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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Viertes Buch.

Rom.

Erstes Kapitel.

Vierzehn Tage verstrichen, in denen Lord Nelvil sich nur Corinna widmete. Nur um ihretwillen ging er aus; er suchte, er dachte nichts, als sie; und ohne ihr jemals von seiner Liebe zu sprechen, durfte Corinna sie ahnen und sich derselben freuen. An die feurigen und schmeichelhaften Huldigungen der Italiener war sie gewöhnt; aber Oswalds stolze, formvolle Würdigkeit, seine scheinbare Kälte, sein tiefes Empfinden, das er oft, ohne es zu wollen, verrieth, übten auf Corinnens Einbildung einen mächtigen, bestrickenden Reiz. Er flößte ihr ein Gefühl der Ehrfurcht ein, wie sie es lange nicht empfunden. Geist, auch der hervorragendste, konnte sie nicht in Erstaunen setzen; aber Hoheit und Vornehmheit des Charakters wirkten überwältigend auf sie. Lord Nelvil verband mit diesen Eigenschaften einen Adel des Betragens, eine Gewandtheit des Ausdrucks, die in starkem Gegensatz zu der nachlässigen Vertraulichkeit der meisten römischen Großen standen.

Wenngleich Oswalds Sinnesart in mancher Beziehung von der Corinna's abwich, so verstanden sie einander doch in wunderbarer Weise. Lord Nelvil errieth Corinnens Eindrücke mit Scharfsinn, und sie entdeckte bei der leichtesten Veränderung seiner Züge, was in ihm vorging. An die stürmischen Aeußerungen italienischer Leidenschaft gewohnt, bereitete diese stolze und schüchterne Anhänglichkeit, diese unaufhörlich bewiesene und niemals bekannte Liebe einen ganz neuen Reiz über ihr Leben. Sie kam sich vor wie umfangen von einer milderen, reineren Luft, und jeder Augenblick des Tages gab ihr ein Gefühl von der Allgegenwart des Glückes, dem sie sich sorglos überließ, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben.

Eines Morgens kam Fürst Castel-Forte zu ihr. Er war traurig, und sie fragte, weshalb er es sei. »Dieser Schotte«, sagte er, »raubt uns Ihre Zuneigung, und wer weiß, ob er Sie selbst uns nicht hinwegführen wird!« – Corinna schwieg einige Augenblicke, dann antwortete sie: »Ich versichere Sie, daß er mir nie von Liebe gesprochen hat.« – »Und doch sind Sie seiner Liebe gewiß«, erwiderte der Fürst; »er spricht durch sein Betragen zu Ihnen, und selbst sein Schweigen ist ein geschicktes Mittel, Sie zu gewinnen. Was könnte man Ihnen denn auch sagen, das Sie noch nicht gehört hätten? Welches Lob wurde Ihnen noch nicht gesungen? An welche Anbetung sind Sie noch nicht gewöhnt? Aber in Lord Nelvils Charakter ist etwas Zurückgehaltenes, etwas Verschleiertes, das Ihnen nie gestatten wird, ihn so vollkommen zu kennen, wie Ihnen das bei uns Anderen möglich ist. Sie sind die am leichtesten zu durchschauende Frau von der Welt; aber eben deshalb, weil Sie sich gern ganz so zeigen, wie Sie sind, werden Sie von Geheimniß und Undurchsichtigkeit angezogen und beherrscht. Das Unbekannte hat mehr Gewalt über Sie, als alle, noch so treu bewiesene Anhänglichkeit.« – Corinna lächelte. »Sie glauben also, theurer Fürst, daß mein Herz undankbar, mein Geschmack launenhaft sei? Es scheint mir aber doch, als ob Lord Nelvil genug seltene Eigenschaften besitze, die zuerst und allein entdeckt zu haben ich mir nicht schmeicheln darf.« – »Er ist, ich gebe das Alles zu, ein stolzer, großmüthiger, geistreicher, selbst gefühlvoller Mann, und besonders ist er melancholisch! Aber wenn ich mich nicht sehr irre, besteht zwischen seinen und Ihren Neigungen keine Verwandtschaft. So lange er unter dem Zauber Ihrer Gegenwart ist, werden Sie das nicht gewahren; aber von Ihnen entfernt, würde Ihre Macht ihn nicht halten. Hindernisse dürften ihn ermüden; durch den erlittenen Kummer hat sich seiner eine gewisse Muthlosigkeit bemächtigt, welche die Kraft seiner Entschlüsse beeinträchtigen muß; und Sie wissen überdies, wie sehr im Allgemeinen die Engländer an den Sitten und Gewohnheiten ihres Landes hängen.«

Auf diese Mahnung schwieg Corinna und seufzte. Eine peinigende Rückerinnerung an ihre früheren Lebensverhältnisse quälte sie den Tag hindurch; doch Abends sah sie Oswald ihr mehr denn je ergeben, und Alles, was folglich von des Fürsten Gespräch in ihrem Gedächtnisse zurückblieb, war der Wunsch, Lord Nelvil an Italien zu fesseln, indem sie ihn die mannigfache Schönheit dieses Landes lieben lehrte. In solcher Absicht schrieb sie ihm den folgenden Brief. Die Freiheit der römischen Lebensformen entschuldigte den Schritt; und Corinna insbesondere hatte sich in ihrer Unabhängigkeit viel Würde, in ihrer Lebhaftigkeit viel Anstand zu erhalten gewußt.

Corinna an Lord Nelvil.

Den 15. December 1734.

»Ich weiß nicht, Mylord, ob Sie mich zu selbstvertrauend finden, oder ob Sie den Gründen, welche dieses Vertrauen entschuldigen, Gerechtigkeit widerfahren lassen werden: Gestern hörte ich Sie sagen, daß Sie noch nichts von Rom gesehen, daß Sie weder die Meisterwerke unserer Kunst, noch auch die großen Ueberreste kennen, an denen wir, vermöge der Fantasie und des Zurückempfindens, Geschichte lernen. So wage ich denn nun den gestern gefaßten Gedanken auszuführen, und biete mich Ihnen für diese Wanderschaft durch die Vergangenheit als Führer an.

»Ohne Zweifel mag Rom eine große Anzahl von Fachmännern aufweisen, deren tiefe Gelehrsamkeit Ihnen sehr viel nützlicher werden könnte. Aber wenn es mir gelingt, Ihnen diesen Aufenthalt, zu welchem ich mich immer so allmächtig hingezogen fühlte, werth zu machen, dann werden Ihre eigenen Studien vollenden, was meine unvollkommene Skizze begonnen hatte.

»Viele Fremde kommen nach Rom, wie sie nach London, wie sie nach Paris gehen: um die Zerstreuungen einer großen Stadt zu suchen; und wenn sie es nachher nur einzugestehen wagten, würden die meisten es zugeben, daß sie sich in Rom gelangweilt haben. Dennoch giebt es hier einen Zauber, dessen man niemals müde wird. Verzeihen Sie es mir, Mylord, wenn ich wünsche, daß dieser Zauber Ihnen geoffenbaret werde?

»Allerdings hat man hier keine politischen Interessen zu verfolgen: doch wenn diese nicht mit den Pflichten der heiligen Vaterlandsliebe verbunden sind, erkälten sie das Herz. Auch den sogenannten Freuden der Gesellschaft muß man entsagen: aber solche Vergnügungen ermüden fast immer den Geist! Man erfreut sich in Rom eines zugleich einsamen und angeregten Daseins, das Alles, was der Himmel uns verliehen, zu freier Entfaltung bringt. Ich wiederhole es, Mylord, verzeihen Sie mir diese Vorliebe für mein Heimatland, die mich wünschen läßt, es von einem Manne, wie Sie, gewürdigt zu sehen; und beurtheilen Sie die Beweise von Wohlwollen, welche eine Italienerin geben zu dürfen glaubt, ohne sich in Ihren Augen, noch in den eigenen, etwas zu vergeben, nicht mit der strengen Gemessenheit eines Engländers.

Corinna.«

Umsonst hatte Oswald es läugnen wollen: er war durch den Empfang dieses Briefes lebhaft gerührt. Er verhieß ihm glückreiche Tage. Fantasie, Begeisterung, Liebe, Alles, was es Göttliches in der Menschenseele giebt, schien sich ihm in diesem köstlichen Plane einer gemeinschaftlichen Durchwanderung Roms vereinen zu wollen. Dieses Mal überlegte er nicht, sondern ging sogleich Corinna aufzusuchen; unterwegs schaute er heiteren Blickes zum Himmel empor, er empfand das schöne Wetter und das Leben dünkte ihm leicht! Kummer und Besorgnisse verschleierte jetzt das holde Gewölk der Hoffnung; das, von drückender Trauer lange geängstigte Herz klopfte und zitterte vor Freude; und eben die Erkenntniß, daß solche Stimmung nicht dauern könne, gab diesem Glücksfieber noch besondere Kraft und Anspannung.

»Sie kommen?« sagte Corinna, als sie Lord Nelvil eintreten sah; »o, dafür danke ich Ihnen!« – Sie reichte ihm die Hand; Oswald drückte sie mit lebhafter Zärtlichkeit an die Lippen, und fühlte in jenem Augenblick nicht jene quälende Schüchternheit, die sich so oft in seine besten Empfindungen mischte, und ihm den Verkehr, selbst mit den Geliebtesten, peinlich erschwerte. Das Vertrauen zwischen Oswald und Corinna hatte nun begonnen, ihr Brief es begründet; sie waren Beide zufrieden und empfanden für einander liebevolle Dankbarkeit.

»So zeige ich Ihnen heute das Pantheon und die St. Peterskirche«, sagte Corinna. »Ich hoffte es wohl«, fügte sie lächelnd hinzu, »daß Sie die gemeinschaftliche Reise nicht ablehnen würden; meine Pferde stehen deshalb auch bereit. Wir wollen aufbrechen.« – »O, wunderbare Frau!« rief Oswald, »wie soll ich Sie begreifen, was sind Sie nur? Woher kommen Ihnen so vielseitige Eigenschaften, die scheinbar einander ausschließen: Empfindung, Heiterkeit, Gedankentiefe, Anmuth, Hingebung, Bescheidenheit? Sind Sie ein Traumgebild? sind Sie dem Dasein dessen, der Ihnen begegnet, ein überirdisches Glück?« – »O! glauben Sie auch nicht, daß ich darauf verzichtete, etwas zu Ihrem Glücke beizutragen, wenn ich die Macht dazu hätte.« – »Seien Sie vorsichtig«, erwiderte Oswald, indem er voller Bewegung Corinnens Hand ergriff, »seien Sie mit dem Guten, das Sie mir angedeihen lassen wollen, vorsichtig. Seit zwei Jahren drückt mich des Geschickes eiserne Hand zu Boden; was soll aus mir werden, wenn ich in die gegebenen Verhältnisse wieder zurück muß, nachdem Ihre süße Gegenwart mir Erleichterung gab, nachdem ich neben Ihnen wieder athmen lernte; was soll dann aus mir werden?« – »Lassen wir die Zeit entscheiden«, sagte Corinna, »ob der augenblickliche Eindruck, den ich auf Sie gemacht, länger als einen Augenblick dauern wird. Wenn unsere Seelen sich umfassen, kann diese gegenseitige Neigung keine vorübergehende sein. Wie sich das auch füge, jetzt wollen wir miteinander Alles bewundern, was uns Geist und Herz erheben kann; wir werden so immerhin einige Stunden reinsten Glückes genießen.« – Mit diesen Worten stieg sie die Stufen hinunter, und Lord Nelvil folgte ihr, über ihre Antwort erstaunt. Es schien ihm, als ob sie die Möglichkeit eines halben Gefühls, einer vorübergehenden Anziehung zulasse; auch glaubte er in ihrer Ausdrucksweise etwas Leichtfertiges zu finden, und war davon verletzt.

