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Christoph Martin Wieland: Cyrus - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer goldene Spiegel und andere politische Dichtungen
authorChristoph Martin Wieland
year1979
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05298-0
titleCyrus
pages525-541
created20010925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1756
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Vierter Gesang

                 

Nenne mir itzt, Xenophontische Muse, die Menge der Völker,
Mannigfaltig an Sprach und Gestalt, an Sitten und Waffen,
Die, aus entlegnen Zonen der Erde vom herrschenden Winke
Babels gerufen, sich neben einander zu sehen erstaunten:
Nenne sie, melde die Sitten der Männer, dann gib sie, o Göttin,
Ihrem Schicksal! – Erhöht auf dem elfenbeinernen Wagen
Sitzt der Tyrann, die bunten unzählbaren Scharen zu schauen,
Wie sie vor seinem Aug in sklavischer Stille vorbei ziehn.

Aus den beblümten Gefilden, durch die der Tigris sich wälzet,
Kamen zuerst die Assyrer. Ein leichter beflügelter Wurfspieß
Schimmert in jeder schwingenden Hand, ein stählerner Köcher
Tönt auf der Schulter, ein farbiger Schild beschützet die Linke.
Einst ein mächtiges Volk, das seine gefürchteten Waffen
Bis zum Ganges oft trug; itzt kaum die Schatten von ihren
Kriegrischen Ahnen, die einst mit Ninus die Hälfte der Erde
Unter Trophäen verbargen. – Die Scharen, die Babylon sandte,
Folgen, von Intafernes geführt. In den Künsten des Krieges
Fremdlinge, besser geübt am frohen Trinkfest zu siegen,
Und im mäandrischen Tanz das weibliche Lob zu erringen.
Jeder regiert ein parthisches Roß, mit Purpur bedecket
Und mit starrendem Gold; auf jedem vergoldeten Helme,
Der die gekräuselten Locken, von Salben triefend, umfasset,
Schwimmt ein purpurner Busch; ein Rock von ägyptischem Byssus,
Bunt mit der malenden Nadel gestickt, umflattert leicht wallend
Ihre Schultern: so ziehn sie, auf ihre weit schimmernde Rüstung
Weibisch eitel, daher, und zeigen den Feinden die Beute.

Leicht, mit dem runden Schild und der schwachen Lanze bewaffnet,
Ziehen die Syrer, ein schüchternes Volk, zu Künsten des Friedens
Von der Natur bestimmt. Sie wohnen in Libanons Schatten,
In den bezauberten Hainen von Daphne, und unter den Rosen
Von Damaskus; in Gegenden, wo der Herbst mit dem Lenzen
Brüderlich herrscht. Dort glänzen die Blumen in höherem Schmelze,
Ewig grünen die Hügel von Myrten, dort kühlen nur Weste
Säuselnd die üppige Luft, und hauchen die Seele der Wollust
Durch die Natur in Menschen und Tiere. – Zu ihnen gesellen
Sich die Araber, geübt den eisernen Wagen zu lenken,
Oder vom Rücken des schnellen Kamels den Bogen zu spannen,
Oder ums Haupt die Schleuder zu schwingen. Sie wohnen in Zelten,
Weit durch Wüsten zerstreut, wo keine Quelle durch Blumen
Rieselt, in felsigen Klippen, die, unzugangbar, den Nachbarn
Ihre Räuber verbergen. – Mit ihnen strömen die Horden,
Welche die blühende Küste des persischen Meeres bewohnen;
Mild, wie ihr Himmel, verbreiten sie sich an den Myrrhengebirgen
Und den umduftenden Hainen von Saba, durch lachende Fluren;
Friedsame Hirten, im Schoß der Natur zur Einfalt erzogen,
Ungebildet, gesetzlos und fremd in den Künsten des Witzes,
Hatte sie Neriglissor dem ländlichen Frieden entzogen,
Daß sie den persischen Speer mit ihrem Blute befleckten.

