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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Zwanzigstes Buch.

Schluß.

Erstes Kapitel.

Nach dem, was sich in der Gemälde-Gallerie zugetragen, mußte Oswald sich wohl sagen, daß Lucile von seinem Verhältniß zu Corinna mehr wisse, als er vorausgesetzt; und es kam ihm endlich die Vermuthung, ihre Kälte und ihr Schweigen könnten vielleicht aus einem geheimen Kummer hervorgehen; dieses Mal indessen fürchtete er die Erklärung, vor welcher bisher Lucile zurückgebebt war. Diese würde, da nun das erste Wort gesprochen war, Lord Nelvil Alles offenbart haben, wenn er es gewollt; ihm aber war es zu schwer, grade jetzt, da er Corinna wiedersehen sollte, von ihr zu reden, sich vielleicht durch irgend ein Versprechen zu binden, genug, eine ihn so erschütternde Frage mit einer Frau zu verhandeln, die ihm stets ein Gefühl des Zwanges auferlegte, und deren Charakter er nur wenig kannte.

Sie gingen über die Apenninen, und fanden jenseits derselben das schöne Klima Italiens. Der im Sommer oft so erstickende Seewind verbreitete jetzt nur milde Wärme. Der Rasen war grün; kaum, so schien es, ging der Herbst zu Ende, und schon kündigte sich der Frühling an.

Auf den Märkten sah man Pomeranzen, Granatäpfel, Früchte aller Art, und nun hörte man auch die toskanische Mundart. Ach, alle Erinnerungen an das schöne Italien kehrten in Oswalds Seele zurück, aber keine Hoffnung kehrte wieder; nur Vergangenes lebte in seinen Empfindungen. Die weiche Luft des Südens wirkte auch auf Lucilens Stimmung; sie wäre jetzt vertrauender, lebhafter gewesen, wenn Lord Nelvil sie ermuthigt hätte; aber sie wurden Beide durch die gleiche Befangenheit zurückgehalten; Beide waren sie von der gegenseitigen Stimmung beunruhigt, und wagten nicht, sich mitzutheilen, was sie quälte. Corinna würde in solcher Lage sehr bald Oswalds wie Lucilens Vertrauen gewonnen haben; sie aber besaßen Beide dieselbe Art von Zurückhaltung, und je ähnlicher sie sich in dieser Beziehung waren, desto schwerer war es für sie, aus ihrer gezwungenen Stellung herauszutreten.

Zweites Kapitel.

In Florenz angekommen, schrieb Lord Nelvil an den Fürsten Castel-Forte, und wenige Minuten darauf wurde ihm der Besuch des Fürsten gemeldet. Dieses Wiedersehen bewegte Oswald so sehr, daß ihm lange jedes Wort fehlte; endlich wünschte er von Corinna zu hören. »Ich habe Ihnen nur Trauriges über sie mitzutheilen«, antwortete Fürst Castel-Forte, »ihre Gesundheit ist sehr schlecht und wird mit jedem Tage schlechter. Sie sieht Niemand, außer mir; es wird ihr oft sehr schwer, sich zu beschäftigen; indessen war sie ein wenig ruhiger, bis wir Ihre Ankunft in Italien erfuhren. Bei dieser Nachricht aber gerieth sie in eine entsetzliche Aufregung und, ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Mylord, das Fieber, von welchem sie längere Zeit befreit gewesen, ist seitdem in verstärktem Grade wiedergekehrt. Sie hat mir in Betreff Ihrer durchaus nichts mitgetheilt, denn ich vermeide mit großer Sorgfalt, Ihren Namen zu nennen.« – »Haben Sie die Güte, mein Fürst«, bat Oswald, »ihr den Brief zu zeigen, welchen Sie, vor beinahe fünf Jahren, von mir erhielten; er erzählt alle die einzelnen Umstände, welche es verhinderten, daß ich ihre Reise nach England nicht erfuhr, ehe ich Lucilens Gatte wurde; und nachdem sie ihn gelesen hat, sagen Sie ihr, ich bäte sie, mich zu empfangen. Ich muß sie sprechen, um, wenn es angeht, mich zu rechtfertigen. Ihre Achtung ist mir nothwendig, obgleich ich auf ihre Theilnahme keinen Anspruch mehr habe.« – »Ich werde Ihren Auftrag ausrichten, Mylord, und wünsche sehr, Sie vermöchten ihr wohl zu thun.«

Lady Nelvil trat in diesem Augenblicke ein; Oswald stellte ihr den Fürsten vor, und sie empfing ihn ziemlich kalt. Er sah sie sehr aufmerksam an, und ihre Schönheit mußte ihn wohl in Erstaunen setzen, denn er seufzte, und dachte an Corinna, und ging hinaus. Lord Nelvil folgte ihm. »Lady Nelvil ist sehr schön«, sagte der Fürst, »welche Jugend! welche Frische! Meine arme Freundin hat nichts mehr von diesem Glanz; aber Sie – Sie dürfen nicht vergessen, Mylord, daß auch Corinna in Schönheit leuchtete, als Sie sie zum ersten Male sahen.« – »Nein, ich vergesse es nicht«, rief Lord Nelvil, »o nein; niemals werde ich mir verzeihen ...« und unfähig, weiter zu reden, hielt er inne. Den Rest des Tages war er schweigsam und düster. Lucile versuchte nicht, ihn zu zerstreuen, und es verwundete ihn, daß sie es nicht versuchte. »Hätte Corinna mich traurig gesehen, würde Corinna mich getröstet haben«, sagte er sich.

Am folgenden Morgen trieb ihn seine Unruhe schon früh zum Fürsten Castel-Forte. »Nun?« fragte er diesen, »was hat sie geantwortet?« – »Sie will Sie nicht sehen«, erwiderte der Fürst. – »Und aus welchem Grunde?« – »Ich war gestern bei ihr, und fand sie in einer Aufregung, die schmerzlich anzusehen war. Sie ging, ohngeachtet ihrer großen Schwäche, mit raschen Schritten auf und ab. Ihre Blässe wurde zuweilen von hoher Röthe verdrängt, die aber bald wieder verschwand. Ich sagte ihr, Sie wünschten sie zu sprechen; darauf schwieg sie einige Augenblicke und erwiderte mir dann Folgendes, das ich Ihnen, da Sie es so verlangen, treu wiedergebe: »Er hat mir zu wehe gethan! ein Feind, der mich in einen Kerker gestürzt, der mich verbannt und geächtet hätte, würde mir das Herz nicht so zerrissen haben. Ich habe gelitten, was nie ein Mensch gelitten hat: eine Mischung von Liebe und Bitterkeit, die mir meine Gedanken zur fortwährenden Todesqual machte! Ich empfand für Oswald ebenso viel Begeisterung als Liebe; ich habe es ihm einst gesagt, – er muß sich dessen erinnern –: daß es mir schwerer sein würde, ihn nicht mehr zu bewundern, als nicht mehr zu lieben. Er hat den Gegenstand meiner Anbetung entweiht; er hat mich betrogen, freiwillig oder unfreiwillig, darauf kommt nichts an, – er ist nicht der, für den ich ihn hielt. Was that er für mich? Während eines Jahres beinahe hat er an dem Reichthum meines Geistes, hat er der Liebe sich erfreut, die er mir einflößte; und als er mich vertheidigen sollte, als seine Liebe zur That werden sollte, hat er da für mich gethan, für mich gehandelt? Kann er sich eines Opfers, einer großmüthigen Regung rühmen? Er ist jetzt glücklich, er besitzt alle Vortheile, die in der Welt gelten, und ich – ich sterbe. Er lasse mich in Frieden.« –

