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Das Abenteuer meiner Jugend

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend - Kapitel 68
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDas Abenteuer meiner Jugend
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170113
projectid6c5ee536
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Fünfzehntes Kapitel

Nach einer Ausschweifung so gewaltiger Art kehrte ich nach Nieder-Salzbrunn zurück – somit ins Besinnliche, eng Begrenzte.

Bahnhof Sorgau, den man eine Weile nebenher bewirtschaftet hatte, war längst einem anderen Pächter überantwortet. Der Bierverlag warf inzwischen schon etwas ab, das Kulmbacher Pertsch-Bier hatte sich eingeführt. Aber die Beratungen mit Hamburg gingen brieflich hin und her: Georg wünschte das Kaffeegeschäft zu vergrößern und dachte daran, Vater als kaufmännisch zuverlässige Kraft nach Hamburg zu ziehen. Ob diese Erwägung oder Georgs Familiensinn und Vaters Wunsch den Ausschlag gab, vermag ich nicht zu entscheiden.

Immer noch waren Vater und Mutter in der alten, ihnen überdrüssig gewordenen Umgebung festgehalten. Das lebendige Adersystem des Bahnhofs Sorgau hatte sie nicht fortgeschwemmt. Den Papagei und die Möbel von Tante Jaschke zu bewachen, während Schwester Johanna und sie frei in der Welt herumflatterten, war kein Lebensberuf. Aber man mußte, wenn man beweglich werden wollte, den Bierverlag abstoßen, das hineingesteckte Kapital herausholen.

Unter den Interessenten zur Übernahme des Bierverlags war auch der Vater von Alfred Ploetz. Er hatte sich etwas erspart und wollte seinen Posten in der Seifenfabrik aufgeben. Sein Sohn Alfred, der ungezwungen ein und aus ging bei uns, brachte ihn eines Tages mit.

Man spürte damals überall Unternehmungslust.

Der alte Siedemeister Ploetz, jünger als mein Vater, hatte, wie dieser, sein Leben lang an einem Fleck oder jedenfalls in ein und demselben Beruf zugebracht. Nun kam über ihn der Bewegungsdrang. Er wollte den Wechsel in Ort und Beruf. Er wollte den Kampf, das Wagnis, das Abenteuer. Es waren belebte Stunden, die wir mit ihm und Alfred am Tische des Vaters zubrachten. Dieser verstand sich gut mit ihm.

Das Biergeschäft, Gott sei Dank, übernahm er nicht. Er würde wahrscheinlich, wenn er es getan hätte, sein Erspartes verloren haben. Hätte er aber auch gute Geschäfte gemacht, der Wind der großen Reisen, den er suchte, wehte hier nicht. Er ging hernach nach Amerika und hat dort sein Grab gefunden.

Im August und September dieses Jahres habe ich einem alten beschäftigungslosen Turnlehrer Grosser das Drama »Germanen und Römer« in die Feder diktiert. Der Möbelunterstand Tante Jaschkes sah den alten Herrn über das Papier gebeugt und mich ruhelos auf und ab schreiten. Der Bund mit Mary hatte meine Kräfte gesammelt, meinen Willen gestärkt und meinen Ehrgeiz entscheidend angefacht. Im gleichen Herbst, wiederum zu Beginn einer Reihe glücklicher Tage, habe ich ihr eine schöne Abschrift des Jugendwerks, mit dem ich Kleist übertreffen wollte, zu Füßen gelegt. Außer der unbeirrbaren Stimme in mir war trotzdem, weder an Urteilskraft noch an Leistung, etwas bei mir vorhanden, worauf sich eine gesunde Aussicht begründen ließ.

Aber die Liebe glaubet alles, hoffet alles und duldet alles: in diesem Falle sowohl Marys Liebe wie meine Selbstliebe. Mit Zweifeln brauchte ich mich nicht herumzuschlagen, und Mary hatte sich mutig zum Besuch in unserem Nieder-Salzbrunner Winkel angesagt. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß sie sich mit meinen Eltern aussprechen, gefürchtete Verstimmungen aus dem Weg räumen, eigentlich in aller Form um mich anhalten wollte.