Fern von den Ufern des Ochus, der unter Gewölben von Eichen
Dunkel entfließt, wo Schwärme von Bienen den Nektar ergießen,
Den sie dem Frühling entwandt, aus überfließenden Auen,
Wo die Natur verschwendrisch dem Fleiße der Menschen zuvoreilt,
Kam die hyrkanische Schar, unwillig den ruhigen Hütten
Ihrer Väter entrissen. Noch blitzt in den Augen der Männer
Dunkler verschwiegener Grimm, der neuen Knechtschaft gehässig,
Welche sie Neriglissor gelehrt. Der mutige Sarkan
Führt sie, der letzte Sprößling des alten vergötterten Stammes
Ihrer Fürsten. Tief naget der Schmerz an der Seele des Jünglings,
Die sich empört, die Fesseln des Überwinders zu tragen;
Traurig geht er mit Wangen voll Scham und sinkenden Blicken,
Aber sein männliches Herz pocht Rache. – Kadusiens Söhne
Kommen mit ihm, aus den kalten Gebirgen des grauen Niphates,
Wo die rohe Natur die unverzärtelten Leiber
Nerviger bildet, und stark und freiheitatmend die Seelen.
Dennoch gelang's dem Bezwinger der Völker, sie, gleich den Hyrkanern,
Dienstbar zu machen: er würgte die edlere Hälfte des Volkes,
Daß er die andre beherrschte. Die Herzen durch Liebe zu fesseln
Unbesorgt, hielt sich der Tor des Leibes Meister. Der Ausgang
Strafte die Torheit. – Dann ziehen die baktrischen Haufen, in Felle
Fleckiger Tiger gehüllt, die Zähne und Klauen vergoldet.
Frei geboren verließen die Wilden den fruchtbaren Boden,
Den der Jaxart bespült, wo die fetten Auen vergebens
Ihre Bewohner zum Bauen einladen. Nach skythischer Sitte
Nährt sie der Raub und die Jagd, unkundig der sanfteren Künste,
Welche das Leben zugleich mit den Sitten der Menschen verschönern.

Ihnen rauschen die rauhen Gandarer, der Dadiker Scharen,
Und die Korasmier nach; unbändige skythische Horden,
Alle geübt mit sennigem Arme die eiserne Keule
Mächtig zu schwingen, gewohnt in der tiefen Wüste den Löwen
Oder den Pardel zu suchen, und unter der zottigen Beute
Ihre Brust zu verbergen. Sie lockt die räubrische Mordlust
Und der Gewinn von fern aus ihren Gebirgen, den Fahnen
Neriglissors zu folgen. – Die Myriaden Ägyptens
Kommen nunmehr, von den Ufern des Nils, dem Lande der Wunder.
Itzt noch betrachtet mit heiligem Schauer der Fremde die alten
Unvergänglichen Werke, und glaubt in der ersten Entzückung,
Werke der Götter zu sehn. Lang füllte der Ruhm von Ägypten
Alle Zonen der Erde. Freigebig verpflanzt' es den Reichtum
Seiner Künste in Gräciens Boden; der Weise von Kreta
Holt' im Tempel der Sonne das Urbild der heil'gen Gesetze,
Die ihm das Richteramt im Reiche der Schatten erwarben.
Lang war Ägypten die Mutter der Helden, der Musen und Künste
Säugerin. Aber nicht länger! Ihr Glück verschwand mit der Einfalt
Ihrer Sitten. Die Lorbeern der Ahnen, in besseren Zeiten
Mit Sesostris erkämpft, verdorrten am wertlosen Haupte
Üppiger Enkel. Unfähig, ihr väterlich Erbe zu schützen,
Schmiegten sie sich ins Joch der Könige Babels. Itzt fordert
Neriglissor, zum Dienst des menschenfeindlichen Stolzes,
Ihren unmächtigen Arm. Zwar ziehn sie in stählerner Rüstung
Schimmernd einher, mit Speeren und langen Schilden beladen;
Aber die Seele, die einst in ihren würdigen Vätern
Wallte, begeistert nicht mehr die ausgearteten Söhne.

