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Salomon Geßner: Daphnis - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchriften II. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1754
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleDaphnis
pages3-157
created20060223
sendergerd.bouillon
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Daphnis.

Erstes Buch.

AUf dem Fluß Neæthus, der bey den Clibanischen Bergen entspringt, und schnell durch Fluhren unter grynen Gewœlben vorbeyrauscht, und styrmisch Land und Bæume dahinreißt, haben die Hirten eine kleine Insel den Nymphen geheiligt, beschattet von hohen Fichten und Wachholder-Bæumen. Mitten auf der Insel stehet ein Fels mit der Hœle der Nymphen; denn ihre Bilder stehen in selbiger kynstlich in Linden-Holz geschnitten mit ihren Urnen, und mit Schilf-Krænzen ums Haupt. Man sieht diese Gœttinen da mit grynem Haupt-Haar unter den Bæumen wandeln, oder am Ufer leicht daherschwimmen, und dann auf Felsen sich trucknen, und an der Sonne schlummern. Die Wellen spielen da sanft mit den beschæumten Wurzeln der Sarbachen und der Weiden, die rings ums Ufer stehen, und tœnen lieblich wie Lieder.

So oft der junge Fryhling kœmmt, so oft kommen die Hirten mit ihren Mædchen von beyden Ufern, und bringen den Nymphen Blythen von den Bæumen, die yber den Fluß sich wœlben, und Blumen, die an dem Wasser aufblyhen, und bitten die Nymphen, daß sie den Wellen befehlen, daß sie nicht mehr ihr Ufer verschlingen, und Feld und Bæume dahinreissen.

Einst schwamm in einem frohen Lenzen eine ganze Flotte von Nachen von beyden Ufern her, der Insel zu. Auf jedem Nache dekte ein grynes Gewœlb, von wolriechendem Gestræuch und Blumen, die Hirten und die Mædchen, die in selbigem freudig daherfuhren; eine Kette von Blumen schlængelte sich an hohen Stangen, bis an die Spize herauf, wo Bænder und Krænze hoch in der Luft flatterten. Sie fuhren daher, unter dem lieblichen Getœne der Flœten und des Gesanges, und landeten an der Insel. Truppen von Jynglingen und Mædchen stiegen ans Gestad, Mædchen, deren Reiz die Gœttinnen neidisch machte; jedes entzog dem andern die Blike der Gœtter, die aus dem Olymp auf die Wolken heruntergestiegen waren, und die Gœttinnen einsam gelassen hatten. Denn die Schœnheit entzykte hier durch mannigfaltigen Reiz. Einige entzykten durch die schlanke Længe des Leibes, andre durch die Weisse der Stirne und des wallenden Busens; hier entzykte ein ernstes Gesicht wie der Gœttin der Jagd, dort ein Læcheln wie der Venus, hier die reifende Jugend wie die Rose, wann sie aus der Knospe sich drængt, dort die vollen Jahre der Jugend wie die offene Rose. Sie næherten sich Paar bey Paar, traten in die heilige Grotte, und gossen ihre Kœrbchen voll Blumen vor die Fysse der Nymphen hin, und umwanden sie mit Ketten von Blumen, und schmykten sie mit Krænzen. Da trat die junge Phillis hervor, ihre Blumen und Krænze zu bringen; sie war schœn wie die Huld-Gœttinnen, Freude und Unschuld reizten im kleinen Gesicht und in jeder Geberde, ihr braunes Auge læchelte schychtern um sie her, ein unyberwindliches Læcheln, sieghaft wie die Liebe selbst. so steht die junge Rose, die schœnste unter den andern Blumen, die aus dem Gras um sie her aufwachsen; die Biene schwærmt zweifelnd umher, sie winken umsonst, denn sie sieht die Rose, und sucht nicht mehr.

Daphnis, der schœnste Jyngling, durchlief mit flychtigen Bliken die Haufen der Mædchen; sie begegneten tausend redenden Bliken der Mædchen, die ihn læchelnd ansahn, dann sich leise in die Ohren flysterten, dann freundlicher læchelnd ihn wieder ansahn. Da sah er die Phillis, ein Seufzer drængte sich durch seine Brust, und eine Rœthe stieg ins Gesicht, sein Blik blieb unbeweglich bey ihr gefangen; sie sah ihn an, da sank sein Blik zur Erde, sie gieng zuryk und sah ihn schamhaft wieder an; da zitterte Daphnis, sein Herz bebte, er sah ihr schmachtend nach, voll Angst, sein Aug werde sie unter der Menge verlieren, aber sie verlohr sich nicht, sie stuhnd da und sprach nicht mit ihren Gespielen; oft flog ihr Blik zum Daphnis, aber schychtern sank er schnell wieder ins Gras vor ihren Fyssen; oft stuhnd im Gedræng ein længeres Mædchen vor die Phillis hin, dann ward Daphnis bœse, und wenn es zuryk trat, dann lachte sein Auge der Phillis wieder feuriger zu. So lachen die Fluhren, wann der Mond aus Wolken hervorgeht.

Izt waren alle Blumen vor die Fysse der Nymphen hingegossen, und die Hirten hatten die Nymphen mit Krænzen geschmykt, da theilten sich die Mædchen und die Jynglinge in verschiedenen Chœren gegen einander yber, und Daphnis stellte sich gegen der Phillis yber, da sangen die Mædchen je ein Chor nach dem andern Lieder zum Lobe der Nymphen.

»Ihr Nymphen! (sangen sie) die ihr die Hœhlen des Flusses bewohnet, und ihr, Nymphen! die ihr die Urnen von den Felsen-Wænden rauschend herunter giesset, ô seyd mild und gytig den Hirten, die an dem Schilf des Flusses wohnen!

»Wir haben den Fryhling, der an dem Ufer blyhete, von den Bæumen genommen; wir haben dem Ufer die Blumen geraubt, und in die heilige Hœhle gebracht, ihr Nymphen im Fluß und auf den hohen Felsen!

»O Seyd gytig den Hirten, die an dem Schilf des Ufers wohnen! Daß die Wellen die fruchtbaren Bæume nicht rauben, daß sie die Felder und die Wiesen nicht yberschwemmen. Dann kœnnen die Herden am Fluß weiden, dann kœnnt ihr am Ufer im Schatten wandeln, und auf Blumen einhergehn, ihr Nymphen im Fluß und auf den hohen Felsen!

