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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 6
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectidf378cea7
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V.

Als Lively mit dem Brief in der Hand auf die Straße tritt, glaubt er im Schatten eines der Bäume, die da am Fahrdamm entlang gepflanzt sind, eine dunkle Gestalt stehen zu sehen. Lively wird es unbehaglich, es macht den Eindruck, als ob jemand im Dunkeln wartet und das Haus beobachtet.

Dr. Lively geht schnell in die Nebenstraße zum Briefkasten und wirft das Schreiben ein.

Als der Arzt zurückkommt, löst sich die dunkle Gestalt aus dem Schatten und tritt auf ihn zu. Lively sieht mit Erstaunen und Unbehagen einen sonderbar vermummten Menschen. Die vermummte Gestalt faßt ihn am Arm und flüstert hastig: »Sahib! Rette deinen Freund!« Lively durchzuckt es bei dem Klang der Stimme: das muß doch die Inderin sein, die Partnerin des Yogis aus der Agricultur-Hall! Jetzt erkennt er auch ihre merkwürdige indische Kleidung und sieht ihre großen goldenen Ohrringe blitzen. Lively starrt die Inderin verständnislos an.

»Sahib!« flüstert die Inderin wieder und sieht sich scheu nach allen Seiten um, als fürchte sie, beobachtet zu werden. »Rette deinen Freund!«

»Wen meinen Sie, Miß?« fragt Lively verblüfft.

»Ich kenne ihn nicht,« antwortet die Inderin hastig. »Er hat einen grauen Bart. Sei schnell, Sahib!«

Lively will noch etwas fragen, aber die Inderin huscht wie ein Wiesel davon. Der Arzt steht verblüfft da und sieht ihr nach, wie sie um die nächste Ecke verschwindet. Da erst rafft er sich zusammen und läuft der Inderin nach.

Zu spät! Als er um die Ecke biegt, fährt gerade eine Taxe ratternd davon, Lively sieht im Licht einer Straßenlaterne nur noch, wie etwas in dem Wagen golden aufblitzt: die Ohrringe des Mädchens.

Dr. Lively geht kopfschüttelnd zurück und erzählt sein Erlebnis.

Walford lacht. »Wünsche dir Glück zu der Erwerbung, teurer John. Die indische Maid scheint es auf dich abgesehen zu haben, eine etwas eigentümliche Anknüpfungsart hat sie sich allerdings ausgesucht.«

Aber Hunt lacht nicht. Er sieht den Arzt durchbohrend an und fragt: »Was ist das für eine Inderin, Sir?«

Lively berichtet dem Detektiv von der Vorstellung des Fakirs in der Agricultur-Hall.

»Donnerwetter!« ruft Hunt ganz aufgeregt. »Und das erzählen Sie mir erst jetzt? Der Major war auch dabei, sagen Sie?«

»Ja, er kam uns nach, er hatte noch eine Besprechung in seinem Klub gehabt. Bob rief ihn an, weil Fred unseren Tisch nicht gleich fand. Die Zuschauer ärgerten sich über die Störung, und der Fakir glotzte Neston auch ganz böse an.«

Hunt läuft aufgeregt im Arbeitszimmer des Arztes herum, die Freunde sehen ihm verwundert zu. »Warum habe ich das Tagebuch nicht mitgebracht, ich Esel!« klagt Hunt. »Ich habe es nur flüchtig gelesen, weil ich glaubte, es sei altes Zeug, das uns nichts nützt.«

»Was hat denn das Tagebuch mit der Inderin zu tun?« fragt Walford erstaunt.

Hunt bleibt dicht vor dem Anwalt stehen. »Im Tagebuch steht, daß Neston und Morris, wie ich Ihnen schon sagte, einen Zusammenstoß mit den Eingeborenen hatten. Morris bekam Krach mit einem Fakir bei einem Opferfest. Es wurde eine Menge Opfertiere auf scheußliche Art abgeschlachtet, Morris wollte den Fakir abhalten, aber der Kerl riß sich los und spuckte Morris an. Da hat er seine Reitpeitsche genommen und dem Fakir ins Gesicht geschlagen, er hat ihm ein Auge ausgeschlagen.«

»Ach,« fällt Lively eifrig ein. »Der Yogi in der Hall war auch einäugig, sein rechtes Auge war ein Glasauge. Ich sah es ganz deutlich, als er bei dem einen Kunststück herumging und an unseren Tisch vorbeikam. Erst dachte ich, der Inder schiele, aber dann merkte ich, daß es ein Glasauge war.«

