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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 8
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectidf378cea7
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VII.

Dienstag und Mittwoch läßt Hunt sich nicht blicken, er ruft nur jeden Vormittag den Anwalt in seinem Büro an und meldet kurz, daß er den Leuten des Inders auf der Spur sei. »Habe gute Hoffnung, Sir, daß wir den Schlupfwinkel der Bande ausgemacht haben. Von Walker kam übrigens ein Drahtbericht: die Indienleute haben in Köln übernachtet und sind dann rheinaufwärts gefahren; mein Mann hat sich an sie geheftet. Schätze also, die Sache macht sich, und zwar in nächster Zeit.«

Im Stadtteil Chelsea leuchtet in einer schmalen, schmierigen Gasse eine grüne Laterne wie ein Smaragd durch den trüben Novemberabend. Das ist das Aushängeschild der »Steuerbordkneipe«. Vier schlüpfrige Steinstufen geht es hinauf, dann ist man im Whiskyparadies der roten Mary.

Ein Mann mit ausgefransten Hosen und einer verbeulten Schiffermütze steigt die Treppen hinauf, um den Hals hat er einen rostbraunen Schal geschlungen. Man muß dem Mann schon sehr genau in das unrasierte Gesicht sehen, um zu erkennen, daß es der Detektiv Hunt ist.

Die Steuerbordkneipe besteht nur aus einem langgestreckten Raum, der mit kleinen Tischen und Stühlen geradezu vollgepfropft ist. Von den verräucherten Tragebalken der Decke baumeln an Drähten ausgestopfte Seeungeheuer den Gästen fast auf die Köpfe herunter. Jedesmal, wenn die Tür aufgeht, gibt es einen scharfen Luftzug, und dann schwimmen die Ungeheuer in dem Tabakdunst gespenstisch umher. Es ist noch früh am Abend, die Kneipe ist mäßig besucht, das heißt, es sind noch ein paar Tische frei. Zwei Stunden später kann man von Glück sagen, wenn noch ein Stuhl frei ist; Marys »Steuerbordkneipe« muß eine Goldgrube sein. Lebhaft genug geht es auch jetzt schon her: rauhe Männerstimmen johlen durcheinander, eine schrille Frauenstimme kreischt erschreckt auf und lacht dann meckernd wie eine Ziege. Dazwischen krächzt ein heiseres, altes Grammofon unaufhörlich Seemannslieder und die neuesten Gassenhauer.

Hunt setzt sich an einen freien Tisch dicht am Eingang und gewöhnt zunächst seine Lungen an die sehr nahrhafte Luft. Eine reichlich zwei Zentner schwere Dame mit schauderhaften, aber anscheinend echten goldenen Ohrringen tritt zu dem neuen Gast und fragt ihn mit süßem Lächeln, was er trinken möchte. Da sie brennendrote Haare hat, ist Hunt nicht im Zweifel, daß er die Mary vor sich hat, aber so schmierig und so fett hat er sie nicht im Gedächtnis; auch die scheußlichen Ohrringe hat sie damals noch nicht getragen. »Möchte gern einen Brandy mit Zucker, Miß,« antwortet der Detektiv und lächelt auch süß, was ihm einen zärtlich herablassenden Blick der roten Schönheit einträgt.

»Pat! Der Herr möchte einen Brandy mit Zucker,« ruft Mary nach dem Hintergrund der Kneipe. Hunt erkennt durch den Qualm hindurch erst jetzt da eine Theke, die die ganze Rückwand des schmalen Raumes einnimmt.

Ein breites »Yes!« ertönt von da, O'Flanagan macht sich sofort daran, das Getränk zu mischen. Dann steuert er durch den Raum und setzt das Glas vor Hunter hin, indem er laut sagt: »Bitte, Sir! Halben Schilling, wenn ich bitten darf.« Und leise fügt er schnell hinzu: »In einer Stunde bei der Sektenkirche hier links um die Ecke, Chef!«

»Geht in Ordnung,« antwortet Hunt und wirft das Geld auf den Tisch. O'Flanagan streicht das Geld ein und verschwindet, ohne den Detektiv weiter eines Blickes zu würdigen.

