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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Buch.

Die Sitten und der Charakter der Italiener.

Erstes Kapitel.

Oswalds durch traurige Erlebnisse noch vermehrte Unentschiedenheit des Charakters ließ ihn alle festen Entschlüsse scheuen. In seiner Ungewißheit hatte er noch nicht einmal gewagt, Corinna um das Geheimniß ihrer Herkunft und ihres Schicksals zu fragen, und dennoch zog seine Leidenschaft aus jedem Tage des Zusammenseins neue Kraft. Er konnte sie nicht ohne Bewegung ansehen; kaum vermochte er inmitten der Gesellschaft sich auch nur einen Augenblick aus ihrer Nähe zu entfernen. Sie sprach kein Wort, das er nicht nachfühlte; sie hatte keinen Moment der Traurigkeit oder des Frohsinns, dessen Abglanz nicht auf seinem Gesichte wiederstrahlte. Aber wie er sie auch bewunderte und liebte, er erinnerte sich doch stets daran, wie wenig eine solche Frau in die englische Lebensweise hineinpassen möchte, wie sehr sie von der Vorstellung abweiche, welche sein Vater sich über die dem Sohne geziemende Gattin gebildet hatte; und in dem, was er darüber zu Corinna äußerte, klang die Verwirrung und Gezwungenheit nach, welche jene Betrachtungen in ihm hervorriefen.

Corinna gewahrte das nur zu gut; aber es würde ihr so qualvoll gewesen sein, mit Lord Nelvil zu brechen, daß sie eher noch eine entschiedene Erklärung zu umgehen suchte; und da viel Unvorsichtigkeit in ihrem Charakter lag, genoß sie die glückliche Gegenwart, obwohl sie unmöglich wissen konnte, was daraus entstehen werde.

Um ganz dem Gefühle für Oswald zu leben, hatte sie sich von der Welt völlig zurückgezogen. Doch endlich, von seinem Stillschweigen über ihre beiderseitige Zukunft verletzt, entschloß sie sich, die Einladung zu einem Balle anzunehmen, für welchen ihr Erscheinen lebhaft gewünscht worden war. Nichts ist weniger auffällig in Rom, als abwechselnd die Gesellschaft zu verlassen, und wieder in dieselbe zurückzukehren, wie es eben im Belieben des Einzelnen liegt; denn nirgend giebt man sich weniger mit dem sogenannten Gesellschaftsklatsch ab. Jeder thut, was er will, ohne daß Jemand darnach fragt, es handelte sich denn um eine Rivalität in der Liebe oder im Ehrgeize. Die Römer bekümmern sich um das Thun und Lassen ihrer Mitbürger nicht mehr, als um das der kommenden und gehenden Fremden.

Als Lord Nelvil erfuhr, daß Corinna auf den Ball gehe, war er verstimmt. Seit einiger Zeit hatte er eine, mit der seinen sympathisirende, schwermüthige Gemüthsrichtung in ihr zu bemerken geglaubt; nun schien sie eifrig an ihren Tanz zu denken, an das Talent, in welchem sie so außerordentlich reizend sein sollte; und es war, als belebe sie die Aussicht, es wieder einmal zu üben, auf das angenehmste. Corinna war keine leichtsinnige Frau, aber sie fühlte sich täglich mehr von ihrer Leidenschaft für Oswald beherrscht, und sie wollte es versuchen, dieser Gewalt Einhalt zu thun. Sie wußte aus Erfahrung, daß auf leidenschaftliche Charaktere Vorsätze und Opferfähigkeit weniger Macht üben, als Zerstreuung, und sie meinte, daß es nicht darauf ankomme, regelrecht über sich zu siegen, sondern zu siegen, wie man es eben vermag!

»Ich muß doch wissen«, antwortete sie auf Lord Nelvils Vorwürfe, »ich muß doch wissen, ob es in der Welt nichts mehr giebt, als Sie, mein Leben auszufüllen; ob, was mir früher gefiel, mich nicht jetzt noch erfreuen kann, oder ob meine Liebe für Sie jedes andere Interesse, jeden andern Gedanken verzehren soll.« – »So wollen Sie aufhören, mich zu lieben?« fragte Oswald. – »Nein«, antwortete Corinna, »doch nur im häuslichen Leben kann es süß sein, so ganz von einer einzigen Leidenschaft beherrscht zu werden. Ich aber, die ich meiner Talente, meines Geistes, meiner Phantasie bedarf, um den Glanz der von mir erwählten Lebensweise aufrecht zu erhalten, ich leide jetzt sehr; es macht mir Schmerz, viel Schmerz, dies Lieben, wie ich Sie liebe!« – »Sie würden mir also Ruhm und Huldigungen nicht opfern?« – »Was kann Ihnen daran liegen, zu wissen, ob ich sie Ihnen opfern würde? Da wir nicht für einander bestimmt sind, darf die Art von Glück, mit der ich mich zufrieden geben muß, mir nicht auf immer zerstört werden.« – Lord Nelvil antwortete nicht, weil er mit einer Erklärung seiner Gefühle auch die Absicht, wozu ihn diese bestimmten, hätte kund geben müssen, und er kannte diese selbst noch nicht. So schwieg er seufzend still, und begleitete Corinna auf den Ball, wiewohl es ihn große Ueberwindung kostete.

Zum ersten Mal seit seines Vaters Tode war er wieder in großer Gesellschaft, und das Lärmen solchen Festes machte ihn nur trauriger; mit aufgestütztem Kopf saß er in einem der an den Tanzsaal stoßenden Nebengemächer, und nicht einmal Corinna mochte er tanzen sehen. Er lauschte den rhythmischen Klängen, die, selbst wenn sie der Freude dienen, noch träumerisch machen, wie alle Musik. Graf d'Erfeuil sprach ihn jetzt an und äußerte sich mit berauschtem Entzücken über den Ball, und die zahlreiche Gesellschaft, welche ihn endlich ein wenig an sein Frankreich erinnere. »Ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben«, sagte er zu Lord Nelvil, »um diesen Ruinen, von welchen man in Rom so viel spricht, einiges Interesse abzugewinnen; doch kann ich nichts Besonderes daran finden; die Bewunderung solcher mit Dornen bewachsenen Schutthaufen ist ein Vorurtheil. Wenn ich nach Paris komme, werde ich meine Meinung darüber aussprechen, denn es ist Zeit, daß dieser Italien-Schwindel aufhöre. Es giebt in ganz Europa nicht ein, versteht sich: wohlerhaltenes Denkmal, das mir nicht lieber wäre, als diese zerbrochenen Säulen, diese von der Zeit geschwärzten Basreliefs, welche man ja doch nur vermöge großer Gelehrsamkeit bewundern kann. Ein Vergnügen aber, das man erst mit so tiefen Studien erkaufen muß, scheint mir in sich selbst nicht viel Anregendes zu haben. Niemand z. B. hat nöthig, erst über seinen Büchern zu erblassen, um die Genüsse von Paris zu würdigen.« – Lord Nelvil antwortete nicht, und der Graf fragte nun von Neuem, welchen Eindruck Rom auf ihn gemacht habe. »Während eines Balles«, erwiderte Oswald, »ist es wohl nicht an der Zeit, darüber ernsthaft zu reden, und anders, das wissen Sie, kann ich nicht reden.« – »Gut, gut«, rief d'Erfeuil, »ich bin flüchtiger als Sie, das gebe ich zu, vielleicht bin ich aber auch weiser! In meinem anscheinenden Leichtsinn liegt viel Philosophie, denn leicht muß das Leben genommen werden, glauben Sie mir!« – »Sie haben vielleicht Recht«, entgegnete Oswald, »doch sind Sie von Natur, und nicht aus Ueberlegung, so wie Sie sind, und das ist der Grund, weshalb Ihre Weise eben nur für Sie paßt.«

Graf d'Erfeuil hörte im Tanzsaale Corinnens Namen nennen, und er trat hinein, um zu erfahren, um was es sich handle. Auch Lord Nelvil trat bis an die Thür und sah, wie ein schöner Neapolitaner, der Prinz von Amalfi, Corinna bat, die Tarantella, diesen feinen anmuthsvollen, höchst eigenthümlichen Nationaltanz, mit ihm zu tanzen. Corinnens Freunde redeten zu, und sie willigte ein, ohne sich lange bitten zu lassen. Den Grafen d'Erfeuil, der an die Weigerungen gewöhnt war, mit denen man anderswo gebräuchlicher Weise seine Zustimmung einleitet, setzte dies in Erstaunen. Aber in Italien kennt man derartige Zierereien nicht, und Jeder glaubt der Gesellschaft am meisten zu gefallen, wenn er einfach thut, worum sie bittet. Corinna würde dieses natürliche Betragen eingeführt haben, wenn es nicht schon üblich gewesen wäre. Sie trug ein leichtes, wolliges Kleid; ein Netz von italienischer Seide hielt ihr Haar zusammen, und der Ausdruck lebhaftesten Vergnügens in ihren Augen machte sie verführerischer denn je. Oswald war verwirrt davon, war im Streit mit sich selbst; es entrüstete ihn, sich so von einem Zauber fesseln zu lassen, der ihn eher hätte verstimmen sollen, da Corinna nicht um ihm zu gefallen, sondern vielmehr um seiner Herrschaft zu entrinnen, sich so hinreißend zeigte. Aber wer kann der Anmuth widerstehen? Selbst wo sie stolz verschmäht, ist sie noch allmächtig, und stolz verschmähend war sicherlich Corinnens Stimmung nicht. Sie bemerkte Lord Nelvil, erröthete, und ihre Blicke hingen mit bezaubernd-seelenvoller Zärtlichkeit an ihm.