»Damn't!« sagt Hunt und sieht den Arzt starr an. »Ist das wahr, Sir?«

»Ganz sicher! Das Glasauge war nicht sehr gut gemacht, es stach ziemlich in der Farbe ab.« Hunt läuft wieder im Zimmer umher. Er murmelt abgerissene Worte vor sich hin. »Allright. Und wer von Ihren Freunden hat einen grauen Bart, Sirs?«

Die Freunde sehen sich an. Von ihren Bekannten hat niemand einen Bart, höchstens einen Schnurrbart. »Oberst Morris hatte einen grauen Schnurrbart, aber ziemlich klein und struppig,« sagt der Arzt.

»Morris?« fragt Hunt scharf. »Well, und was sagte die Inderin? Sie sollen ihn retten, Sir?«

»Ja, das sagte sie. Aber das ist doch Unsinn, Morris ist tot.«

»Aber Sie konnten keine Todesursache feststellen, Mr. Lively?«

»Nein, es muß Herzschlag gewesen sein.«

»Nehme an, Sie irren, Sir. Und wo wohnt Morris? Hier in der Nähe?«

Lively erklärte es dem Detektiv.

»Well, dann kommen Sie schnell mal rüber, Sirs. Schätze, die indische Maid wußte, was sie wollte. Sie hatte nur Angst, es Ihnen lang und breit auseinanderzusetzen, weil ihre Leute ihr auf der Spur waren.«

*

Aus der Nebenstraße, in der das Haus des Obersten liegt, kommt ein großes Lieferauto vorgeschossen, biegt scharf um die Ecke und verschwindet in der Nacht.

Hunt hat den Wagen mit zusammengekniffenen Augen betrachtet, zieht sein Merkbuch und schreibt sich die Nummer auf. »Die letzte Ziffer war doch eine fünf?« fragt er seine Begleiter, aber die haben nicht darauf geachtet. »Es war ein graues Lieferauto!« sagt Hunt. »Wo wohnt Morris, Sirs?«

Es sind von der Ecke kaum zweihundert Schritt, das Haus liegt dunkel, aber die Eingangstür ist nicht verschlossen. Lively klingelt im ersten Stock an der Wohnungstür. Die Türglocke schrillt, aber innen rührt sich nichts. Lively klopft gegen die Tür, vergeblich.

»Dachte es mir doch,« knurrt Hunt und schiebt den Arzt beiseite. Er hat einen Dietrichbund in der Hand und macht sich am Schloß zu schaffen.

»Was machen Sie denn da?« fragt der Anwalt erstaunt.

»Nur bißchen aufschließen. So, bitte, Sirs!« Hunt hat die Tür schon geöffnet und drängt die beiden hinein.

Lively weiß, daß das Wohnzimmer von der Polizei versiegelt ist. Die Leiche des Obersten war in das Schlafzimmer links daneben getragen worden, morgen früh sollte sie abgeholt werden.

Hunt hat, ohne daß seine Begleiter etwas davon gemerkt haben, in der rechten Hand plötzlich einen schweren Coltrevolver und in der linken einen großen Taschenscheinwerfer. Er stößt die Tür zum Schlafzimmer auf und leuchtet mit seinem Scheinwerfer hinein. »Da haben wir die Bescherung!« sagt Hunt wütend, steckt seinen Revolver ein und knipst das Licht im Schlafzimmer an.

Walford und der Arzt sehen, daß das Bett, in dem der Oberst vorläufig aufgebahrt worden war, leer ist. O'Grady liegt, merkwürdig zusammengesunken, in einem Lehnstuhl neben dem Bett, das ganze Zimmer ist von einem eigentümlichen Geruch erfüllt.

»Das riecht doch hier nach Chloroform,« stellt Lively fest.

»Hm,« nickt Hunt, geht zur Fensterwand und öffnet beide Fenster weit.

