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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Drittes Buch.

Corinna.

Erstes Kapitel.

Auch Graf d'Erfeuil hatte der Feier auf dem Kapitol beigewohnt; am folgenden Tage kam er zu Lord Nelvil: »Mein theurer Oswald, darf ich Sie heute Abend bei Corinna einführen?« »Wie!« rief Oswald, »so sind Sie ihr bekannt?« »Nein«, erwiderte der Graf, »aber eine so berühmte Persönlichkeit ist immer geschmeichelt, wenn man sie zu sehen wünscht. Ich habe ihr folglich heute Morgen geschrieben, und für Sie und mich um die Erlaubniß gebeten, ihr aufwarten zu dürfen.« »Es wäre mir lieb gewesen«, antwortete Oswald, »wenn Sie dies nicht ohne meine Einwilligung gethan hätten!« »Sie sollten mir für diese Beseitigung einiger langweiliger Förmlichkeiten dankbar sein«, entgegnete der Graf. »Statt zu einem Gesandten, von diesem zu einem Cardinal, mit diesem zu irgend einer hochgestellten Frau zu gehen, welche endlich Sie bei Corinna eingeführt hätte, stelle ich Sie vor, Sie mich, und wir werden Beide willkommen sein.«

»Ich habe weniger Selbstvertrauen, als Sie, und das sicherlich mit Grund«, erwiderte Lord Nelvil; »diese übereilte Bitte hat Corinna mißfallen, fürchte ich.« »Durchaus nicht, das versichere ich Sie«, sagte Graf d'Erfeuil; »dazu ist sie zu geistreich; auch ist ihre Antwort sehr liebenswürdig.« »Sie hat Ihnen also geantwortet? Und was schreibt sie, lieber Graf?« »Ach so, lieber Graf!« sagte d'Erfeuil lachend; »nun, ich sehe, Sie besänftigen sich schon, seit Sie wissen, daß Corinna mir antwortete! Aber was thut's: ich liebe Sie, und Alles ist verziehen. Ich muß Ihnen freilich gestehen, daß in meinem Billet mehr von mir, als von Ihnen die Rede war, wogegen man in der Antwort leider Sie voranzusetzen scheint; doch bin ich nie auf meine Freunde eifersüchtig.« »Nun gewiß«, erwiderte Nelvil, »ich denke nicht, daß weder Sie noch ich uns schmeicheln dürften, Corinna zu gefallen; und was mich betrifft: Alles, was ich wünsche, ist, mich bisweilen des Verkehrs mit einer so außerordentlichen Frau erfreuen zu können. Auf heute Abend also, weil Sie es so eingerichtet haben.« – »Sie begleiten mich?« fragte Graf d'Erfeuil. – »Nun, ja doch«, entgegnete Lord Nelvil mit sichtlicher Verlegenheit. – »Warum also«, fuhr d'Erfeuil fort, »warum beklagten Sie sich so sehr über mein Verfahren? Sie endigen, wie ich angefangen habe; aber man mußte Ihnen wohl den Vorzug lassen, der Zurückhaltendere zu sein – vorausgesetzt, daß Sie dabei nichts verlieren. Diese Corinna ist wirklich ein reizendes Geschöpf! voller Geist und Anmuth! zwar habe ich, da sie italienisch sprach, nicht genau verstanden, was sie sagte; doch nach ihrem Aussehen möchte ich wetten, daß sie gut französisch kann; nun, wir werden das heute Abend erfahren. Ihre Lebensweise ist eigentümlich; sie ist reich, jung, unabhängig, doch Niemand kann mit Gewißheit angeben, ob sie Liebhaber hat oder nicht. Gegenwärtig indeß scheint sie Keinen zu bevorzugen; es ist auch nicht zu verwundern; schwerlich kann sie in diesem Lande einem ihrer würdigen Manne begegnen.« – Graf d'Erfeuil fuhr noch eine Zeitlang in dieser Weise zu reden fort, ohne von Oswald unterbrochen zu werden. Er sagte, genau genommen, nichts Ungeziemendes; aber dennoch verletzte er des Anderen Feingefühl unausgesetzt dadurch, daß er von Dingen, die Jenen näher berührten, entweder zu gründlich oder zu leichtfertig sprach. Es giebt Rücksichten, die selbst mit Geist und Gesellschaftsformen nicht erlernt werden, und man kann das Herz verwunden, ohne die Gesetze der vollendetsten Höflichkeit zu verletzen.

Lord Nelvil war den ganzen Tag hindurch, im Hinblick auf den Abend, in rastloser Spannung, doch verscheuchte er, so viel er es vermochte, die beunruhigenden Gedanken, und suchte sich zu überreden, daß eine Neigung, weil sie uns süß und theuer sei, unser Lebensschicksal deshalb noch nicht zu entscheiden brauche. Trügerische Sicherheit! denn an den Empfindungen, welche sie selber für vorübergehend hält, findet die Seele kein rechtes Genüge.