Schweigend nahm er neben Corinna im Wagen Platz, und diese, den Grund seiner Verstimmung errathend, fuhr nun fort: »Ich halte unser Herz nicht für so beschaffen, daß es entweder ganz liebeleer, oder von der unbezwinglichsten Leidenschaft erfüllt sein müsse. Es giebt Anfänge des Liebens, die eine strenge Prüfung wieder vernichten kann; und die Begeisterung selber, deren man fähig ist, kann, wie sie zuerst der Berauschung förderlich war, auch das Erkalten schneller bringen.« – »Sie haben viel über die Liebe nachgedacht«, sagte Oswald mit Bitterkeit. Corinna erröthete und schwieg einige Augenblicke. Dann entgegnete sie mit Würde und schönem Freimuth: »Ich glaube nicht, daß je ein empfindendes Weib sechsundzwanzig Jahr alt geworden ist, ohne die Täuschungen der Liebe gekannt zu haben. Aber wenn niemals glücklich gewesen zu sein, wenn nie den Gegenstand, welcher des Herzens ganzen Liebesreichthum verdient hätte, gefunden zu haben, Anspruch auf Theilnahme giebt, dann habe ich ein Recht auf die Ihrige.« – Diese Worte, und Corinnens Ton verscheuchten zum Theil die Wolken von Oswalds Stirn; dennoch sagte er zu sich selber: »Sie ist die Hinreißendste der Frauen, aber sie ist eine Italienerin! und das ihre ist wohl nicht solch schüchternes, reines, unberührtes Herz, als das junge Mädchen daheim besitzen mag, dem mein Vater mich bestimmte.«

Diese junge Engländerin nannte sich Lucile Edgermond, und war die Tochter eines Freundes von Lord Nelvils Vater. Aber da Oswald England verließ, war sie noch zu sehr Kind, als daß er sich mit ihr hätte vermählen, noch selbst voraussehen können, was sie einst sein werde.

Zweites Kapitel

Oswald und Corinna gingen zuerst nach dem Pantheon, das man heute Santa Maria della Rotonda nennt. Der Katholicismus hat in Italien überall vom Heidenthum geerbt; und in Rom ist das Pantheon der einzige, vollkommen erhaltene Tempel, der einen Gesammteindruck von der Schönheit antiker Baukunst und von dem besonderen Charakter des Kultus der Alten giebt. Oswald und Corinna ließen auf dem Platze vor dem Pantheon halten, um die Vorderseite des Tempels und ihren Säulenschmuck bewundern zu können.

Corinna machte Lord Nelvil darauf aufmerksam, daß der Bau nach Regeln aufgeführt sei, die seine Verhältnisse größer erscheinen lassen, als sie sind. »Von der Peterskirche«, sagte sie, »werden Sie hierin den entgegengesetzten Eindruck empfangen; sie scheint anfangs nicht so umfangreich, als sie wirklich ist. Die, dem Pantheon so günstige Täuschung rührt, wie versichert wird, davon her, daß die Säulen in besonders weitem Zwischenraum, also freier, stehen, und von der Abwesenheit aller kleinen Ornamentik, mit welcher der Dom von St. Peter überladen ist. Mit dem Pantheon ist es dasselbe wie mit der antiken Poesie, die auch nur die großen Umrisse zieht, und dem Gedanken des Hörers das Dazwischenliegende auszufüllen überläßt. Wir von Heute, wir sagen nach allen Richtungen hin zu viel! Dieser Tempel«, fuhr Corinna fort, »wurde von Agrippa, dem Günstlinge des Augustus, diesem seinem Freunde und Herrn gewidmet. Augustus indessen war doch bescheiden genug, um die Zueignung abzulehnen, und Agrippa weihte darauf den Tempel allen Göttern des Olymps. Oben auf dem Pantheon stand damals ein eherner Triumphwagen, mit den Statuen des Augustus und des Agrippa; noch einmal, nur in anderer Gestalt und Auffassung, befanden sich dieselben Standbilder zu beiden Seiten des Portikus, und noch jetzt liest man an dem Frontispiz des Tempels: »Dem Augustus von Agrippa geweiht.« Augustus führte eine neue Epoche für den menschlichen Geist herauf, und verlieh so seinem Zeitalter seinen Namen. Die verschiedenen Meisterwerke der Zeitgenossen bildeten gewissermaßen die einzelnen Strahlen seiner Ruhmesglorie. Er verstand es klug, die genialen Männer der Wissenschaft zu ehren; denn er wußte es: sein Ruhm war dadurch in der Nachwelt um so mehr gesichert.

»Treten wir in den Tempel«, sagte Corinna, »Sie sehen, er ist noch offen und ohne Decke, wie er im Alterthum war. Man sagt, daß dieses von oben hereinströmende Licht sinnbildlich die allen Göttern überlegene höchste Gottheit darstellen sollte. Die Heiden haben immer den symbolischen Ausdruck geliebt, und es scheint wirklich, als ob solche Sprache der Religion geziemender sei, als das Wort. Der Regen fällt oft in diesen marmornen Vorhof, aber auch die Sonnenstrahlen beleuchten verklärend die Betenden. Welche Heiterkeit, welche Festesmiene hat dieser Tempel! Die Heiden vergöttlichten das Leben, die Christen verherrlichen den Tod, das ist der Geist der beiden Gottesverehrungen. Indessen unser südlicher Katholicismus ist weniger düster, als der des Nordens. Sie werden das in der Peterskirche recht bemerken. In dem innersten Heiligthum des Pantheon befinden sich die Büsten unserer berühmtesten Künstler; sie schmücken diese Nischen, in denen einst die Götterbilder der Alten standen. Da wir seit der Zerstörung des cäsarischen Reiches fast niemals eine politische Unabhängigkeit in Italien hatten, findet man hier weder Staatsmänner, noch große Feldherren. Nur der Genius der schaffenden Künste verleiht uns Ruhm; aber meinen Sie nicht, Mylord, daß ein Volk, welches so seine Talente ehrt, eines besseren Schicksals würdig sei?« – »Ich denke streng über Nationen«, antwortete Oswald, »und glaube, daß sie immer ihr Loos verdienen, welches dies auch sei!« – »Das ist hart«, entgegnete Corinna, »vielleicht würden Sie, wenn Sie hier lebten, sich eines Gefühls der Rührung für dieses schöne Land nicht erwehren können, das die Natur wie ein Opfer geschmückt zu haben scheint. Wenigstens erinnern Sie sich, daß wir Künstler, wir Liebende des Ruhms, keine theurere Hoffnung hegen, als hier einen Platz zu erhalten. Ich habe mir den meinen schon ausgewählt«, sagte sie, indem sie auf eine noch leere Nische zeigte. »Wer weiß, Oswald, ob Sie nicht noch einst diesen Raum betreten, wenn meine Büste hier steht? Dann – –.« Oswald unterbrach sie lebhaft: »Sie, die Sie in Jugend und Schönheit glänzen, wie können Sie so zu einem Manne sprechen, den Unglück und Gram dem Grabe zuneigen?« – »Ach«, rief Corinna, »der Sturm kann in einem Augenblick die Blumen entblättern, welche das Haupt jetzt noch hoch tragen. Oswald, theurer Oswald«, fuhr sie fort, »warum sollten Sie nicht glücklich sein? warum –« »Fragen Sie nicht«, antwortete Lord Nelvil, »Sie haben Ihre Geheimnisse, ich die meinigen; ehren wir gegenseitig unser Stillschweigen. Nein, nein, Sie wissen nicht, welche Erschütterung mir das Erzählen meines Unglückes bereiten würde!« Corinna schwieg, und als sie aus dem Tempel trat, war ihr Schritt langsamer, ihr Auge träumerischer.

Unter dem Portikus wendete sie sich zurück. »Hier«, sagte sie, »stand eine porphyrne Urne von großer Schönheit; man hat sie nach der Laterankirche gebracht. Sie enthielt die Asche Agrippa's, die zu Füßen des Standbildes ruhte, das er sich selbst errichtet hatte. Die Alten bemühten sich sorgfältig, mit dem Gedanken des Todes zu versöhnen, und suchten Alles zu entfernen, was er Trauriges und Abschreckendes hat. Auf ihre Grabstätten verwendeten sie eine Pracht, die den Abstand von des Lebens Glanz zur Todesnacht weniger fühlbar machen sollte. Sie hofften freilich nicht so sicher, als wir, auf ein anderes Leben; darum strebten sie so eifrig, dem Tode die Fortdauer des Andenkens an ihre Dahingegangenen abzukämpfen, während wir uns gern und furchtlos in dem Schooß des Ewigen verlieren.« Oswald seufzte und schwieg. Schwermüthige Gedanken haben viel Anziehendes, so lange man selbst noch nicht tiefunglücklich war; aber wenn erst der Schmerz, mit all seiner Herbigkeit sich unserer Seele bemächtigte, dann kann man gewisse Worte, die früher nur etwas mehr oder weniger sanfte Trauer in uns hervorriefen, nicht mehr ohne tiefe Erschütterung vernehmen.

Drittes Kapitel.

Um nach der Peterskirche zu gelangen, muß man über die Engelsbrücke; Corinna und Lord Nelvil machten hier einen kurzen Halt. »Auf dieser Brücke«, sagte Oswald, »habe ich, als ich vom Kapitol kam, zum ersten Mal lange an Sie gedacht.« – »Ich wähnte nicht, daß meine Krönung mir einen Freund gewinnen werde, wenn ich auch sonst immer hoffe, mit dem Ruhm auch Liebe zu ernten, Was nützte er, ohne diese Hoffnung, wenigstens den Frauen!« – »Verweilen wir hier noch einige Augenblicke«, sagte Oswald. »Wo ist unter all diesen großen Erinnerungen eine, die meinem Herzen diese Stelle aufwöge, diese Stelle, welche mir den Tag zurückruft, an dem ich Sie zum ersten Male sah?« – »Mir scheint«, sagte Corinna, »daß man durch gemeinsames Bewundern von Denkmalen, die mit wahrhafter Größe zu uns reden, einander theurer wird. Die Bauwerke Roms sind weder kalt noch stumm; das Genie hat sie geschaffen, denkwürdige Ereignisse sie geheiligt, und erst, wenn man liebt, – einen Charakter liebt, wie den Ihren, Oswald, – wird man fähig sein, die Größe und Herrlichkeit des Weltalls recht eigentlich zu erkennen.« – »Ja«, entgegnete Oswald, »doch wenn ich Ihre Stimme höre, bedarf ich keiner andern Wunder mehr.« Corinna dankte ihm mit einem Lächeln voller Lieblichkeit.

