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Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit

Friedrich Naumann: Das Blaue Buch von Vaterland und Freiheit - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Naumann
titleDas Blaue Buch von Vaterland und Freiheit
publisherKarl Robert Langewiesche
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131022
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Nicht als ob die technische Arbeit alles wäre im menschlichen Leben! Keineswegs! Aber gerade für die nächste Periode wird sie alles sein müssen, denn es ist die Zeit, wo wir ein Volk von achtzig Millionen Menschen werden und wo wir die Märkte besetzen müssen, wenn wir leben wollen. Die Ausscheidung aller Arbeitsvergeudung aus dem volkswirtschaftlichen Getriebe, die Anspannung jeder Kraft für möglichst gute Arbeit, die Benutzung der modernsten Erfindungen, die Ausweitung des rechnerischen Geistes, die Weckung eines absolut starken volkswirtschaftlichen Pflichtgefühls, das sind die Elemente, die wir brauchen, um trotz unserer Masse und mit ihr ein freies und aufwärtssteigendes Volk zu sein. Wahrscheinlich kommen später wieder Zeiten, die für die reine Weltanschauung an sich mehr Auge und Ohr haben, jetzt gilt es erst, die fordernd vor uns stehende Zeitaufgabe zu begreifen und zu erledigen: die Grundlage des Lebens für die heraufquellende Masse! Das ist die nationale Frage der nächsten Jahrzehnte. Das ist es, was in der Sozialdemokratie sich vorbereitet und was vom ehrlichen Liberalismus mit Hand und Mund gefördert werden muß. Man kann es Amerikanismus nennen. Wir scheuen das Wort nicht. Die träumende Romantik, so lieb und schön sie sein mag, muß zunächst einmal der Erziehung eines Geschlechtes Platz machen, das vor allen Völkern das Eisen, dieses Urmaterial der neuen Tage, zu handhaben weiß. Es wird eine Einseitigkeit sein, die den Charakter der nächsten Periode ausmacht. Ja, eine starke und kräftige Einseitigkeit! Ohne sie können wir alle nichts gewinnen. Und diese Einseitigkeit, die wir brauchen, wird das Gegenteil von Konfessionalismus sein.

Nicht das Gegenteil des religiösen Glaubens! Eine Zeit, wie wir sie beschreiben, kann nicht ohne Glauben sein, denn aus bloßer Alltags- und Bierbankweisheit wachsen die Menschen nicht, die den Elementen gebieten. Eine solche Zeit hat ihren Gott, ob sie ihn so nennt oder nicht. Sie braucht Opfer, Hingabe, Liebe, Zucht, Treue, Mut, Keckheit, Sorglosigkeit und Furchtlosigkeit wie nur je eine Zeit. Mit armen hohlen Puppenseelen ist ihr gar nicht gedient. Menschen, die wert sind, daß sie leben! Deshalb wird eine solche Zeit von ihren Erziehern verlangen müssen, daß sie selber als Menschen etwas taugen. Alle tiefen Bewegungen des Innern, die mit der Religion zusammenhängen, werden gebraucht werden, wenn das alte Deutschland umgeschmiedet werden soll. Nichts ist deshalb geschichtlich falscher, als sich die kommende Umwandlungszeit grundsätzlich atheistisch zu denken. Aber ebenso falsch ist es, zu meinen, daß es der Konfessionalismus sein wird, der die Geister füllt. Kommt einmal die neue Zeit, dann verlieren die priesterstreite ihren Wert, dann ist es auf einmal wieder möglich, fromme große Gedanken zu haben, die nicht fertig abgestempelt aus dem kirchlichen Lagerhaus bezogen werden.

Man wird sagen, das sei Schwärmerei. Wir sind es gewöhnt, daß man uns Schwärmer nennt. Besser etwas zu viel Gutes glauben als gar nichts! Gerade weil vom Geist der lebendigen Religion, die in jeder Zeit neue Aufgaben bekommt, durch die erste frische Periode des Konfessionalismus etwas bis zu uns gekommen ist, gerade deshalb können wir die Entwicklungsgeschichte unseres Volkes mit hoffender Zuversicht begleiten und können die Ansätze neuen Glaubens wahrnehmen, die es auch in der Sozialdemokratie gibt, diesem Hauptbestandteil der kommenden Linken.

