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Das Bild der Mutter

Paul Heyse: Das Bild der Mutter - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDas Bild der Mutter
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1858
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Man gab am Abend dieses Tages ein Concert zum Besten der Armen, zu welchem der Domprediger Frau Anna ein Billet geschickt hatte. Einen Augenblick dachte sie, es zurückzusenden. Dann aber zog sie es vor, die Unruhe, die sie zu Hause nicht losließ, unter Menschen zu tragen. Auch hoffte sie, Detlef vielleicht unter den Zuhörern zu sehen. Die Hoffnung betrog sie, und auch die Aufregung ihres Innern wurde durch die Musik nicht gestillt, nur noch zu stärkerem Sturme angeschürt. Denn angstvolle Gesichte zogen während der Symphonie an ihr vorüber. Sie erblickte ihren Geliebten auf einem Mooslager mit einer großen Wunde in der Brust, deren vorstürzendes Blut sie vergebens mit ihrem Haar zu hemmen suchte. Borromäus trat hinzu, lud den Jüngling auf seine Arme und trug ihn davon. Sie eilte nach, ihm seinen Raub zu entreißen; immer schneller floh das Bild vor ihr her, endlich, da sie es zu erreichen dachte, entfaltete ihr Nebenbuhler zwei schwarze Flügel, und sie sah ihn mit dem Verwundeten hinter Wolken verschwinden. Nun stand sie allein, Nacht umgab sie, und sie fühlte einzelne Tropfen auf ihr Gesicht niederfallen. Schaudernd empfand sie die Wärme des Regens, es war ihr, als müßten es Tropfen seines Blutes sein; sie starrte auf in die hellen Kronleuchter, sie sah die Sitzreihen entlang, um vor den inneren Gesichten Ruhe zu haben, aber das Gefühl des Grauens blieb ihr. Als der letzte Ton verhallt war, brach sie eilig auf, entzog sich allen Freunden, die sie begleiten wollten, und ging, von der alten Margot an der Thür des Concertsaals empfangen, durch die dunkeln Straßen ihrem Hause zu.

Sie war nur noch eine kurze Strecke von ihrer Wohnung entfernt, als sie plötzlich einen Mann neben sich gehen sah, der sie eingeholt zu haben schien. In ihre Gedanken versenkt, achtete sie des Begleiters anfangs nicht. Auch war die Gegend nicht so gar menschenleer, daß etwas zu befürchten gewesen wäre. Margot jedoch erkannte auf den ersten Blick den Fremden, der am Morgen das lange Gespräch mit ihrer Herrin gehabt hatte. Sie wollte ihr eben einen Wink geben, als Borromäus selbst zu sprechen anfing.

Gnädige Frau, sagte er leise, verzeihen Sie meine Kühnheit, Sie hier anzureden. Ich habe Sie in Ihrem Hause vergebens gesucht und erfahren, daß ich Sie im Concert finden würde. Gottlob, daß ich Sie hier treffe. Gestatten Sie mir nur ein Wort, so werden Sie begreifen, weshalb ich um jeden Preis zu Ihnen dringen mußte.

Sie standen alle drei still, das Licht einer Laterne fiel in die Gruppe und zeigte der Wittwe, daß Borromäus' hastigen Worten die Aufregung in seinen Zügen entsprach. Was führt Sie her und warum stellen Sie mir nach? sagte sie erschrocken. Sie wissen, daß ich bei meinem Sinne bleiben werde. Halten Sie mich nicht auf.

Gnädige Frau, erwiederte er, es handelt sich nicht mehr um das, was ich Ihnen heute früh mittheilte. Gleich nachdem ich Sie verlassen, hatte ich mit unserem jungen Freund einen heftigen Auftritt. Ich gestehe mein Unrecht, daß ich mich nicht besser mäßigen konnte. Der arme Junge, der es sich tief zu Gemüth zog, liegt nun im stärksten Fieber und ruft nur nach Ihnen. Gott weiß, wie er diese Nacht übersteht. Aerztliche Hülfe vermag hier nichts, nur Sie können ihn wieder besänftigen. Ich bin fortgeeilt, sie zu holen, ein Wagen wartet nahe bei der Thür Ihres Hauses – Sie bedenken sich? O ich wußt' es wohl, ich sagt' es ihm voraus, Ihr guter Ruf würde Ihnen zu theuer sein, um mir in unsere Junggesellenwohnung zu folgen!

Sie war im Laternenlicht ganz bleich anzusehen und lehnte sich auf Margots Arm. Sprache und Bewegung versagten ihr für einige Minuten.

Borromäus beobachtete sie scharf. Ich sehe, wie es steht, sagte er schneidend. Ich bedauere, Sie belästigt zu haben und will meine Pflichten zu Hause nicht länger versäumen. Schlafen Sie wohl, gnädige Frau.