Endlich erscheinen, von Krösus gesandt, die lydischen Scharen,
Zart von Gefühl, mit feinem Geschmack in den Künsten des Witzes
Und der Wollust begabt. Sie verließen den üppigen Tmolus,
Wo der reiche Paktol durch Traubengeländer sich schlängelt,
Und den Kayster, von Schwanen bewohnt, und die reizenden Ufer,
Welche die goldene Welle des sanften Hermus benetzet.
Ihnen folget ein buntes Gemeng asiatischer Völker,
Alle dem Lydier zinsbar; unzählbare nackte Barbaren,
Einzig die Flucht zu vergrößern geschickt. Die Muse verschmähet
Ihre unrühmlichen Namen. – Die kappadocischen Haufen
Machen den Schluß des gewaltigen Zugs; vom waldigen Taurus
Bis zum Euxin verstreut, ein Volk von knechtischer Seele,
Blinde Verehrer des Throns, vom unbedingten Gehorsam
Unter die Würde des Menschen hinab erniedrigt; zu blöde,
Nur an weisen Monarchen der Gottheit Bild zu erkennen.
Aribeus, der zinsbaren Fürsten des Lydiers einer,
Führt sie, ein törichter Jüngling, im Schoße der Weiber gebildet,
Und von Schmeichlern beherrscht. Gewöhnt, die Größe der Fürsten
Nach dem Schimmer zu messen, womit sie den Pöbel betäuben,
Äfft er mit eitelm Bemühn der Pracht des sardischen Königs
Lächerlich nach, und schämt sich, an Glanz und üppigem Aufwand
Übertroffen zu sein. Der kriegrische Klang der Trompete
Weckte den Üppigen auf. Er hüllt die duftenden Locken
In den goldenen Helm, vertraut dem schuppigen Panzer
Seine verzärtelte Brust, und eilt, die Rennbahn der Ehre
Mit den Assyrern zu laufen. Schon träumt er glänzende Siege,
Neue Kronen, und Macht und Unabhängigkeit schmeicheln
Seinem weibischen Stolz, schon zieht er, zu früh, im Triumphe;
Aber sein Dämon lacht der unprophetischen Träume.

Solch ein Gewimmel von Menschen, und Völkerschaften, und Waffen,
Füllt' unabsehbar verbreitet die Ebnen zwischen Arbela
Und dem Gebirg. Ein ungeheurer gigantischer Körper,
Ungeschmeidig in jeder Bewegung, aus wilden Barbaren,
Üppigen Völkern, unwilligen Sklaven und friedsamen Hirten
Unharmonisch zusammen gefügt; ein Pöbel in Waffen!
Keiner Ordnung gehorsam, in jeder kriegrischen Übung
Ungeübt, wußten sie nicht, mit rascher Wendung in Haufen
Sich zu verteilen, dann schnell sich wieder zusammen zu fügen,
Nicht mit der Macht von tausend vereinigten Armen zu wirken,
Nicht den erwarteten Blick des Führers schnell zu vollziehen;
Itzt, wie ein Schwarm von Bienen, sich dicht zusammen zu schmiegen,
Itzt mit langsamem Takt, und itzt mit geflügelten Schritten
Sich zu bewegen, doch stets als ob die Menge von Leibern
Eine Seele nur rege. Wie ungleich dem persischen Phalanx,
Cyrus, von dir in den Künsten geübt, mit welchen der Römer
Später die Erde bezwang! – Welch ein fanatischer Unsinn,
Welche Furien spornten die Feigen zum Streite mit Helden?
Eines Einzigen Stolz. Ihn zu besänftigen fallen
Alle die Opfer! O blinde, der Zukunft unwissende Seelen!
Dich, Tyrann, dich treibt dein Verhängnis! Die Furien reißen
Dich unsichtbar dahin, wo deine Strafe dir wartet.
Zwar, sie werden auch fallen, die jetzt in dummer Betäubung
Ihren Erretter verkennen, nicht für ihr väterlich Erbe,
Nicht für Freiheit, für Ketten und Elend ihr Leben verschwenden;
Aber dein strömendes Blut wird ihre Schatten versöhnen!

