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Das Bild der Mutter

Paul Heyse: Das Bild der Mutter - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDas Bild der Mutter
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1858
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Borromäus kam nach Haus und fand den Jüngling in der mittleren Stube auf dem Sopha sitzend, in Hemdärmeln und Sporenstiefeln, das Mützchen auf dem Kopf. Er schien schon im Begriff gewesen zu sein, der Haft zu entfliehen, und plötzlich, seines gegebenen Wortes eingedenk, den Rock abgeworfen zu haben, um sich ans Zimmer zu binden. Sein Gesicht veränderte sich nicht, als Borromäus eintrat. Ein stilles Brüten, das darauf gelegen, verschwand nicht von seinen Augen und Lippen. Er hatte ein Blatt vor sich, auf dem er mit Bleistift Figuren und Köpfe kritzelte; welches Bild ihm dabei vorschwebte, war selbst aus den unbeholfenen Strichen nicht zu verkennen. In dieser Beschäftigung fuhr er emsig fort, als er längst nicht mehr allein war. Doch war sein Blick nicht mehr bei den Bewegungen seiner Hand, sondern wie nach innen gekehrt. Was Borromäus that, schien er nur mit dem Ohr zu verfolgen.

Der Andere war stillschweigend eingetreten, hatte ebenfalls den Rock abgestreift und dann die Fenster geschlossen, durch welche die Mittagsschwüle breit hereinströmte. Alle seine Geberden hatten etwas Rasches, Nachlässiges, ja Vernachlässigtes, wie von einem Menschen, der sich lange entwöhnt hat, die Augen der Welt auf sich gerichtet zu fühlen. Sein dünnes Haar, blond und stark angegraut, lag zerstreut um die Schläfen, den Bart hatte er mehrere Tage lang nicht scheeren lassen. Die feine Wäsche, die er trug, zeigte, daß er schnupfte, und so lag auch auf den Büchern, auf dem Tisch und am Fußboden überall Tabak verstreut. Er zündete eine Cigarre an und zerbiß sie während des Rauchens mit solchem Eifer, daß sie an beiden Enden zugleich verbraucht wurde. So trieb er es eine ganze Weile, ohne Detlef anzureden, indem er bald ein Buch nahm und einige Seiten las, aufmerksam genug, um ein paar Druckfehler sofort anzumerken, bald die Cactustöpfe am Fenster beschaute und die welken rothen Blüthen leise mit der Hand abstreifte. Erst als er mit der Cigarre fertig war und sie hinter den Ofen warf, sagte er: Ich war bei der Wittwe, mein Junge. Es ist mir lieb, daß ich kein gewöhnliches Weib in ihr gefunden habe. In anderer Hinsicht ist es mir wieder unlieb. Es wird dir nicht ganz leicht werden, dich von ihr fern zu halten; um so mehr wird es dir Ehre machen, und du trägst von dieser Liebschaft wenigstens keine niedrige Erinnerung davon.

Borromäus, sagte der Jüngling, der immer fortfuhr zu zeichnen, sprich anders von ihr, oder du treibst mich aus dem Zimmer.

Anders? Ich dächte, du könntest damit zufrieden sein, daß ich nicht wegwerfend von ihr rede. Ich will dir auch noch den Gefallen thun zu sagen, daß sie eine sehr liebenswürdige Frau ist. Darum taugt sie immer noch nicht für dich, mein Junge, und mit einiger Vernunft solltest du es einsehn können. Aber da es dir, wie sehr verzeihlich ist, in diesem Augenblicke daran fehlt, so erlaube, daß ich Vernunft für Zwei habe, und folge mir und erinnere dich, daß du mir schon sonst, nicht zu deinem Schaden, gefolgt bist.

Der Jüngling warf das Blatt weg und stützte den Kopf in beide Hände, die braunen Haare fielen dicht darüber. Nein, nein, sprach er dumpf, es ist Alles vergebens, Borromäus; du quälst uns Beide nutzlos und änderst nichts. Meine Ehre steht auf dem Spiel, auch wenn ich mein Herz zum Opfer bringen wollte.

