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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Erstes Buch.

Oswald.

Erstes Kapitel.

Oswald, Lord Nelvil, Peer von Schottland, verließ im Winter der Jahre 1794 bis 1795 Edinburg, um nach Italien zu reisen. Er war von schöner und edler Gestalt, von vielem Geist, besaß einen großen Namen und ein unabhängiges Vermögen; aber tiefes Seelenleiden hatte seine Gesundheit zerrüttet, und die Aerzte, die für seine Brust fürchteten, verordneten ihm die Luft des Südens. Er folgte ihrem Rath, ob er gleich um die Erhaltung seines Lebens wenig besorgt schien; doch hoffte er in der Neuheit und Mannigfaltigkeit der wechselnden Umgebungen sich mindestens etwas zu zerstreuen. Ein großer Schmerz, der Verlust seines Vaters, war die Ursache seines Kränkelns; grausam zusammentreffende Nebenumstände, von zarter Gewissenhaftigkeit aufgeregte Vorwürfe, verbitterten seinen Kummer, und die Einbildung schuf ihre täuschenden Phantome noch mit hinein. Wenn man leidet, überzeugt man sich leicht, daß man strafbar sei, und der tiefe Gram trägt seine verwirrenden Qualen bis in das Gewissen. Mit fünfundzwanzig Jahren stand er muthlos vor dem Leben; sein Geist war den meisten Dingen gegenüber im Voraus schlußfertig, und sein verwundetes Gefühl glaubte nicht mehr an die Illusionen des Herzens. Niemand konnte sich seinen Freunden gefälliger und ergebener zeigen als er, wenn es darauf ankam, ihnen einen Dienst zu leisten; doch nichts, selbst nicht das Gute, was er that, gab ihm eine glückliche Stunde. Gern und mit Leichtigkeit opferte er seine Neigungen denen Anderer; indessen ließ sich dieses vollständige Aufgeben aller Selbstsucht nicht durch Großmuth allein erklären, sondern mußte oft seiner Traurigkeit beigemessen werden, die ihn verhinderte, Antheil an dem zu nehmen, was ihn selbst betraf. Gleichgültigen gefiel diese Weise; sie fanden dieselbe voller Anmuth und Liebenswürdigkeit. Wer ihn aber liebte, der fühlte auch, daß er sich mit dem Glücke Anderer wie ein Mensch beschäftige, der keines mehr für sich zu erwarten habe, und ein so gespendetes Glück empfängt man nur mit wehmüthiger Dankbarkeit.

Und doch besaß er einen reizbaren, gefühlvollen und leidenschaftlichen Charakter, in welchem sich Alles vereinigte, was Andere und uns selbst fortreißen kann. Aber Unglück und Reue hatten ihn gegen das Schicksal furchtsam gemacht, er glaubte es zu entwaffnen, wenn er nichts mehr von ihm forderte. In strenger Pflichterfüllung, in der Verzichtleistung auf allen Lebensgenuß, hoffte er Schutz gegen die Schmerzen zu finden, welche das Herz oft so furchtbar zerreißen. Was er erfahren und gelitten hatte, ängstete ihn, und kein Glück der Welt schien ihm die mögliche Wiederholung solcher Schmerzen aufzuwiegen; doch welche Art zu leben kann den vor ihnen schirmen, der im Stande ist, sie zu empfinden?

Lord Nelvil hoffte, er werde Schottland ohne Bedauern verlassen, weil er ohne Freude dort verweilte. Aber nicht so ist das Gefühlsleben reizbarer Menschen beschaffen. Er war sich der Bande nicht bewußt, die ihn an das Vaterhaus und an ein Stück trübe Vergangenheit knüpften. In dieser Heimat gab es für ihn Wege, Stege und Räumlichkeiten, denen er nicht ohne einen geheimen Schauder nahen konnte, und doch – als er sich entschloß, sie zu verlassen, fühlte er sich vollends vereinsamt. Wie Erstarrung kam es über sein Herz! Er hatte keine Thränen mehr, wenn er litt, und kaum vermochte er sich all die kleinen Umstände, deren er bisher mit so viel Rührung gedacht hatte, zurückzurufen. Seine Erinnerungen waren entseelt, da sie zu den Dingen, welche ihn nun umgaben, in keiner Beziehung mehr standen; er dachte nicht weniger an den Verlorenen, als bisher, aber es gelang ihm schwerer, sich dessen Bild zu vergegenwärtigen.

Zuweilen auch warf er sich's vor, den Ort zu verlassen, wo sein Vater gelebt und gestorben. »Wer weiß«, sagte er sich, »ob die Geister der Abgeschiedenen ihren Lieben überall folgen können? Vielleicht ist es ihnen nur vergönnt, den Ort zu umschweben, wo ihre Asche ruht. Vielleicht sehnt sich mein Vater in diesem Augenblicke nach mir, und es mag ihm nur die Kraft fehlen, mich anzurufen. Und ach! als er lebte, hat ihn da nicht ein Zusammenfluß unerhörter Zufälligkeiten überzeugen müssen, daß ich seine Vaterliebe verwirkt, daß ich mich gegen seinen Willen, gegen die Heimat, gegen alles Heiligste im Leben aufgelehnt?« Diese Erinnerungen verursachten Lord Nelvil ein so unerträgliches Leiden, daß er nicht allein sie Niemand hätte anvertrauen können, sondern daß er sogar um seiner selbst willen scheute, sie aufzuwühlen. Wie leicht bereitet man sich durch seine eigenen Grübeleien ein nicht wieder gut zu machendes Wehe!