Fürst Amalfi begleitete seinen Tanz mit Castagnetten, während Corinna, nachdem sie vor dem Beginnen die Versammlung hold gegrüßt, das von Amalfi ihr dargebotene Tambourin mit leichter Wendung entgegennahm. Dies Tambourin schwingend, begann sie nun zu tanzen, und alle ihre Bewegungen hatten eine Weichheit, eine Grazie, eine Mischung von Keuschheit und Wollust, die eine Vorstellung von der Macht geben mußten, welche die Bajaderen auf die Fantasie der Inder ausüben, wenn sie wirklich dichterisch tanzen, und durch anmuthvolle Bewegung, durch entzückende Bilder die reichsten Empfindungen ausdrücken.

Corinna kannte alle durch die Maler und alten Bildhauer überlieferten Stellungen sehr genau, und wenn sie ihr Tambourin über dem Kopfe schwang, oder es mit einer Hand vorwärts haltend, die andere mit unglaublicher Schnelligkeit die Schellen durchlaufen ließ, erinnerte sie an die Tänzerinnen von Herculanum, und schuf so für den Stift und die Malerei eine Reihenfolge neuer Vorbilder.Anmerkung der Autorin: Der Tanz der Madame Recamier schwebte mir vor, als ich die Schilderung von Corinnens Weise zu tanzen unternahm.

Ihr Tanz zeigte durchaus nicht die, durch Schwierigkeit und Eleganz so ausgezeichnete französische Kunst; Corinnens Weise stand der Fantasie, dem Herzen näher. Der Charakter der Musik wurde abwechselnd durch scharfe Genauigkeit und durch Weichheit der Bewegungen ausgedrückt. Die tanzende Corinna ließ all ihr Gefühl in die Seele der Zuschauer übergehn, als ob sie improvisire, als ob sie Laute spiele, oder irgend welche Gestalten zeichne; für sie wurde eben Alles Sprache; ihr Anblick trieb die Musiker zu vollendeterem Spiel; leidenschaftliche Begeisterung, hochgestimmte Freude entzündete dieser zauberhafte Tanz in allen Anwesenden, und versetzte sie in dichterische Stimmung, in eine geträumte Welt des Glücks.

In der Tarantella ist ein Moment, wo die Tänzerin niederkniet, während der Cavalier sie tanzend umkreiset, wenn nicht als Gebieter, so doch als Sieger. Wie voller lieblicher Würde war sie in dieser Stellung, wie war sie knieend noch Herrscherin! Und als sie sich nun mit jubelndem Schellengetöne erhob, strahlte sie in einer solchen Ueberschwänglichkeit von Leben und Jugend und Schönheit, daß es war, als wolle sie überzeugend verkünden, sie brauche Niemand, um glücklich zu sein. Aber ach! so war es nicht! Oswald fürchtete es nur; er bewunderte Corinna seufzend; ihm schien, daß sie mit jedem ihrer Erfolge ihm weiter entrückt werde. Am Schlusse der Tarantella kniet nun auch der Tänzer nieder. Sie tanzt um ihn herum, und wenn es möglich war, übertraf Corinna sich in diesem Augenblicke selbst. Mit der Schnelligkeit des Blitzes durcheilte ihr flüchtiger Fuß einigemal denselben Kreis, und als sie mit der einen hochgehobenen Hand das Tambourin schwingend, mit der andern dem Fürsten das Zeichen gab, sich zu erheben, waren wohl alle Männer versucht, auf die Kniee zu sinken, wie er. Alle außer Lord Nelvil, der sich um einige Schritte zurückzog, und Graf d'Erfeuil, welcher natürlich einige Schritte vortrat, Corinna Schmeicheleien zu sagen. Die anwesenden Italiener dachten daran, sich durch ihren Enthusiasmus bemerkbar zu machen; sie gaben sich demselben hin, einfach weil sie ihn empfanden. Diese Männer sind nicht so an die Gesellschaft und die von ihr erweckte Eigenliebe gewöhnt, um sich mit dem Eindruck, welchen sie etwa hervorbringen, zu beschäftigen. Eitelkeit macht sie nicht ihrem Vergnügen, noch Beifallsbezeigungen ihrer Natürlichkeit abwendig.

Corinna war über ihren Erfolg sehr erfreut, und dankte nach allen Seiten mit einfacher Unbefangenheit; es fiel ihr nicht ein, verhehlen zu wollen, daß der allgemeine Beifall sie befriedige. Am Meisten wünschte sie jetzt aber, sich durch das Gedränge einen Weg nach jener Thür zu bahnen, an welcher Oswald lehnte. Es gelang ihr endlich; sie blieb einen Augenblick stehen und schien ein Wort von ihm zu erwarten. »Corinna«, sagte, er, und strengte sich an, seine Verwirrung, sein Entzücken und seinen Schmerz zu verbergen, »Corinna, das sind nun viele Huldigungen, das ist ein glänzender Erfolg. Aber findet sich unter all diesen begeisterten Anbetern auch nur ein muthiger und sicherer Freund? Ein Beschützer für das Leben? Und kann der Lärm eitler Beifallsbezeigungen einer Seele wie der Ihrigen genügen?«

Zweites Kapitel.

Das Gedränge hinderte Corinna, Lord Nelvil zu antworten. Man ging zum Abendessen und jeder Cavaliere servente beeilte sich, neben seiner Dame Platz zu nehmen. Eine Fremde trat jetzt erst in die Gesellschaft, und als sie keinen Sitz mehr fand, bot Niemand, außer Lord Nelvil und Graf d'Erfeuil, den seinen an. Es geschah aber nicht aus Unhöflichkeit, daß keiner der Italiener sich erhob; sondern es gehört in solchem Falle zu ihren Begriffen von Ehre und Pflicht, daß sie ihre Dame nicht auf einen Augenblick, nicht mit einem Schritt verlassen dürfen. Einige, die sich nicht hatten setzen können, standen hinter dem Stuhl ihrer Schönen zum Dienst für sie bereit. Die Damen redeten nur mit ihren Cavalieren; Fremde irrten um diesen Kreis, wo Niemand ihnen etwas zu sagen hatte, ganz vergeblich herum; denn die Frauen in Italien kennen keine Koketterie, sie haschen in der Liebe nicht nach dem Erfolg der Eigenliebe, und wollen allein nur dem gefallen, den sie lieben. Es giebt dort keine Neigungen, die mit geistigem Wohlgefallen beginnen, Herz und Auge entscheiden immer zuerst; den allerschleunigsten Anknüpfungen folgt oft aufrichtige Neigung, und selbst eine sehr lange Beständigkeit. Die Untreue eines Mannes wird in Italien strenger getadelt, als die einer Frau. Drei bis vier Männer folgen mit verschiedener Berechtigung einer und derselben Dame, und diese läßt sie mitgehen, ohne sich zuweilen auch nur die Mühe zu geben, dem sie empfangenden Hausherrn ihre Begleiter vorzustellen. Der Eine derselben ist der Begünstigte, der Andere strebt es zu werden, ein Dritter heißt der Leidende (il patito); dieser Letzte wird ganz verschmäht, man gestattet ihm indessen doch die Rolle des Anbeters. Alle diese Rivalen leben friedlich nebeneinander, und die Sitte der Dolchstiche ist nur noch im niederen Volke vorhanden. In diesem Lande sind seltsame Mischungen von Einfachheit und Verderbtheit, von Gutmüthigkeit und Rachsucht, von Verstecktheit und Wahrhaftigkeit, von Schwäche und Kraft, welche sich alle durch eine bewährte Beobachtung erklären lassen: die guten Eigenschaften entspringen daraus, daß man nichts aus Eitelkeit thut, und die schlechten, weil viel um des Eigennutzes willen geschieht; gleichviel, ob dieser Eigennutz nun nach Liebe, nach Ehrgeiz oder nach Besitz trachtet.

