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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 5
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectidf378cea7
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IV.

Walford hat bei seinem Freund übernachtet. Er tut das ganz gern, wenn es spät wird, denn bei Lively in seinem kleinen Haus ist es sehr gemütlich. Der Anwalt betrachtet mit Wohlgefallen den hübsch gedeckten Frühstückstisch und sagt: »Du müßtest heiraten, John, bei dir ist es immer so gemütlich, du eignest dich hervorragend zum treusorgenden Familienvater.«

Lively lächelt. »Die Gemütlichkeit verdanke ich nur meiner guten Nelly, ich habe doch den Tisch nicht gedeckt.«

Nelly ist ein niedliches junges Mädel von gerade zwanzig Jahren, das bei dem Arzt Dienstmädchen, Haushälterin und manchmal sogar Sprechstundenhilfe in einer Gestalt ist. Sie macht immer ein freundliches Gesicht und sieht frisch und sauber aus, auch wenn sie aus dem Kohlenkeller kommt.

»Und trotzdem liegt es auch an dir,« widerspricht der Anwalt. »Ich habe es auch versucht, solche Perlen, wie deine Nelly eine ist, an mich zu ketten, aber bei mir halten es anscheinend nur alte Hexen aus. Weiß der Teufel, woran das liegt, ich bin doch kein Unmensch und auch nicht knauserig. Demzufolge sieht es bei mir immer so aus, daß ich froh bin, wenn ich meiner Bude den Rücken kehren kann; deshalb beehre ich dich ja auch so oft, mein lieber John.«

»Dann heirate du doch, teurer Bob,« empfiehlt der Arzt schmunzelnd.

»Ich? Wieso? Habe keine Veranlassung dazu, wo ich bei dir meine Zuflucht finde. Aber dir rate ich zu deinem eigenen Besten, möglichst bald zu heiraten. Der Fall liegt doch klar: Eines schönen Tages wird deine Perle heiraten, und dann bist du glatt aufgeschmissen. Ich bin an meine Räuberhöhle gewöhnt, aber du würdest unglücklich sein, wenn du kein gemütliches Heim mehr hättest.«

»Du hast eine wunderbare Überredungsgabe, Bob.«

»Klar, dafür werde ich ja bezahlt, das heißt, meinen Freunden steht mein kostbarer Rat natürlich kostenlos zur Verfügung. Im übrigen liegt der Fall wirklich ernst: Nette Mädels pflegen immer zu heiraten, und zwar gewöhnlich im ungeeignetsten Augenblick. Wollen wir wetten, John?«

»Worauf? Daß Nelly einmal heiratet? Gern, das glaube ich nämlich auch sicher.«

Walford schüttelte betrübt den Kopf. »Menschenskind, wir können doch nicht beide auf dasselbe wetten. Bei einer Wette muß doch einer hereinfallen können, wie ich neulich mit diesem ekelhaften Yogi. Also schlage ich folgendes vor: Ich wette zehn Pfund, daß du bald heiratest.«

Dr. Lively lacht. »Gemacht! Der Zeitpunkt ist zwar etwas unbestimmt, aber du gibst ja doch keine Ruhe, wenn man nicht auf deine ewige Wetterei eingeht. Hast du vielleicht schon eine Frau für mich auf Lager, lieber Bob? Nein? Dann bereite dich nur darauf vor, daß du wieder mal reinfällst! Tut mir leid, aber du willst es ja nicht anders.«

Die Türglocke schrillt. Nellys Stimme ist zu hören und ein rauher Baß. Es wird ziemlich lebhaft, anscheinend verteidigt Nelly die Frühstückspause ihres Herrn und will den Besucher nicht einlassen; es ist ja noch keine Sprechstunde.