So sangen die Chœre der Mædchen, und die Hirten bliesen lieblich darzu mit ihren Flœten. Aufmerksam horchte Daphnis, ob er den Gesang der Phillis nicht hœren kœnnte, und vergaß zu flœten. –

Izt kam der Mond yber entfernte Hygel, und die Jynglinge und die Mædchen giengen in die Nachen zuryk. Phillis gieng auch zuryk, und sah den Daphnis an; die Dæmmerung machte sie beherzt, sie sah ihn starr an, und seufzte; langsam gieng sie ans Gestad, und sah oft zuryk, und seufzte. Daphnis stuhnd da, und sah ihr mit traurigen Bliken nach, und hætte vergessen in den Nachen zu steigen, wenn die andern Hirten ihn nicht aus dem Taumel aufgewekt hætten; er stieg in den Nachen, sezte sich hin, und sah traurig denen nach, die an das andere Ufer hinyberschwammen. Alles war voll Freude, man hœrte von beyden Seiten ein liebliches Gemische von Liedern und von Flœten, die Echo wiederholte sie den Fluß hinauf an allen Hygeln. Die Jynglinge und die Mædchen, die beym Daphnis im Nachen waren, lachten, und scherzten und sangen; aber Daphnis saß stumm da, und sah nach dem Ufer, und sang nur mit, wann sie ein zærtliches Lied sangen, ganz Gefyhl sang er dann mit.

So stieg er traurig ans Gestad, und gieng nach seiner Hytte. Da trat er hinein zu seinem alten Vater, der freudig seinem Sohn entgegen læchelte, und von dem Fest ihn fragte, und dann erzæhlte, wie oft er gesehen, daß der wilde Fluß das Ufer weggerissen, Bæume voll reifer Frychte auf wytenden Wellen weggetragen, wie er schon Nachen umgerissen und Hirten ertrænkt hat. Daphnis hœret ihm stillschweigend zu, und geht dann aus der Hytte, und bleibt unter den Bæumen vor seiner Hytte stehen, und sieht die ganze Gegend im dystern Mond-Licht, da steht er traurig und seufzt.

Wie wird mir! (so sagt er leise) was fyhl ich? Warum pochet mein Herz? Und warum seufz ich? Warum konnt' ich dir kein Aug entziehn? Warum war mir so bang, als du weggiengest? Warum ist mir noch bang? Warum schwebst du immer vor mir, schœnstes Mædchen? Ach ich seh dich noch immer, wie deine schwarze Loken halb in den Blumen-Kranz gewikelt waren, wie die andern, die sich los gemacht, lang um deinen Arm, den weissen Arm sich wikelten, oder um den Busen flatterten, ach! um den jungen, aufblyhenden Busen! Und dein braunes Aug! Ich ward unruhig, wenn es andre Schæfer anlachte, und wenn es mich anlachte, dann drang dein Blik gewaltsam in das Innerste meiner Seele. Ach! ich liebe dich. Wie glyklich, wenn auch du mich liebtest! Oft zwar begegneten unsre Blike sich, und dann sahst du zur Erde, wie ich. Wenn auch du mich liebtest! Aber wo bist du? Ach vielleicht fern von mir! Dein Bild nur wird immer um mich schweben. Es wird mit mir gehen, wenn ich schlafe und wenn ich wache, dann wird es mit mir hinter der Herde gehen; an dem Bach, in dem Hain wird es mir folgen, ach! vielleicht ohne Hofnung, sein Urbild wieder zu sehn!

So sagte Daphnis, dann lehnt er sich an einen Stamm, und sah aufwærts nach dem stillen Mond, und seufzte: so lieblich ist sie, (sagt' er) so schœn wie du, Mond! so schœn gegen den andern Mædchen, wie du gegen den andern Lichtern, die um dich her schimmern. Dann schwieg er wieder und staunt', und seufzt' und redte wechselweise, bis der Schlaf ihn in die Hytte fyhrte. Sein Schlaf war ein Traum von der Phillis, er erwachte, und wollte sie umarmen. Da schlug er die betrogenen Arme traurig zusammen, und seufzte. Die schœne Morgen-Rœthe hatt' ihm sonst Lieder abgelokt; aber izt sang er nicht, er gieng still aus der Hytte, und trieb seine kleine Herde staunend vor sich her auf die Flur. Da fand er die Hirten, die voll Freude beysammen stunden, und von dem Fest der Nymphen erzehlten. Der hatte ein Band aufzuweisen, das ihm ein Mædchen geschenkt hat; ein andrer einen Kranz, den ihm sein Mædchen um den Schlaf wand; und der wies Blumen, die er der Hirtin vom Busen stahl; und ein andrer sang ein neues Lied, das er von einem Mædchen in dem Nache gelernt hat. Daphnis, der ihnen bald zuhœrte, bald unaufmerksam da stund', erzehlt' ihnen; er erzehlte voll Leidenschaft, mit eifrigen Geberden, wie er das schœnste Mædchen gesehen; da lachten die losen Jynglinge, und sagten: Daphnis! du liebest das Mædchen; er wollt' es læugnen, da sahn ihm die Hirten ins Gesicht, er ward schamroth, und da lachten sie noch mehr.

Seine Liebe mehrte sich immer, die Gesellschaft der Hirten ward ihm unangenehm; er fieng an, seine Herde in einsame Gegenden zu treiben, an Bæche, die durchs Gebysch im Schatten rauschen; dann gefiels ihm nicht mehr am Bach, er gieng in den Hain, dann gieng er ans Ufer, und sah an das andre Ufer, und weinte, daß es ihn von seinem Mædchen trennt. So girret und klagt der Dauber, und flattert wehmythig um den Baum her, unter dem ihm der bœse Feldmann die Daube gewyrgt hat. Die Hirten mißten den Daphnis, sie liebten ihn alle; wo ist Daphnis? (sagten sie) wir freuen uns nicht mehr so, seit dem er uns verlæßt, er belebte unsre Freude, er der munterste Hirt, der die meisten Lieder wußte, und am besten die Flœte blies. Die Mædchen fragten auch: wo ist Daphnis? und wenn sie von seiner Liebe hœrten, dann wurden viele von ihnen traurig.

Oft saß Daphnis traurig am Bach oder im Hain, dann sank er wachend in Træume hin; er sah sein Mædchen, er erzehlt ihr seine Liebe, sie wird schamroth, er drykt ihr die Hand, und kyßt sie; sie will fliehn, er umfaßt ihre Knie und weint, sie seufzt und læchelt, sie sezt sich neben ihn, er kyßt sie unersættlich, sie kyßt ihn wieder, er drykt sie an seine Brust; dann drængt sich der traurige Gedanke hervor, daß sein Mædchen fern ist, daß er sie vielleicht nimmer finden wird, dann bebt' er vor Schreken, und weinte, daß die Thrænen wie eine Quelle von den Augen flossen. Dann sucht' er einen Nachen, und fuhr ans andre Ufer und suchte sein Mædchen, lief dem Ufer nach, und stieg auf die Hygel und suchte sein Mædchen, mit forschendem Auge sah er ins Thal, irrte auf den Fluren und an den Bæchen, und kam immer trostlos zuryk. Soll ich dich ewig umsonst suchen? (rief er dann) ewig umsonst! Ich will dich suchen, ich will alle Fluren durchsuchen; in allen Hainen, an allen Bæchen will ich dich suchen. Ach Gœtter! welch ein Glyk, wenn ich dich finde.

