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Christoph Martin Wieland: Cyrus - Kapitel 2
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer goldene Spiegel und andere politische Dichtungen
authorChristoph Martin Wieland
year1979
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05298-0
titleCyrus
pages525-541
created20010925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1756
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Zweiter Gesang

                     

Nunmehr deckte die Nacht die schlummerträufelnden Flügel
Über die Erde; die bräunlichen Stunden in ihrem Gefolge
Schlichen mit leisem Tritt im sanften Monde vorüber.
Unter den Palmen verstreut, doch immer in streitbarer Ordnung,
Lagen die Männer des Cyrus, die Schild und die Länge der Speere
An die Palmen gelehnt. Der Schlummernden Häupter umflattern
Kriegrische Träume, vom eisernen Streit, von gegebenen Wunden
Und von empfangnen; die Stimme des Fürsten, die flammende Sonne
Auf des Göttlichen Helm, erhitzt sie zu Taten; dann folgen
Szenen des lauten Triumphs der müden blutigen Arbeit.

Also schlummert das Heer. Nicht deine wachsamen Augen,
Cyrus! Dich läßt dein tätiger Geist voll himmlischen Feuers
Noch nicht ruhen, wiewohl die ersten Sterne schon sinken.
Unbegleitet erforscht er die muntre Sorgfalt der Wachen,
Und die Stille des feindlichen Walles, und gibt die Befehle,
Welche die nächtliche Sicherheit heischt. Dann nimmt ihn im Haine
Eine Laube von Laurus, zum grünen Gezelte geflochten,
Hüllend in ihren umduftenden Schatten. Die Jünglinge hatten
Ihm von Blumen ein Lager bereitet. In sanfter Ermüdung
Legt er sich hin. Die Stille der Nacht, die elysische Dämmrung
Wiegt ihn in liebliche Ruh; wie, wenn mit webendem Fittich
Friedsame Zephyrn das Meer in den halkyonischen Tagen,
Sanft an den kräuselnden Wellen hinschwebend, in schlummernde Stille
Wiegen. Die ruhige Still erweckt in der Seele des Helden
Jedes zärtre Gefühl, der Zukunft traurige Bilder.
Ernst und traurig, wie Schatten der Toten, enthüllen sie langsam
Ihre Schrecken vor ihm. Zerstörte Ruinen von Städten,
Stürzende Tempel, verwüstete Auen voll Totengebeine,
Väter, die ächzend die Urne des einzigen Sohnes umfassen!
Alle Plagen des Kriegs, gedrängte Szenen voll Jammers,
Schweben um seinen erschütterten Geist. Die zärtliche Träne
Rollt von der Wange des Menschenfreundes, indem er voll Mitleid
Weit ins Elend hinaus schaut, das über so viele Provinzen
Kommen sollte.

                          Vertieft in solchen Gedanken, bemerkt er
Nicht den kommenden Fuß des Amitres hinter den Palmen
Ihm sich nahend. Ein Greis mit dünnem silbernem Haupthaar
War Amitres, und nahe dem Ziel des rühmlichsten Lebens:
Einst der edelste Jüngling, der tugendvollste der Männer,
Jetzt der weiseste unter den Alten. Der nüchternen Jugend
Muntre Kräfte, durch Übung und strenge Tugend gehärtet,
Hatten sein frisches Alter noch nicht verlassen; noch krümmt sich
Unter der Last des Helms die Silberlocke des Greises,
Waren gleich achtzig Jahre, mit Ruhm und Taten belastet,
Über sein würdiges Haupt geflogen. Ihm hatte Kambyses
Und das persische Volk die zarte Jugend des Cyrus
Einst zu bilden vertraut. Wie der beste zärtlichste Vater
Seinen einzigen Sohn, der Söhne bester den Vater,
Liebten sie sich. Amitres vermochte nicht, seinen Geliebten
In der Gefahr zu verlassen, in die ihn sein Vaterland sandte;
Und der göttliche Held, obgleich zur völligsten Tugend
Schon gereifet, hing noch, wie einst, mit Blicken voll Ehrfurcht
An den Lippen des Weisen. Ihm deucht' Amitres ein Schutzgeist,
Über sein Leben zu wachen und seiner geheimesten Taten
Richter zu sein. Vor ihm nur lag sein Innerstes offen;
Er nur hatte das Recht an den einsamen Stunden des Helden
Teil zu nehmen. Der war's, der jetzt im Lichte des Mondes
Leis ins grüne Gezelt, unbemerkt von Cyrus, hinein trat.