Nunmehr hatte Gadates mit schwerer Bemühung die Völker
Angeordnet, drei Heere von unabsehbarer Länge –
Erst die flüchtigen Scharen des leicht bewaffneten Fußvolks,
Alle mit Reitern vermengt; dann mit den Hyrkanern die Baktrer
Und die Assyrer, bedeckt von hundert gesicherten Wagen,
Jeder mit Streitern belastet. Die Myriaden Ägyptens
Stehen in schwerer Rüstung zuletzt. Von stolzer Entzückung
Schwillt der Tyrann, indem er herab von der schimmernden Höhe
Seines Wagens die Längen des dreifachen Heeres umschauet;
Zahlreich genug, so denkt er, zwei Erden in Flammen zu setzen.
Mutvoll wirft er alsdann auf die ferne Schlachtordnung des Cyrus
Einen spottenden Blick. Sie naht sich, kleiner zu scheinen,
Dicht ins Gevierte zusammen gedrängt. Die Assyrer erblicken
Frecher den unbeträchtlichen Feind, und wagen es wieder,
Seiner zu spotten. Die Blöden, die kürzlich der Name des Helden
Halb entseelte, atmen itzt wieder mit freieren Zügen,
Beben nicht mehr, und lachen nun selbst, vom Auge getäuschet,
Ihrer vergeblichen Furcht. Indes durchreitet Gadates
Mutig, mit heiterm entschloßnem Gesicht, die Längen der Reihen,
Gibt den Führern Befehl, und erhitzt die Streiter zum Siege.

Nunmehr kommen die Perser dem wartenden Feinde so nahe,
Daß nur dreimal der Raum, den ein Pfeil vom Bogen durcheilet,
Beide Heere noch trennt. Schnell hemmt die Stimme des Cyrus
Ihren harmonischen Schritt. Sie stehn. Ein heiliges Schweigen
Bindet das lauschende Heer, des Göttlichen Rede zu hören:

»Itzt, ihr Männer, erhebet den Mut! Itzt denkt mit Entzückung
Euer väterlich Land! Itzt ruft die liebende Gattin,
Und das stammelnde Kind, und den alten würdigen Vater,
Alle vor eure Stirn! Für sie, ihr Brüder, für alles,
Was die Natur uns teurer als selbst das Leben gemacht hat,
Stehen wir hier, von der Tugend gesandt, den schönsten der Siege
Uns zu ersiegen; wo nicht, den schönsten der Tode zu sterben.
Und was sollten wir scheun? Wem schlägt im männlichen Busen
Tugend und Ehre, der nicht viel lieber rühmlich zu sterben,
Als in Fesseln ein schändliches Leben zu schleppen, erwähle?
Goldne Freiheit, du bestes Geschenk der allmächtigen Güte,
Inbegriff aller Freuden des Lebens, du Vorrecht der Menschen
Und der Götter, dir sollte der Mensch unedel entsagen?
Sollte mit dir, mit dem Recht an jede irdische Wonne,
Seinem erhabneren Recht an Ewigkeiten entsagen?
Frei geboren, im Schoß der strengen Tugend erzogen,
Nur der Vernunft zu gehorchen gelehrt und den Trieben der Menschheit,
Nur zu den sanften Banden der Lieb und Treue gewöhnet,
Sollten wir unsern Nacken vor einem Wütenden beugen,
Der ein Säugling einst war, dem sterbliches Blut in den Adern
Rinnet, der atmet wie wir? In Fesseln sollten wir zusehn,
Wie er trotzig das Erbe von unsern Vätern verwüstet,
Unsre Weiber entehrt, und unsre Söhne zu Hütern
Seiner Sklavinnen stümmelt? – Wir sollten's sehen und leben?
O der bloße Gedank empört die Menschheit! O lieber
Laßt uns sterben, den Tod durch Heldentaten verdienen,
Und ein unbefleckt Leben aus tausend Wunden ergießen!
Heil euch, Brüder! ich seh die große Entschließung in euern
Funkelnden Augen! – Doch wisset, nicht uns, den Häuptern der Feinde
Schwebt ihr Verhängnis bevor. Der Sieg ist unser; wir gehen
Unserm Triumph entgegen. So hat im nächtlichen Traume
Mich der Unsterblichen einer belehrt. – Ja, himmlische Mächte,
Ihr, ihr schützet die Tugend! Mit euerm still wirkenden Beistand
Ist sie allmächtig wie ihr! Wir folgen euch, heilige Führer,
Die ihr, dem sterblichen Auge verhüllt, mit schirmenden Flügeln
Über uns schwebt! Ihr führt uns den Weg des Sieges; wir folgen.«