Schwerer noch ist's, wenn man, um das Vaterland zu verlassen, über's Meer hinaus muß. Alles an einer Reise ist feierlich, deren erste Strecken der Ocean einnimmt; es scheint, ein Abgrund gähne hinter uns auf, und die Rückkehr sei für immer unmöglich. Ohnehin macht der Anblick des Meeres stets einen tiefen Eindruck; es ist das Bild der Unendlichkeit, welche ewig den Gedanken anzieht, in welcher dieser sich immer gern verliert. Oswald, an das Steuer gelehnt, und die Blicke auf die Wogen gerichtet, war dem Anscheine nach ruhig; denn Stolz und Schüchternheit gestatteten ihm fast niemals, zu zeigen, selbst nicht seinen Freunden zu zeigen, was er fühlte; aber im Innern stürmten quälende Empfindungen. Er rief sich jene Zeit zurück, als der Anblick des Meeres sein jugendliches Streben durch den Wunsch anfeuerte, die Wellen schwimmend zu durchbrechen, seine Kraft gegen sie zu messen. »Warum«, sagte er sich mit bitterem Unmuth, »warum gebe ich mich ohne Unterlaß solchem Sinnen und Träumen hin? In thätiger Geschäftigkeit, in eifrigen Leibesübungen, die uns das Gefühl von der Kraft des Daseins geben, liegt so viel heitrer Lebensgenuß! Der Tod selbst erscheint dann nur als ein Ereigniß, das vielleicht glorreich, sicher plötzlich und ohne vorhergehende Abnahme der Kräfte eintritt, – während jener Tod, der sich herbeischleicht, ohne daß der Muth ihn suchte, jener finstre Tod, welcher uns das Theuerste entreißt, was wir besitzen, der unserer Verzweiflung spottet, unsere stehenden Arme zurückstößt, und uns mitleidslos die ewigen Gesetze der Zeit und der Natur entgegenhält, während solch ein Tod eine Art von Verachtung einflößt für das Menschenschicksal, für die Ohnmacht des Schmerzes, für all die eitlen Anstrengungen, die ja doch vor der Nothwendigkeit zusammenbrechen.« –

Von dieser Art waren die Gefühle, welche Oswald beunruhigten und was das Unglückliche seiner Lage recht kennzeichnete: bei ihm vereinigte sich die Leidenschaftlichkeit der Jugend mit der Besonnenheit eines reiferen Alters. Er versenkte sich in Ideen, die seinen Vater während dessen letzter Lebenszeit vielleicht beschäftigt hatten, und trug die Glut seiner fünfundzwanzig Jahre in die schwermüthigen Betrachtungen des Alters hinein. Er war müde an Allem, und weinte doch um verlornes Glück, als ob die Illusionen ihm noch geblieben wären! Dieser dem Willen der Natur so widersprechende Gegensatz, – denn die Natur liebt Einheit und Abstufung im Laufe der Dinge – verwirrte Oswalds Seele bis in ihre Tiefen; doch blieben seine äußern Formen immer voller Sanftmuth und Harmonie, und seine Traurigkeit, weit entfernt, ihm Verstimmungen zu geben, machte ihn nur nachsichtiger und wohlwollender gegen seine Mitmenschen.

Während der Ueberfahrt von Harwich nach Emden war die See sehr bewegt. Lord Nelvil ertheilte den Matrosen manch guten Rath; die Reisenden beruhigte er, und als er endlich selbst in den Dienst mit eingriff, als er sogar den Platz des Steuermanns einnahm, war in all seinem Handhaben eine Gewandtheit und Kraft, die nicht allein die Folge großer Körpergeschicklichkeit sein konnten, die auch ebenso viel Geistesgegenwart verriethen.

Als man sich trennen mußte, drängte sich die ganze Mannschaft des Schiffes um Oswald. Alle wollten ihm Lebewohl sagen; Alle hatten sie ihm zu danken für tausend kleine, ihnen während der Ueberfahrt erwiesene Dienste, deren er sich freilich nicht mehr zu erinnern schien. Hie und da war es ein Kind gewesen, mit dem er sich lange beschäftigt; häufiger noch ein Greis oder ein Kranker, deren Schritte er gestützt, wenn das Schiff allzu heftig schwankte. Ein solches Zurücksetzen der eigenen Persönlichkeit war noch Keinem vorgekommen; sein Tag verstrich, ohne daß er davon einen Augenblick für sich selbst behielt; aus Schwermuth und Wohlwollen widmete er seine Zeit den Anderen. Beim Abschiede riefen ihm die Matrosen die besten Segenswünsche nach: »Theurer Herr, möchten Sie glücklicher werden.« Zwar hatte Oswald auch nicht ein einziges Mal seinem Schmerze gegen sie Ausdruck gegeben, und Leuten aus einer anderen Klasse wäre es nicht eingefallen, denselben zu bemerken, oder doch Oswald darum anzureden. Aber die Menschen aus dem Volk, denen die Höhergestellten sich selten anvertrauen, gewöhnen sich daran, fremdes Fühlen ohne Worte zu errathen; sie beklagen uns, wenn wir leiden, obwohl sie die Ursache unseres Kummers nicht kennen, und ihr frei gespendetes Mitleid ist ohne Beimischung von Tadel und dem meist so unnützen guten Rath.

Zweites Kapitel.

Reisen ist, was man auch sagen mag, eines der traurigsten Vergnügen des Lebens. Wenn man sich in einer fremden Stadt wohl fühlt, so ist's gewiß nur, weil man anfängt sich dort einzuheimen; aber ungekannte Länder durchstreifen, eine Sprache reden hören, die wir kaum verstehen, menschliche Gesichter sehen, welche weder zu unserer Vergangenheit noch Zukunft eine Beziehung haben, das ist Vereinsamung, ist ein Sichverlieren ohne Rast und Ruhe, und selbst ohne Würdigkeit. Denn dieses Treiben, diese Eile irgendwo anzukommen, wo Niemand uns erwartet, diese Erregung, deren einzige Ursache Neugierde ist, flößen uns wenig Schätzung für uns selber ein; bis endlich der Zeitpunkt kommt, wo uns die neuen Gegenstände ein wenig bekannter werden, und wir schon mit ein paar süßen Banden des Gefühls und der Gewohnheit an sie gekettet sind.