* * *

Es war in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ohne Zweifel richtig, daß dem Volke der Dichter und Denker etwas praktischer Materialismus anerzogen wurde, damit es überhaupt erst lerne, sich in der Welt der wirklichen Dinge mit Erfolg zu bewegen. Das gilt sowohl vom Unternehmer wie vom Arbeiter, denn beide mußten heraus aus der alten Träumerei. Die Unternehmer mußten rechnen lernen und mußten an sich selbst erfahren, daß ohne feste rechnerische Grundlage kein Geschäft gedeihen kann. Es war nötig, ihnen kapitalistisch-materialistischen Geist einzuflößen, damit sie den altväterlichen Betrieb aus seiner Kleinheit und Gemächlichkeit emporheben konnten zur modernen Industrie. Sie mußten lernen, den Arbeitskauf an die Stelle des veralteten patriarchalischen Systems zu setzen. Das war eine starke Änderung des überkommenen früheren Gemütszustandes. Ebenso war es für die Arbeiter nötig, daß sie zu rechnen anfingen und ihre Arbeitskraft als Ware auf den Markt zu bringen suchten. Mit bloßer träumender Geduld war nichts zu machen. Der Mensch lebt von der Materie, also muß er materielle Güter zu gewinnen suchen. Wer die Arbeiter oder Angestellten aus dem vorherigen Zustande festhalten will, der versteht ihre Lebenslage nicht. Wir alle sind mitten drin in wirtschaftlichen Kämpfen, und es ist eine Unklarheit des Denkens, wenn man dabei die Menschen zu selbstlosen Engeln machen will. Ein reiner selbstloser Engel kann weder eine Aktiengesellschaft leiten, noch auch in ihr als Angestellter seinen Platz behaupten, weil er ja stets aus lauter Güte jedem andern nachgeben und weichen würde. Es gehört zum Wirtschaftsmenschen ein gewisses Maß von Egoismus und Materialismus. Wer das leugnet, kennt die Dinge nicht. Aber wir wiederholen »ein gewisses Maß«. Materialismus im Übermaß wirkt gerade umgekehrt und ist die stärkste Gefahr alles menschlichen Wirkens.

 

Mit bloßem Eigennutz kommt die Menschheit nicht vorwärts.

Es hat eine Zeit gegeben, in der man das wohlverstandene Selbstinteresse als die alleinige Quelle des Fortschritts ansah. Der egoistische Mensch war der Träger der Kultur, er drängte sich vor, und indem er das tat, schob er die andern mit vor sich her. Es wurde die Rücksichtslosigkeit als Heilmittel gegen den Schlaf der Jahrhunderte gepriesen. Jeder ist seines Glückes Schmied! Der Starke ist am mächtigsten allein! Tue recht und scheue niemand! Der Einzelmensch wurde losgelöst von seiner Gemeinde, von seiner Sippschaft, von seiner Innung und von seinem Volk, als ein Wesen für sich betrachtet, das seinen eignen Weg geht und auf Gefahr oder Gewinn seine eignen Geschäfte macht. Diese Auffassung hatte als Kehrseite, daß niemand mehr verpflichtet war, dem Schwachen zu helfen. Wer zu schwach ist, mag untergehen!

Heute liegt diese Art von Philosophie der Selbstsucht schon ziemlich weit hinter uns? das heißt, sie wird nicht mehr in Offenheit und ohne Einschränkungen verkündigt, aber in der Praxis gibt es noch viel Glauben an die vorwärtsdrängende Macht des Selbstinteresses. Das ist auch nicht wunderbar, weil tatsächlich in allen diesen Sätzen ein tüchtiges Stück Wahrheit enthalten ist. Zu den Kräften, die die Menschheit braucht, gehört der Egoismus und der aus ihm folgende Wille zum vorwärtskommen. Falsch ist nur, wenn man diese Kraft als die höchste und einzige hinstellt. Gerade bei den größten Menschheitsaufgaben versagt sie. Mit einem Heere von Egoisten werden keine Schlachten gewonnen, weder im Kampfe der Waffen noch im Wettkampfe der Arbeit. Der Egoismus reicht nämlich nur so weit, als das eigne arme Leben reicht. Alles, was darüber hinausgeht, ist für den Egoisten zu hoch.

