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Das Bild der Mutter

Paul Heyse: Das Bild der Mutter - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDas Bild der Mutter
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1858
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Als Detlef in seine öde Wohnung zurückkam, sah das stille, traurige Grau der ersten Frühe zu den Fenstern herein. Die Thür nach dem Schlafzimmer stand offen, das Bild über Borromäus' Bett richtete die Augen unbeweglich auf den Jüngling, der die stummen Fragen dieses Blickes nicht ertrug und sich abwendete. Er trat, immer noch wie betäubten Gemüths, an den Tisch und blätterte in den Büchern. Jedes Tabakskörnchen, das der Freund hinein verstreut hatte, jeder Falz im Buch, mit denen er nicht sparsam zu sein pflegte, that ihm jetzt seltsam wohl und weh zugleich. Ueber der Scene im Wirthshaus lag es wie ein dunkler Schleier. Zu Allem, was jenen Auftritt dem Jüngling unnatürlich, unglaublich, unmöglich erscheinen ließ, gesellte sich noch die körperliche Abspannung, in der er eines starken Schmerzbewußtseins, einer lebendigen Reue nicht fähig war. Dennoch wäre es ihm unmöglich gewesen, sich dem Schlaf zu überlassen. Es war ihm zu deutlich, als sollte es nun in ihm zu tagen anfangen, nachdem er manches liebe Jahr verträumt hatte. Wohl hatte die stille, aber stätige Herrschaft, die Borromäus über ihn ausgeübt, seinen Charakter gleichsam gebunden gehalten, so sehr der Freund bemüht gewesen war, seinen Geist zu befreien. Doch obwohl er manchmal schon sich dessen bewußt geworden, hatte er nie den Wunsch gefühlt, sich aufzulehnen. Kein Wunder, daß die Freundschaft des stärkeren, älteren Mannes ihn eher hob, als drückte, da überdies die Gefühle des inneren Wachstums, ohne welches kein Glück besteht, sich ihm täglich in seinen Studien erneuerte.

Als aber dann in diese friedliche, durchaus gesunde Jünglingsentwicklung die Begegnung mit der reifen Frau herantrat, – welch ein Reiz lag für ihn außer allem andern Zauber eines solchen Abenteuers in der plötzlichen Befreiung und Ermannung, in der persönlichen Verantwortlichkeit, die er übernahm! Auf Einmal übersah er, wie es ihm schien, die Grenzen des ganzen Lebens, wie ein offenes, ihm unterthäniges Gebiet vom Gipfel eines Berges herab, auf den er im Fluge versetzt worden war, nachdem er lange den beschwerlicheren Weg Stufe für Stufe hatte wandeln müssen. Wahrlich im Fluge; denn zwischen der ersten Abendstunde, wo er in einer fremden Gesellschaft den Gesang der schönen Frau am Klavier begleitet hatte, bis zu der ersten Nachtstunde, wo er den Schlüssel an der Gartenpforte drehte und von Margot mit flüsterndem Gruß empfangen wurde, lagen kurze vierzehn Tage. Wer hatte zuerst gesprochen? Wer war dem Andern entgegengekommen? Von Anfang an schien sich Alles wie von selbst zu verstehen, und auch das gehörte zu dem Wunderbaren ihres Suchens und Findens, daß die Rollen getauscht wurden, der stille, sittsam aufgewachsene Student, der roth wurde, wenn ein Mädchen ihn ansah, unbedenklich die volle Gunst der vielumworbenen Frau annahm, als habe er die gültigsten Rechte auf ihr Herz, während sie selbst, die immer eine feste Schranke um sich gezogen hatte, ohne jede Gegenwehr dieselbe fallen sah und wie ein unwissendes, leidenschaftliches Mädchen alle Rücksichten vergaß.