Auf dem Wege zur Peterskirche blieben sie vor der Engelsburg stehen. »Das Aeußere dieser Burg«, sagte Corinna, »hat von allen hiesigen Bauwerken die meiste Originalität; dieses von den Gothen zu einer Festung umgeschaffene Grabmal Hadrians trägt den Stempel beider Bestimmungen. Einem Todten errichtet, und ganz aus undurchdringlichen Mauern gebildet, haben die Lebenden denselben durch äußere Fortifikationen, welche zu dem Schweigen und der stolzen Zwecklosigkeit eines Mausoleums in starkem Widerspruch stehen, doch noch etwas Feindliches beigefügt. Auf seiner höchsten Spitze steht ein bronzener Engel mit nacktem Schwert.Anmerkung der Autorin: In dem letzten Kriege commandirte ein Franzose in der Engelsburg; die neapolitanischen Truppen forderten ihn zur Uebergabe auf; er antwortete, er würde sich ergeben, wenn der Engel von Bronze sein Schwert in die Scheide stecke. Im Innern hat man grausame Gefängnisse eingerichtet. Von Hadrian bis auf unsere Tage knüpfen alle Ereignisse der römischen Geschichte an dieses Denkmal an. Belisar vertheidigte sich hier gegen die Gothen und schleuderte, fast ebenso barbarisch als seine Belagerer, die schönsten Statuen, welche das Innere des Grabmals schmückten, auf den Feind hinab. Crescentius, Arnold von Brescia, Nikolaus Rienzi,Anmerkung der Autorin: Diese Facta sind in der »Geschichte der italienischen Republiken des Mittelalters« von Gimonde de Gismondi, einem Genfer, zu finden. Der Autor darf wegen seines großen Scharfsinnes, seiner ebenso gewissenhaften als kraftvollen Darstellung auch für eine Autorität angesehen werden. welche Alle aus des Vaterlandes großen Erinnerungen neue Hoffnungen schöpften, vertheidigten sich lange in diesem Kaisergrabe. Ich liebe diese Steine, die so viel ruhmreiche Thaten gesehen. Ich liebe auch ein großartiges Grabmal, diesen Luxus eines Weltbeherrschers. Es ist etwas Kühnes in dem Manne, der, im Besitze alles Genusses, aller irdischen Größe, es nicht scheut, sich lange vorher mit seinem Tode zu beschäftigen. Erhabenes Denken, selbstloses Fühlen zieht in die Seele ein, sobald sie über die Schranken dieses Lebens sich erhebt.«

»Von hier aus«, fuhr Corinna fort, »sollte man die Peterskirche schon sehen, bis hierher sich ihr Säulenvorhof erstrecken, so war der stolze Plan Michel Angelo's. Er hoffte, daß man nach ihm wenigstens es so vollenden werde; doch die Menschen aus unserer Zeit denken nicht mehr an die Nachwelt. Als man zuerst die Begeisterung ins Lächerliche zog, hat man Alles zerstört, ausgenommen das Geld und die Gewalt.« – »Sie, Corinna, werden eine neue Begeisterung schaffen«, rief Lord Nelvil. »Wem ward je ein Glück, wie ich's erfahre? Rom, mir von Ihnen gezeigt! Rom, von genialer und künstlerischer Einsicht mir gedeutet! –

»Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.«

Anmerkung der Autorin: Diese Verse sind von Goethe.

»Ach Corinna, was kann diesen Tagen folgen, die glücklicher sind, als mein Schicksal und das Gewissen es gestatten wollen?« – Corinna antwortete sanft: »Alle wahrhaftige Liebe kommt vom Himmel, Oswald; warum sollte er nicht begünstigen, was er uns gegeben? Sein ist das Recht, über uns zu bestimmen.«

Und nun zeigte sich ihnen der Dom von St. Peter, dieses größeste von Menschen errichtete Bauwerk; denn selbst die Pyramiden Egyptens sind ihm an Höhe unterthan. »Ich hätte Ihnen vielleicht das Schönste zuletzt zeigen müssen«, sagte Corinna, »aber das ist nicht mein System. Mir scheint vielmehr, daß man, um das Gefühl für die schönen Künste zu wecken, mit Gegenständen anfangen muß, welche die tiefste und nachhaltigste Bewunderung erregen. Wurde diese nur erst einmal empfunden, dann bahnte sie gewissermaßen den Weg zu neuen Gedankensphären an, und befähigt, Alles das fortan zu schätzen und zu beurteilen, was, selbst wenn es von geringerer Art ist, doch immer den zuerst empfangenen Eindruck nur wiederholt und vertieft. All diese berechneten Steigerungen, all dieses methodische, stufenweise Verfahren, um einen großen Eindruck zu erzielen, sind nicht nach meinem Sinn. Man gelangt nicht stufenweise zum Erhabenen; denn selbst von dem Schönen wird es noch durch eine unendliche Kluft geschieden.« Oswald war in außerordentlicher Bewegung, als er jetzt vor der Peterskirche stand. Zum ersten Mal wirkte ein Menschenwerk auf ihn wie die Wunder der Natur. In der Gegenwart ist es das einzige Kunstwerk, das eine Größe aufweiset, wie sie sonst nur den unmittelbaren Werken der Schöpfung eigen ist. Corinna erfreute sich an Oswalds staunender Bewunderung. – »Ich habe einen Tag gewählt«, sagte sie, »wo die Sonne in ihrem vollsten Glanz über diesem Wunderbau steht; und ich behalte Ihnen nun noch den poetischeren Genuß vor, ihn im Mondenschein zu betrachten; aber zuerst müssen Sie diesem Allerfeierlichsten gegenüber gestanden haben: der Verklärung des menschlichen Genius durch die Herrlichkeit der Natur.«

Der Platz vor der Peterskirche ist von Säulen eingeschlossen, die in der Ferne schlank erscheinen, aber recht massiv in der Nähe sind. Das bis zum Portikus der Kirche allmählig aufsteigende Erdreich erhöht noch die Wirkung. Auf der Mitte des Platzes steht ein Obelisk von achtzig Fuß Höhe, welcher aber natürlich dieser Riesenkuppel gegenüber fast verschwindet. Die Gestalt der Obelisken hat etwas die Einbildung sehr Anregendes; ihre Spitze verliert sich in die Lüfte und scheint einen großen Menschengedanken gen Himmel zu tragen. Dieses Monument, das von Egypten kam, um die Bäder Caligula's zu schmücken, und das Sixtus der Fünfte später am Fuße des Doms von St. Peter aufstellen ließ, stößt als Zeitgenosse so vieler Jahrhunderte, die alle nichts über ihn vermochten, ein Gefühl der Ehrfurcht ein: der Mensch fühlt sich vorübergehen, und darum steht er erschüttert vor dem Unwandelbaren. Zu beiden Seiten der Obelisken erheben sich in einiger Entfernung zwei Springbrunnen, deren Wasser fortdauernd sprudelt, und in schäumendem Reichthum steigt und fällt. Ihr Wellengemurmel, wie man es sonst nur in freier Gegend zu hören gewohnt ist, bringt in solchem Umkreis eine ganz eigentümliche Wirkung hervor, die im vollen Einklang mit der Stimmung ist, welche die Majestät dieses Tempels in dem Beschauer hervorruft.

Die Malerei und die Bildhauerkunst erwecken, da sie meistens die menschliche Gestalt, oder einen in der Natur fertigen Gegenstand nachbilden, vollkommen klare und bestimmte Vorstellungen in uns; dagegen hat ein schönes Denkmal der Architektur, so zu sagen, keine festgesetzte Bedeutung, und man verliert sich bei seiner Betrachtung in eine ziel- und planlose Träumerei, welche die Gedanken oft sehr weit hinwegführt. Das Rauschen der Wasser entspricht all diesen unbestimmten, und doch tiefen Eindrücken; es ist so einförmig, wie das Bauwerk regelmäßig ist.

Ewige Bewegung und ewige Ruhe sind auf diese Weise einander nahe gebracht. Hier scheint's, als habe die Zeit ihre Macht verloren, denn sie läßt so wenig die üppigen Quellen versiegen, als sie jene unbeweglichen Steine erschüttert. Die Wassergarben, welche sich aus diesen Fontainen emporschwingen, sind so leicht und wolkig, daß an schönen Tagen die Sonnenstrahlen mit ihnen kleine, aus den schönsten Farben gebildete Regenbogen erzeugen.

»Verweilen Sie noch«, sagte Corinna zu Lord Nelvil, als sie schon unter dem Portal der Kirche standen, »zögern Sie noch, ehe Sie des Tempels Vorhang heben. Klopft Ihnen nicht das Herz, da Sie sich nun diesem Heiligthume nähern? und empfinden Sie in diesem Augenblick des Eintretens nicht etwas, gleich der Erwartung eines feierlichen Ereignisses?« – Corinna hob selbst den Vorhang auf und hielt ihn weit zurück, um Lord Nelvil vorüberschreiten zu lassen; sie zeigte sehr viel Anmuth in dieser Stellung und sein erster Blick verlor sich nur in ihrem Anschauen. Endlich trat er ein. Diese unermeßlichen Gewölbe machten einen überwältigenden Eindruck; es war ihm, als verlöre er unter ihnen selbst das Bewußtsein seiner Liebe. Er schritt langsam neben Corinna her; Beide schwiegen. Hier gebietet Alles Stillschweigen: das leiseste Geräusch hallt so weit nach, daß keine menschliche Rede würdig erscheint, hier in dieser Wohnung des Ewigen wiederholt zu werden. Nur das Gebet, nur des Unglücks Klagelaut, aus wie schwacher Brust er auch dringen möge, darf durch diese weiten Räume zittern. Und wenn der schwanke Fuß eines Greises sich über den schönen, von so viel Thränen geweihten Marmor schleppt, fühlt man, daß der Mensch eben durch diese Gebrechlichkeit seines Wesens, die seine göttliche Seele so vielem Leid unterwirft, Ehrfurcht gebietend wird, und daß in dem Cultus des Schmerzes, dem Christenthum, das wahre Geheimniß von des Menschen Erdenwallen enthalten ist.