 

Für die innere Gerechtigkeit gibt es keine Paragraphen, denn hier hängt alles von der Lebenslage des einzelnen ab. Täglich, fast stündlich verkehren wir mit anderen Menschen. Der Verkehr beruht auf Geben und Nehmen. Wir nehmen von ihnen Arbeit, Rat, Unterhaltung, Geld, Freundlichkeit, Belehrung. Wir geben ihnen Arbeit, Leitung, Geduld, kurz, wir geben ähnliches zurück, wie sie uns geben. Unser ganzes Dasein ist voll von dieser täglichen Einnahme und Ausgabe menschlicher Lebenskräfte und Güter. Jedes Eheleben, Freundschafts-, Geschäftsverhältnis beruht auf Gegenseitigkeiten. Wer in diesen tausendfachen Gegenseitigkeiten darauf bedacht ist, nicht weniger zu geben, als er nimmt, der ist gerecht.

Der Gerechte sieht sich also stets von einer Schar von Menschen umgeben, die von ihm etwas zu fordern haben. Je höher und reicher sein Leben ist, desto mehr hat er Verpflichtungen, denn desto mehr Leute dienen, helfen, tragen ihn. »Wem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern.« Es ist niemand wohlhabend, ohne daß hundert oder tausend Menschen, die er kennt oder nicht kennt, ihm alles erarbeiten, was er braucht, um in seiner Weise bequem und freundlich zu wohnen und zu leben. Für ihn ackern Bauern, graben Bergleute, fahren Schiffer, sägen Holzknechte, weben Weber, für ihn arbeitet eine ganze Gesellschaft mit allen ihren Tätigkeiten und Rechten. Was gibt er ihr dafür? Aber auch kein Armer und Ärmster lebt, der nicht andere für sich schaffen ließe, hat er den Willen, etwas wiederzugeben? Ist er gerecht, der Reiche sowohl wie der Arme?

Niemand kann als Reicher die Gesinnungen des Armen besitzen. Er wird in seinem Reichtum die Welt von oben ansehen, und von oben sieht die Welt sehr viel anders aus als von unten. Wie selten versteht jemand, der keine Geldsorgen hat, die Angst um den Pfennig! Die Fülle von Teilnahme für Menschenschicksal, die du heute hast, wirst du dir kaum erhalten können, wenn du über allen anderen thronst. Natürlich würdest du auch dann wohltätig bleiben, Gaben geben, nützliche Dinge unterstützen, aber wie schwer ist es, daß ein sehr Reicher eine innere Leidenschaft für den Sieg des Guten behält!

 

Die Menschenliebe sucht nach einem Platz im System der rationell betriebenen Wirtschaft. Die neue Welt muß in irgendwelchen Formen den Geist der Hingabe, des Entsagens und der Brüderlichkeit, den Geist der Wertschätzung der Seele des Armen, in sich aufnehmen. Mit der bloßen materialistischen Verkündigung des Profits und Klassenkampfes sind wir zu arm an seelischer Größe, aus der die großen Werke des Menschentums geboren werden. Das fühlt man oben und unten, man hat eine Sehnsucht, sei es nach Rousseau, der der weltliche Franziskus ist, sei es nach Franziskus, sei es nach dem Manne der Bergpredigt, nach dem Propheten der Innerlichkeit und Güte, die nicht aus berechenbaren Motiven herauskommt.

 

Der Geldgeist war nötig und ist nötig, und niemand wird es aufhalten, daß er sich über die ganze Menschheit verbreitet, aber dieser Geist ist nicht der Inhalt der Menschheit selber. Wenn alle Ahnungen, Mysterien, Sakramente, Doxologien, Kulte der Vergangenheit nur dazu dagewesen wären, um als Dekorationsstücke für eine wohlgenährte Gedankenlosigkeit zu dienen, dann möchten wir für solche Zukunft nicht arbeiten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Eine Zeitlang kann eine um Lohngroschen kämpfende Arbeiterschaft oder eine mit dem Ausland ringende Unternehmerschaft sich einbilden, die ganze Welt bestehe nur aus Tarifen und Preisen. Man soll deshalb mit ihnen nicht rechten, denn sie dienen der Notwendigkeit des Augenblicks, aber noch weniger soll man sich von ihnen vorschreiben lassen, was zur vollen Menschlichkeit gehört, denn dazu sind die Geldkämpfer am wenigsten geeignet. Sie sagen, alles, was sich nicht in Ziffern ausdrücken lasse, das sei Wahn und Blödheit, aber dann, wenn sie selber alt und müde werden, wenn sie Schwierigkeiten mit ihren Kindern haben, wenn sie Undank erleben und unter die Räder kommen, dann stehen sie plötzlich in der Nacht wie Nikodemus vor unserer Tür und fragen, ob der Mensch wieder jung werden könne, wenn er alt ist, dann wollen sie kein Geld, keinen Profit, sondern etwas, was höher ist als alle Vernunft. Menschen aber in solchen seelischen Nöten nicht untergehen zu lassen, ist auch wirtschaftlich wertvoll. In diesem Sinne leisten auch diejenigen religiösen Richtungen etwas, die sich direkt mit sozialen Fragen gar nicht befassen.

