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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 3
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II.

Über London dämmert ein trüber Sonntagmorgen.

Das Wetter ist umgeschlagen, ein feiner, dünner Regen rieselt unaufhörlich herab. Die Wolken hängen so tief, daß die Türme und Kuppeln der Stadt in ihnen verschwinden. Die Sonne kommt überhaupt nicht durch, alles ist grau in grau. Die Menschen schleichen trübselig umher.

Gegen Mittag klart es vorübergehend auf, sogar einige Strahlen einer blassen Oktobersonne brechen durch die Wolkenschicht. Aber die Freude dauert nicht lange, dann schließt sich die Wolkendecke wieder und sinkt immer tiefer herab. Das Straßenpflaster ist glitschig geworden, in den Rinnsteinen rieseln schon dünne Bäche. Aus der Themse kriechen zögernd die ersten Nebel, das Schreckgespenst Londons erhebt sich.

Wenn das so weitergeht, kann es gut werden. Dann muß spätestens zum Abend der ganze Verkehr bis auf die Untergrundbahn stillgelegt werden. Ein Glück nur, daß es gerade Sonntag ist, da ist ohnehin nicht viel Verkehr, die City besonders ist wie ausgestorben.

Major Neston tritt aus seiner Wohnung auf die Straße, klappt fröstelnd den Mantelkragen hoch und sieht sich mißmutig um. Schöne Aussichten für die Nachtübung der ersten und zweiten Kompanie! Na, mal sehen, vielleicht ist schon abgeblasen worden.

Der Major geht zur Kaserne und betritt das Bataillonsgeschäftszimmer. Oberleutnant Kelly, sein Adjutant, hat schon angerufen: Die Übung ist noch nicht abgesetzt, man nehme an, das Wetter würde sich bessern.

»So? Ich bin umgekehrt überzeugt, daß wir in spätestens drei bis vier Stunden einen Nebel haben, so dick wie Erbsensuppe. Wenn unsere Vorgesetzten aber wieder bis zum letzten Augenblick warten wollen, müssen wir ausrücken, und dann haben wir die Bescherung. Es gibt Unfälle über Unfälle, und die einzelnen Abteilungen tappen aneinander vorbei, ohne sich überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Dumme Geschichte das.«

Kelly ist derselben Ansicht und will stündlich anrufen, auch auf die Gefahr hin, sich einen Rüffel zuzuziehen.

»Tun Sie das, mein lieber Kelly!« ermuntert ihn Neston. »Und bei mir kommen Sie dann, wie verabredet, um 20 Uhr mit dem Bataillonsauto vorgefahren. Wenn vorher abgeblasen wird, rufen Sie mich bitte gleich an! Ich bleibe zu Hause und lege mich aufs Ohr, es ist ja noch nicht mal 15 Uhr.«

Der Nebel wird immer dichter, der Verkehr fängt an zu stocken, die Menschen tasten sich an den Häuserreihen entlang. Alle Laternen brennen zwar, aber was nutzt das? Man sieht ja doch nur einen matten Schimmer, wenn man schon beinahe dagegengetappt ist.

Das Kommando ruft an und erklärt dem erfreut aufhorchenden Kelly, daß die Nachtübung ausfallen müsse.

Kelly läßt sich mit der Wohnung des Majors verbinden, um seinem Vorgesetzten die ersehnte Botschaft zu übermitteln.

Der Bursche nimmt die Nachricht entgegen und verspricht, sie dem Herrn Major auszurichten.

»Ist Major Neston denn nicht in seiner Wohnung?« fragt Kelly verwundert.

»Nein, Herr Oberleutnant. Der Herr Major ist doch vor gut zwei Stunden in die Kaserne gegangen.«

Kelly schüttelt den Kopf, begnügt sich aber damit, dem Burschen aufzutragen, die Nachricht dem Major bei seiner Rückkehr sofort auszurichten.

Kapitän Hunter kommt in das Geschäftszimmer und will wissen, was mit der Nachtübung wird. Kelly sagt es ihm und fragt, ob der Major denn noch in der Kaserne sei. Hunter verneint, er habe Neston noch bis an das Tor begleitet, der Major sei dann in Richtung seiner Wohnung gegangen.

Wann das gewesen sei?

»Na, vor zwei Stunden etwa, schätze ich, Kelly, auf die Uhr habe ich allerdings nicht gesehen.« Als der Kapitän gegangen ist, schüttelt Kelly wieder den Kopf.

Der Major kann ja schließlich machen, was er will, aber merkwürdig ist das doch, wo Neston die Gewissenhaftigkeit selbst ist. Wenn er etwas sagt, dann kann man sich felsenfest darauf verlassen. Es liegt ja auch kein vernünftiger Grund vor, zu erklären, daß er nach Hause will, wenn er etwas anderes vorhat.

Oberleutnant Kelly versteht das nicht und nimmt sich vor, kurz vor 20 Uhr nochmals in der Wohnung des Majors anzurufen.