Ich stand auf dem Sorgauer Bahnhof, als der Zug einlief, mit dem sie zu erwarten war. Und nun, gleichsam noch im selben Atem, der das überzeugte Glauben, Hoffen, Dulden der Liebe ausgesprochen hat, muß ich in einem bestimmten Sinn widerrufen: als sie nämlich nicht aus dem Zug stieg, fühlte ich, ich hatte an ihrem Erscheinen gezweifelt. Und die deshalb gefühlten Ängste arteten, da sie bestätigt schienen, in Verzweiflung aus.

Marys Erscheinen im Elternhaus war ein Ereignis von grundlegender Wichtigkeit. Was sich bisher zwischen uns ereignet hatte, war eine heimliche Liebelei. Sie zu beenden, genügte, sie einfach nicht fortzusetzen. Wenn Mary kam und sich den Eltern als Tochter vorstellte, hatte sie eine Bindung geschaffen, die nicht mehr so leicht zu sprengen war. Sie wußte das ebensogut wie ich und konnte, auch noch im letzten Augenblick, vor diesem entscheidenden Schritt zurückschrecken. Blieb sie nun aus, wie geschehen war, und lag zu Hause ein Telegramm oder Brief, der Vetter aus Naumburg, die Großmama aus Augsburg oder sonst jemand sei auf Hohenhaus eingetroffen, so daß Mary die Reise habe verschieben müssen, so wußte man sicher, woran man war.

Es konnte sein, daß Mary nur zauderte. Aber Zaudern und Abfall war für mich einerlei.

Die schlimme Vermutung hatte bei mir sogleich die höchste Wahrscheinlichkeit: sie wolle unserem Verhältnis ein Ziel setzen.

Telegramm oder Brief war nicht eingetroffen, als ich nach Hause kam. Der Blick meiner Mutter war sorgenvoll. Ihr Trost, daß der Verlust eines schönen Mädchens durch hundert ebenso schöne gutzumachen sei, traf mich tief und trieb mich ins Freie hinaus. Ich bewegte mich gegen Ober-Salzbrunn hin, den grauen Zughund an der Seite.

Durch die Felder zu streifen, hätte bedeutet, jede Hoffnung aufzugeben. Darum hielt ich mich auf der Dorfstraße. Hier kamen Wagen hie und da, an die man sinnlose Hoffnungen knüpfen konnte. Das geschah auch bei einem Landauer mit zwei Pferden, der mir entgegenkam.

Als ich nun wirklich Mary darin entdeckte, erfuhr ich eine Bestürzung ganz anderer Art als jene, die mich dereinst bei Schloß Buchwald überkam, im Erkennen unseres eignen Gefährts, darin Mutter, Schwester und Brüder saßen. Erschüttert, meiner beinahe nicht mächtig, stieg ich zu Mary ein.

Sie war irrtümlicherweise vier Stationen vor Sorgau in Fellhammer ausgestiegen. Sie habe nur schwer ein Fuhrwerk gefunden, sagte sie, und sei in unendlich langer Fahrt fast daran verzweifelt, jemals ans Ziel zu gelangen.

 

Die Erinnerung an die nun folgenden Wochen ist mit den innigsten Intimitäten des Glücks gefüllt. Wem die Liebe nicht fremd ist, der mag sie sich vorstellen. Oft suchten wir Ober-Salzbrunn auf, wo ich der Geliebten mein Geburtshaus, Elisenhalle und Promenaden und die sonstigen Tummelplätze meiner Jugend zeigen konnte.

Selbstverständlich erregten wir Aufsehen. Auch will ich nicht leugnen, daß ein gewisser Stolz, ja Triumph mich überkam, als ich mich im belebten, gleichsam festlichen Zentrum des Orts mit meiner schönen Geliebten zeigen konnte.