Man denke sich etwas in die weitere Zukunft hinein. Da sind viele Millionen von Menschen, die nichts sind und werden können als dienende Glieder eines unübersehbaren Getriebes, mag man sie Beamte, Privatbeamte, Angestellte oder Arbeiter nennen. Diese Leute sind die Durchschnittsmenschen der künftigen Zeiten. Mögen sie gute Löhne und Gehälter haben und im Betriebsparlamentarismus der Zukunft ihre Vertreter wählen können, so bleibt doch die Frage übrig, ob ihnen ihr Leben in demselben Maße wertvoll sein wird, wie es das Leben auch unter harten Verhältnissen für den kleinen Bauern oder für den Handwerker gewesen ist. Dasselbe gilt auch von den Frauen der Zukunft. Sie werden vielfach leichtere Arbeit haben als in der Vergangenheit und erweiterte öffentliche und gewerbliche Rechte. Ob sie mehr Lebensinhalt gewinnen werden? Das hängt nicht von Betriebsformen und Vertretungsrechten ab, sondern von dem Miterleben großer seelischer Vorgänge. Der bloße Besitz einer Wohnung mit Balkon und einer Altersversicherung sind noch kein Ersatz für das, was früher Christentum hieß.

* * *

Vor sechzig Jahren! Damals gab es in der Tat ernsthafte Menschen, welche, berauscht vom frischen Tranke neuer Einsichten, sich kühnen Hoffnungen hingaben, als sei nun endlich die Nacht faustischer Zweifel an der Erkennbarkeit der Dinge vorbei. Wie weit liegt das schon wieder rückwärts! Wir sind wieder dort, wo Faust war, als er zwischen allen Geheimnissen des Lebens sterbensbereit die Osterglocken hörte: Christ ist erstanden! Wir sind bereit, einen Glauben zu hören, weil wir uns bis zum Verzweifeln mit dem Wissen geplagt haben. Viele tausend Menschen sind bereit. Wo aber ist der Glaube?

Wo ist der Glaube? Wo ist das, was dem zerteilten Wissen Einheit gibt? Wo erfahren wir mehr als im geologischen Museum und aus der Sternwarte? Wo erfährt der Durchschnittsmensch, dem alles Wissen nur wie ein Schattenspiel angelernter Wahrheiten erscheint, das, was des Lebens Zweck, Sinn und Inhalt ist? Die Ohren sind offen, aber noch fehlen die Propheten. Man rettet sich zum »alten Glauben«, weil man den neuen Glauben nicht finden kann. Der alte Glaube soll wieder hervorkommen, als ob er jung wäre. Das nennt man dann ein geistiges Ostern.

Alter Glaube. Was ist das eigentlich? Es ist wie gewesenes Werden, verbrannte Glut, verklungener Ton, ausgeliebte Liebe, gestorbene Herrlichkeit. Ein alter Glaube ist wie eine Rittergeschichte in Zeiten, wo man keine lebendigen Ritter mehr hat. Solche Geschichten können wunderschön sein, können alles, was in uns an alter Erbseele lagert, zum Jubilieren bringen, sind und bleiben aber doch eben Rittergeschichten. Sie fangen an: »Es war einmal« und schließen mit dem bedenklichen Zweifel: »und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch«. Nie möchten wir diese Geschichten verlieren oder gar uns verschandeln lassen, aber sie sind eben Geschichten. Der alte Glaube ist so wie der alte Stil, die alte Tracht, die alte gute Melodie. Ohne Vertiefung in das gute Alte entsteht nichts Neues, was Saft und Kraft hat. Deshalb ist es Barbarenwerk, wenn jemand den alten Glauben behandelt, als sei er ein Betrug oder eine Verblödung. Im Gegenteil, der alte Glaube ist und bleibt heilig und ehrwürdig, denn an ihm sättigten sich unsre Vorväter. Wer für ihn keine Pietät hat, mit dem kann man zur Not über Alltagskram sich unterhalten, aber nie über Innerlichkeiten. Um mit der Seele zu sprechen, muß man sie in ihrem Vaterhause besuchen. Eins nur fehlt dem alten Glauben: er ist nicht neu!