Hunt betrachtet mißtrauisch sein Glas, aber es ist blitzsauber. Er nippt vorsichtig und stellt fest, daß das Getränk vorzüglich ist.

Die rote Mary lehnt sich an Hunts Tisch und fragt: »Gefällt Ihnen der Brandy, Sir?« Dabei blinzelt sie aufmunternd.

»O yes, läßt sich sehr gut trinken. Habe schon manchen runtergegossen, der mir weniger Freude gemacht hat.«

Mary läßt sich zu Hunts Erschrecken an seinem Tisch nieder und spielt mit ihren Ohrringen. »Sie sind aus den Staaten, Sir?«

»Yes, woran haben Sie denn das gemerkt, Miß?«

Mary lächelt. »An der Sprache, Sir. Und dann, weil Sie den Brandy mit Zucker trinken. Sie sind wohl noch nicht lange hier?«

»No,« lügt Hunt treuherzig. »Gerade gestern mit einem Dampfer angekommen. Der Kahn mußte ins Dock, will mir inzwischen hier so ein bißchen die Gegend ansehen.«

»Gefällt es Ihnen denn in London?« fragt Mary und macht kugelrunde Augen.

»O yes,« antwortete Hunt, etwas gezwungen. »Verdammt gemütliche Bude das hier.«

An einem Tisch gibt es Krach. Die rote Mary erhebt sich mit einem entschuldigenden Lächeln. Hunt benutzt die Gelegenheit, um schnell seinen Brandy auszutrinken und dann die »Steuerbordkneipe« zu verlassen. Draußen ist die Luft entschieden angenehmer, und die rote Mary ist auch nicht gerade Hunts Geschmack.

*

Hunt findet mühelos die kleine Sektenkirche in der Nebenstraße und wartet auf seinen Gehilfen.

Plötzlich taucht O'Flanagan, der auch ziemlich räubermäßig angezogen ist, vor ihm auf. »Der Mann mit dem roten Gesicht war gestern bei uns, Chef! Er soff sich dermaßen voll, daß er dankend mein Angebot annahm, ihn nach Hause zu bringen. Wir zuckelten also los, aber im letzten Augenblick dämmerte ihm wohl doch, daß er im Begriff war, eine Riesendummheit zu begehen. Er schusterte mich also an einer Ecke ab und torkelte allein weiter.

War kein Kunststück für meiner Mutter Sohn, ihm nachzusteigen, der Kerl war ja bis oben voll und merkte nichts, obwohl er mehrmals stehenblieb und Umschau hielt. Habe also das Loch ausgemacht, in das er gekrochen ist. Kommen Sie bitte, Chef, werde es Ihnen zeigen!«

Sie wandern durch verschiedene Straßen und Gassen, O'Flanagan berichtete dabei dem Detektiv, daß vermutlich nur dieser Mann mit dem, roten Gesicht und der Pockennarbige in dem Hause wohnen. »Nachts sind sie beide im Bau, am Tage wechseln sie zweimal ab, so daß immer einer von den Kerls im Hause ist. Schätze also, daß Sie richtig vermutet haben, Chef, daß sie da nämlich etwas zu bewachen haben, denn sonst könnten sie doch beide zusammen ausgehen.«

Hunt nickte befriedigt. Er hat die begründete Hoffnung, in dem Versteck den Major und den Obersten aufzuspüren, und natürlich die Absicht, das Nest auszuheben.