Aber die Baßstimme siegt. Es klopft hart an der Tür, die sich auch sofort öffnet. Ein älterer Mann von militärischem Aussehen tritt ein und stammelt: »Herr Doktor, ach Herr Doktor! Mein Herr, mein guter Herr ...«

»O'Grady?« fragt Lively verwundert. »Was ist denn los? Sie sind ja ganz verstört.«

O'Grady würgt ein paarmal, bis er sprechen kann. »Er hat sich erschossen!«

»Wer? Oberst Morris? Mann, reden Sie doch!«

»Ja, mein guter Oberst – eben – wie ich nach Hause kam. Kommen Sie schnell, Herr Doktor!«

Oberst Morris wohnt gleich um die Ecke in einer Nebenstraße in einem Zweifamilienhaus, von dem er den ersten Stock innehat. Er ist in der Luftfahrtabteilung des Kriegsamtes beschäftigt, Dr. Lively kennt ihn, sie haben sich oft auf der Straße getroffen.

Die drei Männer stürmen die Treppe hinauf, O'Grady öffnet ihnen wortlos ein großes Zimmer und bleibt an der Tür stehen.

Das sehr große Zimmer ist so eine Art Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Bücherei in einem, jedenfalls sind alle hierzu gehörenden Möbel vertreten. Den Boden fast des ganzen Raumes bedeckt ein riesiger Perserteppich, und auf dem Teppich hinter dem Schreibtisch liegt der Oberst mit dem Gesicht nach oben. In Armlänge davon befindet sich eine Heerespistole.

Lively kniet neben dem Obersten nieder und untersucht eine blutige Wunde, die sich an der rechten Schläfe in dem Haaransatz hinzieht. Lively schüttelt den Kopf, knöpft den Hausrock des Toten auf und horcht lange und aufmerksam an seinem Herzen. »Es muß Herzschlag sein,« sagt er und richtet sich wieder auf.

»Herzschlag?« fragt Walford verblüfft. »Ich denke, er hat sich erschossen?!«

Lively schüttelt den Kopf. »Die Schläfenwunde ist ein Streifschuß, der Knochen ist nur geschrammt. Tot ist Morris aber offenbar.«

»Na, zum Donnerwetter, ein alter Haudegen wie der Oberst wird doch weder so ein Schlumpschütze sein, daß er nicht mal seinen eigenen Schädel trifft, noch so ein Waschlappen, daß er vor Schreck einen Herzschlag bekommt. Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht,« gibt Lively zu. »Tot ist er aber.«

Walford beugt sich über den Obersten und sieht sich die blutverklebte Kopfwunde an. »Du, höre mal, John! Wenn sich jemand die Pistole an den Kopf hält, dann müssen Verbrennungen zu sehen sein. Hier ist aber nichts!«

Lively beugt sich über den Toten. »Richtig, ich habe zuerst nicht darauf geachtet. Sehr merkwürdig.«

Walford steckt die Hände in die Hosentaschen und betrachtet gedankenvoll den toten Morris. O'Grady ist auch hinzugetreten und sieht angstvoll von einem zum anderen. »Haben Sie Fernsprechanschluß?« fragt Walford den Diener.

O'Grady hebt eine hölzerne Buddhafigur auf dem Schreibtisch hoch, darunter steht der Fernsprecher verborgen.

»Allright,« sagt Walford, dankend. »Wollen mal gleich Scotland Yard anrufen.«

»Sie wollen die Polizei verständigen, Sir?« fragt O'Grady erschreckt. »Ach, mein armer Herr, dann kommt es doch in die Zeitungen!«

Walford zuckt die Achseln. »Hilft nichts, denn hier stimmt etwas nicht.« Walford ruft an und erstattet Meldung. »Wie war denn das überhaupt?« wendet er sich wieder an den Diener.

»Ich war gestern bei meiner Schwester in Addirgton, Sir. Heute früh gegen halb zehn kam ich zurück, und da – da lag mein Herr tot in seinem Zimmer!«

*

O'Grady sitzt regungslos bei seinem toten Herrn. Er erhebt sich schwerfällig, als harte Tritte über die Treppe kommen und es dann ungestüm schellt.

