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Christoph Martin Wieland: Cyrus - Kapitel 5
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer goldene Spiegel und andere politische Dichtungen
authorChristoph Martin Wieland
year1979
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05298-0
titleCyrus
pages525-541
created20010925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1756
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Fünfter Gesang

                 

Unterdes hielt mit ermüdetem Arm Gadates den Helden
Siegesbegierig noch auf. Im ersten Sturme des Treffens
Hatt er den Anschlag gefaßt, mit seinen Mengen die Perser
Um und um einzuschließen. Die Söhne des Nils, die Hyrkaner,
Und die Kadusier sollten mit ihm die schönste der Taten
Rühmlich versuchen, den Krieg mit Einem Streiche zu enden.

Aber der Göttliche spähte von fern des assyrischen Führers
Stolzen Entwurf; und ruhig und schnell, wie Götter im stillen
Wirkend den nahen Erfolg der menschlichen Schlüsse zernichten,
Kommt er dem Sichern zuvor. Er schickt mit Armeniens Rossen
Seinen Tigranes, die feindlichen Flügel zu trennen: er selber
Eilet indes mit den Persern, dem trägern Gegner die Flanke
Abzugewinnen. Es fleugt der persische Phalanx. Der Panzer
Und der Schwerter Gewicht und die Last des ehernen Schildes
Hält die Geübten nicht auf. Dann dreht er mit mächtigem Schwunge
Plötzlich sich um, und dehnt im bestürzten Antlitz der Feinde
Seine Linien aus. Erbittert, die Hoffnung des Sieges
Sich entrissen zu sehn, verdoppelt der kühne Gadates
Seinen Eifer. Sein Mut, sein Beispiel, sein feuriger Zuruf
Hemmt den Schrecken, der schon die ersten Reihen verwirrte.
Auch dich, Sarkan, ergreift die Gewalt der Siegesbegierde,
Ob sich dein Herz gleich sträubt, für deinen Tyrannen zu kämpfen.
Mutig stellst du dein Heer, die wohl gewachsenen Hyrkaner,
Söhne der freien Natur, dem ersten Angriff entgegen.
Schnell, mit flüchtigem Schritt und unerschrockenen Blicken,
Nahen die Perser, die Brust mit dem runden Schilde bedecket,
In der Rechten das Schwert, zu blutigen Werken gezücket.
Aber noch ruhn, so befahl es der Held, die tödlichen Waffen
In der dräuenden Faust. Auf einmal ergießt sich ein Regen
Schwirrender Pfeile den Männern entgegen. Doch immer geschlossen
Stürmen sie fort, und lachen der leichten Wunden. Itzt schallet,
Cyrus, dein mächtiger Ruf! Sogleich in schrecklichem Anlauf
Stürzt sich der Phalanx, die dichten Schilde zusammen gedränget,
In die Hyrkaner. So rauscht aus heulenden Wolken ein Sturmwind
Auf den Tannenwald zu, und wirft die krachenden Stämme
Reihenweis nieder. Itzt hätte die Flucht und der Taumel des Schreckens
Schnell, wie in einem entzündeten Haine die wallende Flamme
Durch die Gesträuche sich wälzt, die Söhne des Ochus ergriffen,
Hätte nicht Sarkan der weichenden Schar und dem folgenden Sieger
Mitten im wilden Gedränge sich selbst entgegen geworfen.
Wütend, vor seiner Stirn Hyrkaniens edelste Blüte
Unter dem persischen Schwert ungerochen fallen zu sehen,
Rennt er, die Seelen der Brüder zu rächen, mit wallenden Zügeln
Unter den Feind. Sein einzelner Arm, von der feurigen Seele
Wie mit Allmacht geschwellt, hält ganze Scharen zurücke.
Rastlos blitzet sein Schwert auf ihre Häupter herunter,
Schlag auf Schlag. Schon liegen Peucest und der trotzige Smerdis
Blutend im Staub; bald fallen Argast und Atys und Zedar,
Würdige Brüder, die blühenden Söhne des grauen Argantes;
Jeder, indem er voll Edelmut sich dem Bruder zum Schilde
Vorwirft, der eignen Gefahr und der strömenden Wunden vergessend!
Um sie wird der untröstbare Greis die silbernen Haare
Raufen, und jeden Morgen und jeden traurigen Abend
Einsam mit jammernden Tränen den leeren Aschenkrug netzen.