Die Reisegefährten erreichten Corinnens Wohnung; diese lag in dem Viertel der Transteveriner, ein wenig hinter der Engelsburg. Seine Lage am Ufer des Tiber war ein Vorzug des im Innern mit dem vollendetsten Geschmacke ausgestatteten Hauses. Den Salon schmückten die besten Statuen Italiens: Niobe, Laokoon, die mediceische Venus, der sterbende Fechter; und in dem Zimmer, welches Corinnens bevorzugter Aufenthalt war, fanden sich Bücher, verschiedene musikalische Instrumente, und einfache bequeme Möbel, die so geordnet waren, daß man leicht einen Kreis bilden, und in traulicher Unterhaltung sich gehen lassen konnte. Corinna war noch nicht da, als Oswald eintrat, und während er sie erwartete, musterte er nicht ohne einige Beklommenheit ihre Gesellschaftsräume. Er fand hier in tausend Einzelheiten die kennzeichnenden Vorzüge der drei Nationen vertreten: den französischen Geschmack an der Geselligkeit, die Liebe der Engländer zu den Wissenschaften, und das italienische Kunstgefühl.

Corinna erschien endlich; sie war ungesucht, doch immerhin malerisch gekleidet. In den Haaren trug sie antike Kameen, am Halse eine Korallenschnur. Sie benahm sich mit edler, leichter Höflichkeit; man erkannte aber selbst im vertrauten Freundeskreise die Gottheit vom Kapitol in ihr wieder, wiewohl sie doch in Allem so vollkommen einfach und natürlich war. Zuerst begrüßte sie den Grafen d'Erfeuil, dann aber, als bereue sie diese Art von Falschheit, trat sie Oswald näher. Lord Nelvils Name machte sichtlich eine eigenthümliche Wirkung auf sie; zweimal wiederholte sie denselben mit bewegter Stimme, als ob er ihr ein rührendes Gedenken wach rufe.

Endlich sagte sie Lord Nelvil italienisch einige anmuthsvolle Worte über die ihr Tags vorher durch das Aufheben des Kranzes bewiesene Gefälligkeit. Oswalds Antwort suchte die Bewunderung auszudrücken, welche sie ihm eingeflößt, und er beklagte sich sanft, daß sie ihn nicht englisch anrede. »Bin ich Ihnen heute fremder, als gestern?« fügte er hinzu. »Nein, gewiß nicht«, erwiderte Corinna; »aber wenn man, wie ich, mehrere Jahre seines Lebens hindurch, zwei bis drei Sprachen neben einander brauchte, wird uns die eine oder die andere durch die Gefühle eingegeben, die wir eben auszudrücken wünschen.« »Sicherlich ist doch das Englische Ihre Muttersprache«, sagte Oswald; »die Sprache, welche Sie mit Ihren Freunden reden, diejenige....« – »Ich bin Italienerin«, unterbrach ihn Corinna schnell; »verzeihen Sie, Mylord, aber es scheint, ich finde auch bei Ihnen den Nationalstolz wieder, der Ihre Landsleute so oft kennzeichnet. In diesem Lande sind wir bescheidener: wir sind weder zufrieden mit uns, wie die Franzosen, noch stolz auf uns, wie die Engländer. Ein wenig Nachsicht von Seiten der Fremden genügt hier; und da es uns seit lange schon verwehrt ist, eine Nation zu sein, begehen wir oft das große Unrecht, als Individuen der Würde zu ermangeln, die wir als Volk verloren haben. Doch wenn Sie die Italiener erst kennen, werden Sie sehen, daß ihr Charakter einige Spuren antiker Größe behielt, einige seltene Spuren, halb verloschen zwar, die aber in glücklicheren Zeiten wieder hervortreten würden. Ich werde mit Ihnen zuweilen englisch sprechen, nicht immer; das Italienische ist mir theuer; ich habe viel gelitten«, fügte sie seufzend hinzu, »um in Italien leben zu können.«

Graf d'Erfeuil machte Corinna liebenswürdige Vorwürfe, daß sie ihn ja ganz vergesse, wenn sie sich in einer ihm fremden Sprache ausdrücke. »Schöne Corinna«, sagte er, »Erbarmen! sprechen Sie französisch! Sie sind wahrlich dessen würdig!« Corinna lächelte zu der Schmeichelei, und erwiderte in geläufigem Französisch zwar, aber mit englischem Accent. Graf d'Erfeuil war darüber nicht minder als Lord Nelvil erstaunt; und da der Graf meinte, man könne Alles sagen, vorausgesetzt nur, man sage es mit Anmuth, und ferner behauptete, es gäbe nur eine Unhöflichkeit der Form, nicht des Meinens, fragte er Corinna ohne Umschweife nach der Ursache jener Eigentümlichkeit. Sie schien anfangs von dieser plötzlichen Wendung des Gesprächs betreten, dann sagte sie, sich sammelnd: »Wahrscheinlich, Herr Graf, habe ich das Französische von einem Engländer gelernt.« Er erneuerte seine Fragen lachend, aber beharrlich. Corinna, die immer verlegener dadurch geworden war, erwiderte endlich: »Seit den vier Jahren, Herr Graf, die ich hier lebe, hat keiner meiner Freunde, keiner von Denen, die doch sonst mir vielen Antheil beweisen, nach meinem Schicksale geforscht; sie haben immer bald verstanden, daß es mir schmerzlich sei, davon zu reden.« Diese Antwort machte den Fragen des Grafen ein Ende. Aber Corinna glaubte nun ihn verletzt zu haben; sie fürchtete, wiewohl unbewußt, er könne, da er mit Lord Nelvil eng verbunden schien, ihr durch ein ungünstiges Urtheil bei diesem schaden, und so bemühte sie sich bald, ihm wieder zu gefallen.

