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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Siebzehntes Buch.

Corinna in Schottland.

Erstes Kapitel.

Corinna hatte inzwischen ein Landhaus bezogen, das nahe bei Venedig, an den Ufern der Brenta lag. Sie wollte an dem Orte bleiben, wo sie Oswald zum letzten Male gesehen, und überdies hoffte sie, die Briefe aus England hier schneller zu erhalten. Fürst Castel-Forte hatte ihr geschrieben und sich erboten, nach Venedig zu kommen. Sie fürchtete indeß, er möchte versuchen, ihr Oswald zu entfremden, er möchte ihr sagen, was sich von selber sagt: daß die Abwesenheit die Liebe nothwendig erkälten müsse, – kurz, sie scheute sich vor jenen oft gutgemeinten, aber unüberlegten Ermahnungen, die für ein leidendes Gemüth Dolchstiche sind; deshalb zog sie vor, Niemand zu sehen. Aber mit einer glühenden Seele in unglücklicher Lage allein zu leben, ist kein leichtes Ding! Die Beschäftigungen der Einsamkeit erfordern alle einen gesammelten Geist, und wenn man innerlich sehr beunruhigt ist, sind aufgezwungene Zerstreuungen, wie ungelegen sie auch kommen mögen, immer noch besser, als das ununterbrochene Andauern desselben Eindrucks.

Es läßt sich begreifen, wie man zum Wahnsinn gelangt, wenn ein einziger Gedanke sich des Geistes bemächtigt und damit verhindert, daß die Ideen durch eine Folge wechselnder Gegenstände verändert werden. Corinna, mit ihrer feurigen Einbildungskraft, zehrte sich selbst auf, wenn ihren Fähigkeiten von Außen keine Nahrung zuströmte. Welch ein Leben folgte für sie nun auf die goldenen Tage, die sich zu einem vollen, glücklichen Jahr aufgesummt hatten! Oswald war fast von früh bis spät an ihrer Seite gewesen, hatte an allen ihren Beschäftigungen Theil genommen, hatte jedes ihrer Worte mit warmem Verständniß gehört, und ihrem Geiste noch neue Anregung gegeben. Was es Verwandtes, was es Abweichendes zwischen ihnen gab, belebte gleichermaßen ihre Gespräche, und Corinna vermißte überall diesen milden, liebevollen, stets nur mit ihr beschäftigten Blick, der lebenspendend für sie war. Wenn die geringste Unruhe sie bewegte, nahm Oswald ihre Hand, drückte sie an sein Herz und Friede, nein, mehr noch als Friede, eine unbestimmte, köstliche Hoffnung erhellte dann wieder ihr bangendes Gemüth. Und jetzt! Nichts als Oede in der Außenwelt; nichts als düstre Trauer im Herzen. Es gab in ihrem Leben keine andere Abwechselung mehr, als Oswalds Briefe. Die Unregelmäßigkeit der Post während des Winters verursachte ihr täglich die Qualen der Erwartung, und wie oft wurde diese getäuscht! An dem Ufer des Kanals mit seinen, von den breiten Blättern der Wasserlilien sanft gedrückten Wellen ging sie an jedem Morgen spazieren, um die Ankunft der schwarzen Gondel zu erspähen, welche die Briefe von Venedig brachte; sie hatte es schon gelernt, das kleine Fahrzeug in weiter Entfernung zu erkennen, und wie heftig schlug ihr Herz, wenn sie seiner ansichtig ward. Der Briefbote stieg aus; zuweilen sagte er wohl: »Madame, es sind keine Briefe für Sie da«, und besorgte dann gelassen seinen Dienst weiter, als ob nichts auf der Welt so einfach sei, als keine Briefe zu erhalten. Ein anderes Mal hieß es auch wieder: »Ja, Madame, heute haben Sie Briefe.« In zitternder Spannung durcheilte sie dann die Aufschriften, und fand sie eine von Oswalds Hand, so war der Rest des Tages voll gedrückter Betrübniß, die Nacht verging ohne Schlaf und der folgende Morgen brachte ihr die neue, die gleiche Qual.

Sie litt so sehr – sie klagte endlich Lord Nelvil dafür an; es schien ihr, er könne ihr öfter schreiben, sie machte ihm deshalb Vorwürfe. Er rechtfertigte sich und seine Briefe wurden weniger zärtlich: denn statt von seinen eigenen Besorgnissen zu reden, bemühte er sich, die der Freundin zu zerstreuen.

Diese Abstufungen entgingen der armen Corinna nicht. Tag und Nacht konnte sie über eine Phrase, ein Wort aus Oswalds Briefen grübeln; sie las dieselben wieder und wieder, um noch eine Antwort auf ihre Befürchtungen, noch irgend eine neue, günstigere Auslegung zu finden, die ihr auf ein paar Tage Ruhe und Trost verschaffen konnte.

