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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 2
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
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I.

Der Arzt Dr. Lively und der Rechtsanwalt Walford sitzen – oder richtiger liegen – in ihren Klubsesseln im Lesezimmer des St.-James-Klubs. Beide sind alte Freunde, deshalb trinkt Lively auch einen Brandy mit Zucker, obwohl er ihn scheußlich findet; aber sein Freund hat sich einen Brandy mit Zucker bestellt.

Die beiden Freunde sind eigentlich in jeder Hinsicht die größten Gegensätze, von denen es ja aber heißt, daß sie sich anziehen. Der Anwalt ist der Ältere, schon Anfang Fünfzig, überlang und dürr, mit scharfen Gesichtszügen und ebenfalls dunklen Augen. Die Haare sind dunkel, ziemlich lang und immer etwas zerzaust. Der Herr Jurist hat in seinem ganzen Wesen überhaupt etwas Zerzaustes, dabei ist er aber, wo es nötig ist, äußerst zielbewußt und tatkräftig und einer der gesuchtesten Anwälte Londons.

Der Arzt Lively ist Ende Dreißig, klein von Gestalt und neigt etwas zur Rundlichkeit. Die Augen sind hell und freundlich, das etwas spärliche blonde Haar sorgfältig gescheitelt. Die ganze Erscheinung ist sehr gepflegt – was sich von seinem Freund Walford nicht gerade behaupten läßt –, ohne dabei aber ins Geckenhafte zu fallen. Auffällig ist der etwas träumerische Blick der freundlichen blauen Augen.

Lively nippt an seinem Brandy und schüttelt sich nach einem vorsichtigen Seitenblick auf seinen Freund, aber der ist völlig in die letzte Ausgabe der »Times« versunken.

»Neston könnte wirklich bald kommen, wir versäumen sonst noch die halbe Vorstellung.«

Walford sieht auf und schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Donnerwetter, das hätte ich richtig beinahe vergessen! Der Major rief mich in meinem Büro an und sagte, er würde wahrscheinlich erst später kommen. Sie haben da im ›Army and Navy-Klub‹ eine Besprechung wegen des Waffenstillstandstages, wollen eine eigene Abordnung schicken und so. Fred meinte, wir sollten ruhig zur Agricultur-Hall fahren, er käme dann nach.«

»Nur gut, daß dir das jetzt einfällt, mein lieber Bob,« antwortet Lively gutmütig. »Sonst hätten wir hier bis Mitternacht auf Fred warten können. Also dann los, mein Wagen steht unten!«

Walford hat sich kaum richtig ins Auto gesetzt, als er sich auch schon eine seiner geliebten pechschwarzen Brasilzigarren anzündet. Zur Hälfte raucht er sie, zur anderen Hälfte kaut er sie nervös auf, gewöhnlich aber wirft er sie schon sehr bald fort, und zwar mit Vorliebe in einen Papierkorb. Seine Freunde kennen das schon und haben neben ihren Papierkörben immer eine Kanne mit Wasser stehen.

Lively beobachtet argwöhnisch die qualmende Zigarre, denn der Plüsch seines Wagens ist gerade ganz neu aufgezogen, und steckt sich zur Gesellschaft eine Zigarette an. Eine Brasilzigarre zu rauchen, dazu kann er sich trotz aller Freundschaft nicht aufschwingen.

»Eigentlich möchte ich wissen, weshalb wir jetzt die halbe Weltreise nach Islington machen,« brummt Walford mißvergnügt. »Was soll man aber schließlich vor Langeweile anfangen, Oktober ist wirklich der langstieligste Monat im ganzen Jahr.«

Lively wird lebhaft. »Ich bin sogar sehr neugierig, einen echten Fakir sieht man doch nicht alle Tage! Es beschäftigt mich zudem auch vom ärztlichen Standpunkt, ganz London spricht ja schon von den fabelhaften Sachen, die er vorführt.«

»Pah! Worüber reden die Londoner nicht? Und im übrigen: Ich habe noch nie gehört, daß ein indischer Fakir in Europa herumhausiert und Vorstellungen gibt. Glaubst du vielleicht, daß dieser verbürgt echte indische Yogi Bairab etwa anderes ist als ein besonders gerissener Gauner? Glaubst du das, teurer Freund? Ich nicht! Wollen wir wetten, ja?«

Das Auto geht etwas scharf um eine Ecke. Der Arzt rutscht dem Anwalt unsanft in die Arme, die teure Brasil fällt funkensprühend auf den Teppich, und beide wetteifern, die Funken auszutreten. Die Wette unterbleibt infolge dieses Zwischenfalls. – – –

Vor der Landwirtschaftshalle in Islington geht es sehr lebhaft zu. Eine Unzahl Autos ist vorgefahren, Menschen drängen sich vor dem grell erleuchteten Eingang, die Omnibusse laden immer neue Menschenmassen ab.