Es überraschte mich selbstverständlich, wie sich Mary mit der Enge unseres dürftigen Haushalts vertraut machte. Es gleicht einem Wunder, wie diese nicht nur mutterlose, sondern eigentlich auch vaterlose Waise in meinen Eltern sogleich Vater und Mutter sah. Sie hatten, die Eltern, nach wenig Tagen in Wahrheit eine Tochter gewonnen.

In diesen glücklichen Wochen wurden zwischen Mary und mir Pläne gemacht, Entschlüsse gefaßt und danach sogleich durchgeführt. Zu Anfang Oktober ward ich dann bereits auf Grund von Empfehlungen Professor Haertels in die jenensische Alma mater aufgenommen.

Der Fall verdient im Reiche der Wunder Bürgerrecht. Den möchte ich sehen, der die eiserne Pedanterie jener Zeiten kennt und Luftsprünge über Abgründe vom Unterquartaner bis zu diesem Ziel für möglich gehalten oder gar angeraten hätte.

 

Nach Platon haben gewisse Orte dämonische Natur. Die ersten Wochen meines Aufenthaltes in Jena lehrten mich das. Ich war in eine dämonische Welt geraten.

Zuerst empfand ich etwas wie die Wirkung eines Jungbrunnens. In ungeahnter Weise erneut und verjüngt, merkte ich, wie alt und beschwert, ja gleichsam verholzt ich in Schlesien gewesen war. Hier umgab mich ein Licht, eine Luft, die das Atmen leicht, das Dasein froh machte. Ich war erstaunt, daß es einen Ort wie Jena gab, und bedauerte, so lange in ein finster-rauhes Klima des Geistes und Gemütes verstoßen gewesen zu sein. Ich war verwundert, wie sich äußere Enge, warmes Wohlbehagen und geistige Weite hier zu schöner Harmonie verbunden hatten, und fühlte sogleich ihre lind umfangenden Wirkungen.

Dieses Thüringer Städtchen war damals noch wie ein erweiterter Garten des Epikur, in den seine Häuser und Häuschen gebettet standen, in den man mit jedem Morgen trat, von einem zuinnerst lachenden Jugendglück überwältigt. Hier erst konnte ich auf höherer Ebene an die Unschuldstage meiner Knabenseele wieder anknüpfen: wie ein zweiter langer, ununterbrochener Lebensmorgen kam es über mich.

Auch mein Verhältnis zu Carl stand unter dem Zeichen des Jungbrunnens. Hier wurde er mehr als je mein Mentor. Einbezogen in die herrschende Harmonie, teilte er, im gelinde-innigen Sinne der Genien dieses Ortes, Geist, Herz und Seele mit mir.

Mit der Hand abzureichen nah stand die ehrwürdige Behausung von Geist und Geistern, Universität genannt, in der edle Lehrer dozierten. Von meinem Mentor wurde ich nach und nach mit ihnen bekannt gemacht. Es war Ernst Haeckel, der große Umstrittene, dessen Name unter allen den verbreitetsten Klang hatte, und der mit seinem hellen »Impavidi progrediamur!« – »Unerschrocken vorwärts!« oder »Unerschrockene, schreiten wir vorwärts!« – unseren Herzen am nächsten stand. Dieser weltbewegende Ruf, diese weltbewegende Herausforderung, die mit weltbewegenden Gedanken verbunden war, ging von der scheinbar friedsamsten aller Gelehrtenkolonien aus, die, auf ihre Art klösterlich, das friedsamste aller Tälchen bewohnte. Eine Feuersäule des Geistes, die eine Art Weltbrand zur Folge hatte, schoß aus einem blumenübersäten, von Gras und Büschen überwucherten, stillen Krater und Kranz von Friedfertigkeit. Noch sehe ich meines Bruders Augen leuchten, wenn er mit Marquis-Posa-Pathos sein tägliches »Impavidi progrediamur!« allem vermeintlich Überlebten und Rückständigen in der Welt entgegenschleuderte.