Daher nahm denn auch Oswalds Trübsinn zu, als er, um Italien zu erreichen, durch Deutschland reiste. Man mußte damals, des Krieges wegen, Frankreich und seine Nachbarstaaten meiden, und sich von den die Straßen oft völlig versperrenden Armeen fern halten. Diese Nothwendigkeit, sich mit den Einrichtungen, den Einzelheiten der Reise zu beschäftigen, täglich, fast stündlich, einen neuen Entschluß zu fassen, war Lord Nelvil ganz unerträglich. Seine Gesundheit, fern von Besserung, nöthigte ihn oft zu längerem Aufenthalt, wenn er vielleicht eben wo anzukommen eilte, oder doch wenigstens gern weiter gereist wäre. Sein Bluthusten kehrte wieder, und er glaubte dies wenig berücksichtigen zu dürfen, weil er, im Gefühl einer begangenen Schuld, sich mit großer Strenge anklagte. Er wünschte nur noch zu leben, um seinem Lande dienen zu können. »Hat das Vaterland nicht Rechte an uns?« sagte er sich. »Doch muß man ihm allerdings Nutzen bringen können, muß eine andere Existenz ihm bieten können, als die meine; der ich mich nach der Sonne des Südens schleppe, um von ihr einige belebende Strahlen zur Kräftigung gegen die eigene Schwäche zu erbetteln. Nur ein Vater würde mich, wie ich bin, noch gern aufnehmen, nur ein Vater mich noch lieben, – um so mehr, als Natur und Schicksal grausam mit mir verfuhren.«

Lord Nelvil hatte gehofft, daß der stete Wechsel der äußeren Umgebung seinen Geist von dem einförmigen Ideengang ablenken werde; doch vorläufig empfand er solche wünschenswerthe Wirkung durchaus nicht. Nach einem großen Unglück, das wir erfahren, müssen wir uns mit allen uns umgebenden Verhältnissen erst wieder vertraut machen, uns an die Gesichter gewöhnen, die man wiedersieht, an die Räume, welche man inne hat, an die wiederaufzunehmenden täglichen Beschäftigungen. Nichts vervielfältigt aber diese Anstrengungen, deren jede einen peinlichen Entschluß erfordert, so sehr, als eine Reise.

Lord Nelvils bestes und einziges Vergnügen war, die schönen Berge Tyrols zu durchstreifen. Er ritt hierbei ein aus der Heimath mitgenommenes Pferd, das gleich seinen schottischen Racegenossen die Höhen in schnellem Laufe zu erstürmen vermochte. Oft wich er von der großen Straße ab, um die bedenklichsten Fußpfade einzuschlagen. Anfangs sahen ihn die erstaunten Bergbewohner mit Schrecken am Rand der Abgründe; allein sie erkannten bald seinen Muth, seine sichere Gewandtheit und bewunderten ihn darum. Oswald liebte die Aufregung solcher Gefahr; sie hebt das Gewicht des Schmerzes hinweg; sie versöhnt auf Augenblicke mit einem Leben, das so leicht zu verlieren ist, und das, wenn wiedergewonnen, vielleicht erträglicher scheinen mag.

Drittes Kapitel.

In Inspruck erfuhr Oswald von einem Kaufmann, bei dem er einige Zeit gewohnt, die Geschichte eines emigrirten Franzosen, des Grafen d'Erfeuil, welche ihn sehr für diesen jungen Mann einnahm. Derselbe hatte den gänzlichen Verlust eines sehr großen Vermögens mit vollkommenstem Gleichmuth ertragen, hatte sich und einen bejahrten Onkel, den er bis zu dessen Tode gepflegt, durch sein musikalisches Talent erhalten, und alle Geldanerbietungen, die ihm durch Freundeshand gemacht worden, beharrlich ausgeschlagen. Während des Krieges hatte er die glänzendste aller Tapferkeiten – die französische – gezeigt, und in aller Widerwärtigkeit stets einen unverwüstlichen Frohsinn bewiesen. Er gedachte jetzt nach Rom zu gehen, um dort einen Verwandten, dessen einstiger Erbe er war, wiederzusehen, und wünschte sich, behufs angenehmeren Reisens, einen Gefährten, oder besser noch einen Freund.

Lord Nelvils schmerzlichste Erinnerungen knüpften sich an Frankreich; doch war er frei von den Vorurtheilen, die beide Nationen trennen, und sein Herzensfreund, ein Mann, welcher die größesten seelischen Eigenschaften in wundervoller Vereinigung besessen hatte, war ein Franzose gewesen. So bat er den Kaufmann, hier den Vermittler zu machen, und in seinem Namen mit jenem edlen und unglücklichen jungen Manne eine gemeinschaftliche Reise verabreden zu wollen; nach einer Stunde schon erhielt er die Antwort, daß sein Anerbieten mit Dank angenommen werde. Oswald war befriedigt, diesen Dienst leisten zu können, aber es kostete ihn große Ueberwindung, dem Alleinsein zu entsagen, und seine Schüchternheit litt sehr bei der Vorstellung, daß er nun plötzlich mit einem ihm bisher unbekannten Manne in beständigem, intimem Verkehr leben solle.

Graf d'Erfeuil kam nun, um Lord Nelvil seinen Dank auszusprechen; seine eleganten Formen, seine feine Höflichkeit verriethen die beste Erziehung, und mit liebenswürdiger Ungezwungenheit wußte er über das Peinliche hinwegzukommen, was eine erste Begegnung unter solchen Verhältnissen nothwendig an sich hatte. Wer ihn sah, glaubte schwer an das Ungemach, das er erlitten, denn er trug sein Geschick mit einem Muth, der gänzliches Vergessen schien, und in seiner Unterhaltung lag eine Leichtigkeit, die allerdings bewundernswürdig war, wenn sie seine eigenen Angelegenheiten behandelte, die aber – das ließ sich nicht ableugnen – weniger wohlthuend blieb, sobald sie sich auf andere Gegenstände erstreckte.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mylord«, sagte Graf d'Erfeuil, »daß Sie mir aus diesem Deutschland forthelfen, denn ich langweile mich hier zum Sterben.« – »Sie sind aber doch, wie ich höre, hier allgemein geachtet.« – »Ich lasse freilich wohl ein paar Freunde zurück, die ich sehr vermissen werde, denn man trifft in diesem Lande viel gute Menschen; allein ich verstehe kein Wort deutsch, und Sie werden mir zugeben, daß es etwas langweilig und ermüdend für mich gewesen wäre, es zu lernen. Seit ich das Unglück hatte, meinen Onkel zu verlieren, weiß ich nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Als ich mich ihm zu widmen hatte, war mein Tag ausgefüllt; jetzt schleppen sich die vierundzwanzig Stunden träge hin.« – »Das Zartgefühl, mit welchem Sie Ihrem Onkel begegneten, flößt die tiefste Verehrung für Sie ein«, sagte Lord Nelvil. – »Ich that nur meine Pflicht«, erwiderte der Graf, »der Arme hatte mich während meiner Kindheit mit Wohlthaten überhäuft; ich würde ihn nicht verlassen haben, und hätte er hundert Jahr gelebt. Doch ein Glück für ihn, daß er todt ist. Auch mir wäre der Tod ein Glück«, fügte er lachend hinzu, »denn ich habe wenig Hoffnungen auf dieser Erde. Im Kriege that ich mein Möglichstes, um getroffen zu werden; da nun aber das Schicksal mich verschonte, muß ich so gut zu leben suchen, als ich kann.« »Ich werde mir also Glück zu wünschen haben«, antwortete Lord Nelvil, »wenn Sie sich in Rom wohl gefallen und wenn –« »Du lieber Himmel«, unterbrach ihn Graf d'Erfeuil, »es wird mir überall gefallen; wenn man jung und frohen Muthes ist, findet sich ja das Uebrige von selbst. Nicht Bücher und Nachdenken haben mir zu meiner Philosophie verholfen, sondern die Gewohnheit des Lebens und des Unglücks; und Sie sehen wohl, Mylord, wie Recht ich habe, dem Zufall zu vertrauen, der mir soeben die schöne Gelegenheit bietet, Sie zu begleiten.« Hierauf verabredeten sie die Abreise auf den folgenden Tag; Graf d'Erfeuil grüßte den Lord mit leichter Anmuth und ging.