Aber itzt naht sich dem kühnen Hyrkaner ein stärkerer Gegner,
Arasambes, der schönste nach Cyrus von Persiens Söhnen,
Und von Cyrus geliebt. Ihm hatten die Grazien alle,
Als ihn die Mutter gebar, gelächelt, die schönste der Musen
Selbst die nektarne Brust ihm unter Lorbeern gereichet.
Früh entflog Arasambes den leichten Freuden der Jugend,
Weisheit im Schoß der Natur, und in den Taten der Helden
Dich, o göttliche Tugend, zu suchen. Oft hörten die Haine
Und der entzückte Hirt, und das rosenwangige Mädchen,
Unten im blumigen Tal bei ihren Schafen gelagert,
Wenn er vom Gipfel des Felsen, im morgenrötlichen Schimmer,
Seinen erhabnen Gesang aus silbernen Saiten beseelte.
Mit den sanftern Künsten der keuschen Musen verband er
Jede kriegrische Tugend. Ihm pflegte Cyrus zu rufen,
Wenn die Zeit den Behenden, den Klugen, den Tapfern verlangte.
Dieser war's, der sich den siegenden Arm des Hyrkaners
Aufzuhalten getraut'. In silbernen spiegelnden Waffen
Tritt er ihm kühn entgegen. Sie schauen schweigend einander
Mit Bewunderung an, und jeder wünscht sich den Gegner
Lieber zum Freund. Doch fordert die Pflicht itzt andre Gedanken.
Hartes Geschick! Die Tugend, die ihren verschwisterten Seelen
Liebe gebeut, befeuert sie selbst zu feindlichen Taten.
Ungesäumt rüsten sie sich, den edeln Kampf zu beginnen.
Jeder umfaßt den Schild, und hebt zu tödlichen Streichen
Hoch den schimmernden Stahl. So laufen sie gegen einander.
Unter der Kämpfenden Fuß ertönt die Erde, die Schilde
Stoßen zusammen, die mächtigen Hiebe durchkreuzen sich klappernd,
Prallen vom Schilde zurück, und glitschen am schlüpfrigen Helme
Fruchtlos herab. Dir, Sarkan, gelingt's, den persischen Jüngling,
Da er zu feurig dich preßt, zuerst an der wächsernen Schulter
Leicht zu verwunden. Erhitzt vom Anblick des sprudelnden Blutes
Das vom Arme herab ihm rieselt, rafft Arasambes
Jede zerstreute Kraft zu Einem Streiche zusammen,
Den er dem Haupt des Hyrkaners bestimmt. Doch, Sarkan, dein Schutzgeist
Wacht, zur Seite dir schwebend, den mördrischen Schlag zu verhindern.
Eh noch das persische Schwert den Helm des Hyrkaners berühret,
Wirft sich, für beider Leben besorgt, ein Haufen von Streitern
Zwischen die Helden. Sie zürnen umsonst, die Wellen des Krieges
Reißen sie stürmisch hinweg, und öffnen dem Mute der Kämpfer
Andre Szenen zum Sieg.

