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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 9
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VIII.

Als O'Flanagan mit Benjamin in die »Steuerbordkneipe« kommt, sitzt ein einziger Gast da. Der Mann nippt an einem großen Schnaps und zerkrümelt gesammelte Zigarettenstummel: einer der vielen »Tabakhändler« der Elendsviertel Londons.

O'Flanagan setzt sich zu Benjamin. Sie knobeln Whiskyrunden aus, der Ire verliert fast stets und tröstet sich damit, daß der Verlust auf Spesenrechnung kommt. Nach jeder Runde erzählen sie sich Witzchen. Benjamin gefällt sein neuer Freund ausnehmend, er klopft ihm auf die Schulter und sagt: »Bist ein gemütliches Haus, old fellow.«

Der Ire grinst und denkt sich: ›Wenn du wüßtest!‹

Die rote Mary steht hinter der Theke und rechnet die Einnahme des Vortags zusammen. Das ist eine schwierige Sache für sie, sie muß dauernd ihren Bleistift lecken und von vorne anfangen. Leider hat sie einen Tintenstift erwischt, ihre Lippen sind schon ganz violett getupft.

Der Fernsprecher klingelt. Mary geht auf den Flur, kommt sofort zurück und ruft dem Iren zu: »Deine Freundin ist am Fernsprecher, Pat!« O'Flanagan sieht sie verwundert an. Mary zwinkert ihm zu, da begreift er und geht schnell an den Fernsprecher.

Es ist Hunts Bürofräulein. Sie meldet, daß eben ein Telegramm von Walker angekommen sei, er habe den Inder in Frankfurt am Main ermittelt.

»Wunderbar! Ist die braune Maid auch dabei?«

»Yes,« antwortet die Frauenstimme. »Sie wohnen in einem Gasthaus, Walker hat sich auch da eingemietet. Er bittet um Weisungen. Können Sie den Chef rufen?«

»Nein, der nimmt doch gerade die Räuberhöhle aus, und ich bewache hier auch einen von den Halunken.«

So denkt O'Flanagan wenigstens, in Wirklichkeit aber sieht es etwas anders aus.

Die Fernsprechzelle liegt auf einem schmalen Gang, der auch zu einem gewissen Örtchen führt. Benjamin wollte die Knobelpause benutzen, um dieses Örtchen aufzusuchen. Die Tür zur Fernsprechzelle schnappte schlecht ein. O'Flanagan hat nicht darauf geachtet, die Tür ist hinter ihm wieder handbreit aufgegangen.

Benjamin hört im Vorbeikommen etwas von »Inder« und »Räuberhöhle«. Er bleibt verblüfft stehen und lauscht. Was da besprochen wird, ist ihm sehr schnell klar. Sein erster Gedanke ist, seinen falschen Freund in der Fernsprechzelle einzuschließen und seinem Genossen in der »Räuberhöhle« zu Hilfe zu eilen. Leider hat die Tür der Fernsprechzelle aber kein Schloß.

O'Flanagan hört die Tür hinter sich knarren und dreht sich um, um sie zu schließen. Er sieht in das wutverzerrte Gesicht Benjamins, der zum Schlag ausholt. Der Schlag ist auf seinen Kopf gezielt, O'Flanagan kann sich gerade noch zur Seite drücken. Benjamins Faust schmettert auf den Fernsprecher, der krachend zerbricht.

O'Flanagan hat in der engen Zelle keine Bewegungsfreiheit, er kann nur seinem Gegner gegen die Knie treten. Benjamin taumelt zurück. Der Ire ist mit einem Satz aus der Zelle. Benjamin bekommt im Fallen noch einen Fuß des Iren zu fassen, der Ire schlägt lang hin.

»Du verdammter Hund!« brüllt Benjamin und wirft sich auf den Iren.

Ein wüster Ringkampf beginnt.

Benjamin ist der Stärkere, aber O'Flanagan ist gewandter. Der Verbrecher versucht, den Iren am Hals zu packen. Sie wälzen sich auf dem engen Gang am Boden herum.

O'Flanagan gelingt es, den linken Arm seines Gegners zu packen, er bemüht sich, den Arm auszudrehen.