In einer etwas breiteren Gasse sagt O'Flanagan: »Jetzt kommt gleich rechts ein zurückgebautes Haus, Chef. Das ist es!«

»Hm,« antwortet Hunt, der sich das Haus genau besehen hat. Es ist so schmal, daß es nur ein Fenster neben der Eingangstür hat. »Von vorne ganz günstig, wenn wir die Bande aufheben. In der Sackgasse kann uns keiner weglaufen. Wie sieht es aber von hinten aus, Patrik?«

»Weiß nicht genau, Chef. Bin wohl schon drüben vorbeigegangen, hatte aber noch keine Zeit, in die Häuser zu gehen und mir die Höfe anzusehen. Ich dachte, wir wollten das heute zusammen erledigen und dann morgen die Bande ausräuchern. Am Tage ist das leichter, weil wir warten können, bis einer von den Kerlen weggeht.«

»Gut,« stimmt Hunt zu. »Hatte das auch so vor, mein Sohn.«

Sie gehen um das Häuserviereck, bis sie in der hinter dem Hause liegenden Gasse da angekommen sind, wo etwa das zurückliegende Haus liegen muß. So ganz einfach ist das allerdings nicht, denn Chelsea ist kein Vorort mit übersichtlichen Straßenzügen, sondern einer der ältesten Londoner Stadtteile mit krummen, winkligen Gassen und ineinander geschachtelten Hinterhäusern und Quergebäuden.

Der Detektiv berät sich mit seinem Gehilfen, dann verschwindet jeder in einem anderen Hauseingang. Hunt tastet sich vorsichtig durch einen dunklen Flur, in dem allerhand Gerümpel steht, und kommt auf einen Hof. Von da geht es noch durch ein Quergebäude, das aber nur ein unbewohnter Schuppen zu sein scheint, dann kommt noch ein kleiner schmaler Hof.

Es riecht sehr unerfreulich auf diesem Hinterhof, anscheinend haben die Bewohner seit Jahren allen Unrat auf den großen Haufen geworfen, der da links an der Mauer zum Nachbarhaus im Dunkeln liegt. Im Hintergrund ragt eine gut zweimannshohe Mauer in den Nachthimmel, nach rechts zu steigt sie schräg nach oben an. Es sieht so aus, als ob es eine alte Hausmauer von dem Giebel eines abgerissenen Gebäudes sei, die man als Trennwand zum Nachbargrundstück stehengelassen hat.

Hunt stellt mit Befriedigung fest, daß ohne Leiter niemand diese hohe Zwischenwand übersteigen kann.

»Was suchst du hier, mein Bursche?« tönt eine rauhe Stimme aus dem Nachbarhof herüber. Hunt lauscht erschreckt; in dem Hof müßte sich jetzt O'Flanagan gerade befinden.

»Ich suche meinen Starmatz, Sir,« antwortet die breite Stimme des Iren. »Er ist mir heute abend fortgeflogen. Haben Sie ihn vielleicht gesehen, er muß hier rübergeflogen sein. Er kann so schön das Tipperary-Lied flöten.«

»Ich sehe bloß einen Grünschnabel, der dummes Zeug quatscht,« antwortet die rauhe Stimme barsch. »Scher dich zum Teufel, sonst zeig ich dir den Weg!«

»Ich gehe ja schon, Sir,« antwortet der Ire gemütlich. Hunt macht sich auch schnell auf den Rückweg.

Auf der Straße treffen Hunt und sein Gehilfe wieder zusammen. »Habe einen groben Burschen, der auf der Treppe schlief, auf die Hühneraugen getreten,« berichtet O'Flanagan, grinsend. »Sonst aber allright, Chef. Hinter dem Hof ist eine feine Mauer, nicht besonders hoch, aber oben mit lauter Glasscherben, da kommt so leicht niemand rüber.«

Hunt erzählt, was er auf seinem Hof gesehen hat. »Wir können zufrieden sein, Patrik. Nach hinten können die Halunken aus ihrem Versteck kaum heraus, jedenfalls können sie ihre Gefangenen nicht gut über die Mauern schaffen, und das ist die Hauptsache. Wir brauchen also morgen keine andere Hilfe und können die Sache allein erledigen. – Wann pflegt einer von den Leuten morgens das Haus zu verlassen?«