Lively hat den Zusammenhang erfaßt, er untersucht schon den Diener. »Gott sei Dank! Er ist nur betäubt, wir müssen ihn aber gleich zu mir rübertragen.«

»Ja, zum Donnerwetter!« sagt Walford. »Wo ist denn die Leiche geblieben?«

»Die ist uns eben in dem grauen Lieferwagen an der Nase vorbeigefahren,« erklärt Hunt erbittert. »Verdammte Geschichte das!« Er sieht sich suchend im Zimmer um. Vor dem Sessel O'Gradys liegt ein Taschentuch, der Detektiv hebt es auf und riecht daran; das Tuch strömt noch einen starken Chloroformgeruch aus. »Allright,« nickt Hunt. »Tragen wir den armen Kerl zu Ihnen hinüber, Doktor, hier ist doch nichts mehr zu holen; James J. Hunt ist eine Nasenlänge zu spät gekommen.«

Der bewußtlose O'Grady wird von Hunt und Walford in das Haus des Arztes getragen, Lively bemüht sich sofort um ihn und erklärt, daß er ohne Schaden davonkommen werde.

»Können Sie mir sofort Ihren Wagen pumpen, Sir?« fragt Hunt den Arzt, als dieser mit O'Grady fertig ist.

»Gern, aber James ist mit Nelly ins Kino gegangen. Können Sie selbst fahren?«

»Yes, fürchte nur, die Spesen werden sich um etliche Polizeistrafbefehle erhöhen, weil ich es ganz verdammt eilig habe.«

Sie laufen zum Autoschuppen. »Ich fahre zur Landwirtschaftshalle in Islington und lasse den Indienmann und seine Maid verhaften. Rufe Sie dann gleich an, Sirs. Bye!« Hunt fährt im zweiten Gang an, so daß Walford, der in der Schuppentür steht, mit knapper Not noch zurückspringen kann.

Der Arzt geht mit seinem Freund langsam in das kleine Fremdenzimmer zurück, in dem sie den betäubten Diener des Obersten untergebracht haben. »Für meinen Geschmack entwickelt sich die Sache plötzlich etwas stürmisch,« sagt Lively.

»Wenn schon,« antwortet der Anwalt. »Dafür kommen wir jetzt wenigstens vorwärts. Ich glaube, wir haben einen guten Griff getan, als wir Hunt zugezogen, er scheint wirklich ein tüchtiger Mann zu sein.«

»So ganz schaue ich eigentlich noch nicht durch,« meint Lively nachdenklich.

»Na ja, die Erklärungen Hunts waren ›kurz und süß‹, wie sie drüben in den Staaten sagen, aber der Zusammenhang dürfte doch klar sein. Aus dem Tagebuch Freds geht hervor, daß er mit Morris zusammen in Indien war, und daß sie dort Krach mit einem Fakir bekommen hatten. Der Rummel mit den Opferfesten muß auch ziemlich übel sein, es hat schon wiederholt in den Zeitungen gestanden, daß die Regierung gegen den sinnlosen Massenmord von unschuldigen Tieren eingeschritten ist. Da kann man sich denken, daß die fanatische Hindubande durch das Eingreifen der beiden Offiziere tödlich beleidigt war. Morris hat ja dem Yogi auch noch ein Auge ausgeschlagen.«

»Ich hätte den Kerl wahrscheinlich totgeschlagen, wenn er mir ins Gesicht gespuckt hätte,« wirft Lively ein, seine gutmütigen Augen blitzen dabei kampfeslustig.

»Well, ich wahrscheinlich auch,« stimmt Walford zu. »Jedenfalls vermutet jetzt Hunt, daß der Yogi in der Landwirtschaftshalle und jener Yogi von dem Opferfest derselbe Mann ist. Und er vermutet weiter, daß dieser Yogi sowohl Neston wie Morris hat verschwinden lassen, aus Rache jedenfalls. Etwas phantastisch ist diese Vermutung zwar, aber sie hat auch allerhand für sich. Hoffentlich gelingt es Hunt, den braunen Kerl abzufassen, dann wird die Geschichte schon herauskommen.«

Lively nickt. »Trotzdem bleibt mir noch verschiedenes reichlich unklar, aber lassen wir das, bis Hunt Bericht erstatten kann. Eins ist aber auf alle Fälle sehr merkwürdig: Weshalb kommt die Inderin zu mir? Sie wollte mich doch offenbar warnen.«

»Sicher wollte sie das. Ich denke mir, daß das Mädel von den Teufeleien des Yogis Bescheid wußte und sich bemühte, seine Schandtaten zu verhindern. Anderseits verstehe ich aber nicht, weshalb die Inderin nicht mit ihrem Herrn und Meister durch dick und dünn geht, sondern versucht, seine Pläne zu durchkreuzen. Da das graue Auto übrigens an uns vorbeisauste, als wir zu Morris gehen wollten, hat die Bande die Leiche sicher gerade vorher gestohlen. Die Inderin hat wahrscheinlich schon eine ganze Weile vor deinem Haus gestanden und sich nicht getraut hineinzugehen. Deshalb kam die Warnung leider zu spät.«

»Ja,« sagt Lively. »So kann es wohl zusammenhängen. Jetzt möchte ich aber bloß wissen, wozu stiehlt jemand eine Leiche?!«

Walford zuckt die Achseln, darauf weiß auch er keine Antwort.