Corinna unterbrach Oswalds Träumerei: »In England und Deutschland sahen Sie gothische Kirchen und Sie werden bemerkt haben, wie viel weniger heiter ihr Charakter ist, als dieser. Es liegt in dem Katholicismus der nordischen Völker etwas Mystisches. Der unsere spricht durch sinnliche Pracht zur Einbildungskraft. Michel Angelo sagte von der Kuppel des Pantheons: »Ich werde sie in die Lüfte stellen«; und wirklich ist St. Peter ein Tempel, der sich auf einer Kirche erhebt. In der Wirkung, welche das Innere dieses Doms hervorbringt, findet gewissermaßen eine Vermählung des Alterthums mit der christlichen Religion statt. Ich komme oft hieher, um die heitre Seelenruhe wieder zu gewinnen, die mir bisweilen verloren geht; denn der Anblick eines solchen Gebäudes ist gleich einer fortdauernden festlichen Musik, die immer bereit ist, uns wohlthätig zu beruhigen, sobald wir uns ihr nähern. Gewiß, man muß die Geduld unserer Kirchenfürsten, die Jahrhunderte lang so viel Geld und Arbeit an die Vollendung eines Werkes setzten, dessen sie sich zu erfreuen nicht hoffen konnten, unter die Ruhmesansprüche unserer Nation zählen;Anmerkung der Autorin: Die Peterskirche, sagt man, sei ein Hebel für die Reformation gewesen, denn sie kostete den Päpsten so viel Geld, daß diese, um sie zu erbauen, die Indulgenzen vermehren mußten. es ist sogar in sittlichem Sinne verdienstlich, das Volk mit einem Denkmale zu bereichern, welches das Sinnbild so vieler edler und großherziger Anschauungen ist.« – »Ja«, erwiderte Oswald, »hier herrscht die Kunst in ihrer ganzen Größe, und ihre Schöpfungen sind voll des höchsten Geistes, aber die Würde des Menschen selbst, wie ist hier für sie gesorgt? Welche Institutionen! Welche Schwachheit in den meisten der italienischen Regierungen! Und obwohl so schwach, wie knechten sie die Geister!« – »Andere Völker«, unterbrach Corinna, »haben das Joch, wie wir, getragen, und hatten dazu keine Einbildungskraft, die sich wenigstens ein anderes Schicksal träumt:

Servi siam, si, ma servi ognor frementi.

»Sklaven sind wir, ja, doch stets nur knirschende Sklaven«, sagt Alfieri, der stolzeste unserer modernen Schriftsteller. In den schönen Künsten ist hier so viel Seelentiefe, daß einst unser Charakter vielleicht unserm Genius gleichkommen wird.«

»Sehen Sie«, fuhr Corinna fort, »diese Standbilder auf den Gräbern, diese Gemälde in Mosaik, mühevolle und treue Nachbildungen der Meisterwerke großer Künstler. Ich zerlege mir indessen nicht gern die Peterskirche in Einzelnes, weil ich grade hier diesen vielfachen überreichen Schmuck nicht liebe, der leicht den Gesammteindruck zerstört. Wie groß also muß ein Denkmal sein, wo die Meisterwerke des menschlichen Geistes wie überflüssiger Zierrath erscheinen. Dieser Tempel ist eine Welt für sich. Man findet hier eine Zufluchtsstätte gegen Kälte und Hitze. Er hat seine eigenen Jahreszeiten, seinen ewigen Frühling, welchen die Luft von draußen niemals beeinflußt. Eine unterirdische Kirche liegt unter seinem Vorhof. Die Päpste, und mehrere Beherrscher fremder Länder sind dort beigesetzt: Christine von Schweden, auch die Stuarts, seit ihre Dynastie gestürzt wurde; Rom ist lange schon ein Asyl für alle Verbannten der Welt; ist es doch selber entthront! Sein Anblick tröstet die verstoßenen Könige.

Cadono le città, cadono i regni
E l'uom, d'esser mortal par che si sdegni!
«

Es fallen Städte, es stürzen Reiche, und der Mensch erzürnet sich, sterblich zu sein!

»Treten Sie hieher«, sagte Corinna, »hier neben den Altar mitten unter die Kuppel; Sie können durch das eiserne Gitter die, unter unseren Füßen liegende, Kirche der Todten sehen, und wenn Sie nun das Auge aufschlagen, vermag Ihr Blick kaum die Spitze des Gewölbes zu erreichen. Diese Höhe erregt, selbst wenn man von unten hinauf schaut, ein Gefühl des Schreckens. Man glaubt über seinem Haupte hängende Abgründe zu erblicken. Alles, was ein gewisses Maß überschreitet, verursacht dem beschränkten Wesen des Menschen unüberwindliche Scheu. Was wir kennen, ist im Grunde ebenso unerklärt, als das Unbekannte; nur daß wir an das alltägliche Dunkel gewohnt sind, wenn ich so sagen darf, während neue Geheimnisse uns erschrecken, und Verwirrung in unsere Fähigkeiten bringen.

»Die ganze Kirche ist mit antikem Marmor geschmückt; ihre Steine wissen über die verflossenen Jahrhunderte wahrlich mehr als wir. Hier ist die Statue des Jupiter, aus welcher man einen Petrus machte, indem man sein Haupt mit einem Heiligenschein umgab. Der allgemeine Charakter dieses Tempels drückt vollkommen ersichtlich die Vermischung der düstern Glaubenslehre mit glänzendem Formenwesen aus: in den Vorstellungen ein Zug von Trauer, doch in der Anwendung die milde Nachsicht und Lebhaftigkeit des Südens; strenges Meinen, aber bequeme Auslegungen; die christliche Religionslehre, und die Bilder des Heidenthums; endlich die bewunderungswürdigste Vereinigung von Geräusch und Majestät, welche der Mensch in seinem Gottesdienste aufzuwenden vermag.

»Die mit allen Wundern der Kunst gezierten Gräber stellen den Tod nicht fürchterlich dar. Zwar sind sie nicht wie bei den Alten, welche auf den Sarkophagen Tänze und Spiele abbildeten; indeß wird hier doch der Gedanke durch die Meisterwerke des Genie's von düstrer Betrachtung abgezogen. Am Altare des Todes sogar erinnert uns hier die Kunst an die Unsterblichkeit, und unsere durch die Bewunderung hochgestimmte Fantasie hat nicht, wie im Norden, zu leiden durch Schweigen und Kälte, diese strengen Hüter des Grabes!« – »Wir«, sagte Oswald, »wir wollen allerdings, daß Trauer den Tod umgebe; und noch ehe das Licht des Christenthums uns leuchtete, stellt die Mythe, stellt Ossian nur Wehklage und Todtengesang neben die Gruft. Ihr hier wollt vergessen und genießen, ich aber weiß nicht, ob ich wünschen könnte, daß Euer schöner Himmel mir diese Wohlthat erzeige.«

»Glauben Sie indessen ja nicht«, begann Corinna wieder, »daß unser Gemüth leer, unsere Denkart oberflächlich sei. Nur Eitelkeit macht gehaltlos; die Sorglosigkeit schiebt wohl Zwischenräume von Schlaf und Vergessen in das Leben, doch verbraucht sie weder das Herz, noch läßt sie es absterben; und zum Unglück für uns, können wir aus diesem Zustande durch Leidenschaften gerissen werden, welche oft tiefer und furchtbarer sind, als die eines stets gleichmäßig thätigen Menschen.«

Während ihrer Rede näherten sie sich dem Ausgange der Kirche. »Noch einen letzten Blick über dies großartige Heiligthum!« sagte sie: »Sehen Sie, wie wenig der Mensch ist im Angesichte der Religion, selbst dann, wenn wir uns darauf beschränken, ihr körperliches Sinnbild zu betrachten! Sehen Sie, welche Ruhe, welche Dauer die Sterblichen ihren Werken geben können, während sie selbst so schnell vorübergleiten, und nur durch ihren Genius weiter leben! Dieser Tempel ist ein Bild des Unendlichen; sie haben kein Ende, kein Ziel, diese Empfindungen, die er wachruft, diese Gedanken, welche er eingiebt, diese endlose Reihe von Jahren, welche er vor die Betrachtung zieht, sei es nun, daß man in die Vergangenheit zurück, oder hinaus in die Zukunft blicke; und wenn man seinen heiligen Umkreis verläßt, so ist es, als ob man von himmlischer Andacht zum niedern Weltinteresse, aus heiliger Ewigkeit in die leichtbewegliche Atmosphäre des Zeitlichen hinunterschreite.«

Als sie hinangetreten waren, machte Corinna Lord Nelvil auf die Reliefs der Kirchenthüren aufmerksam; sie stellen die Metamorphosen Ovids dar. »Wenn die Kunst sie weihte«, sagte sie, »nimmt man hier in Rom an den Sinnbildern des Heidenthums kein Aergerniß; die Wunder des Geistes erheben uns immer, und wir huldigen dem christlichen Cultus auch mit Meisterwerken, deren Vollbringung durch andere Gottesverehrungen angeregt ward.« – Oswald lächelte zu dieser Erklärung. – »Glauben Sie mir, Mylord«, versicherte Corinna, »es giebt viel zuverlässige Aufrichtigkeit in den Gefühlen eines Volkes, dessen Einbildungskraft so lebhaft ist. Doch genug für heute; falls Sie es wollen, führe ich Sie morgen nach dem Kapitol. Ich habe Ihnen noch verschiedene Streifereien durch das Alterthum vorzuschlagen, und wenn wir damit fertig sind, werden Sie dann abreisen? Werden Sie....« Sie hielt inne, fürchtend, daß sie schon zu viel gesagt. »Nein, Corinna«, erwiderte Oswald, »ich werde dem Glücke nicht entsagen, das wohl ein schützender Engel aus des Himmels Höhen auf mich herabgesendet hat.«

Viertes Kapitel.

