, in so weite Fernen vorauszueilen, wenn wir nicht genötigt wären, der marxistischen Lehre von der Endkatastrophe des Kapitalismus eine bestimmte Ansicht gegenüberzustellen.

Die Marxisten sagen ihren Anhängern, daß die kapitalistische Gesellschaft an ihrer eigenen Konstruktion zugrunde gehen muß. Bis jetzt ist dieser Untergang aber weder eingetreten noch in Aussicht. Der Kapitalismus entwickelt sich, verändert sich, organisiert sich in immer größeren Verbänden, aber er hat keineswegs hippokratische Züge im goldglänzenden Angesicht. Das macht, weil er noch im Zeitalter der Ausdehnung nach außen ist. Solange er sich noch immer neue Gebiete erobern kann, bleibt er noch gesund in sich selber und erstickt nicht an der Fülle seiner eigenen Produkte, weil er noch immer Neuland für neue Arbeitsprozesse findet. Erst dann, wenn die Ausdehnung zu Ende sein wird, entsteht die Frage, ob der innere Kreislauf des Kapitals an sich zu Stockungen und Zerstörungen führen muß, dann entsteht die Frage, ob die Kapitalvermehrung den Kapitalismus tötet.

 

Der Einfluß der großen Banken ist gleichzeitig extensiv und intensiv, jenes, indem er die Sphäre der kapitalistischen Geschäfte nach außen hin erweitert, dieses, indem er die Entpersönlichung des Arbeitskapitals fördert. Beides ist nicht immer auseinanderzuhalten, da oft die Produktionserweiterung mit der Entpersönlichung zusammenhängt. Man muß dabei festhalten, daß es den Banken meist weniger darauf ankommt, regelmäßige Verwaltungen zu übernehmen, als Neugründungen, Neuanlagen, Umwandlungen, denn erst in der Vermittelung neuer Kombinationen erhöht sich der kaufmännische Verdienst. Die Bank hat das Bestreben, ihre eigenen Mittel möglichst wenig dauernd festzulegen, um für neue Unternehmungen die Hände wieder frei zu bekommen. Sie gründet, um die Aktien, wenn sie in die Höhe gestiegen sind, wieder zu verkaufen. Dasselbe gilt von den Staatsanleihen. Auf diese Weise sind die Bankkapitalien die Kavallerie des kapitalistischen Aufmarsches. Sie sind beständig von inländischen und ausländischen Projekten umlagert. Was könnte noch alles gemacht werden! Alle Erdteile sind voll von Arbeiten, die geschehen könnten! Es fragt sich aber, welche davon am ehesten in das bisherige System der Märkte, Transporte und Bedürfnisse sich einordnen, denn nur bei ihnen ist zu gewinnen. Dieses zu untersuchen und danach zu handeln, ist Bankangelegenheit. Ein berühmtes Beispiel solchen Handelns mit großen fernen Möglichkeiten war der Suezkanal und ist die Bagdadbahn, ein unglückliches Beispiel der frühere französische Versuch eines Panamakanals. Die Zukunft ganzer Länder hängt von den Entscheidungen einiger europäischer Bankdirektoren ab. Beispielsweise werden Palästina und Mesopotamien sich nie aus eigner Kraft heben können. Sie warten, bis Londoner, Newyorker, Pariser, Brüsseler oder Berliner Kapital durch direktorialen Entschluß auf ihre kahle Oberfläche geworfen wird. Ähnlich ist es aber auch mit der Entwicklung einzelner Landesteile bei uns. Es gibt kleinere Industrien, die deshalb nicht gedeihen, weil sie für die Bankleitungen zu unübersichtlich sind und deshalb liegen gelassen werden. Da nämlich die großen Banken allein imstande sind, große Umwandlungen anzubahnen, da aber diese Banken an glatten, großzügigen Verkehr gewöhnt sind, so sind sie, wenn man so sagen darf, ungerecht gegen alle Produktionsformen, die einen verworrenen äußeren Anblick und größere Verwaltungsschwierigkeiten darbieten. Die Banken arbeiten trotz ihrer Größe nicht nach allgemeinen volkswirtschaftlichen Kulturgesichtspunkten, sondern als Erwerbsgeschäfte, die das unbequeme Geschäft, auch wenn es an sich lohnend sein könnte, möglichst von sich abschieben. Daher kommt beispielsweise die relativ geringe Geldausstattung der deutschen Viehzucht, des deutschen Baugeschäfts und der feineren Textilbranche. Mitten im Zustrom anlagebedürftiger Gelder bleiben durstige Arbeitsgebiete ungetränkt, während andere Arten von Anlagen mit finanziellem Wasser geradezu übergossen werden. Das große Kapital verlangt von seinen Schützlingen, daß sie sich auf die normale Gesellschaftsform der kapitalistischen Produktion einlassen, es verlangt im allgemeinen die Aktiengesellschaft. Erst in neuerer Zeit treten ihr verschiedene Genossenschaftsformen erfolgreich zur Seite. Jedenfalls aber bei Aktiengesellschaft wie Genossenschaft verlangt das Großkapital die Verminderung des rein persönlichen Betriebes.

 

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