Sie machte sich von Margot los und ergriff seinen Arm. Kommen Sie, führen Sie mich zu ihm! sagte sie entschlossen. Wo haben Sie den Wagen?

Sie werden ihm doch nicht folgen? raunte die Alte ihr zu. Glauben Sie, was er sagt?

Was ist da zu besinnen? sprach sie wie vor sich hin. Ist es mir nicht voraus verkündigt worden, daß ein Unglück im Anzug sei? O mein Traum! Kommen Sie, kommen Sie! Was verlieren wir die Zeit!

Er führte sie rasch, ohne weiter ein Wort zu reden, nach dem Wagen, der in einiger Entfernung hielt. Als er sie hineingehoben hatte, trat Margot an den Schlag. Lassen Sie wenigstens mich mit Ihnen fahren, bat die Alte. Es ist auf alle Fälle.

Was kannst du mir helfen, Margot, im besten oder schlimmsten Fall? erscholl die Antwort aus dem Wagen. Geh nach Haus, erwarte mich; wenn ich nicht wiederkomme die Nacht, ängstige dich nicht. Ich gehe nicht eher von ihm, als bis ich ihn gerettet sehe.

Borromäus sprang in den Wagen und warf die Thür ins Schloß. Fort! rief er dem Kutscher zu, und dahin rollte das leichte Fuhrwerk, dem Margot lange noch kopfschüttelnd nachsah, ehe sie sich entschließen konnte, ohne ihre Herrin nach Hause zu gehen.

Sie fuhren durch die noch lebendigen Straßen der Stadt, und die Laternen warfen ihre zuckenden Lichter ins Innere des Wagens, wo die schöne Frau in die Ecke gedrückt, ihr Gesicht in ihrem Tuch verbergend, neben dem finster schweigenden Begleiter saß. Keines von Beiden fühlte das Bedürfniß zu Sprechen. Auch war das Geräusch der Räder auf dem Pflaster hinderlich. Auf einmal aber hörte es auf, und sie rollten sanft auf einer glatten, unbeleuchteten Chaussee weiter. Frau Anna warf einen Blick durch das geschlossene Fenster. Wo sind wir? fragte sie. Wir sind nicht mehr in der Stadt – wohin führen Sie mich? – lassen Sie halten – Sie führen mich weg von ihm, anstatt zu ihm, wie Sie mir vorgespiegelt haben – halt, halt!

Anstatt ihrem Ruf zu folgen, ließ der Kutscher die Peitsche knallen, und die Pferde zogen feuriger an. Borromäus schwieg.

Ich sehe es klar, hob sie mit Tränen des Zornes von Neuem an, ein elender Betrug ist mir gespielt worden, um so verächtlicher, je weniger er Ihnen helfen kann. Wo hatte ich meine Besinnung, daß ich mich so schnöde fangen ließ? Ich kannte Sie ja, ich konnte wissen, wessen Sie fähig sind. lassen sie halten, oder ich öffne den Wagen und springe hinaus.

Er gab noch immer keine Antwort. Empört durch seine Kaltblütigkeit, bückte sie sich und suchte nach dem Griff der Wagenthür. Sie fand ihn nicht, er schien abgeschraubt zu sein, und mit keiner Gewalt vermochte sie die Thür zu öffnen.

Bemühen Sie sich nicht umsonst, gnädige Frau, sagte Borromäus jetzt. Sie sind nun einmal meine Gefangene. Mir selbst ist es am unbequemsten, daß ich meinen armen Detlef auf keine sanftere Art heilen kann. Aber Sie allein tragen die Schuld.

Der Wahnsinn spricht aus Ihnen. Hülfe, Hülfe! Ist Niemand, der einer mißhandelten Frau zu Hülfe kommt? Halten Sie an, Kutscher, halten Sie! Fordern Sie, was Sie wollen, nur befreien Sie mich. Hülfe, Hülfe!

Sie war im Wagen aufgestanden, pochte an das Rückfenster, zerstieß die Scheibe neben ihr und rief ihren Hülferuf in die Nacht hinaus. Die Pferde liefen unaufhaltsam, und zu beiden Seiten lag die menschenleere nächtige Landschaft in tiefer Stille.

Schonen Sie sich, sagte Borromäus. Sie bestärken den Kutscher nur immer mehr in der Meinung, die ich ihm beigebracht habe, daß er eine Frau zu fahren habe, die um ihren Verstand gekommen sei. Niemand kann Ihnen aus dieser traurigen Lage helfen, als Sie selbst. Sie werden frei sein von dem Augenblick an, wo Sie eine sichere Bürgschaft stellen, daß Sie jeden Anspruch an Detlef aufgeben.

Und wenn Sie mich niemals dahin bringen, wenn ich lieber Alles erdulde, als daß ich mich einem so schimpflichen Zwang ergebe?