»Suchen Sie den Parkplatz, James, aber nicht vergessen, den Wagen abzuschließen,« sagt Lively zu seinem Fahrer. »Dann können Sie auch in die Vorstellung gehen.«

In der riesigen Halle finden die Freunde mit Mühe noch einen kleinen Tisch für sich allein. Gerade setzt die Musik ein, spielt einen kurzen aufreizenden Marsch und bricht plötzlich mit einem schrillen Mißklang ab. Im gleichen Augenblick erlischt fast die ganze Beleuchtung, dafür flammen von der Kuppel Scheinwerfer auf und beleuchten grell die inmitten der Halle aufgebaute Bühne, die wie ein gedrungener indischer Tempelturm aussieht. Ein schmetternder Gongschlag ertönt, eine Rauchwolke pufft auf der Bühne auf. Wie sie langsam verweht, steht mitten auf dem Tempelturm mit zum Himmel erhobenen Armen starr und regungslos der Yogi Bairab, zu seinen Füßen kauert eine verhüllte Frauengestalt.

»Fabelhaft!« sagt der Arzt begeistert.

»Die Aufmachung ist sehr ordentlich,« stimmt Walford nüchterner zu. »Fragt sich nur, ob der Indienmann auch etwas leistet, dann kann er sich von mir aus die ganze Aufmachung sparen.« Eine merkwürdige Musik setzt ein, erst ganz leise und dünn, dann schwellen die Akkorde an und brausen durch die mächtige Ausstellungshalle. Der Fakir steht immer noch regungslos mit erhobenen Armen.

»Höre nur,« sagt Lively entzückt. »Das ist indische Musik. Ist das nicht, als ob diese sonderbaren Akkorde zum Himmel aufsteigen, sich verweben und wieder zur Erde zurückfluten?«

»Hm, ich weiß nicht. Mir persönlich geht nichts über Dudelsackmusik. Und Takt muß drin sein, der einem ordentlich in die Knochen fährt. Das hier geht ja alles durcheinander.«

»Du bist ein Banause, Bob!« fährt es Lively in ehrlicher Entrüstung heraus.

Der Jurist lächelt ungerührt und steckt sich umständlich eine neue Brasil an. »Ein wahres Glück, daß man in der Landwirtschaftshalle rauchen darf, der Geruch von den Viehausstellungen, die sonst hier veranstaltet werden, ist mir immer peinlich. Ich liebe Ochsen nun mal nur in Form von Beefsteaks.«

Lively hört gar nicht hin und lauscht versunken den verklingenden Akkorden.

Die Musik schweigt, der Inder steht immer noch regungslos.

»Jetzt kommt totsicher eine halbe Stunde Aufklärung über Indien, über Buddhismus, Fakire und so. Wollen wir wetten, John?«

Aber es kommt nichts davon. Der Inder läßt die Arme sinken und kreuzt sie über der Brust, die zu seinen Füßen kauernde Frauengestalt erhebt sich. Mit einer sanften hellen Frauenstimme – es klingt fast wie eine Kinderstimme – sagt sie: »Yogi Bairab grüßt alle. Er bittet einen Herrn, zu ihm auf die Bühne zu kommen.«

Die sanfte Stimme wirkt ganz eigenartig in dieser Umgebung. Auch die Sprache ist auffallend, es ist zwar bestes Englisch, aber es sind eigentümliche weiche Gaumentöne dazwischen.

Die beiden Freunde haben zur Not noch verstanden, was das Mädchen sagte, aber aus den Ecken der weiten Halle ertönen überall Zurufe: »Lauter! Wir können nichts verstehen!« Das muß wohl jeden Abend dasselbe sein, denn schon steht ein Mann mit einem Sprachrohr auf der indischen Bühne und brüllt die wenigen Worte durch ein Megafon.