Du sprichst, wie jeder junge Mensch in deiner Lage sprechen würde, erwiederte Borromäus sanft. Aber du weißt nicht, was du sprichst. Jedes richtig beschaffene Herz setzt seine Ehre darein, nichts gegen sein innerstes Gefühl zu thun. Könnte dein Herz schon jetzt den Gedanken dieses Opfers fassen und ertragen, so würde es nicht glauben, dadurch an seiner Ehre zu sündigen.

Ich verstehe dich nicht. Ist das Bündniß, das du zerstören willst, nicht von beiden Teilen geschlossen? Darf es der eine, der stärkere Theil brechen, ohne ehrlos zu werden? O Borromäus, Gott weiß, was ich darunter leide, zum ersten Mal in meinem Leben mit dir, gerade mit dir in offenem Widerspruch zu stehen. Aber wenn auch das Band zwischen mir und dir älter ist, – an sie bin ich gebunden mit Allem, was Himmel und Erde aufzubieten haben, um aus zwei Schicksalen eines zu machen.

Mit Allem? Das Band der Ehe fehlt.

Um so fester halten wir uns, um so fester hält außer der Liebe das Gewissen.

So lange es eben hält. Nein, mein Junge, du sollst mir nicht Recht geben, nicht freiwillig Ja sagen, nur dich zwingen lassen und einem Willen stillhalten, der doch wahrlich bis auf diesen Tag nur dein Bestes gewirkt hat. Wenn Jemand um seinen Verstand kommt und in Raserei verfällt, entehrt es ihn, daß ihn der Arzt ans Bette festbinden läßt? Er weicht der Gewalt, und wenn er genesen ist, ist er wieder so werth, ein freier Mensch zu heißen, wie zuvor.

Du schlägst mir vor, erwiederte der Jüngling, daß ich in einen Selbstbetrug willigen, mir einbilden soll, ich würde zu etwas gezwungen, was Götter und Menschen mir nicht abtrotzen können ohne meinen eigenen feigen Entschluß. Du weißt selbst, Borromäus, daß alle Macht, die du über mich hast, nichts vermag gegen dies Gefühl, das mich plötzlich mündig gemacht und auf mich selbst gestellt hat. Vergieb, daß ich so rede, daß ich die langen Jahre, in denen ich dir allein angehörte, auszustreichen scheine, als wögen sie nichts gegen das, was ich Anna schuldig bin. Das ist das Furchtbarste an meiner Lage, daß ich mir selbst undankbar vorkommen muß, daß ich –

Schweig davon! unterbrach ihn Borromäus lebhaft. Du weißt, daß ich diesen Ton zwischen uns nicht dulde. Was hättest du mir zu danken gehabt, das du nicht im Augenblick durch Alles, was du mir bist und warst, vollauf wett gemacht hättest? Heut zum ersten Mal komme ich in den Vortheil gegen dich. Denn ich rette dich aus einer großen Noth auf die Gefahr hin, dich auf lange mir abwendig zu machen. Und auch das wird dein späterer Dank wieder ausgleichen, den ich dann nicht zurückweisen will, denn er soll mir die Schmerzen dieser Tage vergüten.

Sie schwiegen eine Zeitlang. Der Jüngling hatte sich zurückgelehnt und hielt mit der Linken seine Stirn, als drohe sie zu springen. Nein, sagte er, du kannst es nicht begreifen, du hast kälteres Blut, die Jahre haben es abgekühlt. Du nennst es eine Liebschaft, du meinst, ich könne sie verlassen und fortleben und mich hinter die Bücher setzen, als wäre nichts geschehen. O Borromäus, du weißt nicht, was sie mir geworden ist, wie sie mir jeden Sinn erst aufgeschlossen hat, wie hell es um mich wurde und nur das ein dunkler Flecken blieb, daß ich dich in mein Glück nicht einweihen durfte! Wenn du es ahntest, was du dir selbst damit zerstören willst, ließest du uns gewähren, und da es doch nicht anders sein kann, hättest du deine Freude daran.