»Das sind harte Worte«, sagte Oswald. – »Sie ist durch das viele Leid erbittert«, entgegnete der Fürst; »oft habe ich sie in weicherer Stimmung gesehen; oft – erlauben Sie, daß ich's gestehe, – war sie gegen mich Ihre Vertheidigerin.« – »Sie finden mich also sehr strafbar?« fragte Lord Nelvil. – »Darf ich es Ihnen denn sagen? Ja; ich denke, Sie sind's«, antwortete der Fürst; »das Unrecht, das wir gegen eine Frau begehen, schadet uns nicht in dem Urtheile der Welt. Heute beten wir sie an, diese zerbrechlichen Götzenbilder, und morgen dürfen wir sie zertreten, ohne daß Jemand zu ihrer Vertheidigung aufstände. Eben deshalb ehre ich sie um so höher; denn die Sittlichkeit in Betracht ihrer kann nur durch unser Herz vertheidigt werden. Für uns entsteht durchaus kein Ungemach daraus, wenn wir ihnen Leids thun; und doch ist dieses Leid so fürchterlich! Ein Dolchstoß wird vom Gesetze bestraft, und das Zerreißen eines liebenden Herzens dient nur zum Gegenstand des Scherzes; – so gestatte man sich doch lieber den Dolchstoß!« – »Glauben Sie mir«, erwiderte Lord Nelvil, »auch ich bin sehr unglücklich gewesen; das ist meine einzige Rechtfertigung; und früher hätte Corinna auf diese gehört. Es kann sein, sie gilt ihr jetzt nichts mehr; dennoch will ich ihr schreiben. Ich glaube immer noch, daß sie die Stimme des Freundes, über Alles hinweg, was uns scheidet, vernehmen wird.« – »Gern werde ich ihr den Brief einhändigen, aber ich beschwöre Sie, schonen Sie sie! Sie wissen nicht, was Sie ihr noch sind! Fünf Jahre graben einen Eindruck nur tiefer, wenn kein anderes Bild ihn vernarben half. Wollen Sie sehen, wie Corinna jetzt ist? Durch eine wunderliche Grille, von der ich sie nicht gut zurückbringen konnte, vermag ich, Ihnen eine Vorstellung von ihr zu geben.«

Mit diesen Worten öffnete der Fürst die Thür seines Arbeitszimmers; Lord Nelvil folgte ihm in dasselbe. Er sah hier zuerst Corinnens Portrait, wie sie im ersten Act von Romeo und Julia erschienen war: mit dem Lächeln des Glücks und des Vertrauens, das an jenem Tage, als er am meisten von ihr hingerissen worden war, ihre Züge so glorreich verklärt hatte. In Oswalds Gemüth stand die Erinnerung an diese goldenen Feiertage mächtig wieder auf, und wie er noch in das Anschauen dieser holden Erscheinung vertieft war, nahm ihn der Fürst bei der Hand, und indem er den Vorhang von schwarzem Flor von einem anderen Bilde hinwegzog, zeigte er ihm die Corinna, die sich kürzlich erst für ihn hatte malen lassen: im schwarzen Kleide, dem venetianischen Costüme, das sie seit ihrer Rückkehr von England nicht mehr abgelegt. Oswald erinnerte sich plötzlich, wie sehr ihm einst in Hyde-Park eine so gekleidete Frau aufgefallen war. Was ihn aber am meisten bestürzt machte, das war die entsetzliche Veränderung in Corinnens Aussehen. Da stand sie: blaß wie der Tod, die Augen halb geschlossen; ihre langen Wimpern verschleierten den Blick und warfen einen Schatten auf ihre farblosen Wangen. Unter dem Bilde stand jener Vers aus dem Pastor fido:

A pena si può dir: Questa fu rosa.

Kaum kann man sagen: dies war eine Rose.

»Wie!« rief Lord Nelvil, »dies – dies ist sie jetzt?« – »Ja«, erwiderte Fürst Castel-Forte, »und seit vierzehn Tagen ist sie noch viel hinfälliger.« – Lord Nelvil stürzte hinaus, – ein Verzweifelnder, – das Uebermaß des Schmerzes verwirrte seine Vernunft.

Drittes Kapitel.

Zu Haus schloß er sich während des ganzen Tages in sein Zimmer ein. Als es Zeit war, zu Mittag zu speisen, klopfte Lucile leise an die Thür. Er öffnete. »Meine theure Lucile«, sagte er, »erlauben Sie, daß ich heute allein bleibe, und zürnen Sie mir nicht darum.« Lucile, welche die kleine Julia an der Hand hielt, neigte sich zu dem Kinde, küßte es, und entfernte sich ohne ein Wort der Erwiderung. Lord Nelvil verschloß die Thür von Neuem, und trat wieder an den Tisch, auf welchem der Brief lag, den er eben an Corinna schrieb. Aber mit Thränen sagte er sich: »Wäre es möglich, daß ich auch Lucile bekümmerte? Wozu ist denn mein Leben, wenn Alles, was mich liebt, durch mich unglücklich wird?«

Lord Nelvils Brief an Corinna.

»Wenn Sie nicht die großmüthigste Frau in der Welt wären, was könnte ich Ihnen dann noch zu sagen haben? Sie können mich mit Ihren Vorwürfen überhäufen, und, was noch viel entsetzlicher ist, mir durch Ihren Schmerz das Herz zerreißen. Bin ich denn ein Ungeheuer, Corinna, da ich dem, was ich liebte, so viel Schmerz bereitet? Ach, ich selbst leide so viel, daß ich mich nicht für ganz gewissenlos halten kann. Als ich Sie kennen lernte, Sie wissen es, lastete auf mir ein Kummer, der mir ins Grab folgen wird. Ich hoffte nicht mehr auf Glück. Lange kämpfte ich gegen Ihren Zauber an, und als er mich endlich besiegte, habe ich im Herzen auch stets ein Gefühl der Trauer – die Vorahnung eines unglücklichen Schicksals – mit mir herumgetragen. Bald glaubte ich, der Vater habe Sie mir gesendet, weil er im Himmel über mir wache, und es wolle, daß ich auf Erden noch einmal geliebt sei, wie er mich liebte; bald wieder fürchtete ich seinem Willen ungehorsam zu sein, wenn ich eine Ausländerin zur Gattin wählte, wenn ich von der mir durch Pflicht und Verhältnisse vorgeschriebenen Bahn abwiche. Diese letzte Ueberzeugung blieb die herrschende, als ich nach England zurückkehrte, und dort erfuhr, daß meine Liebe für Sie schon im Voraus von meinem Vater verurtheilt worden war. Hätte er gelebt, so würde ich mich berechtigt gehalten haben, in dieser Sache gegen seine väterliche Autorität zu handeln; die Todten aber hören uns nicht mehr, und ihr Wille wird uns nur theurer und heiliger dadurch, daß sie ihn nicht mehr behaupten können. Ich fand mich wieder gefesselt von den Banden und Gewohnheiten der Heimat, und begegnete nun Ihrer Schwester, die mein Vater mir bestimmt hatte, und welche dem Bedürfniß nach Ruhe, der Sehnsucht nach häuslicher Regelmäßigkeit so sehr zu entsprechen schien. In meinem Charakter liegt eine gewisse Schwäche, die mich vor Allem, was das Leben heftig erregt, zurückscheuen läßt. Mein Geist ist zwar durch neue Hoffnungen zu verleiten; aber ich habe so viel gelitten, daß meine kranke Seele Alles fürchtet, was sie starken Erschütterungen aussetzen könnte, was sie zu Entschließungen führen könnte, um derentwillen meine Erinnerungen und die mir angeborenen Neigungen verletzt werden müßten. Und doch, Corinna, wenn ich Sie in England gewußt hätte, würde ich mich niemals von Ihnen haben losreißen können; dieser wundervolle Beweis von Liebe hätte über mein ungewisses Herz entschieden. Ach! was nützt es, zu sagen, was ich gethan haben würde? Wären wir glücklich geworden? Bin ich fähig, es zu sein? Schwankend, wie ich bin, hätte ich ein noch so schönes Loos wählen können, ohne reuevoll auf ein anderes zu blicken?