So werde ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen Deutschland und einen Theil von Europa zu zeigen, bis die Luftveränderung und der Einfluß der Zeit günstig auf Ihr Gemüth zu wirken beginnen. Inzwischen hat auch Detlef Muße sich zu besinnen.

Und diese Posse denken Sie durchzuführen? Es ist lächerlich!

Warum lächerlich? Ich weiß sehr wohl, daß Sie auf der nächsten Station, wo wir anhalten, den Versuch machen werden, sich meiner Gewalt zu entziehen, dasselbe Mittel jedoch, das den Kutscher gegen Ihre Bitten und Versprechungen taub macht, wird auch bei andern Leuten seine Wirkung nicht verfehlen. Wir werden zum Ueberfluß immer im obersten Geschoß der Wirthshäuser Quartier nehmen und den Schlüssel zu Ihrem Schlafgemach müssen Sie mir schon erlauben unter mein Kopfkissen zu legen.

Ich wende mich an die Obrigkeiten, ich werde Sie vor Gericht ziehen.

Sie würden es ohne Zweifel, gnädige Frau, wenn zu solchen Schritten nicht etwas mehr Freiheit gehörte, als ich Ihnen leider einräumen kann. Auch wäre es immerhin eine ärgerliche Sache; wir kämen in die Zeitung, man erführe in der Stadt davon, und wenn Sie zurückkehrten, sähe man Sie mit wunderlichen Augen an. Ja es ist möglich, daß ich genöthigt würde, auf meine eigene Gefahr hin die ganze Wahrheit einzugestehen; ich gebe Ihnen zu bedenken, welch ein häßlicher Makel Ihrem guten Namen dadurch angehängt werden würde.

Es komme was will, ich scheue vor nichts zurück, was Ihnen Ihr ruchloses Spiel verderben kann. Und wenn Alles umsonst wäre und Sie mit Ihren tückischen Lügen und Ränken mich ganz umstrickt zu haben meinten, daß ich Ihnen nicht entrinnen könnte, so stürz' ich mich aus dem Fenster auf die Steine und überlasse es Ihnen, mit der Nachricht davon zu ihm zurückzureisen.

Bei solchen überspannten Drohungen setzen Sie mich nur in die unangenehme Notwendigkeit, das Zimmer zu Nacht mit Ihnen zu theilen, erwiederte er. Uebrigens fürchte ich bei Ihren Jahren dergleichen nicht. Ich hoffe, daß Ihr Verstand, von dem ich eine nicht schlechtere Meinung habe, als von Ihrem Herzen, Ihnen schon in nächster Zeit sagen wird, daß ich zu Ihrem eigenen Besten gehandelt habe. Sie sprechen von Lug und Trug, mit denen ich Sie umsponnen hätte. Meine kleine Notlüge kommt gar nicht in Betracht neben Ihrem großen Selbstbetrug, als könne Ihr Verhältnis zu Detlef auf die Länge Bestand haben. Ich rette Sie vor der schmerzlichen Erfahrung, daß Sie dies zu spät erkennen. Wenn Sie vernünftig sein wollten, so wäre Alles in schönster Ordnung. Sie schrieben morgen an Ihre Dienerin, daß Sie plötzlich eine dringende Geschäftsreise angetreten hätten. Für die Erfindung der näheren Umstände würde ich schon Sorge tragen, wie Sie überhaupt ganz über mich verfügen können, sobald Sie den abenteuerlichen Gedanken aufgeben, Ihr Loos mit Detlefs Jugend zu verflechten. Sie reisten dann eine Zeitlang, etwa zu Verwandten. Sie kehrten nach einem Vierteljahr zurück, wo der Schluß des Semesters mir erlaubte, den Jungen auf die Reise zu begleiten. So ginge die Zeit hin, sie dächten an einander, als wenn Jeder von Ihnen auf einer Insel lebte und das Meer Sie für immer trennte, und endlich – wären Sie eine schöne alte Frau geworden, und Alles läge wie ein Traum hinter Ihnen.

Während er so sprach, lag sie in der Ecke des Wagens, schluchzend wie eine Verzweifelte. Der Mond war aufgegangen und Borromäus betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Ihr Haar hing in Verwirrung über ihre Schläfen herab, die Augen flossen in Thränen über, der Mund zuckte, halb von Schmerz, halb von trotziger Erbitterung. Sie erwiederte nichts mehr. Nur schüttelte sie zuweilen heftig den Kopf, fast wie in unwillkürlichem Krampf, und zerbiß ihr Taschentuch, um das Weinen zurückzuhalten. In diesem Augenblick war sie wirklich nicht mehr die reife Frau an der letzten Grenze der Jugend, sondern ein hülfloses Kind, das in seinem Schmerz nur einen dumpfen Starrsinn dem überlegenen Willen eines Erwachsenen entgegenzusetzen hat.

Immer weiter fuhren sie in die Nacht hinein, Dorf nach Dorf blieb hinter ihnen, und die Pferde schienen unermüdlich. Borromäus hatte die Augen geschlossen, aber er dachte nicht an Schlaf, und keine Bewegung seiner Gefangenen entging ihm.

