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Gutenberg > E. W. A. Reinhart >

Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 4
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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III.

Walford muß in dem vornehmen Haus in Westend vier Treppen hoch steigen, bis er endlich vor der Tür des Detektivs angelangt ist. »James J. Hunt« steht da auf einer Karte, die unter einen Einschieberahmen gesteckt ist. Walford klingelt.

Ein Herr in einer Strickweste öffnet.

Walford nennt seinen Namen.

»Ah, sind Sie der Anwalt Walford?« fragt der Mann in der Strickweste.

»Ja,« antwortet Walford, etwas erstaunt.

»Sie kommen wegen Ihres Freundes, des Majors?«

»Woher wissen Sie das?« fragt Walford verblüfft.

Hunt lacht. »Kunststück, ich habe Ihre Anzeige gelesen! Langweilige Geschichte, jeden Tag das ganze Hühnerfutter durchzuwühlen, aber es gehört nun mal zu meinem Beruf. Aber bitte, Sir, treten Sie doch näher!«

Walford folgt der Einladung, der Detektiv führt ihn in ein sehr gemütliches Wohnzimmer und schiebt ihm einen Sessel zu. »Da Sie den Fall kennen, kann ich ja gleich fragen, ob Sie ihn übernehmen möchten, Mr. Hunt?«

»Ich denke, Scotland Yard ist schon hinterher?«

»Ja, die Polizei hat einen Mann gefaßt, der anscheinend der Mörder des Majors ist. Aber der Kerl leugnet natürlich, und die Leiche des Majors ist auch nicht zu finden.«

»Mörder pflegen immer zu leugnen,« sagt Hunt trocken.

»Gewiß, ja, aber man kann sie überführen,« antwortet Walford erregt. Er zieht seine Zigarrentasche vor und hält sie dem Detektiv hin. Hunt entschuldigt sich, als er die pechschwarzen Dinger sieht, und stopft sich eine Pfeife. »Neston war mein bester Freund, deshalb will ich alles tun, damit sein Mörder an den Galgen kommt.« Walford berichtet, was er vom Oberleutnant Kelly gehört hat, die merkwürdige Sache auf der Polizei mit dem angeblichen Kleidertausch und die Angaben der Verkäuferin. Er wiederholt seine Frage, ob Hunt den Fall übernehmen möchte.

»Yes Sir, will Ihren Fall schon gern übernehmen.«

»Und wann könnten Sie anfangen?«

»Gleich morgen. Ich habe noch etwas zu erledigen, damit werde ich aber wohl heute fertigwerden. Geben Sie mir doch bitte die Anschrift von Fräulein Croker, die den Major im Westend-Park gesehen haben will. Ich möchte mit ihr reden.«

Walford schreibt dem Detektiv die Wohnung auf.

»Wäre es Ihnen recht, Sir, wenn ich Sie heute abend so gegen 22 Uhr aufsuchte?« fragt Hunt. »Wir müssen den Fall genau durchsprechen und uns auch über den geschäftlichen Teil einigen.«

Walford denkt nach. »Ja, kommen Sie dann aber bitte zu meinem Freund Dr. Lively, da wollte ich abends noch hin!« Walford schreibt dem Detektiv auch die Wohnung des Arztes auf.

»Well. Werde also dahin kommen und mich bemühen, pünktlich zu sein.«

Abends stellt sich Hunt in dem Haus des Arztes ein. Er ist nicht nur pünktlich, sondern sogar etwas vor der Zeit da. Dr. Lively führt den Detektiv in das Arbeitszimmer, wo Walford schon sitzt und sich seinen ersten Brandy mit Zucker mischt.

Dr. Lively ist etwas enttäuscht von der Erscheinung des berühmten Detektivs. Er hat sich eine große Gestalt, so etwa wie einen Boxer, vorgestellt, dazu ein kühnes Gesicht mit einem Adlerblick. Hunt aber ist genau das Gegenteil. Ziemlich klein, wenn auch anscheinend kräftig; sein Gesicht ist – echt amerikanisch – ledern, die grauen Augen sehen etwas verschleiert aus. Die Bewegungen sind ruhig, schon mehr langsam, die Stimme ist auch sehr ruhig und hat etwas Sanftes. Alles in allem macht der Detektiv so etwa den Eindruck eines kleinen Angestellten, wozu auch seine unauffällige Kleidung paßt, die anscheinend von der Stange gekauft ist. Lively empfindet im stillen den Gesamteindruck als angenehm, aber unbedeutend. Über das Alter Hunts wird er sich nicht klar: er könnte ebensogut ein Fünfziger sein, der sich sehr gut gehalten hat, wie auch ein Mann Ende dreißig, der zu flott gelebt hat.