Als Sie mir meine Freiheit wiedergaben, war ich gegen Sie erzürnt, und wendete mich den Ansichten zu, die gewöhnliche Menschen Ihnen gegenüber zu behaupten pflegen. Ich sagte mir, daß eine so überlegene Frau mich leicht entbehren könne. Corinna! ich weiß es, ich habe Ihnen das Herz gebrochen; damals aber wähnte ich, nur mich aufzuopfern. Ich glaubte untröstlicher zu sein, als Sie; glaubte, Sie würden mich vergessen haben, wenn ich Ihnen immer noch nachhängen würde; kurz – die Verhältnisse umstrickten mich. Auch darf ich es nicht läugnen, daß Lucile nicht nur die Gefühle, welche sie mir einflößt, sondern noch viel mehr verdient. Dennoch aber: seit ich Ihren Aufenthalt in England und Ihr Elend erfuhr, an dem ich schuldig bin, seitdem war mein Leben nur ein fortdauernder Schmerz. Vier Jahre hindurch suchte ich den Tod auf dem Schlachtfelde, überzeugt, Sie würden mich entsühnt halten, wenn Sie erführen, ich sei nicht mehr. Zwar haben Sie mir ja sicherlich ein Leben voller Qual und Schmerzen entgegenzusetzen, haben die edelste Treue einem Undankbaren, der sie nicht verdiente, bewahrt; aber bedenken Sie, daß das Leben der Männer sich nach tausend verschiedenen Richtungen hin ausgiebt, welche alle die Beständigkeit des Herzens nicht unterstützen. Wenn es indessen wahr ist, daß ich das Glück weder geben, noch finden konnte; wenn es wahr ist, daß ich allein bin, seit ich Sie verließ, daß ich nie aus Herzensgrund reden kann, daß die Mutter meines Kindes, die so viel Ansprüche an meine Liebe hat, meinem geheimsten Innern, wie meinen Gedanken fremd bleibt; wenn es wahr ist, daß eine immerwährende Traurigkeit mich in jene Krankheit zurückfallen ließ, welcher Ihre Sorgfalt, Corinna, mich einst entzogen; wenn ich nach Italien kam, nicht um mich zu heilen – Sie glauben nicht, daß ich das Leben liebe –, sondern kam, um Ihnen Lebewohl zu sagen: wenn das Alles so ist, und es ist so, werden Sie es mir verweigern, Sie noch einmal zu sehen, ein einziges Mal? Ich wünsche es, weil ich glaube, es würde Ihnen wohlthun. Nicht an mein eigenes Elend denke ich dabei. Was liegt daran, daß ich zerschmettert bin? Was liegt daran, daß eine furchtbare Last für immer auf meinem Herzen lagern wird, falls ich von hier fortgehn muß, ohne Sie gesprochen, ohne meine Verzeihung von Ihnen erhalten zu haben! Ich muß unglücklich sein, – ich muß! und gewiß, ich werde es sein. Aber mich dünkt, Ihr Herz werde sich leichter fühlen, wenn Sie an mich wie an Ihren Freund denken könnten; wenn Sie sehen würden, wie theuer Sie mir sind; es errathen würden aus den Blicken, aus der Stimme dieses Oswald, dieses Schuldbelasteten, dessen Schicksal mehr Veränderung erlitt, als sein Herz.

Ich ehre meine Fesseln, und liebe Ihre Schwester; aber das Menschenherz, wunderlich und inconsequent, wie es nun einmal ist, vermag diese Neigung und die, welche ich für Sie fühle, gleichzeitig zu umfassen. Ich habe Ihnen nichts von mir zu sagen, das sich schreiben ließe; alles, was ich zu erklären hätte, verurtheilt mich. Aber wenn Sie mich zu Ihren Füßen sähen, würden Sie über all mein Unrecht, über all meine Pflichten hinweg es erkennen, was Sie mir noch sind, und diese Unterredung würde Ihnen ein versöhntes Andenken zurücklassen. Ach, Beide haben wir keine sichere Gesundheit, und ich glaube nicht, daß der Himmel uns ein langes Leben bestimmt; daß der, welcher dem Andern vorangeht, sich von dem Freunde, den er auf dieser Welt zurückläßt, beweint, geliebt wisse! Dem Schuldlosen allein sollte dieses Glück zu Theil werden; aber bewilligen Sie es auch dem Schuldigen!

»Corinna, hehre Freundin! Sie, die Sie in dem Herzen lesen können, errathen Sie, was ich nicht sagen darf; verstehen Sie mich, wie Sie mich einst verstanden! Gewähren Sie's mir, Sie zu sehen; gewähren Sie, daß meine blassen Lippen Ihre müden Hände küssen. Ach! nicht ich allein habe dieses Wehe angerichtet: ein und dasselbe Gefühl hat uns Beide verzehrt: das Verhängniß ist's, das zwei Menschen schlug, die sich liebten; aber den Einen von ihnen hat es zum Frevler gemacht, und dieser, Corinna, ist vielleicht nicht am wenigsten zu beklagen!«

Corinnens Antwort.

»Wenn ich Ihnen nur zu verzeihen brauchte, um Sie zu sehen, würde ich es keinen Augenblick versagen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich keinen Groll gegen Sie habe, wiewohl der Schmerz, den Sie mir bereiteten, mich vor Entsetzen schaudern macht. Ich muß Sie wohl noch lieben, da ich so ohne allen Haß gegen Sie bin; die Religion allein würde nicht ausreichen, mich also zu entwaffnen. Ich habe Zeiten durchlebt, in denen meine Vernunft zerrüttet war; Zeiten – und diese waren die süßesten – wo ich mit jedem Tage an der Beklemmung, die mir das Herz zerdrückte, zu sterben glaubte; Zeiten auch, wo ich an Allem zweifelte, selbst an der Tugend: denn Sie waren ihr Urbild für mich hienieden, und ich hatte die Richtschnur für mein Fühlen und mein Denken verloren, als derselbe Schlag meine Anbetung und meine Liebe traf.

»Was wäre ohne den Beistand Gottes aus mir geworden? Es giebt nichts auf dieser Welt, das mir durch Ihr Andenken nicht vergiftet wurde. Mir blieb in der Tiefe meiner Seele eine einzige Zufluchtsstätte – Gott hat sie mir gewährt. Die Kräfte des Körpers schwinden hinweg, nicht aber die Begeisterung; sie ist mein Hort. Sich der Unsterblichkeit würdig zu machen, ist der einzige Zweck des Daseins; ich glaube dies mit Freudigkeit. Glück und Leid, sie sind nur die Mittel zu diesem Zweck; und Sie – Sie wurden erwählt, um mein Leben aus der Erde zu entwurzeln – ich hing ihr durch zu starke Bande an.