Benjamin brüllt vor Schmerz wie ein Ochse. Er macht eine rasende Anstrengung. Den Arm bekommt er nicht frei, aber der Ire wird so heftig mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen, daß er mit einem Wehlaut zusammensinkt.

In dem Augenblick kommt die rote Mary dazu. Sie rennt zurück an die Theke und holt den Aufwischeimer, der da noch mit dem Wischlappen darin steht.

Benjamin will gerade den Hals seines Gegners fassen, als die nasse und nicht sehr saubere Flut sich über ihn ergießt. Der Aufwischlappen fällt ihm auf die Hände, er braucht einige Zeit, um sich von dem schlüpfrigen Lappen zu befreien.

Die kalte Dusche hat auch den Iren wieder zum Bewußtsein gebracht. Er fährt jetzt seinerseits Benjamin an den Hals, verwickelt sich aber in den Wischlappen.

Mary sieht, daß ihr Freund im Nachteil ist, stürzt fort und kommt mit dem Schrubber zurückgerannt.

Die beiden Ringer wälzen sich wieder am Boden, der Wischlappen kommt bald dem einen, bald dem anderen in die Quere.

Mary wartet mit erhobenem Schrubber und versetzt jedesmal, wenn Benjamin oben liegt, diesem einen tüchtigen Hieb. Wohin sie trifft, ist ihr gleichgültig, sie kämpft für ihren Freund und Landsmann.

Benjamin, der gerade einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf erhalten hat, brüllt auf, reißt sich los und springt auf. Er zieht einen Revolver und will auf Mary anlegen. Aber schon ist O'Flanagan auf den Beinen und schlägt ihm den Arm hoch. »Feiges Biest! Auf eine Frau zu schießen!«

Der Schuß kracht, die Kugel geht in die Decke, ein Regen von Kalk und Mörtel stiebt herab. Benjamin ist herumgefahren und drückt auf den Iren ab.

O'Flanagan fühlt einen Schlag gegen die rechte Seite und taumelt zurück.

Benjamin, der der roten Mary die Kehrseite zudreht, bekommt von ihr einen solchen Stoß mit dem Schrubber, daß er hinfällt. Im Fallen drückt er noch einmal ab, die Kugel bohrt sich in die Dielen.

Draußen ertönt ein Polizeipfiff.

Einige Augenblicke danach stürmen zwei Polizisten in den Flur.

Benjamin ist schon wieder auf den Beinen. Er sieht die Polizisten, dreht sich mit einem Fluch um und verschwindet auf dem Örtchen.

Noch drei Polizisten erscheinen auf dem Kampfplatz. Sie versuchen, die Aborttür zu öffnen, aber Benjamin hat sie von innen verriegelt.

Ein Polizist tritt die nicht sehr starke Tür ein.

Das Fenster des Aborts steht auf, Benjamin ist entkommen.

*

Nelly, Dr. Livelys niedliches Dienstmädchen, öffnet die Tür und prallt erschreckt zurück.

Sie findet rothaarige Männer im allgemeinen zwar sehr nett, aber der da vor der Eingangstür sieht ihr denn doch zu wüst aus: ein Auge blaugeschlagen, ein Heftpflaster auf der Stirn, ein zweites am Kinn und auch noch eine schiefe Schulter!

O'Flanagan grinst verlegen. »Entschuldigen Sie, Miß, ich weiß, ich sehe etwas abgekämpft aus. Hat der Chef mich denn nicht angemeldet?«

»Ach, Sie sind Mr. O'Flanagan? Ja, Mr. Hunt hat angerufen. Treten Sie bitte ein!«

Nelly ruft Dr. Lively, der den Iren herzlich begrüßt. »Haben Sie den Oberst Morris mitgebracht, Sir?«

»Yes, er sitzt unten im Auto. Erschrecken Sie aber nicht, wenn sie ihn sehen, Mr. Lively, er sieht ziemlich übel aus!«

Unten wartet die Taxe, die am Vormittag die blaue Decke auf dem Kühler trug. O'Flanagan öffnet den Schlag, Morris steigt auf seine Aufforderung schwerfällig aus.