Dr. Lively irrt so ungefähr in allen Punkten. Zunächst einmal ist Hunt 54 Jahre alt, aber sein Körper ist gestählt wie bei einem Sportsmann. Im übrigen geht seine Tüchtigkeit wohl am besten aus dem Ausspruch eines amerikanischen Gangsterkönigs hervor, der bei seiner Verhaftung wütend sagte: »Wenn den verdammten ›Hund‹ doch endlich der Teufel holte, aber ich glaube, er ist der Teufel selbst.«

»Well, meine Herren,« sagt Hunt und streckt sich behaglich in seinem Sessel aus. »Ich bin also bereit, Ihren Fall zu übernehmen, und kann sofort anfangen, weil ich gerade frei bin. Möchte aber erst gern den geschäftlichen Teil regeln, wenn es Ihnen recht ist.«

»Natürlich,« antwortet Walford bereitwillig. »Es ist immer besser, wenn man genau im klaren ist.«

»Schätze dasselbe, Sirs. Ich berechne für kleine Aufträge am Ort, die weiter keine Spesen machen, fünf Pfund den Tag. Bei großen Sachen ermäßigt sich der Tagessatz. Auswärts kommen natürlich noch die Spesen dazu und auch sonst, wenn eben besondere Auslagen nötig werden. Das klingt vielleicht ein bißchen hoch, Sirs, ist es aber nicht, das Pfund ist ja auch stark gefallen.«

Die Freunde sehen sich an, die Forderung ist eigentlich bescheidener, als sie erwartet haben. »Einverstanden!« sagt Walford deshalb.

»Dann könnten wir also anfangen,« sagt Hunt. »Sagen Sie bitte, haben Sie in Ihrem Bekanntenkreis einen auffallend dunkelhäutigen, mittelgroßen Herrn, der nicht besonders vornehm gekleidet geht?«

Die Freunde schütteln die Köpfe. Lively, dem der Detektiv zu gefallen anfängt, fragt: »Nicht, daß wir wüßten, Mr. Hunt. Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich war zu Miß Croker gegangen, die heute früh Mr. Walford erzählte, sie hätte den Major im Westend-Park gesehen; sie ist übrigens Näherin und war zu Hause. Ich ließ mir alles noch einmal erzählen, und da sagte sie, daß dieser dunkle Herr auf demselben Weg gekommen sei wie der Major. Ob er hinter dem Major her war, konnte sie nicht sagen, weil sie ihn leider nur flüchtig angesehen hat und dann wegging. – Sie wissen wohl auch nicht, ob Major Neston etwa einen solchen Bekannten hatte?«

Den Freunden ist nichts davon bekannt.

»Nun, es kann natürlich Zufall gewesen sein,« meint Hunt ruhig. »Jedenfalls dürfen wir wohl sicher sein, daß der Major wirklich am Sonntagnachmittag im Westend-Park war, die Zeit würde nach der Angabe Kellys, wann der Major die Kaserne verlassen haben soll, auch stimmen. Allerdings hätte der Major, wenn er nur flott gegangen wäre, gut eine halbe Stunde früher in den Park kommen können, höchstwahrscheinlich ist er aber sogar gefahren. Hier dürfte also schon eine Unklarheit vorliegen.«

Hunt macht eine Pause und nimmt dankend eine von Livelys Zigaretten. Auf eine Frage des Arztes, was er trinken möchte, antwortet Hunt lächelnd: »Oh, ich würde einen Brandy mit Zucker gewiß nicht ablehnen.«

Walford freut sich, daß er einen Verehrer seines Lieblingsgetränks gefunden hat, und mischt dem Detektiv ein Glas.

*

Hunt nimmt einen Schluck von seinem Brandy. »Merkwürdig,« sagt er. »An die englische Witterung habe ich mich leichter gewöhnt als ich dachte. Aber die ewige Teetrinkerei mache ich nicht mit. – Also, Sirs, wenn ich bitten dürfte, dann erzählen Sie mir jetzt einmal alles, was Sie von dem verschwundenen Major wissen! Ich meine: Wie war sein Leben, was hatte er für Bekannte, gibt es vielleicht irgendeinen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit?«

»Ausgeschlossen!« antworten beide fast zugleich, und Walford fährt fort: »Wir kennen Neston fast seit dem Krieg. Verwandte hatte er nicht, und außer uns auch keine Freunde. Ich glaube nicht einmal, daß er Bekannte hatte, wenigstens niemand, mit dem er in näherem Verkehr stand. Wir können das ziemlich sicher behaupten, denn Fred verbrachte sozusagen jede freie Minute mit uns im St.-James-Klub. Er war auch noch Mitglied in dem Army-and-Navy-Klub, aber er ging selten hin, weil ihm die dauernde Fachsimpelei der Offiziere auf die Nerven fiel.«

»Hm. Auch keine Liebschaft oder sonst eine Leidenschaft, Spielen oder so etwas? Sie müssen mir offen alles sagen, Sirs, der Erfolg meiner Arbeit kann davon abhängen.«

Walford verneinte. »Fred lebte sehr zurückgezogen und las in seiner Freizeit meist zu Hause wissenschaftliche Bücher. Er hatte sicher nichts vor uns zu verheimlichen.«

»Es wäre noch kein Verheimlichen, wenn man seinen Freunden nicht alle Privatangelegenheiten erzählt, besonders, wenn diese heikler Art sind.«

»Nein,« antwortet Walford. »Freds Gesinnung hätte es nicht zugelassen, etwas zu verheimlichen, er hätte auch nie etwas getan, was nicht anständig war.«

Hunt wiegt den Kopf. »Wir wissen von dem gewiß einwandfreien Zeugen Kelly, daß der Major vorgab, in seine Wohnung gehen zu wollen. Das hat Neston aber nicht getan, sondern er ist in den Westend-Park gegangen. Das Wetter war am Sonntagnachmittag alles andere als einladend zu einem Spaziergang, der Westend-Park liegt auch ziemlich weit von seiner Wohnung entfernt.

