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Das alte Siegel

Adalbert Stifter: Das alte Siegel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDas alte Siegel
senderwbergner@aol.com
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Es wurde am Hauptaltare in der Kirche eben eine Messe gelesen, die zu dieser Stunde angesetzt ist. An einem der Seitenaltäre trat gleichfalls ein Priester über. In Stühlen saßen allerlei Menschen herum, andere standen heraußen auf dem Pflaster, wieder andere knieten theils in den Stühlen, theils in den breiten Gängen der Kirche. Hoch oben durch die Fenster wallte ein Sonnenstrom herein, und setzte den ruhig erhabenen Raum in warmes Feuer. Hugo war vor sich selber in einiger Verlegenheit, da ihm sein Gefühl sagte, daß er heute nicht aus Andacht in die Kirche gekommen sei; aber da er entschlossen war, den Vorfall nur zum Guten zu benützen, so beruhigte er sich bald wieder. Er stellte sich in die äußerste Ecke zurück, und es war fast noch die Hälfte seines Körpers durch die Schnörkel eines hölzernen Beichtstuhles verborgen, wie sie gerne in der Tiefe katholischer Kirchen zu stehen pflegen. So stand er einige Minuten, und es war ihm als müßten sogleich alle Augen auf ihn schauen; aber nicht ein einziges that es, und kein Mensch nahm von seiner Anwesenheit besondere Kenntniß. Die Orgel ging ihren regelmäßigen Gang, und die Melodie des Kirchengesanges wallte sanft durch die Bogen. Es trat ein Kirchendiener zu ihm heran und hielt ihm den Klingelbeutel vor, er warf eine kleine Münze hinein, der Diener dankte, ging zu dem Nachbar, dann zu dem Nachbar des Nachbars, und so weiter – und alles war wieder, wie vorher. Hugo blickte nun auf mehrere Personen – aber alle waren in sich selber vertieft. In der Kirche ließ sich nicht das mindeste Zeichen verspüren, daß heute etwas anderes geschehen solle, als sonst. Wie es in großen Städten zu geschehen pflegt, traten wohl auch während des Gottesdienstes immer Menschen herein und hinaus; aber sie thaten, wie sie alle Tage thun: der eine blieb da, der andere schlug ein Kreuz, that ein kurzes Gebet und ging wieder. Oefter waren es Mädchen der dienenden Klasse, die einen kurzen Augenblick benützten. Sie setzten den Korb nieder, manche that ein leichtfertiges Gebet, manche ein brünstiges – dann nahm sie wieder ihre Last an den Arm und ging. Auch Frauen kamen – mancher ward von einem Diener das Gebetbuch nachgetragen – sie setzten sich in einen Stuhl und versenkten sich in ihre Andacht.

Indessen war die Messe aus geworden, und es kam der Segen. Die schöne Weise des Dreimal heilig mischte sich mit dem Weihrauch, der nun empor stieg, sich oben mit den Sonnenstrahlen vermälte, und von ihnen vergoldet ward. Der Priester wendete sich, segnete mit dem Allerheiligsten, und alle klopften andächtig an die Brust. Es kam noch ein kurzer Gesang, und dann war der Gottesdienst aus. An den Seitenaltären war auch kein Priester mehr, man löschte nach und nach die Kerzen, und die Menge wendete sich zum Gehen, einer nach dem andern. Viele gingen an der Seitenthür hinaus, die meisten bei dem Hauptthore, und manche mußten an Hugo vorüber, ohne ihn aber zu beachten. Nur manches schöne Weiberauge, wenn es zufällig auf seine Züge fiel, war betroffen, und ihm gab es jedesmal einen Stich in das Herz. Die Kirche entvölkerte sich endlich ganz, und nur mehr ein paar unscheinbare Personen knieten in den Stühlen, wie überhaupt in einer großen Stadt eine Kirche in keinem Augenblicke des ganzen Tages vollkommen leer zu sein pflegt. Es war so stille geworden, daß er deutlich von außen herein die drei Glockenschläge vernehmen konnte, welche ihm verkündeten, daß bereits drei Viertheile der ihm anberaumten Zeit abgeflossen seien. Hugo wußte nicht, solle er den Rest noch abwarten, oder solle er fort gehen; aber, seinem Willen getreu, wollte er bis eilf Uhr harren.