»Als ich Ihre Ankunft in Italien erfuhr, als ich Ihre Handschrift wieder sah, Sie dort – dort auf der andern Seite des Flusses wußte, habe ich in meiner Seele einen fürchterlichen Aufruhr durchlitten. Um zu bekämpfen, was ich fühlte, mußte ich mir unaufhörlich sagen, daß meine Schwester Ihre Frau sei. Ich will es Ihnen nicht verbergen: Sie wiederzusehen schien mir ein Glück, ein überschwängliches Aufwallen, das mein von Neuem trunkenes Herz Jahrhunderten der Ruhe vorgezogen haben würde. Aber die Vorsehung hat mich in dieser Noth nicht verlassen. Sind Sie nicht der Gatte einer Andern? Was konnte ich Ihnen zu sagen haben? Wäre es mir auch nur vergönnt, in Ihren Armen zu sterben? Und was bliebe mir für mein Gewissen, wenn ich kein Opfer brachte, wenn ich noch einen letzten Tag, noch eine letzte Stunde verlangte? Jetzt werde ich vielleicht vertrauensvoller vor Gott erscheinen, jetzt, da ich habe entsagen können, Sie zu sehen; dieser große Sieg wird meiner Seele Frieden geben. Das Glück, so ein Glück, wie ich's empfand, als Sie mich liebten, ist mit unserer Natur nicht in Uebereinstimmung: es bestürzt, es beunruhiget, es ist so bereit, vorüberzugehen. Aber beständiges Gebet und heilige Andacht, deren Zweck es ist, sich selbst zu veredeln, sich in Allem nach dem Gefühl der Pflicht zu entscheiden, die verhelfen zu wohlthätigem Stillhalten, und ich kann nicht ermessen, welche Empörung in diesem Leben der Ruhe, das ich mir errungen zu haben glaube, allein nur der Ton Ihrer Stimme wieder aufzurufen vermöchte. Es hat mir sehr wehe gethan, daß Sie Ihre Gesundheit so angegriffen nennen. Ach! nicht ich darf Sie pflegen, aber leiden darf ich noch mit Ihnen. Gott segne Ihre Tage, Mylord! Seien Sie glücklich, aber seien Sie es durch die Religion; der innige Verkehr mit dem Göttlichen scheint in uns selbst die Stimme zu erwecken, welche tröstende Antwort auf unsere Bekenntnisse ertheilt; sie bildet zwei Freunde aus der einen Seele. Könnten Sie noch nach dem suchen, was man »Glück« nennt? Ach! werden Sie denn Besseres als meine Liebe finden? Wissen Sie wohl, daß ich noch in den Einöden der neuen Welt mein Loos gesegnet haben würde, wenn Sie mir gewährt hätten, Ihnen dahin zu folgen? Wissen Sie, daß ich Ihnen wie eine Sklavin gedient hätte? Wissen Sie, daß ich vor Ihnen, wie vor einem Abgesandten des Himmels, im Staub gelegen haben würde, wenn Sie mich treu geliebt hätten? Und was haben Sie aus so viel Liebe gemacht? Was haben Sie gemacht aus einer Leidenschaft, die einzig war auf dieser Welt? Ein Unglück, einzig wie sie! Darum streben Sie nicht mehr nach Glück! Beleidigen Sie mich nicht damit, daß Sie es noch zu erlangen suchen! Beten Sie, wie ich, beten Sie, auf daß unsere Gedanken sich im Himmel begegnen.

Wenn ich mich aber meinem Ende ganz nahe fühlen werde, dann verberge ich mich vielleicht an irgend einer Stelle, wo ich Sie kann vorübergehen sehn. Warum sollte ich das nicht thun? Wenn meine Augen brechen, wenn es Nacht wird um mich her, und ich draußen nichts mehr unterscheide, dann werde ich Ihr Bild ja doch im Innern schauen, und wird es dann nicht sprechender sein, wenn ich Sie noch eben erst gesehen? Die Götter der Alten waren bei dem Tode der Menschen nicht gegenwärtig – ich werde Sie von dem meinen fern halten, aber ich wünsche, daß meinem erlöschenden Bewußtsein noch ein frisches Andenken Ihrer Züge vorschwebe. Oswald! Oswald! Was sage ich! Sie sehen, was aus mir wird, wenn ich mich der Erinnerung an Sie hingebe!

Weshalb hat Lucile nicht verlangt, mich zu sehen? Sie ist Ihre Frau, aber sie ist auch meine Schwester. Ich habe ihr innige und selbst hochherzige Worte zu sagen. Und weshalb hat man mir Ihre Tochter nicht gebracht? Darf ich Sie auch nicht sehen, so ist doch Ihre Familie auch die meine. Bin ich denn von ihr verstoßen? Fürchtet man für die kleine Julia meinen traurigen Anblick? Es ist wahr, ich bin nur noch ein Schatten, aber für Ihr Kind werde ich ein Lächeln haben. Leben Sie wohl, Mylord, leben Sie wohl! Meinen Sie, ich würde Sie Bruder nennen können, weil Sie der Gatte meiner Schwester sind? Ach, wenigstens werden Sie ein schwarzes Kleid für mich tragen, wenn ich todt bin, werden als Verwandter meinem Leichenwagen folgen. Meine Asche soll nach Rom gebracht werden; lassen Sie meinen Sarg denselben Weg nehmen, über welchen einst mein Triumphwagen zog, und ruhen Sie, mein gedenkend, an der Stätte aus, wo Sie mir einst den Lorbeer wiedergaben. Nein, Oswald, nein, – das ist Unrecht. Ich will nichts, was Sie betrübt. Ich will nur eine Thräne und einen Blick zum Himmel, in welchem ich Sie erwarten werde.«

Sechstes Kapitel.

Mehrere Tage verstrichen, ohne daß Oswald Ruhe finden konnte nach dem herzzerreißenden Eindruck, den ihm dieser Brief gemacht. Er floh Lucilens Gegenwart; ganze Stunden brachte er an dem Flusse zu, auf dessen jenseitigem Ufer Corinnens Haus zu sehen war, und zuweilen war er versucht, sich in die Fluthen zu stürzen, um von ihnen wenigstens todt bis zu jener Behausung getragen zu werden, deren Eintritt ihm jetzt untersagt blieb. Aus Corinnens Brief erfuhr er, daß sie die Schwester zu sehen wünsche, und obgleich ihn dieses Verlangen überraschte, hätte er es doch gern befriedigt. Wie aber dies mit Lucile zur Sprache bringen? Er sah es wohl, sie war durch seinen Kummer verletzt; er hätte gewollt, daß sie ihn frage, er konnte sich nicht entschließen, zuerst zu sprechen; und Lucile fand stets Auswege, um das Gespräch auf gleichgültige Gegenstände zu lenken, einen Spaziergang vorzuschlagen, kurz jede Unterredung abzuwenden, die zu einer Erklärung hätte führen können. Sie äußerte zuweilen den Wunsch, Florenz zu verlassen, um nach Rom und Neapel zu gehen. Lord Nelvil widersprach dem nie; er bat meist nur um ein paar Tage Aufschub, und Lucile willigte dann mit kalter und würdevoller Miene ein.