                                        Dort, wo der göttliche Perser
Mit Gadates noch ringt, enthüllt sich die blutigste. Sarkan
Eilet dahin, den Bedrängten zu Hülfe. Die Tapfern verschwenden
Fruchtlos ihr Blut, das besser die Sache der Freiheit zu schützen
Angewandt wäre; sie toben umsonst dem Helden entgegen,
Den der Himmel beschützt, für den die Unsterblichen streiten!
Alles weicht der unsichtbaren Macht. Sein furchtbares Schwert blitzt
Tod und Verderben umher. – Doch, Muse, ziehe den Vorhang
Über die blutigen Taten! Verhülle den Todesengel,
Dessen rächenden Arm die strenge Gerechtigkeit führet.
Oder bezwingt dich der Reiz, den Unerschrocknen zu sehen,
Wie er mit ruhigem Blick die Blitze des Donnerers schleudert,
Wie er, mitten im Sturm, des Heeres Bewegungen lenket,
Alles umschaut und alles besorgt und alles beseelet:
Göttin, so laß den Augen, die voll entzückter Bewundrung
Deinen Liebling beschaun, mitleidige Tränen entfallen;
Tränen, daß den Gerechten, den liebenden Bruder der Menschen,
Wider sein Herz die eiserne Not zum Würgen gezwungen!

Doch nicht dann nur allein, wenn sein wohltätiges Lächeln
Wonne den Völkern verheißt, auch wenn er zürnet und tötet,
Ist er des Ewigen Bild. Dich selbst, o Vater der Wesen,
Geber der Freude, die sich aus deiner unendlichen Fülle
Durch die Welten umher zu allen Erschaffnen ergießet,
Dich selbst nötigt die Wut der Störer deiner Gesetze,
Wenn sie das Zögern der Strafe zu neuen Empörungen anreizt,
Oftmals von der entheiligten Erde dein Antlitz zu wenden.
Dann erblasset der Tag, dann beben die Pfeiler der Erde
Und die Inseln des Meers, dann schwellen die siegenden Wogen
Über die Ufer empor, die berstenden Felsen zerschmelzen,
Flammend tut sich der Acheron auf, und sündige Städte
Taumeln mit ihren Bewohnern hinab. Die goldnen Paläste,
Wo mit der Wollust der Geiz und die unersättliche Raubsucht
Wohnten, die marmornen Tempel, wo vor vergötterten Lastern
Seiner Priester ein schwärmendes Volk im Staube sich wälzte,
Stürzen krachend hinab. Das Heulen der Todesangst winselt
Aus den Ruinen herauf. Umsonst, der zürnende Himmel
Höret sie nicht! Vergeblich entfliehn die nackenden Scharen,
Bleichen Gespenstern gleich, dem tausendfältigen Tode,
Der sie von allen Seiten umstürmt, in wütenden Flammen
Lodert, in Wassern braust, und aus den Wolken herab stürzt.

Schon wich alles dem persischen Sieger. Die Scharen von Babel
Waren zertrennt, und deckten in blutigen Schichten den Boden:
Als das Geschrei vom Tode des Königs gegen die Seite,
Wo Gadates noch stritt, sich wälzte. Die schreckende Nachricht
Eilet von Mund zu Mund, verkündigt den Sieger Araspes,
Und des Tyrannen Fall, und die Niederlage der Baktrer.
Plötzlich entsinkt den Männern der Mut; das Schicksal des Königs
Und der Hälfte des Heers verkündigt ihnen ihr eignes.
Alle fliehen. Vergebens bemüht sich Gadates, mit Ordnung
Sie zurücke zu ziehn; die taumelnde taube Bestürzung
Höret den Führer nicht mehr. Auf blutbezeichneten Wegen
Fliehn sie, verstreut, wie der Zufall sie treibt, zum bebenden Lager.

