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Das Auge des Yogi

E. W. A. Reinhart: Das Auge des Yogi - Kapitel 13
Quellenangabe
authorE. W. A. Reinhart
titleDas Auge des Yogi
publisherZeitschriftenverlag Aktiengesellschaft
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectidf378cea7
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Ausklang

Als Hunt das Büro Walfords in Temple Chambers betritt, sitzt da schon ein Herr, der ihm bekannt vorkommt. »Hallo, Mr. Neston!« ruft Hunt erfreut aus und reicht ihm die Hand. »Wie geht's Ihnen?«

Major Neston zerquetscht dem Detektiv beinahe die Hand und spricht ihm in der herzlichsten Weise seinen Dank aus.

Hunt wehrt ab. »Habe Sie eigentlich ja gar nicht gefunden, Sir, Sie sind doch von selbst wiedergekommen. Aber in Frankfurt habe ich ganz was Feines gefunden! Mr. Lively hat es doch sicher schon berichtet?«

»O yes,« antwortet Walford schmunzelnd. »Ich habe in meinem Leben noch kein so langes Telegramm bekommen. John scheint sich Hals über Kopf verliebt zu haben.«

»Es scheint nicht nur so,« bestätigt Hunt lächelnd. »Ich war eben in dem Haus des Doktors. Du meine Güte, ist das da eine Wirtschaft! Ein Scheuerweib hat mir die Stiefel vollgegossen, als ich ahnungslos die Treppe hinaufging. – Aber ich wollte Ihnen von Morris berichten: Er ist wieder ganz in der Reihe, ich habe ihn mit dem Pulver des Yogis, das Walker von Marseille brachte, tadellos verarztet.«

»Fabelhaft! Und wie haben Sie das fertigbekommen?«

»Oh, ganz einfach. Ich hatte eine Flasche Whisky gekauft und ging damit zu ihm, er wohnt ja wieder in seinem Haus; die beiden Söhne der grünen Insel, sein Diener O'Grady und mein Mann, O'Flanagan, waren bei ihm. Sagte ihm also, wir wollten einen Whisky zusammen trinken, hatte ihm aber vorher das Zauberpulver in sein Glas gemischt. Er trinkt und sackt zusammen, mir wurde himmelangst. Aber dann kam er wieder zu sich und wurde plötzlich ganz munter. Er war etwas verwundert und fragte so allerhand, ich sagte ihm, was ich für nötig und richtig hielt.«

»Haben Sie ihm auch schon gesagt, daß seine Tochter wieder aufgefunden ist, Sir?« fragt Neston. »Ich erinnere mich noch sehr genau an das reizende kleine Mädel, sie nannte mich immer zärtlich ihren Oheim Neston.«

»Auch bestens erledigt. Wie er wieder munter war, stellte ich mich vor das große Ölbild und sagte, die Lady sei inzwischen noch hübscher geworden. Da sieht Morris mich ganz groß an und sagt, das sei doch seine Frau, und die sei schon lange tot. Oh, sage ich, ich hätte gedacht, das sei seine Tochter, die sich da eben mit dem Doktor Lively, der in der Nebenstraße wohnt, verlobt hätte. Da hätte der Oberst beinahe wieder schlappgemacht, aber dann fragte er so viel, daß ich Mühe hatte, ihm alles der Reihe nach zu erzählen. Well, wir haben dann zusammen die Whiskyflasche ganz ausgetrunken, O'Grady wischte sich immer über die Augen, er sagte, das käme daher, daß der Whisky eine so besonders feine Marke wäre.«

»Gott sei Dank!« sagt Walford erleichtert. »Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen, wie man Morris das geschickt beibringen sollte. Das wäre also auch glücklich überstanden.«

Hunt wendet sich an Neston. »Sagen Sie, Major, haben Sie den armen Kerl schon herausgeholt, den Scotland Yard als Ihren Mörder eingesperrt hatte?«

»Jawohl! Ich bin mit Walford am Sonntagabend noch hingegangen, er wurde sofort freigelassen. Mein Merkbuch habe ich mir wiedergeben lassen, den Anzug und das andere habe ich dem armen Menschen geschenkt, er hat genug Angst meinetwegen ausgestanden. Ich habe ihm deshalb auch das Geld gelassen, genau betrachtet hatte er alles ja schon vorher geschenkt bekommen.«

»Und weshalb hatten Sie die dreißig Pfund eingesteckt? Wir hatten schon die geistreichsten Vermutungen daran geknüpft.«