Dem Unterschied der Stände wird in Italien im Allgemeinen wenig Bedeutung eingeräumt. Nicht aus Grundsatz ist man für aristokratische Vorurtheile so wenig empfänglich, sondern weil Leichtlebigkeit und Vertraulichkeit den gegenseitigen Verkehr ebnen helfen. Die Gesellschaft erhebt sich über nichts zum Richter und läßt daher Vieles gelten.

Nach dem Souper setzte sich Alles an den Spieltisch; einige Frauen spielten Hazard, Andere das schweigsamste Whist; und jetzt wurde nicht ein Wort in dem vorhin so geräuschvollen Zimmer gesprochen. Die Südländer gehen oft von der größesten Aufgeregtheit zur tiefesten Ruhe über. Mit unverdrossener Thätigkeit abwechselnde Faulheit ist auch noch einer von den Gegensätzen ihres Wesens. Im Ganzen sind es Menschen, die auf den ersten Blick zu beurtheilen man sich wohl hüten muß, denn es finden sich die einander widersprechendsten Eigenschaften und Mängel in ihnen. Wenn sie einmal sehr vorsichtig erscheinen, kann es geschehen, daß sie ein anderes Mal mit der größesten Verwegenheit auftreten; wenn sie träge sind, so waren sie vielleicht eben thätig oder bereiten sich zu künftiger Thätigkeit vor; und schließlich nützen sie ihre Seelenkräfte nicht im Gesellschaftstreiben aus, sondern halten sie für die entscheidenden Lebensverhältnisse zurück.

An dem erwähnten Gesellschaftsabend verloren einige Herren sehr bedeutende Summen im Spiel, ohne daß sich die geringste Veränderung in ihren Zügen wahrnehmen ließ. Dieselben Männer würden irgend eine unbedeutende Thatsache mit Feuer und eifrigen Geberden erzählt haben. Wenn die Leidenschaften einen gewissen Grad von Heftigkeit erreichen, fürchten sie die Zeugen und hüllen sich dann meist in Schweigen und äußere Unbeweglichkeit.

Ein bittrer Groll über die vorherige Tanzscene war in Oswald zurückgeblieben. Er glaubte, die Italiener und deren lebhafte Bewunderung hätten ihm wenigstens für einen Augenblick Corinnens Interesse abgewendet. Er war sehr unglücklich darüber; sein Stolz rieth ihm, es zu verbergen, hinderte ihn aber leider nicht daran, daß er geringschätzend von den Beifallsbezeigungen sprach, die seiner glänzenden Freundin doch Vergnügen gemacht hatten. Man forderte ihn zum Spielen auf, er dankte; Corinna that des gleichen und gab ihm darauf ein Zeichen, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Oswald besorgte, Corinna dem Geschwätz der Leute auszusetzen, wenn er den ganzen Abend hindurch so vor aller Welt allein mit ihr beschäftigt blieb. »Sein Sie ganz ruhig«, sagte sie. »Niemand wird sich um uns kümmern; in unserer Gesellschaft ist es Brauch, nur das zu thun, was Einem gefällt; hier giebt es keine willkürlichen Schicklichkeitsgesetze, keine geforderten Rücksichten. Wohlwollende Höflichkeit ist genügend, und Niemand beansprucht, daß der Eine sich um des Andern willen Zwang anthue. Wir haben zwar keine Freiheit, wie Ihr sie in England versteht, aber dafür genießt man im geselligen Leben die vollkommenste Unabhängigkeit.« – »Was etwa so viel bedeutet, daß man hier keine Achtung vor den Sitten hat«, sagte Oswald. – »Wenigstens hat man keine Heuchelei«, erwiderte Corinna; »Rochefoucauld sagt: Der geringste Fehler einer galanten Frau ist ihre Galanterie. Und wirklich, welches auch die Schwächen der italienischen Frauen sein mögen, sie flüchten sich doch wenigstens nicht hinter die Lüge; und wenn die Ehe hier nicht heilig gehalten wird, so geschieht dies mit Bewilligung beider Theile.«

»Aber nicht edler Freimuth ist die Ursache dieses Mangels an Verstellung«, erwiederte Oswald, »sondern Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung ist's. Bei meiner Ankunft wollte ich ein Empfehlungsschreiben an eine hier lebende Prinzessin abgeben, und beauftragte meinen Diener mit der Besorgung desselben. Indeß erwiderte er mir: »In diesem Augenblick kann Ihnen der Brief nichts helfen, denn die Prinzessin empfängt Niemand, sie ist »innamorata«. Diesen Zustand des Verliebtseins ruft man also, wie jede andere Lebensangelegenheit, in die Welt hinaus, und solche Öffentlichkeit wird nicht einmal durch eine außerordentliche Leidenschaft entschuldigt; mehrere Verhältnisse folgen so auf einander, und alle werden sie proklamirt. Die hiesigen Damen bedürfen in dieser Beziehung des Geheimnisses so gar nicht, daß sie fast mit weniger Verlegenheit von ihren Liebhabern, als unsere Frauen von ihren Gatten sprechen. Mit solcher unsittlichen Flatterhaftigkeit kann begreiflicher Weise kein tiefes oder zartes Gefühl verbunden sein. Daher kommt es auch, daß Ihr Volk, welches ja doch an weiter nichts als an die Liebe denkt, keinen einzigen Roman besitzt; denn diese hier so flüchtige, so öffentliche Liebe bietet keinen eigentlichen Stoff für irgend welche weitere Entwicklung, und um in dieser Hinsicht die herrschenden Sitten treu zu schildern, müßte man auf der ersten Seite anfangen und schließen. Verzeihen Sie, Corinna«, rief Lord Nelvil, als er den Schmerz, den er ihr verursachte, bemerkte; »Sie sind eine Italienerin, und dies sollte mich entwaffnen. Aber es ist ja eben eine der Ursachen Ihres unvergleichlichen Zaubers, daß Sie die schönsten Vorzüge der verschiedenen Nationen in sich vereinigen. Ich weiß nicht, wo Sie erzogen worden sind, aber gewiß haben Sie nicht Ihr ganzes Leben in Italien zugebracht; vielleicht selbst ist England Ihr ... Ach, Corinna, wenn dem so wäre, wie konnten Sie jenes Heiligthum von Sitte und Zartgefühl mit diesem Land vertauschen, wo nicht allein die Tugend, wo auch selbst die Liebe so unverstanden ist? Man athmet sie hier mit der Luft, aber dringt sie bis zum Herzen? Die italienischen Dichtungen, in denen die Liebe eine so große Rolle spielt, haben viel Anmuth, viel Einbildungskraft, und sind erfüllt mit Bildern von lebhaften und sinnlichen Farben. Aber wo finden Sie das schwermüthige und tiefe Gefühl, das unsere Poesien so seelenvoll macht? Was können Sie der Scene in Otway, zwischen Belvidera und ihrem Gatten, vergleichen? Was dem Romeo? Und was besonders den bewunderungswürdigen Versen Thompsons, der in seinem Frühlinge das Glück der ehelichen Liebe mit so edlen und rührenden Zügen schildert? Giebt es eine solche Ehe in Italien? Und kann da, wo kein häusliches Glück ist, kann da die Liebe gedeihen? Ist denn nicht dieses Glück das Ziel der Leidenschaft des Herzens, wie der Besitz das der sinnlichen Leidenschaft ist? Sind denn nicht alle jungen und schönen Frauen gleich, wenn die Eigenschaften der Seele und des Geistes nicht den Vorzug bestimmen? Und welchen Wunsch erregen diese Eigenschaften? Die Sehnsucht nach der Ehe, das heißt: die Gemeinschaft der Gefühle und Gedanken. Selbst die ungesetzliche Liebe ist da, wo sie sich bei uns findet, noch ein Wiederschein der Ehe, wenn ich so sagen darf. Man sucht bei ihr das innerliche Glück, das man in seinem Hause nicht genossen, und so ist in England die Untreue selber noch sittlicher, als die Ehe in Italien.«

Dies harte Urtheil verletzte Corinna tief; die Augen voller Thränen, stand sie auf, verließ die Gesellschaft und kehrte schnell nach Haus zurück. Oswald war in Verzweiflung, daß er einen gewissen Unmuth über den Beifall, welchen Corinnens Tanz erhalten, in solcher Weise hatte auslassen können. Er folgte ihr nach ihrer Wohnung, doch weigerte sie sich, ihn zu sprechen. Am nächsten Morgen ließ er sich von Neuem melden, ihre Thür blieb verschlossen. Solch wiederholtes Weigern lag sonst gar nicht in Corinnens Charakter; allein sie war von der Meinung, welche Lord Nelvil über die Italienerinnen ausgesprochen, zu schmerzlich beleidigt und fühlte deutlich, daß sie, eben um dieser Meinung willen, in Zukunft sich bemühen müsse, ihre Liebe zu verbergen.