Erst gegen Mitternacht hielt der Wagen vor der Thür eines Gasthofs, der am Eingang eines großen Dorfes stand. Der Kutscher stieg ab, um die Leute aus dem Schlaf zu trommeln, und der Lärm des Hofhundes unterstützte ihn. Dennoch dauerte es lange, bis ein schläfriger Knecht das ungefüge Hofthor öffnete und mit der Laterne sich die Reisenden ansah. Auf die Frage des Kutschers nach frischen Pferden zuckte der Bursch träge die Achseln und bemerkte, das ganze Dorf schlafe, ob die Herrschaften sich nicht bis morgen gedulden könnten. Borromäus' gebieterischer Ton schnitt ihm jede weitere Einwendung ab, und eilends lief er davon, bei einem Nachbarn Rath zu schaffen, da der Wirth seine eigenen Pferde mit dem Pfarrer über Land geschickt habe. So blieben sie im Wagen sitzen, durch den die laue Nachtluft strich, und hörten, wie der Kutscher pfeifend seine Thiere abschirrte, während es auch im Hause lebendig wurde und ein Licht hinter den Fenstern vorüberglitt. Jetzt trat der Wirth selbst mit dem flackernden Nachtlämpchen aus der Thür und kam an den Wagenschlag. Als er das wunderliche Gefährt musterte, das ohne alles Gepäck eine so eilige Reise machen sollte, und drinnen die schöne blonde Frau neben dem nachlässig gekleideten Mann, wußte er nicht, in welchem Ton er die Herrschaften anzureden habe. Er wechselte vorsichtig erst einige Worte mit dem Kutscher, der ihn alsbald aufklärte. Höflich kehrte er zu den Reisenden zurück und lud sie ein auszusteigen und, bis die Pferde kämen, es sich in seinem Hause gefallen zu lassen. Eine kleine Erfrischung werde auf der Stelle bereit sein und ein sehr empfehlenswerter Wein liege in seinem Keller.

Wir steigen aus, sagte die Wittwe rasch; ich bin durstig.

Borromäus ließ es geschehen, daß der Wirth den Schlag öffnete; aber indem er ihr seinen Arm bot, um ihr beim Aussteigen zu helfen, sagte er leise: Sie wissen, daß jeder Versuch, zu entfliehen, vergeblich ist. Der Kutscher hat dem Wirth bereits gesagt, was er von Ihrem Zustande zu halten habe.

Sie zuckte zusammen und stieß seinen Arm zurück. Dann, die Kapuze ihres Mäntelchens tief über das Gesicht ziehend, ging sie neben ihrem Feinde in das Haus hinein.

In dem Gastzimmer, wohin der Wirth sie führte, sah es nicht besser aus, als um diese Stunde in allen dörflichen Schenkstuben. Doch brannten die beiden Lichter, die eine Magd auf den langen Tisch stellte, zum Glück nicht so hell, daß man die Unsauberkeit des Gemaches deutlich gewahr geworden wäre. Frau Anna schien nichts, was um sie herum vorging, zu bemerken. Sie hatte sich sogleich auf einen Stuhl am Fenster geworfen und, Borromäus den Rücken wendend, ihre Augen in die Nacht hinausgerichtet. Er dagegen schenkte sich ein Glas Wein ein, zündete eine Cigarre an und ging, die Hände in die Rocktaschen vergrabend, rauchend das Zimmer auf und ab. Erst nach einer Weile lud er sie ein, von dem Weine zu kosten, der nicht schlecht sei. Er ließ Wasser und Zucker kommen und bereitete ihr selbst ein Glas. Sie gab kein Zeichen, daß sie höre, was er sagte. Der Wirth, der zugegen war, blinzelte Borromäus mit den Augen zu, ihm anzudeuten, daß er im Geheimniß sei; aber auf einen finsteren Blick und eine kurze Geberde verließ er das Zimmer, um sich draußen im Gespräch mit dem Kutscher für das geringe Vertrauen der Herrschaft zu entschädigen.

Das Umspannen jedoch ging langsam von Statten. Als mit nicht geringer Mühe die Pferde zur Stelle waren, fand der sachkundige Hausknecht, der nach löblicher Gewohnheit mit der Laterne um den Wagen herumleuchtete, daß eine der Federn dem Brechen nahe sei. Ein umständlicher Rath wurde gehalten, was nun zu thun. Es ergab sich endlich, daß mit einigen Stricken die schadhafte Stelle vorläufig haltbar gemacht werden könne, wenigstens bis zum andern Morgen. Mehr als einmal steckte Borromäus den Kopf zum Fenster hinaus und trieb die Saumseligen zur Eile. Er versprach ein starkes Trinkgeld, wenn sie bald von der Stelle kämen. Doch ging immer noch eine bequeme halbe Stunde herum, bis der Wirth mit der Meldung kam, daß Alles in bester Ordnung sei.