Sie brachen am nächsten Morgen auf. Nach den ersten Höflichkeiten sprach Oswald während mehrerer Stunden kein Wort; als er endlich bemerkte, wie dieses Stillschweigen seinen Genossen zu ermüden schien, richtete er an Jenen die Frage, ob er sich viel von der Reise verspreche. »Mein Gott«, erwiderte der Graf, »ich weiß ja, was man von diesem Lande allenfalls zu erwarten hat, und rechne daher nicht auf besonderes Vergnügen. Einer meiner Freunde, der sechs Monate in Italien gelebt hat, sagte mir, daß jede Provinz Frankreichs ein besseres Theater und angenehmere Geselligkeit biete, als Rom. Aber ich werde in dieser alten Weltstadt doch sicherlich ein paar Franzosen finden, mit denen ich plaudern kann, und das ist Alles, was ich verlange.« »Sie fühlten keine Neigung, das Italienische zu erlernen?« unterbrach Oswald. »Nein, durchaus keine«, erwiderte der Graf; »das lag nicht im Plan meiner Studien.« Und er nahm, als er dieses sagte, eine so vielbedeutende Miene an, daß man hätte glauben können, er rede von einem auf tiefste Ueberlegung gegründeten Entschlusse.

»Wenn ich's Ihnen gestehen soll«, fuhr Graf d'Erfeuil fort, »ich liebe unter den Nationen eigentlich nur die Engländer und die Franzosen; man muß stolz sein, wie Jene, oder glänzend wie Wir; alles Uebrige ist nur Nachahmung.« Oswald schwieg. Der Graf nahm nach einigen Minuten mit liebenswürdigster Heiterkeit die Unterhaltung wieder auf. In geistreicher, ungebundener Form spielte er mit dem Wort, mit der Phrase; doch lehnte sich sein Gespräch weder an äußerlich Wahrnehmbares, noch an das innere Empfinden: es hielt gewissermaßen die Mitte zwischen der Reflexion und dem Einfall, – vereinigte beide, und allein die Beziehungen der Gesellschaft lieferten den Stoff.

Er nannte Lord Nelvil wohl zwanzig verschiedene Namen, französische und englische, fragte, ob Jener sie kenne, und erzählte bei dieser Gelegenheit verschiedene Anekdoten mit der pikantesten Grazie. Doch wenn man ihn hörte, war es, als wolle er Einem begreiflich machen, daß die einzig geziemende Unterhaltung für einen Mann von Geschmack das medisirende Geschwätz der vornehmen Zirkel sei.

Lord Nelvil grübelte viel über des Grafen Charakter nach, über diese sonderbare Mischung von Muth und Frivolität, über diese Verachtung des Unglücks, die so groß gewesen wäre, wenn sie mehr Anstrengungen gekostet, so heroisch, wenn sie nicht in der Unfähigkeit zu allem tieferen Empfinden ihren Grund gehabt hätte. »Ein Engländer«, sagte sich Oswald, »würde unter ähnlichen Umständen von Sorgen überwältigt sein. Wo nimmt dieser Franzose seine Kraft her? Wo seine Beweglichkeit? Versteht er denn wirklich die wahre Kunst zu leben? Während ich mich für superior halte, bin ich vielleicht nur krank? Stimmt sein leichtes Dahinleben mit der Flüchtigkeit dieses Daseins besser, als meine Weise? Und muß man dem Nachdenken, wie einem Feinde, zu entrinnen suchen, statt sich ihm mit ganzem Ernste hinzugeben?« Umsonst hätte Oswald diese Zweifel zu beleuchten vermocht: Niemand kann aus der ihm zugewiesenen Geistessphäre heraus, und die Eigenschaften sind meist noch unbezwinglicher, als die Fehler!

Graf d'Erfeuil hatte für Italien keine Aufmerksamkeit, und machte es auch Lord Nelvil oft unmöglich, die seine darauf zu richten; unaufhörlich sprechend, suchte er diesen von der Bewunderung des schönen Landes und seines malerischen Reizes abzuziehen. Dennoch lieh Oswald, so viel er es vermochte, dem Flüstern des Windes, dem Rauschen der Wogen ein träumerisches Ohr; wie viel wohlthätiger waren ihm diese Stimmen der Natur, als die am Fuße der Alpen, unter erhabenen Ruinen oder am brausenden Meeresstrande ihm vorgetragenen Phrasen seines weltlichen Genossen!