Es war so stille geworden, daß man das Rauschen der draußen fahrenden Wägen herein hören konnte.

In diesem Augenblicke vernahm Hugo neben sich Tritte, es ging ein Mann zu ihm hinzu und sagte: »Ich danke euch recht schön, Herr, daß ihr die vermessene Bitte eines alten Mannes erhört habt und gekommen seid.«

Der Mann war in der That alt, weiße Haare waren auf seinem Haupte und viele Runzeln im Angesichte. Sonst war er einfach und anständig gekleidet, und hatte weiter nichts Auffallendes an sich.

Hugo war etwas unbestimmt über sein von dem nächsten Augenblicke gebotenes Benehmen, und schaute den Alten eine kleine Zeit lang an, dann sagte er: »Ich weiß nicht, wenn ich etwa irre, so verzeiht mir – ich habe für den Fall, daß es nöthig sein sollte, eine Kleinigkeit zu mir gesteckt.« – –

»Ich bedarf kein Almosen und bin keines Almosens wegen hieher gekommen,« sagte der Alte.

Hugo wurde mit einer brennenden Röthe übergossen und sagte: »Ihr wollt also mit mir sprechen – so sprecht. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn wir nicht die Kirche dazu gewählt hätten – wollt ihr etwa mit mir in meine Wohnung kommen?«

Der Fremde sah Hugo an und sagte: »Ihr seid so gut, als ihr schön seid, Herr, ich habe mich in euch nicht geirrt. Aber ich bedarf auch keines Gespräches mit euch, so wie ich keines Almosens bedarf. Ihr habt mir eine große Wohlthat erwiesen, blos daß ihr gekommen seid. Ihr werdet das nicht verstehen, aber es ist doch wahr, daß ihr mir eine sehr große Wohlthat erwiesen habt. Ich kann euch jetzt gar nicht sagen, warum es so ist, und kann euch nur bitten, wenn ihr so gut sein wolltet, sofern es eure Zeit zuläßt, auch in Zukunft noch manchmal um diese Stunde hieher zu kommen.«

»Das ist seltsam, sagte Hugo, und was haben denn meine blonden Haare dabei zu thun, daß ihr eigens auf dieselben aufmerksam gemacht habt?«

»Ich habe euch nur daran erkannt, erwiederte der Mann, und sie sollten bedeuten, ob der, der über dem Schwibbogen wohnt, der nemliche sei, den ich gemeint habe. Sie sind auch sehr schön, und ich habe diese Haare immer geliebt. – Nun, Herr, sagt mir, ob ihr wohl wieder einmal kommen werdet?«

»Aber könnt ihr mir denn nicht erklären, wie das alles zusammenhängt?« fragte Hugo.

»Nein, das kann ich nicht, antwortete der Mann, und wenn ihr nicht freiwillig kommt, so muß ich schon darauf verzichten.«

»Nein, nein, ich komme schon, sagte Hugo. Wenn es wahr ist, daß ich euch durch mein bloßes Kommen eine Wohlthat erweise, warum sollte ich es nicht thun? Ich verspreche euch also, daß ich schon wieder einmal um diese Zeit hieher kommen werde.«

»Ich danke euch recht schön, Herr, ich danke euch. Ich habe mich gar nicht geirrt, ich habe gewußt, daß ihr sehr gut seid. Ich will eure Zeit nicht mehr rauben, und will mich jetzt entfernen. Lebt recht wohl, Herr, lebt wohl.«

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