Ich vermute deshalb, daß der Major einen triftigen Grund hatte, in den Westend-Park zu gehen, und ebenso, daß er diesen Gang verheimlichen wollte, denn sonst hätte er es seinem Adjutanten doch ruhig sagen können. Weiter wissen wir von Scotland-Yard, daß Major Neston ganz gegen seine Gewohnheit erheblich mehr Geld bei sich trug als sonst. Ich nehme deshalb an, er hatte diesen Betrag zu einem ganz bestimmten Zweck mitgenommen.«

»Ach,« sagt Dr. Lively, der gespannt zugehört hat. »Und welcher Zweck sollte das gewesen sein?«

»Jedenfalls der, diese dreißig Pfund jemandem auszuhändigen! Nun sagte ich schon, daß der Major auffällig spät im Westend-Park gesehen wurde, er hätte den Park viel früher erreichen können. Zum anderen hat Scotland-Yard das Geld ja noch bei dem Mann gefunden, der als Mörder des Majors verhaftet wurde. Daraus könnte man wieder schließen, daß der Major seine Absicht, das Geld dem, für den es bestimmt war, auszuhändigen, nicht erreicht hat. Wahrscheinlich ist er erst nach dem verfehlten Zusammentreffen durch den Park gegangen, in der Hoffnung, diese Persönlichkeit doch noch anzutreffen.«

»Ihre Vermutung hat allerhand für sich,« stimmt Walford bei. »Für mich ist das Sonderbarste eigentlich, daß Fred allem Anschein nach seinem Adjutanten etwas vorgelogen hat. Das will mir gar nicht in den Kopf, weil Fred jede Unwahrhaftigkeit verhaßt war.«

Dr. Lively wendet sich an den Detektiv. »Was halten Sie von dem Kerl, der den Major ermordet hat? Ich verstehe nicht, warum er eine so blöde Ausrede wie die mit dem Kleidertausch vorbringt. Damit kommt er doch nicht durch, sondern verstärkt nur die Gewißheit, daß er der Mörder ist.«

»Ich möchte eher glauben, daß er nicht der Mörder ist,« antwortete Hunt.

»Nanu?« fährt Walford auf. »Wie käme er denn dann zu den Kleidern Freds und dem ganzen Tascheninhalt?«

»Wir wissen noch nicht, ob er wirklich alles hatte,« antwortet Hunt. »Es könnte auch sein, daß etwas Wesentliches fehlt oder der Geldbetrag erheblich höher war, wie Scotland-Yard ja auch vermutet. Jedenfalls bin ich nicht sicher, daß der Mann tatsächlich der Mörder des Majors ist, weniger wegen seiner sonderbaren Ausrede als deshalb, weil er treuherzig in den Uhrenladen ging, dessen Anschrift er im Merkbuch des Majors fand. Das wäre für einen Mörder ja geradezu blödsinnig.«

Hunt macht eine Pause und schließt mit einem schläfrigen Ausdruck die Augen. Es dauert eine ganze Weile, bis er sie wieder aufschlägt. »Wissen Sie, Sirs, ich habe so eine Vermutung, als ob Sie Ihrem Freund keinen besonderen Dienst damit erweisen, daß Sie mich mit der Aufklärung des Falles beauftragen.«

Die Freunde sehen den Detektiv überrascht an. Hunt lächelt. »Es könnte sein, daß der Major doch ein Privatleben gehabt hat, von dem Sie sich nichts träumen lassen. Und wenn dem so wäre, dann könnte es schon sein, daß der Mann da in Scotland-Yard buchstäblich die Wahrheit sagt. Es könnte nämlich der Fall so liegen, daß der Major aus irgendwelchen Gründen verschwinden wollte und mit dem Mann tatsächlich seine Kleidung austauschte, um nicht erkannt zu werden.«

Dr. Lively und der Anwalt sind sprachlos. »Damn't!« sagt endlich Walford. »An so eine Möglichkeit haben wir noch nicht gedacht. »Aber nein, das ist ja ausgeschlossen!«

»Vielleicht,« antwortet Hunt trocken. »Es ist vorläufig ja auch nur eine Vermutung von mir. Tut übrigens nichts, daß Sie mich beauftragt haben, Sie können ja jederzeit stoppen, wenn meine Vermutung richtig sein sollte.«

»Wollen vorläufig noch einen Brandy mit Zucker trinken,« schneidet Walford die Erörterung ab. »Wie gedachten Sie denn vorzugehen, Mr. Hunt.«

»Zunächst einmal möchte, ich nach Scotland-Yard gehen und mit dem Kleidermann reden. Dann ist wohl einer von Ihnen so freundlich und bringt mich zur Wohnung des Majors, damit ich mich dort umsehen und seinen Burschen fragen kann. Besser wäre es übrigens, wenn auch zur Polizei jemand von Ihnen mitkäme.«

Die Freunde verständigen sich, daß Lively in seinem Wagen um 10 Uhr den Anwalt in seinem Büro abholen soll. Hunt verspricht, sich rechtzeitig bei Walford einzufinden.