Aber nicht minder vom Sieg, als jene vom Schrecken beflügelt, –
Setzt Teribazus den Fliehenden nach. Armeniens Rosse,
Leicht geschenkelt wie die, die, von Frühlingswinden empfangen,
Thraciens lüftige Höhn mit ihrem Wiehern erfüllen,
Rennen wetteifernd den medischen vor. Selbst Persiens Söhne
Folgen dem reißenden Schwall, wiewohl des Panzers und Schildes
Eherne Last sie hemmt. Nur Cyrus bleibet noch einsam
Auf dem Schauplatz des Todes zurück. Mit trauernden Blicken
Sieht er sich um und seufzt, und stille Tränen, von Engeln
Aufgefasset, entschleichen den braunen Wangen des Siegers.
Schauernd, mit bleicher Stirn, von der der Heldenschweiß träufelt,
Steht er und schaut umher, vergißt des Sieges und jammert
In sich selber verhüllt. Itzt wollten in heiligem Zorne
Seine Lippen sich öffnen, dem Ungerechten zu fluchen,
Dessen versöhnendes Blut itzt mit dem Blute der Opfer
Seines unseligen Stolzes sich mischte. Doch faßt' er sich plötzlich
Wieder, und schwieg, und sah mit tiefen Blicken gen Himmel
Und mit gefaltetem Arm. – »O Vater der Götter und Menschen,
Schaue herab! – O laß die bessern tröstenden Tage
Eilen, die Wiederbringer der Ruh und der friedsamen Ordnung,
Ganz dem heil'gen Geschäfte, die Menschen glücklich zu machen,
Ganz dem Frieden geweiht! – –
Aber noch sind sie fern. Dein unerforschliches Schicksal
Fordert noch Blut. Noch ruft der Tugenden schwerste, der Pflichten
Strengste mich auf.« – So denkt er, und steht in traurigem Tiefsinn
Und in Wehmut versenkt. Ihm schwebt sein himmlischer Führer
Ungesehen zur Seiten, und haucht balsamische Lüfte
Um sein Antlitz, und Ruh und belohnende Freuden der Tugend
Tief ins besänftigte Herz. Der Held erhebt itzt sein Auge
Wieder, dann senkt es sich auf die edeln Leichen der Perser,
Die um ihn her, von Wunden erschöpft, die mutigen Seelen
Ausgehaucht hatten. Bewundrung und sanfte Trauer vermischt sich
Glänzend im tränenden Blick. »Wie sind«, so ruft er, »die Helden,
Ach! wie sind sie gefallen, die würdigen Schützer der Freiheit!
Doch ich klage nicht Euch! Ihr fielet edel, mit Wunden
Für die gerechte Sache geschmückt. Den schönsten der Tode
Gab euch das Schicksal zu sterben: itzt öffnet die Wohnung der Götter
Sich im Triumph den Söhnen der Tugend, unsterbliche Feste
Mit den Geistern zu feiern, die auch durch göttliche Taten,
Würdig des Danks der Erde, des Himmels würdig sich machten.
Nein! ich klage nicht euch! Für dich, mein Vaterland, fließen
Meine Tränen. Du hast die würdigsten deiner Söhne,
Deine Beschirmer, verloren. Verzeiht, glorwürdige Schatten,
Daß wir den Jubel, die Freuden des Siegs, die glänzenden Früchte
Euers wohltätigen Todes, mit menschlichen Tränen beflecken!
Hier auf diesem geheiligten Boden, hier, wo ihr geblutet,
Soll den Wolken entgegen getürmt ein marmornes Denkmal,
Ringsum mit goldnen Waffen behangen, der dankbaren Nachwelt
Ihre Reiter erzählen! So oft die Sonne zurück kommt,
Soll ein festlicher Tag mit Spielen der kriegrischen Jugend,
Euerm Gedächtnis geweiht, die späten bewundernden Enkel
Reizen, die Bahn der Ehre in euern Tritten zu laufen!«
Also sprach er, und blieb in ernsten Betrachtungen stehen.