Sanft bestürzt sah ihn Amitres in ernster tiefsinniger Stellung
Liegen, das Haupt auf dem stützenden Arm, und schleichende Tränen
Auf der männlichen Wang! Ihn wird, indem er sich nähert,
Cyrus gewahr, und streckt mit erheitertem Auge die Arme
Gegen ihn aus. – »Wie kommst du erwünscht« (so ruft er), »mein Vater!
Wie verlangte mein Herz nach deinem tröstenden Anblick!
Ach Amitres, es ist an der fühlendsten Nerve verwundet!
Aber von deinen Lippen floß immer der heilende Balsam
Meiner Schmerzen.« – »Was ist's, o Geliebter« (fragte der Alte
Zärtlich besorgt), »was ist's, das deine männliche Seele
So zu rühren vermag? Ich glaubt, in ruhigem Schlummer
Würdest du deine Kräfte zur Arbeit des Morgens erfrischen.«

Ihm antwortet der beste der Helden: »Mein Vater, mein zweiter
Teurerer Vater, du kennst von der Morgenröte des Lebens
Deinen Cyrus. Der mächtige Zug zu meinen Verwandten,
Meinen Nächsten im weiten Bezirke der Schöpfung, hat immer
Ihre Leiden mir eigen gemacht. Nichts hielt ich mir fremde
Was die Menschen betraf; nichts kränkte mich tiefer, als wenn ich
Ohne Vermögen mich sah, der Leidenden Elend zu lindern.
Dies ist der Schmerz, der jetzt an meiner fühlenden Seele
Innerlich nagt. Gedanken, die nie so mächtig mich rührten,
Hat die Stille der Nacht und des morgenden Tages Erwartung
In mir erweckt: sie schliefen betäubt von der Stimme der Ehre!
Freudig ging ich, die Sache der Unschuld, des Vaterlands Sache
Auszufechten; mein Herz, von edeln Gefahren gereizet,
Schlug den Feinden entgegen, und schmeckte schon ahnend die Wollust
Vieler Völker Erretter zu sein. – Wie konnt ich vergessen,
Daß es Menschen sind, mir auch verbrüderte Menschen,
Gegen welche mein dräuendes Schwert zum Töten gezückt ist?
Ach Amitres, es wälzt sich mein Herz im bebenden Busen,
Wenn ich den Jammer umschaue, das ganze Gefolge des Krieges,
Heere von Plagen, bereit wie uferlose Gewässer
Über die Länder von Assur zu stürzen! – Mein tränender Blick flieht
Weg vom Gefilde des Todes, vom leichenwälzenden Zerbis,
Von den Sterbenden weg, die winselnd dem langsamen Tode
Flehen – wohin ich mich wende, begegnen mir Szenen des Elends,
Tiefer verwundendes Elend! Dort jammert, von blutigen Leichen
Ihrer Kinder umringt, die verlaßne Mutter; die Gattin
Rauft auf dem Grabe des Mannes in tränenloser Verzweiflung
Wütend die goldnen Locken, indem, mit kläglichem Wimmern
An ihr hangend, die stammelnden Kinder den Vater ihr fordern.
Scharenweis fliehn vorm kommenden Feinde die alten Bewohner,
Greise mit wankendem Schritt, und Mütter von Schrecken entseelet,
Mit dem nackenden Kind an der Brust (der Vater liegt ferne
Unter den Toten!), sie fliehn, und senden oft Blicke voll Wehmut
In die Flammen zurück, die ihre Hütten verwüsten.
Ach was habt ihr getan, das solche Rache verdienet?
Seid ihr nicht Menschen wie wir, gleich fühlend für Schmerzen und Freuden,
Gleich bedürftig, zu jeglichem Glücke des irdischen Lebens
Gleich berechtigt, wie wir? – O sage, wie kann ich, Amitres,
Wie den Gedanken ertragen, auf unverschuldete Menschen
So viel Jammer zu häufen? – Und doch – so will es mein Schicksal!
Eine noch zärtere Liebe, von tausend Pflichten verstärket,
Zwingt mich, die gleichen Übel vom Haupte der Meder und Perser
Auf die Assyrer zu wälzen. Noch mehr, noch größerer Jammer
Ist dir gedräut, mein väterlich Land! Doch blutet an jeder
Klopfenden Ader mein Herz, daß deine Rettung das Elend
Vieler Tausenden ist!« – Hier schwieg er, und blickte voll Tiefsinn
Seufzend gen Himmel. Mit tröstender Stimm erweckt ihn Amitres.