»Das kann ich nicht genau sagen, Chef, ich habe das Haus ja erst gestern gefunden und nur heute etwas ein Auge darauf gehabt. Heute kam der Pockige so gegen einhalb zehn heraus, er blieb bis Mittag weg und kam dann mit einem Paket zurück. Wahrscheinlich hat er Verpflegung rangeholt, ich sah wenigstens bald danach den Schornstein stärker rauchen, da haben sie wohl also ihr Essen gekocht. Kurz nach vierzehn Uhr kam dann der Süffel heraus und blieb bis gut neunzehn Uhr fort. Danach habe ich noch zwei Stunden Wache gehalten, aber sie blieben beide drin.«

»Dann werden sie es wohl jeden Tag so ähnlich halten,« überlegt Hunt. »Gut, bewache das Haus! Ich komme um acht mit einer Taxe und lasse zwei Straßen weiter vor dem Briefkasten halten. Auf den Kühler werde ich meine alte blaue Schlafdecke binden, damit du meinen Wagen gleich erkennst.

Sobald einer von den Kerls das Haus verläßt, nimmst du deine Mütze ab und kratzt dir den Kopf. Dann gehst du dem, der das Haus verlassen hat, nach und sorgst dafür, daß er mir nicht unversehens zurück und über den Hals kommt. Ich dringe in das Haus ein und greife mir den zweiten. Dann müssen wir sehen, wie es weiter kommt. Wenn wirklich nur noch einer im Hause ist, klappt es sicher. Meinen Wagen lasse ich warten, damit wir die Gefangenen gleich fortschaffen können.«

»Allright,« nickt O'Flanagan. »Wird schon alles klappen, Chef.«

*

Donnerstagfrüh kommt eine große Taxe, um deren Kühler eine blaue Baumwolldecke geschnallt ist, schnell herangefahren. Ein Mann mit roten Haaren schlendert unmittelbar vor dem Wagen über die schmale Straße, so daß der Fahrer erschreckt abbremst. »Kannst du nicht aufpassen, Voßkopf?« schnauzt der Fahrer.

»Verzeihung, ich bin etwas kurzsichtig,« antwortet der grinsend und zwinkert dem Fahrer zu. Dann sagt er leise in das geöffnete Fenster des Wagens: »Sind beide noch nicht aufgestanden, Chef.«

Ein paar Neugierige haben sich in der Hoffnung auf Krach gesammelt, aber sie kommen nicht auf ihre Rechnung. Der Taxenfahrer flucht zwar lästerlich, aber er fährt sofort weiter. Patrik O'Flanagan steckt die Hände in die Taschen und schlendert pfeifend die Straße hinunter.

An der übernächsten Querstraße, neben einem Briefkasten, bleibt die Taxe stehen. Der Fahrer steigt vom Führersitz, schnallt die Decke ab und hebt die Haube auf. Er bastelt an dem Motor herum, aber er findet anscheinend den Fehler nicht.

O'Flanagan hat auch Pech. Gerade dem zurückgebauten Haus gegenüber rutscht er aus und hinkt nach einem Hauseingang. Da setzt er sich hin und reibt seinen verstauchten Fuß. Sein Gesicht sieht aber gar nicht schmerzlich aus, abwechselnd schielt er nach dem zurückgebauten Haus und dem Wagen neben dem Briefkasten. Um einhalb neun hat Patrik seinen Fuß ziemlich gesundgerieben, dem Auto scheint es auch besser zu gehen. Der Fahrer läßt den Motor anlaufen, aber es klappt noch nicht. Der Motor stottert, brüllt los, verhaspelt sich und setzt wieder aus. O'Flanagan grinst.

Gegen neun hat der Ire seinen Fuß wieder in Ordnung. Bei der Taxe dagegen sieht es trübe aus. Der Fahrer hat seinen ganzen Werkzeugbestand auf dem Bürgersteig ausgebreitet und arbeitet fluchend an dem Motor. Eine ganze Anzahl Leute, die nichts Besseres zu tun haben, stehen herum und erteilen weise Ratschläge. Zwei Leutchen, die aussehen wie arbeitslose Dockarbeiter, haben gewettet, ob der einzige Fahrgast, der nun schon eine geschlagene Stunde in seinen Regenmantel gehüllt teilnahmslos im Wagen sitzt, aussteigen wird oder nicht.