Welcher Baum beschattet dich izt, schœnstes Mædchen? (denkt er oft) welcher sanfte Wind kyhlet dich, und spielt mit deinen Loken? Schlummerst du an einer Quelle? fließt sanft, ihr Wellen; stœrt nicht ihren Traum. Ach! wenn sie von mir træumte? Rauschet stark, ihr Wellen, wenn sie von einem andern Hirten træumt! Gœtter! wenn sie von einem andern træumt, wenn sie einen andern liebt, wenn ihr zarter Arm einen andern umfaßt, wenn ein andrer ihre Wangen kyßt! Ach! was bin ich dann? Gœtter! was mach ich dann? Ich will hinfliehn, hinfliehn will ich, in einer Kluft will ich trauern, und dann – ach! und dann trostlos sterben!

Schon von der Zeit der Blyhte bis zu der Ernde-Zeit hatt' ihn die Liebe gepeinigt; alles freute sich izt, nur Daphnis konnte sich nicht freuen. Die braunen Schnitter giengen singend auf das winkende Aehren-Feld, und Daphnis half auch den Schnittern; denn in der Ernde-Zeit wurden die Herden nur wenigen Hirten yberlassen. In langen Reihen giengen sie theils hinter den Aehren her, und mæhten sie vor sich weg, mit der blinkenden Sichel; theils banden sie die Garben zusammen, und wenn der Mittag kam und der Abend, dann sammelten sie sich unter dem Schatten naher Bæume, sich durch Speisen und den kyhlenden Trunk zu erfrischen, und sangen Ernd-Lieder der Ceres, indem der weite Krug herumgieng. Die Schnitter, und die, so die Garben banden, sassen in Reihen gegen einander yber, und dann sangen sie alle.

»Die du mit Aehren dich krænzest, blonde Ceres, habe Dank vor die frohe reiche Ernde, und vors reiffe Korn.« Und dann sangen die, so die Garben banden: »Ihr muntern Schnitter, lehnet euch nicht auf die krumme Sichel hin, daß der, der euch die Garben bindt, nicht dœrfe myssig stehn.« Und dann sangen die Schnitter: »Ihr kyhlen Winde! weichet nicht vom Schnitter auf dem Feld, durchflattert kyhlend unser fliegend Haar bey dieser Sommer-Hiz.« Und dann die, so die Garben banden: »Sing dein ermunterndes und helles Lied, du gryne Heuschrek, die du um uns hypfest; und du, ô grosser Krug, sey nimmer leer, bey dieser Sommer-Hiz!« Und dann sang die Reihe der Schnitter: »Und wenn du, kyhler Abend, kœmmst, findst du das nakte Feld, und wir, wir gehn dann mit Gesang' auf kurzen Stoppeln heim.« Und dann sangen alle: »Die du mit Aehren dich krænzest, blonde Ceres, habe Dank fyr die frohe reiche Ernde, und fyrs reife Korn.

So sangen die Schnitter. Daphnis! (sagten sie dann) du bist nicht froh, du singest nicht. Aber Daphnis seufzt' und schwieg.

Das Feld war izt nakt, der Pflug und der Sæmann giengen izt auf selbigem daher, und die Hirten waren wieder bey den Herden; da saß er einmal am Fluß, und hœrte fernher auf zwoen Flœten blasen; so hatt' ers noch nie gehœrt, seine Brust schwoll auf von zærtlicher Wollust. Je næher die sanften Tœne kamen, je sysser ward seine Wollust, und sein Herz pochte voll sysser Ahnung, und seine Schafe vergassen das Gras und horchten; und die Vœgel schwiegen auf den Bæumen und horchten, und die ganze Gegend horchte in wollystigem Stillschweigen; Daphnis horchte, und ein kleiner Knabe kam gegen ihm, der blies auf zwoen Flœten. Er war lieblich wie eine Rosenknospe, nichts dekte den glænzend zarten Leib, nichts die weissen runden Arme, sein kleines Gesicht war schœn, wie einer Huld-Gœttin, und Rosen wanden sich durch die goldnen Loken um sein Haupt her.

Der Knabe kam zum Daphnis, den ein sanfter Schauer durchfuhr. Hirt! (so sprach der Knabe) komm, fyhre mich yber den Fluß. Daphnis band den Nachen los; und der Knabe stieg hinein. Die Wellen, die sonst wild wider den Nachen schlugen, flossen izt sanft, und kyßten den Nachen, und hypften plætschernd davon. Sie waren schnell yber den Fluß; da sprang der Knab ans Ufer, und sprach: Hirt! ich bin Amor, der Gott der Liebe; geh dorthin, wo die Quelle durchs Gebysche rauschet; geh der Quelle nach durchs Gebysche, da wirst du fyr deine Myhe belohnet werden.

Amor sagte so, und verschwand; und wo er verschwand, da blyhte plœzlich eine Rose auf. Daphnis zitterte, und blieb erstaunet stehen. Izt verließ er den heiligen Ort, und lief an die Quelle, und voll Verwirrung und voll Entzyken drængt' er sich durchs Gebysch. Wenn ich die Phillis fænde! (sprach er) ach! – – – Womit sollte mich Amor belohnen? Aber – – ich træume! Ach! wenn ich die Phillis fænde! (so sprach er, indem er schnell gehend die vor ihm durch einander gewebten Gestræuche zerriß.) Izt trennte sich das Gebysche zu beyden Seiten, eine kleine Ebene zu umkrænzen, die voll Blumen da stand, von der Quelle durchschlængelt.