Lively zuckt doch zusammen, als er die Jammergestalt sieht. Der Anzug ist verschmutzt und zerrissen, Gesicht und Hände schmierig, der graue Schnurrbart hängt dem Obersten wie einem Seehund über die Lippen. Gebückt und teilnahmslos steht Morris da und sieht hilflos umher.

»Wie geht's?« fragt Lively und reicht Morris die Hand.

Morris nimmt langsam die Hand des Arztes, aber er sagt nichts, er erkennt ihn nicht einmal.

Morris wird in dem Zimmer untergebracht, in dem die Woche vorher sein betäubter Diener gelegen hatte. Nelly bringt ein schon vorbereitetes Teebrett mit einem ausgiebigen Essen. Morris macht sich sofort gierig darüber her.

Lively führt den Iren in das Arbeitszimmer. »Das ist ja furchtbar mit dem armen Morris,« sagt er.

O'Flanagan nickt. »Der Chef meinte allerdings, es sei nicht so schlimm, wie es aussähe. Er hätte nicht seinen Verstand verloren, sondern der Inder habe ihn hypnotisiert. Das ließe sich wieder gutmachen.«

»Hoffen wir es, ich habe leider im Hypnotisieren nicht besonders viel Erfahrung, aber Mr. Hunt behauptet eben am Fernsprecher, er könne es.«

»Der Chef kann alles,« antwortet O'Flanagan ehrlich überzeugt.

Walford, der auch schon von Hunt benachrichtigt ist, kommt an. »Wundervoller Tag heute!« ruft er aus. »Unsere Freunde leben, die Verbrecher werden zur Strecke gebracht, und ich habe meinen Busenfreund Maxwell bei einem großen Erbschaftsprozeß so abgedeckelt, daß er beinahe einen Schlaganfall vor Wut bekommen hat. Wonderful!«

Walford schüttelt dem Iren herzlich die Hand. »Das haben Sie fein gemacht, junger Freund.«

»Oh,« antwortet O'Flanagan verlegen. »Habe die Prügel eigentlich meiner eigenen Dummheit zuzuschreiben. Warum habe ich die Tür zur Fernsprechzelle nicht ordentlich zugemacht? Leider ist der Lump entkommen, die Polizei hat ihn bisher nicht finden können.«

»Sind Sie denn ordentlich verbunden?« fragt Lively besorgt.

»Yes, sehr ordentlich. Ich ging gleich auf eine Rettungswache, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß der Chef in dem Verbrecherhaus längst fertiggeworden war. Das im Gesicht sind nur vorübergehende Schönheitsfehler, und die Schulter sieht so dick aus wegen des Verbandes. Kleine Fleischwunde unter der Achsel, es blutete zwar scheußlich, ist aber ganz harmlos.«

Sie warten ungeduldig auf Hunt, der nach Croydon gefahren ist, um Flugplätze zu belegen. Daß der Inder in Frankfurt aufgespürt ist, wissen die Freunde schon; Hunt will morgen sofort nach Frankfurt fliegen.

Nelly berichtet, daß der Oberst alles aufgegessen hat; sie hat ihn noch Butterbrote streichen müssen.

»Diese Schweinebande,« schimpft Walford. »Sie haben den armen Kerl zum Überfluß auch noch halb verhungern lassen.«

»Ich möchte Morris gern in die Badewanne stecken,« sagt der Arzt. »Können Sie das übernehmen, Mr. O'Flanagan? Mr. Hunt wünschte, daß wir Morris' Diener vorläufig noch nichts von der Rettung seines Herrn sagen sollten.«

Nelly zeigte dem Iren das Badezimmer.

»Na, kleine Miß«? fragt O'Flanagan. »Halten Sie mich noch immer für einen Raubmörder?«

»Aber nein, Sir,« antwortet Nelly errötend. »Sie sind doch ein Held.«

O'Flanagan errötet auch, aber er findet keine passende Antwort.

Morris läßt sich wie ein Kind von dem Iren ins Badezimmer führen und ausziehen. Als er in der Wanne sitzt, macht ihm dieser lang entbehrte Genuß offenbar großes Vergnügen; er lächelt selig und spielt mit dem Badethermometer.