Der Gram, welcher an Oswalds Seele zehrte, war dem Genusse der Schönheiten Italiens weniger hinderlich, als des Grafen Munterkeit; die Trauer einer fühlenden Seele kann sich sehr gut mit dem Entzücken an der Natur und der Freude an den schönen Künsten vereinigen; aber Leichtfertigkeit, unter welcher Form sie sich auch darbiete, raubt der Aufmerksamkeit ihre Spannung, dem Gedanken seine Originalität, dem Gefühl seine Tiefe. Eine der sonderbaren Wirkungen dieser Leichtfertigkeit war es, daß sie Lord Nelvil in seinem Verkehr mit dem Grafen viel Schüchternheit einflößte. Verlegenheit findet sich zumeist bei ernsten Charakteren. Geistreiche Leichtigkeit imponirt dem forschenden Geist; und wer sich glücklich nennt, scheint weiser, als der, welcher leidet. Graf d'Erfeuil war sanft, verbindlich, in Allem bequem, ernsthaft nur in der Eigenliebe; er war es werth, geliebt zu werden, wie er zu lieben verstand, das heißt, wie ein guter Kamerad in Freude und Gefahr; aber auf den getheilten Schmerz verstand er sich nicht. Er langweilte sich an Oswalds Schwermuth, und aus Gutherzigkeit sowohl, als aus Temperament, würde er sie gern zerstreut haben. »Was fehlt Ihnen?« fragte er oft; »sind Sie nicht jung, reich, und, wenn Sie nur wollen, auch gesund? Denn Sie sind nur krank aus Trübsinn. Ich habe mein Vermögen, meine Stellung verloren, ich weiß nicht, was aus mir werden wird, und erfreue mich doch des Lebens, als besäße ich alle Schätze der Welt.« »Sie besitzen einen ebenso seltenen als ehrenwerthen Muth«, erwiderte Lord Nelvil; »aber die Schicksalsschläge, von denen Sie betroffen wurden, sind viel weniger schwer zu tragen, als die Leiden der Seele.« »Die Leiden der Seele!« rief Graf d'Erfeuil, »ja, das ist wahr, das sind die grausamsten von allen ... aber ... dennoch muß man sich darüber trösten; denn ein vernünftiger Mensch soll Alles aus dem Gemüthe bannen, das weder ihm noch Andern frommen kann. Sind wir hienieden nicht dazu da, um vor Allem nützlich, und darauf glücklich zu sein? Mein lieber Nelvil, halten wir hieran fest.«

Was der Graf sagte, klang im alltäglichen Sinne des Wortes recht vernünftig, wie er denn auch in vieler Beziehung das war, was man einen guten Kopf nennt. Oberflächliche Menschen handeln bekanntlich selten thöricht und die leidenschaftlichen Charaktere sind stets viel mehr zur Thorheit bereit. Allein mit solcher Denkweise vermochte er nicht Lord Nelvils Vertrauen zu erregen; dieser hätte vielmehr den Grafen gern überzeugen mögen, daß er der Glücklichste der Menschen sei, nur um dem Unbehagen zu entgehen, welches dessen Trostgründe ihm bereiteten.

Dagegen wuchs des Franzosen Zuneigung für Lord Nelvil mit jedem Tage; die Resignation und Einfachheit desselben, seine Bescheidenheit und sein Stolz nöthigten ihm die größeste Hochachtung ab. Er umflatterte beweglich Oswalds ruhige Gelassenheit, und suchte gutmüthig Alles zusammen, was er in seiner Erinnerung von ernsterer Bedeutung auftreiben konnte, um Jenen damit zu unterhalten; und wenn es ihm dann nicht gelang, des Gefährten scheinbare Kälte zu besiegen, fragte er sich wohl verwundert: »Bin ich denn aber nicht voller Güte, voller Aufrichtigkeit und Muth? Bin ich nicht ein liebenswürdiger Gesellschafter? Was kann mir denn fehlen, um zu gefallen? Und ist zwischen uns vielleicht ein Mißverständnis das aus seiner unvollkommenen Kenntniß des Französischen entspringen mag?«

Viertes Kapitel.

Ein unvorhergesehenes Ereigniß vergrößerte um Vieles die Hochschätzung, welche Graf d'Erfeuil, fast ohne sich dessen bewußt zu sein, für seinen Reisegefährten empfand. Lord Nelvils Gesundheitszustand hatte ihn gezwungen, einige Tage in Ancona zu rasten. Berge und Meer vereinigen sich, dieser Stadt eine sehr schöne Lage zu bereiten; dazu geben ihr die vielen Griechen, welche, nach orientalischer Sitte, arbeitend vor ihren Buden sitzen, und die Verschiedenheit der morgenländischen Trachten, denen man in den Straßen begegnet, ein eigenthümliches und fesselndes Gepräge. Alle Kunst der Civilisation strebt unaufhörlich darnach, die Menschen in Erscheinung und Wirklichkeit einander gleich zu machen; dagegen Geist und malerischer Sinn sich in den Abweichungen gefallen, welche die Nationen charakterisiren. Die Menschen gleichen einander nur in der Liebe und in der Selbstsucht; alles Uebrige ist eigenartig. Darum gewährt die Verschiedenheit der Volkstrachten nicht blos den Augen ein angenehmes Vergnügen; es scheint, als mache sie auch eine neue Weise des Empfindens und Urtheilens nothwendig.

Der griechische, katholische und jüdische Kultus bestehen in Ancona friedlich und gleichberechtigt nebeneinander. Die Ceremonien dieser verschiedenen Religionsbekenntnisse weichen zwar ungemein von einander ab; doch ein gleiches Gefühl steigt aus ihnen zum Himmel empor, – ein gleicher Schmerzensschrei, – ein gleiches Schutzbedürfniß.

Die katholische Kirche liegt auf steiler Bergeshöhe und beherrscht von senkrechtem Felsen herab das Meer. Das Rauschen der Wogen mischt sich oft mit dem Gesange der Priester. Das Innere der Kirche ist mit einer Menge Zierrathen in ziemlich schlechtem Geschmack überladen; doch wenn man unter ihrem Portale steht, versucht man es wohl gern, den von hier aus sich darbietenden Anblick dieses hehren Meeres mit der reinsten aller seelischen Empfindungen, der Religion, in Verbindung zu bringen – dieses Meeres, dem der Mensch seine Spuren nicht aufzudrücken vermag. Die Erde hat er umgewühlt, Berge geebnet oder sie mit seinen Straßen durchschnitten, Flüsse in Kanäle eingezwängt, die Meeresfluthen aber, sie bleiben unversehrt, und wenn das Schiff auch für Augenblicke seine Furchen durch ihren Spiegel zog, es kommen die Wogen und löschen diese flüchtige Spur der Dienstbarkeit wieder aus, und das Meer scheint unberührt, wie es am Tage der Schöpfung war.

Lord Nelvil hatte beschlossen, seine Reise am folgenden Morgen fortzusetzen, als er in der Nacht von entsetzlichem Hülfegeschrei geweckt wurde. Er verließ schnell sein Zimmer, um die Ursache zu erfahren, und sah eine Feuersbrunst, die offenbar vom Hafen ausging, von Haus zu Haus weitergriff und schon den oberen Theil der Stadt arg bedrohte. Der Wind fachte das Feuer an, stürmte die Gewässer auf, und der Wiederschein der Flammen leuchtete aus den empörten Wogen herauf in rother, düsterer Gluth.