Fürst Castel-Forte trat jetzt mit einigen von Corinnens römischen Freunden ein. Es waren unter ihnen Männer von liebenswürdigem und heiterem Geist, mit gefälligen Formen und lebhaftem Verständniß für das Anregende in dem Gespräch der Andern, mit feiner Empfindung für das, was empfunden zu sein verdient. Die Trägheit der Italiener hindert sie, in der Gesellschaft, wie auch sonst im Leben, den ganzen Geist zu zeigen, den sie doch wirklich besitzen. Selbst in der Zurückgezogenheit kultiviren die meisten von ihnen die Geistesfähigkeiten nicht, welche ihnen die Natur gegeben. Dagegen freuen sie sich warm an allem Schönen, was ihnen ohne Mühe zufällt.

Corinna hatte viel Witz; sie bemerkte das Lächerliche mit dem Scharfsinn einer Französin, und schilderte es mit den Farben einer Italienerin. Aber ihre Herzensgüte blieb auch hier unverkennbar, sie schaute allenthalben hervor, und nie konnte man Berechnetes oder Feindliches in ihren Einfällen bemerken. Wie ja denn immer die kälteren Naturen leichter zu beleidigen im Stande sind; während der warme Geistesaufschwung sehr lebhafter Menschen fast stets von großer Gutmüthigkeit begleitet wird.

Oswald fand Corinna von einer Anmuth, deren holdselige Weise ihm durchaus neu war. Eine große und schreckliche Erfahrung seines Lebens war ihm durch eine Frau geschehen, durch eine hübsche und geistreiche Französin; aber Corinna glich dieser in keiner Beziehung.

Ihre Unterhaltung war gewissermaßen eine Mischung aller Geistesarten; in ihr vereinigte sich Begeisterung für die Kunst und Kenntniß der Welt, Feinheit des Empfindens und Gedankentiefe, endlich der ganze Zauber geistsprühender Unvorsichtigkeit, ohne daß darum ihre Gedanken unvollständig, ihre Reflexionen oberflächlich gewesen wären. Oswald war erstaunt und entzückt, beunruhiget und angezogen, er begriff kaum diese strahlende Vielseitigkeit, und fragte sich, ob das einigende Band so vieler, beinahe entgegengesetzter Eigenschaften Inkonsequenz oder Superiorität sei; ob sie aus dem Reichthum, Alles zu verstehen, oder weil sie Alles nach einander vergaß, so in einem Augenblick von der Schwermuth zur Heiterkeit, vom Tiefsinn zum Scherz, von der staunenswürdigsten Entfaltung ihrer Kenntnisse und Gedanken, zu der verführerischen Anmuth einer Frau überzugehen vermochte, die gefallen und einnehmen will. Doch lag so vollkommener Adel in diesem edlen Wunsche zu gefallen, daß ihm nur mit ächter Hochachtung begegnet werden konnte.

Fürst Castel-Forte war sehr mit Corinna beschäftigt, wie denn alle Italiener ihres Kreises ihr eine Zuneigung bewiesen, die sich in den zartesten Aufmerksamkeiten, in den angelegentlichsten Huldigungen äußerte. Dieser beständige Kultus, mit welchem man sie umgab, breitete über alle ihre Lebenstage einen gewissen Festesglanz; und Corinna war glücklich, so geliebt zu sein, glücklich, wie man es über ein schönes Klima, über süße Harmonien, über irgend welche angenehme Eindrücke im Allgemeinen ist. Das tiefe und große Gefühl der Liebe lag noch nicht auf ihren Zügen, die ganz Leben und Beweglichkeit waren. Oswald beobachtete sie schweigend; seine Gegenwart erhöhte ihre Liebenswürdigkeit; nur zuweilen, wenn ihr Gespräch am glänzendsten war, hielt sie, über seine äußere Ruhe verwundert, inne; sie wußte nicht, ob er ihr im Geheimen beistimme, oder sie tadle, und ob seine englische Anschauung ihm gestatte, derartigen Vorzügen einer Frau Beifall zu zollen.

Oswald war von Corinnens Zauber viel zu sehr hingerissen, um sich seiner früheren Ansichten über die, den Frauen ziemende Zurückgezogenheit zu erinnern; dagegen fragte er sich, ob man ihre Liebe erwerben könne, ob es möglich sei, auf sich allein so viele Strahlen des Glücks zu vereinigen? Er war geblendet und verwirrt, und obgleich sie ihn bei seinem Fortgehen sehr höflich zum Wiederkommen einlud, ließ er doch einen ganzen Tag verstreichen, ohne sie aufzusuchen; mit Schrecken gewahrte er die Sehnsucht, die ihn so mächtig zu ihr zog.

Zuweilen versuchte er den unseligen Irrthum seiner ersten Jugend gegen dieses Gefühl zu halten; doch mit Abscheu wies er dann den Vergleich zurück. Denn was ihn damals gefesselt hatte, war Kunst, und eine perfide Kunst, während Corinnens Wahrhaftigkeit über jeden Zweifel sich erhob. Woher kam ihre anziehende Macht? Von einem geheimen Zauber? Von ihrer dichterischen Begeisterung? War sie Armida oder Sappho? Durfte man hoffen, einen so hochfliegenden Geist jemals zu beherrschen? Wer konnte das entscheiden; aber jedenfalls fühlte man, daß nicht die Gesellschaft, sondern der Himmel selber dieses ungewöhnliche Weib gebildet, und daß ihr Geist der Nachahmung ebenso unfähig sei, als ihr Charakter der Verstellung. »O mein Vater!« rief Oswald; »wenn du Corinna gekannt hättest, wie würdest du sie beurtheilt haben?«

Zweites Kapitel.