Dieser Zustand zerstörte ihre Nerven und schwächte ihren Geist. Sie wurde abergläubisch und gab sich dem Einfluß nie endender Vorbedeutungen hin, wie solche schließlich aus jedem Ereignisse gezogen werden können, wenn stets dieselbe Furcht das Gemüth bewegt. Ein Mal in der Woche fuhr sie nach Venedig, um an diesem Tage ihre Briefe einige Stunden früher zu erhalten. So suchte sie Abwechselung in die Qual ihres Wartens zu bringen. Bald empfand sie vor den Gegenständen allen, denen sie beim Gehen und Kommen vorüberglitt, eine Art Abscheu: sie erschienen ihr wie die Geister ihrer Gedanken, und brachten ihr diese unter grausigen Verzerrungen immer wieder vor die Seele. Als sie eines Tages die St. Marcuskirche betrat, erinnerte sie sich, wie ihr bei ihrer Ankunft in Venedig die Möglichkeit eingefallen war, Lord Nelvil könne sie an diese heilige Stätte führen, um sie dort im Angesichte des Himmels zur Gattin zu nehmen. Nun gab sie sich dieser Vorstellung völlig hin: Sie sah ihn unter dem Porticus eintreten, sich dem Altare nähern, hörte ihn vor Gott das Gelübde ablegen, Corinna immer zu lieben. Sie sah sich vor Oswald auf die Kniee sinken und von ihm den bräutlichen Kranz empfangen. Die Tonfluthen der Orgel, der feierliche Glanz der Kerzen unterstützten ihre Vision, und für einen Augenblick fühlte sie nicht mehr das furchtbar Nüchterne der Abwesenheit, sondern jene Rührung, die unsere ganze Seele überströmt, in der wir die Stimme des Geliebten zu hören glauben. Jetzt drang ein dumpfes Murmeln an Corinnens Ohr; sie wendete sich um und erblickte einen Sarg, den man eben in die Kirche trug. Es wurde Nacht vor ihren Augen, sie schwankte, und von dieser Stunde an war sie überzeugt, daß ihre Liebe zu Oswald die Ursache ihres Todes sein werde.

Zweites Kapitel.

Als Oswald den von Herrn Dickson ihm übergebenen Brief seines Vaters gelesen hatte, war er mehr als jemals der unglücklichste, der unentschlossenste aller Menschen. Corinna das Herz zerreißen oder das Gedächtniß an den Vater verrathen: dies war eine furchtbare Alternative. Um ihr zu entgehen, wäre er tausendmal lieber gestorben. Er that schließlich noch einmal, was er schon so oft gethan: er verschob den Augenblick der Entscheidung und nahm sich vor, nach Italien zu reisen, um Corinna selbst über seine Qualen und den Entschluß, den er zu fassen habe, richten zu lassen. Seine Pflicht, meinte er, gebiete ihm, Corinna nicht zur Gattin zu nehmen, indeß verlangte ja kein väterliches Gebot, daß er Lucile heirathe. In welcher Form konnte er dann aber sein Leben mit dem der Freundin vereinigen? Mußte er ihr die Heimat opfern, oder sollte er sie, ohne Rücksicht auf ihren Ruf und ihr ferneres Schicksal, mit nach England nehmen? In dieser rathlosen Bestürzung würde er nach Venedig gereist sein, wenn man von Monat zu Monat nicht die Einschiffung seines Regiments erwartet hätte; er würde gereist sein, um Corinna mündlich mitzutheilen, was zu schreiben er sich nicht entschließen konnte.

Dadurch ward nothwendigerweise der Ton seiner Briefe verändert. Er wollte ihr nicht gestehen, was in seinem Innern vorging, und doch vermochte er nicht mehr, sich mit derselben Hingebung auszudrücken. Auch mit den Hindernissen, welche sich ihrer Wiederanerkennung in England entgegenstellten, wollte er Corinna nicht bekannt machen, denn er hoffte noch, sie überwinden zu können, und mochte die Freundin nicht unnöthig gegen ihre Stiefmutter aufbringen. So kürzten verschiedene, absichtliche Verschweigungen seine Briefe ab; er füllte sie mit ferner liegenden Dingen aus, sprach von seinen Zukunftsplänen gar nicht, und eine Andere, als die glaubensvolle Corinna, hätte durchfühlen müssen, was sich in seinem Herzen vollzog. Allein ein leidenschaftliches Gefühl macht zugleich scharfsichtiger und leichtgläubiger; es ist, als könne man in solchem Zustande Alles nur in übernatürlichem Lichte sehn: man entdeckt, was verborgen ist, und täuscht sich über das offen zu Tage Liegende. Man ist von der Vorstellung empört, daß man so Furchtbares leiden soll, während eben keine außerordentliche, in den Verhältnissen begründete Ursache dazu vorhanden scheint, und daß so viel Verzweiflung durch so einfache Umstände hervorgebracht werden könne.