Oswald seinerseits fand Corinnens Betragen in dieser Angelegenheit nicht ihrer sonstigen Natürlichkeit angemessen, und so redete er sich immer mehr in das Mißvergnügen hinein, das jener Ball ihm bereitet hatte. Auch bemühte er sich nicht, dieser Stimmung Herr zu werden; vielleicht hoffte er, sie könne ihm das Gefühl bekämpfen helfen, dessen Allmacht er fürchtete. Seine Grundsätze waren streng und er litt auf das Peinlichste davon, daß die Geliebte ihm ihre Vergangenheit so völlig unenthüllt ließ. Corinnens Benehmen schien ihm höchst anziehend, und nur zuweilen glaubte er es etwas zu sehr von dem Wunsche belebt, allgemein zu gefallen. Er fand viel Adel und große Bescheidenheit in ihren Reden, ihrer ganzen Haltung, aber zu wenig Strenge der Ueberzeugungen. Kurz, Oswald war überwältigt, hingerissen, und dennoch kämpfte in seinem Innern ein starker Widerspruch gegen diese Leidenschaft. Solche Lage giebt leicht eine gewisse Bitterkeit. Man ist mit sich und den Andern unzufrieden; man leidet und hat eine Art Bedürfniß, noch mehr zu leiden oder wenigstens eine gewaltsame Auseinandersetzung herbeizuführen, auf daß die eine der beiden streitenden, das Herz zertheilenden Empfindungen vielleicht endlich Sieger bleibe.

In solcher Stimmung schrieb Oswald an Corinna. Sein Brief, das fühlte er, war bitter und unziemlich; dennoch sendete er ihn in einer unklaren Aufwallung ab. Er war durch den Zwiespalt in seiner Brust so unglücklich, daß er um jeden Preis einen Konflikt, der Alles entschied, herbeisehnte.

Ein Gerücht, welchem er zwar nicht Glauben schenkte, und das Graf d'Erfeuil ihm zu erzählen gekommen war, trug vielleicht noch dazu bei, die Herbigkeit seiner Ausdrücke zu steigern. Man erzählte sich nämlich in Rom, daß Corinna den Prinzen Amalfi heirathen werde. Oswald wußte wohl, daß sie ihn nicht liebte, und mußte sich sagen, die Nachricht könne nur von jenem Balle herrühren; aber er erfuhr, daß sie den Fürsten, an dem Morgen, als er selbst nicht angenommen wurde, empfangen habe, und zu stolz, um Eifersucht auszudrücken, befriedigte er seinen geheimen Aerger, indem er die Nation herabsetzte, für welche, wie er mit dem größesten Unmuthe einsah, Corinna so viel Vorliebe hegte.

Drittes Kapitel.

Oswalds Brief an Corinna.

Den 24. Januar 1795.

»Sie weigern sich, mich zu sprechen; Sie sind durch unser vorgestriges Gespräch beleidigt, und nehmen sich ohne Zweifel vor, in der Zukunft nur noch Ihre Landsleute zu empfangen. Sie wollen, scheint es, das Unrecht, einen Mann von fremder Nationalität aufgenommen zu haben, wieder gut machen. Ich indessen, weit entfernt, mein aufrichtiges Urtheil über die Italienerinnen zu bereuen, – ein Urtheil, das ich gegen Sie aussprach, weil ich Sie in thörichtem Wahn gern zur Engländerin machte, – ich wage noch mit verstärktem Nachdruck hinzuzufügen, daß Sie durch die Wahl eines Gatten aus der Sie umgebenden Gesellschaft weder Glück, noch würdigen Anhalt finden werden. Ich kenne unter den Italienern keinen Mann, der Sie verdient; nicht einen wüßt' ich unter ihnen, der Sie durch eine Verbindung ehren könnte, wie hoch der Rang auch sei, den er Ihnen zu bieten vermag. In Italien sind die Männer viel weniger werth, als die Frauen; denn sie haben die Fehler des schwächeren Geschlechts und die eigenen dazu. Wollen Sie mir einreden, daß sie der Liebe fähig seien, diese Bewohner des Südens, die so ängstlich den Schmerz fliehen und dafür zum Glücklichsein so selbstisch entschlossen sind? Sagten Sie mir neulich nicht selbst, Sie hätten im verflossenen Monat einen Mann vergnügt im Theater gesehen, der acht Tage vorher seine Frau verloren hatte, und eine Frau, die er geliebt zu haben versichert? Hier sucht man den Gedanken an den Tod und die Dahingegangenen so schnell als möglich los zu werden. Die letzten heiligen Dienste bei den Bestattungen werden von Priestern vollzogen, wie die Pflichten der Liebe von den »Cavalieri serventi«. Der kirchliche Brauch und die Gewohnheit haben Alles vorher angeordnet; Schmerz und Begeisterung würde man vergeblich dabei suchen. Und was vor Allem die Liebe vernichtet: die Männer nöthigen den Frauen keine wahre Hochachtung ab. Welchen Werth kann für diese letzteren eine Ergebenheit haben, die nicht mit Charakterfestigkeit und ernster Lebensbeschäftigung gepaart ist? Auf daß Natur und gesellschaftliche Ordnung sich in ihrer ganzen Schönheit zeigen, muß der Mann Beschützer, die Frau die Beschützte sein; vorausgesetzt, er bete die Schwachheit an, die er zu schützen hat, und hochachte diese Gottheit ohne Machtvollkommenheit, die gleich den Penaten, seinem Hause das Glück bringen soll. Hier in Italien ist es fast, als ständen die Frauen gleich dem Sultan und die Männer bildeten ihren Serail.

Diese haben hier das Weiche und Gewandte des Frauencharakters. Ein italienisches Sprichwort sagt: »Wer sich nicht verstellen kann, kann auch nicht leben.« Ist das nicht ein rechtes Weiberwort? Und wie, in der That, könnte denn auch in einem Lande, wo es weder eine militärische Laufbahn, noch freie Institutionen giebt, ein Mann sich zu Kraft und Würdigkeit der Gesinnung heranbilden? Daher suchen sie auch, sich vor Allem ein glattes, schlaues Betragen anzueignen; sie spielen das Leben wie eine Partie Schach herunter, in welcher aufs Gewinnen eben Alles ankommt. Was ihnen noch allein von den Erinnerungen des Alterthums geblieben, das ist etwas Hochtrabendes in ihrer Ausdrucksweise und ihrer äußern Pracht; aber neben dieser, auf hohler Grundlage fußenden Größe finden Sie oft Alles, was es im Geschmack an Niedrigkeit, was es im häuslichen Leben an verschleppter Elendigkeit nur geben kann! Ist dies die Nation, Corinna, welche Sie jeder andern vorziehen zu müssen glauben? Dies das Volk, dessen lärmende Beifallsbezeigungen Ihnen so nothwendig sind, daß ohne solche wiederhallenden »Bravo's« jede andere Bestimmung Ihnen wie ein Stillschweigen erschiene? Wer dürfte sich schmeicheln, Sie glücklich machen zu können, wenn er Sie diesem Tumult entrisse? Sie sind eine unbegreifliche Frau: in Ihren Gefühlen tief, sind Sie leicht in ihren Neigungen, – durch den Adel Ihrer Seele unabhängig, doch dem Bedürfniß nach Zerstreuung unterworfen, – der Liebe für einen Einzigen fähig, und dennoch Alle brauchend. Sie sind eine Zauberin, die wechselweise beunruhigt und beschwichtigt, die in erhabener Größe einsam dasteht, um gleich darauf hinabsteigend sich in einer alltäglichen Menge zu verlieren. Corinna, Corinna, man kann sich nicht erwehren, Sie zu fürchten, indem man Sie liebt!

Oswald.«

Corinna war, als sie diesen Brief gelesen, durch die darin enthaltenen, gehässigen Vorurtheile gegen ihre Nation beleidigt. Doch errieth sie mit einem Gefühl des Glücks, daß Oswald wohl hauptsächlich wegen des Balles, und ihrer, seit jenem Gespräch noch nicht aufgehobenen Weigerung, ihn zu empfangen, so entrüstet sei; und diese Ueberzeugung milderte ein wenig den sonst so schmerzlichen Eindruck seiner Worte. Sie war über das Betragen, was sie fortan gegen ihn einzuhalten habe, unentschieden, oder glaubte wenigstens es zu sein. Sie sehnte sich, ihn wiederzusehen. Doch peinigte es sie, daß er sich einbilden könne, sie wünsche ihn zu heirathen, wenn schon ihr beiderseitiges Vermögen mindestens ein gleiches war, und sie durch die Enthüllung ihres Namens zeigen konnte, wie dieser in keiner Weise dem des Freundes untergeordnet sei. Die Eigenthümlichkeit und Unabhängigkeit ihrer Lebensweise mußten Oswald freilich wohl einige Abneigung gegen ein eheliches Band einflößen, und sicherlich würde auch sie jeden Gedanken daran zurückgewiesen haben, wenn ihre Liebe sie nicht über all das Herzeleid verblendet hätte, welches ihr bei ihrer Vermählung mit einem Engländer und dem Verlassen der Heimat sicher bevorstand.