Graf d'Erfeuil kam nach seiner Gewohnheit Morgens zu Lord Nelvil; er warf diesem vor, den vorhergehenden Abend bei Corinna versäumt zu haben; »Sie würden überdies sehr glücklich gewesen sein, wenn Sie dort gewesen wären.« – »Und weshalb?« – »Weil ich gestern die Gewißheit erlangt habe, daß Corinna lebhaftes Interesse an Ihnen nimmt.« – »Immer noch diese Leichtfertigkeit!« unterbrach ihn Lord Nelvil ungeduldig; »wissen Sie denn nicht, daß ich dergleichen nicht hören kann, noch mag?« – »Sie nennen die Schnelligkeit meiner Beobachtung Leichtfertigkeit?« fragte der Graf. »Habe ich darum weniger Recht, weil ich früher Recht habe? Ihr wäret wahrhaftig Alle für das glückliche Zeitalter der Patriarchen geboren, wo der Mensch fünf Jahrhunderte zu leben hatte; man hat uns mindestens vier davon gestrichen, lassen Sie sich das gesagt sein.« – »Meinetwegen«, erwiderte Oswald, »und diese plötzliche Beobachtung, was hat sie Ihnen entdeckt?« – »Daß Corinna Sie liebt! Ich besuchte sie gestern; sie nahm mich sehr gut auf, – sicherlich; aber ihre Augen waren auf die Thür gerichtet, um zu sehen, ob Sie mir folgten. Sie versuchte anfangs von andern Dingen zu sprechen; aber da sie sehr lebhaft und sehr natürlich ist, fragte sie endlich ganz einfach, warum Sie mich nicht begleitet hätten. Ich habe darauf ziemlich schlecht von Ihnen gesprochen, – Sie werden mir das nicht weiter übel nehmen; ich sagte unter Anderem, Sie wären ein finstrer und seltsamer Mensch; mit den Lobeserhebungen, in denen ich mich außerdem über Sie erging, verschone ich Sie.«

»Er ist traurig, sagte Corinna; ohne Zweifel hat er einen theuren Angehörigen verloren. Für wen trägt er das Trauerkleid? – Für seinen Vater, Madame, obgleich mehr als ein Jahr verflossen ist, seit er ihn verlor; und da nach dem Naturgesetz wir doch nun einmal länger, als unsere Eltern leben sollen, bilde ich mir ein, daß irgend ein anderer, geheimer Grund die Ursache seiner tiefen und anhaltenden Schwermuth ist. – O, rief Corinna, ich bin weit entfernt, zu glauben, daß dem Anscheine nach gleiche Schmerzen auch für alle Menschen die gleichen sein müssen. Der Vater Ihres Freundes, und Ihr Freund selbst sind vielleicht nicht von gewöhnlicher Art; ich bin fast geneigt, dies zu glauben. – Ihre Stimme war sehr sanft, mein lieber Oswald, als sie diese letzten Worte sprach.« – »Sind dies schon alle angekündigten Beweise von Theilnahme?« fragte Oswald. – »Nun, mein Gott«, entgegnete der Graf, »das genügt doch, um des Geliebtwerdens sicher zu sein; aber weil Sie mehr verlangen, sollen Sie mehr hören; das Wichtigste habe ich für's Ende verspart. Fürst Castel-Forte kam dazu, und berichtete, ohne zu wissen, daß er von Ihnen sprach, Ihr ganzes Abenteuer von Ancona; er erzählte es wirklich gut, und mit vieler Lebhaftigkeit, soweit ich dies, Dank den zwei italienischen Stunden, die ich bereits genommen, beurtheilen kann; aber es giebt in den fremden Sprachen so viele französische Worte, daß ein Franzose sie ja fast alle versteht, ohne sie gelernt zu haben. Ueberdies erklärte mir Corinnens Miene, was mir etwa entging. So sichtbar konnte man aus derselben die Aufregung ihres Herzens lesen! Sie athmete kaum, aus Furcht, ein einziges Wort zu verlieren, und als man nach dem Namen dieses Engländers fragte, stieg ihre Unruhe so sehr, daß es leicht zu ersehen war, wie bang sie fürchtete, es könne ein Anderer, als der Ihre, ausgesprochen werden!