Es ist der Kommissar mit den Beamten der Mordkommission. Es hat über zwei Stunden gedauert, bis sie kamen, der Polizeifotograf war nicht zu Hause gewesen und mußte erst gesucht werden. O'Grady hat bei seiner Totenwache nicht auf die Uhr geachtet, für ihn steht die Zeit still.

Der Kommissar stellt nur ein paar kurze Fragen an den Diener, dann gehen die Beamten in das Zimmer zu dem Toten. Sie erfüllen den Raum mit einer geschäftlichen Tätigkeit, die dem treuen Diener fast roh erscheint. O'Grady ist der Bursche des Obersten in Indien und nachher im Weltkrieg gewesen, dann ist er bei ihm geblieben als sein Diener. Sie haben Freud und Leid in all den Jahren getreulich geteilt und viele Gefahren als Soldat zusammen bestanden; O'Grady liebt seinen Herrn über alles.

Der Kommissar ist durch sein Geschäft abgestumpft, er raucht ruhig seine Zigarre weiter, geht mit schnellen Schritten in dem Zimmer des Obersten umher und läßt seine Augen über die Wände, die Möbel, über jede Kleinigkeit gleiten; er versteht die Sache.

Ein Inspektor legt seinen Zollstock neben den Toten und zeigt dem Fotografen, wie er von zwei Seiten aufnehmen soll; die Pistole ist beide Male mit im Bilde. Der Fotograf schiebt sein Gerät zusammen und geht.

Ein Beamter nimmt sofort die Pistole auf und untersucht sie. »Heerespistole neuester Bauart,« meldet er dem Kommissar. »Ein Schuß ist ganz frisch raus, die Pistole hat richtig nachgeladen, der Ladestreifen ist bis auf den abgegebenen Schuß voll.« Der Kommissar nickt. Der Beamte packt die Pistole in eine Zeitung und steckt das Paket in die Tasche.

»Hier ist die abgeschossene Hülse!« ruft der Inspektor und zieht sie unter einem Sessel vor. Er prüft die Entfernung und Lage: es kann stimmen, dahin müßte die ausgeworfene Hülse etwa gefallen sein.

Sobald der Fotograf fertig war, hat der Polizeiarzt sich an die Untersuchung des Toten gemacht. Er untersucht lange und schüttelt immer wieder den Kopf. Er bittet einen Beamten, ihm zu helfen, den Toten auf das Bett im Schlafzimmer nebenan zu tragen. Dort wird der Tote entkleidet, aber es findet sich außer der Kopfwunde keine Verletzung.

»Nun?« fragt der Kommissar, der dazugetreten ist.

»Dr. Lively scheint recht zu haben,« brummt der Arzt. »Keine tödliche Verletzung, und doch ist der Mann tot. Es muß wirklich Herzschlag sein.«

»Herzschlag!« sagt der Kommissar verächtlich.

»Das ist doch keine Erklärung! Und wenn es wirklich ein Herzschlag sein sollte, weshalb hat er denn einen bekommen? Immer, wenn ihr Ärzte euch nicht auskennt, heißt es Herzschlag.«

»Die Leiche muß eben geöffnet und genau untersucht werden,« antwortete der Arzt ärgerlich. »Ich kann hier nur Tod ohne äußere Ursache feststellen.«

Im Wohnzimmer haben die Kriminalbeamten inzwischen weitergesucht.

Rechts neben der Verbindungstür des Wohnzimmers zum Vorzimmer hängt ein großes Ölbild, das eine auffallend hübsche junge Frau im Reitanzug darstellt. Das Bild hängt eigentlich nicht, es steht vielmehr auf der Erde. Wahrscheinlich ist es wegen der Übereinstimmung mit der Tür so angebracht, denn das Bild hat Lebensgröße und ist ebenso hoch wie die Türöffnung. Links oben nach der Tür zu ist der Rahmen des Bildes etwas beschädigt, unten liegen einige vergoldete Stucksplitter auf dem Boden.

»Hier ist der Einschuß,« sagt der Inspektor und fängt vorsichtig mit seinem Taschenmesser an nachzubohren. Er findet etwa fingertief in der Wand das Geschoß, es hat sich auf den Ziegelsteinen plattgedrückt.