»Verdammt!« sagt der von den beiden, der darauf gewettet hat, daß der Fahrgast aussteigen und sich ein anderes Auto suchen würde. »Der Kerl hat eine wahre Schafsgeduld. Ich glaube, er pennt.« Der Mann spuckt wütend aus und ärgert sich, daß er allem Anschein nach das schöne Geld für einen Schnaps verlieren wird.

Etwas nach einhalb zehn nimmt O'Flanagan, der tiefsinnig die Auslagen eines Kramladens besichtigt hat – in der Fensterscheibe spiegelt sich vorzüglich die Tür des zurückgebauten Hauses – seine Mütze ab und kratzt sich nachdenklich den Kopf. Dann geht er sehr eilig die Straße hinab in der Richtung von der Taxe weg, überquert den Fahrdamm und schlendert, die Hände in den Hosentaschen vergraben, auf der anderen Straßenseite zurück.

Bei dem Wagen hat der Fahrer plötzlich den Fehler gefunden, er läßt den Motor anlaufen und sammelt sein Werkzeug zusammen. Leider fehlt der beste Schraubenschlüssel. Der Mann flucht, aber er steigt auf den Führersitz und bemüht sich erst gar nicht, die Umstehenden nach dem verschwundenen Schlüssel zu fragen. Langsam fährt die Taxe an.

»Damn't!« flucht der eine Dockarbeiter entrüstet. »Zwei Pence zum Teufel!«

O'Flanagan stößt bei dem Vorplatz des zurückgebauten Hauses beinahe mit einem untersetzten Mann mit breitem, rotem Gesicht zusammen, der gerade auf die Straße biegt. Der Mann sieht den Iren überrascht und etwas mißtrauisch an.

»Hallo, old boy!« ruft O'Flanagan mit freudigem Erstaunen. »Gut bekommen gestern abend?«

Der Mann sieht den Iren prüfend an und grinst dann. »Danke Ihnen, Sir. Sind wohl auch wieder zur ›Steuerbordkneipe‹ unterwegs?«

»Yes,« nickt der Ire. »Bin doch da als Barmixer angestellt. War nur gerade etwas an die Luft gegangen, um mir die Beine zu vertreten.«

Das ist nun glatt gelogen, denn der Ire hat sich, seit er gestern abend den Detektiv verlassen hatte, dauernd um das verdächtige Haus herumgedrückt, um es zu bewachen. Aber sein Begleiter nickt befriedigt, und beide wandern, harmlos plaudernd, zur roten Mary.

Die Taxe ist in einer Nebengasse verschwunden. Hunt hat seinen Lodenmantel im Wagen gelassen und kommt jetzt aus der Nebengasse. Er trägt eine graue Joppe mit schwarzen Knöpfen, ebensolche Hosen mit breiten schwarzen Tressen und eine graue Joppe mit schwarzen Tressen und eine graue Schirmmütze auf dem Kopf. Jeder würde den Detektiv, der ein Päckchen unter dem Arm trägt, für einen Boten eines der vielen großen Kaufhäuser halten.

Hunt geht die Straße hinunter und sucht anscheinend eine bestimmte Hausnummer. Vor dem zurückgebauten Haus bleibt er stehen, vergleicht mit der Aufschrift auf dem Paket und geht dann zu dem Haus.

Eine Glocke ist nicht zu finden, Hunt klopft an die Tür. Innen rührt sich nichts. Der falsche Geschäftsbote schüttelt verwundert den Kopf, sieht nochmals nach der Aufschrift auf dem Päckchen und klopft wieder.