In allen Fragen, welche das Herz, welche die Liebe angehen, kann man seinem Stolz entsagen; doch sobald Verhältnisse und Weltinteressen sich in irgend welcher Gestalt als Hinderniß in den Weg stellen, sobald zu vermuthen, daß der Geliebte durch eine Vereinigung mit uns Opfer bringt, ist es nicht mehr möglich, ihm die ganze Hingebung unseres Gefühls zu offenbaren. Da nun Corinna sich nicht entschließen konnte, ganz mit Oswald zu brechen, suchte sie sich zu überreden, daß sie im Stande sein werde, ihn zu sehen, ihm aber ihre Liebe zu verbergen; und in dieser Absicht machte sie sich's für ihr Antwortschreiben zum Gesetz, nur auf seine ungerechten Anklagen der italienischen Nation zu erwidern, und diesen Gegenstand mit ihm abzuhandeln, als ob aus seinem Briefe nur dies ihr wichtig sei. Eine Frau von überlegenem Geist wird kühle und stolze Haltung am besten wiedergewinnen, wenn sie sich auf ein allgemein gedankliches, also auf ein neutrales Gebiet zurückzieht.

Corinna an Oswald.

Den 25. Februar 1795.

»Wenn Ihr Brief nur mich anklagte, Mylord, würde ich durchaus nicht versuchen, mich zu rechtfertigen; mein Charakter ist so leicht zu durchschauen, daß, wer mich nicht von selbst erkennt, auch durch alle Erklärungen, die ich ihm zu geben vermöchte, mich nicht besser verstehen würde. Die tugendhafte Zurückhaltung der englischen Frauen, das anmuthvoll Gekünstelte der französischen dienen, glauben Sie es mir, oft nur dazu, die Hälfte von dem, was in der Seele der einen und der andern vorgeht, zu verbergen: und was Sie meine Zauberei zu nennen belieben, ist nichts, als ungezwungene Natürlichkeit, die wohl zuweilen entgegengesetzten Gefühlen, scheinbar sich widersprechenden Gedanken Ausdruck giebt, ohne sich damit abzumühn, sie in Uebereinstimmung bringen zu wollen. Denn solche Uebereinstimmung ist, wo sie ist, fast immer eine gemachte, und die meisten wahrhaftigen Charaktere sind unkonsequent. Doch nicht von mir will ich Ihnen sprechen, sondern von der unglücklichen Nation, die Sie so rücksichtslos angreifen. Wäre es vielleicht meine Anhänglichkeit an treue Freunde, die Ihnen solch bittern Unwillen eingiebt? Ich bin nicht eitel genug zu glauben, daß ein derartiges Gefühl Sie bis zu dem Grade, wie Sie es sind, ungerecht machen könnte, und Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß Sie keine Ursache haben, auf diese Freundschaft eifersüchtig zu sein. Sie urtheilen über die Italiener, was alle Fremden urtheilen, was beim ersten Begegnen Jedem auffallen muß; doch um einem Volke, das in verschiedenen Epochen so groß war, gerecht zu werden, muß man tiefer eindringen. Woher kommt es denn, daß unsere Nation einst die kriegstüchtigste von allen war, unter den Republiken des Mittelalters die war, welche am eifrigsten ihre Freiheit bewachte, und im sechzehnten Jahrhundert sich als die ruhmreichste in Künsten und Wissenschaften erwies? Hat sie nicht nach dem Ruhm in all seinen Gestalten gestrebt und ihn errungen? Und wenn sie ihn jetzt nicht mehr besitzt, weshalb wollen Sie nicht ihrer politischen Lage die Schuld geben, da sie sich unter andern Verhältnissen doch so verschieden von dem gezeigt hat, was sie jetzt ist?

»Ich weiß nicht, ob ich mich täusche: allein die Fehler der Italiener nöthigen mir nur ein Gefühl des Mitleids mit ihrem Schicksal ab. Von jeher haben die Fremden dieses schöne Land, den Gegenstand ihres fortdauernden Ehrgeizes, erobert und zerstört; und nun wirft der Fremde diesem Volke mit Bitterkeit die Fehler besiegter und zerstörter Nationen vor. Europa hat Künste und Wissenschaften von den Italienern empfangen, und jetzt bestreitet es ihnen auch diesen letzten Ruhm, der einem Volke ohne Militärmacht und ohne politische Freiheit möglich ist, den Ruhm eben der Künste und Wissenschaften.

»Wie wahr es ist, daß die Regierungen den Charakter der Völker modeln, sehen wir an diesem Italien, dessen verschiedene Staaten durch merkwürdige Sittenunterschiede von einander abweichen. Die Piemontesen, die gewissermaßen ein kleines Corps für sich bilden, haben mehr militärischen Geist, als die übrigen Italiener; die Florentiner, welche entweder die Freiheit oder doch Fürsten mit liberalem Geist besaßen, sind aufgeklärt und milde; Venetianer und Genueser zeigen politische Denkfähigkeit, weil sie eine republikanische Aristokratie besitzen; die Mailänder sind aufrichtiger, da ihnen die nordischen Völker seit lange diese Eigenschaft zugetragen haben; die Neapolitaner könnten sehr bald kriegerisch werden, denn sie standen seit Jahrhunderten unter einer Regierung, die zwar sehr unvollkommen, aber schließlich doch keine Fremdherrschaft war. Der römische Adel freilich muß, da er militärisch und politisch nichts zu thun hat, unwissend und faul werden; daher sind im geistlichen Stande, welcher wenigstens Beschäftigung und eine Laufbahn gewährt, die Fähigkeiten entwickelter, als im Adel; und da die päpstliche Regierung keinen Unterschied der Geburt gelten läßt, hier im Gegentheil ganz nach freier Wahl verfährt, so folgt daraus eine Art von Unabhängigkeit, wenn nicht der Gedanken, doch der Gewohnheiten, welche Rom zum angenehmsten Aufenthalt für alle diejenigen macht, die nicht mehr den Ehrgeiz noch die Möglichkeit haben, eine Rolle in der Welt zu spielen.

»Die Bewohner des Südens sind leichter durch eine Gesetzgebung umzuformen, als die Nordländer; denn ihre Sorglosigkeit kann bald in ein Verzichten auf ihre Rechte übergehen, und die Natur bietet ihnen so vielen Genuß, daß sie sich leicht für die Vortheile entschädigen, welche die Gesellschaft ihnen weigert. Es giebt sicherlich sehr viel Sittenverderbniß in Italien, doch ist die Civilisation hier viel weniger verkünstelt, als in anderen Ländern. Man kann sogar etwas Wildes an diesem Volke tadeln, trotz aller Feinheit seines Verstandes, einer Feinheit, die der List des Jägers gleicht, der seine Beute überraschen will. Träge Völker sind leicht verschmitzt; sie haben einen hergebrachten äußeren Gleichmuth, der ihnen, wenn es sein muß, auch dazu dient, ihren Zorn zu verstecken. Immer ist es dieses gewohnte Maß der Formen, des äußeren Verhaltens, womit man es erlangt, einen ungewöhnlichen Zustand zu verbergen.