Oswald wollte Corinna wenigstens sein Töchterchen schicken, und heimlich befahl er der Wärterin, Julia hinzubringen. Als die Kleine zurückkam, ging er ihr entgegen, und fragte sie, ob ihr der Besuch Vergnügen gemacht habe. Julia antwortete mit einem italienischen Wort, dessen Aussprache an die Corinnens erinnerte, und ihn beben machte. »Kind, wer hat Dich das gelehrt?« fragte er. »Die Dame, von der ich eben komme.« – »Und wie war sie gegen Dich?« – »Sie hat sehr geweint, als sie mich sah«, antwortete Julia; »ich weiß aber nicht, weshalb. Sie küßte mich, und weinte, und das that ihr sicher weh, denn sie sieht sehr krank aus.« – »Und sie gefällt Dir, diese Dame?« – »O sehr, ich will alle Tage hingehn; sie hat mir versprochen, mich Vielerlei zu lehren; sie möchte, daß ich so wie Corinna würde, sagt sie. Was ist Corinna, lieber Vater? Die Dame hat es mir nicht sagen wollen.« – Auch der Vater sagte es ihr nicht, und wendete sich ab, um seine Rührung zu verbergen. Er befahl, daß Julia nun täglich auf ihren Spaziergängen zu Corinna geführt werde; vielleicht war es ein Unrecht gegen Lucile, so ohne ihre Einwilligung über das Kind zu verfügen. Die Kleine machte indeß nach Tagen schon die erstaunlichsten Fortschritte in ihrer Entwicklung. Ihr Lehrer des Italienischen war von ihrer Aussprache entzückt, und der in der Musik bewunderte schon ihre ersten Versuche.

Nichts vielleicht von allem, was geschehen war, hatte Lucile so viel Schmerz bereitet, als dieser Einfluß Corinnens auf die Erziehung ihrer Tochter. Sie wußte es durch diese, daß die arme Corinna, in ihrer Schwäche und Auflösung, sich die äußerste Mühe gebe, um sie zu unterrichten und ihr von ihrem Talent mitzutheilen, wie eine Erbschaft, die sie gern noch bei Lebzeiten abtrat. Lucile würde davon gerührt gewesen sein, wenn sie in all dieser Sorgfalt nicht immer die Absicht gesehen hätte, ihr Lord Nelvil zu entfremden, und sie kämpfte zwischen dem begreiflichen Wunsch, die Tochter allein zu erziehen, und dem Vorwurf, den sie sich machen mußte, wenn sie ihr einen Unterricht vorenthielt, der dem Kinde in so unglaublicher Weise zum Vortheil gereichte. Eines Tages trat Lord Nelvil ins Zimmer, als Julia eben ihre Musikstunde hatte; sie hielt eine ihrer Größe angemessene Harfe in Lyraform, ganz nach der Weise Corinnens, in ihren kleinen Armen. Man glaubte ein schönes Gemälde in Miniatur zu sehen, dem noch der unschuldsvolle Reiz der Kindheit sich zugesellte. Schweigend und erschüttert setzte Oswald sich nieder, und lauschte einem schottischen Lied, das die Kleine von Corinna spielen gelernt hatte, und welches diese Lord Nelvil einst in Tivoli vor einem Gemälde nach Ossian gesungen. Während Oswald athemlos zuhörte, trat Lucile leise in das Zimmer, ohne daß er's gewahrte, und als Julia nun zu Ende war, hob der Vater sie liebkosend zu sich hinauf. »Die Dame, die dort am Flusse wohnt, hat Dich also dieses Lied gelehrt?« fragte er. »Ja«, erwiderte das Kind; »aber es machte ihr so viele Mühe, und sie war oft recht krank dabei; doch wollte sie nicht aufhören, und ich mußte ihr versprechen, Dir das Lied an einem bestimmten Tag im Jahr immer zu wiederholen, am siebzehnten November, denke ich, war's.« »O, mein Gott!« rief Lord Nelvil und küßte sein Kind unter Thränen.

»Das ist zu viel, Mylord«, sagte Lucile, jetzt vortretend, auf Englisch zu ihrem Gemahl und nahm Julia bei der Hand; »mir auch noch die Liebe meiner Tochter abzuwenden; dieser Trost muß mir in meinem Unglück bleiben.« – Darauf ging sie mit Julia hinaus. Vergeblich wollte Lord Nelvil ihr folgen, – sie gestattete es nicht, und erst um die Essenszeit meldete man ihm, daß sie seit einigen Stunden allein, und ohne Angabe ihres Zweckes, ausgegangen sei. In tödtlicher Angst über ihre Abwesenheit harrte er ihrer lange, bis er sie mit einem Ausdruck der Ruhe und Sanftmuth eintreten sah, der sehr verschieden von dem war, was er erwartet hatte. Er wollte nun endlich mit Vertrauen zu ihr reden und sich ihre Verzeihung durch Aufrichtigkeit erwerben. »Gestatten Sie, Mylord«, erwiderte sie ihm, »daß diese uns Beiden so nothwendige Erklärung noch aufgeschoben werde. Sie werden in Kurzem die Gründe meiner Bitte erfahren.«

Wahrend des Speisens zeigte sie im Gespräch mehr Theilnahme als sonst; und auch in den nun folgenden Tagen bewies sie sich liebenswürdiger und lebhafter wie früher. Lord Nelvil begriff diese Veränderung nicht, deren Ursache folgende war: Lucile hatte sich durch den Verkehr ihrer Tochter mit Corinna, und durch den Antheil, welchen Lord Nelvil an den wunderbaren Fortschritten des Kindes nahm, sehr verletzt gefühlt. Alles, was sie seit lange in ihrem Herzen verschlossen gehalten, war in diesem Augenblick an's Licht gekommen, und wie es den Menschen wohl geht, wenn sie aus ihrem Charakter heraustreten, sie faßte einen raschen Entschluß und ging aus, um mit Corinna zu reden und sie zu fragen, ob sie ihr die Neigung ihres Gatten denn für immer zu entziehen gedenke. Lucile sprach muthig mit sich selbst, bis sie vor Corinnens Thür stand; dann aber kam eine solche Schüchternheit über sie, daß sie sich wohl niemals entschlossen haben würde, einzutreten, wenn Corinna, die sie vom Fenster aus gesehen, ihr nicht Theresina mit der Bitte entgegengeschickt hätte, sie möge doch hinaufkommen. Sie folgte dieser Aufforderung, und als sie nun die Schwester in ihrem jammervollen Zustande sah, schwand all ihr Zorn; tief bewegt und mit Thränen umarmte sie die Unglückliche.