Plötzlich öffnet sich lautlos ein kleines Guckloch, das ganz versteckt in der Tür angebracht ist, und eine barsche Stimme fragt: »Was ist los?«

»Paket für Sie; Sir,« antwortet der Bote und hält das kleine Päckchen vor das Guckloch.

»Ich erwarte kein Paket. Machen Sie, daß Sie weiterkommen!«

»Da steht aber haargenau Ihre Anschrift drauf, Sir! Kostet ja nichts, die Zigarren sind schon bezahlt.«

Der Mann hinter der Tür grunzt etwas. Das Guckloch wird geschlossen, dann klirrt es innen, als ob eine Sicherheitskette zurückgeschoben wird. Die Tür öffnet sich fußbreit. »Geben Sie her!«

»No, Sir, bitte erst hier zu unterschreiben, ich darf ohne Empfangsbescheinigung keine Waren abgeben.«

Der Mann hinter der Tür knurrt mißvergnügt, er öffnet dann aber doch etwas weiter. Der Bote tritt schnell in die Öffnung und hält dem Hausbewohner das Paket hin, auf das er einen vorgedruckten Zettel und einen Bleistift mit dem Daumen festgeklemmt hat. Der Mann mustert Paket und Boten mißtrauisch, bequemt sich dann aber zu unterschreiben.

»Hände hoch!« sagt der Bote leise, aber sehr verständlich.

Der Mann zuckt zusammen, hebt aber widerspruchslos die Arme, als er in der rechten Hand des Boten einen schweren Coltrevolver auf sich gerichtet sieht.

*

Der Mann erbleicht trotz der Pockennarben, die sein ganzes Gesicht bedecken, und starrt den falschen Geschäftsboten an. »Heilger Patrik! Der ›Hund‹!« stöhnt er auf und taumelt einen Schritt zurück gegen die Hauswand.

Hunt stutzt. »Alte Bekannte also? Ich glaube auch, daß dein Galgengesicht mir schon mal über den Weg gelaufen ist. Stop! Ich will meinen Hut essen, wenn das nicht O'Neil ist! – Sag mal, mein Bursche, wie bist du denn aus dem Zuchthaus wieder herausgekommen? Da hatte ich dich vor fünf Jahren als Weihnachtsgeschenk abgeliefert!«

Der schmächtige Mensch zittert an allen Gliedern, sein abstoßendes Gesicht verzerrt sich. »Ich – ich heiße Baker, Sir. Jim – Jim Baker!«

»Erzähl das des Deubels Großmutter, wenn du endlich zur Hölle gefahren sein wirst, ich habe ein verdammt gutes Gedächtnis für solche Fratzen, wie du eine trägst.« Hunt läßt sein Paket fallen, drückt die Tür hinter sich ins Schloß und hakt mit einiger Schwierigkeit auch die Sicherheitskette wieder vor; er hat nur die linke Hand dazu frei und läßt auch den Verbrecher nicht aus den Augen.

»Ich habe Ihnen nichts getan, Sir,« winselt der Mensch.

»Dazu wärst du auch gerade der Richtige,« antwortet der Detektiv verächtlich. »Aber schön, wollen mal vernünftig zusammen plaudern. Führ mich in deine gute Stube, Jimmy, das Stehen wird mir langweilig. Behalte aber schön die Pfoten oben, sonst knallt's.«

Der Mann dreht sich zögernd um und öffnet eine Tür, die nach links aus dem Flur führt. Hunt folgt ihm und steht in einer kleinen schmutzigen Küche. Ein aus Ziegelsteinen gemauerter Herd, ein Tisch, zwei Stühle und eine Abwaschbank, das ist die ganze Einrichtung. Nur ein Fenster ist vorhanden, das auf den Vorplatz führt, aber es ist mit einem klicken Vorhang verschlossen, über dem noch alte Säcke hängen. Eine Petroleumlampe steht auf dem Küchentisch und erhellt den kleinen Raum.

»Leg dein Schießeisen da auf den Tisch!« fordert Hunt den Pockigen auf. Der sieht den Detektiv böse an.