Ein Raunen geht durch den Raum, aber niemand meldet sich.

Endlich erhebt sich nach einigem Zureden des Megafonmannes ein junger Herr, der seinen Platz dicht vor der Bühne hat, und geht zögernd hinauf.

Was nun kommt, ist ganz einfach. Der Inder sagt etwas, und das Mädchen bittet den Herrn, einen Stuhl auf die Bühne zu bringen, irgendeinen Stuhl. Der Stuhl wird von dem Herrn auf die Bühne gesetzt, der junge Herr darf wieder gehen.

Der Fakir murmelt, es mögen indische Beschwörungsformeln sein. Die Zuschauer warten gespannt auf die Übersetzung der Inderin, aber die hat sich wieder niedergekauert und regt sich nicht.

Da hebt der Fakir langsam den rechten Arm – und gleichzeitig hebt sich der Stuhl auf der Bühne! Ein verwundertes »Ah!« geht durch den Zuschauerraum. Der Stuhl hebt sich immer deutlicher, jetzt schwebt er viele Meter hoch über dem Boden. Dann bleibt der Stuhl – es ist ein gewöhnlicher hölzerner, sogenannter Wiener Kaffeehausstuhl – einfach in der Luft schweben und schwankt kaum merklich hin und her.

Wieder geht ein Raunen durch den Zuschauerraum, an einigen Stellen setzt schüchternes Klatschen ein, dann klatscht plötzlich alles wie besessen, und viele Zurufe werden laut, die aber in dem allgemeinen Beifallssturm niemand verstehen kann.

Der Inder läßt langsam den Arm sinken, der Stuhl senkt sich und setzt mit hörbarem Laut auf dem Bretterboden auf. Der Inder kreuzt die Arme über der Brust und verneigt sich, ohne eine Miene zu verziehen, stumm nach allen Seiten. Der Beifallssturm braust noch einmal auf.

»Mumpitz!« knurrt Walford und kaut an seiner Zigarre. »Natürlich hängt von der Kuppel ein schwarzer Stahldraht herunter, der in die Lehne des Stuhls eingehakt wird. Wenn dann der Indienmann den Arm hebt, dann zieht ein Kerl den Draht hoch; ganz gewöhnlicher Schwindel.«

»Aber der Fakir hat den Stuhl doch überhaupt nicht angefaßt! Oder glaubst du vielleicht, daß der Draht schon im Saal an dem Stuhl befestigt war?«

Der Rechtsanwalt lächelt nachsichtig. »Nein, mein teurer John. Der nette junge Mann, der den Stuhl hinauftrug, hat den Draht eingehakt. Er ist natürlich ein bezahlter Helfer, und wenn du dir den Rummel nochmal ansehen willst, so wirst du zu deiner Verwunderung auch denselben jungen Mann wieder den Stuhl hinauftragen sehen. Das heißt, wenn die Leute schlau sind, nehmen sie jeden Abend einen anderen; es gibt in London Arbeitslose genug, die gern auf so leichte Art einen Schilling verdienen.«

*

Da geschieht etwas Merkwürdiges. Der Fakir hat sich langsam zu dem Tisch der beiden Freunde umgedreht und sagt etwas zu dem Mädchen, das sich erhebt und ebenfalls nach dem Tisch sieht. Die Inderin hebt ihre Hand und sagt: »Der große Herr dort glaubt nicht, daß der Stuhl von selbst in der Luft schwebt. Yogi Bairab bittet den Herrn, herzukommen und sich zu überzeugen.«

Schon brüllt der Megafonmann die Worte durch die Halle.

Alles sieht nach dem Tisch der Freunde, Walford ist vor Überraschung hochgefahren und wirft seine Brasil mit einem Fluch fort. Die brennende Zigarre fliegt einer Dame am Nebentisch beinahe auf das Kleid. Lively springt erschreckt auf, entschuldigt sich für seinen Freund und tritt die Zigarre aus.