Daran dachte der Jüngling zuerst wieder, als er mitten in seiner Verworrenheit das Verlangen fühlte, sich auf ein Festes zu besinnen und, was kommen sollte, an dem abzumessen, was geschehen war. Eine tiefe Dankbarkeit gegen das Weib, dessen Herz sich ihm ohne Rückhalt ergeben hatte, ward in ihm lebendig, mit einer Gewalt, daß er fast die Thränen nicht bezwingen konnte. Sogleich fühlte er aber auch wieder den stechenden Schmerz, daß er selbst verändert sei; denn daß Eines dem Andern etwas zu danken hätte, war früher weder ihr noch ihm in den Sinn gekommen. Wer dankt für etwas, was nicht anders sein könnte? Sie waren für einander, und Geben und Nehmen wog sich so schön, so rein und unbewußt auf! Und warum mußte das ein Ende nehmen und ihm schon jetzt das Nämliche als ein ewig unvergeltbares Opfer erscheinen, was er noch gestern leichten Herzens als sein gerechtes Eigenthum, als seinen ewigen Besitz betrachtet hatte?

Er dachte darüber nach, aber die richtige Antwort auf diese Frage, die schon aufdämmerte, verwarf er als unedel und undankbar. Um von Neuem tief unterzutauchen in den Strom der Leidenschaft, dem er bereits enthoben war, trat er an den Schreibsekretär, in welchem er die Mappe mit ihren Briefen wohlverschlossen verwahrte. Sie schickte sie ihm niemals durch die Stadt ins Haus, sie schrieb sie in den Stunden, wo er nicht bei ihr war, und gab sie ihm, wenn er kam, damit er ein Stück ihres innersten Lebens schwarz auf weiß mit heim trüge. Als er den Sekretär öffnete, zu dem er sowohl, wie Borromäus, einen Schlüssel hatte, kam ihm die plötzliche Sorge, er würde die Mappe geöffnet finden und den Schatz von andern Augen entweiht. Aber die Furcht war ungegründet. Er fand das kleine Schloß unversehrt und wog das dunkle Mäppchen in der Hand, wie um sich zu versichern, daß nichts an dem gewichtigen Inhalt fehle. Eine Weile starrte er die Stickerei auf dem ledernen Rücken an; dann legte er's wieder an den alten Ort, uneröffnet. Was war es, das ihn abhielt, diese theuren Blätter wieder zu entfalten? Im Stillen sprach eine Stimme in ihm: Und wenn auch das sich machtlos erweisen sollte? – was dann? Dann wäre freilich Alles vorbei.

In peinlicher Zertreuung ließ er seine Augen über den bunten Inhalt der verschiedenen Behälter schweifen. Er zog mechanisch ein Schubfach nach dem andern heraus, sah gedankenlos hinein und schloß es wieder. Als er in dem letzten die Briefe fand, in denen Borromäus am Vormittag gelesen hatte, fiel ihm auf, daß sie nicht, wie sonst, sorgfältig mit dem grünseidenen Band zugebunden in ihrem alten Umschlag steckten. Er hatte früher nie einen Blick hineingethan. Jetzt las er die ersten Zeilen des obersten Blattes und erkannte die Handschrift seiner Mutter, obwohl sie noch unausgeschriebener und zaghafter war, als in der Zeit, aus der er selbst Briefe von ihr bewahrte. Die Worte fielen ihm auf. Er wußte, daß diese Briefe an Borromäus gerichtet waren, aber nie war es zwischen ihnen zur Sprache gekommen, daß der Sohn diese Blätter nicht lesen dürfe. Es verstand sich von selbst, daß Jeder die Sachen des Andern unangetastet ließ.

Noch stand der Sessel, wie Borromäus ihn verlassen hatte. Detlef warf sich hinein und zog den obersten Brief vollends heraus. In den Fenstern des Hauses gegenüber spiegelte sich das Morgenroth und der Wiederschein fiel ihm auf das Blatt, während er den Kopf in die Hand stützte und folgende Worte las:

»Ich kann es nicht verstehen, was die Leute meinen, die meine Eltern vor dir gewarnt haben. Gegen mich warst du von Anfang an so gütig, und ich hatte so deutlich das Gefühl, in deinem Umgang besser und edler zu werden, daß ich nicht begreife, wer dir so feindlich sein und mein und unser Glück absichtlich zerstören kann. Meine Mutter sagt, daß ich von der Welt nichts weiß und nichts zu wissen brauche, daß ich eben ihr und dem Vater folgen soll, die nur mein Bestes im Auge haben. Ach, liebster Freund, willst du denn nicht auch mein Bestes? Darf ich denn nicht auch dir glauben? Was hat es für Gefahr, daß ich dir anhänge? Ich selbst müßte es doch am deutlichsten spüren, wenn ich an deiner Seite nicht sicher wäre.«