»Quäle dich selbst nicht länger mit diesen Bildern, o Cyrus!
Laß den Tyrannen sich quälen, den einzigen Schöpfer der Übel,
Die du beklagst! Ihn mögen sie rastlos in schreckenden Träumen
Nächtlich verfolgen! Ihm rausche das Röcheln der sterbenden Menschen,
Die er erwürgt, vom dampfenden Feld wie Donner entgegen!
Aber Du folgest der Stimme der Pflicht, dem Winke der Weisheit
Welche die Schickungen lenkt. Du bist zum Retter, zum Vater
Vieler Völker bestimmt. Der König der Wesen und Welten
Wirket, wiewohl dem Geiste nur sichtbar, in allem was lebet,
Ordnet der Sphären Lauf, den Flug des dienenden Engels,
Und die Geburt des Wurmes im Staub. Die Taten der Menschen
Liegen, noch eh sie geschehn, vor seinen Blicken enthüllet.
Unsrer Schwäche vergessend, vertieft in eignen Entwürfen,
Wähnen wir, selbst die Erfinder und unabhängigen Schöpfer
Unsrer Taten zu sein, und rühmen uns ihres Erfolges.
Eitler Stolz! Er ist's, der erste Beweger der Dinge,
Dessen geheime Begeistrung uns treibt. Ins Herz des Gerechten
Haucht er den edeln Entschluß. Er straft die Sünden der Völker
Durch die Verbrechen der Fürsten, die Fürsten durch ihre Verbrechen.
Was dem sterblichen Aug ein Übel scheinet, im Plane
Seiner Weisheit wird es ein Gut; durch göttliche Künste
Zieht sie ein größeres Gut selbst aus den Folgen des Bösen.
Cyrus, mir sagt's mein Herz, du wirst die traurigen Folgen,
Allen Jammer des morgenden Tages, in Wonne verwandeln,
Wirst das Seufzen der Trauer in Jubelgesänge verwandeln,
Und mit ewigem Frieden sein ganzes Schwestergefolge,
Überfluß, Künst und Freuden, und jede gesellige Tugend,
Jedes irdische Glück, dem frohen Orient geben.
Durch dich wird es der Himmel vollziehn! Es ist mir, ich sehe
Einen dämmernden Strahl die Nacht der Zukunft erheitern.
Cyrus, die Nationen, der alten Dienstbarkeit müde,
Seufzen schon lange nach einem Erretter. Mit offenen Armen
Werden sie dich empfangen, dich Schutzgott nennen! Dein Name,
Nicht dein Schwert, dein Name, dein Anblick wird sie erobern.
Herrlicher Ausgang! Du gingst, nur deine Freunde zu schützen,
Und du wirst Macht erhalten, aus Feinden Freunde zu machen.
Nicht dein dankbares Persis allein, unzählbare Länder
Werden dich segnen, und, Cyrus, durch dich beseliget werden.
Zwar dies alles ist noch mit Dunkel umhänget. Der Weg ist
Lang und verwirrt, mit Gefahren umzäunt, auf dem du empor steigst;
Aber ein würdiger Preis und unverwelkliche Lorbeern
Winken von ferne dir zu. O möchte mein dämmerndes Auge
Dich noch sehen, mein Cyrus, wie du die goldenen Tage
Wieder den Sterblichen gibst, und dann im Frieden sich schließen!«