»Der große Herr?« ruft eine Stimme aus dem Zuschauerraum und lacht meckernd. »Das ist doch unser allseits verehrter Anwalt Walford.«

Höhnisches Klatschen setzt ein, Walford wird puterrot. »Das war Maxwell,« flüstert er dem Arzt wütend zu. »Morgen lachen alle Richter und Anwälte Londons über mich.«

Der Megafonmann brüllt: »Bitte die Herrschaften freundlichst Platz zu machen, der Herr wünscht auf die Bühne zu kommen!«

Walford flucht, aber es hilft ihm nichts. Aller Augen sind auf ihn gerichtet, wenn er sich nicht lächerlich machen will, muß er dem Ruf folgen. Walford ersteigt also die Bühne, besichtigt den Stuhl, hebt ihn auf und stellt ihn kopfschüttelnd wieder hin. Seine Augen suchen die Kuppel ab, aber es ist kein geschwärzter Stahldraht zu sehen – Kunststück übrigens bei dem blendenden Scheinwerferlicht. Die Bande hat den Draht natürlich sofort hochgezogen, mutmaßt Walford, und ich bin der Dumme.

»Yogi Bairab sagt,« erklärt die Inderin, »der Herr könne den Stuhl, den er eben in der Hand hatte, nicht nochmals aufheben, wenn Bairab es nicht wolle.«

»Wetten, daß?!« stößt Walford ärgerlich hervor. »Ich wette 10 Pfund, daß ich mit dem Stühlchen da Fangball spiele, wie ich will.«

Sofort steht ein Herr des Unternehmens auf der Bühne. »Fakir Bairab weiß nicht, was wetten ist. Aber ich nehme namens der Verwaltung der Hall Ihre Wette an, Mr. Walford. Wir setzen 100 Pfund gegen Ihre 10!«

Der Megafonmann schreit das in die Halle, johlender Beifall tobt los, denn für eine Wette sind Engländer immer zu haben.

Walford sieht kein Zurück und schlägt in die dargebotene Hand des Geschäftsführers ein. Er geht mit einigen schnellen Schritten auf den Stuhl zu, legt die Hand auf die Lehne.

Da hebt auch der bisher regungslose Fakir die Hand.

Walford ist es, als ob plötzlich alles in einem Nebel versinke, er sieht nur noch den Fakir und dann auch den nicht mehr, sondern nur ein riesengroßes loderndes Auge, das immer näher kommt.

Die Zuschauer sehen nichts davon, sie sehen aber, wie Walford anscheinend mit aller Kraft an dem Stuhl zu rücken versucht. Aber der Stuhl rührt sich nicht, er steht wie angenagelt. Der Fakir wirft seiner Partnerin ein paar Worte zu. Die Inderin ruft: »Erst wenn Yogi Bairab die Hand sinken läßt, wird der Stuhl sich wieder bewegen.«

Walford hört nichts davon, er quält sich mit dem verhexten Stuhl, daß ihm dicke Schweißperlen auf die Stirn treten.

Da läßt der Fakir die Hand sinken. Im gleichen Augenblick fällt Walford mit dem krampfhaft festgehaltenen Stuhl der Länge nach hin, daß es nur so kracht.

Brausender Beifall rauscht auf, in den sich Gelächter mischt. Walford erhebt sich taumelnd und sieht sich verwirrt um. Ein Boy springt schnell auf die Bühne und bürstet den bestaubten Anwalt ab.

Walford verläßt fluchtartig die Bühne, von höhnischem Beifallklatschen bis an seinen Tisch verfolgt, Dort wartet mit höflichem Lächeln der Geschäftsführer. Walford zieht seine Brieftasche und reicht ihm stumm eine Zehnpfundnote. Der Geschäftsführer verbeugt sich dankend, besteigt die Bühne und schwenkt die Banknote. Die Kapelle bläst einen Tusch.

Walford knurrt wütend: »Wenn jetzt wenigstens das Mondkalb, der Maxwell, eine anzügliche Bemerkung machen würde, damit ich ihm an den Hals gehen könnte. Aber jetzt kneift er natürlich.«

Die Vorstellung geht weiter, es folgen einige der bekannten indischen Fakirkunststücke.

Die Freunde fühlen sich unbehaglich und verhalten sich still, zum Glück achtet niemand mehr auf sie, alles folgt nur noch gespannt den Vorgängen auf der Bühne.