*

Erst nach dem Abendessen kommt der Detektiv. Die Freunde beglückwünschen ihn stürmisch, aber Hunt wehrt ab. »Es war ein ganz guter Anfang, Sirs, aber wir sind noch nicht am Ende.« Das Angebot des Arztes, etwas zu essen, nimmt Hunt dankbar an. Der Ire hat schon in der Küche von Nelly ein vorzügliches Abendessen erhalten und hilft ihr jetzt trotz ihres Sträubens beim Abwaschen.

Walford qualmt eine Brasil nach der anderen und mischt Brandys mit Zucker.

Hunt steckt sich eine Pfeife an und beginnt: »Das Wichtigste ist jetzt, daß wir den Major möglichst schnell auffinden, aber das ist eine schlimme Sache. Ich vermute, daß die Bande ihn außerhalb Londons irgendwo versteckt hat, wahrscheinlich bei einem Genossen. O'Neil alias Baker – übrigens ein alter Bekannter von mir aus den Staaten – kennt das Versteck leider nicht; er hätte es mir sonst sicher gern gesagt, ich habe ihm die Hölle ordentlich heiß gemacht. Zum Unglück ist auch noch der andere Lump, der versoffene Benjamin, entkommen.

Da bleibt mir nun nichts übrig, als den Indienmann möglichst schnell dingfest zu machen, denn der weiß das Versteck am besten. Ich habe deshalb für morgen früh neun Uhr ein Sonderflugzeug gemietet. Das ist eine ziemlich kostspielige Sache, aber es half nichts, denn mit den fahrplanmäßigen Linien muß man zweimal umsteigen und vertrödelt fünf Stunden mit Warterei auf den Anschluß.

Sind Sie damit einverstanden, Sirs? Ich möchte nämlich möglichst schnell mit der ganzen Sache fertigwerden, weil ich Angst habe, daß dieser Benjamin sonst eine Teufelei anstellt.«

Lively und Walford versichern Hunt eifrig ihrer Zustimmung, und Walford fügt hinzu: »Seien Sie nur nicht ängstlich mit Geldausgaben, Mr. Hunt, wir gefährden sonst unter Umständen das Leben unseres Freundes Fred!«

»Allright. Dann möchte ich mir jetzt mal den Obersten ansehen. Ich vermute, die Sache mit ihm liegt so: Der Yogi wird ihn damals, als er ihn in seiner Wohnung überfiel, zunächst in künstlichen Starrkrampf versetzt haben. Als die Bande dann Morris in dem grauen Lieferwagen fortgeschafft hatte, wird er früher oder später wieder zum Bewußtsein gekommen sein. Da war der Yogi aber schon geflohen, es bliebe also nur die Möglichkeit, daß er ihm gleich bei dem ersten Zusammentreffen noch eine Nachhypnose gegeben hat. Anscheinend hat er Morris eine ganz gehörige Ladung eingetrichtert, denn er macht geradezu den Eindruck eines Verblödeten. Wollen Sie mich mal zu ihm führen, Mr. Lively?«

In dem Fremdenzimmer finden sie Morris in Gesellschaft O'Flanagans. Der Ire hat einige Schachteln Streichhölzer auf dem Tisch ausgeschüttet, beide ordnen sie eifrig in Reihen an, und der Oberst befehligt die aufmarschierten Truppen mit lauter Stimme.

Hunt bittet Lively und O'Flanagan, das Zimmer zu verlassen, aber sich vor der Tür bereitzuhalten.

Dr. Lively horcht gespannt. Er hört den Detektiv mit ruhiger, eintöniger Stimme auf Morris einreden. Lange Pausen sind dazwischen, dann fängt der Detektiv wieder an. Eine Weile ist Stille, dann ertönt Hunts Stimme wieder, aber jetzt ganz anders, die Worte kommen hart und befehlend. Schüchtern fängt die Stimme des Obersten zu antworten an.

Hunt kommt aus dem Zimmer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Es macht sich, Doktor. Ich habe recht gehabt, er steht unter Nachhypnose. Das heißt, ganz habe ich sie noch nicht wegsuggerieren können, aber Gefahr dürfte keine mehr bestehen. Er weiß schon wieder, wer er ist, an den Überfall erinnert er sich nicht, das soll er vorläufig aber auch nicht.«

Sie gehen wieder in das Arbeitszimmer, und Lively berichtet dem Anwalt von dem Erfolg Hunts.