Unterdes wälzt sich die Flucht, und das laute Jauchzen der Sieger
Bis zum Lager. Zu Tausenden stehn die assyrischen Mütter
Auf dem türmenden Wall, und werfen ängstliche Blicke
Über die Ebnen, woher aus neblichter Ferne des Streites
Gräßliches Antlitz sie schreckt. Ein kriegrisches wildes Getümmel
Schlägt ihr lauschendes Ohr: wie wenn aus felsigen Wüsten
Mit dem Sausen des Sturms und dem Schalle des fallenden Waldstroms,
Der, von zerborstenen Wolken geschwellt, sich über die Felsen
Stürzet, des Donners Gebrüll im Ohre des Wandrers sich mischet.
Aber itzt wächst das Getös, und kommt den Bebenden näher.
Unglückselige! welch ein Gesicht enthüllt sich auf einmal
Euern Augen! Das Feld von Fliehenden wimmelnd, die Scharen
Alle zerstreut, der Boden bedeckt von assyrischen Schilden!
Wütend raufen sie sich den Schmuck der goldenen Locken,
Heulen und schlagen die schuldlose Brust. Ein schwärmender Schrecken
Faßt sie, die Furcht ersetzt den Mangel der Stärke, und schwellet
In der Verzweiflung mit männlicher Wut die weiblichen Busen.
Zitternd, mit nacktem Fuß und offnen fliegenden Haaren,
Drängt die wehrlose Schar sich aus den Toren des Lagers,
Unter die Fliehenden. Zürnender Spott und bittre Verweise
Schallen aus jedem Mund, und blitzen im wütenden Auge.
»Suchet ihr hier den Feind, Unmännliche? Kehret ihr also
Im Triumphe zurück? Soll euch die wallende Länge
Unsrer Schleier dem dräuenden Antlitz des Siegers verbergen?
Oder sollen wir, daß ihr indes gemächlicher fliehet,
Unsern Busen für euch den feindlichen Pfeilen entblößen?«

Solche Reden entstürzten den scharfen weiblichen Lippen.
Scham und vermischter Zorn entflammet die Männer, sie stehen
Unentschlossen: doch bald vollendet die flehende Träne,
Was der strenge Verweis nicht auszurichten vermochte;
Denn itzt werfen sie sich zu den Füßen der Männer und weinen,
Schlingen um ihre Kniee die wächsernen Arme, und schauen
Gegen sie auf mit flehendem Blick. Beim Tage voll Schmerzen,
Der ihn gebar, beschwöret den Sohn die jammernde Mutter,
Sie vor der Schmach der Bande zu schützen. Mit zärtlichem Wüten
Reißt die Gattin ihr Kind von der Brust, den wimmernden Erstling
Ihrer Umarmungen, streckt es verstummend dem Vater entgegen,
Und durchbohrt ihm sein Herz mit unaussprechlichen Blicken.
Nicht vergeblich! Die Mutlosen fühlen die Allmacht der Schönheit
Und der Natur, die Zaubergewalt des holden Geschlechtes,
Das die Anmut allein statt aller Waffen empfangen,
Feige zu Helden erhitzt, und Helden durch Tränen entwaffnet.
Was dein Beispiel, dein Mut, was deine beredenden Künste
Nicht vermochten, Gadates, das wirkt die weinende Schönheit.
Haufenweis sammeln sie sich, und füllen die Pforten des Lagers
Und den getürmten Wall, den Feind zu erwarten entschlossen.

Sarkan allein, von andern geheimen Gedanken getrieben,
Hatte sich unter der Flucht mit seinen Hyrkanern von ihnen
Abgesondert, und wich, stets fechtend, mit langsamen Schritten
Gegen das nahe Gebirge zurück. Die übrigen alle,
Deren das Schwert geschont, verschloß das schirmende Lager.

Aber dem persischen Mut und deinem Schicksal, o Cyrus,
Türmten sich Alpen selbst nicht unersteiglich entgegen.
Sengte gleich lybischer Sand die brennenden Sohlen, verwehrten
Reißende Ströme den Weg und schneebeladne Gebirge;
Nichts, nichts hemmet der Siegenden Lauf, sie lachen der Arbeit
Und der bekannten Gefahr, und schämen sich leichter Triumphe.
Tausend der kühnsten von Persiens Söhnen, mit Cyrus erzogen,
Jünglinge, denen der Name der Furcht leer tönender Schall war,
Hatten sich an die Stirne des wartenden Heeres gedränget,
Ungeduldig, bis Cyrus, den Sturm zu erlauben, sich zeigte.