»Ich habe mich, ehe du kamst, nie zu einem Manne hingezogen gefühlt, und für dich sprach seit der ersten Stunde so deutlich und stark mein ganzes Herz, daß ich mir nie im Leben wieder einen richtig leitenden Sinn für Gut und Böse zutrauen dürfte, wenn ich mich in dir getäuscht hätte. Nein, sie sollen mich nicht irre machen. Nicht einmal dir selbst würde ich es glauben, wenn du deinen Feinden Recht gäbest. Mein geliebter Freund, komme bald zu mir, sprich mit dem Vater und mache sie Alle zu Schanden.«

Ein anderes Blatt nahm er, es trug das Datum des folgenden Tages; die Schriftzüge waren hastiger und oft durch Thränenspuren verdunkelt. Er las mit steigender Bewegung:

»Welch eine Nacht hast du mir bereitet, mein geliebter Freund! Ich sitze hier, bei Licht, es ist noch nicht Tag geworden, aber mir ist, als sollte und könnte es nie wieder hell werden, oder diese Aengste müßten plötzlich von mir fallen wie böse falsche Träume. Dann sehe ich wieder die grausamen Zeilen deines Briefes an und weiß nicht, wer Recht hat, mein Herz, das dich gegen dich selbst verteidigt, oder du, der du mir so hart und schneidend meinen Glauben an dich rauben möchtest.«

»Nein, das Alles hat keine Gewalt über mich. Was hinter dir liegen mag, kann an meine Liebe nicht reichen, die dich so, wie du bist, vor Augen sieht. Und wenn du einmal ein Anderer gewesen bist – verändern wir uns nicht Alle, bis wir reif werden? Du klagst dich selbst an, daß du bisher die Treue nicht gekannt habest. Ich aber weiß, daß du sie von nun an kennen wirst; was brauche ich mehr? Du sagst, dein Leben sei nicht rein von Flecken und Verirrungen, und die Leute, die dich bei meinen Eltern in bösen Ruf gebracht, seien im Recht. Mein Liebster, mögen sie doch Recht haben. Wenn ich dich liebe, so wie du bist, und alles Vergangene mich nicht irre macht, warum sollten wir nicht glücklich werden?«

»Ich habe nie geglaubt, daß ich deine erste Liebe sei, und du hast es mir nie einzureden versucht. Warum soll ich mich nun von dir abwenden, da du mir so offen gestehst, daß du dich durch viele Leidenschaften durchgeschlagen habest? Wenn du mir sagst, du würdest nach mir Keine wieder lieben, ist dies Wort nicht zuverlässiger, als wenn ein Mann mit einem ganz ungeprüften Herzen es mir sagte?«

»Was will ich denn mit all meinem Schreiben, das doch meine Gedanken dir nur immer zur Hälfte enthüllt? Ach, nichts weiter, als dir beweisen daß hier alle geschriebenen Worte nichts taugen, daß du kommen und aus meinen Augen meine unerschütterliche Liebe lesen sollst.« –

Noch einige andere Briefe und Billette trugen dasselbe Datum; eines mit Bleistift geschrieben und sehr zerknittert, schien in größter Eile am dunkeln Abend eingeworfen zu sein. Es trug nur die Worte:

»Ich muß dich sehen, es ist das erste Mal, daß ich dem Vater nicht gehorche, aber du hast mir ja mehr werden sollen als Vater und Mutter. Ich bitte dich, laß mir durch die alte Marie sagen, wo du mich erwarten willst. Ach mein Geliebter, ich kann nichts mehr sagen vor großen Schmerzen. Komm!« –