»In ihren persönlichen Verhältnissen sind die Italiener aufrichtig und treu. Habsucht und Ehrgeiz üben große Herrschaft über sie aus, aber nicht Dünkel und Eitelkeit. Der Unterschied des Ranges macht ihnen wenig Eindruck; sie haben keine Gesellschaft, keinen Salon, keine Mode; auch keine erbärmlichen Künste und Mittelchen, um diese und jene Effekte zu erzielen. Die alltäglichen Quellen der Verstecktheit und des Neides sind ihnen unbekannt. Wenn sie Feinde und Mitbewerber täuschen, so geschieht es, weil sie sich mit diesen im Kriegszustande glauben; im Frieden aber sind sie offen und ehrlich. Diese Offenheit ist ja die Ursache des Aergernisses, das Sie so verurtheilen. Die Frauen, die unausgesetzt von Liebe sprechen hören, die inmitten der Versuchungen der Liebe leben, verheimlichen ihre Gefühle nicht und gehen, so zu sagen, mit einer gewissen Unschuld des Herzens in ihre Liebeshändel hinein. Auch von der Bedeutung des Lächerlichen haben sie keine Ahnung, besonders nicht von jener Lächerlichkeit, mit welcher die Gesellschaft zu stempeln vermag. Manche sind von solcher Unwissenheit, daß sie nicht schreiben können, und läugnen das gar nicht; ein Morgenbillet lassen sie durch ihren Sachwalter (il paglietto) in Folio und im Style einer Bittschrift beantworten. Doch dafür giebt es auch Unterrichtete, und zwar Solche, die als akademische Professoren, in schwarzer Amtskleidung, öffentlichen Vortrag halten; und wenn Sie sich's einfallen ließen, darüber zu lachen, würde man Ihnen antworten: Ist es denn etwas Böses, griechisch zu verstehen? Ist es denn verächtlich, sich durch Arbeit den Lebensunterhalt zu erwerben? Weshalb also lachen Sie über eine so einfache Sache? »Darf ich endlich ein noch zarteres Thema berühren, Mylord? Darf ich zu erklären suchen, warum die Männer oft so wenig kriegerischen Geist zeigen? Sie geben bereitwillig um der Liebe und des Hasses willen ihr Leben preis, und die, in solchen Händeln ertheilten und empfangenen Dolchstiche überraschen Keinen und schüchtern Niemand ein. Sie fürchten den Tod durchaus nicht, wenn natürliche Leidenschaft ihm zu trotzen gebietet; doch oft, dies muß ich zugeben, ziehen sie ihre persönliche Sicherheit der politischen Theilnahme vor, welche in einem zerstückelten Vaterlande auch keine erfreuliche sein kann. Die auf dem Boden der Gesellschaft und der öffentlichen Meinung gedeihende ritterliche Ehre kann in einem Lande schwerlich zu finden sein, wo es jenen Boden nicht giebt. Es ist folglich einfach genug, daß bei solcher Zerrüttung aller öffentlichen Gewalten die Frauen große Herrschaft über die Männer gewinnen, eine zu große vielleicht, um diese noch bewundern und fürchten zu können. Indeß ist der Männer Betragen gegen das weibliche Geschlecht voller Zartgefühl und Ergebenheit. In England sind die häuslichen Tugenden der Ruhm und das Glück der Frauen. Allein da die Liebe doch nun einmal auch außerhalb der Ehe besteht, ist Italien dasjenige Land, in welchem der Frauen Glück am meisten berücksichtigt wird. Die Männer haben sich für eigentlich unsittliche Verhältnisse eine Art von sittlichem Gesetz gebildet, und sind gerecht und großmüthig in der Vertheilung der gegenseitigen Pflichten gewesen. Wenn sie das Band der Liebe zerreißen, halten sie sich selbst für strafbarer, als die Frauen, weil diese mehr Opfer brachten und mehr verlieren; vor dem Richterstuhle des Herzens, sagen sie, sind diejenigen die Schuldigsten, welche die meisten Schmerzen bereiteten. Wenn die Männer fehlen, geschieht es aus Härte, irren die Frauen, so ist es Schwachheit. Die Gesellschaft, welche strenge und verderbt, und folglich mitleidslos gegen alle Vergehen ist, die Unglück nach sich ziehen, wird die Frauen stets härter verdammen; aber in einem Lande, wo es keine Gesellschaft giebt, gewinnt die natürliche Gutmüthigkeit beim Urtheilen das Uebergewicht. »Die Begriffe von Ansehen und persönlicher Würdigkeit sind, ich gebe dies zu, in Italien viel machtloser, ja selbst viel unbekannter, als irgendwo sonst. Auch davon ist der Grund in dem Mangel einer sogenannten »Welt« und einer öffentlichen Meinung zu suchen. Aber trotz Allem, was man von der Verrätherei der Italiener fabelt, behaupte ich doch, daß man selten wo anders mehr Gutherzigkeit, als unter ihnen, finden wird. Diese Gutherzigkeit reicht in allen Eitelkeitsfragen sehr weit; so finden z.B. die Ausländer, obgleich sie kein Land mehr als dieses geschmäht haben, nirgend eine so wohlwollende Aufnahme wie hier. Man wirft den Italienern zu viel Schmeichelsucht vor; aber man sollte auch einräumen, daß sie meistentheils gar nicht aus Berechnung, sondern einfach in dem Wunsch zu gefallen ihre süßen, durch wahre Höflichkeit eingegebenen Ausdrucksweisen verschwenden, und diese Ausdrücke werden von ihrem Betragen selten Lügen gestraft. Würden sie aber in ungewöhnlichen Verhältnissen, in Gefahr und Widerwärtigkeit treue Freunde bleiben? Der kleinere, ja selbst nur der allerkleinste Theil wäre das im Stande; aber diese Erkenntniß ist nicht allein für Italien von Gültigkeit!

»Die Italiener haben im gewohnten Leben eine orientalische Faulheit; aber es kann keine thätigeren und beharrlicheren Menschen geben, wenn ihre Leidenschaften einmal erregt sind. Ebenso sind auch dieselben Frauen, die Sie jetzt schlaff, wie die Odalisken des Serails, sehen, plötzlich der edelsten, aufopferndsten Handlungen fähig. In dem Charakter und der Einbildungskraft der Italiener giebt es viel und geheimnißvoll ineinander Verwebtes, und man stößt in demselben wechselweise auf unerwartete Züge von Großmuth und Freundschaft, freilich dann auch wieder auf furchtbare Beweise von Haß und Rache. Zum Aufstreben, zur Nacheiferung ist hier keine Gelegenheit. Das Leben ist hier nur noch ein traumreicher Schlaf unter schönem Himmel. Aber geben Sie diesen Menschen ein Ziel, und Sie werden sehen, daß sie in kürzester Zeit Alles lernen, Alles begreifen. Mit den Frauen ist es das Gleiche; warum sollten sie sich unterrichten, da ja dann die meisten Männer sie nicht verstehen könnten? Sie würden also, indem sie ihren Geist bereichern, das Herz vereinsamen; und diese selben Frauen werden sich eines überlegenen Mannes sehr bald würdig zu machen wissen, wenn ein solcher der Gegenstand ihrer Liebe ist. Hier schlummert Alles; aber in einem Lande, wo alle großen Interessen niedergehalten werden, sind Ruhe und Sorglosigkeit edler als eitle Beweglichkeit für kleinliche Zwecke.

»Die Wissenschaften selbst müssen darniederliegen, wenn dem Geiste nicht aus einer raschen, kräftigen Lebensthätigkeit neue Gedanken zugeführt werden. Und dennoch, in welchem Lande hat man dem literarischen und künstlerischen Verdienst höhere Bewunderung gezollt? Die Geschichte lehrt uns, daß Päpste, Fürsten und Volk zu allen Zeiten unsere Künstler und Schriftsteller durch die glänzendsten Ehrenbezeigungen belohnt haben. Diese Begeisterung für das Schöne, ich gestehe es, Mylord, ist einer der ersten Beweggründe, welche mich an dieses Land fesseln. Man findet bei uns durchaus nicht die blasirten Anschauungen, den entmuthigenden Spott, noch die despotische Mittelmäßigkeit, welche anderswo so trefflich das natürliche Genie zu quälen und zu ersticken wissen. Ein Gedanke, ein Gefühl, ein hoher Ausdruck fassen schnell unter den Hörern Feuer. Das Talent erregt hier, allerdings eben weil es den ersten Rang einnimmt, vielen Neid. Pergolese wurde für sein Stabat mater ermordet; Georgione trug einen Panzer, wenn er an öffentlichen Orten zu malen genöthigt war. Aber solche, bei uns durch das Talent hervorgerufene Eifersucht wird anderswo von der Macht erregt. Und die Eifersucht des Italieners setzt ihren Gegenstand nicht herab; sie kann hassen, verfolgen, tödten, und dennoch, da sie mit dem Fanatismus der Bewunderung verknüpft ist, huldigt sie dem Genius noch, den sie verfolgt. Wenn man endlich noch so viel Trieb zum Leben in so beengtem Kreise, inmitten so vieler Hindernisse und aller Art von Bedrückung findet, kann man sich nicht erwehren, scheint mir, an diesem Volke, das mit Begier die wenige Luft athmet, welche sein dichterischer Geist in seine Einschränkung dringen läßt, lebhaften Antheil zu nehmen.

»Diese Schranken, ich will es durchaus nicht läugnen, hindern die Italiener allerdings, den Stolz und die Würde in sich zu entwickeln, durch welche freie und kriegerische Nationen sich auszeichnen; und ferner gestehe ich, daß vielleicht der Charakter dieser Nationen unseren Frauen mehr Begeisterung und Liebe abzugewinnen vermöchte. Aber wäre es nicht auch möglich, daß ein kühner, edler und streng denkender Mann alle Liebe erweckende Eigenschaften in sich vereinigte, ohne diejenigen zu besitzen, welche unser Glück verbürgen?

Corinna

Viertes Kapitel.