Fürst Castel-Forte versicherte, er wisse nicht, wer dieser Engländer sei; und darauf rief Corinna, indem sie sich lebhaft zu mir wendete: »Nicht wahr, Herr Graf es ist Lord Nelvil?« – »Ja, Madame«, antwortete ich, »Sie rathen gut.« –Corinna war jetzt in Thränen. Sie hatte während der Erzählung nicht geweint; was in aller Welt gab es an dem Namen des Helden Ergreifenderes als an der Geschichte selbst?« – »Sie weinte!« rief Lord Nelvil, »ach, daß ich nicht dort war!« – Dann, plötzlich inne haltend, senkte er die Augen in äußerster Befangenheit; doch sprach er schnell weiter, denn er fürchtete, daß Graf d'Erfeuil seine geheime Freude bemerken, und dann auch wohl leicht trüben könne. »Wenn unser Abenteuer von Ancona erzählt zu werden verdient, gebührt auch Ihnen die Ehre davon, lieber Graf.« »Es wurde wohl«, antwortete dieser, »von einem sehr liebenswürdigen Franzosen, welcher dort mit Ihnen war, gesprochen; aber Niemand, außer mir, achtete auf diese interessante Episode. Die schöne Corinna bevorzugt Sie, und hält Sie ohne Zweifel für den Getreueren von uns Beiden. Der sind Sie nicht; vielleicht selbst werden Sie ihr größeres Leid bereiten, als ich es je gethan hätte. Aber die Frauen lieben den Schmerz, vorausgesetzt, daß es ein romantischer sei: folglich findet sie an Ihnen Gefallen.« – Lord Nelvil litt von jedem Wort des Grafen, doch was sollte er ihm erwidern? Es war des Franzosen Art, weder zu streiten, noch aufmerksam genug zuzuhören, um dann eine Meinung auszutauschen. Wenn er seine Worte einmal hingeworfen, interessirten sie ihn nicht mehr; und das Beste, was man thun konnte, war, sie so schnell als er selbst zu vergessen.

Drittes Kapitel.

Oswald ging Abends mit einem ganz neuen Gefühl zu Corinna; er dachte, daß er vielleicht erwartet sei. Welches Entzücken gewährt diese erste Morgenröthe des Einverständnisses mit dem geliebten Gegenstand! Ehe noch die Erwartung zur Erinnerung geworden, ehe noch die Leidenschaft sich in Worte verkörperte, ehe Beredtsamkeit malte, was man empfindet, giebt es in diesem ersten Werden süße, geheimnißvolle Träumereien, die flüchtiger noch sind, als das Glück, aber auch noch göttlicher.

Als Oswald in Corinnens Zimmer trat, fühlte er sich befangener, denn je. Er fand sie allein, und dies war ihm beinahe unlieb, er würde sie gern länger in zahlreicher Umgebung beobachtet haben; würde gewünscht haben, sich ihrer Neigung auf irgend eine Weise zu versichern, ehe er so unerwartet in eine Unterhaltung gezogen wurde, die Corinna in Betreff seiner herabstimmen konnte, wenn er, wie das sicher zu fürchten war, sich dabei verlegen, und aus Verlegenheit kühl verhielt.

Sei es nun, daß Corinna diese Stimmung Oswalds errieth, sei es, daß Aehnliches in ihr vorging, es schien ihr nöthig, das Gespräch, um es zu beleben, und die Befangenheit daraus zu verscheuchen, auf äußerliche Dinge zu leiten. Sie fragte Lord Nelvil, ob er schon einige von Roms Kunstschätzen gesehen habe. – »Nein«, erwiderte Oswald. – »Was haben Sie denn gestern gemacht?« fragte Corinna lächelnd. – »Ich blieb den ganzen Tag hindurch auf meinem Zimmer«, sagte Oswald. »Seit ich in Rom bin, sah ich nur Sie, oder war allein mit mir.« – Corinna wollte ihm von seinem Auftreten in Ancona reden; sie begann auch: »Gestern erfuhr ich« – dann hielt sie inne, und sagte: »Ich werde Ihnen davon sprechen, wenn Leute kommen.« Die ernste Würde in Lord Nelvils Benehmen machte sie schüchtern; und überdies fürchtete sie, zu viel Bewegung zu verrathen, wenn sie auf sein edles Verhalten bei jener Feuersbrunst zurückkam; es schien ihr, als ob sie gemessener sein könne, wenn sie nicht mehr allein mit ihm wäre. Oswald war von Corinnens Zurückhaltung, und der Offenheit, mit der sie, ohne es zu ahnen, die Gründe dieser Zurückhaltung verrieth, tief ergriffen; doch je mehr er sich verwirrte, desto weniger konnte er seinem Gefühl Ausdruck geben.

Er stand in plötzlicher Hast auf, und trat ans Fenster, dann fühlte er, wie unerklärlich Corinna ihn finden müsse, und ohne ein Wort zu sagen kehrte er auf seinen Platz zurück. Corinna war in der Unterhaltung sichrer, als Oswald; dennoch theilte sich seine Befangenheit auch ihr mit, und verlegen nach einem äußerlichen Anhalt suchend, griff sie auf der neben ihr lehnenden Laute ohne Plan und Zusammenhang einige Accorde. Die weichen Klänge schienen ihm Muth einzuflüstern. Schon hatte er gewagt, Corinna anzusehen, und wer konnte das, ohne von der warmen Begeisterung, die in ihren Augen leuchtete, erfaßt zu werden? – Hingerissen, und zugleich durch den Ausdruck von Güte, welcher den Glanz dieser Augen milderte, sicher gemacht, war er jetzt eben im Begriff zu sprechen, als Fürst Castel-Forte eintrat.