Der Kühnste der Kühnen, Friedrich Schiller selbst, der Schöpfer des Marquis Posa, war hier noch überall gegenwärtig: auch er wunderlich verbunden mit einem altväterisch friedfertigen Bürgertum, das traulich beengte Häuschen bewohnte und an lauschigen Fenstern in sorglich begossenen Blumentöpfen Fuchsien und Geranien zog.

Was war nicht alles in dieser landschaftlichen Enge traulich zusammengedrängt! Die schwarze, vielbesungene, schweigende Saale durchrinnt ein freundliches Geisterreich, darin die Lebenden mit den Abgeschiedenen in heiter innigem Verkehr stehen. Die Manen Goethes, Schillers, Alexander von Humboldts, Fichtes, Schellings, Hegels erscheinen hinter jedem Katheder, sitzen unter den Studenten in den Hörsälen, spazieren, Hände auf dem Rücken, unter den Lebenden im Paradies an der Saale auf und ab und machen einander den Raum nicht streitig.

 

Carl und sein Freund Ferdinand Simon waren bei einem Rat Wuttich untergekommen, ich gesellte mich als dritter dazu. Man hatte uns einen ziemlich vermorschten Flügel des Stockwerkes, das die Familie Wuttich bewohnte, eingeräumt: besser gesagt, man hatte ihn uns überlassen. Denn außer einer wackligen Feldbettstelle, einem wackligen Tisch und einem wackligen Stuhl enthielten unsere kahlen, aber irgendwie wohnlichen Räume nichts.

Wir hausten in einer Flucht von Zimmern nach dem Hofe hinaus, von denen einige nur noch vom Holzwurm bewohnt waren. Carl und Simon lebten auf eine seltsame Weise unbehelligt in diesem Quartier, das sie eigentlich wie ein Allgemeingut, etwa eine Promenadenbank, nach einem flüchtigen Zug an der verrosteten Schelle des Rats eingenommen hatten. Ob und wann und in welcher Höhe eine Miete gezahlt werden mußte, machte den beiden ebensowenig Kopfschmerzen, wie es die Familie Wuttich zu beschäftigen schien.

Außer dem Rat, der, wenn er ausging oder von seinem Ausgang zurückkehrte, einen sprachlos freundlichen Gruß mit uns wechselte, blieb die Familie hinter weiß verhängten Glastüren unsichtbar. Auch dienstbare Geister gab es nicht. Wir machten uns unsere Betten selbst, was wenig Mühe verursachte, da Bettzeug eigentlich kaum vorhanden war, und ließen die Zimmer unausgekehrt. Die Semmeln hängte uns morgens der Bäckerjunge an die Tür, und abwechselnd mußte jeder von uns dreien den Frühstückskakao kochen.

Das Quartier wurde von uns am Tage wenig benutzt, zuweilen ebensowenig nachts, da nach einer feuchtfröhlichen Sitzung kaum Zeit zu schlafen übrigblieb. Wir verbrachten den Tag in den Hörsälen, auf Spaziergängen, bei Mittag- und Abendessen im Gasthaus Zum Löwen, oder wir zogen auf eines der Bierdörfer, Lichtenhain oder Ziegenhain, und fühlten uns bei bescheidenen Mahlzeiten selig. Dazu kam eine alte Konditorei, in der Leutrastraße gelegen, neben unserer wurmmehlgesegneten Unterkunft, wo wir regelmäßig zur Vesper Kaffee tranken.

Ferdinand Simon war ein kleiner, dicklicher Mensch mit kringligem Haupthaar, Sohn eines Stubenmalermeisters, der in der allergrößten Entbehrung lebte und schon mit siebzehn Jahren sein Abiturium hinter sich gebracht hatte. Er studierte, durch Carl beeinflußt, Philosophie, besaß Herz und Humor, war derb und geradsinnig, und wir verstanden einander vom ersten Tage unserer Begegnung an.