Sein Blik irrete nicht lang durch die Gegend, er fand die Phillis, sie lag an der Quelle, auf den einen Arm hingelæhnt, und trauerte; wær er da, (sagte sie) wær er da; diesen Kranz wyrd ich ums Haupt ihm winden. Ach! wie lieb ich dich! wyrd ich sagen; aber wo ist er? Ach! fern von mir, fern von mir; ich will den Kranz zerreissen. Sie zerriß den Kranz, und wischte Thrænen von ihren Augen, da kam jemand durchs Gebysch; sie sah hin, und es war Daphnis. Gœtter! (rief sie) und sprang auf; er stuhnd verwirrt da, zitternd, wie ein Baum am sanften Wind; izt flog er zu ihr hin, sie trat zuryk, er nahm ihre Hand, er drykte sie an seine Lippen, und seufzt, und konnte nichts sagen; sein schmachtendes Aug sah sie an, ein Blik, in dem sein ganzes Herz mit allem seinem unaussprechlichen Entzyken sich mahlte. Phillis stuhnd da, ihr Herz pochte, und Seufzer bebten durch den jungen Busen herauf. Phillis! (so seufzt er) Phillis! – – Ach – – Ich bin zu schwach, dieses Entzyken zu ertragen. Daphnis! Ach! – Daphnis! (stammelte sie) dann schwieg sie wieder und seufzte. Ach! Phillis! (rief er) ach! was hab ich gelitten, seit dem ich dich sah! Ach! ich sah nur dich, ich sah nur dich auf den Fluren, nur dich in dem Hain, nur dich wann ich schlief, nur dich wann ich aufwachte! Ich bin den Gœttern gleich, wenn du mich liebst! Daphnis! seufzte sie, und sah weinend zur Erde, ach! wie lieb ich dich! seufzte sie, und schmiegte schamhaft sich an seine Brust. Da kyßte Daphnis ihre Wangen, und kyßte Freuden-Thrænen von ihren Augen, und drykte sprachlos sie an seine Brust. Sie blieben lang sprachlos; sie an seine Brust hingelehnt, er mit zitterndem Arm sie umschlingend. Die heftige Verwirrung verlohr sich izt in ein sanftes Entzyken; so legt sich ein starker Sturm, der Sturm ist nicht mehr, die Rosen und die Nelken zittern noch, izt zittern sie nicht mehr, izt athmen sie still wider Balsam-Dyfte, die Zephir kommen wieder, und flattern um sie her, und kyssen sie. So erholten sie sich wieder, und izt sezten sie an der Quelle sich hin, und izt erzehlt' er ihr, wie oft er yber den Fluß gefahren, wie er sie an dem Ufer und an den Quellen und auf den Hygeln gesucht habe, und dann trostlos zurykgekommen sey. Da erzehlt' ihm Phillis, wie sie, seit dem sie ihn an dem Fest der Nymphen gesehen, ihn geliebt; wie oft sie seufzend einsam an dem Ufer gegangen, wie sie bey Quellen und im dunkeln Gebysche geklagt habe. Da erzehlte Daphnis, wie er den Amor yber den Fluß gefyhrt, und wie eine Rose aufblyhte, wo er verschwand, und wie er ihn zu der Quelle gewiesen.

So sassen sie beysammen, und kyßten und umarmten sich, und erzehlten sich von ihrer Liebe; schon blinkte die Quelle neben ihnen im Mond-Schein, da versprachen sie sich, morgen, so bald der Mittag vorbey sey, wieder da zu seyn. Ach! wir myssen uns izt verlassen, sagten sie seufzend, und blieben noch sizen. Lebe wol, Daphnis! (sagte dann Phillis wieder) lebe wol! Ich muß, ich muß dich verlassen; dann kyßte sie ihn, und wollte gehn, und blieb noch da. Ach! ich muß, ich muß gehn, sagte Daphnis wieder, und umarmte und kyßte sie; da giengen sie wenige Schritte, und sahn sich wieder um, blieben stehn, hypften wieder zusammen, und kyßten sich. Lebe wol, Phillis, lebe wol, Daphnis! sagten sie da, und verliessen sich, und sahn immer zuryk, und winkten sich dann, bis beyde sich aus dem Gesichte verloren. Daphnis gieng voll Entzyken an das Ufer, kyßte noch die Rose, wo Amor verschwand, stieg in den Nachen, und fuhr freudig yber den Fluß, und sang; noch nie hatte sein Herz so mitgesungen, er sang so voll Wollust, daß sein Gesang viel zu schwach war, seine Freud' auszudryken.

Izt war Daphnis wieder froh, er gieng zu den Hirten, er sang ihnen Lieder, er blies auf der Flœte, und machte ihre Spiele mit; aber so bald der Mittag dem Abend wich, dann ybergab er die kleine Herde einem vertrauten Hirten, stieg in den Nachen, und gieng an die einsame Quelle zu seiner Phillis, die allemal seiner schon wartete.

Je mehr sie sich sahen, je entzykter wurden sie, sich zu sehen; und jedes glaubte, das glyklichste unter den Menschen zu seyn. Sie sagten sich tausend mal, wie sie einander liebten; und doch glaubte jedes, es wære nichts genugsam, dem andern zu sagen, wie sehr es geliebt sey. Oft, wenn Daphnis der Phillis in der Schoos saß, dann lehrten sie einander neue Lieder; Phillis sang, und Daphnis hielt es fyr weit schœner, als den Gesang der Nachtigall; Daphnis blies die Flœte, und Phillis zweifelte, ob Pan sie besser spielte. Oft erzehlten sie sich Geschichte; wann Phillis erzehlte, so hœrte Daphnis aufmerksam zu, oder spielte mit den Bændern, die ihren Busen zuschnyrten, und verlohr dann die Andacht, und stœrte die Erzehlung durch Kysse. Wann Daphnis erzehlte, so streichelte ihm Phillis das glatte Kinn, oder sezt' ihm einen Kranz auf das Haupt, oder sah ihn so schalkhaft an, daß er den Zusammenhang der Geschichte verlohr.

Oft giengen sie zu der Rosenstaude hin, sie hielten sie fyr das grœsseste Heiligthum, sie schyzten sie sorgfæltig vor Raupen und andern Unfællen, und banden die Ranken an Stæben in die Hœhe, und sangen dann dem Amor unter zærtlicher Umarmung ein Lied.

Daphnis hatt' einmal einen kleinen Vogel gefangen, den bracht er der Phillis, sie freute sich, und kyßt' ihn dafyr; sie sezt' ihn auf die Hand, seine zarten Beine zwischen ihren Fingern haltend, der Vogel flatterte mit bunten Flygeln auf ihrer Hand, er pfif, als ob er jemanden riefe; Phillis sah ihn an; Willst du von meiner Hand wieder auf die Zweige? (sagte sie.) Wen rufst du? deine Gespielen? Sollen sie auf meiner Schoos sich versammeln? Wie dir bang ist? Rufst du deinem Mænnchen? Ach ja! Er ruft seinen Geliebten, er klagt ihm, vielleicht sucht ihn das Mænnchen traurig; ach Daphnis! ich laß ihn fliegen! so sagte sie mitleidig, und œfnete die Hand; da flog er singend von einem Baum zum andern, und Phillis sah ihm nach, als ob ihr bang wære, daß er den Gatten nicht wieder finden werde. Daphnis sah seine Phillis an, und sah sie traurig niedersehn, da sank er erschroken an sie hin, und kyßte sie; Phillis seufzte: Ach! Daphnis! sagte sie, ach! Sollt ich dich einmal verlieren? Ach! sollt ich dich verlieren, so wyrde mein Schmerz unaussprechlich seyn! ich wyrde sterben! Da traurte Daphnis auch.