Am folgenden Tage begegneten sich Oswald und Corinna schon mit größerem Vertrauen. Sie waren Freunde, die zusammen reisten; sie fingen an »Wir« zu sagen. O, es ist beglückend, dies von der Liebe gesprochene »Wir!« Welch schüchternes, und doch inniges Geständniß es enthält! »Wir fahren also auf das Kapitol«, sagte Corinna. »Ja«, entgegnete Oswald, »ja, und zusammen wollen wir hin«; mit diesen einfachen Worten sagte er Alles, so voller weicher Zärtlichkeit war seine Stimme. »Von der Höhe des Kapitols, wie es jetzt ist, können wir leicht die sieben Hügel unterscheiden. Später werden wir sie dann alle nacheinander besuchen; es ist nicht einer unter ihnen, dem nicht die Geschichte ihre Spuren aufgedrückt hat.«

Sie schlugen zuerst die früher sogenannte »heilige« oder »Triumphstraße« ein. – »Diesen Weg nahm Ihr Wagen?« fragte Oswald. – »Ja«, erwiderte sie, »der klassische Staub muß sich darüber verwundert haben; aber seit der römischen Republik wandelte hier so oft das Verbrechen, daß grade hier die Erinnerungen der großen Vorzeit sehr zurückgedrängt worden sind.« – Am Fuße der jetzigen Kapitolstreppe ließ Corinna halten. Der Eingang des alten Kapitols war beim Forum. »Ich wollte, diese Stufen wären dieselben, welche Scipio hinaufstieg, als er, die Verläumdung mit seinem Ruhm zurückschleudernd, in den Tempel ging, um den Göttern für die errungenen Siege zu danken.« Doch diese neue Treppe, dieses neue, auf den Ruinen des alten erbaute Kapitol, sie haben nur den friedlichen Magistrat aufzunehmen, der einen, früher vom ganzen Weltall mit Ehrerbietung genannten Namen trägt, den großen Namen des römischen Senats! Wir haben hier nur noch Namen; doch ihr Wohlklang, ihre antike Hoheit verursachen immer eine Art von Erschütterung, ein weiches, aus Vergnügen und Bedauern gemischtes Gefühl. Neulich fragte ich eine arme Frau, der ich begegnete, wo sie wohne? »Auf dem tarpejischen Felsen«, entgegnete sie; »und dieser Name, wiewohl entblößt von der Bedeutung, die sich früher daran knüpfte, beherrscht noch die Fantasie.«

Oswald und Corinna standen still, um die beiden am Treppenfuß des Kapitols liegenden Löwen von BasaltAnmerkung der Autorin: Die Mineralogen behaupten, diese Löwen seien nicht von Basalt, weil der vulkanische Stein, dem man heutzutage diesen Namen giebt, in Egypten nicht zu finden sei. Plinius aber nennt den egyptischen Stein, aus welchem diese Löwen gebildet sind, Basalt, und Winckelmann hat die Bezeichnung beibehalten. zu betrachten. Sie stammen aus Egypten. Der Ausdruck dieser Thiere ist friedlich-edel und giebt ein wahres Bild vereinigter Ruhe und Kraft.

A guisa di lion, quando si posa.Anmerkung des Verlages: Gleichwie der Löwe, wenn er ruht.
Dante

Nicht weit von diesen Löwen erblickt man eine verstümmelte Statue Roms, welche die modernen Römer dort aufstellten, ohne daran zu denken, daß sie das vollkommenste Sinnbild ihres gegenwärtigen Zustandes ist. Sie hat weder Kopf noch Füße, aber das, was vom Körper und von der Gewandung geblieben, ist von hoher Schönheit. Auf der Höhe der Treppe befinden sich zwei Kolosse, wie man glaubt: Castor und Pollux; ferner die Trophäen des Marius, dann zwei antike Meilenzeiger, die zum Ausmessen des römischen Weltreiches dienten, und endlich, schön und ruhig, in der Mitte dieser Erinnerungen, die Reiterstatue Marc Aurels. So ist hier Alles vertreten: das heroische Zeitalter durch die Dioskuren; die Republik durch die Löwen; die Bürgerkriege durch Marius, und die große Kaiserzeit durch Marc Aurel.

In der Nähe des neuen Kapitols liegen zwei Kirchen, die auf den Ruinen des Jupiter Feretrius und des Jupiter Capitolinus erbaut sind. Vor dem Vestibul ist ein Brunnen mit den Bildern zweier Flußgötter, des Nil und des Tiber, nebst der Wölfin des Romulus. Den Tiber nennt man nicht, wie andere ruhmlose Flüsse; es gehört zu Roms Freuden, sagen zu können: »Führet mich ans Ufer des Tiber; gehen wir an den Tiber.« Es scheint, als ob man mit solchen Worten die Geschichte anrufe und die Todten heraufbeschwöre. Wenn man von der Seite des Forums nach dem Kapitol geht, hat man zur Rechten die mamertinischen Gefängnisse. Sie wurden von Ancus Martius erbaut und dienten damals für gewöhnliche Verbrecher. Doch Servius Tullius ließ viel schrecklichere unterirdische für die Staatsverbrecher bauen, als ob diese, da ihre Irrthümer sich auf redliche Absichten gründen können, nicht grade die meiste Rücksicht verdienten. Jugurtha, und die Mitschuldigen des Catilina kamen in diesen Gefängnissen um; man sagt auch, daß der heilige Petrus und Paulus dort eingekerkert waren. Auf der andern Seite des Kapitols liegt der tarpejische Felsen, an dessen Fuße man heute ein Hospital, »das Haus des guten Trostes« genannt, findet. Es ist, als ob in Rom der strenge Geist der Vorzeit und die Milde des Christentums sich über Jahrhunderte hinweg die Hand reichten.

Nachdem Oswald und Corinna den Thurm des Kapitols erstiegen hatten, sahen sie die Hügelstadt vor sich ausgebreitet. Corinna wies auf das, anfangs bis an den palatinischen Berg grenzende, und später von der Ringmauer des Servius Tullius umschlossene Rom, in welches die sieben Hügel nun schon mit einbegriffen waren, endlich die bis an die Mauern Aurelians erweiterte Stadt, welche Mauern noch heute dem größesten Theile Roms als Umkreis dienen. Corinna erinnerte an die Verse des Tibull und Properz, welche rühmen, aus wie schwachen Anfängen die Beherrscherin der Welt hervorgegangen. Der palatinische Berg war anfangs das ganze Rom; in der Folge aber nahm der kaiserliche Palast allein die Fläche ein, die einem ganzen Volke genügt hatte. Ein Dichter aus der Zeit des Nero machte darüber folgendes Epigramm: »Rom wird bald nur ein Haus sein; gehet nach Veji, Quiriten, wenn nicht auch Veji schon von diesem Hause verschlungen ist«.Anmerkung des Verlages: Roma domus fiet: Vejos migrate, Quirites; Si non et Vejos ista domus

Die sieben Hügel sind jetzt lange nicht mehr so hoch, wie früher, als sie noch den Namen der »steilen Berge« verdienten. Das neue Rom liegt vierzig Fuß hoch über dem alten. Die Thäler, welche die Hügel trennten, sind von der Zeit durch Trümmer und Mauerschutt fast ganz ausgefüllt worden. Aber was noch sonderbarer ist, eine Anhäufung zerbrochener Säulen hat zwei neue Hügel gebildet,Anmerkung des Verlages: Monte Citorio und Testacio. und dieser Fortschritt, oder eigentlich diese Ueberreste der Civilisation, wie sie Berge und Thäler nivelliren, und im Moralischen wie im Physischen alle die schönen, durch die Natur hervorgebrachten Ungleichheiten ebnen, scheinen ein Bild der neuesten Zeit.

Drei andere,Anmerkung des Verlages: Janiculus, Monte Vaticano und Monte Mario. nicht unter die sieben berühmten gerechnete Hügel verleihen der Stadt Rom etwas sehr Malerisches; es ist vielleicht die einzige Stadt, die allein durch sich und in ihrem eigenen Umkreis die prachtvollsten Aussichten darbietet. Man findet hier eine so köstliche Mischung von Trümmern und Bauwerken, von blumigen Gefilden und Einöden, daß man Rom von allen Seiten betrachten kann, und immer ein überraschendes Gemälde finden wird.

Oswald wurde nicht müde, von seinem hochgelegenen Standpunkte aus das alte Rom aus dem neuen gleichsam herauszusuchen. Das Lesen der Geschichte, wie das Nachdenken, zu welchem es anregt, wirken weniger auf uns, als diese umherliegenden Steine, diese unter die neuen Wohnungen gestreuten Trümmer. Hier wirkt die Anschauung allmächtig auf den Geist. Wenn man diese römischen Ruinen mit eigenen Augen sah, glaubt man an die alten Römer, als ob man zu ihrer Zeit gelebt habe. Die durch Studium erworbenen Kenntnisse und Erinnerungen haften nur im Verstande, wogegen die aus unmittelbarem Eindruck gewonnenen jenen erst Leben und Gestalt verleihen; sie machen uns gewissermaßen zu Zeugen des früher Erlernten. Allerdings sind diese modernen, unter die alten gemischten Bauwerke dem Schönheitssinne lästig. Aber ein bescheidenes Dach neben einem noch hochaufgerichteten Portikus, Säulen, zwischen denen man kleinere Kirchenfenster einfügte, ein Grabmal, das einer ganzen Familie als Behausung dient, das Alles bringt uns eine Fülle erhabener und schlichter Gedanken. Die Außenseite der meisten unserer europäischen Städte ist alltäglich genug; und Rom bietet häufiger, als jede andere, den traurigen Anblick des Elendes und der Herabgekommenheit dar; aber plötzlich erinnert uns eine zerbrochene Säule, ein halbverwittertes Relief oder Steine, die in der unzerstörbaren Weise der alten Architekten zusammengefügt sind, daran, daß es eine ewige Macht im Menschen giebt, einen göttlichen Funken, und daß man nicht müde werden darf, diesen in sich und Andern anzufachen.

Das Forum, dessen Umkreis ein so eng geschlossener ist, spricht beredt von der sittlichen Größe des Menschen. Aus Roms letzten Zeiten, als es ruhmlosen Herrschern unterworfen war, findet man in der Geschichte nichts, als leere Jahrhunderte, welche kaum eine Thatsache aufweisen; und dieses Forum, diese kleine Fläche, der Mittelpunkt einer, damals sehr beschränkten Stadt, deren Einwohner nach allen Seiten hin noch um ihr Gebiet kämpfen mußten, hat es nicht durch seine großen Traditionen die besten Geister aller Zeiten beschäftigt? Ehre also, ewige Ehre den kühnen und freien Völkern, welche die Blicke der Nachwelt auf sich zu ziehen wußten.

Corinna machte Lord Nelvil darauf aufmerksam, daß man in Rom nur sehr wenige Ueberreste aus der republikanischen Zeit finde. Die Wasserleitungen, die zum Abfluß des Wassers eingerichteten unterirdischen Kanäle, waren die einzigen Prachtbauten der Republik, und der ihr vorangegangenen Könige. Aus ihrem Zeitabschnitt bleiben uns nur nützliche Bauwerke: mehrere, dem Gedächtniß ihrer großen Männer errichtete Grabmale und einige Tempel aus Backsteinen sind Alles, was noch vorhanden. Erst nach der Eroberung Siciliens bedienten sich die Römer zu ihren Monumenten des Marmors; es bedarf dessen auch nicht, es genügt, die Stätte zu sehen, wo große Thaten sich erfüllten, um tiefe Bewunderung zu empfinden. Dieser natürlichen Neigung des Gemüthes muß man die religiöse Macht der Wallfahrten zuschreiben. Ein klassischer Boden übt immer, auch wenn er längst seiner großen Männer, und selbst seiner Denkmale beraubt ist, viel Herrschaft über die Einbildungskraft aus. Was das Auge fesselte, ist nicht mehr, aber der Zauber des Andenkens ruht über jenen Ländern.