Nicht ohne Schmerz fand dieser Lord Nelvil mit Corinna allein, doch hatte er sich gewöhnt, seine Gefühle zu verbergen. Tiefe Beherrschung, welche sich bei den Italienern oft mit großer Gewalt der Leidenschaft vereint, war in ihm das Resultat schöner Mäßigung und natürlicher Güte. Er hatte sich darein ergeben, nicht den ersten Platz in Corinnens Neigung einzunehmen. Nicht mehr jung, mit vielem Geist, voll edlen Geschmacks für die Künste, mit ebenso viel Fantasie, als nöthig, um das Leben zu vermannigfaltigen, ohne es aufzuregen, war es ihm ein Bedürfniß geworden, seine Abende mit Corinna zu verbringen; hätte sie geheirathet, würde er ihren Gatten beschworen haben, ihm das tägliche Kommen in gewohnter Weise zu gestatten; und mit dieser Bedingung würde er nicht zu unglücklich gewesen sein, sie im Besitz eines Andern zu sehen. Das Leid des Herzens wird in Italien nicht durch den Stachel der Eitelkeit vermehrt. Daher begegnet man hier entweder Männern, die leidenschaftlich genug sind, ihren Rivalen aus Eitelkeit zu erdolchen, oder Bescheideneren, welche sich gern mit dem zweiten Platz neben einer ihnen angenehmen Frau begnügen; doch man wird kaum Jemand finden, der aus Furcht, für verschmäht zu gelten, irgend einen ihm zusagenden Verkehr aufgäbe. Die Macht der Gesellschaft über die Eigenliebe ist in diesem Lande äußerst gering.

Als Graf d'Erfeuil und Corinnens allabendlich sich um sie sammelnden Freunde eingetroffen waren, wandte sich das Gespräch auf die Gabe des Improvisirens, welche Corinna so glorreich auf dem Kapitol entfaltet hatte, und man fragte sie, was sie selber davon denke. – »Es ist so selten«, sagte Fürst Castel-Forte, »eine zugleich der Begeisterung und der Analyse fähige Persönlichkeit zu finden, die, künstlerisch schaffend, doch im Stande ist, sich selber zu beobachten, daß man sie anflehen muß, uns die Geheimnisse ihres Genius zu enthüllen, so viel sie es vermag.« – »Das Talent zum Improvisiren«, entgegnete Corinna, »ist in den Sprachen des Südens nicht ungewöhnlicher, als in anderen Sprachen der Redeglanz der Tribüne oder schöne Lebhaftigkeit in gesellschaftlichem Gespräche zu finden sein mögen. Mir scheint sogar, als ob es unglücklicherweise leichter bei uns sei, aus dem Stegreife zu dichten, als gut in Prosa zu sprechen: die dichterische Rede weicht derartig von der unserer Prosa ab, daß mit den ersten Versen die Aufmerksamkeit von dem poetischen Ausdrucke beherrscht, und so zu sagen der Dichter seinem Hörerkreise, und dessen Kritik, entrückt wird. Nicht allein der Weichheit des Italienischen, sondern wohl ebenso sehr dem starken und gebieterischen Schwunge seiner volltönenden Sylben muß man die Gewalt der Poesie bei uns zuschreiben. Das Italienische hat einen musikalischen Reiz, welcher uns am Klange der Worte ein Vergnügen finden läßt, das fast unabhängig von ihrer Bedeutung ist. Diese Worte haben meist alle etwas Malerisches oder Malendes: sie stellen dar, was sie bedeuten. Man fühlt, daß diese melodische, farbenreiche Sprache sich inmitten der Kunst und unter einem wolkenlosen Himmel entwickelte. Es ist folglich in Italien leichter, als irgendwo sonst, allein mit Worten zu entzücken, die ohne Tiefe der Gedanken, ohne Neuheit der Bilder sind. Die Poesie wendet sich, wie alle schönen Künste, nicht weniger an die Sinne, als an den Verstand. Ich darf indessen für mich betheuern, daß ich niemals improvisirt habe, ohne wahrhaft ergriffen zu sein, ohne mich von einem mir neuen Gedanken erhoben, ja fortgerissen zu fühlen, und so hoffe ich, mich etwas weniger als Andere auf den Zauber unserer Sprache verlassen zu haben. Diese kann, wenn ich so sagen darf, schon an sich, durch bloßes, zufälliges Erklingen, durch den Reiz des Wohllautes und des Tonfalles dem Ohr Vergnügen gewähren.«