In Ermangelung des nöthigen Lösch-Apparates schleppten die Einwohner Ancona's das Wasser nur in Eimern herbei.Anmerkung der Autorin: Ancona war in dieser Beziehung noch in viel späterer Zeit ebenso schlecht versehen als damals. Durch das allgemeine Geschrei klirrten unheimlich die Ketten der Galeerensklaven, welche man zur Rettung der Stadt, die ihnen doch nur ein Gefängniß war, verwendete. Die verschiedenen, durch den Handel mit der Levante herbeigezogenen Fremden drückten ihren Schrecken meist nur durch betäubtes Staunen aus, und vollends verloren die ansäßigen Kaufleute beim Anblick ihrer brennenden Magazine alle Geistesgegenwart. Die Angst um bedrohtes Eigenthum verwirrt den Alltagsmenschen ebenso sehr, als die Todesfurcht; sie raubt ihm die nöthige Besonnenheit und verhindert jenes kühle entschlossene Sichdarüberstellen, das so oft den rettenden Gedanken eingiebt.

Das Schreien der Matrosen hat ohnehin immer etwas Schauerliches und jetzt, da es sich zu Angstrufen steigerte, erklang es klagend und fürchterlich. Aus den rothen und braunen Mantelkappen, wie sie die Seeleute des adriatischen Meeres tragen, starrten Gesichter hervor, auf denen sich die Furcht in tausend Abstufungen malte. Die Einwohner lagen verhüllten Hauptes auf der Straße, als ob ihnen nichts weiter zu thun bliebe, als ihren Untergang müßig abzuwarten. Andere warfen sich verzweifelnd in die Flammen. Abwechselnd sah man blinde Wuth und blindes Resigniren, aber überall fehlte die kalte Gelassenheit, welche Mittel und Kräfte verdoppelt.

Oswald erinnerte sich, daß zwei englische Fahrzeuge im Hafen lagen, die meistens wohl eingerichtete Pumpen an Bord zu haben pflegen; er eilte zum Kapitän, und mit diesem in ein Boot, um jene Spritzen zu holen. Die Leute, welche ihn abstoßen sahen, riefen ihm nach: »O, Ihr thut recht, Ihr Fremden, unsere unglückliche Stadt zu verlassen.« »Wir kommen wieder«, entgegnete Oswald. Sie glaubten es nicht. Doch kehrte er zurück, stellte eine der Spritzen vor dem ersten, am Hafen brennenden Hause auf, und ließ durch die andere die ganze Straße bestreichen. Graf d'Erfeuil setzte sein Leben mit sorglosem Muth auf's Spiel, und auch die englischen Matrosen wie die Bedienten Lord Nelvils kamen diesem zu Hülfe; denn die Bürger Ancona's blieben unbeweglich, verstanden kaum, was die Fremden beabsichtigten, und glaubten nicht an einen etwaigen Erfolg ihrer Bemühungen.

Glocken läuteten von allen Seiten, Priester und Processionen flehten jammernd zum Himmel, vor den Heiligenbildern lagen weinende Frauen, aber Niemand dachte an die natürliche Hülfe, welche Gott dem Menschen zu seiner Verteidigung gegeben. Als die Einwohner indessen die glücklichen Wirkungen von Oswalds Thätigkeit bemerkten, als sie sahen, daß die Flammen nicht weiter um sich griffen, und ihre Häuser verschont bleiben würden, gingen sie vom Erstaunen zur Begeisterung über; sie drängten sich um Lord Nelvil, küßten ungestüm seine Hände, und er war genöthigt, sie durch Zorn und Drohungen zurück zu weisen, damit die schnelle Folge seiner Anordnungen, und der zur Rettung der Stadt nöthigen Maßregeln nicht unterbrochen werde. Alle Welt ordnete sich nun seinem Befehle unter, weil in den kleinsten wie größten Verhältnissen, wo es Gefahr giebt, der Muth kühn seinen Platz einnimmt und behauptet: wenn die Leute Furcht haben, hören sie auf, eifersüchtig zu sein.

Oswald unterschied indeß in dem allgemeinen Getöse noch schrecklicheres Hülfegeschrei, das vom andern Ende der Stadt herüberdrang. Er fragte, woher diese Rufe kämen, und man antwortete ihm, sie gingen von dem Judenviertel aus. Die städtische Behörde ließ herkömmlich Abends die Barrieren dieses Viertels schließen, und als das Feuer nun nach dieser Seite hin um sich griff, konnten dessen jüdische Bewohner nicht entrinnen. Oswald schauderte bei dem Gedanken, und verlangte, daß man den Zugang zu diesen Straßen augenblicklich öffne. Als dies einige Frauen aus dem Volke hörten, warfen sie sich ihm zu Füßen, und beschworen ihn, es nicht geschehen zu lassen. »Sie sehen wohl«, sagten sie, »o, Sie unser Schutzengel, daß wir nur der hier weilenden Juden wegen die Feuersbrunst erdulden müssen; sie bringen uns nichts als Unglück, und wenn sie herausgelassen werden, reicht alles Wasser des Meeres nicht hin, die Flammen zu löschen.« Und sie flehten Oswald so beredt und dringend an, die Juden verbrennen zu lassen, als ob sie einen Akt der größten Barmherzigkeit begehrten. Böse waren diese Weiber nicht, nur abergläubisch, und von Schreck verwirrt; dennoch vermochte Oswald kaum seine Entrüstung zu bemeistern.

Er beauftragte einige englische Matrosen, die Barrieren, welche jene Unglücklichen einschlossen, mit Gewalt zu öffnen. Die aus ihrer Noth Befreiten breiteten sich nun augenblicklich über die ganze Stadt aus, stürzten sich um ihrer Habe willen auch wohl mitten in die Flammen, mit einer Gier des Besitzes, die etwas sehr Düsteres hat, wenn sie selbst die Scheu vor dem Tode bezwingt. Es scheint oft, als ob der Mensch in dem gegenwärtigen Zustande unserer Gesellschaft mit dem einfachen Geschenk des Lebens nichts mehr zu beginnen weiß.