Nach Corinnens Brief bereute Oswald ein zweites Mal, daß er daran hatte denken können, sich von ihr loszumachen. Die geistreiche Form, die vornehme Sanftmuth, mit denen sie seine harten Worte zurückwies, erfüllten ihn mit Bewunderung. Ihre so große, so einfache, so wahre Ueberlegenheit stellte sie hoch über alles gewöhnliche Maß. Er fühlte wohl immer noch, daß Corinna nicht die schwache, schüchterne, in Allem, außer in ihren Pflichten, unselbstständige Frau sei, welche er sich in Gedanken als Gefährtin seines Lebens geträumt, und die Erinnerung an die damals zwölfjährige Lucile stimmte besser zu dieser Vorstellung. Aber konnte man irgend Jemand mit Corinna vergleichen? Konnten Gesetze und alltägliche Regeln auf eine Frau Anwendung finden, die in sich so viel verschiedene Eigenschaften vereinigte, und welche dieselben durch Genie und Empfindung so schön verband? Corinna war ein Wunder der Natur; und war dies Wunder nicht allein für Oswald geschehen, wenn er hoffen durfte, von ihr geliebt zu sein? Aber wie war ihr Name? Wie ihr Schicksal? Was würden ihre Pläne sein, wenn er sie bäte, sich ihm zu vereinigen? Alles war noch in Dunkelheit; und obwohl sein begeistertes Gefühl ihn überredete, daß sie, nur sie, ihm bestimmt sei, so quälte oft auch die Befürchtung, Corinnens Leben möge nicht ganz tadellos gewesen sein, und würde dem Vater Grund zur Mißbilligung gegeben haben, seine Seele auf's Neue.

Er war durch den Schmerz nicht so niedergebeugt, als zu der Zeit, da er Corinna noch nicht kannte, aber ihm war dafür die Ruhe verloren gegangen, die selbst in einem von Reue über große Irrthümer erfüllten Leben bestehen kann. Früher fürchtete er nicht, sich seinen Erinnerungen zu überlassen, wie groß auch ihre Bitterkeit war; jetzt aber scheute er lange und tiefe Träumereien, die ihm enthüllt hätten, was auf dem Grunde seiner Seele vorging. Er schickte sich indessen eben zum Ausgehen an, um Corinna für ihren Brief zu danken, und Verzeihung für den seinen zu erbitten, als Herr Edgermond, ein Verwandter der jungen Lucile, ins Zimmer trat.

Herr Edgermond war ein rechtschaffener, englischer Landedelmann, der fast immer in Wales, wo er ein Gut besaß, gelebt hatte. Er bekannte sich zu jenen Grundsätzen und Vorurtheilen, welche in allen Landen dazu dienen, die Dinge, wie sie eben sind, in ihrem Bestehen aufrecht zu erhalten, und das ist eine gute Eigenschaft, wenn diese Einrichtungen so vollkommen sind, als menschliche Vernunft es gestattet; dann freilich müssen Männer, wie Herr Edgermond, das heißt: die Anhänger der bestehenden Ordnung, wie stark und selbst hartnäckig sie ihre Principien und Gewohnheiten auch vertreten mögen, als aufgeklärte, vernünftige Geister geschätzt werden.

Lord Nelvil fuhr zusammen, als er Herrn Edgermond anmelden hörte; es war ihm, als ob seine ganze Vergangenheit vor ihn hintrete. Zugleich fiel er auf die Vermuthung, daß Lady Edgermond, Lucilens Mutter, ihren Verwandten abgeschickt haben könnte, um ihm Vorwürfe zu machen, und dann seine Unabhängigkeit einzuschränken. Dieses Mißtrauen gab ihm Festigkeit; er empfing Herrn Edgermond mit äußerster Kälte, zu welcher er um so weniger berechtigt war, als der Ankommende in Betreff seiner auch nicht das Mindeste der Art beabsichtigte. Herr Edgermond durchstreifte Italien lediglich, um seine Gesundheit zu kräftigen; er machte sich viel körperliche Bewegung, jagte, trank fleißig auf das Wohl des Königs Georg und Alt-Englands, kurz, bewies sich als der ehrenhafteste Gentleman von der Welt. Selbst sein Geist war viel gebildeter, als seine Neigungen erwarten lassen konnten. Vor Allem war er Engländer, und zwar nicht allein, wie er es sein sollte, sondern auch, wie man hätte wünschen mögen, daß er es nicht gewesen. Ueberall lebte er nach heimischer Sitte, und redete kaum mit Fremden; dies Letztere nicht etwa aus Geringschätzung, sondern aus Widerwillen gegen die fremden Sprachen und aus einer gewissen Schüchternheit, die ihm noch im Alter von fünfzig Jahren das Anknüpfen neuer Bekanntschaften sehr erschwerte.

»Ich freue mich, Sie zu sehen«, sagte er zu Lord Nelvil, »in einigen Tagen gehe ich nach Neapel; werde ich Sie dort wiederfinden? Es wäre mir lieb, denn da mein Regiment sich bald einschiffen muß, kann meines Bleibens in Italien nicht lange sein.« – »Ihr Regiment?« wiederholte Lord Nelvil, und er erröthete, als ob er vergessen hätte, daß er von dem seinigen, welches erst in Jahresfrist aufbrechen sollte, mit einjährigem Urlaub versehen war; dies Erröthen galt dem Gedanken, die Liebe zu Corinna könne ihn vielleicht selbst seiner Pflicht abwendig machen.

»Ihr eigenes Regiment«, fuhr Herr Edgermond fort, »wird nicht so bald in Thätigkeit kommen; Sie können also Ihre Gesundheit erst ruhig wieder herzustellen suchen. Vor der Abreise sah ich meine junge Cousine, für die Sie sich ja interessiren; sie ist reizender denn je; und sie wird in einem Jahre, wenn Sie heimkehren, zweifellos das schönste Mädchen Englands sein.« – Lord Nelvil schwieg, und auch Herr Edgermond ließ das Gespräch fallen. Sie wechselten noch einige lakonische, wenn auch herzliche Worte, und Herr Edgermond war im Begriff hinauszugehen, als er sich noch einmal umwendete: »Ich vergaß noch eins; man hat mir gesagt, daß Sie die berühmte Corinna kennen, und wenn ich auch im Allgemeinen die neuen Bekanntschaften nicht liebe, – auf diese wäre ich doch gespannt.« – »Ich werde Corinna, da Sie es wünschen, um die Erlaubniß bitten, Sie ihr vorstellen zu dürfen.« – »Thun Sie das, bitte, und richten Sie's doch ein, daß es an einem Tage geschehe, wo sie vor Andern improvisirt oder singt.« – »Nicht in dieser Weise bietet Corinna ihr Talent Freunden und Fremden dar; sie ist eine Frau, die in jeder Rücksicht denselben gesellschaftlichen Rang einnimmt, wie Sie oder ich.« – »Verzeihen Sie meinen Irrthum«, erwiderte Herr Edgermond, »da man sie unter keinem andern Namen kennt, und sie mit sechsundzwanzig Jahren allein, ohne jeden Familienanhang, lebt, glaubte ich, sie existire durch ihre Talente, und nehme gern eine Gelegenheit wahr, dieselben gelten zu lassen.« – »Sie ist vollkommen unabhängig durch ihr Vermögen«, antwortete Lord Nelvil lebhaft, »und durch ihren Geist ist sie es noch viel mehr.« – Herr Edgermond gab augenblicklich ein weiteres Gespräch über Corinna auf; er bereute, von ihr begonnen zu haben, da er einsah, wie nahe es Lord Nelvil berührt hatte. In Allem, was wahrste Empfindung angeht, haben ganz besonders die Engländer viel Schonung und Feingefühl. Herr Edgermond ging, und ließ Oswald in großer Bewegung zurück. »Corinna muß mein werden«, rief er, »ich muß sie beschützen, damit fortan Niemand sie verkenne. Das Wenige, was ich zu bieten habe, will ich ihr geben – Rang und Namen; wofür sie mich mit allen Glückseligkeiten überschütten wird, die allein nur sie auf Erden gewähren kann.« – In dieser Stimmung eilte er zu Corinna, und noch niemals hatte er ihr ein süßeres Hoffen und Lieben entgegengebracht; allein, aus einer sehr natürlichen Befangenheit redete er zuerst von geringfügigen Dingen, und kam so auch auf jene Bitte in Betreff Herrn Edgermonds. Bei diesem Namen gerieth Corinna in sichtliche Verwirrung und weigerte in bewegtem Ton die Erfüllung seines Wunsches. Oswald, davon höchst betroffen, sagte zu ihr: »Ich glaubte, daß da, wo so viele Leute empfangen werden, die Eigenschaft, mein Freund zu sein, keine Zurückweisung begründen könne.« – »Seien Sie nicht so verletzt, Mylord«, erwiderte Corinna; »glauben Sie sicher, daß es äußerst wichtige Gründe sein müssen, wenn sie mir die Gewährung Ihres Wunsches verbieten.« – »Und wollen Sie mir diese Gründe sagen?« – »Unmöglich«, rief Corinna, »das ist unmöglich.« – »Wohlan denn –« und da die Heftigkeit seiner Aufwallung ihm das Wort nahm, wollte er sich entfernen. Aber Corinna war schon in Thränen und rief ihm auf Englisch zu: »In des Himmels Namen, wenn Sie mir das Herz nicht brechen wollen, dann verlassen Sie mich nicht so schnell.«