Ein ander mal sammelten sich Wolken yber ihnen, da sie beysammen sassen und fiengen an zu regnen, da flohen sie, und trieben der Phillis Schaafe vor sich her, und giengen in eine gewœlbte Grotte, deren Eingang von schleichendem Epheu bedekt war; sie traten hinein, und ihre Schaafe schlypften voran. Daphnis sah mitten in der Grotte einen Cypressen-Baum, und neben selbigem sprudelt' eine Quelle empor; erstaunend sah ers, und glaubte, dieß myßte die Grotte einer Nymphe, oder sonst einer Gottheit seyn; aber sie læchelten sich an, da sie einen andern Hirten in der Grotte fanden; er saß da im Schilf, der an der Quelle wankte, und machte Flœten mit sieben Rœhren, und Querflœten von Rohr. Er sah sich um, und grysste sie: Seyd willkommen, Mædchen! und du Hirt! vielleicht wynschet ihr, allein hier zu seyn; nicht wahr, junges Mædchen? O die Liebe hat schon manches Spiel hier im Kyhlen gehabt! Aber kysset euch immer, ihr Kinder! ich will mich nicht umsehn. – – – Nein, Hirt! (unterbrach ihn Phillis schamroth) wir kommen nur dem Regen zu entfliehen; und wenn mich der Schæfer auch kyssen wyrde? Izt trat Daphnis zu ihm hin. Du machst Flœten? sprach er. Ja, sagte der Hirt, und zwar die besten im ganzen Land; es macht sie keiner besser, keiner so gut; jeder will von meinen Flœten haben; gestern gab mir ein Hirt zwey Schafe fyr eine; ich kann darauf den Gesang der Vœgel und selbst der Nachtigall blasen, daß sie alle von den entfernten Bæumen auf den Aesten des Baums sich sammeln, wo ich flœte. Daphnis nahm eine der Flœten in die Hand; ich will das Lied der Chloe spielen; (sprach er) und Phillis! sing du das Lied.

»Du brauner Hirt! (so sang Phillis mit læchelndem Mund, lieblicher als die Flœte) du brauner Hirt! der du die Læmmer in dem Buchen-Thal hytest; ach! wann ich bey dir vorbeygeh, und ein nicht verlornes Schaaf suche, wann ich dann unter dem Blumen-Kranz hervor dich seitswærts anblike, und so freundlich læchelnd dich grysse, ach! warum verstehst du mich dann nicht? Heut sah ich mich im klaren Wasser, und blikte unter dem Blumen-Kranz hervor, wie ich dich anblike, und læchelte, wie ich dir zulæchle; ich muß es mir nur selbst gestehen, mein kleiner Mund læchelt lieblich, und mein braunes Auge sollte dir viel viel sagen, und doch, du blœder Hirt! und doch verstehst du mich nicht; sagt mir, ihr Nymphen! sage mir, Liebe! wie kann ich ihm besser sagen, daß ich ihn liebe?

Du hast dieß Lied unvergleichlich gesungen, (sprach der Hirt zu der Phillis) und du hast es gespielt; ich hætt es, beym Pan! selbst nicht besser gespielt; diese Flœte will ich dir schenken; sie ist mehr werth, als eine træchtige Ziege. Aber, (sprach er zum Daphnis) kannst du auch das Lied »Ihr Mædchen! die ihr sprœde thut,« – Es ist ein altes Lied, und wenig Hirten wissens mehr, es heißt das Lied des Næets; es heißt so, weil es eine Geschichte von dem Fluß-Gott ist, und diese Grotte heißt des Neætus Grotte, weil die Geschichte hier geschahe. Daphnis bat ihn, ihm das Lied vorzuspielen; und der Hirt nahm die Flœte, und blies das Lied so schœn, wie wann die Nachtigall singt. Nun kann ichs auch spielen, (sprach Daphnis) ich will es spielen, und du Hirt! singe das Lied; izt fiengen sie an, und der Hirt sang.

»Ihr Mædchen! die ihr sprœde thut, wann euch die Liebe gleich Herz und Busen beben macht; hœret wie die Gœtter eine Nymphe straften, hœret das Lied des Næets.

»Da Næet im Wasser auf seinem Wasser-Krug lag, da fiengen die Wellen an, schneller zu hypfen, da hub er das nasse Haupt mit dem træufelnden Schilfkranz empor, und rieb das Wasser aus den Augbramen, und sah, und sah da eine Nymphe, die ins Wasser gestiegen war. Wie schœn, (so sagt' er leis) wie schœn bist du, Nymphe! wie rund, wie weiß ist dein Busen; wie glænzend, wie weiß deine Hyften; wie hypfen die Wellen um die runden Knie, als ob sie versuchten, noch hœher zu hypfen! Ach Nymphe! so seufzt er, und stieg ans Gestad. Die Nymphe sah ihn, und floh', er folgt' ihr schnell wie ein Reh, sie floh' yber die Blumen wie ein Zephir; keuchend konnt' er kaum ruffen: Ach Nymphe! warum fliehest du mich? Izt lief die Nymphe in die Grotte; warum nicht weiter durch den Hain? Die Keusche!

»Ihr Mædchen! die ihr sprœde thut, wann euch die Liebe gleich Herz und Busen beben macht; hœret wie die Gœtter die Nymphe straften, hœret das Lied des Næets.

»Schon glaubte Næeth, den zarten Leib zu umfassen. Gœtter! (rief die Nymphe) helfet, macht mich zur Cypresse! Kaum war der Wunsch ihr vom Mund, so schossen die Fysse mit zehn Wurzeln in die Erde. Izt bebt ihr voll grausamer Schreken das Herz, zu dem die Rinde schnell heraufwuchs: Ach! (seufzte sie, und schlug die sprossenden Hænde yber das Haupt,) ach! Gœtter! warum hœret ihr diesen Wunsch so schnell! ach! Næet! Ach! Nymphe! seufzt izt der Fluß-Gott, und wand die Arm' um ihre Rinden; sie suchte mit Aesten ihn zu umarmen; aber umsonst; sie schytterte sterbend ihr Laub. Zornig stampfte der Fluß-Gott wider die Erde; und wo er stampfte, da sprudelte eine Quelle an seinem Fuß auf.

»Ihr Mædchen! die ihr sprœde thut, wann euch die Liebe gleich Herz und Busen beben macht; habt ihr gehœrt, wie die Gœtter die Nymphe straften? hat euch das Lied des Næets bekehrt?

So sang der Hirt; und Daphnis und Phillis hœrten ihm entzykt zu. Ist dieß die Grotte? Ist dieß die Cypresse und die Quelle? fragte Daphnis. Ja, sagte der Hirt, dieß ist die Quelle und die Cypresse. Mir deucht, sagte Phillis, mir deucht, die Cypresse habe ihr Laub stærker bewegt, da du das Lied gesungen hast. So kam ihnen der Abend zu bald.