Also rief er. Die Engel, die stets den Helden umschweben,
Tragen den Schall der mächtigen Worte auf säuselnden Schwingen
Durch die Reihen des Heers. Der Geist des göttlichen Führers
Fasset die Männer, er schwellt mit unbezwingbarer Stärke
Jeden gewaltigen Arm, mit triumphierender Hoffnung
Jede Seele. Nun winkt der Feldherr. Die Scharen verstehen,
Unterrichtet, den Wink. Schnell, wie ein feuriger Blick fleugt,
Dehnt vorm Auge des Feinds der dicht geschlossene Phalanx
Schrecklich sich aus. So verbreitet, mit Donner und Untergang schwanger,
Eine Wolke, die kaum in der Ferne der Wandrer bemerkte,
Plötzlich herbei von Stürmen gewälzt, am schauernden Himmel
Ihre schreckliche Nacht. Entnervt von bangem Entsetzen
Sehn die Assyrer den Haufen, der ihrer betrogenen Augen
Kaum so verächtlich erschien, durchs weite Gefilde verbreitet;
Glänzende Scharen von ehernen Kriegern, und Haufen von Rittern
Zwischen den Scharen. Ein Wald von hohen chaldäischen Speeren
Deckt die Stirne des Heers, Armeniens feurigste Jugend
Jeden enthüllten Flügel. Sie stehn in kriegrischer Schönheit,
Majestätisch im Antlitz des Feindes. So stehet ein Kämpfer
Auf dem olympischen Sand, und sucht, mit Augen voll Feuers,
Einen, der kühn genug sei, mit ihm die Kräfte zu messen;
Einsam steht er, und zeigt im Triumph die fleischigen Schultern
Und den sennigen Arm; ihn sieht mit Entsetzen und Wunder
Schauernd die Menge. So standen die Perser, so sahn mit Entsetzen
Babylons Sklaven sie an. Auf einmal entsinkt den Verzagten
Jede Hoffnung des Siegs; sie rollen die dämmernden Augen
Schüchtern umher, und ziehen den Fuß zum Fliehen zurücke.
Ungesäumt fliegt der persische Held an die Spitze der Scharen
Denen Tigranes befiehlt. »Wo sind die Tapfern?« so ruft er;
»Folget mir, Brüder!« Er ruft's, und spornt sein wieherndes Schlachtroß
Gegen den Feind. Ihm folgen die Scharen. Der Zuruf des Helden
Schallet von Munde zu Munde. »Wo sind die Tapfern?« so rufet
Einer dem andern. Die leicht bewaffneten Mengen der Feinde
Warten den Anfall nicht aus. Sie fliehn in furchtsamem Taumel,
Werfen die Waffen zurück, und flattern wie Stoppeln im Sturme
Über das Feld, und Todesangst spornt der Schüchternen Füße.