Während der ganzen Zeit hatte Frau Anna an ihrem dunkeln Fenster sich nicht geregt, und auch jetzt, als Borromäus zu ihr trat, ihr seinen Arm anzubieten, blieb die Gestalt wie leblos, und nur ein leises Zittern der seidenen Kapuze verrieth, daß die Schweigende wohl wußte, was um sie herum vorging.

Gnädige Frau, sagte Borromäus, es ist Zeit einzusteigen. – Sie haben geschlafen? Sie werden es im Wagen bequemer haben.

Der Wirth hatte ein Licht vom Tisch genommen und stand erwartend neben der Thür.

Ich bitte um Ihren Arm, sagte Borromäus nachdrücklicher. Entschließen Sie sich. Die Luft draußen ist angenehmer, als in dieser Bauernschenke.

Ich zwinge Sie nicht, darin auszuhalten, erwiederte sie jetzt. Fahren Sie immerhin. Ich aber bleibe.

Sie werden Ihren Sinn ändern, sagte er trocken. Sie sind verwöhnt, und von allen Bequemlichkeiten, die Sie bedürfen, erwartet Sie hier nicht die kleinste. Indessen soll es nicht an mir liegen, wenn Sie auf der Reise nicht Alles nach Ihren Wünschen finden. Sie haben Zimmer bereit, Herr Wirth? sprach er nach der Thür hin.

Belieben die Herrschaften sie nur in Augenschein zu nehmen, gab der Mann dienstfertig zur Antwort. Ich werde sogleich befehlen, daß man ausspannt. Niklas, rief er auf die Straße hinaus, abgeschirrt und die Pferde zurück!

Es bleibt angespannt! herrschte Borromäus. Ist es gefällig, gnädige Frau? Wir werden freilich vorlieb nehmen müssen, denn in den Zimmern und Betten wird es kaum sauberer aussehen, als in der Schenkstube. Aber Sie wünschen es und werden es nehmen, wie Sie es finden.

Sie stand rasch auf und schien Willens, dem Wirth hinauf zu folgen. Jetzt zuerst warf sie einen Blick auf das unwirthliche Zimmer, den Schenktisch mit den trüben Flaschen und Gläsern und die rauchgeschwärzte Decke. Sie zauderte und stand mitten im Gemach still. Borromäus, der hinter ihr gegangen, sah, wie sie bebte. Es ist nicht nöthig, sprach sie rasch, ich will die Nacht dort am Fenster zubringen. Es ist bequem genug für eine hülflos mißhandelte Frau. – Heftiges Schluchzen, in das sie plötzlich ausbrach, erstickte die letzten Worte. Sie glitt auf den Stuhl am Fenster zurück und ließ, ganz in die Kapuze eingehüllt, ihrem Jammer freien Lauf.

Borromäus hatte dem Wirth gewinkt, sie allein zu lassen, und umwandelte nun wieder rauchend und für sich hinsinnend den langen Tisch, während draußen auf der luftigen Straße die Pferde sich rührten und mit Schnaufen ihr Geschirr schüttelten. Schon war es Ein Uhr geworden und die feierlichste Schweigsamkeit der Nacht vergangen. Ein Storch auf dem Giebel des Bauernhauses gegenüber, von dem Laternenlicht beunruhigt, erhob sich halb verschlafen auf seinem Nest, streckte den Schnabel gegen den silbergrauen Himmel und klapperte nachdenklich. Der Hund rasselte an der Kette, und murrte, daß die nächtliche Störung sein Ende nehme. Auch die Fliegen im Schenkzimmer taumelten summend umher, krochen an dem Weinglase hinauf und belagerten die Schale mit Zucker. Von Zeit zu Zeit klatschte der Kutscher, der mit dem Hausknecht plauderte, mit der Peitsche und mahnte zum Aufbruch. Aber die weinende Frau empfand nichts von der Ungeduld um sie her. Sie hörte kaum, was Borromäus zu ihr sprach, noch war sie fähig, ihre betäubten Gedanken auf irgend einen Entschluß zu richten. Wie um Schutz zu suchen gegen Alles, was sie litt und noch leiden sollte, flüchtete sich ihr Herz in die Erinnerung der vergangenen Nächte, wenn sie, die Thür ihres Salons hinter sich zuwerfend, mit fliegendem Athem in das trauliche Gemach mit den rothen Vorhängen geeilt war und, ehe er noch von dem Sopha aufstehen konnte, ihm zu Füßen lag, daß er verwirrt sich zu ihr niederbog und sie auf den Scheitel küßte. Und dann, wie sie zu ihm hinauf lachte, die beiden Hände in sein dichtes Haar vergrub, und er, aufstehend, sie wie ein Kind emporhob, daß sie in seinem Arm kaum den Boden mit den Füßen berührte. Der Vogel im Bauer erschrak vor allem Uebermuth ihrer Liebe. Sie warf das Tuch, das er ihr vom Halse band, über den Käfig. Dann gingen sie lange über die lautlosen Teppiche auf und ab, die Arme um einander geschlungen. Manchmal stand sie und lehnte die Stirn an seine Brust und schloß die Augen. Ich sehe die Welt nicht mehr! sagte sie. Er verstand es kaum, aber er verstand, daß er mehr geliebt werde, als er zu lieben vermöge.