»Dieser Yogi muß ein ganz unheimlicher Bursche sein,« sagt Hunt nachdenklich. »Ich habe noch keinen Menschen gesehen, der so unter einer Nachhypnose gestanden hätte wie der Oberst. – Sagen Sie, Mr. Lively, ist O'Grady wieder in der Wohnung des Obersten?«

Lively bejaht, er hat O'Grady am folgenden Tage schon entlassen.

»Gut. Dann werde ich mal rübergehen und O'Grady holen. Ich verspreche mir einen günstigen Einfluß davon auf Morris.«

O'Grady ist fast zu Tränen gerührt, als er hört, daß sein Herr gerettet ist und lebt. Hunt weist ihn streng an, dem Obersten keinerlei Fragen zu stellen, sondern vorläufig nur auf alles einzugehen, was Morris sagt und tut. »Es wird schon alles wieder gut werden, aber Sie dürfen ihn durch nichts kopfscheu machen.« O'Grady verspricht das hoch und heilig.

Als Hunt das Wohnzimmer des Obersten, in das der Diener ihn geführt hatte, verlassen will, fällt sein Blick auf das große Ölbild neben der Tür. Er starrt das Gemälde wie ein Gespenst an und fragt heftig den Diener: »Wer ist das?«

»Das ist doch Frau Morris.«

»Wer? Die Frau des Obersten?«

O'Grady nickt verwundert.

»Damn't! Wie alt ist Frau Morris?«

»Mylady ist doch schon lange tot, Sir! Sie starb vor dem Krieg in Indien.«

Hunt starrt wieder das Bild an. »Well, und wie alt wäre sie jetzt?«

»Jetzt?« O'Grady rechnet im stillen. »Jetzt, Sir, jetzt wäre unsere arme Lady über fünfzig Jahre alt und ihre kleine Ethel auch schon ungefähr dreißig.«

Hunt pfeift durch die Zähne. »Sie hatte eine Tochter?«

»Gewiß, die liebe kleine Ethel. Aber die ist damals auch in Indien gestorben.«

»So?« antwortet Hunt gedehnt und sieht wieder das Bild an. Dann kramt er in seiner Tasche und zieht den goldenen Anhänger vor. Er klappt ihn auf und hält ihn O'Grady hin. »Kennen Sie diese Bilder?«

»Sicher, Sir! Das ist doch Frau Morris und der Oberst. Aber es müssen ganz alte Bilder sein, wahrscheinlich noch aus Indien.«

*

Auf der Treppe des Doktorhauses begegnet Hunt, der mit O'Grady hinaufsteigt, einem Postboten. Lively steht in der Tür und schwenkt einen Brief. »Hallo, Mr. Hunt, hier ist eben etwas gekommen, was Ihnen gefallen wird.«

Hunt nimmt den Brief entgegen, sie gehen in das Arbeitszimmer, wo Walford gerade damit beschäftigt ist, den Papierkorb zu löschen, in den er den brennenden Stummel seiner Brasil geworfen hat. Lively schüttelt mißbilligend den Kopf und öffnet die Fenster, um den Qualm abziehen zu lassen. »Daß du dir diesen Unfug aber auch nicht abgewöhnen kannst, Bob! Hier stehen doch überall Aschenbecher genug herum.

»Na, ja,« brummt Walford verlegen. »Schließlich ist es aber weiter nicht schlimm, oder bewahrst du deine Wertpapiere im Papierkorb auf?«

Hunt betrachtet den Brief, er kommt aus Frankfurt und trägt den Vermerk »Durch Eilboten«, deshalb hat ihn auch der Bote noch so spät am Abend zugestellt. Der Brief sieht merkwürdig aus. Die Anschrift des Arztes ist in großen, unbeholfenen Buchstaben geschrieben, die Worte »Durch Eilboten« und »Flugpost« sind von anderer Hand hinzugesetzt. Links oben steht der Name eines Hotels gedruckt.