»Na, los!« befiehlt Hunt scharf. »Bißchen fix, aber mach keine Dummheiten! Ich sollte meinen, du kennst mich.«

Der Mann seufzt auf und legt einen vernickelten amerikanischen Revolver auf den Tisch.

»Allright!« nickt Hunt und läßt die Waffe in seine Rocktasche gleiten. Er setzt sich in den Stuhl, der der Tür zunächst steht, und fordert seinen Gefangenen auf, in dem anderen, einem ziemlich wackelig aussehenden, alten Schaukelstuhl, Platz zu nehmen. Der Mann tut es widerwillig.

Hunt schiebt seinen Colt halb in die Revolvertasche, die er über der rechten Hosentasche trägt, und stopft sich gemütlich seine Pfeife. »Mit den Zigarren war das leider nur ein Bluff, mein Goldsohn. Sollst aber doch eine haben, und zwar eine gute. Hier, fang mal schön!« Hunt wirft dem Mann die Zigarre zu, der sie geschickt auffängt. Ein hoffnungsvolles Lächeln huscht über seine häßlichen Züge, er steckt sich die Zigarre an und lehnt sich dann scheinbar gemütlich in seinen Schaukelstuhl.

»Jetzt will ich dir mal eine kleine Predigt halten, damit du siehst, wie die Sache steht. Woher wir beide uns kennen, das brauche ich dir nicht vorzukauen, denn das weißt du ganz genau. Deinen Freund, der auch schon den feinen Whisky bei der roten Mary gerochen hat, kenne ich schon aus dem Westend-Park, von seinem Besuch bei dem Major Neston und schließlich von der feinen Sache bei dem Obersten. Daß wir eueren grauen Lieferwagen längst gefunden haben, wirst du wohl selbst schon wissen. Versteht sich, daß ich auch den Haupthalunken, den Inder und seine Maid, genau kenne.

So, mein Freund. Und jetzt werde ich dir sagen, wo deine Genossen augenblicklich stecken. Der Süffel sitzt in der ›Steuerbordkneipe‹, und einer von meinen Leuten paßt mit derselben Liebe auf ihn auf wie eine Amme auf ihr Kleines. Der Indienmann hat eine Reise nach Deutschland gemacht und wird dabei von einem gewissen Walker begleitet, der ein guter Freund von mir ist. Bei dir selbst sitze ich, und draußen wartet schon das Auto.«

Der Pockennarbige ist bei der ruhigen Erzählung des Detektivs immer unruhiger geworden, aber er sagt nichts.

Hunt nickt ihm freundlich zu. »Schätze, du hast so viel Verstand, daß du einsiehst, daß du mit deiner ganzen Bande am Ende bist. Was meinst du nun wohl, wenn ich dich jetzt – auch unter der Überschrift Jim Baker – am Bändel nähme und nach Scotland Yard brächte, wie die Leute sich freuen würden? Dann bekämst du freie Überfahrt über den großen Teich, aber nur, um drüben auf einen gewissen Stuhl zu kommen, der sehr ungesund sein soll für die Leute, die darauf gesetzt werden, weil ...«

»Aber ich habe Ihnen doch nichts getan, Sir!« jammert der Mann auf.

»Das hast du mir schon einmal erzählt, und eigentlich hast du in diesem Fall recht damit. Mir kannst du aber nicht gut einen Vorwurf daraus machen, daß du deine dreckigen Pfoten auch in dieser Sache stecken hast! Trotzdem will ich dir eine Chance geben: Gib mir deine Gefangenen heraus und beichte mir haargenau alles, was du weißt. Vielleicht sind noch ein paar Kleinigkeiten dabei, die mir unnütze Lauferei ersparen. Wenn du das ehrlich tust, dann magst du nachher laufen, wohin du willst, und deinen Hals retten. So sieht deine Chance aus, Bursche. Wähle!«

Der Mann fährt aus seinem Stuhl hoch und starrt den Detektiv an. »Ist das Ihr Ernst?!«