Einmal war Daphnis an dem Bach, und fand seine Phillis nicht, da schnitt er, die Ungeduld zu verscheuchen, ihre Namen in die Rinden; dann blies er ein Lied, dann stieg er voll Ungeduld auf die hohen Bæume, seiner Phillis entgegen zu sehen; dann stieg er wieder herunter, und gieng staunend ængstlich umher. Endlich kam sie, ohne Krænze in den Haaren, die unordentlich yber ihren Achseln hiengen, sie gieng langsam mit traurig niedergeschlagenen Augen, ganz entstellt gieng sie daher; und Daphnis erschrak, sein Gesicht ward blaß, und sein Herz pochte, er gieng zitternd hin, und nahm ihre Hand, die matt in die seine sank, die Rede stokt' ihm, er durfte furchtsam nicht nach ihrem Unfall fragen; da sah sie ihn schmachtend an, mit einem Auge voll des zærtlichsten Schmerzens und voll Thrænen. Ach! Daphnis! (so sagte sie leis und schluchzend) Daphnis! Dann schwieg sie wieder, und eine Quelle von Thrænen floß aus ihren Augen. Daphnis bebte. Um der Gœtter willen! rief er, Phillis! welch ein Unglyk hat dich betroffen! Rede, um unsrer Liebe willen, rede! – Daphnis! sagte sie izt, ach! – ich soll – ich soll einen andern lieben, als dich! Da bebt' ein Schauer durch ihn auf, wie wann einer unter dem styrzenden Fels steht, ein kalter Schweiß floß von der Stirne, blaß und bebend stuhnd er da. Ja, Daphnis! (fuhr sie fort) ich soll den Lamon lieben, den Hirt, dessen Herden ganze Triften deken! ach! den soll ich lieben, er trug meiner Mutter seine grosse Herde und seine grossen Wiesen an, und begehrt mich zur Braut! und Daphnis! die liebe Mutter! sie glaubt sich nur glyklich, wann ich es bin, sie hælt dieß fyr mein grœssestes Glyk, und will, ach! sie will, daß ich ihn liebe! so sagt sie, und weint mit dem Daphnis. Dann hub sie wieder an: Nein, Daphnis! ach! weine nicht! wie kœnnt ich einen andern lieben? Und wenn seine Herden alle diese Triften dekten! macht dieses ihn liebenswyrdig? Nein, Daphnis, nein! Ach! du bist liebenswyrdig, arm bist du liebenswyrdig, dein sanftes Wesen, deine Tugend macht dich liebenswyrdig! Dich will ich lieben, Daphnis! sagte sie, und umarmt' ihn. – – Aber ach! ( rief sie wieder) dann werd ich der besten Mutter ungehorsam! Dann stœhr ich die Ruhe des grauen Alters durch Unmuth und Verdruß! Ach Daphnis! ich bin unglyklich! unglyklich, wann ich gehorche; unglyklich, wann ich nicht gehorche! – Daphnis! weine nicht so! ich erlige unter dem Schmerz! Ach! Phillis! (sagte Daphnis, voll unaussprechlichen Schmerzens,) sey gehorsam, die Gœtter strafen den Ungehorsam, sey gehorsam, sie werden dich beglyken! Ich will hingehn, und – ach! dich nicht mehr sehn, und unglyklich seyn, unglyklich seyn mein Leben durch! – – so kæmpften Liebe und Tugend. Sie schwiegen izt lang, Seufzer und Wehmuth hielten die Rede zuryk; endlich hub Phillis wieder an, sie drykt ihn an ihre Brust, ihr Aug voll Liebe sah ihn an: Daphnis! (sagte sie) ach! Daphnis! umarme mich! ich will dich lieben! ich will vor meine Mutter hinsinken, wenn sie von jener Liebe mir redt, ich will hinsinken, und ihre Knie umfassen, und weinen; ich will sie so lang umfassen, so lang will ich weinen, bis sie mitleidvoll unsere Liebe billigt. Ja, Phillis! (sagte Daphnis, ganz entzykt) umfasse ihre Knie, weine, neze ihre Fysse mit Thrænen, und lasse sie nicht, lasse sie nicht, bis sie unsre Liebe billigt; gewiß sie weint mit dir, gewiß sie billigt voll Mitleid unsre Liebe.

So entzykte sie izt die Hofnung, sie læchelten wieder, und umarmten sich, inbrynstig, wie sich Liebende umarmen, wann sie nach langer Entfernung sich wieder sehn; sie weinten izt Freuden-Thrænen, und kyßten sich unersættlich, bis der Abend sie schied.

Daphnis gieng voll Ungeduld und voll Hofnung zuryk. Der folgende Tag war kaum halb verflossen, so war er yber den Fluß. Phillis stuhnd schon am Bach, er lief zu ihr hin und kyßte sie, ihr lachendes Auge verrieth ihm schon gute Bottschaft; sie sezt sich auf das Gras, er sezt sich neben sie hin, den einen Arm um ihren Hals schlingend, und den andern in ihrer Hand auf ihre Schoos legend. Daphnis! (sagte sie) wir sind glyklich! Da kyßte sie ihn; er kyßte sie wieder, und drykte sie entzykt an seine Brust; wir sind glyklich, fuhr sie fort; da ich gestern zuryk kam, fand ich meine Mutter in dem grynen Vordach von Reben, das vor unsrer Hytte steht, sie band beym Mond-Schein die Ranken auf, die herunterhiengen; ich trat hinein und gryßte sie; ich danke dir, liebe Phillis! sagte sie; dann fragte sie mich, ob ich die Herde getrænkt hætte? bald wirst du izt (fuhr sie fort) eine grosse Herde haben, Lamon hat die grœsseste Herde unter allen benachbarten Hirten. Da erschrak ich und weinte; sie ließ die Ranken und sah mich an; warum weinst du, Phillis? sprach sie; da weint' ich noch mehr; da fragte sie wieder, da sagt' ich schluchzend: Ach! Mutter, liebste Mutter! werde nicht bœse! Ich weine, ach! ich weine, weil ich den Lamon nicht lieben kann! da warf ich mich vor sie hin, und umfaßte ihre Knie; ach! zœrne nicht! (sagt' ich, und weinte heftig,) zœrne nicht, liebe Mutter! ich kann, ach! ich kann den Lamon nicht lieben! ich liebe – Ach! ich liebe schon, einen Jyngling von dem andern Ufer, den Besten, den Tugendhaftesten. so sagt' ich, und drykte mein Gesicht an ihre Knie, und weinte; seine Herde ist klein, (sagt' ich) aber gewiß, gewiß er ist der Liebenswyrdigste, der Tugendhafteste! Da schwieg ich, und hub mein Gesicht voll Thrænen auf, und sah Thrænen in ihren Augen; sie reichte mir liebreich die Hand, und befahl mir aufzustehn. Nein, (sagte sie) Phillis! nein, ich will nicht eigensinnig deiner Liebe entgegen stehn. Aber, Phillis! die Liebe triegt; ich kann nicht ganz einwilligen, bis ich deinen Geliebten gesehn, bis ich mich erkundigt habe, ob er gewiß tugendhaft ist; hieran hængt das Glyk deines ganzen Lebens, die Tugend allein beglykt. So sagte sie; und ich versprach ihr, ich wolle dich in unsre Hytte bringen. Daphnis sprang auf, und jauchzte vor Freude, dann kyßt' er die Phillis, und umschlang sie mit beyden Armen; und sie umschlang ihn auch, dann drykten sie sich an einander, so sehr sie konnten, und kyßten sich myde.