»Was halten Sie davon?« fragt Lively den Detektiv. »Ob der Indienmann uns einen Friedensvorschlag machen will?«

»Öffnen Sie doch, Doktor, dann werden wir es ja sehen,« antwortet Hunt und reicht dem Arzt den Brief.

Lively öffnet den Umschlag. Eine zusammengefaltete Zeitung kommt heraus, in der ein großer goldener Ohrring liegt. Aber ein Brief ist nicht dabei. »Sehr merkwürdig,« sagt Lively verwundert und reicht Hunt die Sendung.

Hunt faltet das Zeitungsblatt auseinander und besieht es genau. Es ist ein Bogen des »General-Anzeigers« vom 10. November, aber geschrieben ist nichts darauf, auch nichts angestrichen. »Hm, in der Tat, sehr merkwürdig,« sagt Hunt und sieht nachdenklich auf den schönen goldenen Ohrring.

O'Flanagan kommt und meldet, daß Morris ruhig schlafe.

»Well,« nickt Hunt. »Dann führe hier deinen Landsmann O'Grady mal zu ihm 'rauf, er ist der Diener des Obersten. Aber weckt Morris nicht auf, laßt ihn ruhig weiterschlafen! Und Sie, O'Grady, halten sich genau an meine Weisungen!«

Die beiden Iren gehen.

Hunt bittet sich nochmals den Brief aus und untersucht das Zeitungsblatt und auch die Innenseite des Umschlags auf das genaueste. Es ist nirgends etwas zu finden. »Nun, meine Herren, es ist Ihnen wohl klar, daß der Brief nicht von dem Indienmann stammt, sondern von ihr? Sie hat uns wieder Nachricht zukommen lassen wollen. Schätze, sie hat wenig Zeit gehabt, weil der Yogi sie nicht aus den Augen lassen wird. Da hat sie nur schnell ihren Ohrring eingepackt und gehofft, daß wir uns schon einen Vers darauf machen würden, weil ja der Name von dem Gasthaus auf dem Umschlag steht.«

»Merkwürdig finde ich es aber doch, daß die Inderin sich offensichtlich Mühe gibt, uns auf die Spur zu helfen,« sagt Walford. »Morris und Neston gehen sie doch nichts an, anderseits läuft sie aber Gefahr, daß der verdammte Yogi ihr den Hals umdreht, wenn er etwas merkt.«

Hunt nickt mit nachdenklichem Gesicht. »Sehr richtig, Sir. Deshalb nehme ich an, daß die Inderin noch einen anderen Grund für ihre Nachrichten haben muß. Und das kann nur der Grund sein, daß sie von dem unheimlichen Kerl loskommen möchte und auf unsere Hilfe hofft, weil sie weiß, daß wir hinter dem braunen Halunken her sind.«

»Könnte möglich sein,« stimmt Walford zu und mischt zwei neue Brandys mit Zucker; die Inderin ist ihm herzlich gleichgültig.

Hunt stopft sich seine Pfeife, aber er vergißt, sie anzuzünden und starrt nur vor sich auf den Teppich. »Mr. Lively, es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie sich entschließen könnten, morgen mit nach Frankfurt zu fliegen.«

Der Arzt sieht den Detektiv überrascht an. »Ich? Wozu denn? Ich kenne zwar Frankfurt einigermaßen, weil ich ein Jahr in Heidelberg Medizin studiert habe. Ich kann Ihnen aber doch in Frankfurt weiter nichts nützen.«

»Doch, Sie können mir eine ganze Menge nützen. Die Inderin hat sich jetzt schon zweimal an Sie gewandt, sie scheint so etwas wie Zutrauen zu Ihnen gefaßt zu haben. Ich kann das auch verstehen, denn Sie haben so menschenfreundliche Augen, Doktor, nicht solche Polizeiaugen wie ich. Ich zweifele zwar nicht daran, daß wir den Inder zu fassen bekommen, aber ich bin fast sicher, daß er schweigen wird wie ein Stockfisch, und wenn er sich dabei um seinen Hals bringt. Da müßten Sie dann die Inderin ausfragen; ich bin überzeugt, sie erzählt Ihnen gern alles, was sie weiß.«