Unterdes eilen mit hurtigem Lauf die chaldäischen Reihen,
Dicht geschlossen, die Speere gefällt, den Raum zu erfüllen,
Welchen die Flucht geöffnet. Ergrimmt, die Araber und Syrer
Fliehen zu sehn, befiehlt der Tyrann, die gesicherten Wagen
Gegen den Feind zu treiben. Er winkt. Mit blitzendem Donner
Stürzen sie über die Ebnen daher. Die rauhen Chaldäer
Trotzen dem kommenden Tod, vom eisernen dreifachen Walle
Ihrer Speere beschützt. In undurchdringbarer Ordnung
Stehen sie, jeder ein Held. Die Führer der tötenden Wagen
Sehen's, und ziehn mit bebender Hand die wallenden Zügel
Ängstlich zurück. Zu spät; die flammenschnaubenden Rosse
Stürzen unbändig dahin. Noch lassen die Söhne Chaldäas
Ruhig sie nahen; dann dringen sie schnell mit lautem Gejauchze
Unter sie ein, und stoßen zugleich mit eiserner Stärke
Jeder den stämmigen Speer in die Brust der wütenden Rosse.
Reihenweis stürzen sie nieder, und schnauben, fürchterlich wiehernd,
Ströme von dampfendem Blut; verwundet bäumen sich andre
Ungestüm auf, entschütteln die Führer den taumelnden Wagen,
Stampfen und wiehern und drehn sich im Kreis. Hier sinken die Streiter
Zwischen den Rädern hinab, die von geschliffenen Eisen
Um und um starren. Dort liegen vom stampfenden Hufe der Rosse
Andre gequetscht, und Wagen und Roß und zappelnde Glieder
Wälzen sich über einander. Das Heulen der wilden Verzweiflung
Spaltet die Luft. Nichts schreckt die erhitzten Sieger. Sie stürmen
In das Getümmel, und fühlen im Feuer der blutigen Arbeit
Ihre Wunden nicht eher, bis endlich den kraftlosen Armen
Plötzlich die Waffen entsinken. Nicht wenige fallen. Ihr Anblick
Spornt die Brüder, und schärft die Siegesbegierde mit Rache.
Unwiderstehlich dringen sie ein. Die blutenden Rosse
Wenden sich um, und rennen gesetzlos, der Führer beraubet,
Mitten ins Heer der Assyrer zurück. Verwirrung und Schrecken
Zeichnen die Spur der tötenden Räder. Die feindlichen Haufen
Trennen sich, zittern und fliehn. Die baktrischen Legionen
Stehen allein, und trotzen dem Stoß des medischen Flügels,
Den Teribazus führt.