»Stimmt,« sagt der Kommissar, der das Geschoß aufmerksam betrachtet. »Die Kugel stammt aus der Heerespistole. – So, und jetzt sehen Sie bitte drüben hinter dem Schreibtisch an dem Büchergestell nach, da sitzt nämlich auch ein Einschuß.«

Der Inspektor tritt an das Gestell. »Wahrhaftig, da ist noch ein Einschuß, den hatte ich noch nicht bemerkt.«

»Aber ich sofort,« antwortet der Kommissar gleichmütig. »Man lernt das mit der Zeit. Wollen mal nachgraben.«

Die Arbeit ist in dem Holz schwieriger, es müssen Werkzeuge zu Hilfe genommen werden, mit dem Taschenmesser geht es hier nicht. Endlich kommt die Kugel zum Vorschein, es ist aber kein Mantelgeschoß, sondern eine Weichbleikugel, die aus einem Trommelrevolver stammt. »Dachte ich mir doch,« nickt der Kommissar befriedigt. »Es sind zwei Leutchen gewesen, die hier geschossen haben. Also Mord!«

»Aber der Oberst war doch nicht erschossen!« sagt der Inspektor verwundert.

Der Kommissar zuckt die Achseln. »Müssen die Leichenöffnung abwarten, was eigentlich los ist. Mord ist es aber sicher, soviel steht für mich jetzt schon fest.«

»Der Diener?« fragt der Inspektor leise, denn O'Grady sitzt im Vorzimmer, in das er sich zurückgezogen hat, weil er die Untersuchung nicht mit ansehen konnte.

Der Kommissar zuckt wieder die Achseln. »Möglich, werden ja sehen, ich will ihn gleich mal vernehmen.«

Die Untersuchung des Vorzimmers ist vorläufig beendet, die Beamten verlassen das Zimmer und siegeln die beiden Türen ab.

*

»Es war gestern abend kurz vor 22 Uhr,« so sagt O'Grady aus. »Da kam der Kellner aus der Wirtschaft hier, zwei Straßen weiter an der Omnibushaltestelle, zu mir und sagte, es habe jemand aus Addirgton angerufen, meine Schwester sei schwer erkrankt, ich solle sofort zu ihr kommen.

Ich fragte meinen Herrn, der gerade aus dem Klub nach Hause gekommen war, ob ich gleich fahren dürfe. Meine Schwester ist nämlich die einzige von unserer Familie, die noch lebt, wir hängen sehr aneinander. Mein Herr erlaubte es, in seiner gütigen Art fragte er noch, ob ich Geld für die Fahrt brauche. Ich dankte ihm, aber Geld brauchte ich nicht, ich habe mir in den langen Jahren bei ihm genug zurückgelegt, für meine Verhältnisse sogar ein ganz hübsches Stück Geld.

Ich nehme Hut und Mantel und laufe in die Kneipe. Ich frage den Kellner, wer denn eigentlich angerufen habe, aber das wußte er nicht. Es sei eine Frauenstimme gewesen, die etwas merkwürdig geklungen habe, sagte er, aber ihren Namen habe die Frau nicht genannt. Der Kellner meinte auch, das mit der Stimme könne an dem Fernsprecher liegen, der sei nicht ganz in Ordnung.

Ich sehe nun in den Fahrplänen nach, wie ich am schnellsten nach Croydon komme, Addirgton liegt ja dicht dabei. Zufällig sitzt der Führer von einem Lastwagen da, er heißt Sims, ich kenne ihn schon, weil er öfter da haltmacht, Sims sagt, er fahre nach West-Wickham, ich könne mitfahren; von West-Wickham seien es kaum noch zwei Meilen bis Addirgton.

So bin ich ganz schnell und kostenlos nach West-Wickham gekommen, bedanke mich bestens bei Sims und laufe zu Fuß weiter nach Addirgton, weil mir doch so Angst war um meine Schwester. Sie ist übrigens mit einem Gärtner verheiratet, er heißt Miller und ist ein sehr ordentlicher Mann.