*

Der Ortspolizist Heckethorn des kleinen Städtchens Linton, das nicht weit von Cambridge liegt, blieb empört stehen. Lag da doch auf der einzigen Bank des Stadtparks – der kleine Platz, auf dem der Wochenmarkt abgehalten wurde, hatte diesen etwas übertriebenen Namen – ein Kerl und schlief!

Heckethorn rüttelte den Schläfer unsanft. »He, alter Junge! Aufstehen! Hier wird nicht gepennt!«

Der Landstreicher, denn etwas besseres war er seiner lumpigen Kleidung nach wohl kaum, richtete sich langsam auf und blinzelte den Polizisten an.

»Na, wird's bald?« drängte Heckethorn ungeduldig. Er war es in seinem Städtchen gewohnt, daß seinen Anordnungen schneller Folge geleistet wurde.

Der verschlafene Strolch schien aber von der Würde seines Erweckers weniger durchdrungen zu sein. Er räkelte sich nur etwas und sah dann sein Gegenüber lächelnd an.

»Höre mal, alter Kunde!« sagte Heckethorn, dem die Geduld ausging, ärgerlich. »Wenn du keine Bleibe hast, dann melde dich gefälligst bei unserem Herrn Pastor. Aber hier einfach im Park pennen, das gibt's bei uns nicht. Marsch! Ich werde dir den Weg zu Seiner Ehrwürden zeigen.«

Der Landstreicher lächelte den erzürnten Polizisten ziemlich blöde an, er sagte aber kein Wort und machte auch keinerlei Anstalten aufzustehen.

»Dam'nt!« fluchte Heckethorn und zog den Landstreicher mit einem Ruck am Kragen hoch. »Jetzt werd' ich dir einen anderen Weg zeigen, du unverschämter Bursche, jetzt kommst du ins Kittchen. Morgen früh wird dir der Richter dann schon dein Maul öffnen.«

Der Richter von Linton hörte den Bericht des Ortspolizisten ruhig an. »Und er hat keinerlei Papiere, sagen Sie?«

»Nein, Euer Gnaden. Wir haben ihn genau durchsucht, er hat nichts bei sich außer einem schmierigen Taschentuch und ein paar Zigarrenstummeln, die er sich wohl unterwegs zusammengeklaubt hat. Der Kerl sagt auch kein Wort, er grinst bloß immer unverschämt.«

»Hm, merkwürdige Sache. Führen Sie mir den Mann mal vor, ich glaube, er wird seine Sprache wiederfinden, wenn ich ihm etwas zurede.«

Aber Richter Walksin täuschte sich. Der vorgeführte Mann gab auf keine Frage eine Antwort, er sah sich nur, blöde lächelnd, in dem Amtszimmer um, setzte sich ohne Aufforderung auf die Bank neben der Eingangstür, zog einen Zigarrenstummel aus der Rocktasche und kaute mit offensichtlichem Vergnügen darauf herum.

Walksin war ratlos, so etwas war ihm noch nicht vorgekommen! Der Richter entschloß sich zu warten; vielleicht würde der rätselhafte Fremde von selbst den Mund auftun, wenn man ihn nicht durch Fragen verwirrte.

Das tat er nach einer Weile auch, allerdings in anderem Sinne, als der Richter erwartet hatte. Wer kaut, der pflegt nämlich auch zu spucken, das ist eine alte Weisheit. Der Landstreicher sah sich plötzlich wie hilfesuchend um, lächelte blöde und – spuckte dann mitten auf die blankgescheuerten Dielen.

»Du Schweinekerl!« schimpfte der Richter.

Heckethorn räusperte sich. »Verzeihung, Euer Gnaden. Ich glaube, der Kerl ist blöd. Soll ich vielleicht Dr. Seager bitten, daß er den Mann mal untersucht?«

»Ja, tun Sie das, Heckethorn! Aber sperren Sie unseren Findling lieber gleich wieder ein, sonst spuckt er mir hier die ganzen Dielen voll.«

Heckethorn zog mit dem blöde lächelnden Kerl ab.

Richter Walksin saß gerade beim Nachmittagstee, als ihm Dr. Seager gemeldet wurde.

»Nett von Ihnen, Doktor, daß Sie sich die Mühe machen, mich aufzusuchen. Wie geht's denn unserem Mann? – Aber nehmen Sie doch bitte Platz und halten Sie mit! Ich empfehle Ihnen besonders das Quittenmus, das ist meiner Frau wieder mal ganz ausgezeichnet gelungen.«

Doktor Seager nahm dankend an und versorgte sich mit Tee und einem Stück Brot, das er liebevoll mit dem empfohlenen Mus bestrich. »Tja,« meinte er dann kauend. »Ein abschließendes Urteil vermag ich nach der ersten Untersuchung und der flüchtigen Beobachtung einiger Stunden natürlich noch nicht abzugeben. Soviel ist aber klar, daß der Mann verblödet ist, dementia senilis offenbar, Altersblödsinn.«

»Hm, den Eindruck machte er mir auch, wie er auf nichts antwortete und nur immer blöde lächelte. Aber der Mann ist doch höchstens ebenso alt wie ich.«

»Das glaube ich noch nicht mal,« antwortete Dr. Seager. »Ich halte ihn für höchstens Mitte fünfzig. Im übrigen hängt das ganz von den Umständen ab; man findet manchmal ausgesprochene Altersblödigkeit schon in verhältnismäßig jungen Jahren, und umgekehrt natürlich auch viele Leute, die noch im höchsten Alter einen beneidenswert klaren Verstand haben.