Der Detektiv nimmt dankend sein frisch gefülltes Brandyglas. »Wissen Sie, Sirs, es ist mit Kriminalfällen immer so eine Sache. Man darf vor allem nie mit einer vorgefaßten Meinung herangehen. Sie begehen den Fehler und sagen: Unser Freund ist ermordet worden! Ich sage: Es sieht so aus, aber wir wissen es noch lange nicht! Ich muß eben zu erforschen versuchen, wie der Fall wirklich liegt. Und glauben Sie mir, es ist schon mehr als einmal vorgekommen, daß ein Ding, das zuerst ganz wie eine richtige Mordsache ausgesehen hat, nachher etwas ganz anderes war und der angeblich Ermordete irgendwo vergnügt herumlief.«

»Hoffen wir es,« seufzte Lively. Ich wäre glücklich, wenn ich meinen Freund Fred noch einmal lebendig wiedersehen würde.«

*

Der Häftling steht von der Pritsche auf, als Hunt und Dr. Lively in seine Zelle treten. Walford hat keine Zeit gehabt, mitzukommen.

»Morning, Sir,« sagt Hunt und gibt dem Mann die Hand. »Ich bin Detektiv und von den Freunden des Majors Neston beauftragt, den Fall aufzuklären.« Hunt setzt sich auf die Pritsche und hält dem Häftling eine geöffnete Zigarettenschachtel hin. »Zigarette gefällig?«

Der Mann greift hastig zu, zieht die Hand aber wieder zurück. »Ich darf doch hier nicht rauchen?«

»Ach was!« antwortet Hunt achselzuckend. »Rauchen Sie ruhig mit, ich sage nachher dem Schließer, wir hätten geraucht. Los, Mann, seien Sie kein Frosch!«

Jetzt steckt er sich eine Zigarette an, Hunt raucht zur Gesellschaft mit. Lively wundert sich über die Art, wie Hunt mit dem Menschen umgeht, aber es scheint die richtige Art zu sein.

»Also, mein Lieber,« fängt der Detektiv wieder an, »ich sagte Ihnen schon, daß ich beauftragt bin, den Fall aufzuklären. Nun erzählen Sie mir mal genau, was Sie von der Geschichte wissen! Aber erzählen Sie mir keine Märchen, Lügen haben kurze Beine! Wenn Sie mir aber die Wahrheit sagen, kann das sehr dazu beitragen, daß Sie bald aus dem Loch hier rauskommen. Daran liegt Ihnen doch auch, nicht wahr?«

»Ach Gott,« jammert der Mann. »Ich habe es der Polizei schon ein dutzendmal erzählt, es glaubt mir ja keiner!«

»Well, dann erzählen Sie es mir zum dreizehntenmal! Ich bin Detektiv und nicht von der Polizei.«

Der Mann sieht Hunt und den Arzt, der neben der Zellentür an der Wand lehnt, traurig an.

»Es war am Sonntagnachmittag kurz nach 17 Uhr, es hatte gerade von den Kirchtürmen geschlagen, da traf ich im Westend-Park mit dem Major zusammen.« Der Mann erzählt hastig, es ist genau dasselbe, was er den Polizeibeamten erzählt und Hunt von den Freunden gehört hat. Hunt hört aufmerksam zu, bei der Zeitangabe geht ein kleines befriedigtes Lächeln über sein Gesicht.

»Wie ich dann in den Uhrenladen zurückkam, um meine Uhr abzuholen, da stürzten plötzlich die Kriminals auf mich zu und sagten, ich hätte den Major ermordet!« beendet er seinen Bericht und stößt fast weinend hervor: »Ich habe ihn doch aber nicht ermordet! Er hat wahrhaftig seine Kleider gegen meine getauscht.«

Hunt macht sein schläfriges Gesicht, das der Arzt schon an ihm kennt. »Beschreiben Sie mir doch, bitte, wie der Major aussah,« sagt Hunt. »Ich habe nicht genau aufgepaßt.«

Der Häftling sieht den Detektiv etwas erstaunt an, weil er sich natürlich sagt, daß dieser den Major wohl genauer kenne als er selbst.