Der Betrag, den er aus Neumarkt in Schlesien von seinem Vater pro Monat bezog, reichte nicht für Kollegiengelder. So wurde denn das Stundungsprinzip, sowohl bei Rat Wuttich wie im Gasthaus Zum Löwen, auf radikale Weise angewandt. Alle, Schneider und Schuster inbegriffen, waren's zufrieden, daß Ferdinand Simon die Zahlung nach vollendetem Studium bei Antritt eines besoldeten Amtes in Aussicht stellte.

Der Schuster besonders, der auch Carls und meine Füße bekleidete, war in dieser und jeder Beziehung merkwürdig. Simon, Carl oder mir ein Paar Schuhe auf Stundung, das heißt umsonst, anzufertigen, war eine Sache, die ihm ein wahres Vergnügen bedeutete. Einen oder auch zwei Gesellen hatte er wohl und, wenn ich nicht irre, ein kleines Anwesen. Aber nur selten wird ein Handwerksmeister mit zehnfach so großen Einnahmen sich so zum allezeit hilfreichen Vater der Studenten entwickeln.

Spinoza, der Philosoph, war Glasschleifer. Wenn schon der Schuhmachermeister Riedel kein Spinoza war, so trieb er doch Philosophie. Unter den Philosophen war es Schopenhauer, den seltsamerweise der stets harmonisch heitere Mann bevorzugte. Man war sein Bruder, wenn man sich mit Riedel im gleichen Geiste über Schopenhauer unterhielt, und er war gleichsam bereit, seinen Bissen Brot mit dem Bruder zu teilen.

Da ich ein Kolleg über griechische Geschichte hörte und eines über die Akropolis, konnte mir dieser weiche und feine Mensch manchmal vorkommen wie ein Zeitgenosse des Sokrates, des Hebammensohnes, der wohl gelegentlich an seinem Laden stehenblieb und von dem er das Wort gelernt hatte: »Philosophari necesse est, laborare et vivere non necesse.«

Warum erscheint mir eigentlich dieses liebe Jena, wenn ich daran denke, wie ein mehr unter griechischer als unter deutscher Sonne liegender Ort? Alles um Jena hatte für mich einen fremd-heimlichen Zug, den ich für südlich hielt. Der kahle Jenzig mit seinem bläulichen Muschelkalk breitete eine seltsame Helle aus, die sich leicht ins Geistige übertrug. Das Tälchen, wo Saale und Leutra einander begegnen, wirkte dünnluftig. Im Versteck dieser Siedlung von Gelehrten, zurückgezogenen Forschern und Lehrern bestand keine Atmungsschwierigkeit. Erscheinungen wie der philosophische Schuster wären ohne das kaum möglich gewesen und noch weniger ohne das geistig durchdringende Leuchtphänomen der Forscher- und Philosophenschule im Mittelpunkt.

Jena war für mich von der Seele des Griechenlandes belebt, die ich seit meiner Kindheit mit der eigenen Seele gesucht hatte. Der mit Bildern des Trojanischen Krieges versehene Prosahomer hatte mir das erste Verlangen eingeflößt. Lessings »Wie die Alten den Tod gebildet« und ähnliches vollendete in den Kunstschultagen meine Bezauberung. Hier in Jena las ich die »Griechische Geschichte« von Grote und die von Curtius. Mit Hilfe von Marys Monatswechsel kaufte ich den »Perikles« von Adolf Schmidt, die »Geschichte der griechischen Kunst« von Overbeck, Übersetzungen von Homer, Hesiod, Herodot. Ich kaufte die »Beschreibung von Griechenland« des Pausanias, einen deutschen Plutarch und alles Griechische, dessen ich habhaft werden konnte. Dazu kamen die entsprechenden Kollegs und besonders das über die Akropolis.

Mußte sich nicht durch dies allein schon vor meinem gleichsam trunkenen Auge die Umgebung in eine griechische Gegend, Jena in ein Athen verwandeln?