Jetzt blieb nur noch ein, im höchsten Theile der Stadt gelegenes Haus, welches die Flammen schon dergestalt ergriffen hatten, daß es unmöglich schien, sie zu löschen, noch unmöglicher, sie zu durchdringen. Da die Bürger Ancona's für dieses Haus durchaus keine Theilnahme gezeigt, hatten die englischen Matrosen, es für unbewohnt haltend, ihre Spritzen schon wieder nach dem Hafen hinuntergeschafft. Oswald selbst, betäubt durch das Hülfegeschrei der ihn zunächst Umdrängenden, war noch nicht auf dasselbe aufmerksam geworden. Das Feuer hatte sich nach dieser Seite hin später, aber dann mit reißendem Fortschritt ausgebreitet. Lord Nelvil fragte jetzt ängstlich nach dem Zweck dieses Gebäudes, und erfuhr, es sei das Irrenhaus. Entsetzt rief er nach seinen Matrosen, doch sie waren nicht mehr in der Nähe; auch Graf d'Erfeuil hatte ihn verlassen, und umsonst wandte er sich an die Einwohner der Stadt; denn sie waren sämmtlich mit der Rettung ihres Eigenthums beschäftigt und sie fanden es nebenher thöricht, sich für Menschen preis zu geben, von denen nicht Einer anders als unheilbar verrückt war. »Es ist für sie und ihre Angehörigen eine Wohlthat des Himmels«, sagten sie, »wenn sie sterben, ohne daß es Jemandes Schuld ist.«

Von derartigen Reden begleitet, eilte Oswald dem Irrenhause zu; die Menge tadelte ihn, und folgte ihm dennoch mit einem Gefühl unfreiwilliger, unklarer Begeisterung. Dort angelangt, erblickte er an dem einzigen, von den Flammen noch verschonten Fenster einige Wahnsinnige, die das Umsichgreifen des Feuers mit jenem herzzerreißenden Lächeln verfolgten, welches entweder die Unkenntniß aller Lebensnoth, oder so viel tiefen Seelenschmerz voraussetzen läßt, daß keine Todesart mehr schaudern machen kann. Oswald war unaussprechlich erschüttert; einst, auf der Höhe seiner Verzweiflung, hatte auch er einen Augenblick gehabt, wo sein Verstand sich zu verwirren drohte, und seit jener Zeit flößte ihm der Anblick des Wahnsinns immer das schmerzlichste Mitleid ein. Er ergriff eine in der Nähe liegende Leiter, lehnte sie an, und stieg kühn durch das brennende Fenster zu einem Zimmer hinauf, welches die unglückseligen Bewohner des Hospitals eben Alle vereinigte.

Denn ihre Narrheit war sanft genug, um ihnen im Innern des Hauses das freie Umhergehen zu gestatten. Nur Einer lag in demselben Zimmer, durch dessen Thür das Feuer jetzt hereinbrach, ohne jedoch den Fußboden schon erfaßt zu haben, in eisernen Fesseln. Als Oswald inmitten dieser elenden, durch Krankheit und Leiden herabgekommenen Geschöpfe erschien, empfingen sie ihn mit Staunen, wie einen Zauberer, und gehorchten ihm anfangs ohne Widerstand. Er hieß Einen nach dem Andern die Leiter, die jeden Moment von den Flammen zerstört werden konnte, hinabsteigen. Der Erste dieser Beklagenswerthen folgte dem Befehle ohne Widerrede; Ton und Miene Lord Nelvils beherrschten ihn gänzlich. Auch ein Zweiter zeigte sich bereit; ein Anderer aber, die Gefahr nicht ahnend, die er so für sich und seinen Erretter immer näher herbeizog, weigerte sich. Das Volk sah das Entsetzliche von Lord Nelvils Lage, und rief diesem flehend zu, herabzukommen und die Wahnsinnigen ihrem Schicksale zu überlassen; aber der großmüthige Retter hörte nicht darauf und wollte sein Werk zu Ende bringen.

Von den sechs hier wohnenden Kranken waren fünf nun schon gerettet; es blieb nur noch der Letzte, der in Ketten lag. Oswald löste seine Fesseln, und wollte ihn in derselben Weise, wie die Vorhergehenden, entrinnen lassen; doch dieser arme, auch des letzten Verstandesfunkens beraubte junge Mensch raste, als er sich nach zweijähriger Kettenhaft plötzlich in Freiheit sah, mit gräßlicher Freude im Zimmer umher. Seine Freude verwandelte sich aber in Wuth, als Oswald ihn jetzt hinausschaffen wollte. Da dieser nun die Flammen immer näher dringen sah, und den Widerstrebenden nicht zur Selbstrettung bewegen konnte, trug er ihn, der Anstrengung nicht achtend, mit welcher Jener seinem Wohlthäter entgegenarbeitete, in seinen Armen die Leiter hinab; unten angelangt, übergab er den sich noch immer Sträubenden einigen Personen, die für ihn Sorge zu tragen versprachen.

Oswald, durch die eben bestandene Gefahr heiß erregt, mit gelösten Haaren, mit stolzem und gerührtem Blick, versetzte die zu ihm aufschauende Menge in fanatische Bewunderung; besonders drückten sich die Frauen mit einem Reichthum der Sprache aus, der in Italien eine fast allgemeine Gabe ist, und welcher den Reden der Leute aus dem Volke dort oft so vielen Adel verleiht. Sie warfen sich ihm zu Füßen, und riefen: »Ihr seid sicherlich St. Michael, der Patron unserer Stadt; entfaltet Eure Flügel, aber verlaßt uns nicht! Geht nach oben, auf den Thurm der Kathedrale, damit die ganze Stadt Euch sehe und Euch anbete.« »Mein Kind ist krank«, rief die Eine, »kommt und heilt es.« »Sagt mir«, fragte die Andere, »wo ist mein Gatte? Er verschwand vor mehreren Jahren.« Oswald suchte eben auf irgend eine Weise zu entkommen, als Graf d'Erfeuil herzutrat: »Theurer Nelvil, man muß doch aber etwas mit seinen Freunden theilen; es ist nicht schön, alle Gefahr allein auf sich zu nehmen«, sagte er mit einem Händedruck. »Helfen Sie mir hier fort«, erwiderte Oswald leise. Ein Augenblick der Dunkelheit begünstigte ihre Flucht, und Beide eilten, um Postpferde zu bestellen.