Nun begann zwischen den Schwestern ein Gespräch voll gegenseitigen Freimuthes. Corinna gab hierzu das Beispiel, und es wäre für Lucile wohl unmöglich gewesen, dem nicht zu folgen. Den Einfluß, den Corinna auf alle Welt geübt, hatte nun auch Lucile zu empfinden: man konnte vor ihr keine Verstellung, keine Gezwungenheit beibehalten. Sie theilte Lucile mit, daß sie nur noch wenige Zeit zu leben habe, und ihre Schwäche, ihre Todtenblässe bewiesen das nur zu gut. Voller Einfachheit sprach sie mit Lucile über die zartesten Gegenstände; sprach von ihrem und Oswalds Glück. Aus dem, was Fürst Castel-Forte ihr erzählt, und mehr noch aus dem, was sie selbst errieth, wußte sie, daß oft Zwang und Kälte in dieser Ehe herrschten; und sich der Ueberlegenheit bedienend, die ihr durch ihren Geist und durch ihr nahes Ende verliehen war, unternahm sie es großmüthig, Lucilens Verhältniß zu Lord Nelvil glücklicher zu gestalten. Da sie dessen Charakter vollkommen kannte, suchte sie Lucile deutlich zu machen, weshalb es Jenem ein Bedürfniß sei, in der Frau, die er liebe, einer, in mancher Hinsicht von der seinen abweichenden Wesenheit zu begegnen: freiwilliges Vertrauen, weil seine natürliche Zurückhaltung ihn hinderte, um solches zu werben, mehr Theilnahme, weil er sehr zur Muthlosigkeit neigte, und Frohsinn, eben weil er schon von seiner eigenen Traurigkeit litt. Corinna schilderte nur sich selbst in den Sonnentagen ihres Lebens; sie beurtheilte sich, wie sie eine Fremde beurtheilt haben würde, und hielt es Lucilen eifrig vor, wie anziehend eine Frau sein müßte, die mit der tadellosesten Haltung, mit strengster Sittlichkeit doch den ganzen Zauber, die ganze Hingebung und den liebenswürdigen Wunsch zu gefallen verbände, wie sie alle zuweilen aus dem Bemühen entstehen, begangene Fehler vergessen zu machen.

»Es giebt Frauen«, sagte Corinna, »die nicht nur trotz ihrer Irrthümer, sondern wegen derselben geliebt werden. Der Grund dieses Widerspruchs ist vielleicht, daß sie liebenswürdig zu sein suchen, um sie sich verzeihen zu lassen, und keinen Zwang auferlegen, weil sie selbst der Nachsicht bedürfen. Sei also auf Deine Vortrefflichkeit nicht stolz, Lucile; laß Deinen Zauber darin bestehen, Dich nicht zu überheben, sondern sie vergessen zu machen: Du mußt zugleich Du und ich sein. Niemals darfst Du Dich durch Deine Tugend zu der leichtesten Vernachlässigung Deiner Anmuth berechtigt fühlen, und nimm sie nie zum Vorwande, um Dir Stolz und Kälte zu erlauben. Wenn dieser Stolz nicht gegründet wäre, würde er vielleicht weniger verletzen; aber ein Pochen auf seine Rechte erkältet das Herz des Andern mehr, als noch so unbegründet erhobene Ansprüche: die Liebe giebt besonders gern, was zu geben sie nicht verpflichtet ist.«

Lucile dankte der Schwester innig für die Beweise von Güte, die solch ein Rath enthalte, und Corinna fügte hinzu: »Wenn ich noch weiter leben müßte, würde ich ihrer auch nicht fähig sein; da ich aber nun sterben muß, ist es mein letzter, selbstischer Wunsch, daß Oswald in Dir und Deiner Tochter einige Spuren meines Einflusses wiederfinde, daß er wenigstens nie eines edlen Gefühls froh werde, ohne an Corinna denken zu müssen.« – Lucile war nun täglich bei der Schwester und bemühte sich mit liebenswürdiger Bescheidenheit, und noch liebenswürdigerem Zartgefühl, der Frau ähnlich zu werden, die Oswald am meisten geliebt hatte. Die Verwunderung desselben über Lucilens neue, wärmere Anmuth steigerte sich mit jedem Tage. Er errieth sehr bald, daß sie Corinna gesehen haben müsse, konnte aber darüber kein Zugeständniß von ihr erlangen. Corinna hatte gleich in der ersten Unterredung mit Lucile ein Geheimhalten ihres Verkehrs gefordert. Wohl hatte sie es sich vorgenommen, Oswald und Lucile einmal zusammen zu sehen, aber erst dann, wie es schien, wenn sie sich mit Gewißheit sagen dürfe, daß sie nur noch Augenblicke zu leben habe. Sie wollte Alles mit einem Male sagen, Alles auf einmal fühlen, und hüllte diesen Plan in so tiefes Geheimniß, daß selbst Lucile nicht wußte, auf welche Weise sie beschlossen habe, ihn auszuführen.

Siebentes Kapitel.

Da sie überzeugt war, daß ihre Krankheit todbringend sei, wünschte Corinna Italien und Lord Nelvil ein letztes Lebewohl zuzurufen, ein Lebewohl, das die Zeit noch einmal vergegenwärtigen sollte, als ihr Genius in seinem Glänze war. Diese Schwäche läßt sich begreifen, verzeihen. Liebe und Ruhm hatten sich in ihrem Wesen immer in Eins verschmolzen, und bis zu dem Augenblick, wo ihr Herz das Opfer aller irdischen Bande brachte, wünschte sie, der Undankbare, der sie verlassen, möge es noch einmal fühlen, daß er der Frau den Tod gegeben, die auf der Welt am Besten zu lieben, am Hochsinnigsten zu denken verstand. Zum Improvisiren reichte Corinnens Kraft längst nicht mehr aus, doch in der Einsamkeit schrieb sie dann und wann noch Verse nieder, und seit Oswalds Ankunft schien es, als habe sie an dieser Beschäftigung wieder lebhafteres Interesse gewonnen. Vielleicht wünschte sie, ihm zuletzt noch all das ins Gedächtniß zu rufen, was ihm durch Unglück und Untreue verloren gegangen war. So bestimmte sie denn einen Tag, an welchem sie im Saale der florentinischcn Akademie Alle um sich versammeln wollte, die sie noch einmal zu hören den Wunsch hegten. Sie vertraute dieses Vorhaben schließlich Lucilen an, und bat sie, mit dem Gatten zu erscheinen. »Meiner Auflösung nahe, darf ich das von Dir erbitten« sagte sie.

Oswald gerieth über Corinnens Entschluß in furchtbare Aufregung. Wollte sie diese Verse selbst lesen? Welcher Gegenstand wollte sie behandeln? Und nur die Möglichkeit, sie zu sehen, reichte ja schon aus, um sein ganzes Wesen außer Fassung zu bringen. Am Morgen des bezeichneten Tages trat der Winter, der sich in Italien so selten fühlbar macht, mit nordischer Härte auf. Ein schneidender Wind pfiff durch die Häuser, der Regen schlug heftig gegen die Fensterscheiben, und in seltsamem Widerspruch, von welchem man indessen in Italien häufiger, als sonst wo, das Beispiel erlebt, ließ sich in der Mitte des Januar zürnender Donner vernehmen, welcher der Niedergeschlagenheit über die schlechte Witterung noch ein Gefühl des Schreckens beimischte. Oswald sprach kein einziges Wort, obwohl alle äußeren Eindrücke die Fieberschauer seiner Seele noch zu vermehren schienen.