Der Papst in Rom und der Oberkirchenrat in Berlin geben sich Mühe, den alten Glauben für neu zu erklären. Gehet hinaus, ihr Herolde, in alle Welt, stellt euch an alle Straßenecken und blaset dort mit brausendem Gedröhn, daß die ältesten Bekenntnisse von den Toten erstanden seien und durch München oder Köln wandeln, als seien sie Jünglinge! Blaset nur zu! Es hilft nichts! Die Leute hören es, wie wenn jemand im Winter neue Kartoffeln ausbietet. Wo wird er sie wohl herhaben? Aus dem Treibhaus, oder hat er die alten so lange geschüttelt, bis sie aussehen wie neu? Der alte Glaube wird dadurch gekränkt, daß man ihn in ein fremdes Klima versetzen will. Er gehört in seine Zeit. Da ist er lieblich und groß. In die Modernität versetzt, sieht er so merkwürdig zerdrückt aus, so gar wenig osterfreudig.

Wo aber ist der neue Glaube?

Er ist dort, wo der alte Glaube war, ehe er von Konzilien beschlossen wurde, er ist da, wo das Brot ist, wenn im Frühjahr die grünen, kleinen Halme sich aus den Äckern vom Winde hin und her treiben lassen, von einem so jungen Glauben kann man sich noch nicht satt essen. Das ist die Pein derer, die heute Glauben in sich tragen, daß sie nicht mehr den alten Glauben und noch nicht den neuen darzubieten vermögen. Aber schon diese Erkenntnis, daß wir im Frühling stehen, ist ein Segen. Sie bewahrt vor jener Müdigkeit, die nichts weiß und nichts glaubt. Müde gewordene Menschenseelen halten alles Aussprechen über diese Dinge für vergebliches Geplapper. Sie kommen sich dabei oft recht vornehm vor, sozusagen mürbe und marode. Aber das machen die innerlich gesunden Menschen nicht mit, und vor allem die neue Jugend macht es sicherlich nicht mit. Sie will etwas zu hoffen haben, weil sie einen Zweck für ihr erst aufsteigendes Leben braucht. Diese Jugend ist zu weit vom alten Glauben, um ihn anders als mit Pietät, als geschichtlich zu betrachten, aber zu lebendig, um nur mit Museumswissen den Bedarf der Seele zu bestreiten. Es wächst Glaube mit jedem neuen Geschlecht, nur wächst er langsamer, als es unsrer Ungeduld bisweilen lieb ist. heute gilt das, was die Vertreter des Neueren sagen, noch für unklares Gestammel! Mag sein! Schadet nicht! Ehe man neue Dogmen findet, muß man eine neue Sprache des Glaubens versuchen. Erst wird »im Geist« geredet, dann später in verständiger Klarheit, heute ist protestantischer und katholischer Modernismus noch unsicher in seinen Ausdrucksformen. Aber trotzdem geht es vorwärts.

 

Als zunächst die astronomische Periode kam und durch Newton und andere die Weite der Himmelswelt geöffnet wurde, da sprach die Kirche nicht: wir beten an die unendliche Größe dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat!, sondern sie bemühte sich, ihn nicht größer erscheinen zu lassen, als ihr bisheriges Denken es erlaubte, weil sie sich selbst hätte ausweiten müssen, wenn sie die Größe der neuen Gottesoffenbarung unmittelbar in sich aufgenommen hätte. Und als die Geschichte rückwärts wies noch über Abraham zurück bis in die Dunkelheiten hinein, die auch in der Völkertafel des ersten Buches Mosis nicht geahnt werden konnten, auch da stand die Kirche wieder betroffen still und sagte: diese Ewigkeit wird mir zu lang! Da aber die Steine anfingen zu reden und durch den Mund der Geologen kund ward, daß die Unendlichkeit noch viel größer sei, als man jemals sich denken konnte, da blieben sie lieber bei der Vorstellung, die sie vorher hatten; und als dann gar die hohen Philosophen kamen und in die Begriffe und das Niesen des Denkens tief hineinleuchteten, da sprach die Kirche wieder: wir wollen treulich bleiben bei jenen alten Philosophen, die wir bereits in unseren Glauben hinein übernommen haben; das sind geistige Verträge gewesen, die unsere Ahnen gemacht haben! Die Kirche hatte nicht den Mut, ähnliche neue Verträge auf eigenes Risiko noch einmal zu machen, und so entstand der Zustand, daß die Kirche rings umgeben wurde von neuen Offenbarungen, die weit über sie hinausgingen, Offenbarungen der Naturkräfte, der Geschichtsgröße, der Begriffsvertiefung.