Es liegen meistens beim Auftreten von. dementia senilis andere Stufen von Geisteskrankheiten bereits vor, und dann kommt bei zunehmendem Alter alles zusammen. Ein Urteil kann man da mit Sicherheit nur abgeben, wenn man den Kranken seit Jahren genau kennt. In unserem Fall kann ich mich aber dafür verbürgen, daß der Mann durchaus harmlos ist.«

»Wenn Sie ihn an einen Spucknapf gewöhnen können, dann ja,« brummte der Richter. »Aber Sie langen ja gar nicht zu, Doktor. Schmeckt Ihnen unser Quittenmus nicht?«

»Aber ganz ausgezeichnet! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werde ich daher nochmal nehmen und bitte auch um eine zweite Tasse Tee.«

Beide tranken schweigend ihren Tee, worauf Richter Walksin seinem Gast noch eine Zigarre anbot. Dr. Seager reichte seinerseits Feuer und fragte dann: »Wo kommt der Mann eigentlich her?«

»Das möchte ich auch gerne wissen! Heckethorn hat ihn gestern abend schlafend auf der Bank im Park aufgefunden, das ist leider alles, was wir selbst wissen. Wir kennen nicht einmal seinen Namen, er hat keine Papiere bei sich gehabt. Peinlicher Fall.«

»Und was soll aus ihm werden?«

Walksin wiegte den Kopf. »Das ist eine dumme Geschichte, Doktor. Wenn wir nicht herausbekommen, wo der Mann hingehört, dann müssen wir ihn leider behalten. Das heißt, die Grafschaft muß dann für ihn sorgen, und da er verrückt ist, muß er in der Pflegeanstalt der Grafschaft untergebracht werden. Wert auf diesen Zuwachs werden die zwar auch nicht legen, es wird ihnen aber nichts helfen, auf der Straße kann der schwachsinnige Mensch doch nicht liegen. – Was denken Sie denn, Doktor, wo er herstammt?«

Doktor Seager blies nachdenklich einen kunstvollen Ring gegen die Decke. »Hm, wenn man von den lumpigen Kleidern absieht, dann macht der Mann eigentlich einen fast gepflegten Eindruck. Ich denke mir daher, daß er ein harmloser Irrer sein wird, der bei seinen Verwandten lebte. Und weil er so lumpig angezogen ist, müssen die wohl nicht viel gehabt haben.«

»Ah, Sie meinen, seine Angehörigen hätten ihn wegen ihrer Armut einfach ausgesetzt, um ihn loszuwerden?«

Dr. Seager lächelte. »Da müssen Sie schon Ihre Kriminalisten fragen, verehrter Walksin, ich bin . nur Arzt. Was wollen Sie denn zur Aufklärung des Falls unternehmen?«

»Wir machen auf dem Dienstwege Anzeige, hoffentlich melden sich dann die Angehörigen. Es könnte ja sein, daß der Blödian sich nur verirrt hat und nicht wieder zurückfand. Wahrscheinlich klärt sich die Sache dann durch die Bekanntmachung sofort auf, weil seine Angehörigen ihrerseits vermutlich schon Anzeige bei der Polizei gemacht haben werden.

»Ach so, ja!« Könnten Sie den Mann vielleicht einige Tage – sagen wir längstens eine Woche – bei sich beherbergen? Wir sparen uns dadurch eine Menge Schreiberei mit der Irrenanstalt. Harmlos ist der Mann ja, und die Gemeinde muß natürlich für die Kosten aufkommen.«

Dr. Seager dachte nach. »Doch, das ließe sich machen, er könnte das Fremdenzimmer haben. Aber bezahlt muß natürlich werden, sagen wir 10 Schilling den Tag, da kann die Gemeinde gewiß nicht klagen. Abgehen soll Ihrem Findling, auch nichts, dafür sorgt meine Frau schon ganz von selbst.«

Richter Walksin war sofort einverstanden.

*

Dienstag ist der Pokerabend der drei »Freunde. Das ist eine geheiligte Überlieferung, da läßt sich keiner von ihnen durch eine Einladung oder sonst etwas abhalten. Früher hatten sie übrigens Whist gespielt. Aber seit der Vierte im Bunde, der Baumeister Tommy, gestorben ist, war es damit leider vorbei; zu dreien kann man nicht Whist spielen. Man könnte ja einen neuen vierten Mann aufnehmen, aber dazu haben die Freunde keine Lust; sie kennen sich schon zu lange und bleiben lieber allein.