»Nun, der Herr Major war kaum mittelgroß und hatte ein breites, etwas gerötetes Gesicht.«

»Was?« fragt Lively verdutzt, aber er sagt weiter nichts, denn der Detektiv blitzt ihn aus seinen plötzlich stahlharten Augen unwillig an. »Ja,« fährt der Häftling fort. »Der Herr Major sah eigentlich nicht so fein aus, wie ich mir einen Major immer vorgestellt habe. Die Kleider saßen ihm auch etwas schlapp, obwohl sie doch von einem ganz feinen Schneider gemacht sind. – Ich bitte um Verzeihung, Sirs, aber ich soll doch die Wahrheit sagen! – Ja, und dann hatte er auch ordentlich eine Fahne ...«

»Einen Augenblick!« unterbricht Hunt. »Was hatte er, sagen Sie?«

»Na, er hatte ordentlich einen hinter die Binde gegossen, daß man den Schnaps roch, wenn er sprach. Das nennt man doch ›eine Fahne haben‹, weil der Fuseldunst so richtig vorherweht. – Dann zogen wir uns unter dem übergebauten Dach des Gartenhäuschens um, weil es ziemlich regnete. Als wir fertig waren, gab mir der Major noch einen Klaps auf die Schulter und sagt: ›Go on, old boy, hast einen feinen Tausch gemacht!‹ und ging fort.«

»Haben Sie nicht darauf geachtet, wohin der Herr Major dann ging?« fragt der Detektiv.

»Nein. Ich ging zu dem Weg, der an dem Häuschen vorbeiführt, der Herr Major war ein paar Schritte hinter mir. Als wir an den Weg kamen, kam ein anderer Herr vorbei, den der Major gekannt haben muß, denn er ging gleich auf ihn zu. Beide bogen dann in einen Seitenweg und kamen mir aus den Augen!«

»Hm,« sagt Hunt. »Und das ist alles, was Sie wissen?«

»Ja, Sir, das ist wahr und wahrhaftig alles!« beteuert der Mann.

Hunt sieht einen Augenblick vor sich hin und holt dann seine Brieftasche vor. Er entnimmt ihr einige Fotos und hält sie dem Verhafteten hin. »Sehen Sie sich bitte diese Bilder einmal ganz ruhig und genau an! Erkennen Sie einen davon? Ihre Äußerung ist mir sehr wichtig, weil ich vermute, daß einer davon der Mörder sein könnte.«

Der Mann nimmt hastig die Bilder und betrachtet sie aufmerksam. Dr. Lively ist auch hinzugetreten, sieht auf die Bilder und bemerkt darunter auch das des Majors, das er Hunt gegeben hat. Hunt blinzelt dem Arzt zu, Lively lehnt sich stillschweigend wieder an die Mauer.

»Der hier kommt mir bekannt vor,« sagt der Häftling und zeigt auf eins der Bilder. »Aber der Herr Major ist es nicht.«

»No,« antwortet Hunt trocken und nimmt die Bilder wieder an sich. »Das ist der vorletzte Präsident von USA. Schade, daß Sie den anderen nicht erkannt haben.«

Der Mann sieht den Detektiv verständnislos an. Hunt reicht ihm die Hand zum Abschied. »Good bye, Sir, es genügt mir, was Sie mir gesagt haben. Ich will sehen, was ich für Sie tun kann.«

*

Als sie die Zelle verlassen haben, kann Dr. Lively nicht mehr an sich halten. »Der Kerl lügt ja wie gedruckt! Neston war groß und schlank, er hatte auch ein schmales, blasses Gesicht und kein dickes, rotes. Und dann diese Gemeinheit, daß Fred betrunken gewesen sein soll! Ich hätte dem Kerl am liebsten eine runtergehauen.«

»Ereifern Sie sich nicht, Doktor! Die Sache wird schon stimmen. Es war eben nicht der Major, mit dem der Mann die Kleider tauschte, sondern ein ganz anderer.«

»So? Sie glauben ihm wohl, weil er so gerissen war, sich so zu stellen, als ob er das Bild Nestons nicht erkannte?«

»Ich sage Ihnen, der Mann ist nicht gerissen, sondern ausgesprochen dämlich. Ich glaube allerdings, daß er die Wahrheit spricht. Verdammt nochmal! Jetzt kann ich mir selbst keinen Vers mehr darauf machen, wie die Geschichte zusammenhängen mag. Dieser falsche Major wirft alle meine Vermutungen über den Haufen.«

Dr. Lively schüttelt den Kopf, für ihn erklärt sich die Sache ganz einfach dadurch, daß der Verhaftete lügt. »Woher sollte denn plötzlich ein falscher Major kommen?«

»Das möchte ich auch gern wissen,« antwortet Hunt. »Er kam übrigens nicht ›plötzlich‹, sondern erst eine halbe Stunde später, als Miß Croker den richtigen Major gesehen hat. In einer halben Stunde kann allerhand geschehen, Mr. Lively!«

Der Wagen des Arztes bringt sie zur Wohnung des Majors. Die Wohnung ist verschlossen, auf Klingeln meldet sich niemand. Lively wundert sich und meint, der Bursche müsse eigentlich doch zu Hause sein.

»Heute war er wohl noch nicht hier,« sagt Hunt und zeigt auf den Briefkasten, in dem Postsachen stecken. »Wollen mal in die Kaserne gehen.«

In der Kaserne werden sie in das Bataillonsgeschäftszimmer gewiesen. Oberleutnant Kelly begrüßt den Arzt und läßt sich Hunt vorstellen.

»Ah, Sie sind Detektiv, Mr. Hunt? Das ist gut, hoffentlich bringen Sie uns unseren Major möglichst bald wieder.«

»Neston war wohl sehr beliebt?« fragt Hunt und macht wieder seine schläfrigen Augen.