 

Professor Gaedechens las das Akropoliskolleg als Privatissimum in einem Raume seiner Privatwohnung. Er hatte eine längliche, ebenerdige, verglaste, laubenartige Halle anbauen lassen. Es durchlief sie der ganzen Länge nach in der Mitte ein Tisch, auf den der Dozent ein Gipsmodell der Akropolis mit allen ihren Bauten gestellt und Karten und Bilderrollen ausgebreitet hatte. Durch eine Menge kleiner Plastiken wurde der Bildnerschmuck des Tempelberges vorstellbar gemacht. Aus dem Kolleg des lieben begeisterten Mannes nahm ich, jedesmal verstärkt, die Sehnsucht mit, die Herrlichkeit dieser Götterhöhe unter dem andern Blau des griechischen Himmels lieber heut als morgen mit Augen zu sehen. Ich wußte kaum, wie ich ihr widerstehen sollte.

Der Vortrag von Gaedechens war der glanzvollste. Er sprach nicht vom Hörensagen, was beinah selbstverständlich ist, sondern schöpfte aus eigener Anschauung. Man mag sich vorstellen, in welche Bewegung seine Schilderungen des Landes der Götter mich versetzen mußten, seiner Häfen, Buchten und tempelgekrönten Vorgebirge, seiner alten Theater und Burgen und dessen, was man an marmornen Denkmälern der bildenden Kunst aus dem Innern der Erde und aus dem Meere hob.

Es ist mir ein Rätsel, wie trotzdem, in völliger Geschiedenheit, eine Richtung meines Wesens auf das Altgermanische sich fortsetzen konnte.

Die Blutsbrüderschaft unter dem Rasenstreifen und alle damit verbundenen Ideen und Ideale führten ihr Eigenleben weiter in mir. In Jena bin ich dazu geschritten, eine Gestalt aus meinem dramatischen Jugendgebilde »Germanen und Römer«, den blinden Sänger Sigwin, als Idealkopf in Ton zu formen, für welche Arbeit mir ein Steinmetz kostenlos einen Raum seiner Werkstätten einräumte.

Allerdings waren diese Bemühungen nur nebensächlich und spielerisch, weil die jenensischen Umstände dem Plastiker in mir allen Ton aus den Händen genommen hatten und beinahe nur noch geistiges Bilden gelten ließen.

Bezeichnend für die beiden Tendenzen in meinem Innern waren die Gestalten, die ich zu Helden meiner nächsten Dramen zu machen gedachte: Karl der Große und Perikles. Aber ich wollte dazu weit ausholen und nach ernsthaften und geduldigen Vorarbeiten endlich das Große hinstellen, das meine Träume mir vorgaukelten.

Die jenensische Dominante blieb der heilige Berg, die Akropolis, blieben Propyläen und Parthenon, blieben Perikles, Aspasia und Pheidias, dessen Bildnerhand für mich zur Hand eines Gottes ward, dessen goldelfenbeinerner olympischer Zeus meine Nächte beunruhigte.

Ich wurde von Carl dem Philosophen Eucken vorgestellt und hörte seine Vorträge. Wieder und wieder wurde noch immer von ihm der erlauchte Name Platon genannt, und der Schwung seiner Rede, die alles mit einem feurigen Element überflutete, drang natürlich auch als ein verwirrender Sturm in meine griechischen Träume ein.

Wir wußten noch nicht, bis zu welchem Grade es der Geist von Weimar war, der noch immer im jenensischen Geistesleben und seinen Persönlichkeiten, selbst in Ernst Haeckel wirkte, trotzdem die Großen von Weimar nicht nur ihrem Wesen nach, sondern fast noch leiblich unter uns wandelten. Hier in dem jenensischen, ästhetischen Staat, in diesem Kreise des schönen Umganges erschien der Mensch dem Menschen als Objekt des freien Spiels, und so standen wir alle uns gegenüber. Und um weiter mit Schiller zu reden: Freiheit zu geben durch Freiheit blieb das Grundgesetz dieses, auch unseres Reiches.

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