»James J. Hunt hat noch immer sein Wort gehalten. Aber sieh dich vor und erzähle keine Märchen! Ich habe dir schon angedeutet, daß ich Bescheid weiß.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich Ihnen nicht alles sage, was ich weiß, Sir; mein Hals ist mir lieber.«

»Well,« nickt Hunt. »Du wärst sonst auch ein ganz verfluchter Narr. Geh voran, führ mich zu deinen Gefangenen! Daß uns niemand stört, darüber kannst du ganz beruhigt sein.«

*

O'Neil alias Jim Baker führt den Detektiv auf den Flur zurück. Hinter der Küche wird der kleine Flur gleich von einer Tür abgeschlossen. O'Neil öffnet diese Tür und geht in ein etwas größeres Zimmer, das das Wohn- und Schlafzimmer darstellt. Zwei Feldbetten stehen da, Kleider hängen an den Wänden, schlechte Möbel stehen herum, zwei kleine Fenster gehen nach hinten hinaus.

O'Neil schiebt das Feldbett an der Fensterwand zurück, eine Falltür wird sichtbar. »Da unten steckt er, Sir.«

»Allright. Dann steige mal vor in deinen Geheimkeller, sonst könnte aus Versehen die Klappe hinter mir zufallen. Voran, mein Lieber!«

O'Neil hebt die Falltür auf, eine steile Treppe wird darunter sichtbar, aber nur ihre obersten Stufen, dann folgt ein dunkles Loch. Hunt knipst seinen Handscheinwerfer an und steigt vorsichtig hinter O'Neil die Treppe hinab.

Es ist ein kleines Kellergewölbe ohne Fenster, kaum acht Fuß im Geviert. Es riecht muffig, an den feuchten Wänden sitzt dicker Mauersalpeter. In der Ecke der Treppe gegenüber liegt ein Strohsack, darauf ein Haufen Lumpen. In einer anderen Ecke stehen einige alte Kisten, die ganz verschimmelt sind.

»Wo sind denn die Leute?« ruft Hunt drohend, der nichts erkennen kann, was nach Menschen aussieht.

»Da liegt er doch!« antwortet O'Neil und zieht eine alte Decke von dem Lumpenbündel. Wahrhaftig, da liegt, zusammengekrümmt, ein Mensch!

Hunt läßt seinen Scheinwerfer auf die Gestalt leuchten. O'Neil ist zu dem Liegenden getreten und rüttelt ihn. Der Schläfer gibt einen grunzenden Ton von sich und wendet sich herum. Es ist der Oberst Morris, der blöde in das Scheinwerferlicht blinzelt.

»Er hat seine Fünfe nicht ganz richtig beisammen,« erklärt O'Neil dem Detektiv und fügt ängstlich hinzu: »Aber ich kann nichts dafür, Sir, der braune Teufel muß ihm was eingetrichtert haben.«

»Das soll er mir mit seinem braunen Fell büßen,« knirscht Hunt. »Und wo habt ihr den Major?«

»Wir haben bloß den Alten hier, Sir,« beteuert O'Neil. »Den aus dem Westend-Park hat der Inder gleich in dem grauen Wagen mitgenommen, als er ihn behext hatte.«

»Wo er steckt, will ich wissen!« ruft Hunt und stampft mit dem Fuß auf. »Kerl, denk an deine Chance, wenn dir dein Hals lieb ist!«

»Beim Heiligen Patrik, ich weiß es nicht, Sir! Der Indienmann nahm ihn in den Wagen, und dann fuhr Benjamin los. Nach fünf Stunden kamen sie wieder, der Wagen war ganz mit Dreck bespritzt.«

»Wer ist Benjamin?«

»Der, den Sie vorhin den ›Süffel‹ nannten, Sir. Er hat immer den Wagen gefahren, ich verstehe das doch nicht. Sie haben mir auch nicht erzählt, wo sie hingefahren sind.«

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