Aeltere Briefe aus dem Anfang des Verhältnisses fielen Detlef in die Augen. So eifrig er nach den letzten entscheidenden Blättern suchte, konnte er doch nicht umhin, jedes Blatt, auch das unwichtigste, das nur etwa eine Einladung im Namen der Mutter oder einen gleichgültigen Auftrag enthielt, Wort für Wort zu lesen. Welch eine unschuldige Heiterkeit leuchtete ihm aus diesen Mädchenbriefen entgegen, unbefangen, und doch in allen Schranken des Herkommens manche Beziehung auf gesellige Scherze, die ihm die Einfachheit des damaligen Lebens, die genügsame gute alte Zeit in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit spiegelte. Dann wurde der Ton der Briefe zurückhaltender, die Schreiberin schien die Worte zu wägen, um ja nichts von einem Geheimniß zu verrathen, das sie sich selbst noch kaum eingestanden hatte. Dann eine Pause von einer Woche, ehe die rührende Gewalt einer tiefen Neigung zu Worte kam, in Erwiederung eines Briefes von Borromäus, der ihr sein Herz geöffnet hatte. Den Anlaß zu so häufigem Briefwechsel hatte die Entfernung ihrer Eltern von der Stadt gegeben, da sich die Familie während des Sommers auf dem Lande aufhielt, und es schien, als sei den Eltern nie der Gedanke gekommen, das junge Kind könne sich zu dem viel älteren Manne hingezogen fühlen, oder gar aus einem Briefwechsel Gefahr erwachsen. So schienen auch die Eltern über die Erklärung und Werbung des Hausfreundes nur erfreut, bis sie im Herbst nach der Stadt zurückkehrten und von manchen Seiten warnende Stimmen vernehmen mußten. Aus einem der letzten Briefe ging deutlich hervor, daß die Mutter trotzdem auf Borromäus' Seite blieb, aber an der Festigkeit des Vaters scheiterte, der sich für hintergangen ansah und mit aller Härte das Verhältniß ein für alle Mal abbrach.

»Ist es denn möglich?« schrieb das unglückliche Mädchen. »Dies soll der letzte Gruß sein, den ich dir senden darf? Kann ich den Gedanken denn fassen, daß es nun für immer zwischen uns aus und stumm sein soll, nachdem wir uns gesagt hatten, daß wir ewig unzertrennlich sein würden? Ach, kaum diese letzte bittere Erlaubniß habe ich meinem Vater abgewinnen können, dir ein Lebewohl zu schreiben. Wie kann ich es aber? Ich weiß es ja, dein und mein Leben ist nun zerstört. Das aber sollst du immer dir sagen, daß du in mir fortlebst, wie ich in dir, daß Alles, was geschehen ist, dein Bild mir verhaßt zu machen, es mir nur tiefer ins Herz gedrückt hat. Nur ich kenne dich; denn nur ich habe dich geliebt und weiß, wie liebenswürdig du bist. Das wird nie anders werden in mir. Was sie mir von deinem früheren Leben gesagt haben, hat nicht bis zu meiner Seele bringen können. Während sie dich anklagten, standest du mir vor Augen, und das Herz lachte mir so laut im Gedanken an deine Liebe, daß ich nichts hörte noch verstand. Ich soll dich nicht wieder sehen. Aber wie wäre das möglich? Wenn ich im Sterben liege, dann wenigstens werden sie mir's nicht abschlagen, daß ich noch einmal in deine Augen blicken und meine letzten Worte an dich richten darf.«

Diese wunderbare Mischung von Sanftmuth und Festigkeit des Herzens, von jungfräulicher Ergebung in den Willen der Eltern und leidenschaftlicher Hingabe an den geliebten Mann ergriff den Sohn immer mächtiger, je tiefer er sich in die Briefe hineinlas. Unwillkürlich trat neben dieses Bild einer hohen unglückseligen Liebe die Erinnerung an das eigene verstohlene Glück, das er wie im dumpfen Rausch genossen hatte. Es ward ihm zu Muthe, als würde er wieder ein Knabe und stünde vor seiner Mutter, ihr Alles zu beichten, und sie hätte kein einziges hartes Wort für ihn, nur jenen ernsten, traurigen Blick, dessen er sich aus seiner Kindheit wohl entsann. Eine heiße Unruhe überlief ihn, er sprang auf, öffnete das Fenster und ließ die frische Luft herein. Dann ging er ins Nebenzimmer und stieg auf das Bett, um das Bild nahe anzusehen. Es verlor so Auge in Auge nichts von seiner Lebendigkeit. Ja es schien, während er auf den Kissen knieete und in die holden Züge starrte, das Gesicht an Feuer und Ausdruck zu gewinnen, und er hätte es nur natürlich gefunden, wenn die Lippen sich plötzlich bewegt und die schönen Augenlider sich zu ihm herabgesenkt hätten. Mutter! sagte er ganz leise, wenn du mich jetzt mit leiblichen Augen sähest, was würdest du zu mir sprechen? – Er wartete eine Weile, wie auf Antwort. Dann richtete er sich auf und küßte den unschuldigen Mund und sagte dann: Mutter, dir gelob' ich es, nie will ich wieder ein Weib küssen, das dir nicht frei ins Auge blicken könnte! Das Bild schien ihm sanft zu winken, noch eine ganze Weile konnte er sich nicht davon trennen und blieb so im stillen Verkehr mit dem abgeschiedenen Geist, aus dem ein Frieden und eine Stille, wie er sie lange entbehrt, auf ihn niederströmten. Als er dann wieder vom Bett herabstieg, war sein Entschluß gefaßt.