                                    Indes verbreitet die Flucht sich
Bis zum Herzen des Heers, wo, von Satrapen und Edeln
Neriglissor umringt, umsonst Befehle versendet,
Denen die Furcht zu gehorchen verbeut. Von der Höhe des Wagens
Sieht er das wilde Getümmel, das Würgen, den feurigen Sieger,
Und die schimpfliche Flucht. Itzt fühlt er, zum ersten Mal schamrot,
Daß er ein Sterblicher ist. Die Gefahr, die Schande bezwingen
Seinen monarchischen Stolz. Er springt vom Wagen, und wirft sich
Unter die Fliehenden, bittet, verspricht und dräuet und schmeichelt.
Er, der kürzlich sich über das Los der Menschheit erhaben
Wähnte, der stolze, sieht itzt sein Diadem und sein Leben
In der Gewalt des niedrigsten Pöbels. Von ihnen verlassen,
Ist er ein nackender Flüchtling, wie einer aus ihnen; sie sind es,
Die der Verächter der Götter um seine Rettung itzt anfleht;
Glücklich, hätten Worte, die fürstlichen Lippen entfließen,
Magische Kräfte, den bebenden Sklaven zum Helden zu zaubern.
Aber umsonst verschwendet er itzt die beredenden Künste,
Goldne Versprechen umsonst; die taube Todesangst stopfet
Ihre Ohren. Die Tugend allein, die Tochter der Freiheit,
Zeugt den heroischen Sinn; entadelte knechtische Seelen
Streben umsonst dem Leib zu gebieten. Nur wenige Haufen
Sammeln sich hinter dem Heer von zehnmal tausend Trabanten,
Welches den König umgibt. Verzweifelnd und grimmiger Wut voll
Kehrt er zurück, und tritt, entschlossen dem Schicksal zu trotzen,
Vor die Stirne des schimmernden Phalanx. In goldenen Waffen
Stehen die Krieger, und blenden das Auge der Söhne Chaldäas,
Die im Triumphe sich nahn. Ein schwacher Funke von Ehre
Glimmt in den Sklaven auf, für ihren König ihr Leben
Mutig zu wagen; doch unter der Pracht des schuppigen Panzers
Klopft das schüchterne Herz. Pharnuch (er zittert allein nicht)
Glänzt in der ersten Reih, und spornt sie mit feurigen Worten
Mächtig zum Streit. Mit lautem Geschrei und klappernden Schilden
Fallen sie auf die Chaldäer. So stürmen die rasenden Wellen,
Wenn der Südwind das Meer aus seinen Tiefen empor wühlt,
Gegen den Felsen, der hoch am unbewegten Gestade
Ihren Empörungen trotzt. Nicht unbewegter an Mute
Beut der Chaldäer die männliche Brust den feindlichen Lanzen
Unerschreckt dar. Von neuem entflammt sich der Streit; die Trompete
Weckt die kriegrische Wut; das Schwirren der fliegenden Lanzen
Und der Schwerter Getön, die blitzend einander durchkreuzen,
Mischt sich dem Klang des schmetternden Erzes. Der Boden erzittert
Unter dem wilden Tumult. Orontes, das Haupt der Chaldäer,
Sinket zuerst, von dir, verwegner Pharnuchus, durchbohret.
Prahlerisch setzt der Sieger den Fuß auf den blutigen Nacken
Seines Erschlagnen, und ruft: »Ihr seht es, Krieger, sie sind nicht
Unverwundbar, sie fallen wie wir vom tödlichen Eisen!
Traut es euch selbst nur zu, sie überwinden zu können,
Und der Triumph ist unser.« So ruft er, und wirft sich von neuem
Mitten unter den Feind. Von seinem Beispiel ergriffen
Strömen die Scharen ihm nach, und doppeln die blutigen Streiche
Auf die Chaldäer. Nicht ungerochen fallen die Tapfern,
Ganz von Wunden durchbohrt, auf Hügel von feindlichen Leichen.
Jeder entfliehende Geist geht in den Busen der Brüder
Über, und waffnet die rächenden Arme mit doppelter Stärke.
Niemals strahltest du, Sonn, auf kühnere Taten! Die Liebe,
Rühmlich zu sterben, ergriff die kleine Schar der Chaldäer.
Dreimal stürzten sie sich, mit den Schilden zusammen geschlossen,
In die Assyrer, und warfen die dichtesten Reihen zu Boden;
Dreimal flohen die Feinde. Doch, unerschöpflich an Menge,
Setzt Neriglissor stets dem Mute der keichenden Sieger
Frische Streiter entgegen. Itzt wären sie, müde vom Siegen
Und von Wunden erschöpft, dem Schwall der Menge gewichen,
Hätte nicht Cyrus von fern die Gefahr der Helden erblicket.
Eilends schickt er Araspes mit tausend medischen Rossen
Ihnen zu Hülfe; ihm folgen, geführt vom kühnen Pharnaces,
Tausend bepanzerte Perser, mit Schild und Säbel bewaffnet.
Schnell, wie der azurnen Luft ein himmlischer Engel zum Schutze
Eines Gerechten entsinkt, erscheint Araspes. Ein lautes
Siegesgeschrei, der Name des göttlichen Cyrus, verkündigt
Ihn den Bedrängten von fern. »Heil euch, ihr Helden«, so ruft er
Ihnen entgegen, »ihr habt die Ehre der Tugend behauptet!
Ruhet itzt aus! Mich sendet vom rechten Flügel des Heeres,
Wo Gadates nur schwach die Gewalt des Siegers noch aufhält,
Cyrus, daß ich, erhitzt von euerm strahlenden Beispiel,
Was ihr begannet vollende.« So spricht er, und wirft sich voll Feuer
In die Assyrer. Der erste, der unter den Streichen des Jünglings
Fiel, indem er zu rasch ins wilde Getümmel sich wagte,
War Merodach, ein Bruder des Königs; ihm folgten im Tode
Datis und Ixabates, und du, der Jünglinge schönster,
Die sich dem schmeichelnden Arme der Töchter Babels entwanden,
Auch du fielest, Belesis, und deine blumigen Wangen
Schützten dich nicht; du sinkst, und befleckst mit blutigem Staube
Deinen entpurpurten Mund, und die myrrhenduftenden Locken.