Auf dem Forum findet man keine Spur mehr jener berühmten Rednerbühne, von welcher herab Beredsamkeit das römische Volk beherrschte. Es sind dort noch drei Säulen eines Tempels, den Augustus zu Ehren des Jupiter Tonans errichtete, weil der Blitz, ohne ihn zu treffen, dicht neben ihm eingeschlagen war; ferner ein, dem Septimius Severus vom Senate als Belohnung seiner Heldenthaten erbauter Triumphbogen. Die Vorderseite desselben trug die Namen der beiden Söhne des Septimius: Caracalla und Geta. Als jedoch Caracalla den Bruder ermordet hatte, ließ er seinen Namen auslöschen, und noch heute sieht man die Spur der hinweg genommenen Buchstaben. Weiterhin steht ein der Faustina gewidmeter Tempel, der zugleich ein Denkmal von Marc Aurels blinder Schwäche ist; ein Tempel der Venus, welcher zur Zeit der Republik der Pallas gewidmet war; noch etwas weiter die Ruinen eines der Sonne und dem Monde geweihten Tempels, den Kaiser Hadrian erbaute und um des willen er Apollodorus, den berühmten griechischen Architekten, der die Verhältnisse dieses Baues getadelt hatte, umbringen ließ.

Auf der anderen Seite des Platzes begegnet man Ruinen von Denkmalen, die bessere, reinere Erinnerungen erwecken. Die Säulen eines Tempels, welcher dem Jupiter Stator gehört haben soll, der bekanntlich die Römer abhielt, vor dem Feinde zu fliehen. Nicht weit, wie man sagt, von dem Abgrunde, in welchen sich Curtius stürzte, eine von dem Tempel des Jupiter Custos übrig gebliebene Säule. Ferner die Säulen eines, wie Manche sagen, der Concordia, wie Andere meinen, der Victoria geweihten Tempels; vielleicht schmelzen erobernde Völker beide Vorstellungen gern zusammen, und denken, daß es wahren Frieden nur geben kann, wenn sie das Weltall unterworfen haben. Am äußersten Ende des palatinischen Berges erhebt sich ein schöner Triumphbogen, welcher dem Titus für die Eroberung Jerusalems errichtet ward. Man behauptet, daß die in Rom lebenden Juden niemals unter diesem Bogen durchschreiten, und es wird ein kleiner Nebenweg gezeigt, den sie dafür einschlagen. Um der Ehre der Juden willen ist es zu wünschen, daß diese Anekdote wahr sei: die langen Rückerinnerungen geziemen großem Unglück.

Nicht weit von dort steht der Siegesbogen des Constantin, »des Gründers der Ruhe«, wie er genannt wurde; die Christen entnahmen, um dieses Denkmal zu schmücken, die Basreliefs dem Forum des Trajan. In dieser Epoche waren die Künste schon im Verfall, und man plünderte die Vergangenheit, um neue Thaten zu verherrlichen. Jene, noch heute in Rom vorhandenen Triumphbögen übertragen, so weit es nur möglich ist, die dem Ruhm erwiesenen Ehren auf die Nachwelt.

Oben, in eigens dazu eingerichtetem Raum, fanden Flöten- und Trompetenspieler ihren Platz, damit der hindurchziehende Sieger von Musik, wie durch Lobeserhebungen berauscht, gleichzeitig der begeistertsten Regungen froh werde.

Diesem Triumphbogen gegenüber liegen die Ruinen des von Vespasian erbauten Friedenstempels; sein Inneres war so reich mit Gold und Bronze geschmückt, daß, als eine Feuersbrunst ihn verzehrte, Ströme von glühendem Metall sich in das Forum ergossen. Endlich schließt das Coliseum, Roms schönste Ruine, den edlen Kreis, in welchem sich unsere ganze Geschichte darstellt. Dieser prachtvolle Bau, dessen von Gold und Marmor nun entblößte Steine allein noch vorhanden, diente als Arena den Gladiatoren, die sich mit wilden Bestien in öffentlichem Kampfe maßen. So unterhielt und täuschte man das römische Volk durch künstlich erzeugte Aufregungen, nachdem sein natürliches Gefühl keines Emporschwunges mehr fähig war. Man gelangte durch zwei Eingänge in das Coliseum; der eine gehörte den Siegern, durch den andern trug man die Todten hinweg.Anmerkung des Verlages: Sana vivaria, sandapilaria. Welche empörende Geringschätzung des menschlichen Geschlechts, so um des einfachen Zeitvertreibs willen über Leben und Tod zu verfügen! Titus, der beste der Kaiser, widmete dieses Coliseum dem römischen Volk; und seine staunenswürdigen Ruinen sind von so großartigem, genialem Charakter, daß man versucht ist, sich über wahre Größe zu täuschen, und Kunstwerken von verwerflicher Bestimmung eine Bewunderung zu bewilligen, die nur solchen gebührt, welche edlen Zwecken gewidmet sind.

Oswald theilte nicht Corinnens Entzücken über diese vier Gallerien, diese vier, sich aufeinander thürmenden Bauten, mit ihrer Wehmuth und Ehrfurcht einflößenden Mischung von Alter und Erhabenheit; er konnte auf solcher Stätte nur an den Uebermuth des Herrschers, nur an das Blut der Sklaven denken, und fühlte sich einer Kunst abhold, die, ohne nach dem Zweck zu fragen, ihre Gaben an jeden Gegenstand verschwendet, den man ihr aufgiebt. Corinna versuchte diese Ansicht zu bekämpfen. »Tragen Sie«, sagte sie zu Lord Nelvil, »die Strenge Ihrer sittlichen und Gerechtigkeitsgrundsätze nicht in die Würdigung italienischer Kunstdenkmale hinein. Wie ich Ihnen schon sagte, rufen die meisten derselben viel mehr den Reichthum, die Schönheit und den Geschmack der antiken Gestaltungen zurück, als die glorreiche Epoche der römischen Tugend. Und finden Sie in dieser riesenhaften Pracht der Bauwerke nicht auch eine Spur sittlicher Größe? Selbst der Verfall des Römervolkes ist noch imponirend; seine Trauer um die Freiheit erfüllt die Welt mit Wunderwerken, und der Genius der idealen Schönheit sucht den Menschen für die eigentliche und ächte Würde, die er verloren hat, zu trösten. Sehen Sie diese ungeheuren Bäder, die mit ihrer morgenländischen Pracht einem Jeden offen standen; diese für die Kämpfe der Elephanten und Tiger bestimmten Cirken; die Wasserleitungen, welche plötzlich den Kampfplatz in einen See verwandelten, wo nun Galeeren mit einander stritten, wo Krokodile an Stelle der eben noch anwesenden Löwen erschienen. Sehen Sie, von welcher Großartigkeit der Luxus der Römer war, als sie in den Luxus ihren Stolz setzten. Diese Obelisken, die, dem Schooße Egyptens entrissen, herbeikommen mußten, um römische Grabstätten zu schmücken, diese zahllosen Standbilder, welche Rom einst bevölkerten – man darf sie nicht schlechtweg als den unnützen, hochtrabenden Pomp asiatischer Despoten ansehen. Es ist der römische Geist, der weltbesiegende, dem so mit den Gebilden der Kunst gehuldigt wird. In dieser Großartigkeit liegt etwas Uebermenschliches, und ihre dichterische Pracht läßt ihren Ursprung und ihren Zweck vergessen.

Corinnens Beredsamkeit erregte Oswalds Bewunderung, ohne ihn zu überzeugen. Er suchte in Allem die sittliche Grundlage, und wollte ohne diese alle Zauberkraft der Kunst nicht gelten lassen. Corinna erinnerte sich jetzt daran, daß in eben dieser Arena einst verfolgte Christen als Opfer ihrer Standhaftigkeit umgekommen waren; sie zeigte Lord Nelvil die Altäre, welche man über ihrer Asche aufrichtete, auch jenen Pfad für die Büßenden, den längs der erhabensten Ruinen irdischer Größe vorüberführenden »Weg des Kreuzes«, und fragte ihn, ob dieser Staub der Märtyrer nicht zu seinem Herzen rede?« – »Ja«, rief er, »die Kraft des Geistes und des Willens über Schmerz und Tod bewundere ich grenzenlos. Jedes Opfer, welcher Art es sei, ist schöner und schwerer, als aller Aufschwung der Seele und des Gedankens. Eine hochfliegende Einbildungskraft kann Wunder thun, aber nur, wenn man Alles für seine Meinung, seine heiligen Ueberzeugungen hingiebt, ist man wirklich tugendhaft; nur dann besiegt eine höhere Macht in uns den sterblichen Menschen.« – Seine edlen Worte verwirrten Corinna; sie blickte zu ihm auf, dann schlug sie die Augen nieder; und obwohl er jetzt ihre Hand nahm, und sie ans Herz drückte, zitterte sie doch bei dem Gedanken, daß ein Mann mit solcher Gesinnung im Stande sein möchte, sich und Andere seinen Grundsätzen und seiner Pflicht zum Opfer zu bringen.

Fünftes Kapitel.

Nach der Besichtigung des Kapitols und des Forums brachten Oswald und Corinna zwei Tage damit zu, die sieben Hügel zu durchwandern. Die Römer der Vorzeit begingen zu Ehren derselben ein bestimmtes Fest: diese in seine Ringmauern eingeschlossenen Berge sind eine der eigenartigsten Schönheiten Roms, und man begreift leicht, wie die Heimatsliebe sich darin gefiel, solche Eigenthümlichkeit zu feiern.

Oswald und Corinna hatten am vorhergehenden Tage den capitolinischen Berg gesehen, und begannen nun ihre Reise mit dem Palatin. Der Palast der Cäsaren, der goldene genannt, nahm einst die ganze obere Fläche dieses Hügels ein; heute zeigt er nichts, als die Ueberreste jenes Königssitzes. Seine vier Seiten wurden von Augustus, Tiberius, Caligula und Nero erbaut, und nun ist einiges mit üppigem Unkraut bedeckte Gemäuer Alles, was davon geblieben. Die Natur hat über die Menschenarbeit wieder Macht gewonnen, und die Schönheit ihrer Blumen tröstet für den Verfall der Königsburgen. Zur Zeit der Könige und der Republik verwendete man nur auf die öffentlichen Gebäude vielen Luxus. Die Häuser der Bürger waren klein und sehr einfach. Cicero, Hortensius, die Gracchen wohnten auf dem Palatin, der zur Zeit des römischen Verfalls kaum für das Bedürfniß eines Einzigen ausreichte. In den letzten Jahrhunderten war die Nation nichts, als eine namenlose, nur durch die Aera des Herrschers bezeichnete Masse. Vergebens sucht man auf dieser Stätte die beiden Lorbeerbäume, welche Augustus vor seiner Thür pflanzte: den Lorbeer des Krieges und den, vom Frieden gepflegten der schönen Künste; beide sind verschwunden.