»Sie meinen also«, fiel einer von Corinnens Freunden ein, »daß die Kunst der Improvisation unserer Literatur schädlich sei? Ehe ich Sie hörte, war ich auch dieser Ansicht, doch Sie haben mich ganz davon zurückkommen lassen.« – »Ich wollte eigentlich sagen«, erwiderte Corinna, »daß aus solcher Produktivität, aus solchem poetischen Ueberfluß eine große Menge alltäglicher Dichtungen hervorgehen müssen; aber ich liebe diese Fruchtbarkeit, wie ich unsere von tausend nutzlosen Blumen bedeckten Fluren liebe. Die allseitige Freigebigkeit unserer Natur macht mich stolz. Besonders interessant sind mir die Improvisationen der Menschen aus dem Volk; sie lassen uns in ihre Fantasie blicken, die anderswo verborgen bleibt, und nur bei uns sich so entwickelt. Sie verleiht den niedersten Klassen der Gesellschaft einen poetischen Anstrich und erspart uns jenen Widerwillen, den für das Gemeine in jeder Form zu empfinden wir uns doch nun einmal nicht erwehren können. Wenn unsere Sicilianer den Reisenden in den Barken mit ihrem anmuthigen Dialekt frohe Glückwünsche zurufen, und ihnen ein süßes, langes Lebewohl in Versen sagen, sollte man meinen, daß der reine Hauch des Himmels und des Meeres über der Fantasie dieser Menschen wehe, wie der Wind über die Aeolsharfe, – sollte man glauben, daß die Poesie, ebenso wie der Accord, nur das Echo der Natur sei. Noch ein Umstand läßt mich auf unsere Gabe zu improvisiren großen Werth legen, der nämlich, daß dieses Talent in einer zum Spotte neigenden Gesellschaft fast unmöglich wäre. Es bedarf, verstatten Sie mir den Ausdruck, es bedarf der Gutherzigkeit, der Unbefangenheit des Südens, oder vielmehr der Länder, wo man die Unterhaltung liebt, ohne das, was unterhält, zu kritisiren, auf daß die Dichter sich zu so gefahrvollem Unternehmen verlocken lassen. Ein spöttisches Lächeln würde genügen, ihnen die zu schneller und ununterbrochener Erfindung so nothwendige Geistesgegenwart zu rauben; die Hörer müssen sich mit uns erwärmen, ihr Beifall uns begeistern.« – »Aber Sie«, sagte endlich Oswald, der bisher geschwiegen, ohne jedoch den Blick von Corinna abzuwenden, »welcher Ihrer Dichtweisen geben Sie den Vorzug? dem Werke des Nachdenkens, oder jenem, das augenblickliche Eingebung schuf?« »Mylord«, erwiderte Corinna mit einem Ton, der viel Interesse und die feinere Empfindung achtungsvollen Hochhaltens ausdrückte, »darüber möchte ich Sie zum Richter setzen; wenn Sie aber verlangen, ich solle mich prüfen, wie ich selbst darüber denke, so gestehe ich, daß die Improvisation mir etwa dasselbe ist, wie eine lebhafte Unterhaltung. Ich binde mich durchaus nicht an dieses oder jenes Thema, ich überlasse mich am liebsten dem Eindruck, welchen die Theilnahme der Zuhörenden auf mich ausübt, und meinen Freunden schulde ich also grade in dieser Richtung den größesten Theil meines Talents. Leidenschaftliche Erregung, die durch eine Unterhaltung über mich kommt, in welcher wir große und edle, auf des Menschen geistiges Dasein sich beziehende Fragen, seine Bestimmung, seine Zwecke, seine Pflichten, sein Lieben behandeln, solche Erregung hebt mich zuweilen über mich selbst hinaus, – läßt mich in der Natur, in meinem eigenen Herzen kühne Wahrheiten, lebensvolle Redeweisen entdecken, die einsames Nachdenken allein nicht erzeugen könnte. Ich glaube dann von übernatürlichem Geiste beherrscht zu sein, und fühle klar, wie das, was aus mir spricht, mehr werth ist, als ich selbst. Dann begegnet es mir oft, daß ich den Rhythmus der gebundenen Rede verlasse und meine Gedanken in Prosa ausdrücke; zuweilen führe ich die schönsten mir bekannten Verse ausländischer Dichter an: denn sie sind mein, diese göttlichen Strophen, wenn sie meine Seele ganz durchdringen konnten. Mitunter suche ich auch die Gedanken und Gefühle, welche sich dem Worte entflüchtigen, durch harmonische Träumereien, ja durch ein Volkslied auf meiner Laute abzuschließen. Kurz, ich fühle mich Dichterin, nicht blos wenn eine glückliche Wahl von Reimen und Sylben, wenn eine reiche Zusammenstellung von Bildern den Hörer blendet, sondern wenn meine Seele sich aufschwingt, wenn sie wie aus höchster Höhe auf Selbstsucht und Niedrigkeit herabsieht, wenn eine schöne, schwere Handlung ihr am leichtesten werden würde; dann rede ich am Besten. Ich bin Dichterin, wenn ich bewundere, wenn ich verachte, wenn ich hasse, und Alles dieses nicht aus persönlichem Interesse fühle, sondern um der Würde des menschlichen Geschlechtes willen, und der Herrlichkeit der Welt!«

Corinna bemerkte jetzt, daß das Gespräch sie fortgerissen hatte; sie erröthete ein wenig, und sich zu Lord Nelvil wendend, sagte sie: »Sie sehen es, ich darf an so hohe Dinge nicht rühren, ohne jene innerste Erschütterung zu empfinden, welche die Quelle der idealen Schönheit in der Kunst, der Andacht in frommen Seelen, der Großmuth in Heldenherzen, welche endlich die Quelle der Selbstlosigkeit in hochsinnigen Menschen ist. Verzeihen Sie es mir, Mylord, obwohl eine Frau wie ich schwerlich denen ähnlich sieht, die man in Ihrer Heimat gutheißt.« – »Wer könnte Ihnen gleichen?« erwiderte Lord Nelvil; »und soll man für eine, in ihrer Art einzige Frau Gesetze machen?«

Graf d'Erfeuil schwelgte in höchstem Entzücken, wiewohl er nicht Alles, was Corinna gesagt, verstanden hatte; aber ihre Geberden, der Klang ihrer Stimme, ihre Art zu sprechen bezauberten ihn, und zum ersten Mal war er von nichtfranzösischer Anmuth so ganz gewonnen. Doch, um wahr zu sein, führten ihn auch Corinnens große Erfolge in Rom auf das hin, was er von ihr zu halten habe; und er gab, indem er sie bewunderte, seine gute Gewohnheit nicht auf, sich durch die Meinung Anderer leiten zu lassen.