Cyrus erschien. Schon neigte die Sonne den Wagen nach Westen
Als er dem Heere sich zeigt'. Ein lautes Frohlocken der Männer
Holt siegprangend ihn ein. »Nur Eine Arbeit noch«, ruft er
Ihnen entgegen, »so ist der Siege schönster vollendet.
Diese Wälle verbergen uns nur die Belohnung des Sieges.
Haben wir nicht die keichenden Feinde, wie schüchterne Rehe
Daß uns keiner entrinn, hierher zusammen getrieben?
Laßt den Erschrocknen nicht Zeit, sich aus der Betäubung zu sammeln.
Eilet, ersteiget den Wall, ergetzt mein begleitendes Auge
Durch den Anblick wetteifernder Taten!« –

                                                                      So spornt er mit Worten
Voll Vertrauen die Willigen an. Die goldne Trompete
Hallt den Befehl umher; die wilden kriegrischen Seelen
Hüpfen in jedem Busen empor, indem der bekannte
Siegweissagende Schall die horchenden Ohren bezaubert.
Reihenweis rücken sie gegen den Wall; ein Sturmdach von Schilden
Schlägt die Pfeile zurück, die aus den hölzernen Türmen
Über sie regnen. Dann klettern die kühnsten von Persiens Jugend,
Auf das eherne Dach von ihren Freunden gehoben,
Mutig den neigenden Hügel hinauf. Der Zuruf der Brüder
Feurt die Wetteifernden an. In wenigen Augenblicken
Ist im bestürzten Antlitz des Feindes das Bollwerk erstiegen.
Seellos, der letzten Hoffnung beraubt, der flehenden Weiber
Und des gegebenen Worts uneingedenk, fliehn die Assyrer
Taumelnd zurück, und lassen dem würdigern Sieger die Beute.
Schon durchbricht er die Tore des Lagers, schon fallen die Baktrer,
Die sie beschützen, von Speeren durchbohrt. Wie Wogen des Meeres
Durch den zerborstnen Damm sich über die Felder ergießen,
Strömen die Sieger hinein, indem die flüchtigen Scharen,
Über einander gewälzt, aus der westlichen Pforte sich drängen.

Schamvoll und unentschlossen entweicht auch Gadates, und fluchet
Seinem Gestirn, das ihn zu Babylons Sklaven verdammte.
Soll er entfliehn, um sich her die irrenden Flüchtlinge sammeln,
Und mit dem Rest des zertrümmerten Heers sich unter die Mauern
Babylons ziehn, den Staub vor dem neuen Beherrscher zu küssen,
Den aus dem innern Palast der Tod Neriglissors zum Thron ruft?
Soll er ein neues Heer, von den Persern geschlachtet zu werden,
Aus den entvölkerten Ländern erzwingen, damit dem Tyrannen
Wüsten doch übrig bleiben, die seinen Zepter erkennen?
Oder soll er, vom Beispiel des Glücks und der Götter entschuldigt,
Sich für Cyrus erklären? Das letzte rät ihm die Klugheit,
Jenes befiehlt die herrschende Ehre! Auf einmal entschlossen,
Drängt er sich aus der Verwirrung der Flucht zum benachbarten Walde,
Wo, von den wachsenden Schatten begünstigt, die flüchtigen Haufen
Sicherheit suchen. Ihm gönnt der ruhebedürftige Sieger,
Sich zu verstärken, die Stunden der Dämmrung. Hier sammeln in kurzem
Sich Myriaden um ihn. Sein hohes königlichs Ansehn,
Und sein verwegener Geist, der stolz dem Unglück entgegen
Kämpft und mitten im Sturm sich über den Wellen empor hält,
Macht ihn in ihren Augen zum Gott. Sie schwören ihm Treue.

Also zieht er, verhüllt in mitternächtliches Dunkel,
Babylons Gegenden zu. Verheerung und flammende Hütten
Zeichnen des Fliehenden Weg. Den Lauf des Siegers zu hemmen,
Setzt er ihm Wüsten entgegen. Er eilt, vom folgenden Feinde
Nicht erreicht, und wächst, indem er verwüstend sich fortwälzt,
Bis er am vierten Tage die Ufer des Tigris ereilet.

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