»Wenn Sie meinen,« antwortet Lively gedehnt. »Dann werde ich wohl mit Ihnen fliegen müssen. Schließlich bin ich das schon unserem Freund Fred schuldig. Solange wir ihn nicht befreit haben, schwebt er immer noch in Gefahr.«

»Ganz recht, Sir! Zumal dieser Benjamin uns entwischt ist, der das Versteck des Majors kennt. Und deshalb habe ich noch eine Bitte: Beherbergen Sie, solange wir fort sind, Morris und seinen Diener bei sich und auch meinen Mann. O'Flanagan kennt diesen Benjamin genau, er wird seine Augen offenhalten. Er weiß auch für den Fall, daß Benjamin etwa mit noch mehr Kerlen anrücken sollte, mit seiner Kanone umzugehen und wird Ihr Haus und seine Bewohner sicher schützen. Sonst könnten wir es unter Umständen erleben, daß während unserer Abwesenheit der Lump, der Benjamin, sich den Obersten nochmal stiehlt und mit ihm und dem Major verschwindet.«

Lively ist einverstanden. »Ich sehe allerdings nicht so schwarz wie Sie, Mr. Hunt. Ich halte es für wahrscheinlicher, daß dieser Benjamin sich aus dem Staube gemacht hat und sich hüten wird, uns nochmals in die Quere zu kommen.«

Hunt zuckte die Achseln. »Schätze auch so, Sir. Möchte mir aber nachher keine Vorwürfe zu machen haben, daß ich eine Vorsicht außer acht gelassen hätte. Unnötige Vorsicht schadet nichts, eine Versäumnis rächt sich aber oft bitter.

Ach so, Mr. Walford, Sie müssen auch noch etwas tun. Gehen Sie bitte morgen ganz früh nach Scotland Yard und lassen Sie sich Haftersuchen gegen den Inder geben! Sagen Sie ruhig Mordversuch an den beiden Offizieren. Und Scotland Yard könnte auch gleich das Polizeipräsidium in Frankfurt anrufen, damit ich da keine Schwierigkeiten bekomme.«

»Wann fährt Ihr Flugzeug?«

»Um 9 Uhr in Croydon, Sir. Sie haben sich vielleicht gewundert, weshalb ich nicht schon heute nacht mit dem fahrplanmäßigen abgeflogen bin, aber ich muß unbedingt den Haftbefehl haben, sonst kann ich in Deutschland nichts ausrichten.«

Der Anwalt schüttelt mißbilligend den Kopf. »Um acht fängt der Bürobetrieb in Scotland Yard an, die maßgeblichen Herrschaften kommen aber meist erst später. Wie soll ich das schaffen und dann auch noch zum Flugplatz nach Croydon hinauskommen?«

»Könnten Sie nicht versuchen, jetzt noch jemand zu erreichen, Mr. Walford? Sie kennen doch die Herren fast alle.«

Walford denkt nach. »Hm, anwesend sind ja immer genug Beamte, auch in der Nacht. Schlimmstenfalls könnte ich auch einem von meinen Bekannten auf die Bude rücken, damit morgen früh alles schon vorbereitet ist. Ja, das ginge wohl. – John, würdest du James beauftragen, daß er mich fährt? Dein Wagen steht ja wohl bereit.«

Dr. Lively sucht seinen Fahrer und kommt nach einigen Minuten mit der Nachricht zurück, daß der Wagen gleich vorfahren werde.

»Well,« nickt Walford. »Dann werde ich mal mein Glück versuchen. Also morgen früh um neun auf dem Flugplatz. Wenn ich nicht zurechtkomme, müßten Sie eben etwas später abfliegen, Mr. Hunt.« Walford trinkt seinen Brandy aus und verabschiedet sich.

Der Arzt weist Hunt auf seine Bitte ein Fremdenzimmer an und sagt: »Soviel Besuch habe ich in meinem Haus noch nie gehabt. James war übrigens gar nicht erbaut, als er Walford fahren sollte. Er saß mit Nelly und O'Flanagan in der Küche, ich fürchte, das gibt noch eine Eifersuchtstragödie wegen Ihres Iren.«

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