Walford und der Arzt sind schon etwas vor der Zeit im Klub und lassen sich ein kleines Spielzimmer geben. Major Neston pflegt mit militärischer Pünktlichkeit Schlag 22.00 Uhr zu kommen.

Draußen hört man die ersten Kirchenuhren schlagen, andere fallen ein.

»Na?« fragt Lively. »Wo bleibt denn Fred? Es schlägt ja schon.«

Es schlägt noch eine ganze Weile, die verschiedenen Kirchen scheinen sich nicht ganz einig zu sein. »Komisch,« sagt Walford. »Das ist das erstemal, daß Fred unpünktlich ist, sonst war er immer vor dem letzten Schlag da.«

Aber die Zeit vergeht, der Major kommt nicht. Lively, der seine Uhr in die Hand genommen hat, fragt plötzlich den Anwalt. »Sag mal, mein lieber Bob, hat vielleicht Fred wieder bei dir angerufen, und du hast es verschwitzt?«

»Erlaube mal!« entrüstet sich Walford. »Du tust ja gerade, als ob mein Gedächtnis das reine Sieb wäre. Seit wir am Samstag zusammen in der Vorstellung waren, habe ich von Fred weder etwas gesehen noch gehört.«

Ein Klubdiener meldet, ein Herr Oberleutnant Kelly wünsche die Herren zu sprechen.

Walford läßt bitten. Als der Diener sich zurückgezogen hat, fragt er: »Kelly? Habe den Namen nie gehört. Kennst du ihn vielleicht, John?«

Lively verneint.

Ein großer schlanker Herr tritt ein und stellt sich vor. »Verzeihen Sie, meine Herren, ich will weiter nicht stören. Man sagte mir im Army-and-Navy-Klub, ich würde Major Neston hier antreffen; er pflege den Dienstagabend hier mit Ihnen zu verbringen.«

»Stimmt!« antwortet Walford eifrig. »Wir pokern dann immer zusammen. Heute warten wir aber vergeblich auf ihn, er müßte schon längst hier sein.«

Kelly rutscht verlegen auf seinem Stuhl. »Und Sie wissen auch nicht, wo ich den Herrn Major sonst finden könnte?«

Beide versichern, daß sie keine Ahnung hätten. Es könne sich nur um eine vorübergehende Abwesenheit handeln, denn kommen würde Neston bestimmt.

Kelly räuspert sich. »Ich fürchte, daß Major Neston nicht erscheinen wird, meine Herren. Ich bin sein Adjutant und habe ihn seit Sonntagnachmittag nicht mehr gesehen.«

Walford und der Arzt richten erschreckte Fragen an den Besucher.

»Ich kann Ihnen leider nur wiederholen, daß ich Major Neston Sonntagnachmittag zuletzt gesehen habe. Er sagte, daß er nach Hause gehen wolle, aber in seiner Wohnung ist er nicht wieder gewesen. Sein Bursche hat ihn auch seitdem nicht wiedergesehen.«

»Ja, um Gottes willen, was ist denn geschehen?« fragt Lively erregt.

»Es war am Sonntag ziemlich starker Nebel,« antwortet Kelly. »Ich fürchte deshalb, dem Herrn Major könnte ein Verkehrsunfall zugestoßen sein. Das wäre aber auch nicht gut denkbar bei den paar Schritten von der Kaserne bis zu seiner Wohnung.«

»Haben Sie denn noch nicht bei der Polizei angefragt?« forscht Walford.

»Gestern nachmittag habe ich Scotland Yard angerufen. Ich hätte es schon früher tun sollen, aber ich nahm immer wieder an, der Herr Major würde sich einfinden.«

»Und wußte die Polizei nichts?«

»Nein, in Scotland Yard war nichts bekannt.«

Der Arzt mischt sich ein. »Wenn ein Unfall vorliegen sollte – und etwas anderes kann es ja nicht sein –, dann müßte man bei den Rettungswachen anfragen.«

»Wie stellst du dir das vor?« fragt Walford. »London hat eine Unzahl Rettungswachen, sicher weit über hundert. Und wenn Neston dahin gebracht worden wäre, dann hätten die doch sofort in der Kaserne angerufen.«

Lively wendet sich an Kelly. »War Neston im Waffenrock, als Sie ihn zuletzt sahen?«

»Nein. Er war nur eben in die Kaserne gekommen, um nach einer Übung zu fragen, die dann wegen Nebels abgesagt wurde.«

»Siehst du wohl, Bob. Wie sollte dann die Unfallwache darauf kommen, daß er Offizier sei?«

Walford muß trotz der ernsten Sachlage lächeln. »Indem sie einen Blick in seine Brieftasche werfen, mein lieber John.«

»Aber die kann man auch einmal zu Hause liegen lassen! Nein, Bob, das läßt mir keine Ruhe. Ich habe meinen Wagen unten stehen, ich fahre sofort zu den Rettungswachen herum, und wenn ich die ganze Nacht unterwegs bin.«

Walford seufzt. »Dann mache ich die Reise mit, das sind wir unserem Freund schon schuldig.«

Oberleutnant Kelly bittet, ihn zu benachrichtigen, wenn sie den Major gefunden haben. Die Freunde versprechen es und tauschen mit Kelly ihre Karte, damit auch er sie anrufen kann, wenn er etwas erfährt.