*

O'Grady regt sich.

»Er wird gleich wieder zum Bewußtsein kommen,« sagt Dr. Lively und holt schnell einen Eimer und Wischlappen.

Walford fragt verwundert, wozu diese Vorbereitungen dienen sollen.

Lively lächelt. »Er war schwer chloroformiert, mein Lieber. Beim Erwachen pflegt es dann zunächst heftiges Erbrechen zu geben. – Achtung! Da geht's schon los.«

Walford zieht sich erschreckt zurück.

Es dauert noch eine halbe Stunde, bis O'Grady so weit ist, daß er erzählen kann, was ihm widerfahren ist. Er hat bei seinem Herrn die Totenwache gehalten und ist schließlich vor Übermüdung eingeschlafen. Durch ein Geräusch ist er plötzlich wachgeworden. Aber gesehen hat er nicht viel. Ein kleiner, breitschultriger Mensch mit einem von Pockennarben ganz zerrissenen Gesicht hatte sich über ihn gebeugt und drückte ihm ein Tuch auf Nase und Mund. Ein anderer, größerer Mensch preßte ihm die Schultern gegen den Sessel. Dieser Mann hatte ein grobes, rotes Gesicht. Mehr weiß O'Grady nicht, er muß wohl sehr schnell die Besinnung verloren haben.

»Wieder der Mann mit dem roten Gesicht,« sagt Lively.

»Und wieder der graue Lieferwagen,« fügt Walford, knirschend, hinzu.

O'Grady fühlt sich sehr schwach, Lively sagt ihm, er solle ruhig einschlafen, dann wäre am Morgen alles wieder gut. Von dem Diebstahl der Leiche seines Herrn erzählt er ihm noch nichts, damit O'Grady sich nicht aufregt.

Kurz darauf kommt Hunt mit dem Wagen des Arztes zurück. »Der Indienmann und seine Maid sind ausgerissen, Sirs! Vor der Landwirtschaftshalle war ein schöner Krach, weil die Vorstellung ausfallen mußte. Ich bin wieder eine Nasenlänge zu spät gekommen. Aber ich habe ausmachen können, daß das Pärchen von Charing Croß mit dem Eilzug abgefahren ist, der Anschluß an das Kanalboot nach Antwerpen hat.«

Die Freunde berichten dem Detektiv, was O'Grady erzählt hat, und bestürmen ihn mit Fragen.

Hunt wehrt ab. »Verzeihung, Sirs! Ich muß sofort wieder weg und habe keine Zeit für lange Erklärungen. Nur soviel: Die Sache ist allright und genau so, wie ich mir das gedacht hatte, der Indienmann steckt hinter dem Ganzen. Jetzt heißt es, sofort hinter dem braunen Schuft her, bevor die Spur kalt wird! Und dann muß das graue Lieferauto auch noch so schnell wie möglich ausgemacht werden; denn wo das steckt, da werden auch der Major und der Oberst stecken, oder James J. Hunt müßte eine verdammt schlechte Nase haben.«

Hunt nimmt sich eine Taxe und fährt zum Stadtteil Westham. In einer nicht sehr großartigen Straße läßt er halten, geht schnell durch ein paar Quergassen und verschwindet in einem Hinterhaus.

Dort hat man den Detektiv schon erwartet, denn er hat angerufen. Ein langer, dürrer Mann öffnet. Der Mann ist bedeutend jünger als Hunt, hat eine mächtige Nase und scharfe, graue Augen; im Mundwinkel hängt ihm eine kurze Pfeife. »Freue mich, Sie zu sehen, Chef,« sagt der Mann, der auch ein Amerikaner ist und Walker heißt. »Bin schon reisefertig. War aber verdammt Zeit, daß Sie Arbeit für uns bekamen, Patrik und meine Wenigkeit waren ganz abgebrannt.«

Hunt folgt seinem Gehilfen in ein Zimmer, das Küche und Wohnzimmer zugleich ist. Ein stämmiger, kleiner Mann mit roten Haaren und wasserblauen Augen, der auf dem Wachstuchsofa gelegen hat, erhebt sich grinsend und quetscht dem Detektiv entzückt die Hand.