»Zufall, Mr. Hunt. Der Zahlmeister war erkrankt. Sein Vertreter wußte nicht, daß ich mir mein Gehalt immer auf die Bank überweisen ließ, und brachte es mir. Ich steckte das Geld ein und wollte es dann am Montag selbst auf die Bank bringen.«

Hunt nickt befriedigt. »Dann wäre also alles in schönster Ordnung, Sirs?«

»Halt!« antwortet Walford. »Haben Sie einen Frack, Sir?«

»Ich? No, Sir, ich bin Amerikaner, wir erledigen drüben das meiste in Hemdsärmeln, wozu sie sich hier einen Frack anziehen. Nehme an, Sie haben es inzwischen schon gelegentlich bemerkt, daß ich leider kein Gentleman aus dem Alten Land bin, sondern ein Yankee; fühle mich aber ganz wohl dabei.«

Walford lacht. »Sie werden doch hoffentlich nicht in Hemdsärmeln in die Kirche gehen wollen?«

»No, Sir, habe durchaus nicht die Absicht, in eine Kirche zu gehen.«

»Sie werden wohl müssen! Übermorgen ist die Trauung meines Freundes John mit Ethel Morris angesetzt. Ethel besteht darauf, daß Sie Trauzeuge sind, Mr. Hunt.«

Der Detektiv kratzt sich das Kinn. »So, die Lady besteht darauf? Dann wird sich James J. Hunt wohl schnell einen Frack pumpen müssen.«

*

In dem Haus des Doktors sieht es wirklich toll aus.

Überall surren Staubsauger, Wasserströme ergießen sich über Dielen und Treppen, neue Gardinen werden aufgesteckt, und im zweiten Stock, wo die Fremdenzimmer liegen, ist sogar eine Wand herausgeschlagen worden.

Nelly läuft mit hochrotem Kopf herum, befehligt die Reinmachefrauen und quält sich, die Blumen unterzubringen, Blumen aller Arten und Größen, sie weiß bald nicht mehr wohin damit. Bei den Handwerkern hilft O'Flanagan. Er hat Rock und Weste ausgezogen, die Hemdsärmel aufgekrempelt und schuftet, daß ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht läuft. »Aber Patrik,« sagt Nelly mit sanftem Vorwurf. »Warum quälen Sie sich so? Hier sind doch genug bezahlte Leute.«

»Hilft nichts, Nellychen,« antwortet der Ire grinsend. »Habe Befehl vom Chef, aufzupassen, daß hier kein Unglück geschieht.«

»Aber, Pat! Das bezog sich doch nur auf die Verbrecher, die sind doch jetzt alle eingesperrt.«

O'Flanagan zuckt die Achseln. »Der Chef hat seinen Befehl noch nicht widerrufen. Meiner Mutter Sohn bleibt auf seinem Posten, bis er abberufen wird.«

Nelly flüchtet, denn Patrik kommt mit einer der neuen Bettstellen auf dem Rücken angekeucht und nimmt keine Rücksicht darauf, daß sie ihm im Wege steht.

Lively, der gerade von Frankfurt zurückgekommen ist, hat sich mit Walford in das Arbeitszimmer gerettet, das wie eine Blumenausstellung aussieht; in allen anderen Räumen ist die Schlacht noch in vollem Gange. Zu trinken gibt es auch nichts, der Schrank ist nebenan ins Wohnzimmer gestellt worden, und da trauen die Männer sich nicht hinein, so lange die Scheuergarde wirkt.

Walford kaut an seiner Brasil und sagt: »Höre mal, John, ich habe gestern abend mit Hunt abgerechnet. Der Fall ist peinlich.«

»Wieso? Wir hatten doch fünf Pfund den Tag vereinbart und die Spesen. Falls die Sache längere Zeit dauern würde, wollte er es noch billiger machen. War er unverschämt?«

»Im Gegenteil, er war furchtbar anständig. Auf die Spesenrechnung hat er sich noch einen schönen Batzen nachzahlen lassen, aber für sich selbst hat er nur vierzig Pfund genommen. Dabei ist er doch gut vierzehn Tage für uns tätig gewesen und hat seine Sache glänzend gemacht. Ich hatte vorher schon mit Morris und Neston gesprochen, die jeder auch gern mindestens fünfzig Pfund beisteuern wollten, aber Hunt lehnte glatt ab. Er sagte, die Sache hätte ihm ›verdammt viel Spaß‹ gemacht, und im übrigen sei er nur von uns beauftragt, Morris und Neston gingen ihn nichts an.«