 

Die bloße Nachwirkung des vergangenen Aufklärungszeitalters reicht nicht aus, die jetzige Strömung zu alten Formen zu brechen, aber es gibt noch neues Leben in Seelen, die sich nicht durch die gekünstelte Gotik der herrschenden Orthodoxie gefangen nehmen lassen, und jeder weitere Schritt auf dem Wege formalistischer Konfessionalität hat als Gegenwirkung eine Stärkung dieser Strömung. Wo sind denn heute die Seelenprobleme, wo ist das Ringen um die Wahrheit, wo ist das Opfern der eigenen Existenz, wo ist noch wirkliche, schaffende, gärende Frömmigkeit? Doch nicht mehr dort, wo man Synodalbeschlüsse über Lehrzwang der Professoren faßt und lebendige suchende Theologen ausmustert! Durch Unglauben wird kein Priesterglaube überwunden; aber sicher durch Glauben, und sei er vorerst noch so gestaltlos, hat man heute den Eindruck, daß der Kirchenglaube noch Berge versetzt? Was tut er als Gewissen des Volkes in den sozialen Kämpfen?

 

Es wächst unter uns etwas wie ein neuer Glaube. Er hat alles das nicht, was erst in Jahrhunderten erworben wird, kein bereits feierlich gewordenes Bekenntnis und keine heiligen Gewänder und Zeichen; er ist nicht schön, weil er noch unfertig ist. Es ist eine Geistesströmung, die etwa im siebzehnten Jahrhundert in England beginnt und zu der die großen deutschen Philosophen gehören. Dieser neue Glaube sucht Religion für uns, er hat sie noch nicht, sondern sucht sie. Sein Vorzug ist die Ehrlichkeit, mit der er sich zur Wissenschaft stellt. Er ist ehrlich, aber deshalb unpoliert und ungeordnet.

Ein Glaube, der für jetzige Menschen etwas sein will, muß absolut offen zu den Fragen der Erkenntnistheorie, Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft stehen. Im Bunde mit ihnen muß er den Menschen ihr Lebensziel verkündigen. Dabei wird er oft auf jene alten Propheten und Fischer zurückgreifen, aber ohne Bindung. Dieser neue Glaube kommt schwerfällig dahergefahren, beladen mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts. In ihm wimmelt es noch von Widersprüchen, Gegnerschaften und Unklarheiten. Er ist häßlich, weil er kritisch ist, und pietätlos, weil er voller schwerverständlicher Zweifel steckt und voller unerfüllbarer Wünsche. Das einzige, was er von sich sagen kann, ist, daß er auch dann nach Wahrheit sucht, wenn die Wahrheit nicht schön ist. Das ist sein Unterschied vom alten Glauben.

Wir müssen glauben, daß Gott nicht nur in den Wolken des Sinai vor Zeiten gewohnt hat, sondern daß er im Hochofen nicht weniger gegenwärtig ist als im Haine Mamre. Gott ist im modernen Getriebe.