Also der Greis. Mit erheitertem Antlitz umarmt ihn sein Cyrus:
»Teurer Alter, was öffnest du mir für reizende Szenen!
Welche Aussicht in Wonne! Mir war, als hört ich die Stimme
Eines prophetischen Gottes aus heiligen Lorbeern ertönen.
O wie selig, wofern dich deine Ahnung nicht täuschet,
Wäre dein Cyrus! Wie nah der hohen Unsterblichen Wonne
Grenzte sein Glück! – Ich erröte nicht, Vater, dir frei zu gestehen,
Daß mein wünschendes Herz sich oft mit Träumen ergetzt hat,
Welche den Hoffnungen gleichen, wozu Amitres mich aufruft.
Als mich Astyages einst am modischen Hofe zurück hielt,
(Wollichtes Milchhaar kränzte mir noch die blühenden Wangen)
Ja, schon damals, wenn ich geblendet den strahlenden Pomp sah
Der den König umgab, die Knechte mit goldenen Ketten
Rasselnd, als wären sie stolz auf ihre glänzende Schande;
Wenn ich es sah, was Myriaden beneidender Sklaven
Seligkeit nannten, ein träges in Wollust schmelzendes Leben,
Teure Bankette und Salben und nektarduftende Weine,
Scharen dienstbarer Frauen, die ihre verblendenden Reize
Eifersüchtig enthüllten, des Einzigen Wahl zu erbuhlen;
Wenn ich es sah, dann bebte mir oft, Amitres, im Busen
Meine Seele; ich staunt und strebte die Dinge zu fassen,
Die mir Träumen gleich schienen. Wie kann ein denkendes Wesen,
Dacht ich, sich in den Zirkel der Sinne, ins tierische Leben
Selber verbannen? die süßesten Freuden sich selber mißgönnen,
Die den Menschen vom Staub zum Rang der Geister erhöhen?
Wie die Gewalt, im weitesten Kreise den Enkeln der Enkel
Gutes zu tun, ein Schöpfer, ein Vater der Völker zu werden,
Ungebraucht lassen? Wie kann er vergessen (erinnert nicht täglich
Jedes Bedürfnis ihn dran?), daß auch ein Weib ihn geboren?
Daß er ein Mensch ist, wie sie, auf die er als Sklaven herab sieht?
Daß die Geburt nicht Könige macht; daß höhere Tugend,
Höhere Weisheit nur, nicht Thronen, nicht Diadem ihn
Über die Völker erhöhn? – O hätt ich, so wallte mein Herz dann
Oft in feurigen Wünschen empor, o hätt ich die Allmacht
Eines Königs, wie sollte mein Herz mir Freuden erfinden!
Brüderlich wollt ich mit tröstender Hand die schuldlose Träne
Von der Wange des Kummers wischen; der stammelnde Waise
Sollte mir Vater stammeln; nur Tränen des Dankes, der Wonne
Sollten aus jedem frohen Gesicht entgegen mir glänzen.
Jede Tugend, jedes Verdienst, wohin es sich immer
Vor mir verbärge, versammelt ich dann in glänzenden Reihen
Rings um mich her; die Besten, die Weisesten sollten mir helfen
Glückliche Völker zu machen. Wie unbegrenzt, o wie vergötternd
Würde die Wonne dann sein, die meine Seele durchströmte!
Also dacht ich, Amitres, und wünschte den reizenden Träumen
Wirklich zu werden. Den einzigen Wunsch erlaubte die Tugend
Meinem Herzen; und oft, wenn einsame Schatten mich hüllten,
Glaubt ich, mir flüstre mit Zephyrlippen der Himmlischen einer
Ein prophetisches Ja zu meinen zärtlichen Wünschen.
Und was darf ich nicht hoffen, da jetzt Amitres sie billigt?
Doch ich schweige! – Der ewige Vater der Geister und Menschen
Kennt was gut ist. Vor ihm verstummen meine Begierden!
Seine Winke zu spähn, und standhaft sie zu vollziehen,
Sei mein erstes Geschäft! – Mich soll (so hast du, Amitres,
Meine Jugend gelehrt, so ziemt's dem glücklichen Jüngling,
Den du zum Menschen gebildet!), mich soll der beste der Wünsche
Keinen Schritt dem ebenen Pfade der Tugend entlocken!«