So lange der Rausch währt. Und wenn er verflogen ist, was dann? Wenn sie dir die erste Blüte gestohlen hat und ihr steht nun neben einander, Jedes vom Andern zurückfordernd, was nicht mehr zurückzubringen ist – was dann? Meinst du, daß sie dich je freigeben wird, wenn längst nicht mehr das Herz, sondern nur noch ein kahler Wahn von Pflicht und Ehre dich an sie fesselt, und dir nun eines Tages das Geschöpf begegnet, das die Natur und die Jugend selbst für dich geschaffen haben? Glaube es, Kind, alles Verkehrte im Leben, wenn es auch scheinbar durch seine Widersprüche die Entwicklung beschleunigt, indem es überreizt, es rächt sich einmal. Es verkehrt den geraden innern Sinn und Instinct für alle Dinge dieser Welt. Es verbirgt und verdirbt jede Sicherheit der Natur; es bricht dem frohen Muth, der der gute Genius eines Menschenlebens ist, die Flügel. Ich weiß wohl, welchen Reiz eure Heimlichkeit hat. Aber das Schlimmste dabei ist, daß euch das Geheimniß nicht allein wegen der Weltsitte nöthig scheint, sondern weil euer Dunkel zugleich euch selbst den Bruch mit der Natur, die Gleich und Gleich gesellt, verschleiert.

Bist du nicht, fuhr er fort, schon nach diesen kurzen Wochen ein Anderer geworden? Hatten die Studien, die dir sonst Freude machten, noch den geringsten Reiz für dich? Wie im Traum bist du herumgegangen, ganz ausgefüllt von der einen Sehnsucht, blind gegen alle Ziele, die dich sonst begeisterten. Es ist nicht zu verwundern. Du gehörtest der Jugend nicht mehr an, du warst der Genosse eines fertigen Lebens, das noch eine kurze Nachblüte dir zu schauen gab, deren Duft und Glanz dir den Kopf verwirrte. Und wenn dies Schauspiel sein rasches Ende gefunden hat, wer giebt dir die verlorene Unbefangenheit wieder? Du hast dann zu viel vom Ende alles Schönen gesehen, um noch die Illusionen zu bewahren, ohne die ein jedes Streben in der Wurzel verdorrt. Und wenn du dann dich losreißest, um der Selbsterhaltung willen, und dich auf das Recht der Nothwehr besinnst, dann erst recht wirst du das Bild dieser Frau wie einen steten Vorwurf neben dir sehen. Denn sie ist einsamer geworden, als sie war, ehe sie dich hatte, und die Leere ihres Lebens füllt nichts wieder aus. Dann verbittert Verzweiflung das Gemüth der Armen, der Zauber der Leidenschaft ist hin, statt der Flamme ist nur der Qualm geblieben, du giltst ihr für den bösen Dämon ihres Lebens, jede deiner Freuden wird ihrem Neide ein Verbrechen, und mit einem Schrei bricht auseinander, was jetzt, noch jetzt, mit reinem Willen, Klugheit und Ehrlichkeit eine schöne Lösung finden kann.

Sie wird nie darein willigen, nie!

Ich weiß es; sie ist ein Weib. So sei du ein Mann und sorge im voraus für ihr künftiges Glück, das dir ja am Herzen liegen muß.

Was könnt' ich wollen, das sie nicht will? Wie kann ich ihr ein Glück aufdringen, das ihr Verrath scheint? Du überzeugst mich nicht, Borromäus; du marterst mich nur, da ich immer Nein und Nein sagen muß.

Nun wohl, Kind, sprach er nach einer Pause; ich muß dir Recht geben. Es war eine Thorheit von mir, daß ich so viel Worte gemacht habe. Aber du siehst, daß die Jahre mein Blut doch noch nicht hinreichend abgekühlt haben; ich hätte können weiser sein für mein Alter. Gut denn, von nun an will ich mir Mühe geben.

Der Ton, mit dem er dies sagte, durchschauerte den Jüngling. Er sprang auf und stand am Tische, die Augen fest auf Borromäus geheftet. Was willst du thun? sagte er.