»Oh ja,« antwortete Kelly eifrig. Wir schätzten ihn alle sehr, und die Leute liebten ihn geradezu. Er war stramm im Dienst, aber immer gerecht und nie kleinlich. Kapitän Hunter führt vorläufig das Bataillon, aber es macht ihm keine Freude unter diesen Umständen.«

Hunt nickt. »Kann ich mir denken, Sir.« In Wirklichkeit aber denkt er sich das Gegenteil, nämlich, daß er sich diesen betrübten Kapitän einmal genauer ansehen möchte. Da war einmal in Wien die scheußliche Geschichte mit dem Rittmeister Hofrichter, der seine Vorgesetzten kaltblütig vergiftete, um aufrücken zu können. Alle Möglichkeiten zu erwägen und niemandem zu trauen, ist nun mal Hunts Beruf.

Kelly läßt Nestons Burschen rufen und entschuldigt sich, leider nicht selbst mitkommen zu können, da er gleich Turnstunde habe.

M'Cosh, der Bursche, ein langer Schotte, der einen stillen, zuverlässigen Eindruck macht, schließt Dr. Lively und dem Detektiv die Wohnung auf.

Hunt geht, die Hände in den Hosentaschen vergraben, durch die ganze Wohnung. Es ist eine der üblichen Junggesellen-Wohnungen: eine winzigkleine Küche, ein Schlafzimmer, Bad und ein großes Wohnzimmer. Der Bursche hat kein Zimmer, er schläft in der Kaserne.

Die Möbel gehören dem Major, es sind gute, fast neu aussehende Möbel, es ist überhaupt alles in bestem Zustand. Trotzdem macht die Wohnung einen nüchternen und öden Eindruck, für Gemütlichkeit scheint der Major keinen Sinn zu haben.

Hunt bittet den Burschen zu berichten, was sich am Sonntag ereignet habe.

M'Cosh erzählt dasselbe, was Hunt schon gehört hat. Er erzählt es nur sehr umständlich und führt Hunt auch in das Schlafzimmer, wo er ihm den Waffenrock des Majors zeigt, der da noch auf einem Sessel liegt. »Sehen Sie, Sir, hier hatte ich noch schnell die beiden obersten Knöpfe nachgenäht. Der Herr Major steckte, wenn er in Gedanken war, immer die rechte Hand zwischen die beiden obersten Knöpfe, ich mußte sie dauernd nachnähen.«

Hunt hört geduldig zu. »Sagen Sie, M'Cosh, war vielleicht am Sonntag oder später jemand von den Bekannten des Majors hier?«

M'Cosh verneint.

»Oder sonst jemand, der nach ihm fragte, etwas ausrichten sollte oder so?« beharrt Hunt.

»Ja, da war am Sonntag, gleich nachdem der Herr Major in die Kaserne gegangen war, ein Mann von seinem Schneider hier, der wollte den Frack zum Aufbügeln abholen.«

»Ließ Neston nicht auch bei Rollins Brothers in der Regent-Street arbeiten?« mischt sich Lively ein. »Das ist mein Schneider, ich hatte Fred an ihn gewiesen, weil er mit seinem nicht zufrieden war.«

»Ja, Sir, so heißt der Schneider. Ich wunderte mich, daß das Geschäft am Sonntag jemand schicken sollte, und dann hatte mir der Herr Major auch nicht Bescheid gesagt, wie er sonst in solchen Fällen immer tat. Deshalb sagte ich dem Boten, er solle wiederkommen, wenn der Herr Major selbst zu Hause sei. Der Mann antwortete, er würde Montag nochmal kommen, er ist aber nicht gekommen.«

Hunt hat aufgehorcht. »Können Sie mir den Mann mal beschreiben, M'Cosh, der den Frack holen wollte?«

»Yes, Sir. Er sah nicht besonders fein aus, war so knapp mittelgroß und hatte ein breites, rotes Gesicht wie ein Ire. Genommen hatte er auch einen, denn er roch ziemlich nach Schnaps. Mir kam das komisch vor, daß ein feines Schneidergeschäft so einen Kerl schicken sollte – und auch noch am Sonntag, wie ich schon sagte – deshalb traue ich ihm nicht und sagte, er solle wiederkommen.«

Hunt pfeift leise durch die Zähne und sieht Dr. Lively an. »Na, Sir? Schätze, die Beschreibung haben wir heute in Scotland-Yard schon mal gehört. Ich glaube ...«

»Das ist doch derselbe Kerl gewesen, den der Häftling uns als Major beschrieb!« fällt Lively dem Detektiv ins Wort.