Oswald war äußerst bekümmert, sowohl wegen seines persönlichen Unglücks als wegen des Grams, den er der Geliebten bereiten mußte, und seine Briefe drückten viel Gereiztheit aus, ohne deren Grund anzugeben. Mit wunderlicher Laune machte er Corinna seinen eigenen Schmerz zum Vorwurf, als ob sie nicht tausendmal mehr zu beklagen gewesen wäre als er! Damit zerrüttete er aber vollends ihr Gemüth. Sie hatte sich nicht in der Gewalt, ihr Geist verwirrte sich. Nachts umdrängten sie die entsetzlichsten Bilder, am Tage entwichen diese kaum, und die Unglückselige konnte nicht glauben, daß dieser Oswald, der ihr jetzt so harte, so aufgeregte, so bittre Briefe schrieb, derselbe Mann sei, den sie großmüthig und liebevoll gekannt hatte: daraus entstand das unbesiegliche Verlangen, ihn noch einmal wiederzusehen, noch einmal zu sprechen. »Ich muß ihn sprechen!« rief sie; »er soll mir sagen, daß er, er selbst es ist, der jetzt mitleidslos das Herz der Frau zerreißt, um deren geringstes Leid er früher so große Sorge trug! Er selbst muß mir dies erst sagen, dann will ich mich dem Geschick unterwerfen. Nur eine böse Macht kann ihn zu solcher Sprache treiben. Es ist nicht Oswald, nein! es ist nicht Oswald, der mir schreibt. Man hat mich bei ihm verläumdet; wo so viel Unglück ist, muß irgend ein Verrath zu Grunde liegen.«

Eines Tages faßte Corinna den Entschluß nach Schottland zu reisen, wenn ein Einfall des stürmenden Schmerzes, der um jeden Preis nach einer Veränderung der Lage drängt, ein Entschluß zu nennen ist. Sie wagte ihn Niemand mitzutheilen und konnte sich nicht einmal überwinden, Theresina davon zu sagen; denn sie hoffte immer noch, sie werde es ihrer eigenen Vernunft abgewinnen, zu bleiben. Es war einige Erleichterung: diese Aussicht auf eine Reise, dieser, von dem des vorhergehenden Tages verschiedene Gedanke, dieses bischen Zukunft an Stelle des ewigen, verzweifelnden Zurückblickens! Sie war zu jeder Beschäftigung unfähig: Lesen konnte sie unmöglich, die Musik bereitete ihr nur schmerzhafte Nervenerschütterungen, und der, zur Träumerei auffordernde Anblick der Natur verdoppelte nun gar ihr entsetzliches Weh. Diese Frau, mit dem sonst so reichen Leben, brachte ganze Tage lang in völliger Unbeweglichkeit, oder doch mindestens ohne jede äußere Bewegung zu. Die Qualen ihrer Seele verriethen sich nur noch durch ihre tödtliche Blässe. Sie sah fortwährend nach der Uhr, hoffte, daß eine Stunde verflossen sei, und wußte doch nicht, weshalb sie es hoffte, da die fortschreitende Zeit ihr weiter nichts Neues brachte, als eine schlaflose Nacht, auf die ein noch schmerzerfüllterer Tag folgte.

Eines Abends, als sie sich zur Abreise schon ganz entschlossen glaubte, ließ eine Frau um die Erlaubniß bitten, sie sprechen zu dürfen. Corinna erklärte sich bereit, weil man ihr zugleich gemeldet, die Frau scheine in dringender Angelegenheit zu kommen. Sie trat ein: eine völlig mißgestaltete Person, mit Zügen, die von Krankheit entstellt waren. Schwarz gekleidet und in einen Schleier gehüllt, suchte sie ihren Anblick so viel als möglich für Andere zu mildern. Diese von der Natur so mißhandelte Frau unterzog sich des Einsammelns von Almosen. Sie bat in würdiger Form und mit rührender Sicherheit um Hülfe für die Armen. Corinna gab ihr eine große Summe, indem sie sich versprechen ließ, man solle für sie beten. Die arme Frau, die sich längst in ihr Schicksal gefunden hatte, sah mit Erstaunen dieses stolze, schöne Weib in Kraft und Lebensfülle, das reich, jung, bewundert, dennoch unter der Last des Unglücks zusammenzubrechen schien. »Mein Gott, Madame«, sagte sie, »ich wünschte, Sie wären so ruhig als ich.« Welch ein Wort, das hier eine Unglückliche der gefeiertsten Frau Italiens sagen durfte, der glänzendsten! nur daß sie mit der Verzweiflung rang.