Er trat mit Lucile in den Saal und fand dort eine ungeheure Menge versammelt. In einer entfernten Ecke des weiten Raumes stand ein Lehnsessel bereit. Oswald hörte die Umstehenden sagen, Corinna werde ihn einnehmen, weil sie zu krank sei, um ihre Verse selbst vorzutragen. Aus Scheu, sich in ihrer Veränderung zu zeigen, hatte sie dieses Mittel gewählt, um Oswald zu sehen, ohne gesehen zu werden. Sobald sie wußte, daß er erschienen war, ging sie verschleiert zu dem ihrer wartenden Sitze; sie stützte sich dabei auf Andere, denn ihr Fuß schwankte schon, und von Zeit zu Zeit mußte sie inne halten, um Athem zu holen; die kurze Strecke war ihr eine beschwerliche Reise. Ach, so schleppend und mühevoll sind immer des Lebens letzte Schritte! Sie setzte sich, suchte Oswald mit den Augen, erkannte ihn, – und in ganz unwillkürlicher Bewegung erhob sie sich, streckte die Arme ihm entgegen, sank aber gleich darauf in ihren Stuhl zurück: mit abgewendetem Gesicht, wie Dido, als sie Aeneas in einer Welt begegnet, aus welcher menschliche Leidenschaften verbannt sind. Lord Nelvil, völlig außer sich, wollte zu ihr, – ihr zu Füßen stürzen; doch Fürst Castel-Forte hielt ihn zurück durch einen Hinweis auf die Ehrfurcht, welche er Corinna in Gegenwart einer so zahlreichen Versammlung schulde.

Ein junges, weißgekleidetes Mädchen, deren Haupt ein Rosenkranz schmückte, und die von Corinna ausersehen war, ihre Verse zu sprechen, erschien auf einer Art von Tribüne; ihr friedlich-sanftes Angesicht, auf welchem des Lebens Schmerzen noch keine ihrer Spuren zurückgelassen hatten, stand mit den Worten, die sie zu sagen hatte, in rührendem Gegensatz. Eben dieser Gegensatz hatte Corinna angezogen; er breitete über die düstern Gedanken ihrer gebrochenen Seele etwas wie Heiterkeit. Die Hörer wurden durch hohe, weiche Musik auf den zu empfangenden Eindruck vorbereitet. Oswald, der unglückliche Oswald konnte den Blick nicht von Corinna wenden, von diesem Schatten, der ihm wie ein schreckliches Traumbild in einer Nacht des Wahnsinns erschien; und unter Thränen vernahm er diesen Schwanengesang, den das Weib, an welchem er so gefrevelt, ihm noch ins tiefste Herz hineinrief.

Corinnens letzter Gesang.

»Empfanget meinen feierlichen Gruß, o meine Mitbürger! Schon drängt sich die Nacht vor meine Blicke, aber ist denn der Himmel nicht schöner in der Nacht? Dann schmücken ihn tausend Sterne, während er Tags doch nur eine Wüste ist. So auch offenbaren uns die Schatten der Ewigkeit zahllose Gedanken, die im Glanze des Wohlergehens vergessen lagen. Doch die Stimme, die sie nun verkünden sollte, ermattet nach und nach; die Seele zieht sich in sich selbst zurück und sucht ihre letzte Glut zusammen zu schüren.

Schon in den Tagen meiner frühesten Jugend gelobte ich mir, den Namen einer Römerin zu ehren, bei dem das Herz noch heute höher schlägt. Du freigebiges Volk, das mir den Ruhm vergönnte, aus dessen Tempeln du die Frauen nicht verbannest, das die unsterbliche Begabung nicht einer vorübergehenden Eifersucht opfert, das dem Aufschwunge des Genius stets seinen Beifall schenkt! Des Genius, der ein Sieger ist ohne Ueberwundene, ein Eroberer ohne Beute, der aus der Ewigkeit schöpft, um das Zeitliche zu bereichern!

Mit welchem Vertrauen beseelten mich früher die Natur und das Leben! Alles Unglück', glaubte ich, entstehe nur aus zu wenigem Denken, aus zu mattem Fühlen; ich glaubte, man könne schon auf Erden eine himmlische Glückseligkeit sich schaffen, die doch nichts weiter ist, als Ausdauer in der Begeisterung, und Beständigkeit in der Liebe.

Und ich bereue sie nicht, diese großherzige Schwärmerei! Nein, nicht sie hat mich die Thränen vergießen lassen, von denen der Staub getränkt ist, der mich aufnimmt. Ich hätte meine Bestimmung erfüllt, ich wäre der Wohlthaten des Himmels würdig gewesen, wenn ich meine weithin tönende Leyer nur dem Preise der göttlichen Güte geweiht hatte, die im großen All sich offenbart.

Du verwirfst nicht, o mein Gott, den Tribut des Talents. Die Huldigung der Dichtkunst ist andachtsvoll und auf den Flügeln des Gedankens kann man sich dir nahn.

In der Religion giebt es nichts Beschränktes, nichts Knechtisches, nichts Endliches. Sie ist grenzenlos-unendlich – ewig; und fern davon, daß Geist und Einbildungskraft von ihr abwendig machten, tragen sie uns in hohem Flug über die Schranken des Lebens hinaus, und das Erhabene in jeder Richtung ist nur der Abglanz der Gottheit.

Ach, hätte ich nur sie allein geliebt, hätte ich meine Gedanken im Himmel geborgen, dem Schutz vor irdischer Leidenschaft, dann würde ich nicht vor der Zeit geknickt worden sein, Würden sich nicht schreckliche Gesichte an die Stelle meiner goldenen Traumbilder gedrängt haben. Ich Unglückselige! Mein Genius, wenn er noch vorhanden, ist nur aus der Gewalt meines Schmerzes zu ahnen, nur unter den Zügen dieser feindlichen Macht ist er noch erkennbar.

So lebe denn wohl, o meine Heimat; lebe wohl, du Stätte, wo ich das Licht erblickte. Erinnerungen meiner Kindheit, lebt wohl! Was habt ihr mit dem Tode zu schaffen? Und Ihr, die Ihr in meinen Schriften Gedanken antrafet, die den Euren antworteten, Ihr, meine Freunde, lebt wohl, wo Ihr auch sein mögt. Nicht für eine unwürdige Sache hat Corinna so viel gelitten; sie hat ihr Anrecht auf Euer Mitleid nicht verwirkt.

Schönes Italien! umsonst verheißest Du mir Deinen ganzen Zauber! Was vermagst Du über ein verlassenes Herz? Möchtest Du mir neues Wünschen erregen, um neue Schmerzen wieder zu erwecken? Möchtest Du mich an das Glück erinnern, auf daß ich mich gegen mein Schicksal empöre?

Ich unterwerfe mich ihm mit Ergebung. O Ihr, die Ihr mich überlebt, gedenket meiner, wenn der Frühling kommt, gedenket, wie ich seine Schönheit liebte, wie oft ich seine Herrlichkeit besungen! Erinnert Euch zuweilen meiner Verse, sie tragen das Gepräge meiner Seele; doch meine letzten Gesänge wurden von unheilvollen Musen eingegeben, von der Liebe und dem Unglück.

Wenn die Absichten der Vorsehung sich an uns erfüllt haben, dann bereiten Harmonien, die unsere Brust durchziehen, auf das Erscheinen des Todesengels vor. Er ist nicht abschreckend, nicht furchterregend; seine weißen Flügel leuchten durch die Nacht, die ihn umgiebt, und von tausend Vorahnungen wird sein Kommen verkündet.

Im Flüstern des Windes glaubt man seine Stimme zu hören; die langen Schatten, welche der sinkende Tag über das Gefilde breitet, sie scheinen die Falten seines schleppenden Gewandes. Um Mittag, wenn Alle, denen das Leben gehört, nur einen heitern Himmels nur eine gütige Sonne sehen, gewahrt der vom Todesengel Angerufene in der Ferne ein Gewölk, das seinen Augen bald die ganze Natur verdecken wird.