Aber hœre, meine Phillis! sagte Daphnis; deine Mutter weiß nun unsre Liebe, und – – ich werd ihr doch wol gefallen, wann du mich in deine Hytte fyhrst? O ja! sagte Phillis; gewiß, gewiß wirst du ihr gefallen. Aber, (fuhr Daphnis fort) mein alter Vater weiß noch nicht, daß wir uns lieben, ich will hingehn und ihm unsre Liebe sagen; aber weißst du wie, Phillis? Komm du mit mir, ich will dich ihm zeigen, wann er dich sieht; gewiß, gewiß wird er sagen, Daphnis! du hast sehr wol gewæhlt.

Phillis willigte darein, und bat ihn, daß er Blumen holen sollte, daß sie sich mit einem frischen Kranz schmyken kœnnte. Da gieng Daphnis und suchte Blumen an dem Bach und im Gebysch; in der Zeit wusch Phillis ihr schœnes Gesicht an dem klaren Bach. Daphnis kam bald zuryk, mit einem Hut voll bunter Blumen, einige vielfærbigt, andre die weiß wie Schnee waren, andre blau wie der Himmel, andre goldfærbicht wie Sternen, oder roth wie der Phillis Lippen. Da goß er die Blumen in der Phillis Schoos, und sezte sich neben ihr hin; sie fieng an, den Kranz zu flechten, und die bunten Blumen auf das kynstlichste zu ordnen, und er legte die braunen Loken in Ordnung, und schmykte den weissen Busen mit Blumen. Nun war Phillis bekrænzt; und Daphnis glaubte, sie noch nie so schœn gesehen zu haben; er hypfte voll Freude, und fyhrte sie Hand in Hand ans Ufer; sie stiegen in den Nachen, und fuhren schnell yber den Fluß.

Er fyhrte sie vor seine Hytte; ich will izt hineingehn, sagt' er, und du, Phillis! warte hier unter dem Vordach, ich will dann wieder kommen, und dich vor meinen Vater fyhren.

Er tratt in die Hytte, und blieb stumm da stehn, errœthend mit niedergeschlagenen Augen. Lieber Vater! hub er izt an, und schwieg! Was willst du? Daphnis! fragt' ihn der Greis. Lieber Vater! ich – ich liebe! Izt schwieg er wieder schamroth. Du liebest, sagte der Greis, du liebest, und reicht' ihm die Hand, und wen liebest du? Izt trat er zum Vater, und legte seine Hand in des Greisen Hand; ach Vater! ich liebe ein Mædchen, das beste, das schœnste Mædchen im ganzen Land. Du bist glyklich, Daphnis! sagte der Greis, wenn dich die Schœnheit nicht triegt, wenn sie die Gœtter lieb hat, dann bist du glyklich, die Gœtter sehn aus dem Olymp und segnen sie. Aber, Daphnis! die Liebe triegt. Nein, sagte Daphnis, nein, sie hat mich nicht betrogen; izt hypft er unter das Vordach, und fyhrte die Phillis Hand in Hand in die Hytte.

Sie stuhnd da, die Unschuld, schamroth læchelnd, und sah mit gebogenem Haupt schychtern in ihren Busen, kaum wagte sie einen schnellen Blik unter dem Blumen-Kranz hervor. Daphnis sah bald den Vater an, und sah voll Entzyken, wie aufmerksam, wie freundlich der Greis der Phillis keinen Blik entzog; bald sah er die Phillis an, læchelnd, daß sie so schychtern da stand, er nahm ihre Hand, und fyhrte sie zu dem Greisen, und kyßte zærtlich des Vaters Hand. Komm, Phillis! sagt' er, komm, kyß auch des besten Vaters Hand; da kyßte Phillis auch des Vaters Hand.

Der Greis hatte sie noch immer stumm aufmerksam betrachtet; und izt seufzt' er. Ach was entdeket mein Auge vor Zyge in deinem Unschuld-vollen Gesicht? Mein Kind! ach! dieß sind Palemons Zyge! ja dieß sind die Zyge des redlichsten Freundes, so lachte sein Gesicht in seiner Jugend; er starb, ach! mit ihm starb die Hælfte meines Glyks! Ach! Kind! Kind! rede! Bist du Palemons Tochter?

Ich bin, hub Phillis an, ich bin Palemons Tochter. Ach! mein Auge hat meinen Vater niemals gesehen! Als ich der Mutter noch unter dem Herz lag, da starb er schon; tæglich gieng meine Mutter, unter den sprossenden Cypressen zu weinen, welche die Hirten um sein Grab her gepflanzet haben; tæglich weinte sie da, und gebahr mich bey des Vaters Grab.

Izt hub der Greis sich auf, und fiel der Phillis zitternd um den Hals. Meine Tochter! stammelt' er, meine Tochter! und sank kraftlos auf den Stuhl zuryk, und sah seufzend gen Himmel, und nahm des Mædchens Hand, und konnte voll wehmythiger Freude nichts sagen. Daphnis stuhnd ganz entzykt da; und izt eilt' er, den Greisen zu erfrischen, und seine Phillis zu bewirthen, und holt ein Kœrbchen voll Rosinen und Mandeln und Orangen und Aepfeln; nichts war genugsam seine Freude auszudryken, er hypfte und sang die Frychte holend. Daphnis! sagt' er, ach! wie glykselig bist du! Kein Mensch, nein, kein Mensch ist glyklich wie du! so rief er, und hypfte zuryk, und stellte das Kœrbchen auf die Tafel. Phillis mußte sich neben dem Greisen sezen, und er sezte sich neben die Phillis; izt hub er geschæftig an, Mandeln aus den Schaalen zu brechen, und die schœnsten Aepfel auszusuchen; die sie haben sollte, mußten alle wie ihre Wangen seyn, da sie errœthend in die Hytte trat.

Ach! wie selig, hub der Greis izt wieder an, wie selig flossen mir die Jahre in Palemons Freundschaft dahin! Ach! der redlichste Freund! wie war er tugendhaft! Er war arm, doch theilt' er immer mit, und keiner opferte den Gœttern mehr; er hatte beynahe keine Schaafe, als die er in dem Wett-Gesang gewann; denn damals sang keiner wie er; fernher kamen die Sænger, mit ihm in die Wette zu singen, und alle verlohren den Preis; so klein seine Herde war, so opfert' er doch jæhrlich dem Pan zween junge Bœke, und wenn er sie auch mit seinem Brod hætt' erkaufen myssen. Die Redlichkeit lachte auf seiner Stirne, und Freude und Zufriedenheit im Auge, diese wichen nimmer von ihm, auch im Unglyk nicht; dann weint' er, wenn er andrer Unglyk sah, dann fyhlt er mit Schmerzen seine Armuth, wenn sie ihn hinderte, ihnen zu helfen. So redlich war Palemon, so liebenswyrdig; er starb, ach! er starb in dem Sommer seines Lebens! Die ganze Gegend traurte, jeder hatte den redlichsten Freund verlohren! die Gegend hatte noch nie so viele Hirten versammelt gesehen, wie an dem Tag, da man seine Urne auf den kleinen Hygel hinsezte, der neben seiner Hytte war; alle sammelten sich traurig um die Urne, und jeder pflanzte da seinen Cypressen-Ast in die Erde um sein Grabmahl her, und Pan machte segnend, daß sie zum Wald aufwuchsen. Ich habe noch eine Trink-Schale von ihm, die hatt' er auch mit Gesang gewonnen, und mir geschenkt; Farren-Kraut und die Weg-Distel sind auf selbiger umkrænzend eingeschnitten, und eine Schlange windet sich herum, und bæumt sich hoch hervor, und beißt in das obere Rand, und wird so zur Handhabe. Ach! das ist mir ein schæzbares Angedenken von meinem besten Freund, und ich giesse sie nur an den heiligen Festen voll!