Er setzte sich unverweilt an den Schreibsekretär, um an Anna zu schreiben. Aber von Neuem fiel sein Blick auf die Briefe der Mutter, und er fühlte, wie ganz anders jetzt seine eigene Sprache sein würde, da er voll war von der sanften Innigkeit dieser Bekenntnisse. Nun fand er auch erst den letzten Brief, den sie an Borromäus gerichtet hatte. Dreizehn Jahre lagen zwischen ihm und den übrigen.

»Meine Tage gehen zu Ende,« schrieb sie ihm, »und obwohl ich nicht zweifle, mein geliebter Freund, daß du meine Botschaft zeitig genug erhalten wirst, um mich noch am Leben zu finden, ist es doch möglich, daß ich nicht mehr Kraft genug haben werde, zu dir zu sprechen. Ich weiß nicht, wie dich das Leben geführt hat. Aber es bedarf dennoch keiner Bitte, um dir mein einziges Kind ans Herz zu legen. Du wirst es den armen verlassenen Knaben nicht entgelten lassen, daß ein fremder Mann sein Vater war, der auch seiner Mutter immer ein Fremder blieb. Warum ich meinen Eltern das Opfer bringen mußte, findest du in meinem Tagebuch mit Blut und Thränen niedergeschrieben. Mein theurer Freund, ich gebe die Seele meines Kindes nächst Gott in deine Hand. Das Beste, was in mir war und dein war, schläft noch in diesem geliebten Sohn. Erwecke du es und eigne dir's zu und liebe mich in ihm. Ich habe nichts Besseres und Köstlicheres dir zu hinterlassen. Wenn er erwachsen ist und ins Leben tritt, sage ihm, woran unser beider Glück zu Grunde ging, damit er Muth gewinne, allen Gefahren seiner Jugend zu trotzen. Und wenn er einst glücklicher wird, als wir, so bringe dem geliebten Mädchen, das ihm gehören darf, den Segen seiner Mutter.« –

Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, als er diese Worte las. Lange flossen sie auf das Blatt herab, ohne daß er versuchte, sich zu fassen. Es linderte die Schwere auf seinem Herzen, daß er weinen konnte, und jetzt erst dachte er mit voller Klarheit an Borromäus und fühlte jeden Trieb der Treue und Neigung zu dem Freunde wärmer und unwandelbarer in sich. Was war aus ihm geworden, seit er in der Nacht über die Felder davongegangen war? Auch wenn er den Weg ganz zu Fuß gemacht hatte, konnte er längst in die Stadt zurückgekehrt sein. Wollte er nie wieder kommen? –

Eine unerträgliche Angst überfiel den Jüngling. Er stürzte hinaus und durchlief einige Straßen, als müsse er den Freund draußen finden und mit Gewalt wieder nach Hause führen. Den wenigen Freunden, mit denen Borromäus Verkehr unterhielt, stürmte er ins Haus und erkundigte sich unter schlecht ersonnenen Verwänden, ob sie ihn nicht gesehen hätten. Dann, nicht darauf achtend, wie seltsam sein Benehmen erschien, eilte er wieder fort und langte endlich, ohne etwas erreicht zu haben, in seiner Wohnung an. Rasch entwarf er einen Brief an Anna, worin er ihr mittheilte, daß er seine nächste Pflicht erfüllen müsse, Borromäus aufzusuchen. Sie solle ihn heute nicht erwarten, sein Herz sei von großem Kummer erfüllt, sein Selbstvertrauen auf lange zerstört. Mit Worten, die Alles auszudrücken versuchten, was Borromäus ihm je gewesen und jetzt mehr als je geworden sei, schloß er das hastige Schreiben.