Wie ich zu dem Häuschen von meiner Schwester komme, ist alles dunkel, da wundere ich mich. Ich klopfe und rufe, endlich kommt Miller im Nachthemd, ist ganz erstaunt, mich zu sehen, und läßt mich ein. Und nun kommt das Tollste! Meiner Schwester hat überhaupt nichts gefehlt! Sie hat im Bett gelegen und hat mich ausgelacht und gemeint, da habe mir einer aber einen mächtigen Schabernack gespielt. Die beiden haben mich dann so aufgezogen, daß ich schließlich ganz wütend wurde und mitten in der Nacht wieder weggegangen bin.

Ich bin zu Fuß nach Croydon gegangen und mit der Bahn zurückgefahren. Schnell bin ich nicht gegangen, ich war etwas müde und ließ mir Zeit. Hätte ich geahnt, was los war, dann wäre ich gelaufen, hätte zwei Stunden früher einen Zug bekommen und das Unglück vielleicht noch verhüten können. Aber ich ahnte ja leider Gottes nichts.

So bin ich denn erst gegen halb zehn wieder heimgekommen, und da hat mein armer Herr tot dagelegen. Ich bin sofort zu Dr. Lively gelaufen und habe ihn hergeholt. Der andere Herr, den ich nicht kenne, hat dann die Polizei angerufen.

Das ist alles, was ich weiß.«

Der Kommissar sieht vor sich hin. Wenn das stimmt, was O'Grady ausgesagt hat, dann haben die Mörder den Diener fortgelockt. Nun, es läßt sich ja sehr leicht nachprüfen, der Diener hat genug Zeitpunkte und Namen genannt. »Ist Ihnen in der Wohnung nichts aufgefallen, als Sie heimkamen?«

O'Grady schüttelte den Kopf. »Ich ging gleich ins Wohnzimmer, weil ich von der Straße aus gesehen hatte, daß die Stehlampe brannte. Ich dachte, mein Herr habe vergessen, sie auszudrehen. Da sah ich meinen Herrn daliegen, auf etwas anderes habe ich, weiß Gott, nicht geachtet.«

»War die Eingangstür abgeschlossen, als Sie kamen, oder stand sie auf?«

»Nein, Sir, die Tür war abgeschlossen, zweimal 'rum, wie ich es beim Weggehen getan hatte.«

»Was halten Sie von der Geschichte?« fragt der Inspektor den Kommissar, als die Beamten die Wohnung verlassen.

»Die Sache ist sehr merkwürdig. Ich halte O'Grady für grundehrlich, er scheint auch immer noch der Meinung zu sein, daß Morris Selbstmord begangen hat. Jedenfalls haben die Mörder den Diener durch das Ferngespräch aus der Wohnung weglocken wollen. Als ihnen das gelungen war, sind sie eingedrungen. Wahrscheinlich hat der Oberst dann ein verdächtiges Geräusch gehört, und es ist zu der Schießerei gekommen. Pech, daß die Bewohner des Unterstocks gerade verreist sind, sonst könnten die uns vielleicht etwas erzählen.

Höchst unklar ist aber, wie der Oberst tot sein kann, ohne daß er eine tödliche Verwundung hat. Es sieht doch so aus, als ob der Halunke, der bei ihm eingebrochen war, ihm den Streifschuß beigebracht hat.«

»Vielleicht bringt die Leichenöffnung Licht in die Sache,« sagt der Inspektor. »Dabei kommen oft die merkwürdigsten Dinge heraus. Es könnte hier vielleicht auch so sein, eine Vergiftung zum Beispiel, die durch vorgetäuschten Selbstmord verdeckt werden sollte oder so etwas.«

»Aber ich bitte Sie, Inspektor! Wir haben doch die beiden Einschüsse gefunden, und beide waren ganz frisch. Nein, geschossen worden ist sicher, und zwar sowohl von dem Obersten wie von einem anderen, der sicher nur der Einbrecher gewesen sein kann. Das heißt, es können natürlich auch mehr als ein Einbrecher gewesen sein, es ist nur unbegreiflich, daß wir nirgends Spuren von ihnen feststellen konnten.«