»Well, Sir, kalkuliere das auch.« Hunt wendet sich wieder an den Burschen, der die beiden Besucher verständnislos angesehen hat. »Sagen Sie, hatte der Mann einen Ausweis?«

»No, Sir, er sagt nur, er käme von Rollins. Er ging auch gleich, als ich ihm den Frack nicht geben wollte. Unten stand ein großes graues Lieferauto, da stieg der Mann ein und fuhr ab. Ich sah das vom Fenster aus.«

»Sahen Sie nicht, ob noch jemand in dem Wagen war?«

»Gesehen habe ich es nicht, Sir. Es war mir allerdings so, als ob jemand von innen dem Boten die Tür am Führersitz aufstieß, aber gesehen habe ich niemand, ich achtete nicht weiter darauf.«

Hunt stellt noch verschiedene Fragen an den Burschen, aber er weiß nichts weiter. Am Montag ist er noch den ganzen Tag in der Wohnung gewesen, dann hat er sie abgeschlossen und ist in die Kaserne gegangen. Er ist nur jeden Tag ein- oder zweimal in die Wohnung gekommen und hat den Briefkasten geleert. Heute hat er das noch nicht getan. M'Cosh öffnet daher den Briefkasten und legt die Post zu der anderen, die sich inzwischen angesammelt hat, auf den Schreibtisch.

Hunt sieht die eingegangenen Postsachen durch. Es ist nicht viel: alle Blätter der »Westminster-Zeitung« seit Sonntag, zwei militärische Fachblätter, ein halbes Dutzend Bankbriefe, aber nur ein persönlicher Brief. »Gestatten Sie, daß ich den Brief öffne?« fragt Hunt den Arzt. »Es muß sein.«

Lively nickte stumm.

Hunt öffnet den einzigen Brief. Er stammt von Rollins Brothers und enthält die Bitte um einen Besuch wegen einer Anprobe. »Von einem Frack steht nichts darin,« sagt Hunt bissig. »Wollen nachher gleich mal bei Rollins vorbeifahren und fragen. Schätze, daß der Bote nicht von Rollins kam.«

Die Bankabrechnungen sind nur Einzelnachweise über verschiedene Überweisungen und Scheckabhebungen. Eine größere Abhebung ist nicht dabei. »Müssen trotzdem noch mal anfragen,« sagt Hunt. »Unter diesen besonderen Umständen wird die Bank uns ja wohl Auskunft geben. Das Konto muß auch für alle Fälle gesperrt werden.«

*

Spät am Abend sitzen Dr. Lively, der Anwalt und Hunt wieder im Arbeitszimmer des Arztes.

Walford, der den ganzen Tag am Gericht zu tun gehabt hat, hat diese Besprechung gewünscht, um zu erfahren, was Lively und Hunt ausgerichtet haben.

Hunt sitzt in seinem Sessel und saugt an seiner Pfeife. Walford mischt zwei Brandys mit Zucker, sein Freund Lively trinkt Tee.

»Also,« schließt Lively seinen Bericht. »Rollins Brothers waren ganz erstaunt, als wir anfragten. Sie hatten niemand zu Fred geschickt und wußten nichts von einem Frack. Bei der Anprobe ging es um einen Straßenanzug, den Fred schon vor einem Monat bestellt hatte; er pflegte sich um die Anproben immer erst eine Weile zu drücken, weil sie ihm lästig waren.«

»Wir hatten keine andere Auskunft erwartet,« fällt Hunt ein. »Rollins scheidet für uns vollkommen aus, das Geschäft ist erstklassig, und die Leute sind es auch. Mit dem Frack dürfte das auch sehr einfach sein, es war nur ein Vorwand für den Kerl, weil er sich sagte, ein englischer Gentleman muß einen Frack besitzen.«

»Dann waren wir noch bei der Bank,« fährt Lively in seinem Bericht fort. »Man gab uns nach einigem Zögern Auskunft. Freds ganzes Guthaben beträgt nur knapp anderthalb tausend Pfund, besondere Abhebungen sind in letzter Zeit nicht gemacht worden. Das Konto haben wir zur Sicherheit sperren lassen.

Haben Sie übrigens das Tagebuch schon durchgesehen und die Schnellhefter, Mr. Hunt? Wir fanden nämlich in Freds Schreibtisch, der nicht abgeschlossen war, ein Fotoalbum, ein paar Schnellhefter und ein Tagebuch, Bob. Mr. Hunt hat sie zur Durchsicht mitgenommen.«

»Yes. Das Album nutzt uns nichts, es sind nur Bilder aus dem Kriege darin. In den Heftern waren auch nur allerhand Rechnungen, immer mit dem Überweisungsvermerk der Bank darauf, kein einziger Brief. Der Bursche sagte ja auch, daß Neston kaum Briefe erhielt und sie nach Erledigung immer gleich verbrannte. Das sieht übrigens auch wieder so aus, Sirs, als ob der Major verhüten wollte, daß jemand von diesen Briefen etwas erfahren möchte. Mir hilft das leider nichts, denn wir haben keine Ahnung, was das für Briefe gewesen sein mögen.

Mit dem Tagebuch schließlich ist auch nicht viel los. Aus der Zeit vor dem Krieg, als der Major in Indien war, steht ziemlich viel darin, dann noch gelegentlich ein paar Eintragungen aus der Kriegszeit, danach überhaupt nichts mehr. Das Tagebuch werde ich noch mal genauer durchsehen, das Album und die Schnellhefter darf ich Ihnen wohl wieder einhändigen, Mr. Lively?«

Hunt holt die Bände aus seiner Aktenmappe, die schon mehr ein kleiner Musterkoffer ist, und reicht sie dem Arzt hin, der sie in seinen Schreibtisch einschließt.