So sprach der Greis, und Daphnis und Phillis hœrten ihm traurig zu. Indessen kam der sanfte Abend, und Phillis mußte sie verlassen. Der Greis kyßte zærtlich ihre weisse Stirne; sage der Mutter, sprach er, sag ihr, daß Amyntas noch lebt; sag ihr, daß dieß sein schwaches Alter verjyngt, wenn sie zugiebt, daß Palemons Tochter mit seinem Sohn sich verbindet, und ihn Vater nennt. Phillis gab izt ihrem Hirten die Hand, der sie aus der Hytte fyhrte; der Greis gieng auch aus der Hytte, und seine Blike læchelten ihnen nach, bis sie unter entfernten Bæumen sie verlohren; wahrhaftig! sagt' er, voll Entzyken, die Freude des tugendhaften Sohns ist des Vaters seligste Freude, sein Glyk ist des Vaters seligstes Glyk! Welche Belohnung, welche selige Belohnung fyr die Myhe, Tugend in das junge aufkeimende Gemythe zu pflanzen! Welche frohe Ernde! welche sysse Frychte!

So sprach er, und gieng in die Hytte zuryk. Inzwischen waren Phillis und Daphnis schon in den Nachen gestiegen, sorgfæltig fuhr er yber den Fluß, hob das Mædchen aus dem Nachen, und band ihn an einer Weide fest; sie sangen, indem sie giengen, ein zærtliches Lied, das die Echo wiederholte, und das durch ihre Kysse oft unterbrochen ward. Sie kamen izt auf das offene Feld, und izt mußten sie sich verlassen, und er versprach ihr, den folgenden Tag in ihre Hytte zu ihrer Mutter zu kommen; und da sang ihnen die Nachtigall beym zærtlichen Abschied.

Daphnis gieng izt durchs Gebysche zuryk, und wollte den Nachen los binden, als jemand aus dem Weiden-Gebysche rief: Daphnis! komm zu uns unter die Weiden; und Daphnis gieng, und zween Hirten sassen da; du sollst unser Richter seyn, sprachen sie, wir wollen gegen einander singen; ich will Richter seyn, sprach Daphnis; und sezte sich gegen ihnen yber.

»Gebet, Musen! (hub der erste Hirt an) gieb, Pan! daß ich lieblicher singe, als die Grasmyke, lieblicher singe, als die Nachtigall; Menalkas singt, dem nie der Preis entgieng, zwar wenn ich singe, dann stehen die Mædchen oft bey mir still, und sagen: Menalk! ach! du singest schœn! Aber wenn du holde Daphne einmal still styhndest, und sagtest: Menalk! ach! du singest schœn!

»Ich weiß ein Mædchen, (so sang der andre Hirt Alexis) ach! ich weiß ein Mædchen, das hat nur sechszehn Sommer gesehn; schlank von Hyften und klein, braun von Haaren und Schnee-weiß von Stirn; feurig bliket sein Aug, und lieblich læchelt sein Mund. Wo hypfest du izt auf den Blumen wie ein junges Lamm, wie du an jenem kyhlen Herbst-Abend hypftest, seitdem mein Herz diese Unruh empfindt? Ach! wo hypfest du izt, Kind! leicht wie ein Vogel auf Aesten hypft?

Menalkas sang izt: »Da wo die braunaugichte Daphne singt, da sollen die Vœgel auf den Bæumen schweigen; da wo ihr kleiner Fuß geht, da sollen sanfte Winde flattern, da wachse lauter Klee, da sey fyr ihre Herde die beste Weide.

Und izt Alexis: »Alle Abende treib ich meine Herde durch den Bach, daß sie sich bade, und meine Schafe sind weiß wie die Schwanen im Fluß; und ich bin jung und schœn, du hypfendes Mædchen!

Menalk sang: »Wie die sanften Abend-Winde durch die Weiden schlypfen! Wie der stille Mond hervorgeht! O! klettert nicht so am Rand, ihr Ziegen und ihr Schafe! hier sind auch Papeln, hier ist auch Epheu, daß das Ufer nicht sinke!

Und Alexis: »Wie beneid ich dich, junges Schaf! du hypfest um sie her, und issest den Klee aus ihrer Hand; wie beneid ich dich, kleiner Sperling! du hypfest am Gitter ihres Fensters, und siehst ihren Morgen-Schlaf, und singest ihr, und sie liebet deinen Gesang. Da wo ich mein Mædchen finde, da wo es den ersten Kuß mir giebt, da will ich jæhrlich, (ich schwœr es dir, Pan!), da will ich jæhrlich einen Widder dir opfern, ô Pan!

So sangen die Hirten, und Daphnis sagte: Alexis! du hast den Preis gewonnen; dein Gesang ist lieblicher zu hœren, als das Rieseln des Bachs. Da nahm Alexis die Ziege, die zum Preis ausgesezt war. Daphnis! (so sagt' er) man sagt mir, daß du ein guter Sænger seyst; ich gebe dir die Ziege zum Geschenk, wenn du ein Lied mir singst. Da nahm Daphnis die Ziege voll Freude, und sang:

»Leuchte izt, Mond! (so sang er) leuchte hell auf dem Weg, den izt mein Mædchen nach seiner Hytte geht. Kein næchtlicher Schreken begegne ihr auf dem einsamen Weg; nur sanfte Stille und Mond-Schein begleite dich, und nichts, nichts stœre deine Gedanken an mich; nur der Gesang der Grille tœne dir von der Flur her; nur die Nachtigall singe ihre zærtlichsten Tœne aus jedem Busch, an dem du vorybergehst; ihr Lied sey zærtlich, wie dein Gedanke, wenn du an mich denkst, und seufzend nach dem Mond blikest; denn wo du mein Mædchen bist, da hab ich immer »Fryhling; da ist lauter Freud auf den Fluren; da riechen die Blumen lieblicher; aber wenn du an deine Brust mich drykest, und mich auf meine Lippen kyssest, ach! dann, dann pochet mein Herz, dann seh ich nicht Fryhling, dann riech ich nicht Blumen, ach! dann fyhl ich nur, dann fyhl ich nur deinen Kuß.

So sang Daphnis. Meine halbe Herde wyrd ich geben, sprach Alexis, kœnnt' ich singen wie du!

 

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