Rings um Araspes gedrängt, von edler Eifersucht brennend
Würgen die Meder. Es fallen die Feinde, wie unter der Sense
Seufzendes Gras. Die Perser, die Intafernes herbei führt,
Trennen mit Macht die Reihen des Feinds. Auch stehen Chaldäas
Söhne nicht müßig; noch wallet ihr Mut, noch schwingen sie dräuend
Ihre bluttriefenden Speer, und glühen, den Sieg zu vollenden.
Alle stürmen vereint, vom Geiste des Cyrus gespornet,
Auf den assyrischen Phalanx. Er weicht, die schimmernden Reihen
Werden zersprengt, der Sieger verdoppelt die rastlosen Streiche.
Dunkel umnebelt ihr Auge, die Furcht des Todes verschlinget
Alle Gedanken, sie wenden in dummer Betäubung den Rücken.
Taub den Bitten der Führer, dem donnernden Ruf des Tyrannen
Taub, entfliehn sie, und werfen die goldnen Waffen weit von sich.

Einsam steht Neriglissor; nur seine getreuesten Sklaven
Kämpfen noch um ihn her. Mit jedem Augenblick schmelzen
Etliche weg. Itzt fühlt er sein Los. Der Engel des Todes
Schwingt das flammende Schwert um seine Scheitel. Verzweifelnd
Stürzt der Tyrann, an der Stirne der wenigen die ihm getreu sind,
Unter die Meder. Sein Schwert, mit siebenfältiger Stärke
Von der Verzweiflung geführt, verschafft dem Sterbenden Rache.
Aber indem er den Arm auf deine Stirne gezückt hält,
Kühner Araspes, durchbohrt zum Tode beflügelt ein Wurfpfeil,
Von der geübten Faust des tapfern Pharnaces geschwungen,
Seine vergebens umpanzerte Brust. Blutatmend entsinkt er
Seinem Wagen, der Boden erklingt von der goldenen Rüstung.
Heulend entfliehn die Sklaven, die ihn noch einzeln umgaben,
Da sie den Fallenden sehn. Er liegt verlassen im Staube.
Dreimal rafft er sich auf und öffnet die sterbenden Augen;
Dreimal sinkt er zurück. Die Nacht des Todes umhüllet
Seinen erlöschenden Blick, die Quellen des Lebens versiegen,
Und mit Seufzen entflieht die zürnende Seele dem Leibe.

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