Bekümmert treten die Freunde ihre Rundfahrt an. Das ist der traurigste Pokerabend, seit sie sich kennen. – – –

Kurz nach 11 Uhr stoppt das Auto des Arztes vor seinem Haus in Tyburnia, dem neuen Stadtteil Londons. Dr. Lively klettert steifbeinig vom Führersitz, ihm folgt, gähnend, der Anwalt. James, der Fahrer, liegt hinten im Wagen und schläft so fest, daß sein Herr ihn nur mit Mühe wachrütteln kann. Bis Tagesanbruch hat der Brave den Wagen auf seiner endlosen Kreuz- und Querfahrt zu den Londoner Rettungswachen und Krankenhäusern geführt, dann ist er, als der Wagen vor einer Rettungswache hielt, einfach am Führersitz eingeschlafen. Er hat nicht einmal gemerkt, daß die Freunde ihn behutsam in den Wagen trugen. Leider hat er auch geschnarcht.

Dr. Lively hat ein ausgiebiges Frühstück und starken Tee zur Belebung ihrer Lebensgeister in der Küche bestellt. Bis das im Eßzimmer aufgetragen sein wird, hat der Arzt seinen Freund in sein Arbeitszimmer geführt.

Stumm sitzen beide vor dem Schreibtisch des Arztes und hängen ihren traurigen Gedanken nach. Die ganze Suche vergebens, nicht die geringste Spur ihres Freundes haben sie entdeckt! Als wenn der Major einfach vom Erdboden verschluckt wäre, denkt der Arzt, oder – von der Themse. Es ist furchtbar.

Walford muß ähnliche Gedanken gehabt haben, er seufzt auf und sagt tonlos: »Das Trostloseste dabei ist, daß man dem armen Neston nicht einmal einen Kranz hinbringen kann, einen Kranz mit schönen gelben Rosen, die er so sehr liebte.«

Das Frühstück ist fertig, die Freunde haben die Meldung des Mädchens erst ganz überhört. Sie gehen ins Eßzimmer und trinken Tee, das Essen rührt keiner an. Dazu rauchen sie, und Walford lächelt dankbar, als Lively ihm einen Brandy mit Zucker mischt und zuschiebt.

Am Nachmittag desselben Tages werden Walford und Lively telefonisch dringend nach Scotland Yard bestellt. Als Lively hinkommt, findet er den Juristen schon wartend vor; die Freunde drücken sich stumm die Hände. Die Polizei hat den Mörder des Majors gefaßt, deshalb sind sie hinbestellt worden.

Sie werden zu einem Hauptpolizei-Inspektor Turner geführt, den der Anwalt vom Kriminalgericht her kennt. Walford stellt den Arzt vor.

»Meine Herren,« sagt der Hauptinspektor, der ein ausgesprochenes Bulldoggengesicht hat, »wir haben den Mörder des Majors Neston! Schnelle Arbeit, nicht? – Ich habe Sie hergebeten, damit Sie uns angeben sollen, was von dem Eigentum des Majors fehlt.«

Der Beamte stellt einen Kasten vor die Freunde, in dem all die kleinen Dinge liegen, die ein Gentleman so in den Taschen zu tragen pflegt. Obenauf liegt ein Verzeichnis, das der Inspektor zur Hand nimmt, um Fehlendes anmerken zu können.

Der Arzt und der Anwalt betrachten wehmütig die Gegenstände in dem Kasten. Ja, da ist die Brieftasche, das Taschentuch, das Perlmuttermesser, Taschenspiegel und Kämmchen aus Schildpatt, das Einglas, das der Tote manchmal brauchte, wenn er sehr kleinen Druck lesen mußte, denn er war etwas weitsichtig. Sein Scheckheft liegt da, ein paar zerknitterte Omnibusfahrscheine und wahrhaftig sogar der Abriß der Eintrittskarte von der Vorstellung in der Agricultur-Hall. Aber die Uhr fehlt!

»Nun, meine Herren?« fragt der Hauptinspektor.

»Alles da,« antwortet der Anwalt sächlich. »Nur die goldene Uhr fehlt!«

Turner nickt. »Das wissen wir schon. Könnten Sie mir vielleicht noch angehen, welchen Barbetrag der Major bei sich hatte, als Sie ihn zuletzt sahen?«

Die Freunde sehen sich an und schütteln die Köpfe.

»Nur so ungefähr,« ermuntert der Beamte.