Auf dem palatinischen Berg sind noch einige Badezimmer der Livia vorhanden; man zeigt in diesen die Stellen, wo die kostbaren Steine befestigt waren, welche damals als ein gewöhnlicher Schmuck an Deckengewölben verwendet wurden, ferner auch Wandmalereien, deren Farben noch ganz unversehrt sind. Die Unbeständigkeit der Farben vergrößert unser Erstaunen, sie hier so erhalten zu sehen; es ist, als sei uns die Vergangenheit näher gerückt. Wenn es wahr ist, daß Livia die Tage des Augustus abkürzte, dann wurde das Verbrechen in einem dieser Gemächer ersonnen, und die Blicke des in seinen innersten Neigungen verrathenen Herrschers hefteten sich vielleicht auf eines dieser Bilder, deren zierliche Blumen noch heute blühen. Was hielt er im Alter von dem Leben und dessen Herrlichkeiten? Gedachte er seiner Verbannung oder seines Ruhmes? Fürchtete er – hoffte er ein Jenseits? Und der letzte Gedanke, der dem Menschen Alles offenbart, der letzte Gedanke des Weltenbeherrschers – irrt er vielleicht noch an diesen Gewölben umher?Anmerkung der Autorin: Carpite nunc, tauri, de septem collibus herbas,
Dum licet. Hic magnae jam locus orbis erit. Tibullus
Hoc quodcunque vides, hospes, quam maxima Roma est,
Ante Phrygem Aenean collis et herba fuit etc.
Propert. lib IV. el I.

Der aventinische Berg zeigt die zahlreichsten Spuren der ältesten römischen Geschichte. Dem, von Tiberius erbauten Palast gegenüber liegen die Ueberreste eines Tempels der Freiheit, welchen der Vater der Gracchen erbaute. Am Fuß des Aventin stand ein Tempel, den Servius Tullius der Fortuna Virilis weihte, um den Göttern zu danken, daß er, der als Sklave geboren, zur Königswürde emporgestiegen war. Außerhalb der Mauern Roms findet man auch die Ruinen eines Tempels, den man der Fortuna Muliebris errichtete, als Veturia's Flehen ihren Sohn Coriolan überwunden hatte. Nahe vom aventinischen Berg ist der Ianiculus, wo Porsenna mit seinem Heere Stellung nahm, und im Angesichte dieses Hügels ließ Horatius Cocles die einzige über den Tiber nach Rom führende Brücke hinter sich abbrechen. Die Fundamente dieser Brücke sind noch vorhanden; am Ufer des Flusses steht ein Triumphbogen, der, aus Backsteinen erbaut, so einfach ist, wie die Handlung groß ist, an die er erinnern soll; er wurde, sagt man, dem Horatius Cocles zu Ehren errichtet. Inmitten des Tiber bemerkt man eine Insel, die aus Getreidegarben von den Feldern des Tarquin entstand. Man hatte dieselben lange Zeit, für Jedermann zugänglich, am Flusse liegen lassen; aber das römische Volk wollte sie nicht nehmen, weil es glaubte, daß ein Fluch darauf ruhe. Man würde heutzutage Mühe haben, Reichthümer so wirksam zu verfluchen, daß Niemand etwas davon wissen möchte.

Auf dem aventinischen Berg standen auch die Tempel der Pudor Patricia und der Pudor Plebeja, und am Fuße desselben der Tempel der Vesta, der noch völlig erhalten ist, obgleich die Überschwemmungen des Tiber ihn oft bedrohten.Anmerkung des Verlages: Vidimus flavum Tiberim etc. Nicht weit davon sind die Ruinen eines Schuldgefängnisses, wo sich, wie man sagt, jener allgemein bekannte, schöne Zug von Kindesliebe zugetragen. An eben dieser Stelle geschah es auch, daß Clelia und ihre Gefährtinnen, als Geißeln des Porsenna, durch den Tiber schwammen, um die Römer zu erreichen. Der aventinische Berg läßt die Seele von all den peinlichen Erinnerungen ausruhen, welche die andern Hügel hervorrufen, und sein Anblick ist schön, wie die Vergangenheit, von der er redet. Dem Saum des Flusses, welcher sich an seinem Fuße hinzieht, hatte man die Benennung des »schönen Ufers« (pulchrum littus) gegeben. Hier lustwandelten Roms große Redner, wenn sie aus dem Forum kamen; hier begegneten sich Cäsar und Pompejus als einfache Bürger, und suchten Cicero zu gewinnen, dessen unabhängige Beredsamkeit ihnen damals mehr galt, als selbst die Macht eines Heeres.

Auch die Dichtkunst tritt hinzu, um diesen Ort zu verherrlichen. Virgil verlegt die Höhle des Cacus auf den aventinischen Berg; und die, durch ihre Geschichte schon so großen Römer sind auch durch die Heldensagen noch interessant, mit denen die Dichter ihren mährchenhaften Ursprung geschmückt haben. Endlich bemerkt man, beim Niedersteigen vom Aventin, das Haus des Nicola Rienzi, der sich vergeblich bemühte, das Alterthum in der neuern Zeit wieder aufleben zu machen; und wie gering diese Erinnerung neben den andern sei, auch sie giebt noch viel zu denken. Der Berg Cölius ist durch das Lager der Prätorianer und der fremden Söldlinge merkwürdig geworden. Unter den Trümmern des zur Aufnahme dieser Schaaren bestimmten Gebäudes fand man diese Inschrift: »Dem heiligen Genius der fremden Kriegsvölker«, für Solche in der That heilig, deren Macht er stützte! Was von diesen alten Kasernen bleibt, läßt schließen, daß sie in der Weise der Klöster gebaut waren, oder vielmehr, daß man die Klöster nach ihrem Vorbild einrichtete.

Der esquilinische Berg hieß der Berg der Dichter, weil der Palast des Mäcenas auf diesem Hügel lag, und auch Horaz, Properz und Tibull dort wohnten. In der Nahe sind die Ruinen der Thermen des Titus und Trajan. Man sagt, daß aus den ersteren Raphael die Muster zu seinen Arabesken nahm. Hier hat man auch die Gruppe des Laokoon gefunden. Die Kühle des Wassers ist in den heißen Ländern so überaus wohlthuend, daß man es liebte, in den Orten, wo man badete, alles Gepränge des Luxus, alle Freuden des Kunstgenusses zu vereinigen. Die Römer stellten hier die Meisterwerke der Malerei und Bildhauerkunst auf und bewunderten die letzteren bei künstlichem Licht; denn nach der Einrichtung dieser Gebäude scheint es, daß sie dem Tageslicht wenig oder gar nicht zugänglich waren und daß man sich auf diese Art vor den stechenden Strahlen der südlichen Sonne schützte, – welche Strahlen man in der Vorzeit die Pfeile des Apollo nannte. Wenn man die äußerst sorgfältigen Vorkehrungen sieht, welche die Alten gegen die Hitze anwendeten, möchte man glauben, das Klima sei damals viel glühender noch als in unsern Tagen gewesen. In den Thermen des Caracalla standen der farnesische Hercules, die Flora und die Gruppe der Dirke. Nahe von Ostia fand man in den Bädern des Nero den Apoll von Belvedere. Läßt sich's begreifen, daß Nero nicht einige menschliche Regungen beim Anblick dieser edlen Gestalt empfand?

Die Thermen und Amphitheater sind die einzigen Gebäude, die in Rom zu öffentlichen Unterhaltungen gedient haben, und von denen noch Spuren geblieben. Es giebt kein anderes Theater, außer dem des Marcellus, dessen Ruinen noch vorhanden wären. Plinius erzählt, man habe dreihundertundsechzig Marmorsäulen und dreitausend Standbilder in einem Theater gesehen, das nur wenige Tage stehen sollte. Bald errichteten die Römer so dauerhafte Bauten, daß sie den Erdbeben trotzten, bald gefielen sie sich darin, ungeheure Kosten und Arbeitskräfte an Gebäude zu setzen, die sie nach beendigter Festlichkeit selbst zerstörten: so spielten sie in jeder Gestalt mit der Zeit. Das Römervolk hatte überdies nicht die Leidenschaft der Griechen für dramatische Vorstellungen; in Rom blühten die schönen Künste nur durch die Werke und Künstler Griechenlands, und die römische Größe kam hauptsächlich und viel mehr durch die riesenhafte Pracht der Architektur, als in Meisterwerken von eigener Erfindung zum Ausdruck. Durch diesen ungemessenen Luxus, durch diese Wunder des Reichthums geht ein großer Zug imponirender Würde: es ist nicht mehr Freiheit, aber immer noch Macht. Die den öffentlichen Bädern gewidmeten Bauten benannte man nach Provinzen; es war dort ein Zusammenfluß der verschiedenen Produkte und Anstalten, wie sie sonst nur ein ganzes Land aufweisen kann. Der »Circus Maximus«, dessen Trümmer man noch sieht, lag so dicht unter dem Palast der Cäsaren, daß Nero von seinem Fenster aus das Zeichen zum Anfang der Spiele geben konnte. Er war groß genug, um dreimalhunderttausend Menschen zu fassen. Beinahe das ganze Volk versammelte sich also gleichzeitig zu einer und derselben Lustbarkeit; diese ungeheuren Feste waren als eine Art volksthümlicher Einrichtung zu betrachten, die alle Bürger nun zu Vergnügungen vereinigte, wie sie sich ehemals um des Ruhmes willen zusammen geschaart hatten.

Der quirinalische und viminalische Berg sind einander so nahe, daß es schwer ist, sie zu sondern: hier war das Haus Sallusts, und das des Pompejus, und hier hat auch der Papst jetzt seine Residenz. Man kann nicht einen Schritt in Rom thun, ohne die Vergangenheit der Jetztzeit, ohne die verschiedenen Vergangenheiten unter sich gegeneinander zu halten. Wenn man auf die ewige Bewegung in der Menschengeschichte sieht, lernt man, sich über die Ereignisse seiner Zeit beruhigen; und man empfindet eine Art von Scham, sich angesichts so vieler Jahrhunderte, die alle das Werk ihrer Vorgänger umstürzten, durch kleinliche Verlegenheiten des Tages noch aufregen zu lassen.

Neben den sieben Hügeln, wie auf ihren Abdachungen und ihren Gipfeln, erheben sich eine Menge Glockentürme, Obelisken, die Säule des Trajan, die antoninische Säule, der Thurm der Conti, von welchem, wie behauptet wird, Nero den Brand Roms bewunderte, und endlich die Kuppel von St. Peter, die alles Beherrschende beherrscht. Es ist, als ob die Luft von diesen zum Himmel aufstrebenden Denkmalen bevölkert sei, als ob über der Erdenstadt eine zweite, den Wolken gehörige, schwebe.