Lively stößt seinen Freund an. »Ist das nicht Neston? Gleich da links neben dem Eingang? Ich glaube, er sucht uns.«

Walford sieht hin. »Natürlich!« Und lebhaft, wie er nun einmal ist, legt er die Hände an den Mund und ruft: »Hallo, Neston! Hier sind wir!« Verschiedene Leute drehen sich unwillig nach dem Rufer um. Walford, der aufgestanden ist, um nach der Tür zu winken, setzt sich schnell wieder hin; er hat von dem einen Reinfall genug und ärgert sich, schon wieder die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben.

Zum Glück hat Major Neston, der natürlich nicht seinen Waffenrock trägt, den Zuruf gehört und bahnt sich einen Weg zum Tisch seiner Bekannten.

Auch der Fakir scheint durch den Ruf des Anwalts gestört worden zu sein. Er kreuzt die Arme über der Brust und sieht starr nach dem Major, der unter fortwährenden Entschuldigungen langsam zu seinen Freunden vordringt. Neston läßt sich aufatmend nieder. »Verzeiht bitte, aber ich konnte nicht früher weg, wir hatten eine ziemlich lange Besprechung wegen unserer Kränze und Abordnungen für den Waffenstillstandstag. – Schon lange angefangen hier, wie?«

»Die Hauptsache hast du leider versäumt,« erklärt Lively und sieht den Anwalt von der Seite an.

»Meine Pleite kann ich unserem Freunde Neston nachher selber erzählen,« sagt Walford ablenkend. Wir wollen jetzt lieber ruhig sein, damit Fred auch noch etwas für sein Geld zu sehen bekommt.«

Die Vorführung nähert sich ihrem Ende, es kommt nichts Besonderes mehr vor, auch keine für die Zuschauer stets so erfreulichen Zwischenfälle, wie der mit Walford, ereignen sich.

Zum Abschluß erklärt die Inderin, daß Fakir Bairab bereit sei, einigen der Anwesenden zu weissagen. Es entsteht ein allgemeines Gedränge zur Bühne, aber die meisten kommen nicht auf ihre Rechnung. Pagen verteilen schnell die Losröllchen, fast alles sind Nieten, nur sieben Personen, die das Glück hatten, eine Nummer in ihrer Rolle zu finden, werden auf die Bühne gelassen.

Der Inder sieht jeden der Gewinner eine kurze Zeit starr an und sagt ihnen dann allerhand Einzelheiten aus ihrer Vergangenheit und Zukunft. Die Inderin mit ihrer sanften Stimme übersetzt, der Megafonmann brüllt die Weissagung in die Halle. Das Spannendste ist dabei die Beobachtung der Gesichter der Männer und Frauen, denen der Fakir wahrsagt. Die meisten machen verdutzte Gesichter und drücken sich schnell von der Bühne. Einigemal lachen die Zuschauer schadenfroh, als der Megafonmann peinliche Einzelheiten aus der Vergangenheit schonungslos in den Riesenraum schreit.

In einem Fall weigert sich Bairab zu weissagen. Es handelt sich um einen gutgekleideten älteren Herrn, der ein so nichtssagendes Gesicht hat, daß niemand versteht, wie jemand ihm etwas Geheimnisvolles wahrsagen könne. Aber der Fakir lehnt beharrlich ab, und die Inderin erklärt nur mit leiser Stimme, Bairab sage, der Herr trage das Zeichen Durgas, andere Erklärungen sind von ihr nicht zu erlangen.

Der unscheinbare Herr verläßt sichtlich enttäuscht die Bühne. Die Musik setzt wieder ein und spielt indische Weisen, die unmerklich in einen Marsch übergehen, den »Rausschmeißer«, wie man zu sagen pflegt. Die Scheinwerfer sind erloschen, an ihre Stelle ist wieder die gewöhnliche Saalbeleuchtung getreten. Der Fakir und seine Partnerin sind von der Bühne verschwunden, ohne daß jemand ihr Abtreten bemerkt hat.

*

Die drei Freunde sitzen noch an ihrem Tisch und warten, bis sich das allgemeine Gedränge nach den Ausgängen verlaufen hat.