Diese Laute, dieser Ton erschütterten Oswald, und er nahm wieder in einiger Entfernung von Corinna Platz; das Haupt an eine, das Zimmer sanft erleuchtende Alabaster-Vase gelehnt, verhielt er sich einige Zeit lang schweigend; endlich sagte er: »Grausame Frau! Sie sehen, daß ich Sie liebe; Sie sehen, daß ich jeden Tag bereit bin, Ihnen meine Hand, mein ganzes Leben anzubieten, und Sie wollen mir nicht sagen, wer Sie sind! Sagen Sie es mir, Corinna, sagen Sie es endlich!« wiederholte er mit dem rührendsten Ausdruck des Flehens. – »Oswald, Sie wissen nicht, wie weh Sie mir thun«, rief Corinna. »Wenn ich thöricht genug wäre, Ihnen Alles zu bekennen – wenn ich's wäre – so liebten Sie mich nicht mehr.« – »Großer Gott, was haben Sie denn zu enthüllen?« – »Nichts, das mich Ihrer unwürdig machte; aber Zufall, Verschiedenheiten unserer Neigungen, unserer Denkart, wie sie früher wohl bestanden, und jetzt vielleicht geschwunden sind – Fragen Sie mich nicht. Verlangen Sie nicht, daß ich mich Ihnen zu erkennen gebe, dereinst, wenn Sie mich genug lieben, dereinst, wenn ... ... Ach, ich weiß nicht, was ich spreche«, fuhr sie fort, »Sie sollen Alles wissen, aber verlassen Sie mich nicht, ehe Sie mich gehört haben. Versprechen Sie mir das im Namen Ihres Vaters, der im Himmel ist.« – »Ihn nennen Sie nicht!« rief Lord Nelvil, »wissen Sie denn, ob er uns vereinigte oder trennte? Glauben Sie, daß er in unsere Verbindung willigen würde? Wenn Sie's glauben, beweisen Sie es mir, dann würde ich nicht mehr so schwankend und zerrissen sein. Ich werde Ihnen noch einst erzählen, wie traurig mein Leben war; nicht jetzt, Sie sehen, in welchem Zustande ich bin, durch Sie bin!« Und wirklich, seine Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt, sein Angesicht bleich, die Lippen zitterten, und vermochten kaum noch diese letzten Worte hervorzubringen. Corinna setzte sich neben ihn, und seine Hände in den ihren haltend, bat sie ihn mit hulder Sanftmuth, sich zu fassen. »Mein theurer Oswald«, sagte sie, »fragen Sie Herrn Edgermond, ob er niemals in Northumberland gewesen, oder wenigstens, ob er seit den letzten fünf Jahren erst dort war; nur in diesem Falle dürfen Sie ihn hieherbringen.« – Oswald sah sie fest und fragend an; sie schlug die Augen nieder und schwieg. »Ich werde thun, was Sie mir befehlen«, sagte er, und ging.

Zu Hause angelangt, erschöpfte er sich in Vermuthungen über Corinnens Geheimniß. Dies war ihm klar: sie mußte lange Zeit in England gelebt haben, ihr Name, ihre Familie mußten dort bekannt sein. Doch aus welchem Grunde war es nöthig, diese verborgen zu halten, und weshalb hatte sie England verlassen, wenn sie dort heimisch gewesen war? Diese sich widersprechenden Fragen bewegten Oswalds Herz auf's Ungestümste. Er war überzeugt, daß Corinnens Leben frei von jedem Tadel sei, indeß fürchtete er irgend ein ungünstiges Zusammentreffen von Umständen, welches sie in den Augen Anderer schuldig erscheinen lassen könnte. Am meisten besorgte er, man möchte sie in England nicht verstehen. Gegen alle andere Mißbilligung fühlte er sich gewappnet, aber das Andenken an seinen Vater war mit der Liebe zur Heimat innig verwachsen, und gegenseitig verstärkten diese beiden Gefühle einander. Oswald erfuhr durch Herrn Edgermond, daß dieser im verflossenen Jahre zum ersten Male in Northumberland gewesen sei, und konnte ihm also versprechen, ihn noch denselben Abend bei Corinna einzuführen. Er selbst ging etwas früher hin, um sie von der Vorstellung, welche sich Herr Edgermond über sie gebildet, in Kenntniß zu setzen, und sie zu bitten, sie möge ihn durch kalten und zurückhaltenden Anstand fühlen lassen, wie sehr er sich getäuscht habe.

»Wenn Sie es mir so erlauben«, sagte Corinna, »werde ich ihm, wie aller Welt, begegnen; falls er mich zu hören wünscht, will ich für ihn improvisiren, auch sonst in Allem mich zeigen, wie ich bin; und ich glaube, daß er mich, und was ich werth sein mag, aus einem einfachen Betragen so gut und besser erkennen wird, als wenn ich mir ein stolzes, gehaltenes Ansehen gäbe, das ja doch nur gemacht wäre.« – »Ja, Corinna«, antwortete Oswald, »Sie haben Recht. Ach, welch Mißgriff wäre es, an Ihrer wundervollen Natur ändern zu wollen!« – Herr Edgermond trat jetzt mit der übrigen Gesellschaft ein. Anfangs behielt Oswald seinen Platz neben Corinna; und mit der Theilnahme eines Liebenden und Beschützers sagte er Alles, was sie zur Geltung bringen konnte; er bezeigte ihr eine Hochachtung, die mehr noch zum Zweck hatte, den Anderen Ehrfurcht zu gebieten, als sich selbst zu genügen. Doch mit Freude fühlte er bald das Ueberflüssige aller seiner Besorgnisse. Corinna gewann Herrn Edgermonds ganze Bewunderung; sie nahm ihn nicht nur durch ihren Geist und ihr anziehendes Wesen ein, sondern nöthigte ihm auch die anerkennende Hochachtung ab, welche ein ehrenhafter Charakter immer einem wahrhaftigen zollt; und als er die Bitte wagte, sie möge sich über ein aufgegebenes Thema hören lassen, warb er in ehrfurchtsvollster Form um diese Gunst. Sie willigte auch sogleich, und mit bescheidener Liebenswürdigkeit ein; allein ihr lebhafter Wunsch, einem Landsmann Oswalds, dessen Meinung den Freund beeinflussen konnte, zu gefallen, erfüllte sie mit ungewohnter Schüchternheit; sie wollte beginnen, doch schnitt die Bewegung ihr das Wort ab. Oswald war peinlich berührt, daß sie sich so wenig auf ihrer ganzen Höhe zeigte; er schlug die Augen nieder, und seine Verlegenheit wurde so sichtlich, daß Corinna, einzig mit der Wirkung, welche dies Mißlingen auf ihn hervorbrachte, beschäftigt, immer mehr und mehr die zum Improvisiren erforderliche Geistesgegenwart verlor. Endlich, als sie fühlte, daß sie stockte, daß ihr die Worte aus dem Gedächtniß, nicht aus der Seele kamen, und sie folglich nicht schilderte, was sie dachte und wirklich empfand, hielt sie plötzlich inne, und sagte zu Herrn Edgermond: »Verzeihen Sie, wenn die Befangenheit mir heute mein Talent raubt; meine Freunde wissen es: es ist das erste Mal, daß ich mich so gänzlich unter mir selber zeige, und«, fügte sie seufzend hinzu, »ich fürchte, es wird vielleicht nicht das letzte Mal sein.« Corinnens Schwachheit, die sie so schlicht bekannte, erschütterte Oswald tief. Bis dahin hatten Geist und Einbildungskraft stets über ihr Herz gesiegt, hatten stets in Augenblicken der Niedergeschlagenheit ihre Seele erhoben. Dieses Mal aber unterjochte das Gefühl den Geist vollständig. Oswalds Eitelkeit hing bei dieser Gelegenheit so sehr an ihrem Erfolge, daß er von ihrer Verwirrung gelitten hatte, statt sich derselben zu freuen. Da es aber zweifellos war, sie werde ein anderes Mal wieder in ihrem eigensten Glanze strahlen, überließ er sich endlich ohne Verstimmung dem süßen Nachsinnen, das die gemachten Beobachtungen hervorriefen, und der Freundin Bild herrschte mächtiger als je in seinem Herzen.

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