Also besprachen die Weisen sich unter einander. Indessen
Hatte die braune sanft schleichende Nacht schon über die Hälfte
Ihres Laufes durchmessen. Itzt sahen sie zwischen den Bäumen
Einen Jüngling sich nahn. Araspes war es. Ihm hatte
Cyrus befohlen, mit seinem gehorchenden Haufen von Medern
Und Chaldäern, sich fertig um diese Stunde zu halten.
Und nun eilt' er herbei, und sprach die geflügelten Worte:
»Cyrus, wir stehen bereit; die Männer glühn von Verlangen
Irgend zu einer rühmlichen Tat gesendet zu werden.
Sage, welch Unternehmen soll diese Stunde bezeichnen?«

Ihm antwortet der Held: »Du siehst den waldigen Hügel,
Der dort das Tal zur Linken beherrschet. Die Vorsicht der Feinde
Hat ihn mit Kriegern besetzt. Dir ist die Ehre bestimmet
Sie zu vertreiben, mein Freund. Die Nacht begünstigt den Anschlag.
Sieh, ein schwarzes Gewölk umhüllt den Wagen des Mondes;
Alles schläft im assyrischen Lager. Du, eile, Geliebter,
Eile, wohin die Tugend dich ruft!«

                                                        Mit dankender Freude
Fliegt der Jüngling hinweg. So fliegt ein feuriger Adler,
Wenn er vom lüftigen Wege zur Sonn in tiefer Entfernung
Einen Drachen erblickt, der, unter den Blumen verborgen,
Schlummert; er schießt durch den Äther herab, und faßt den erwachten
Sträubenden Feind: vergeblich schwingt er die zackige Zunge,
Hebt vergeblich den blutigen Kamm; der Sieger durchwühlt schon
Seine gespaltete Brust, und saugt die blutenden Adern.

Unter dem Schleier der Nacht und mitternächtlicher Wolken
Zieht Araspes, verteilt in kleine schwärmende Haufen,
Zwischen dem Weidengebüsch, das die Hörner des Flusses umkränzet,
Ungesehn fort. Den Fuß des Hügels, von dem er die Feinde
Treiben sollte, bespülte die silberne Welle des Zerbis;
Steile, verwachsene Pfade, mit dornigen Hecken verwebet,
Wanden sich unzugangbar hinauf. Die sichern Assyrer
Ließen sie ohne Beschützung, und lagen vom Schlafe gebunden
Über den Hügel zerstreut. Nur gegen die Seite des Tales
Hatten sie Wachen gestellt. Araspes wußt es; auch hatt er
Ausgeforscht, wo der seichtere Strom den Durchgang erlaube.
Dorthin führt er die Männer. Sie gleiten über den Sand hin,
Der den Boden bedeckt, nur wenig über die Knöchel
Von den Wellen umflossen. Dann schleichen sie, stets vom Gebüsche
Und von Wolken beschützt, die krummen mäandrischen Pfade
Schweigend hinauf, und achten es nicht, daß stechende Dornen
Ihre durchbrechende Faust und die rauhen Wangen zerritzen;
Schwierigkeit reizt den männlichen Mut. Mit schwitzender Arbeit
Ist nun der Hügel erstiegen; Araspes erstieg ihn der erste.
Leise versammeln sie sich, von jungen Fichten verborgen,
Auf der Höh, und schöpfen begierig die blumige Nachtluft,
Die zur Arbeit sie stärkt. Dann spricht Araspes zu Ihnen:

»Brüder, ihr fühlet mit mir, wie sehr der göttliche Cyrus
Uns vor allen geehrt, indem er dies kühne Geschäfte
Uns vertraute, das blutige Vorspiel des kommenden Tages.
Seine Wahl ist das herrlichste Lob, die schönste Belohnung
Unsrer Müh, um den Beifall des ersten der Menschen zu werben.
Möchten wir itzt, Gefährten, des Beifalls würdig uns zeigen,
Den er uns gab! – Und ihr, die diese Schatten bewohnen,
Holde Nymphen, verzeiht, wenn wir mit feindlichem Blute
Eure geheiligten Stämme beflecken! Ein stärkerer Gott lenkt
Unsern Fußtritt hierher; wir folgen dem Glücke des Cyrus!«

Da er dies sagt, bewaffnet er seine nervige Rechte
Mit dem entblößten Schwert, mit dem scharfen Dolche die Linke.
Jeder enthüllt den mördrischen Stahl, und schwingt ihn dem Blitz gleich
In der schimmernden Luft. Der Mond, sein Angesicht wieder
Aus den zerfließenden Wolken erhebend, erheitert des Haines
Nächtliches Dunkel zu silberner Dämmrung. Nun öffnet der Wald sich.
Um und um sehen sie zwischen den Bäumen die feindlichen Krieger,
Auf die Schilde gestützt, den Boden bedecken. Aus kalten
Nordischen Wäldern, wo ewiges Eis die Gipfel bedecket,
Hatte sie Baktra gesandt, gigantische Leiber, von wilden
Trotzigen Seelen belebt; die Haut des fleckigen Panthers
Hing die fleischigen Schultern herab, herkulische Keulen
Dräuten in ihrer sennigen Faust. So lagen sie furchtbar,
Gleich dem schlummernden Löwen. Die mutigsten unter den Medern
Schauern vor ihrem Anblick zurück. »Was zaudern wir länger?
Folget mir«, ruft Araspes, und stößt den zackigen Wurfspieß
In die Gurgel des nächsten, der vor ihm, am knorrigen Stamme
Einer Eiche gelehnt, mit rückwärts hangendem Haupte
Schlummerte. Brüllend erwacht er, und blitzt aus grimmigen Augen
Tötende Rach; umsonst! er speit in purpurnen Strömen
Seine Seele, dem mutlosen Arm entsinket die Keule
Die er dräuend noch faßt. Vom Beispiel des Führers erhitzet,
Stürzt sich die ganze Schar auf die ungewahrsamen Feinde.
Ungestraft wütet ihr fressendes Schwert. Ein Augenblick würget
Hekatomben. So fielen vordem die assyrischen Scharen,
Als, in die Schrecknisse Gottes gehüllt, der Todesengel
Mit dem flammenden Schwert durch ihre stillen Gezelte
Unsichtbar ging, und die Feinde des Herrn bei Tausenden würgte.
Doch bald weckte das wilde Geschrei der sterbenden Baktrer
Ihre Gesellen. Sie raffen sich auf, wie ein Tiger erwachet,
Wenn er den Pfeil des Jägers im brennenden Eingeweid fühlet.
Bebend, mit neblichtem Blick, aus dem Bestürzung und Grimm blitzt,
Schaun sie umher, und sehn die Szenen des Todes, die Leichen
Ihrer Brüder, und tausend gezückte bluttriefende Schwerter
Gegen sie blitzen. Mit lautem Geschrei ergreifen sie zitternd
Ihre Waffen, und taumeln in dichte Haufen zusammen,
Stürzen dann unter den Feind. Das erste Opfer der Rache
War Korasdes, ein medischer Jüngling. Ihn hatte den Auen,
Die der Amardus bespült, sein feuriger Ehrgeiz entrissen.
Überdrüssig der üppigen Ruh, in welcher sein Leben
Unberühmt schmolz, entwand er sich mutig den schmeichelnden Armen
Seiner zärtlichen Braut; unerweicht von den Klagen des Mädchens,
Unerbittlich dem flehenden Blick, und den ahnenden Tränen,
Riß er sich los, von der Zaubergewalt des Ruhmes bezwungen.
Ach! ihn weint, seitdem er entfloh, das liebende Mädchen,
Sieht im schreckenden Traume des Jünglings blutigen Schatten,
Und verschmachtet in ängstlicher Trauer. Dich täuschet dein Traum nicht,
Zärtliche Schöne! Du wirst ihm nicht stolz mit deinen Gespielen,
Kommt der Sieger zurück, entgegen eilen; er sinket
Unter der schmetternden Keule des riesengleichen Axandras,
Daß sein Gehirn, mit Blute vermischt, die Meder beflecket,
Die ihm zu Hülfe sich drängen. Doch eh der herkulische Baktrer
Von dem gewaltigen Streich sich erholt, durchbohrt ihn dein Wurfspieß,
Schneller Hidarnes: er stürzt und erschüttert den zitternden Boden
Durch den gigantischen Fall. Itzt heben sich hundert Arme,
Die den Erschlagnen zu rächen, und die den Sieger zu schützen.
Furchtbar raset der Streit. Der Mond erblaßt und verhüllet,
Sanftern Szenen zu leuchten gewohnt, sein Antlitz in Wolken.