Hoffnung – Jugend – des Herzens Wallen und Wünschen – ihr seid dahin! Doch fern sei mir die trügerische Rückschau. Wenn man mir noch ein paar Thränen gönnt, wenn ich mich noch geliebt glaube, so ist's, weil ich eben gehen will. Wollte ich mich wieder zum Leben wenden, so wendeten sich auch alle seine Dolche wieder gegen mich!

Und Du, o Rom, das meine Asche bewahren wird, das so Vieles hat sterben sehn, vergieb mir, wenn ich mit zagendem Schritt mich Deinen großen Todten zugeselle; vergieb mir, daß ich klage! Gefühle, die vielleicht edle, Gedanken, die vielleicht fruchtbringende gewesen wären, erlöschen mit mir, und von allen seelischen Fähigkeiten, die mir die Natur gegeben, ist die zu leiden die einzige, welche ich in ihrem ganzen Umfange verübt habe.

Was thut's, ich gehorche. Wie es auch sei, das große Geheinmiß des Todes, es muß doch Ruhe bringen. Ihr bürgt mir dafür, ihr schweigenden Gräber! Du bürgst mir dafür, wohlthätige Gottheit! Ich hatte gewählt auf Erden, und mein Herz hatte keine Zuflucht mehr. Du entscheidest für mich; mein Schicksal wird um so viel würdiger sein!«

Hier schloß Corinnens letzter Gesang; durch den Saal zog trauriges, ehrfurchtsvolles Beifallsgeflüster. Lord Nelvil unterlag der Gewalt seiner Erschütterung und verlor gänzlich das Bewußtsein. Corinna sah ihn in diesem Zustande, sie wollte hin zu ihm, aber ihre Kräfte verließen sie in dem Augenblick, als sie sich zu erheben versuchte. Man trug sie nach Hause, und von nun an gab es für ihre Rettung vollends keine Hoffnung mehr.

Sie ließ einen würdigen Geistlichen rufen, zu dem sie großes Vertrauen hegte, und redete lange mit ihm. Auch Lucile ging zu ihr; Oswalds Schmerz hatte sie so bewegt, daß sie die Schwester auf den Knieen beschwor, ihn kommen zu lassen. Corinna versagte es, doch ohne allen Groll. »Ich verzeihe ihm«, sagte sie, »daß er mir das Herz gebrochen; die Männer wissen nicht, was sie Böses thun, und die Gesellschaft unterstützt sie, überredet sie, daß es nur ein Spiel sei, ein Frauenherz mit der höchsten Seligkeit zu erfüllen, und es dann in Verzweiflung zu stürzen. Im Augenblick des Sterbens aber hat Gott mir gnädig Ruhe verliehen, und ich fühle, daß Oswalds Anblick Empfindungen in mir aufstürmen würde, die nicht mit den letzten Todesgedanken zu vereinigen sind. Nur die Religion hat den Schlüssel zu dem furchtbaren Uebergang. Ich verzeihe ihm, den ich so heiß geliebt«, fuhr sie mit schwacher Stimme fort, »er lebe glücklich mit Dir! Aber möge er der armen Corinna gedenken, wenn einst auch seine Todesstunde kommt! Sie wird über ihm wachen, wenn es Gott gefällt. Denn es giebt kein Aufhören für eine Liebe, die stark genug ist, um das Leben zu verzehren.«

Oswald stand auf der Schwelle ihres Gemachs; bald wollte er hinein, trotz Corinnens Verbot, bald brach er zusammen, vernichtet von Schmerz. Lucile ging von Einem zum Andern, ein Engel des Friedens zwischen der Verzweiflung und der Todesqual.

Eines Abends schien es, als befände Corinna sich besser, und Lucile erlangte von Oswald, daß er sie auf einige Augenblicke zu ihrer Tochter begleite, die sie seit drei Tagen nicht gesehen hatten. Während dieser Zeit wendete sich Corinnens Zustand rasch zum Schlimmsten; sie erfüllte alle Pflichten ihrer Religion. Zu dem Greise, der ihre Beichte entgegennahm, sagte sie: »Mein Vater, Sie kennen jetzt mein trauriges Geschick; richten Sie über mich. Nie habe ich mich für das Leid gerächt, das man mir gethan; nie fand ein wahrer Schmerz mich ohne Mitgefühl; meine Fehler entstanden aus Leidenschaften, die an sich nicht verdammenswerth gewesen wären, wenn Stolz und menschliche Schwachheit ihnen nicht den Irrthum und das Uebermaß zur Begleitung gegeben hätten. Glauben Sie, mein Vater, Sie, den das Leben länger als mich geprüft hat, glauben Sie, daß Gott mir verzeihen werde?« – »Ja, meine Tochter, ich hoffe es«, erwiderte der Greis; »ist Ihr Herz jetzt ganz ihm zugewendet?« – »Ich glaube wohl, ehrwürdiger Vater«, antwortete sie; »nehmen Sie jetzt dieses Portrait hinweg (es war das Oswalds) und legen Sie das Bild des Erlösers auf mein Herz, der nicht für die Mächtigen, nicht für die Geistesgewaltigen auf Erden kam, sondern um der Leidenden und Sterbenden willen, die seiner sehr bedurften.«

Corinna gewahrte jetzt den Fürsten Castel-Forte, der weinend an ihrem Bette stand. »Mein Freund«, sagte sie, und reichte ihm die Hand, »ich lebte, um zu lieben, und ohne Sie stürbe ich allein.« – Und ihre Thronen flossen bei diesen Worten; dann sagte sie noch: »Es bedarf dieser Augenblick auch keines Beistandes, unsere Freunde können uns nur bis zur Schwelle des Lebens begleiten; an dieser beginnen Gedanken, deren Verworrenheit und unergründliche Tiefe man einander nicht anvertrauen kann.« Sie ließ sich auf ihrem Lehnsessel bis an das Fenster bringen, um den Himmel noch einmal zu sehn. Lucile kam jetzt wieder zu ihr, und der unglückliche Oswald, der nun nicht länger zurückzuhalten war, folgte ihr, und sank vor Corinna auf die Kniee. Sie wollte zu ihm reden, und hatte nicht mehr die Kraft dazu; sie hob den Blick gen Himmel, und sah, daß der Mond von dem gleichen Gewölk verhüllt wurde, auf das sie einst gewiesen, als sie mit Oswald am Meeresufer von Terracina stand. Da zeigte sie ihm die Wolke mit ihrer sterbenden Hand, und mit ihrem letzten Seufzer sank diese Hand hinab.

Was wurde aus Oswald? Sein Zustand bedrohte anfangs seine Vernunft und sein Leben. In Rom folgte er dem Grabgepränge Corinnens; dann zog er sich lange nach Tivoli zurück, und wollte nicht, daß seine Frau und Tochter ihn dorthin begleiteten. Endlich führten ihn Pflicht und Neigung diesen wieder zu. Sie kehrten zusammen nach England zurück. Lord Nelvil gab ein Beispiel des tadellosesten und reinsten häuslichen Lebens. Aber verzieh er sich die Vergangenheit? Tröstete ihn die Welt, weil sie ihm ihre Zustimmung gab? Befriedigte ihn ein Alltagsloos nach dem, was er verloren hatte? Ich weiß es nicht, und will ihn weder tadeln, noch freisprechen.

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