Walford antwortet: »Er hat immer nur etwas Kleingeld bei sich gehabt, Sir, denn er bezahlte natürlich mit Schecks auf seine Bank, wie das jeder tut. Ein paar Schillinge für Fahrgeld, höchstens so um ein Pfund herum, wird er bei sich gehabt haben; wer zählt denn das Kleingeld, das man in der Westentasche hat?«

Der Inspektor lächelt. »Sie dürften sich irren, wenigstens in diesem Fall. Major Neston hat gut dreißig Pfund in der Brieftasche gehabt; als wir sie dem Mörder abnahmen, war wenigstens noch soviel darin. Sehr schade, daß Sie nichts davon wissen, denn wir vermuten, daß der Betrag noch erheblich größer war und der Kerl den Hauptteil irgendwie beiseitegeschafft hat.«

Aber die Freunde können darüber keine Auskunft geben und drücken im Gegenteil ihre Verwunderung aus, daß der Major ganz gegen seine Gewohnheit einen solchen Betrag mit sich herumgetragen haben soll.

»Schade,« sagt der Inspektor, bedauernd. »Dann noch etwas. Der Halunke, den wir gefaßt haben, trägt sogar die Kleider des Ermordeten; eine unglaubliche Frechheit. Der Kerl behauptet, der Major habe sie ihm geschenkt, genau gesagt, er habe seine Kleider gegen die Lumpen des Mörders getauscht. Alles gelogen natürlich, versteht sich. Ich habe den Mann im Nebenzimmer. Ich werde ihn jetzt hereinführen lassen, und Sie haben die Güte, sich seine Kleidung genau anzusehen. Es dauert nur einen Augenblick, ich lasse ihn dann sofort wieder abführen.«

Der Inspektor drückt auf einen Klingelknopf, die Verbindungstür zum Nebenzimmer öffnet sich, ein stämmiger Polizist führt einen verstört aussehenden Menschen herein, der seine Augen ängstlich umherirren läßt.

Wahrhaftig, er trägt den grauen Regenmantel, den der Major zuletzt anhatte.

Auf einen Wink des Inspektors knöpft der Polizist den Mantel auf: Der Kerl hat auch den bräunlichen Anzug des Majors an.

Der Hauptinspektor wirft den Freunden einen fragenden Blick zu, sie nicken.

»Ich habe ihn doch nicht ermordet, er ...« wimmert der Mann kläglich und ringt die Hände.

»Ruhe!« schnauzt der Inspektor ihn an. Der Polizist schiebt den Häftling auf einen Wink aus dem Zimmer. Hauptinspektor Turner wirft einige Zeilen auf das Verzeichnis und bittet die Freunde zu unterschreiben; es ist die Bestätigung des Tascheninhalts und des Anzugs.

»Nun sagen Sie uns aber, Hauptinspektor, wie das alles gekommen ist,« bittet Walford. »Wie haben Sie den Mörder so schnell zu fassen bekommen?«

Turner lächelt. »Durch unsern Haupttrick, sozusagen, Sir, durch seine eigene Dummheit!

Sie haben mir bestätigt, daß bis auf die Uhr des Majors alles vorhanden ist. Diese Uhr aber hatte Neston am Freitag schon seinem Juwelier hingetragen, weil sie stark nachging. Bei ihrem letzten Zusammensein hat der Major die Uhr nicht mehr bei sich gehabt; darauf haben Sie natürlich nicht geachtet, meine Herren.

Und nun kommt etwas geradezu Hirnverbranntes. Der Mörder behauptet, wie ich Ihnen schon sagte, der Major hätte ihn im Westend-Park zum Kleidertausch aufgefordert. Dann will der Mörder, der sich zu seinem Entzücken plötzlich in einen Gentleman verwandelt sah – der Major sei dann angeblich einfach fortgegangen! –, bedauernd festgestellt haben, daß nur eine Kleinigkeit zu einem wirklichen Gentleman fehlte: eine Uhr.

In der Brieftasche hatte Neston ein ganz kleines Merkbuch – das will der Halunke mitgeschenkt bekommen haben, es ist toll! In dem Merkbuch steht unter anderem auch die Anschrift seines Juweliers. Nun stellen Sie sich das bitte vor: Der Mörder will sich eine Uhr kaufen und geht ausgerechnet in den Laden, den er im Merkbuch des von ihm Ermordeten angegeben findet! Etwas derart Blödsinniges habe ich von einem Mörder noch nicht erlebt.

Was nun in dem Laden kommt, ist klar. Der Inhaber sieht zu seiner Verblüffung einen fremden Menschen eintreten, der aber die Kleidung des ihm genau bekannten Majors trägt, dessen Brieftasche zückt usw. Der Mann wittert natürlich ein Verbrechen und hat die Geistesgegenwart, dem Kerl, der sich richtig eine feine Uhr ausgesucht hat, zu sagen, er möge in zwei Stunden wiederkommen, die Uhr müsse erst noch geölt werden.