Und wie schön war sie noch, wie schön erschien sie sich selbst, wenn sie neben ihm saß und er löste ihr das Haar, und die blonden Flechten fielen auf ihre weißen Hände herab, die sie demüthig und still im Schooß gefaltet hatte. Sie sah ihr Gesicht in dem silbernen Spiegel, der auf dem Tische stand. Die Rosen im Glase daneben waren freilich röther, aber nicht so durchsichtig belebt wie ihre Wangen. Er hatte die Blumen – wie manches Mal! – aus dem Strauß genommen und über ihrem Scheitel entblättert und das Rosenblatt, das auf ihren lachenden Mund fiel, weggeküßt. –

Und wo war er jetzt? Warum, wenn es einen Zug des Herzens gab, ahnte er nichts von ihrer Noth und machte sich nicht auf, sie zu retten? Nein, er kommt, er kann sie nicht in der Hand dieses gewalttätigen Feindes lassen, er wird sie befreien und alle neidischen Ränke gegen ihr Glück zu Schanden machen. Nur erwarten muß sie ihn, nicht von der Stelle weichen, bis er kommt.

Das stillte ihre Thränen. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus; nichts war zu sehen, als der verhaßte Wagen und die Leute bei den Pferden, die leise von ihr sprachen und argwöhnisch nach ihrem Fenster blickten.

Auf einmal kam es ganz aus der Ferne wie der Hufschlag eines jagenden Pferdes heran. Bis an den Hals hinauf schlug ihr das Herz; sie zweifelte keinen Augenblick, daß er es war. Jetzt hob auch der Knecht draußen die Laterne und ließ ihren Schein die Straße hinunter wandern. Kurze Zeit noch, und ein Reiter flog heran; sein Pferd, über und über mit Schaum bespritzt, stürzte in die Knie wenige Schritt von dem Wagen entfernt, und im Nu war der Jüngling aus den Bügeln. Anna! rief er zum Fenster hinauf. Sie konnte nur mit der winkenden Hand antworten. Denn in denselben Augenblick, wo das Pferd zusammenbrach, war Borromäus dicht an sie herangetreten.

Sie werden so viel Vernunft haben, sagte er rasch, als Ihren Jahren zukommt. Dieser verrückte Streich des Jungen soll mir mein Spiel nicht verderben. Ich bitte, daß sie schweigen und mich machen lassen.

Nichts haben Sie zu bitten, nichts mir vorzuschreiben! Nur der schändlichsten Gewalt habe ich weichen müssen. Frei bin ich jetzt, gerettet – Detlef!

Sie rief es dem Jüngling entgegen, der wie ein Ungewitter in die Thür stürmte. Sein Gesicht glühte über und über, wie verwirrt blickte er aus den Augen, barhaupt, als wäre er nicht durch die Sommernacht, sondern durch Winterstürme dahergejagt. Hinweg von ihr! rief er Borromäus entgegen, der vor seine Gefangene getreten war. Keine Hand rührt sie mehr an, kein Blick beleidigt sie mehr – oder ich stehe für nichts! Anna, ist es möglich, daß du das um mich ertragen mußtest!

Still! gebot Borromäus unerschütterlich. Es ist nicht nöthig, daß wir noch mehr die Fabel des Dorfes werden, als durch deine Thorheit ohnehin geschehen wird.

Meine Thorheit? Wer hier den andern anzuklagen hat, ist, denk' ich, nicht zweifelhaft! Anna, hast du es dulden müssen? – ich komme von Sinnen! –

Du bist von Sinnen, und nicht erst seit heut; ich aber kenne meine Pflicht. Ich habe mein Ansehn bisher nicht zu brauchen gehabt; aber Gott sei Dank, daß ich noch eine andere Gewalt über dich habe, wenn die Macht der Vernunft an deiner Tollheit zu Schanden wird. Im Namen deiner Mutter, Detlef, die mich dir zum Vormund bestellt hat: du berührst diese Frau nicht mehr, du verlässest das Haus und kehrst in die Stadt zurück; ich will es – und du wirst es thun!

Nimmermehr! schrie er, außer sich. Niemand gehorch' ich, Niemand hab' ich zu gehorchen, als ihr allein! Ist es dein Wille, Anna, daß ich gehe und dich deinem Räuber lassen soll?