Hunt wirft einen prüfenden Blick über den Raum. »Wo habt ihr denn euer feines Radio, Boys? Ist euch das Gedudele langweilig geworden?«

»No, Chef,« antwortet der rothaarige Ire Patrik O'Flanagan traurig. »Hat Beine bekommen, Pfandbude. War höchste Zeit, daß Sie uns wieder mal bißchen in Nahrung setzten, Chef.« Hunt schüttelt den Kopf. »Das hättet ihr mir aber auch wirklich früher sagen können, daß ihr so auf dem Trockenen sitzt. So viel könntet ihr doch allmählich wissen, daß James J. Hunt tüchtige Burschen nicht verhungern läßt, auch wenn gerade mal keine Arbeit zu haben ist. Nicht nett von euch, Boys!« Hunt legt eine Papiertüte mit Zigarren auf den Tisch und zieht aus seiner riesigen Aktenmappe eine Brandyflasche vor. »Komisch,« sagt der Detektiv lächelnd. »Das ist heute nun schon die zweite Pulle von der Sorte, die ich loswerde. Also bedient euch, und paßt mal genau auf.«

Der Ire ist wie ein Wiesel zu einer Schublade gelaufen und hat einen Korkzieher geholt. Ein Glas und zwei Tassen – einer davon fehlt der Henkel – stehen auch sofort auf dem Tisch.

»In der Hinsicht bist du wirklich ein fixer Bursche, Patrik,« sagt Hunt, schmunzelnd. »Also Achtung! Da ist am vergangenen Sonntag ein Major Neston verschwunden und heute früh ein Oberst Morris ermordet worden. Wißt ihr vermutlich auch schon aus den Zeitungen, was?«

»Klar, Chef,« nickt Walker. »Schätze, die Sache mit dem Major ist inzwischen erledigt, Scotland-Yard hat doch verkündet, daß es den Mörder gefaßt hat.«

»Unfug, die Polizei hat einen Dummkopf gefaßt, der aber nicht gut der Mörder sein kann, weil nach meiner Meinung der Major überhaupt nicht ermordet, sondern sozusagen entführt worden ist. Aber weiter. Die Sache mit dem Major und dem Obersten hängt zusammen, weil dieser Yogi Bairab, der da im Stadtteil Islington in der Landwirtschaftshalle seinen Hokuspokus trieb, beide Männer hat verschwinden lassen.

Ich bekam von den Freunden des Majors den Auftrag, die Sache mit dem Major zu klären und kam hinter das Ganze, als der Indienmann dem Obersten an den Hals gegangen war. Wollte den Indienmann eben hoppnehmen lassen, hat sich aber gerade noch rechtzeitig gedrückt. Er ist mit seiner Inderin vor drei Stunden abgefahren und schwimmt jetzt schon mit dem Kanalboot nach Antwerpen.

Walker, hier sind die Bilder von dem Yogi und seiner Partnerin, habe sie gegen einen guten Händedruck von dem Pförtner der Hall bekommen, hingen dort genug davon in den Schaukästen herum. Aber der Indienmann trägt jetzt europäische Kleider, nur die Maid geht indisch mit Sandalen, Kopftuch, großen Ohrringen und so einer Art Bettlaken. Als Gepäck hat er einen geflochtenen Japankoffer mit, und sie hat auch so einen kleinen und dazu noch perlengestickten Reisesack. Das habe ich eben auf dem Bahnhof festgestellt.

Alles verstanden, Walker, mein Sohn? Du fährst den beiden zum Festland nach und telegrafierst, wo sie landen. Schätze, daß sie nicht sehr weit fahren, sondern sich irgendwo verstecken werden, um nach England zurückzukommen, sobald bißchen Gras über die Geschichte gewachsen ist. Du bleibst da und läßt das Pärchen nicht aus den Augen.«

»Well, Chef, habe alles verstanden. Ich fahre, wenn Sie nichts dagegen haben, wieder als Jonathan M. Walker, Vertreter von Warner und Rebber, Sheffield, Stahlwaren. Habe einen wirklich feinen Musterkoffer von den Leuten bekommen.«