»Und was halten Sie für den Beweggrund des Mordes? Haben Sie schon darüber nachgedacht, Sir?«

Der Kommissar sieht den Inspektor mit einem leichten Lächeln von der Seite an. »Natürlich! Sie auch?«

Die Beamten steigen in die beiden Kraftwagen der Mordkommission, die vor dem Hause des Obersten gewartet haben; der Fotograf ist mit dem Omnibus vorgefahren. Die Nachricht von dem Ereignis muß sich schon herumgesprochen haben, denn es steht eine Menge Neugieriger herum.

»Also, was vermuten Sie?« fragt der Kommissar, als ihr Wagen sich in Bewegung gesetzt hat.

»Morris war in der Luftfahrtabteilung des Kriegsamtes beschäftigt,« antwortet der Inspektor leise. »Wahrscheinlich hatte er Akten mit nach Hause genommen, Pläne, Zeichnungen vielleicht von wichtigen Neuerungen. Ich tippe auf eine Spionagesache, Sir!«

»Dasselbe habe ich auch schon vermutet, wir wollen nachher gleich das Kriegsamt verständigen. Daß wir keine Einbruchsspuren am Schreibtisch oder sonstwo gefunden haben, spricht nicht dagegen, die Kerls waren eben keine gewöhnlichen Einbrecher, die mit der Brechstange an alles 'rangehen. Das Geheimnisvolle der ganzen Sache deutet nach meinem Empfinden schon auf einen ungewöhnlichen Fall hin.«

*

Abends erscheint Walford in Gesellschaft Hunts bei Lively. »Entschuldige, John, daß wir dir schon wieder auf die Bude rücken! Mr. Hunt kann übrigens nichts dafür, ich habe ihn bei Temple Bar aufgegabelt und einfach mitgeschleppt.«

Aber Lively freut sich. »Es ist mir sogar sehr angenehm. In den Klub zu gehen, bin ich nicht in der Stimmung, dafür lasten die Ereignisse zu sehr auf mir. Ich bin auch ganz verwaist, denn Nelly ist mit James ins Kino gegangen.«

»Oh, schade,« sagt der Anwalt. »Ich habe ihr etwas mitgebracht.«

»Nanu? Wie kommst du denn dazu?«

»Ehrlich gestanden, eigentlich nur durch einen Zufall. Ich sah in einem Geschäft seidene Damenstrümpfe, die mir so ausnehmend gefielen, daß ich vier Paar kaufte. Ich wollte sie meinem Hausgeist verehren, aber wie ich nach Hause komme, finde ich meine wundervolle japanische Blumenvase, für die ich drei Pfund bezahlt habe, im Mülleimer liegen. Der alte Drachen hat sie zerteppert und meuchlings verschwinden lassen. Schenk' die Strümpfe bitte deiner Perle, sie verdient sie mehr als meine Schlampe!«

Lively verspricht das und holt Rauchzeug und die Brandyflasche; den Tee hat ihm Nelly schon vorsorglich unter die Wärmemütze gestellt. »Lassen Sie Ihre Brandyflasche stehen,« sagt Hunt lächelnd. »Ich habe zufällig eine mitgebracht. Ich will aber auch ehrlich sein, hatte sie eigentlich für mich gekauft, möchte mich aber nicht gern lumpen lassen, kann mir im nächsten Laden eine andere holen.«

Lively sträubt sich, aber es hilft ihm nichts, Hunt entkorkt seine Flasche und macht sich daran, zwei Brandys mit Zucker zu mischen. »Sonst noch etwas Neues, Sirs? Ich habe leider inzwischen nichts ausmachen können.«

»Ja, hier ganz in meiner Nähe ist ein gewisser Morris heute früh ermordet worden, aber das berührt uns ja weiter nicht,« antwortet Lively. »Mir geht es allerdings nahe, ich kannte den alten Herrn flüchtig.«