»›Gingen ihn nichts an‹ ist sehr gut. Dabei ist sein schönster Erfolg doch der, daß er Ethel wiedergefunden hat. Hm, das ist wirklich peinlich für uns, Bob, wir können uns doch nicht lumpen lassen. Zum Glück hat meine Braut für ihn in Frankfurt noch etwas sehr Hübsches gekauft, sie meinte, er müsse von ihr ein Andenken haben.«

»Sehr gut,« nickt der Anwalt. »Neston und Morris müssen auch etwas vorbereitet haben, sie taten aber sehr geheimnisvoll und rückten nicht mit der Sprache heraus.«

*

Anderntags ist die Trauung.

Die Kirche ist schon eine Stunde vorher dermaßen überfüllt, daß die Hauptbeteiligten Mühe haben, sich ihren Weg zum Altar zu bahnen. Der ›Fall‹ hat sich in ganz London herumgesprochen, Lively wundert sich, wieviel Bekannte er plötzlich hat. Und alle sind neugierig, besonders auf die Braut, die auf so wunderbare Weise zurückgewonnen worden ist. Sie kommen auch auf ihre Rechnung, denn Miß Morris – oder nun gleich Frau Lively – sieht ganz entzückend aus.

Der glückliche Bräutigam sieht sich strahlend nach allen Seiten um und muß dauernd seinen Bekannten zunicken. Genau so strahlt aber auch der alte Oberst, der mit dem Major Neston hinter seiner Tochter geht, und keinen Blick von ihr läßt.

Nur James J. Hunt scheint sich sehr unbehaglich zu fühlen. Es entgeht ihm natürlich nicht, daß die Leute sich anstoßen und sich gegenseitig auf ihn aufmerksam machen. Außerdem ist der Frack, den er sich in einem der feinsten Verleihgeschäfte für den großen Tag gepumpt hat, etwas zu kurz. Der Detektiv zupft verstohlen an den Ärmeln und möchte seine Hände am liebsten in die Hosentasche stecken, aber das geht in einer Kirche nun doch nicht gut.

Um so gemütlicher wird es nachher hei dem Hochzeitsessen, das sich in fröhlichster Form bis in die Nacht hineinzieht. Walker und O'Flanagan sind auch geladen, aber man sieht nicht viel von ihnen. Der Ire läßt es sich nicht nehmen, Nelly in der Küche zu helfen, obwohl der Fahrer James sich auch da herumdrückt und ihn dauernd mit finsteren Blicken verfolgt. Walker hat sich still in den Winkel zurückgezogen, wo auf einem langen Tisch eine riesige Auswahl Flaschen der verschiedensten Arten steht. Er hat das Amt des Mixers übernommen, obwohl ihn niemand darum gebeten hat, und ist in doppeltem Sinne selig.

Hunt – jetzt hat er die Hände richtig in den Hosentaschen vergraben – wandert stillvergnügt herum und betrachtet die in zwei Zimmern aufgebauten zahllosen Hochzeitsgeschenke. Er überlegt sich, was wohl das junge Paar mit dem ganzen Segen anfangen soll. Die meisten Geschenke sind zwar sehr schön und brauchbar, aber leider ist manches doppelt und dreifach vertreten. Man kann doch zum Beispiel nicht aus drei Teekannen zugleich Tee trinken!

*

Frau Ethel betrachtet entzückt einen elektrischen Kochherd und sagt zu ihrem Mann: »Wenn ich nur wüßte, John, wer uns den wundervollen Herd geschenkt hat? Der fehlte uns wirklich, dein alter ist ja ein reiner Puppenherd, und einen Grillrost hat er auch nicht.«

»So, gefällt er Ihnen?« fragt Hunt und grinst vergnügt.

»Jetzt hab ich Sie ertappt!« ruft Frau Ethel und zupft den verlegen dastehenden Detektiv freundschaftlich am Ohr. »Und nun sollen Sie auch von mir ein Andenken haben, damit Sie mich nicht so schnell wieder vergessen.« Sie läuft eilig ins Nebenzimmer und kommt mit einem Gegenstand zurück, den sie zwischen den Händen verdeckt hält. Erst dicht vor Hunt öffnet sie die Hände und hält ihm eine prachtvolle Platinuhr hin.

»Und die soll für mich sein?« fragt Hunt freudig erstaunt.