Er legte eben die Feder hin, als sich die Thür öffnete und der schmerzlich Vermißte hereintrat. Im nächsten Augenblick hielten sie sich in den Armen, sprachlos, der Jüngling heftig weinend, während Borromäus mit bebender Hand ihm leise das Haar streichelte und aufrecht stehend den Fassungslosen stützte. Endlich sagte er leise: Laß gut sein, mein Junge, laß gut sein. Das ist nun einmal wie es ist. Komm, sei ein Mann; wir bleiben einander doch die Alten, oder wollen's hoffen. – Ich habe dich im Schreiben gestört, wie ich sehe. Gehe nur wieder daran. Hernach können wir noch genug sprechen, wenn du noch etwas auf dem Herzen haft.

Er legte jetzt den Hut ab und zündete eine Cigarre an, während Detlef, zu Boden blickend, am Tische lehnte und keine Silbe vorzubringen vermochte. Er hatte nur flüchtig den Freund anzusehen gewagt und war von dem seltsamen, feierlich traurigen Ausdruck seines Gesichts tief bewegt worden. Indessen ging Borromäus einige Mal durch die kleine Wohnung auf und ab und blies den Rauch in starken Wolken vor sich hin. Sein fahles, dünnes Haar stand ihm wunderlich um den Scheitel, die Augen hatte er halb geschlossen und richtete den Blick auch jetzt nicht auf Detlef, als er ihn, immer gehend und rauchend, in kurz hervorgestoßenen Sätzen anredete.

In der That, sagte er, ich hatte einen fatalen Heimweg. Die Hälfte des Weges fuhr ich auf einem Bauernwagen, der mich redlich durchrüttelte. Dabei kamen mir mancherlei Gedanken. Ich habe die Sache etwas barsch angegriffen. Ich hätte es noch geduldiger mit dem Biegen versuchen sollen, ehe ich sie zu brechen unternahm. Es ist nun aber geschehen, und ich dachte wohl schon unterwegs, du würdest mich nicht im Ernste darum hassen. Jeder Mensch macht dumme Streiche, wenn das Herz ihm überläuft. Du kannst auch in meinem Namen die arme Frau um Verzeihung bitten, die sich schwer über mich zu beklagen hat. Nun sie dich wieder hat, wird das ja bald verwunden sein.

Ich wollte dich nur bitten, sagte er nach einer Pause, daß du nicht etwa glauben sollst, mich zu bestimmen, wenn du mich auch künftig von euch erfahren lässest, mag es auch wenig sein, nur daß ich weiß, wo ihr euch gerade aufhaltet, ob du gesund bist, was du etwa treibst. Ich weiß nicht, ob ich es zu Stande brächte, ganz und gar ohne dich fertig zu werden. Wenn du mir aber dann und wann schreibst, bin ich schon zufrieden. Man hat ja so manches liebe Jahr Bett an Bett und Stuhl an Stuhl gelebt; da ist es wohl kein unbilliger Wunsch, daß es nicht auf Einen Schlag vorbei sein möchte. Nicht wahr, mein Junge?

Ich verstehe dich nicht, sagte der Jüngling. Wie kannst du glauben, daß ich mich von dir trennen werde?

Laß gut sein, Kind, erwiederte der Andere. Ich zweifle durchaus nicht an deiner alten Anhänglichkeit gegen mich. Sonst würde mir die Bitte gar nicht eingefallen sein. Aber es ist unnütz, daß du mich darüber täuschen willst, als würde ich dich nicht heute noch verlieren. Ich bin auch ganz gefaßt, es ist sogar gut und in der Ordnung, daß es so kommt. Ich habe meine Gewalt über dich zu straff angespannt, sie ist zerrissen; was kannst du dafür? Man soll keinem Menschen, der einmal ein Weib besessen, noch wie einem Unfreien, wie einem Unmündigen entgegentreten. Er mag sich nun selbst mit seinem Innern abfinden und für sein äußeres Schicksal einstehen. Damit ist nicht gesagt, daß ich dir meinen Rath verweigern würde, wenn du später einmal ihn zu hören wünschtest. Aber über das, was du zunächst zu thun denkst, habe ich nicht mitzusprechen. Reise mit Gott; nur, wie gesagt, gieb von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen.