Unterdes sieht Araspes die Meder, von Siegesbegierde
Fortgerissen, zu feurig ins wilde Gedränge sich werfen.
Eilends ruft er die Streiter zurück, und sammelt die kühnsten
Rings um sich her. Sie hatte Chaldäa zum Streite gesendet;
Söhne des Kriegs, vertraut mit jeder blutigen Arbeit.
Speere von furchtbarer Länge, mit zweifach schneidenden Eisen,
Starrten in ihrer nervigen Faust. Ein schrecklicher Phalanx
Stehen sie, dicht geschlossen, und kehren die eiserne Brustwehr
Gegen den Feind. Dann stellt Araspes die Meder zur Seite,
Mit dem Schilde bedeckt, und dem krummen Säbel bewaffnet.
Jenen befiehlt er im Sturm mit vorgehaltenen Speeren
Auf die Stirne des dichtesten Schwarms der Baktrer zu stoßen,
Diesen mit flüchtiger Wendung dem Feind in die Seite zu fallen.

Plötzlich enthüllt sich die blutige Szene. So schnell wie ein Donner
Bricht die chaldäische Schar mit unaufhaltbarer Stärke
Unter die Riesen von Baktra; vergebens schwingen sie grimmvoll
Ihre Keulen, und drängen umsonst sich dichter zusammen,
Unwiderstehlich durchbohrt die eiserne Länge der Speere
Ihre nackende Brust, und wirft sie in Schichten zu Boden.
Auch die medische Schar dringt, von Araspes geführet,
Unter sie ein, und mäht mit dem breiten gesichelten Schwerte
Reihen hinweg. Entsetzliche Ströme von dampfendem Blute
Rinnen den Hügel hinab. Die Stimme der bangen Verzweiflung
Spaltet die Wolken, und heulet von fern in den Klippen zurücke.
Todesangst spornt die Wilden, sie taumeln blutlos wie Schatten
Über Hügel von Sterbenden weg. Die jauchzenden Sieger
Folgen erhitzt, und heften den Tod an der Fliehenden Fersen.
Wenigen half die günstige Nacht sich durch die Gebüsche
Wegzustehlen. Sie keichten dem Lager die schreckende Botschaft.

Endlich ermüdet das Schwert. Der schmetternde Klang der Trompete
Ruft die Sieger zurück. Araspes umarmt sie, belohnet
Jedes Verdienst mit feurigem Lob, und teilt sich in Sorgen
Für die Verwundeten; setzt an seine Statt Arasambes
Über das Volk. Er selbst kehrt durch die mäandrischen Pfade
Wieder zurück, das schönste von allem, was sterblichen Ohren
Reizend ertönt, verdientes Lob von Cyrus zu hören.

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