Er kommt tatsächlich wieder in den Laden. Der Juwelier hatte natürlich inzwischen festgestellt, daß der Major vermißt wurde, und uns dann sofort angerufen; wir lauerten schon und nahmen den Kerl fest.«

Der Hauptinspektor lehnt sich in seinem Schreibtischsessel zurück und sieht die Freunde beifallheischend an. Aber die haben keinen Sinn für die »feine« Arbeit der Polizei, sie denken nur an ihren armen ermordeten Freund.

»Könnten wir den Toten einmal sehen?« fragt Dr. Lively gepreßt.

»Welchen Toten?« fragt der Inspektor erstaunt dagegen. »Ach so, Sie meinen den Major. Tja, die Leiche haben wir leider noch nicht finden können.«

»Hat der Schuft denn nicht gestanden, wo er ihn umgebracht hat? Ich meine, hat er nicht die Stelle beschrieben, wo der angebliche Kleidertausch erfolgt sein soll?«

»Doch, die Stelle hat er sehr genau beschrieben. Es ist eine verschwiegene Ecke im Westend-Park. Hinter einer Hecke von ausländischen Tannen steht da ein kleines Häuschen, in dem die Parkverwaltung Geräte zur Instandhaltung des Parks aufbewahrt. Der Ort wäre schon so recht geeignet für einen Meuchelmord. Wir haben den Mann hingeführt, er beschrieb alles haargenau, aber er blieb bei seinem Märchen von dem Kleidertausch. Einen Polizeihund hatten wir gleich mitgenommen, der konnte aber nichts finden, weil es die beiden letzten Tage dauernd geregnet hat. Wir suchten alles im Umkreis ab, vergeblich. An einer Stelle sah es so aus, als ob da frisch gegraben worden sei. Wir buddelten sofort nach, es war aber nichts.«

»Sie setzen die Nachforschungen doch fort?« fragte der Anwalt.

»Selbstverständlich, aber wir können schließlich nicht auf gut Glück den ganzen Westend-Park umgraben. Ich vermute überhaupt, daß der Mensch uns an eine Stelle geführt hat, die möglichst weit weg von der richtigen liegt.«

*

Abends besucht Walford seinen Freund. »Scotland Yard hat mich kurz vor Büroschluß schon wieder angerufen. Sie hatten eine Leiche aus der Themse gezogen, die nur Unterkleider anhatte, und baten mich hinzukommen.«

»War es Fred?« unterbricht Lively erschreckt.

»Zum Glück nicht! Der Mann sah ziemlich scheußlich aus, Kopf und Brust waren wie zerhackt. Ich dachte, die Mörder hätten den armen Kerl so zugerichtet, aber die Polizeibeamten klärten mich auf, daß er in die Schrauben eines Dampfers geraten sei. Jedenfalls, Fred war es nicht, in dem Zustand möchte ich unseren armen Freund auch nicht gern wiedersehen.«

Walford steckt sich eine Brasil an und sieht sich suchend auf der Schreibtischplatte um. Lively versteht den Wink, holt die Brandyflasche und setzt die Zuckerdose daneben.

»Danke dir,« sagt der Anwalt und mischt sich sein Lieblingsgetränk. »Ich habe mich über die Polizei geärgert, ich habe anderes zu tun, als Wasserleichen zu besichtigen. Turner war auch wieder da, ich fragte ihn, ob eine Belohnung ausgesetzt sei. Er meinte, das sei nicht mehr nötig, der Fall sei ja in der Hauptsache geklärt.

Nichts ist geklärt! Die Polizei hat einen Kerl gefaßt, der offenbar der Mörder Nestons ist; sehr gut. Aber es kann kein Verfahren auf Mord eröffnet werden, wenn die Leiche nicht gefunden und der Kerl nicht überführt wird. Der Schuft, der unseren Freund ermordet hat, soll und muß aber baumeln, das habe ich mir geschworen! Ich habe deshalb sofort eine Anzeige in die Zeitung setzen lassen, zwanzig Pfund Belohnung ausgesetzt und Freds Bild und Beschreibung abdrucken lassen.«

»Meinst du, daß etwas dabei herauskommen wird?«

»Warum nicht? Sicher haben doch eine Menge Menschen Neston am Sonntag gesehen, vielleicht fällt es jemand ein, wenn er jetzt meine Anzeige sieht. Ich möchte dir überhaupt vorschlagen, daß wir einen Detektiv nehmen. Die Polizei scheint sich darauf zu beschränken, den Menschen immer wieder zu vernehmen, der bleibt aber einfach bei seinem Märchen und lacht sich wahrscheinlich ins Fäustchen, daß die Polizei es ihm nicht widerlegen kann.«

»Hm, ich hatte auch schon daran gedacht. Je früher wir es tun, desto besser wäre es, denn je länger wir zögern, desto schwieriger wird natürlich die Nachforschung. Weißt du einen tüchtigen Detektiv, Bob?«

»Ich glaube, ja. Da ist ein gewisser Hunt, ein Amerikaner, der früher drüben bei Pinkerton war. Er ist nach London übergesiedelt, weil er drüben in den Staaten den Gangsters das Leben so schwer gemacht hat, daß sie dauernd versucht haben, ihn um die Ecke zu bringen. Ich selbst kenne ihn nicht, aber Miles, der Reeder, lobte Hunt sehr, weil er einmal eine böse Sache für ihn äußerst geschickt erledigt hat.«

»Weißt du Hunts Wohnung?« fragt der Arzt.