Reisen? Wohin sollt' ich reisen? Wer hat dir davon gesagt?

Ich sehe, du willst uns den Schmerz des Abschieds sparen, Kind. Aber das ist überflüssig. Sage lieber, ob ich dir noch mit irgend etwas helfen kann, ob du Geld haben willst und ob ich dich später damit versehen soll. Du wirst natürlich nicht von deiner Geliebten abhängig sein mögen. Wer möchte das? Also sei ganz offen gegen mich. Als ich vor dem Hause der Frau Anna den Reisewagen rüsten und bepacken sah und hörte, daß sie noch in der Nacht fortwolle, überlegte ich mir sogleich, was du etwa brauchen könntest. Es soll dir an nichts fehlen, Junge.

Borromäus! Was sprichst du da? Sie will fort? O Himmel, davon sagst du mir das erste Wort! Keine Ahnung hatte ich, daß sie sich dazu entschließen würde. O, und es ist freilich das Einzige, was bleibt. Aber wie kannst du denken, daß ich sie begleiten würde? Du weißt nicht, wie es in mir aussieht, was mir Alles durch die Seele gegangen ist, seit wir uns getrennt haben!

Er stürzte auf Borromäus zu und sagte, leidenschaftlich seine Hand fassend: Ja, du mußt es wissen: ich kann nicht mit ihr fort, nicht fort von dir. Ach, ich kenne mein Herz nicht mehr, ich möchte es verachten und hassen, daß es über Nacht sich so verwandeln konnte; aber du bist Schuld daran, du und noch Eine, und nun, wenn ich mich auf meine Liebe zurückbesinne, ist es mir, als dächte ich an eine Todte. Was bin ich für ein Mensch, Borromäus, welch ein elendes, falsches, schwaches Geschöpf! Und doch, wenn ich bedenke, wie ich mich noch vor einer Stunde fühlte, allein mit mir und dem Bilde dort, kann ich es nicht beklagen, daß ich ein Anderer wurde, und danke euch, die ihr mir einen neuen Geist eingeflößt habt, denn ich fühle jetzt, daß es eine Lüge wäre, wenn ich zu ihr ginge und sagte, ich müsse ihr folgen, wohin sie immer ginge.

Er hatte den Freund vor das Bild der Mutter gezogen, und hier, den Arm fest um seine Schulter gelegt, sagte er ihm von den Briefen, die er gelesen. Als er schwieg und den Blick vom Bilde ab auf Borromäus wendete, sah er, wie die festen Züge des Mannes heftig zitterten und das Auge in seltsamem Glanz, größer als gewöhnlich, wie fern abwesend in eine dunkle Vergangenheit starrte. Es dauerte eine Zeitlang, ehe der Geist wieder zurückkehrte. Wie zerstreut fuhr er zusammen und sagte: Du hast Recht, Kind, es ist nicht das erste Wunder, das sie gewirkt hat. Sie war ein Engel in dieser elenden Welt.

Dann ging er schnell hinweg und ins Haus hinunter. Als er nach einer Weile wiederkam, war sein Gesicht sehr freudig, seine Bewegungen noch lebhafter als sonst. Ich habe uns ein Frühstück bestellt, sagte er. Und hernach, Kind, sollst du an sie schreiben, oder zu ihr gehen, was du lieber willst. Aber jetzt nicht; du wirst mir krank, wenn du mit übermüdetem Leibe noch das Schwerste durchmachst.

Während die Wirthin, deren frühe Mittagsstunde bereits geschlagen hatte, ihnen die Gedecke herauftrug, ging Borromäus, die Hände in den Taschen des Rocks, schweigend neben seinem Liebling auf und ab, setzte sich auch hernach nicht, als Detlef aß, sondern tauchte nur Brod in den Wein und versicherte, daß er unterwegs eingekehrt sei. Auf den Jüngling aber, der so lange den Schlaf entbehrt hatte, übte der Wein, den er hastig trank, seine Wirkung; er lehnte sich auf dem Sopha zurück und schloß die Augen. Nach wenigen Minuten lag er in festem Schlaf.

Der Lärm von der Straße störte ihn nicht. Auch fühlte er nichts, als Borromäus ihn bequemer auf dem Sopha zurechtlegte und ihm ein Kissen unters Haupt schob. So vergingen mehrere Stunden. Borromäus saß ihm gegenüber im Lehnstuhl, die Thür zum Schlafgemach stand offen und die wachsamen Augen des Mannes gingen hin und her zwischen der Mutter und dem Sohn.