Lord Nelvil empfand in dem Bewußtsein jener That einige Befriedigung; doch mit wem konnte er sie theilen, jetzt, wo sein theuerster Freund nicht mehr war? Wehe den Verwaisten! Glückliche Ereignisse ebenso sehr als Sorgen mahnen sie stets wieder an die Einsamkeit ihres Herzens. Wie soll man auch diese, mit uns geborene Liebe ersetzen, dieses Einverständniß, diese Blutsverwandtschaft, diese durch den Himmel selber zwischen einem Kinde und seinem Vater vorbereitete Freundschaft? Man kann noch lieben, aber seine ganze Seele hingeben, ist ein Glück, das man schwer wiederfinden wird.

Fünftes Kapitel

Oswald eilte durch die Mark von Ancona und den Kirchenstaat nach Rom, ohne irgend etwas zu beachten, ohne sich für irgend etwas zu interessiren; seine schwermüthige Stimmung war davon die Ursache, und dann eine gewisse natürliche Schlaffheit, welcher ihn nur heftig erregte Leidenschaft zu entreißen vermochte. Der Geschmack für die schönen Künste war bei ihm noch unentwickelt; er hatte nur in Frankreich gelebt, dort ist die Gesellschaft Alles! und in London, wo wieder jedes andere Interesse von der Politik verschlungen wird. Noch versenkte sich seine bisher von so vielem Leid hingenommene Einbildungskraft nicht tief und ganz in die Wunder der Natur, in die Meisterwerke der Kunst.

Graf d'Erfeuil dagegen lief in jeder Stadt, mit einem Reiseführer in der Hand, umher, und hatte davon das doppelte Vergnügen, seine Zeit mit dem Durchstöbern von allerlei nutzlosem Zeug hinzubringen, und dann zu versichern, daß er nichts gesehen, was für den, der Frankreich kenne, noch der Rede werth sei. Des Grafen Blasirtheit entmuthigte Oswald vollends; außerdem hegte er gegen Italien und die Italiener manche Vorurtheile; das Geheimniß dieses Volkes und seines Landes hatte sich ihm noch nicht offenbart, ein Geheimniß, das man eher durch Divination zu verstehen suchen muß, als ihm mit dem Geiste des analytischen Urtheils, der in England so besonders vorherrschend ist, gegenübertreten zu wollen.

Die Italiener sind viel merkwürdiger durch das, was sie waren und sein könnten, als durch das, was sie gegenwärtig sind. Die Stadt Rom ist von einer Wüste umgeben, und dieser von Ruhm erschöpfte Boden, der weiteres Hervorbringen zu verschmähen scheint, ist für den, welcher ihn allein mit Nützlichkeitsgedanken betrachtet, nichts als ein unfruchtbares, unbebautes Stück Land. Oswald, von Kindheit auf an die Liebe zum Geregelten, an den öffentlichen Wohlstand gewöhnt, empfing zuerst, als er diese verlassenen Flächen in der Nähe Roms, der einstigen Königin der Welt, übersah, einen sehr ungünstigen Eindruck; streng tadelte er die Trägheit der Bewohner, und ihrer Lenker. Lord Nelvil beurtheilte Italien als aufgeklärter Staatsökonom, Graf d'Erfeuil als Weltmann: so empfand der Eine aus Verständigkeit, der Andere aus Oberflächlichkeit nicht die Wirkung, welche die Campagna Roms auf denjenigen macht, der sich in so viel Erinnerungen und Verluste, in die Schönheiten der Natur und das ruhmvolle Unglück lebhaft hineingedacht, welche alle über dieses Land einen wunderbaren Zauber verbreiten.

Graf d'Erfeuil brach über die Umgebungen Roms in drolliges Wehklagen aus. »Was!« rief er, »keine Landhäuser, keine Equipagen, nichts was die Nähe einer großen Stadt ankündigte! O, guter Gott! welche Oede!« Als sie sich den Thoren näherten, wiesen die Postillone mit Entzücken darnach hin. »Sehen Sie, sehen Sie! Und dort ist die Kuppel von St. Peter.« So zeigen die Neapolitaner ihren Vesuv, so die Küstenbewohner das Meer. »Man glaubt den Invalidendom zu sehen!« rief Graf d'Erfeuil. Dieser mehr patriotische, als richtige Vergleich zerstörte den Eindruck, welchen Oswald von dem ersten Schauen dieses erhabenen, durch Menschenkraft entstandenen Wunderwerks hätte empfangen können. Nicht am sonnigen Tage oder bei schöner Nacht kamen sie nach Rom, sondern Abends in grauem Wetter, das alle Gegenstände umnebelt und entfärbt. Sie fuhren über den Tiber, ohne es zu bemerken, und gelangten durch die Porta del Popolo auf den Corso, welcher zwar die größeste Straße des modernen Roms ist, aber auch jenem Stadttheile angehört, der die wenigste Originalität, und die meiste Aehnlichkeit mit andern großen Städten Europa's besitzt.

Das Volk lustwandelte in den Straßen; auf dem Platze, welchen die Säule des Antonius schmückt, zogen Puppentheater und Marktschreier zahlreiche Gruppen herbei. Oswalds ganze Aufmerksamkeit wurde durch das Zunächstliegende gefesselt. Der Name, der Begriff: »Rom« durchschauerte seine Seele noch nicht; er fühlte nur die bange Vereinsamung, welche uns das Herz zusammenschnürt, wenn wir eine fremde Stadt betreten, wenn wir die zahllosen Menschen sehen, denen unser Dasein ganz unbekannt ist, und mit welchen uns kein gemeinsames Interesse verbindet. Solche, für Jeden schon traurige Betrachtungen sind es für den Engländer noch viel mehr, dessen Gewohnheit es besonders ist, in sich abgeschlossen zu leben, und sich schwer den Sitten fremder Nationen anzubequemen. In dem weiten Caravanserai Rom ist Jeder nur Gast, selbst die Römer scheinen hier nicht wie Besitzende zu leben, sondern »wie Pilger, die unter Ruinen rasten.«Anmerkung der Autorin: Diese Betrachtung ist einem Aufsatze über Rom von Wilhelm von Humboldt entlehnt, der bekanntlich preußischer Gesandter in Rom war. – Oswald wünschte sehnlichst mit sich allein zu sein, und ging nicht einmal aus, um die Stadt in Augenschein zu nehmen. Er war weit entfernt zu ahnen, wie bald dieses Land, das er mit so niedergeschlagenen und traurigen Gefühlen betrat, ihm Quellen reichen Denkens und neuer Freuden bieten werde.

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