»Ja, die soll für Sie sein, Sir! Sie erzählten doch, daß Ihnen Ihre Uhr in Marseille abhanden gekommen ist, nicht wahr?«

»Yes,« nickt Hunt düster. »James J. Hunt hat sich in dem verdammten Marseille seine Uhr richtiggehend klauen lassen und weiß nicht mal, wann und wie. Feine Empfehlung für einen Detektiv, ich war allerdings ein bißchen müde, hatte zwei Nächte kein Auge voll Schlaf mitbekommen.« Hunt nimmt die Uhr und betrachtet sie liebevoll. »Wirklich, sehr feines Ührchen, schätze, ich habe da einen guten Tausch gemacht. Und das hier an der Kette, das dürfte wohl ein goldener Ohrring von einer gewissen Inderin sein, nicht wahr?«

»Ja, ich wollte eigentlich den zweiten noch um die Uhr legen lassen, aber John sagte, den gäbe er um keinen Preis wieder her.«

»Würde ich an seiner Stelle auch nicht tun,« erklärt Hunt überzeugt und drückt der Spenderin dankend die Hand, aber er tut es ganz vorsichtig. »Vergessen hätte ich Sie auch ohne das nicht so bald, Mrs. Lively, das dürfen Sie mir glauben.«

Oberst Morris und Major Neston haben die Übergabe der Uhr beobachtet, Morris gibt dem Major einen Rippenstoß und sagt: »Packen Sie auch aus, Major, die Gelegenheit ist günstig!«

Neston zieht einen verhüllten Gegenstand aus der Brusttasche und reicht ihn dem überraschten Detektiv. »Bitte, Sir, nehmen Sie auch noch ein kleines Andenken von uns beiden. Wir sind Soldaten, es ist deshalb ein rauheres Angebinde als das, das Ethel Ihnen eben gegeben hat.«

Hunt wickelt das Päckchen auf und stößt einen Pfiff aus. Aus der Umhüllung schält sich ein bläulicher Colt, den Hunt mit ganz besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. »Schätze, Sirs, das ist ein regelrechter Modellcolt, der seine 350 Dollar unter Brüdern wert ist.«

»Macht Ihnen also Spaß?« fragt der Oberst schmunzelnd.

»O yes, Sir, macht mir viel mehr Spaß als tausend Dollar in bar! Habe schon immer von so einer Kanone geträumt, konnte aber nie drankommen. Die Fabrik ist verdammt sparsam mit ihren Modellcolts, die paar Dinger, die sie herstellt, schnappen immer gleich die Gangsterkönige weg.«

»Allright, Sir,« sagt Walford und hakt den Detektiv unter. »Dann stecken Sie ihre ›Kanone‹ ein und kommen Sie einen Brandy mit Zucker trinken! Walker fragt schon dauernd, warum Sie sich nicht an seinem Ausschank blicken lassen.«

»Hallo!« begrüßt Walker sie. »Kommen Sie her, Sirs, hier ist – hup – der feinste Winkel von der ganzen feinen Hochzeit. Habe noch nie so eine Masse Drinks auf einem Haufen gesehen. Habe schon alle – hup – versucht, muß aber noch mal von vorne anfangen – hup –, habe verdammt wieder vergessen, welcher nun eigentlich der allerfeinste ist.«

Walker mischt mit einigen Schwierigkeiten drei Brandys mit Zucker, von dem Zucker verbraucht er besonders viel, weil das meiste davon neben die Gläser rieselt. Sie stoßen an, Hunt schüttelt lächelnd den Kopf, aber er sagt seinem Gehilfen nichts.

Die fröhliche Stimme des Doktors übertönt das Stimmengewirr. »Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen eine freudige Mitteilung zu machen: Mr. Patrik O'Flanagan und meine liebe Nelly haben sich soeben verlobt! Das Brautpaar soll leben: hoch, hoch, hoch!« Alles stimmt in den Ruf ein und drängt sich um das neue Brautpaar, das Lively untergehakt aus der Küche angeschleppt hat.

»Da haben wir die Bescherung,« sagt Walford betrübt zu Hunt. »Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, daß ich Johns Perle erben würde, und jetzt heiratet sie.«

»Trösten Sie sich, Mr. Walford! Ich bin auch der Leidtragende, ich werde einen tüchtigen Mann los.«

»Ja, es geht ungerecht zu in der Welt,« sagt Walford und steckt sich eine neue Brasil an. »Aber einen Trost habe ich wenigstens. Ich hatte mit John um zehn Pfund gewettet, daß er bald heiraten würde. Jetzt muß er blechen!«

 

Ende

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