Da kamen rasche Schritte über den Flur, die Thür ging auf und eine weibliche Gestalt im Schleier trat behutsam ein. Rasch trat Borromäus ihr entgegen. Er schläft! flüsterte er. Stören Sie ihn nicht. Er hat zu Ihnen kommen wollen, um Lebewohl zu sagen, da er von mir erfuhr, sie würden abreisen. Ich weiß, Frau Anna, wenn Sie stark genug waren, von ihm zu scheiden, werden Sie es auch ertragen, ihm den Abschied zu ersparen.

Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und trat geräuschlos näher zu dem Schlafenden heran. Den Schleier hatte sie gleich an der Schwelle zurückgeschlagen, ihr schönes Gesicht war bleich und ihre Augen verweint. Jetzt, wie sie neben ihrem Feinde sich dem ahnungslosen Geliebten gegenüber befand, flossen ihre Thränen still und heftig von Neuem.

Borromäus ergriff ihre Hand und hielt sie fest, trotz ihres unwillkürlichen Zurücktretens. Lassen Sie mich diese Hand halten und küssen, sagte er, zum Zeichen, daß Sie zwei Freunde gewonnen haben, da Sie einen Geliebten verlieren sollten. Es ist so unnatürlich, daß wir einander feind waren, da wir beide den Einen lieben. Sie werden reisen; gehen Sie nicht fort, ohne einem Manne zu verzeihen, der selbst unsäglich leiden mußte, ehe er sich entschloß, Ihnen wehe zu thun. Und wenn Ihnen meine Verehrung und Bewunderung nicht ganz gleichgültig ist, so wissen Sie, daß ich, seit ich die kalte Hand von Detlefs verklärter Mutter an meine Lippen drückte, nie mehr einem Weibe die Hand geküßt habe.

Sie nickte mehrmals, während er sprach, und entzog ihm die Hand nicht; aber ihre ganze Seele hing an den geliebten Zügen des Schlafenden. Es muß sein! sagte sie endlich und machte sich gewaltsam von seinem Anblick los. Ich will ihn nicht wecken; es ist besser so. Verschweigen Sie ihm, daß ich hier war. Oder sagen Sie es ihm. Sie lieben ihn, Sie wissen, was ihm frommt. Ich – ich bin in meinem armen Kopf verwirrt und weiß nur – daß ich ihn nie wiedersehen soll!

Sie verhüllte ihr Gesicht und näherte sich, winkend, daß er zurückbleiben solle, der Thür. Er ließ sie hinausgehen. Aber als sie schwankenden Fußes die Treppe hinabging, kam er ihr plötzlich nach und führte sie ehrerbietig hinunter. Wir werden Sie nicht auf immer verlieren, sagte er. Die Zeit wird kommen, wo wir drei uns mit froheren Herzen wiedersehen; versprechen Sie mir, theuerste Frau, daß Sie hieran nicht verzweifeln wollen. Ich bin Ihnen einigermaßen Ersatz schuldig, und hoffe ihn einst zu entrichten. Leben Sie wohl und nehmen Sie dies als ein Pfand von mir, daß ich nicht immer zwischen Ihnen stehen werde, wenn keine Gefahr für mein theures Kind, sondern nur noch der Segen einer edlen Freundschaft von Ihnen ausgeht. Leben Sie wohl!

Er reichte ihr auf der Schwelle der Hausthür ein hastig zusammengefaltetes Papier und verließ sie. Als sie es unter dem Schleier öffnete, sah sie darin eine volle Locke von Detlefs Haar, die Borromäus dem Schlafenden abgeschnitten hatte.

Eine halbe Stunde darauf fuhr Detlef aus seinem Schlummer auf; ein schwerer Wagen rasselte auf der Straße vorbei. Borromäus, rief er, ich habe geträumt, sie reise und ich solle sie nicht mehr sehen!

Der Traum ist Wahrheit, Kind, sagte der Freund und neigte sich über ihn herab. Aber sie scheidet versöhnt. Richte dich auf, mein Junge, du hast sie nicht verloren, denn eine große Seele verliert man nicht. Wir aber haben uns wieder!

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