Rette mich, Detlef! rief sie und streckte den Arm nach ihm aus. Er stürzte zu ihr, ergriff ihre Hand und wollte sie an sich ziehen. Borromäus' eiserner Arm hielt ihn zurück. Nicht so lang ich lebe! sagte er mit zitternder Stimme. Aber das Ohr des Rasenden war taub für den warnenden Klang dieser Worte.

Wage dich nicht an mich! schrie er. Ich bin kein Unmündiger mehr, ich dulde keine Beleidigung. Die Hand von meinem Arm, Borromäus; ich kann viel vergessen, weil ich dir viel zu danken habe, aber Erniedrigung vor ihren Augen – Zum letzten Mal die Hand von meinem Arm, oder bei Gott im Himmel, ich muß für den Schimpf Genugthuung fordern und Mann gegen Mann dir gegenübertreten.

Ein gewaltsamer Ruck befreite ihn von dem Arm des Freundes, und Anna lag an seiner Brust. Borromäus trat einen Schritt zurück. Sein Gesicht schien ruhig, die Arme hingen ihm schlaff herab, er lehnte am Tisch und sah starr auf Detlef. Genugthuung? sagte er. Es ist gut, du sollst sie haben. Auch das, mein Junge; und warum auch nicht? Es ist wahr, du bist schon recht groß, und wenn große Menschen sich beleidigen, so giebt es ein gewisses Herkommen, dergleichen auszutragen. Ich will dir Genugthuung geben, wo und wann du willst, und zwar bald. Fürs Erste freilich hast du andere Verpflichtungen. Laß dich nicht darin stören. Gute Nacht!

Er nahm seinen Hut vom Tisch und ging hinaus. Als der Jüngling die Thür zufallen hörte, zuckte er zusammen. Er hatte ein Wort auf den Lippen, aber keinen Athem, es auszusprechen. Sein Arm hatte Anna's Schulter freigelassen und einige Minuten lang stand er regungslos neben ihr, als habe er vergessen, wo er war. Erst mit einem tiefen Seufzer kam wieder Leben in ihn. Wie fühlst du dich? sagte er, besorgt und doch halb zerstreut wieder zu ihr gewendet. Du bist bleich, du hast geweint. Komm! Keinen Augenblick länger sollst du an diesem Ort zubringen. Warum ist es dahin gekommen! Was hast du ertragen müssen um mich!

Sie drückte schweigend seinen Arm, und er führte sie an den Wagen hinaus, um den sich inzwischen einige Bauern und Knechte gesammelt hatten. Umwenden, nach der Stadt zurück! befahl er. Während es geschah, spähte er, die Frau am Arm haltend, in dem grauen Helldunkel umher. Ein Knecht führte sein hinkendes Pferd langsam dem Hofthor zu, und Detlef nannte dem Wirth, der verstört hin und her lief, den Namen des Mannes in der Stadt, dem es zurückzuschicken sei. Wo ist der andere Herr hingegangen? fragte er. Der Wirth zuckte die Achseln. Einer von den Bauern wollte ihn querfeldein wandern gesehen haben, ein anderer widersprach. So stiegen sie in den Wagen, ohne Gewisseres zu erfahren.

Die Pferde zogen an, und als der kühlere Morgenwind zu der Scheibe hereinstöberte, welche Anna in der ersten Aufwallung des Zornes zertrümmert hatte, drückte sie sich fester an ihren Freund. Sie hatte seine Hand gefaßt und bückte sich oft herab, um ihre Lippen darauf zu drücken. Er schien es kaum zu empfinden. Wie abwesend starrte er gerade vor sich hin durchs Fenster und schwieg. Erst als er Thränen auf seiner Hand fühlte, neigte er sich zu der Weinenden, erhob sanft mit der andern Hand ihr Gesicht und küßte sie auf die Augen. Weine nicht, sagte er. Ich bin bei dir, Niemand soll dir wehe thun!

Du selbst, Detlef, du selbst! Du bist nicht mehr derselbe zu mir, die Erinnerung an diese Stunden wird dir immer nachgelten und zwischen dich und mich und unsere Liebe treten. Du kannst es mir nicht verzeihen, daß ich dich mit ihm entzweit habe.

Er widersprach heftig; er betheuerte, daß er Vater und Mutter um sie verlassen würde – sie schüttelte den Kopf und weinte in seinen Armen. Als könne er sie nicht besser trösten, erzählte er ihr, welche Qualen er über Tag ausgestanden, wie ihn Abends die Angst und Sehnsucht fast umgebracht habe, und doch habe er die festgesetzte Stunde heranwarten wollen. Margot aber sei plötzlich in sein Zimmer getreten, und wie sie ihren Argwohn bestätigt gefunden, habe sie ihm die Spur gezeigt, auf der er nachjagen müsse. Der Fuhrherr, dessen Wagen sie erkannt, sei zwar zum Schweigen über den Weg verpflichtet gewesen, aber die Drohung, daß man ihn vor Gericht bringen werde als Helfershelfer, habe ihn zu Allem willig gemacht, und so sei es gelungen, trotz des Vorsprungs sie einzuholen.