»Hm,« sagt Walford. »Dann ist also dieser Schnapskerl sozusagen die einzige greifbare Entdeckung. Ich vermute nach allem, was wir wissen – und das ist leider verdammt wenig! – folgendes: Fred beabsichtigte, mit einem uns Unbekannten im Westend-Park zusammenzutreffen. Jedenfalls muß er das schon vorgehabt haben, denn das Wetter am Sonntag war gewiß nicht derart, daß man plötzlich Lust bekommen hätte, einen Spaziergang zu machen. Börsengeschäfte macht man auch nicht bei Nebel im Westend-Park, also kann es sich nur um eine persönliche Angelegenheit gehandelt haben, und zwar wollte Fred vermutlich dem Unbekannten jene dreißig Pfund geben, die er bei sich hatte.

Und dann, so nehme ich an, ist dieser Kerl mit dem roten Gesicht dazwischengekommen und hat Fred ermordet. Da der Mann am Sonntagvormittag in Freds Wohnung war, sieht es genau so aus, als ob er sich erkundigen wollte, ob der Major wirklich zum Stelldichein kommen würde. Zwei Möglichkeiten sind meiner Meinung nach vorhanden: erstens, der Kerl mit dem roten Gesicht ist derjenige gewesen, der Fred in den Park bestellt hatte, oder aber, er wußte wenigstens von der Verabredung und nutzte das für seine Mordabsichten aus.«

Walford sieht den Detektiv fragend an. Hunt lächelt leise. »Verzeihung, Sir, ich bin nicht Ihrer Meinung. Meine erste Vermutung, daß der Major verschwinden wollte und seine Kleidung freiwillig tauschte, um nicht erkannt zu werden, ist natürlich Unsinn, seit der falsche Major mitspielt.

Daß dieser falsche Major eine Hauptrolle bei der Sache spielt, ist ganz sicher. Aber damit ist unsere Weisheit vorläufig auch so ziemlich am Ende. Selbst wenn wir annehmen wollten, daß Major Neston ermordet worden ist, so sehe ich deshalb immer noch nicht klar. Hätte der Mann mit dem roten Gesicht das getan – und es spricht allerhand dafür –, dann hätte er ihn wahrscheinlich doch auch beraubt. Gerade das ist aber nicht geschehen, die Weitergabe der Kleider und des Tascheninhalts des Majors einschließlich des Geldes spricht dagegen. Überhaupt, dieser verrückte Kleidertausch unter drei Leuten, darauf kann ich mir keinen Vers machen.

Hunt nippte an seinem Brandy. »Was mir nicht klar ist, ist vor allem das: warum ist der Major ermordet worden? Zu seinem Vergnügen pflegt man doch keine Leute totzuschlagen, derartige Fälle krankhaft veranlagter Verbrecher sind zum Glück wenigstens so selten, daß man damit nicht zu rechnen braucht. Läge ein Raubmord vor, dann wäre die Sache schon viel einfacher, das ist aber allem Anschein nach gerade nicht der Fall.«

»Es könnte doch zum Beispiel auch ein Racheakt vorliegen,« wirft Dr. Lively ein.

»Well, aber ich kann mir nicht gut denken, wie ein Mensch, der nach den Beschreibungen der untersten Hefe anzugehören scheint, zu der Ehre kommen sollte, eine Feindschaft mit dem Major zu haben.

No, Sirs, ich kalkuliere, daß da ein ganz anderer Grund vorliegen muß, weshalb man den Major beseitigt hat. Und dieser Grund ist jedenfalls der Schlüssel des ganzen Geheimnisses. Schätze daher, daß die Beseitigung des Majors sozusagen nur das Vorspiel zu etwas anderem gewesen sein dürfte, will sagen, es kommt noch etwas nach, und der Major mußte zuvor beseitigt werden, weil er dabei im Wege gewesen wäre.«

»Das verstehe ich nicht,« sagt der Arzt ehrlich.

»Ich vorläufig selbst noch nicht,« gibt Hunt trocken zu. »Ich meine, da kommt irgend etwas, wie zum Beispiel eine große Erbschaft oder so. Die Bande – denn der Mann mit dem roten Gesicht hat keinesfalls allein gearbeitet, das ist mir ganz sicher – wußte Bescheid und beseitigte den Major, um nachher im Trüben fischen zu können. Haben Sie eine Ahnung, Sirs, ob der Major vielleicht eine Erbschaft zu erwarten hatte?«

Darüber können die Freunde keine Auskunft geben, sie sind vielmehr der Ansicht, daß Neston überhaupt keine Verwandten besaß.

»Jeder Mensch hat eine Menge Verwandte,« antwortete Hunt. »Manchmal weiß er nur selbst nichts davon. Well, dann muß ich eben zusehen, was ich noch ausmachen kann. Ist aber eine verdammt harte Nuß, die Sie mir da zu knacken aufgegeben haben, Sirs!«

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