Im Fortgehen sagte er zu Lord Nelvil: »Sie müssen zugeben, bester Oswald, daß ich Anerkennung verdiene, wenn ich einem so reizenden Geschöpf nicht den Hof mache.« – »Je nun«, entgegnete dieser, »ich höre allgemein, es sei gar nicht leicht, ihr zu gefallen.« – »Man sagt es«, erwiderte d'Erfeuil, »doch kann ich's kaum glauben. Eine alleinstehende, unabhängige Frau, die doch eigentlich das Leben einer Künstlerin führt, dürfte nicht schwer zu gewinnen sein.« – Lord Nelvil war von dieser Bemerkung verletzt; aber entweder entging dies dem Grafen, oder er hielt es dennoch für zweckmäßig, seine weitere Meinung auszusprechen, kurz er fuhr fort: »Doch ist damit nicht gesagt, daß, wenn ich überhaupt an die Tugend einer Frau glauben wollte, mich Corinna nicht ebenso gut, als jede Andere, überzeugen könnte. Sicherlich zwar sind ihre Blicke beredter, ihre Aeußerungen lebhafter, als es dessen bei Euch Engländern, und selbst bei uns bedarf, um an den Grundsätzen einer Frau zu zweifeln. Diese aber ist ein Weib von so überlegenem Geist, so tiefem Wissen, so seinem Takt, daß Alltagsregeln auf sie nicht anwendbar sind. Genug, – werden Sie es glauben: ich finde sie, ohngeachtet ihrer großen Natürlichkeit und der Unbefangenheit ihrer Rede, höchst imponirend! Gestern versuchte ich, während ich Ihr Interesse für Corinna völlig berücksichtigte, auf gut Glück auch ein paar Worte für mich anzubringen. Sie wissen schon, jene Redensarten, die da machen, was eben zu machen ist; werden sie erhört, ist's gut; hört man sie nicht, nun auch gut. Darauf hat mich Corinna hoch und kalt in einer Weise angesehen, die mich ganz verwirrt machte. Und doch ist's lächerlich, mit einer Italienerin befangen sein zu wollen, die Künstlerin, Dichterin, kurz Alles ist, was den Verkehr mit ihr für uns bequem machen sollte.« – »Ihr Name ist unbekannt«, erwiderte Lord Nelvil; »doch hat sie Lebensformen, die auf eine hohe Abkunft schließen lassen!« – »O«, rief d'Erfeuil, »nur in Romanen ist es Brauch, mit dem Schönsten hinter dem Berge zu halten; im wirklichen Leben pflegt man Alles zu sagen, was Ehre bringt, und selbst noch ein wenig mehr.« –»Ja«, erwiderte Oswald, »in solchen Kreisen, wo man nur an den auf einander zu machenden Effekt denkt; aber da, wo ein innerliches Leben gelebt wird, kann es Geheimnisse in den äußeren Verhältnissen geben, wie es Verborgenheiten in den Empfindungen giebt, und nur, wer Corinna zu heirathen beabsichtigt, hätte ein Recht zu fragen – – –« – »Corinna heirathen!« rief Graf d'Erfeuil mit lautem Lachen, »o, dieser Gedanke wäre mir im Leben nicht eingefallen! Glauben Sie mir, bester Nelvil, wenn Sie Dummheiten begehen wollen, dann müssen es welche sein, die wieder gut zu machen sind; aber was das Heirathen anbetrifft, da dürfen Sie nichts im Auge haben, als Vortheil und Schicklichkeit. Ich scheine Ihnen oberflächlich, mein Lieber, und nichts desto weniger möchte ich wetten, daß ich in meinen Einrichtungen für's Leben vernünftiger handeln werde, als Sie.« – »Ich glaube es auch«, erwiderte Oswald und sprach dann kein Wort mehr.

Durfte er denn dem Grafen sagen, daß in dieser Oberflächlichkeit viel Selbstsucht liege, und daß diese Selbstsucht allerdings vor den Verirrungen der Leidenschaft sichere, in denen man sich fast immer für Andere opfert? Mit leichtsinniger Denkart kann man wohl bald in der vortheilhaften Leitung seiner Angelegenheiten geschickt werden, denn in Allem, was im gesellschaftlichen wie öffentlichen Leben mit sogenannter Weltklugheit zu erreichen ist, kommt man noch eher mit den Eigenschaften, die einem fehlen, als mit solchen, die man besitzt, ans Ziel. Mangel an Begeisterung, Mangel an Ueberzeugung, Mangel an Gefühl, mit diesen negativen Schätzen ein wenig Klugheit, auch wohl Geist, gepaart, und die gesellschaftliche Stellung im praktischen Sinne, das heißt, Vermögen und Rang, erwerben und behaupten sich leicht. Indessen waren Graf d'Erfeuils Spöttereien Oswald doch peinlich gewesen. Er tadelte sie zwar, aber in seinen Grübeleien tauchten sie hie und da belästigend wieder auf.

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