»Ich kann sie in meinen Akten nachsehen; Miles' Rechtsstreit wurde durch Hunts Eingreifen entschieden, es ist eine ganze Reihe von Berichten des Detektivs bei den Akten.«

»Gut,« nickt Lively. »Dann gehe morgen früh bitte mal zu Hunt und frage ihn, ob er unseren Fall übernehmen möchte! Die Kosten teilen wir uns natürlich.«

Als Walford am anderen Morgen sein Büro in Temple Chambers betritt, sagt sein Bürovorsteher: »Eine junge Dame sitzt schon fast eine Stunde im Wartezimmer, Sir. Sie sagt, sie käme wegen der Anzeige.«

Walford freut sich. »Sehr gut! Lassen Sie sie bitte gleich herein!«

Ein junges Mädchen betritt etwas schüchtern das Sprechzimmer des Anwalts. Sie sieht nett angezogen aus, macht aber doch einen ziemlich dürftigen Eindruck. Walford schätzt sie auf eine Verkäuferin ein, bietet ihr höflich einen Stuhl an und fragt: »Nun, mein Fräulein, was bringen Sie mir?«

»Ich komme wegen Ihrer Anzeige, Sir. Ich meine, die Anzeige wegen des verschollenen Majors Neston. Sie haben Sie doch eingesetzt, nicht wahr?«

»Ganz recht, Miß. Und was können Sie mir dazu berichten?«

»Ich habe den Herrn Major gesehen!« erzählt das Mädchen eifrig. »Ich hatte mich Sonntagnachmittag im Westend-Park verabredet, wir wollten uns um 16 Uhr an dem kleinen Springbrunnen treffen. Fast eine halbe Stunde habe ich gewartet, aber Jimmy kam nicht. Ich ging erst immer langsam um den Springbrunnen herum, dann wurde ich aber ärgerlich und ging weiter in den Park hinein.

Da kam der Herr Major aus einem Seitenweg und ging dicht vor mir über meinen Weg. Er fiel mir auf, weil er so ein merkwürdiges Gesicht machte, ich dachte mir: Der ist auch versetzt worden! Ich ging hinter ihm her, ohne mir etwas dabei zu denken. Der Herr Major ging langsam und sah immer vor sich hin, er hat sicher irgendeinen Kummer gehabt.«

Walford unterbricht das Mädchen. »Sind Sie denn ganz sicher, Miß, daß es wirklich der Major war?«

»Natürlich, er war genau so angezogen, wie Sie es in der Anzeige beschrieben, ich habe auch sein Gesicht gleich wiedererkannt, als ich das Bild sah.«

»Gut. Und wann war das? Sagten Sie nicht, Sie hätten sich für 16 Uhr verabredet?«

»Ja, für 16 Uhr an dem kleinen Springbrunnen im Westend-Park. Bis fünf Minuten vor halb wartete ich, das weiß ich ganz genau, denn ich sah dauernd auf meine Armbanduhr. Dann ging ich weg. Gleich darauf sah ich den Herrn Major. Nach der Uhr gesehen habe ich natürlich nicht, aber es war höchstens drei oder vier Minuten danach, also ziemlich genau um 16 Uhr 30. Gleich darauf bin ich nach Hause gegangen.«

Walford schreibt sich die Angaben auf.

Das Mädchen erhebt sich zögernd und fragt, ob sie die ausgesetzten 20 Pfund gleich mitnehmen könnte.

»Mein liebes Fräulein,« antwortet Walford mit einiger Verlegenheit. »Ich habe die 20 Pfund für Mitteilungen ausgesetzt, die zur Auffindung der Leiche und des Mörders führen. Das kann man von Ihrer Angabe nun nicht behaupten. Immerhin ist mir Ihre Mitteilung wertvoll, ein Viertel der Belohnung will ich Ihnen gern zubilligen.«

Walford reicht ihr das Geld hin, das Mädchen nimmt es mit freudigem Erröten und verabschiedet sich, nachdem sie Walford noch ihre Anschrift gegeben hat.

Der Anwalt läßt sich die Akten Miles bringen und sucht sich die Wohnung des Detektivs Hunt heraus. »Jetzt haben wir wenigstens die Gewißheit, daß Fred im Westend-Park gewesen ist,« murmelt Walford befriedigt vor sich hin. »Nun wollen wir unsern ›Hund‹ mal sofort auf die Spur hetzen.«

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