In das bewohnte Rom zurückgekehrt, ging Corinna mit Oswald nach der Säulenhalle der Octavia, dieser Frau, die so viel geliebt und so viel gelitten; dann fuhren sie durch die Via scelerata, jene berüchtigte Straße, durch welche die frevelnde Tullia raste, als sie ihres Vaters Körper den Hufen ihrer Rosse preis gab; in der Entfernung sieht man einen Tempel, den Agrippina zu Ehren des von ihr vergifteten Claudius errichten ließ; und endlich führt der Weg an dem Grabe des Augustus vorüber, dessen Inneres heutzutage den Stiergefechten dient. »Wir haben einige Fährten der alten Geschichte sehr schnell verfolgt«, sagte Corinna zu Lord Nelvil, »aber Sie begreifen das Vergnügen, welches man in diesen Nachforschungen findet, die ebenso gelehrt als poetisch sind, und sich an die Fantasie, wie an das Nachdenken wenden. Es giebt in Rom viel ausgezeichnete Gelehrte, deren einzige Beschäftigung es ist, neue Beziehungen zwischen der Geschichte und diesen Ruinen zu entdecken.« – »Ich wüßte kein Studium, das mehr meine Theilnahme fesseln könnte, als dieses«, erwiderte Lord Nelvil, »wenn ich sonst nur die Sammlung hätte, mich ihm hinzugeben; diese Art von Gelehrsamkeit ist viel belebter, als die aus Büchern geschöpfte; man glaubt das Entdeckte selber wieder ins Leben gerufen zu haben, man glaubt die Vergangenheit, unter dem Staub, der sie verschüttete, hervorzugraben.« – »Gewiß«, entgegnete Corinna, »und dies leidenschaftliche Sichversenken in die große Vorzeit ist kein eitles Vorurtheil. Wir leben in einem Jahrhundert, in welchem persönlicher Vortheil der einzige Grundzug aller Handlungen ist; und welche Sympathien, welchen Aufschwung, was für eine Begeisterung kann denn die Selbstsucht aufkommen lassen? Es ist süßer, sich in diese Tage der Hingebung, der Aufopferung, des Heldenthums zurückzuträumen, die doch einmal da waren, und deren ehrwürdige Spuren die Erde noch heute trägt.«

Sechstes Kapitel.

Corinna hoffte im Stillen, Oswalds Herz gewonnen zu haben; da sie aber seine Zurückhaltung, seine strengen Grundsätze kannte, hatte sie nicht gewagt, ihm das Interesse, das er ihr einflößte, ganz zu zeigen, wiewohl sie nach ihrem Charakter sehr geneigt war, nichts von ihren Empfindungen verborgen zu halten. Vielleicht auch glaubte sie, daß selbst im Gespräche über Gegenstände, die keine Beziehung zu diesem persönlichen Gefühle hatten, doch ihrer Stimme Klang die gegenseitige Zuneigung einander verrathen, und daß sich in ihren Blicken, wie in jener schwermüthigen und verschleierten Sprache, die so tief die Seele durchdringt, ein stilles Liebesgeständniß aussprechen müsse.

Eines Morgens, als Corinna sich vorbereitete, die Wanderung mit Oswald fortzusetzen, empfing sie ein etwas förmliches Billet von ihm, welches ihr meldete, daß sein schlechter Gesundheitszustand ihn auf einige Tage zu Hause festhalten werde. Eine schmerzliche Unruhe kam über Corinnens Herz; anfangs fürchtete sie, er könne bedenklich krank sein; aber Graf d'Erfeuil, den sie Abends sprach, versicherte sie, daß er von einer jener Schwermuthsanwandlungen befallen sei, an denen er zuweilen leide, und während welcher er Niemand sprechen wolle. »Ich selbst«, fuhr Graf d'Erfeuil fort, »sehe ihn in diesem Zustande nicht.« – Dieses »Ich selbst« mißfiel Corinna sehr, doch hütete sie sich wohl, es den Grafen, als den einzigen Menschen, durch welchen sie Nachricht von Lord Nelvil erhalten konnte, merken zu lassen. Sie befragte ihn, denn sie hoffte, daß ein scheinbar so leichtfertiger Mensch ihr Alles, was er wisse, mittheilen werde. Aber ob er nun durch eine geheimnißvolle Miene verbergen wollte, daß Oswald ihm nichts anvertraut, ob er es für schicklicher hielt, die Antwort zu verweigern, kurz, er setzte Corinnens brennender Neugier plötzlich unerschütterliches Stillschweigen entgegen. Sie, deren Wort über Alle, mit denen sie in Berührung kam, so viel vermochte, konnte nicht verstehen, weshalb ihre Ueberzeugungsmittel auf Graf d'Erfeuil so wirkungslos blieben: wußte sie nicht, daß es auf der Welt nichts Unbeugsameres giebt, als die Eigenliebe?

Welch ein Ausweg blieb denn nun Corinna, um zu erfahren, was in Oswalds Herzen vorging? Ihm schreiben? Zum Schreiben ist so viel abwägende Gemessenheit des Ausdrucks nöthig, und Corinna war grade durch ihre Unbefangenheit so besonders liebenswürdig. Es verflossen drei Tage, während welcher sie, gefoltert von tödtlicher Unruhe, Lord Nelvil nicht sah. – »Was habe ich gethan, um ihn mir zu entfremden?« fragte sie sich. »Ich habe es ihm ja nicht gesagt, daß ich ihn liebe; dieses in England so entsetzliche, in Italien so gern verziehene Unrecht habe ich ja nicht begangen. Hat er es errathen? Aber weshalb sollte er mich darum weniger hochachten ?« – Oswald hatte Corinna nur zu meiden gesucht, weil er sich zu lebhaft von ihrem Zauber angezogen fühlte. Obgleich er nicht sein Wort gegeben, Lucile Edgermond zu heirathen, wußte er doch, daß es seines Vaters Absicht gewesen war, sie ihm zu vermählen, und dieser wünschte er sich zu fügen. Endlich führte Corinna, deren Familiennamen überdies ganz unbekannt geblieben war, seit mehreren Jahren ein sehr unabhängiges Leben; diese Wahl, glaubte Lord Nelvil, hätte schwerlich des Vaters Billigung erhalten, und er fühlte, daß er nicht auf solche Art sein begangenes Unrecht büßen könne. Dies waren die Beweggründe, welche ihm eine größere Zurückhaltung auferlegten. Er hatte sich vorgenommen, Corinna bei seiner Abreise schriftlich zu sagen, was ihn zu derselben nöthige; aber da es schließlich über seine Kraft ging, Rom zu verlassen, beschränkte er sich darauf, sie nicht zu sehen, und auch dieses Opfer schien ihm schon am zweiten Tage schwer genug.

Corinna war von der Besorgniß, daß sie Oswald nicht mehr sprechen werde, daß er ohne Abschied gehen könne, wie betäubt. Sie erwartete in jedem Augenblick die Nachricht seiner Abreise zu erhalten, und diese Furcht steigerte ihre Empfindungen für ihn bis zur höchsten Leidenschaft, – dieser Geiersklave, unter welcher Glück und Unabhängigkeit erliegen. Da es sie in ihrem Hause, das Lord Nelvil nun mied, nicht duldete, irrte sie, mit der Hoffnung, ihm zu begegnen, in Roms öffentlichen Gärten umher. Sie ertrug die Stunden leichter, während welcher der Zufall ihr die Möglichkeit verhieß, ihn anzutreffen. Corinnens glühende Einbildungskraft war die Quelle ihres Talents; aber zu ihrem Unglück mischte sich diese auch ihren persönlichen Empfindungen bei, um sie auf das Schmerzlichste zu steigern.

Am vierten Abend dieser grausamen Abwesenheit lag köstlicher Mondschein über der Stadt – und Rom ist schön im Schweigen solcher Nacht! es scheint dann, als ob nur seine erhabenen Schatten es bewohnten. Corinna, die eben von einer befreundeten Dame heimkehrte, verließ in gequälter Ruhelosigkeit ihren Wagen, um einige Augenblicke neben der Fontana di Trevi zu verweilen, der freigebig-strömenden Quelle, die mitten in Rom, wie das Leben dieses stillen Daseins, pulsirt. Wenn ihr reicher Wasserstrahl einmal inne hält, ist es, als ob Rom in fühlloser Erstarrung liege. In andern Städten ist das Geräusch der Wagen belebend; in Rom aber scheint das Rauschen dieser großartigen Fontaine die nothwendige Begleitung zu der träumerischen Existenz, welche man dort führt. In ihrer klaren Fluth, die so rein ist, daß sie seit Jahrhunderten das »jungfräuliche Wasser« genannt wird, erzitterte jetzt Corinnens Bild. Oswald, der kurz nach ihr an der gleichen Stelle angelangt war, bemerkte nun der Freundin reizvolle, sich in der Welle spiegelnde Gestalt, und wurde dadurch so lebhaft erschüttert, daß er anfangs nicht wußte, ob es nicht blos seine Einbildungskraft sei, die ihm Corinnens Schatten erscheinen lasse. Um besser zu sehen, neigte er sich zu dem Wasser hinab, und sein eigenes Spiegelbild schwankte jetzt neben dem Corinnens. Sie erkannte ihn, stieß einen Schrei aus, flog ihm entgegen, und faßte, als ob sie fürchte, daß er ihr von Neuem verschwinde, seinen Arm; doch kaum hatte sie dieser zu stürmischen Bewegung nachgegeben, als sie sich an Lord Nelvils Denkweise erinnerte, und beschämt über solch leidenschaftliches Verrathen ihres Gefühls die Hand wieder sinken ließ; sie verhüllte das Gesicht, um ihre Thränen zu verbergen.

– »Corinna«, sagte Oswald, »theure Corinna, meine Abwesenheit hat Sie unglücklich gemacht?« – »Ach, ja!« antwortete sie, »und Sie wußten das! Warum thun Sie mir weh? Habe ich's verdient, durch Sie zu leiden?« – »Nein!« rief Lord Nelvil, »o, wahrlich nein! Aber da ich mich nicht für frei halte, da mein Herz von Unruhe und Reue gequält ist, warum soll ich Sie in diesen Wirbel von Bekümmernissen aller Art hineinziehen? Warum ...« – »Es ist zu spät«, unterbrach ihn Corinna, »der Schmerz ist eingezogen, er wohnt schon in meiner Brust; schonen Sie mich.« – »Sie, voller Schmerz?« erwiderte Oswald, »Sie, mit hohem Geist begabt, inmitten einer von so vielem Erfolge glänzenden Laufbahn – Sie voller Schmerz?« – »O, schweigen Sie!« rief Corinna, »Sie kennen mich nicht. Von allen meinen Fähigkeiten ist die mächtigste die, zu leiden. Ich bin für das Glück geboren, mein Charakter ist vertrauend, mein Seelenleben reich; aber das Leid stürmt in mir ich weiß nicht was für furchtbare Gewalten auf, die meine Vernunft verwirren, oder mir den Tod geben können. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, schonen Sie mich. Heiterkeit und Regsamkeit helfen mir nur scheinbar, und es giebt in meiner Seele Abgründe von Traurigkeit, vor denen ich mich nur hüten konnte, wenn ich mich vor der Liebe hütete.«

Corinna hatte in erschütterndem Ton geredet. – »Ich werde Sie morgen früh wiedersehen, Corinna«, sagte Oswald, »zweifeln Sie nicht daran.« – »Schwören Sie es mir?« fragte sie mit einer Unruhe, die sie umsonst zu verbergen strebte. – »Ja, ich schwöre es!« rief Lord Nelvil, und verschwand.

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