 

Der Glaube muß in das Verkehrszeitalter hinein und muß seine alten Begriffe noch einmal wieder flüssig werden lassen. Entweder man benutzt die religiösen Begriffe so wie eine geprägte Münze und gibt sie weiter. »Wes ist das Bild und wes ist die Unterschrift?« Sie hat entweder römisches oder lutherisches Gepräge! Das Geldstück rollt weiter. Es wird etwas abgegriffen, aber bleibt wie es ist; oder der Glaube wird benutzt als einer jener Werte, die vertauscht werden und wandelbar sind und aus denen heraus neue Werte gewonnen werden können. Da stehen wir vor dem Problem, wie durch Einschmelzen der Begriff Religion nicht verloren, sondern gewonnen wird. Anders gesprochen: wie das alte Schriftwort von dem Weizenkorn redet, das erst in der Erde sterben muß, ehe es Frucht bringen kann, so ist es auch mit dem durch die Jahrhunderte gewonnenen Religionssamen, der auch immer wieder von neuem in die Erde des Menschengemüts hineingeworfen werden muß, so daß uns gar nichts daran liegen kann, daß man ihn in einem bestimmten Raum und mit bestimmten Stunden konserviert, sondern wir glauben daran, daß in ihm Kraft genug ist, daß immer wieder etwas neues Lebendiges, für die Menschen Mögliches und Greifbares herauskommt. Werft den großen Begriff »Gott« ruhig hinein in das Denken der Menschen! Es wird zeitweise so aussehen, als ob er im Wasser unterginge, und dann werdet ihr finden, daß er immer wieder aus dem Wasser hervorkommt! Werft unter das Wasser jene alten Worte, daß die Seele eines Menschen soviel wert sei, daß, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, er davon nichts hätte! Das kommt wieder! Werft es hinab, was Jesus gesagt hat vom Nächsten und vom barmherzigen Samariter. Die Perlen kommen wieder, die großen lebendigen Begriffe: Gott, Persönlichkeit, Liebe, Reich Gottes. Was die Seele der ersten Jünger bewegt hat, das stirbt nicht. Das bleibt das Beste in dieser Zeit des großen Verkehrs, der vielfachen Geistesanspannung, der Unruhe. Jene Ruhe des Besonnenen, wie der Hirt sie auf der Weide bei seinen Schafen hat, die können sich viele von uns im modernen Getriebe nicht mehr denken, aber unser Ersatz dafür ist jene andere Ruhe, die aus dem ernsten Denken herauskommt, so daß wir nicht sagen, daß wir die Vernunft gefangen geben durch den Glauben, sondern sagen, daß Gott uns in dieser Zeit der Unruhe den reinen Gedanken gegeben hat, um eine Insel der Ruhe zu gewähren in der Vielfältigkeit der täglichen Ablenkung.

 

Der Glaube kann sich nicht darauf einlassen, die ganze Weltgeschichte als ein blindes Fatum anzusehen, sondern muß dort beginnen, wo der alte Anaxagoras in Griechenland sein Werk begonnen hat, daß es eine Vernunft gibt, die in den Dingen waltet, und zwar eine Vernunft, die auch Ziele setzt für das Leben der Menschen, damit uns nicht alles als Unvernunft und als sinnlose Quälerei vorkommt, was wir selbst arbeiten und in der Weltgeschichte erleben müssen. Auf die Frage: Wozu macht man denn das alles? will die Menschheit eine Antwort haben, und diese Antwort kann nicht bloß heißen: Damit es dir gut geht!, denn oft geht es uns nicht gut, sondern die Antwort muß heißen: Damit du größeren Zielen dienst, als du selber bist, und selbst, wenn du stirbst, dein Tod nicht umsonst gewesen ist! Einen solchen Glauben an die Fortentwicklung den Menschen geben zu können, ist das Urelement aller freien Religion. Und nun meine ich, diejenigen, die uns die Religion im wesentlichen darstellen als einen Rückblick auf Vergangenes, haben weniger zu bieten, als diejenigen, die die Religion schauen unter dem Gesichtspunkte dieser gottgewollten Geschichte. So erst führt die Weltgeschichte eine innerliche Sprache. Der Weltgeschichte gegenüber ist man sehr ratlos, solange man nichts glaubt von der Menschheit im allgemeinen. Da lehrt man, daß Könige waren und Könige starben, und daß es auch noch andere Leute außer den Königen gegeben hat, von vielen aber weiß man nichts weiter, als: beerdigt sind sie alle, wozu? Mit diesem Wozu schließt die ganze mühsam aus Erden und Steinen und Papyrus herausgegrabene Geschichte, solange kein Blick hinausgeht auf die Idee der geistigen Entwicklung der Menschheit. In diesem werdenden Kunstwerk nun ein Organ, ein kleiner Faktor zu sein, ist das größte, was der Mensch in seinem Leben erreichen kann.

 

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