»Wüßte nicht, was ich dagegen haben sollte,« antwortet Hunt und zieht seine Brieftasche. »Hier hast du 25 Pfund Reisevorschuß. Hau ab und mach's gut, in einer Stunde fährt dein Zug von Charing Croß!«

Walker steckt erfreut das Geld ein, holt aus dem Nebenzimmer zwei fertiggepackte Koffer, Hut und einen Gummimantel. Er drückt Hunt und dem Iren kräftig die Hand und sagt: »Können sich auf Jonathan M. Walker verlassen, Chef. Auf Wiedersehen, Sir!«

»Und nun zu dir, Patrik,« sagt Hunt, als Walker, laut pfeifend, das Zimmer verlassen hat. »Du mußt einen großen grauen Lieferwagen ausmachen, my boy. Habe ihn heute abend zuletzt im Stadtteil Tyburnia gesehen. Hat eine Londoner Nummer, habe sie mir aufgeschrieben.« Hunt zieht sein Merkbuch, schlägt es auf und reicht es dem Iren über den Tisch.

O'Flanagan liest die Zahl und grinst. »Wette, Sie haben sich verguckt, Chef. Die letzte Zahl hinten ist nicht eine Fünf, sondern eine Drei!«

»Woher weißt du denn das, du überkluger Sohn der grünen Insel?«

»Oh, ganz einfach, Chef. Ihr grauer Lieferwagen ist nämlich ein gestohlenes Auto der Londoner Großwäscherei ›Edelweiß‹. Hatten gestern eine riesengroße Anzeige in der ›Times‹ deswegen und haben fünf Pfund für Auffindung ihres Wagens ausgesetzt. Meiner Mutter Sohn hatte sich ohnehin schon vorgenommen, den Mammon zu verdienen. Habe aber nichts dagegen, von zwei Seiten etwas zu verdienen.«

»Kannst du auch haben, Pat. Such' den Wagen und hole dir ruhig die fünf Pfund von der Wäscherei! Für mich mußt du dich dann aber noch ein bißchen mehr anstrengen. Erstens mußt du ausmachen, wohin dieser graue Wagen seine Ladung zu bringen pflegte, der Indienmann hat nämlich in dem gestohlenen Auto den Major und den Obersten verfrachtet, das halte ich für sicher. Hier hast du die Bilder von den beiden Offizieren, steck sie dir ein, wenn du vermutlich vorerst auch keinen davon zu sehen bekommen wirst!

So, und dann bemühe dich heftig, zwei Leutchen auszumachen, die mit diesem grauen Wagen, nachdem sie ihn gestohlen hatten, herumgegondelt sind. Der eine ist ein mittelgroßer Mann mit grobem, rotem Gesicht, er scheint ständig unter Alkohol zu stehen. Und der andere ist ein kleiner, breitschultriger Kerl mit lauter Pockennarben im Gesicht. Tut mir leid, daß ich dir die beiden Spitzbuben nicht genauer beschreiben kann, aber mehr weiß ich selbst nicht. Versuche herauszubekommen, wo das Versteck der beiden ist, denn da drin werden vermutlich auch der Major und der Oberst stecken. Hier hast du fünf Pfund für deine Auslagen. Wenn du etwas ausgemacht hast, melde es meinem Büro, es ist immer jemand anwesend, auch wenn ich nicht selbst zu Hause bin.«

*

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Hunt hat nur kurz den Arzt angerufen und ihm berichtet, daß er durch zwei Gehilfen auf den Inder und den grauen Lieferwagen fahnden läßt.

Nach dem Essen nimmt Hunt sich eine Taxe und fährt wieder nach Islington zur Landwirtschaftshalle. Dort erkundigt er sich, wo der Inder gewohnt habe. Der Geschäftsführer der Halle empfängt Hunt ziemlich ungnädig, er hat gestern abend allerhand Grobheiten zu hören bekommen, weil die Fakirvorstellung ohne Ankündigung plötzlich ausfallen mußte. Als Hunt seinen Ausweis zeigt, läßt er sich aber herbei, ihm die Anschrift des Inders mitzuteilen, und fragt neugierig, was denn los sei.