Hunt rührt angestrengt in seinem Glas, obwohl der Zucker längst gelöst ist, seine Augen schließen sich dabei, als ob er einschlafen wolle. »Morris?« fragt er endlich und sieht starr in sein Glas. »War das ein Offizier?«

»Ja, er war Oberst im Kriegsamt.«

»Damn't!« flucht Hunt. »Ist er in Indien gewesen?«

Lively sieht den Detektiv verwundert an. »Ich glaube wohl. Warten Sie mal, ja, richtig, er sprach einmal davon, als wir uns am Briefkasten trafen und zusammen um das Häuserviereck bummelten. Stimmt, er war vor dem Krieg lange in Indien. – Kennen Sie denn Morris, Mr. Hunt?«

»Habe den Mann nie gesehen, glaube ihn aber doch zu kennen. Sagen Sie, Mr. Lively, wissen Sie, ob der Major Neston diesen Morris gekannt hat?«

Lively denkt nach. »Möglich, Fred war ja auch in Indien.«

»Das weiß ich,« antwortet Hunt etwas ungeduldig. »Bitte, Sirs, wissen Sie etwas davon, ob Neston mit Morris in Indien zusammengekommen ist? Denken Sie nach, Sirs, es ist wichtig!«

Lively schüttelt den Kopf, aber Walford erinnert sich. »Doch, die beiden müssen sich schon in Indien gekannt haben. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit du mal auf Morris zu sprechen kamst, John, aber ich erinnere mich noch genau, daß Fred sagte, Indien sei das Unglück von Morris geworden. Wir fragten ihn, was mit Morris wäre, aber Fred winkte ab und machte nur so eine allgemeine Bemerkung wie ›wir Indienleute haben alle unsere Erinnerungen, aber sie sind meist nicht erfreulicher Art‹. Er sagte nur noch, daß sie beide einmal in Indien bei derselben Truppe gestanden hätten. Aber weshalb fragen Sie eigentlich danach, Mr. Hunt? Sie sagten doch eben schon, daß Sie Morris weiter nicht kennen.«

»Ich kenne ihn aus dem Tagebuch des Majors. Ziemlich am Anfang beschreibt der Major seinen ersten Standort in Indien, der da oben in einem Nest nach der afghanischen Grenze zu lag. Neston war damals Leutnant und Morris Oberleutnant und sein Vorgesetzter. Sie hatten dort beide einen Zusammenstoß mit den Hindus bei einem Opferfest, Neston beschreibt das ziemlich ausführlich.«

»Hm, und jetzt verschwindet erst Neston und dann Morris? Sehr merkwürdig. Beschreiben Sie doch mal bitte, Sirs, wie war das heute früh bei dem Obersten?«

Walford schildert es dem Detektiv, Lively ergänzt die Schilderung noch vom ärztlichen Standpunkt, daß die Todesursache des Obersten unerklärlich gewesen sei.

»Hm,« macht Hunt wieder. »Allerdings sehr merkwürdig. Wissen Sie vielleicht, Mr. Walford, was die Leute von Scotland Yard von der Sache halten? Sie kennen die meisten doch wohl vom Kriminalgericht her.«

»Ganz recht. Ich war übrigens selbst neugierig und rief den Kommissar an. Er wollte aber nicht recht mit der Sprache heraus und deutete nur dunkel an, es handele sich wahrscheinlich um eine Spionageangelegenheit. Morris war nämlich in der Luftfahrtabteilung des Kriegsamts beschäftigt, Mr. Hunt. Es wäre also schon denkbar, daß so etwas dahintersteckt.«

Hunt nickt und macht sein schläfriges Gesicht, die Freunde kennen ihn schon so weit, daß sie wissen, der Detektiv geht dann seinen Gedanken nach, und stören ihn nicht.

Lively klebt einen Brief zu, der auf dem Schreibtisch liegt, und sagt zu Walford: »Ich gehe nur eben schnell zum Briefkasten, damit der Brief noch heute abend fortkommt.«

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