Welche Nacht! Um welchen Preis habe ich dich wieder, Anna! rief er schmerzlich aus.

Du wirst ihn zu hoch finden, Detlef!

Nie, nie!

Vielleicht schon morgen, sprach sie vor sich hin.

Morgen! – Dies bange Wort klang eine lange Zeit in den Gedanken der Liebenden nach. Was morgen werden sollte und darüber hinaus? Der Jüngling saß stumm, das Kinn auf die Brust gesenkt, in der Ecke des raschen Wagens, die Hand der Geliebten, die in der seinigen lag, von Zeit zu Zeit drückend, wie um sich ihrer zu versichern. Er zürnte mit sich, daß er nicht froher sein konnte neben ihr, daß er die alten ungestümen Flammen nicht mehr in sich erwecken konnte, die er sonst an ihren Lippen zu kühlen pflegte. Und doch, je mehr er mit sich zürnte, desto unmöglicher schien es ihm, ein Liebeswort über die Lippen zu bringen. Vor drei Wochen – was hätte er darum gegeben, eine Sommernacht allein mit ihr im dämmerhaften Wagen dahinzufahren. Jetzt hatte er die Augen geschlossen und fürchtete sich, sie zu öffnen, als müsse sie ihm auf einmal verwandelt scheinen, eine Fremde, ohne alle Macht über sein Herz. Wie sie so aufgelöst sich an ihn drückte und auf seine Hand weinte, durchzuckte ihn ein qualvolles Mitleid. Alles, was sie ihm gewesen war und was sie seinetwegen erlitten hatte, stand ihm herzzerschneidend vor Augen. Aber der Schmelz, den die Freude und das Gluck über ihre Gestalt ausgegossen, war verblichen. Er empfand es deutlich wie einen schweren Undank. Einzelne Worte aus seinem Gespräch mit Borromäus am Vormittag wurden plötzlich in ihm lebendig. Es kam ihm vor, als seien sie beide zehn Jahre älter geworden, und die Entfremdung, die er mit Schrecken fühlte, sei nur die Frucht der Zeit. Als er jetzt aufsah und ihr Gesicht betrachtete, das zurückgesunken auf der Kissenlehne des Wagens ruhte, die Lippen halb geöffnet, die Augen unstät aufgeschlagen, mußte er sich wohl sagen, daß Alles noch wie gestern sei, sie noch reizend und jedes Opfers werth, die Nacht noch für Glückliche gemacht. Aber er konnte sich nicht überwinden, diesen Mund, der nach ihm zu verlangen schien, zu küssen, die Arme um das blonde Haupt zu schlingen und wie sonst Alles, was ihn drückte, in ihrem Besitz zu vergessen.

An Borromäus dachte er kaum, oder doch nur mit einem völlig gestaltlosen dumpfen Wehgefühl. Die Erkenntniß, daß die überschwängliche Kraft der Leidenschaft ermatten könne, füllte all seine Sinne und Gedanken aus. Er schwieg und hatte nur die Furcht, daß sie zu sprechen anfangen möchte. Und warum sprach sie nicht? Sah sie zu klar in den Zustand seines Gemüths, um nicht jedes Gespräch zu vermeiden, das ihre Ahnung nur hätte bestätigen können? Sie hatte ihm ihre Hand entzogen und sich die Augen bedeckt, die längst zu weinen aufgehört hatten. Manchmal, wenn die Gewißheit des Verlustes grell vor sie hintrat, zitterte sie von Kopf bis zu Fuß und schloß die Lippen, um nicht laut aufzustöhnen. Dann zog sie das Mäntelchen fester um sich, als hätte sie nur vor der Nachtkühle geschauert, neigte sich vor und sah auf den Weg hinaus, auf den die Ahornbäume unsichere Schatten warfen. Nun näherten sie sich schon der Stadt, und verwehte Töne des Glockenspiels auf dem Domthurm kamen ihnen entgegen. Eine halbe Stunde noch, und der Wagen hielt vor ihrem Hause.

Margot hatte ihn kommen hören und trat aus der Pforte, ohne Licht, wie es schien unwillig, daß ihre Herrin das Aufsegen nicht vermieden hatte und nicht schon in einer anderen Straße ausgestiegen war. Sie half der Frau aus dem Wagen und winkte dem Jüngling, daß er sitzen bleiben solle. Ohne Umarmung mußte er sie von sich gehen sehen; nur in der Hausthür wandte sie sich um und winkte traurig zurück. Er wollte hinausspringen und ihr nachstürzen. Aber der Kutscher, dem Margot ein Wort zugerufen hatte, trieb die Pferde schon wieder an, und die Thür des Hauses schloß sich geräuschlos.

*

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