Walford hat sich die soundsovielte Brasil angezündet und fragt den Major: »Was bedeutete das eigentlich mit dem Zeichen Durgas, von dem die indische Maid da etwas flüsterte, als der Fakir sich weigerte, dem Dicken zu weissagen? Irgend so ein geheimnisvoll sein sollender Quatsch, nicht wahr?«

Neston schüttelt den Kopf. »Durga ist die Göttin des Todes, die ›Vernichterin alles Lebens‹, wie die Inder sich ausdrücken. Möglich, daß der Fakir ihr Zeichen auf der Stirn des Mannes sah und sich scheute, ihm seinen Tod zu wahrsagen. Ich habe ähnliche Dinge in Indien oft genug erlebt.«

Lively wendete sich lebhaft an den Major: »Erkläre mir das bitte, Fred!«

Neston zuckte die Achseln. »Was soll ich dir erklären, die Inder lassen uns nicht viel hinter ihre Geheimnisse sehen. Nach meinen Beobachtungen behaupten die indischen Fakire – und dieser Bairab schien mir tatsächlich ein Fakir zu sein –, sie sähen auf der Stirn von Menschen, die bald sterben müssen, das Zeichen der Göttin Durga leuchten. Ich habe das natürlich nie selbst gesehen und habe auch keine Ahnung, wie es aussehen soll. Jedenfalls, je deutlicher dieses Zeichen sei, desto schneller soll der Gezeichnete sterben müssen.« Der Major sieht nachdenklich vor sich hin. »Ich war ziemlich lange in Indien und habe merkwürdige Dinge genug erlebt. Schon möglich, daß der Yogi das Zeichen gesehen hat und der Mann bald sterben wird. Wer weiß, wer will das auch nur untersuchen können?«

Als die Freunde vor der Landwirtschaftshalle in den Kraftwagen des Arztes steigen wollen, zupft James seinen Herrn leicht am Ärmel. »Verzeihung, Herr Doktor, der Indienmann ist hinter uns her.«

»Unsinn! Wie kommen Sie darauf, James?«

»Er stand plötzlich am Hauptausgang und wartete, bis Sie mit Herrn Walford und Major Neston herauskamen,« flüsterte James. »Dann ging er uns nach zum Wagen. Da drüben in der Nische steht er und beobachtet uns.«

Lively sieht unauffällig hin. Eine dunkle Gestalt steht tatsächlich da, aber ob es der Inder ist, läßt sich nicht unterscheiden. Trotzdem überläuft den Arzt ein unheimliches Gefühl.

Ein vielstimmiger Aufschrei schrillt von einem der Nebeneingänge, Rufe nach einem Arzt werden laut.

Dr. Lively stürmt sofort zur Stelle, an der jedenfalls ein Unfall geschehen ist; seine Freunde folgen.

Vor den Stufen des Nebeneinganges steht ein dichter Kreis von Menschen. Als Lively seinen Beruf nennt, macht man ihm bereitwilligst Platz. Lively sieht einen Mann flach auf dem Pflaster liegen und beugt sich über ihn.

Die Umstehenden unterhalten sich erregt darüber, daß der Verunglückte aus der Halle gekommen sei. In dem Augenblick, wo er den Fahrdamm betreten habe, sei er ausgerutscht und von einem Autobus überfahren worden, der aber ganz langsam und im vorschriftsmäßigen Abstand gefahren sei. Der Autobus steht im Hintergrund, die Fahrgäste drängen sich um den Verunglückten, neben dem Lively kniet. Der Führer des Wagens steht auch dabei, ringt die Hände und beteuert immer wieder seine Unschuld an dem schrecklichen Unfall. Polizisten kommen, und auch ein Polizeiarzt ist plötzlich zur Stelle; wahrscheinlich hat er Dienst in der Vorstellung gehabt. Der Verunglückte ist tot, die schweren Räder des Omnibusses sind ihm mitten über die Brust gegangen.

Schweigend gehen die Freunde zu ihrem Wagen zurück.

»Habt ihr euch den Mann angesehen?« fragte der Major, als das Auto anfährt.

»Nein, wieso? Kanntest du ihn vielleicht?«

»Wir kennen ihn alle drei,« antwortete der Major heiser. »Es war der Herr, dem der Fakir nicht wahrsagen wollte, weil er das Zeichen der Todesgöttin trage!«

»Mein Gott!« stößt Walford hervor und schleudert seine Zigarre aus dem Fenster. »Wahrhaftig, er war es! Jetzt, wo du es sagst, kommt es mir auch zum Bewußtsein.«

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