»Oh,« antwortet Hunt. »Weiß nicht genau, Sir. Vermute aber, daß der Schokoladenmann ausgekniffen ist, weil er kitzlig am Halse ist.«

Der Geschäftsführer pfeift durch die Zähne. »So ist das? Den Teufel auch! Dann will ich froh sein, daß ich den Braunen losgeworden bin, mir war der Kerl immer schon unheimlich.«

Die angegebene Wohnung liegt nicht weit von der Halle. Hunt klingelt, eine weißhaarige alte Frau öffnet. Hunt sagt, er habe zufällig gehört, daß die Wohnung des Inders freigeworden sei; er sei auch Künstler und wolle sie vielleicht mieten.

Die alte Frau sieht ihn prüfend an. »Sie sehen eigentlich gar nicht wie ein Seiltänzer oder so etwas aus, Sir. Ich vermiete schon ziemlich lange und kenne meine Leute.«

Hunt lacht. »Allerhand Achtung, gnädige Frau! Sie haben recht, ich habe geschwindelt, weil ich unbedingt mal meine Nase in die Wohnung stecken muß. Ich bin Detektiv und hinter dem Inder her. Bitte, hier ist mein Ausweis mit dem Stempel von Scotland Yard und dem von Pinkerton drüben aus den Staaten.«

Die Frau sieht sich den Ausweis genau an. »Gut, Mr. Hunt, dann will ich Sie einlassen. Ich ahnte es doch, daß etwas faul sei, als die beiden gestern abend so Hals über Kopf abreisten.«

Sie führt den Detektiv in den Teil ihrer Wohnung, den sie vermietet; es sind die drei Zimmer nach vorne heraus. »Sie müssen schon entschuldigen, Sir, daß noch nicht ausgeräumt ist, aber mir ist nicht ganz gut, und mein Mädchen ist in die Kirche gegangen.«

Hunt ist das sehr lieb. So hat er Hoffnung, noch etwas vorzufinden, was bei der Aufräumung der Zimmer beseitigt worden wäre.

In der Mitte liegt ein größeres Zimmer mit einem Balkon, das ist der »Saloon«, wie die Vermieterin erklärt. Rechts und links davon liegt je ein kleines Schlafzimmerchen.

In dem »Saloon« findet Hunt nichts. In dem Schlafzimmer zur rechten Hand hat der Inder geschlafen, aber nicht in dem Bett, sondern auf einer Decke auf dem Fußboden. Hunt untersucht das Zimmerchen genau, aber er findet nichts. Nur in dem Papierkorb liegt ein blutiger Leinwandstreifen. Hunt hebt das Stoffstück auf, es sieht wie eine blutige Binde von einem Verband aus.

»Bairab ließ mich gestern früh darum bitten,« erklärt die Vermieterin. »Er sagte, er habe sich den Abend davor in der Vorstellung verletzt.«

»So, sagte er das? Dann hat er Sie belogen. Der Yogi hat in der Freitagnacht den Oberst Morris in seiner Wohnung in Tyburnia niedergeschossen. Aber der Oberst hat auch noch schnell seine Pistole nehmen können und dem braunen Schuft eins aufgebrannt.«

»Das stand gestern in der Zeitung, Mr. Hunt, aber daß Bairab der Täter gewesen sei, das hat noch nicht dabeigestanden. Ich will es Ihnen aber gern glauben, denn der Inder kam erst Sonnabend in aller Frühe nach Hause, während er sonst immer gleich nach Schluß der Vorstellung kam und sofort schlafen ging.«

Im Zimmer der Inderin ist zuerst auch nichts zu finden, bis Hunt zuletzt das Bett untersucht. Da findet er eine kleine goldene Kapsel, kaum so groß wie ein Goldstück. Ein Ring ist daran, durch den ein starker, roter Baumwollfaden gezogen ist.

»Oh,« sagt die Vermieterin. »Das gehört der Inderin, sie trug es immer um den Hals. Ich weiß es, weil sie mich um den Faden bat, der alte war zerrissen. Sie fragte noch, ob er auch stark genug sein würde, es muß sehr wertvoll gewesen sein. Das tut mir leid für das Mädel, sie war so sanft und freundlich. Er war ein finsterer Kerl, der kaum ein Wort sagte und das arme Mädel immer anschnauzte, wenn er etwas von ihr wollte. Es mögen schöne Sachen gewesen sein, die er ihr sagte, ich verstand es zum Glück nicht, der Kerl sprach ja nur sein indisches Kauderwelsch.«

Hunt hatte während dieser langen Erklärung den Anhänger in seiner Tasche verschwinden lassen und verabschiedete sich mit bestem Dank von der freundlichen alten Frau.

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