Nichts Böses, mein Junge, nichts Böses. Aber erlaube auch mir, zu thun, was ich muß. Ich bin auch mündig geworden und habe meine Ehre und mein Herz für mich. Nein, in der That, Liebster, mache dir keine Sorgen. Dich von mir zu trennen, ist nicht mehr möglich, mag es auch einmal so aussehen. Gehe nun ein wenig in die Luft; der Schatten in den Straßen wird schon breiter und es ist Essenszeit. Wir sehen uns wohl am Nachmittag, oder doch am Abend. Ueberlege auch, wenn du willst, was ich dir gesagt habe; es ist doch manches Wahre darin; aber möglich allerdings, sehr möglich, daß ich zu weit gehe. Wir sind alle Menschen. Da ist dein Rock und hier deine Mütze; die Zimmerluft ist so beklommen. Vielleicht daß dir im Freien bessere Gedanken kommen. Auf Wiedersehen, Kind, und besinne dich. Auch ich will noch einmal mit mir zu Rathe gehen.

So trieb er ihn an zu gehen und zeigte dabei ein so gelassenes Gesicht, daß der Jüngling, obwohl er die Bangigkeit, was Borromäus vorhabe, nicht verlor, dennoch für den Augenblick sicher gemacht wurde und das Zimmer verließ.

Der Freund sah ihm durchs Fenster nach, wie er mitten in der Sonne dahinging, den Kopf gesenkt, mit müden, zaudernden Schritten. Er stand einmal still, als irre er sich im Weg, oder denke umzukehren. Borromäus trat vom Fenster zurück, um nicht bemerkt zu werden. Aber Detlef ging seine Straße weiter.

Nun fing der Andere in Hast, Unruhe und Kummer ein vielfaches Kramen und Packen an, das ihn von Stube zu Stube führte. Im Schlafzimmer hielt ihn das Mädchenbildniß lange fest, als bestärke er sich vor den stillen Augen in seinem Vorhaben. Verlaß dich auf mich, sagte er mit seltsam zutraulichem Kopfnicken, dein Kind ist in guten Händen! – Dann ging er wieder ins Wohnzimmer, legte, als er beim Tisch vorbeikam, an dem er Detlefs Studien zu teilen pflegte, in ein aufgeschlagenes Buch einen Papierstreifen und klappte es zu, steckte einige Tabaksdosen in die Tasche und trat vor einen altertümlichen Schreibsekretär, dessen rund ausgebauchten Verschluß er zurückschob. Er fing an in die dort untergebrachten zerstreuten Papiere einige Ordnung zu bringen, konnte es aber nicht über sich gewinnen, seine Gedanken bei diesem Geschäft festzuhalten. Ein Papier, das er suchte, fand sich nicht vor; er öffnete die Seitenkasten und durchwühlte ihren Inhalt. Da fiel ihm ein mit verblichenem grünseidenem Band zusammengebundenes Packet alter Briefe in die Hand. Er löste das Band und las hie und da hinein. Um es sich bequemer zu machen, rückte er einen Sessel heran und nahm die Blätter sorgfältig der Reihe nach heraus. Ueber dem einen verfiel er in ein Sinnen, die Hand, in der er es hielt, sank auf seinen Schooß, er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Da es heiß im Zimmer war und er den größten Theil der Nacht verwacht hatte, verfiel er bald in einen Halbschlummer.

Als ihn ein Klopfen an der verschlossenen Thür weckte, war es schon hoher Nachmittag. Er stand rasch auf, raffte die Briefe zusammen und legte sie, ohne das Band wieder darum zu binden, in das Schubfach. Es klopfte von Neuem. Sogleich! rief er; nur einen Augenblick Geduld. Dann verschloß er den Sekretär und öffnete. Seine Wirthin hatte ein Anliegen an ihn, das er hastig erledigte, ohne sie eintreten zu lassen. Darauf nahm er ein Päckchen, das er sich schon bereit gelegt hatte, unter den weiten Ueberrock, verließ die Wohnung und sagte der Frau, er werde vielleicht erst spät wiederkommen, Geschäfte riefen ihn vor die Stadt hinaus, deren Ende er nicht absehen könne. Das möge sie dem jungen Herrn sagen, wenn er sich etwa beunruhigen sollte. Damit ging er fort und verschwand im Gewühl der Stadt.

*

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