Ach! die Kraft zu lieben ist zu groß in leidenschaftlichen Seelen – zu groß! Wie glücklich sind Diejenigen, die Gott allein jene hohe Liebe weihen können, deren die Bewohner der Erde nicht würdig sind! Aber für Corinna war diese Zeit noch nicht gekommen: sie bedurfte noch der Illusionen, sie verlangte noch nach Glück. Zwar betete sie, aber sie hatte noch nicht entsagt. Ihre seltene Begabung, wie der Ruhm, den sie erworben, erregten ihr noch zu viel Interesse an sich selbst. Nur indem man sich von Allem auf der Welt losreißt, vermag man auch auf das, was man liebt, zu verzichten. Die andern Opfer alle gehen diesem voran, und das Leben kann längst zur Einöde geworden sein, ohne daß das Feuer erlosch, welches es verzehrte.

Endlich erhielt Corinna inmitten der Zweifel und Kämpfe, die sie unaufhörlich ihren Plan zurückweisen und wieder aufnehmen ließen, von Oswald einen Brief, der ihr ankündigte, daß sein Regiment sich in sechs Wochen einschiffen werde, er indeß diese Zeit zu einer Reise nach Venedig nicht benützen könne, da ein Oberst, der sich in solchem Moment von seiner Truppe entferne, seine Ehre auf ein bedenkliches Spiel setze. Es blieb Corinna nur eben die Zeit, England zu erreichen, ehe Lord Nelvil es vielleicht für immer verlassen hatte. Diese Besorgniß entschied endlich über ihre Abreise. Man darf Corinna nur beklagen, denn sie verhehlte sich die Unüberlegtheit dieses Schrittes durchaus nicht; sie beurtheilte sich selbst strenger als Andere; und welche Frau hätte wohl das Recht, den ersten Stein auf die Unglückliche zu werfen, die ihren Irrthum nicht einmal zu rechtfertigen sucht, die kein Glück daraus für sich erhofft, und nur von einer Verzweiflung zur andern flüchtet, als ob schreckliche Fantome sie von allen Seiten verfolgten.

Hier die letzten Zeilen ihres Briefes an den Fürsten Castel-Forte: »Leben Sie wohl, mein treuer Beschützer; lebt wohl, Ihr meine römischen Freunde, lebt wohl, Ihr Alle, mit denen ich so schöne, sorglose Tage verlebte! Es ist geschehen; das Verhängniß hat mich getroffen; ich fühle seine tödtliche Wunde, ich sträube mich noch, aber ich werde erliegen. Ich muß – ich muß ihn wiedersehen! Glaubt mir, ich bin für mich selbst nicht verantwortlich; in meiner Brust toben Stürme, denen der Wille nicht zu gebieten vermag. Aber schon nahe ich mich dem Ziele, wo Alles für mich zu Ende ist: es trägt sich jetzt der letzte Act meines Lebens zu; nachher kommt die Buße und der Tod. O wunderbare Verworrenheit des menschlichen Herzens: selbst in diesem Augenblicke des leidenschaftlichsten Thuns sehe ich doch in der Ferne schon die immer länger werdenden Schatten meines sich neigenden Lebens, glaube ich schon eine göttliche Stimme zu hören, die mir zuruft: »Unglückselige! Nur noch diese Tage des Kampfes und der Liebe, dann erwarte ich Dich zu ewiger Ruhe.« – O mein Gott! Gewähre mir Oswalds Gegenwart noch einmal, noch ein letztes Mal! Sein Bild hat sich mir in der Verzweiflung verdunkelt. Lag denn nicht etwas Göttliches in seinem Blick? War es nicht bei seinem Kommen, als bringe seine Gegenwart eine reinere heiligere Stimmung? Mein Freund, Sie haben ihn gesehen, wie er an meiner Seite war, wie er mich mit seiner Sorgfalt umgab, wie er mich durch die Verehrung beschützte, die er für seine Wahl an den Tag zu legen verstand. Ach! Wie kann ich ohne ihn leben? Verzeihen Sie meine Undankbarkeit! Muß ich so Ihnen für die beständige und edle Neigung lohnen, die Sie mir stets bewiesen haben? Doch ich bin alles dessen nicht mehr würdig, und ich könnte für verrückt gelten, wenn ich nicht die traurige Fähigkeit besäße, meinen Wahnsinn selbst zu beobachten. So leben Sie denn wohl – leben Sie wohl!«

Drittes Kapitel.

Wie unglücklich ist sie, die feinfühlige und tiefempfindende Frau, die eine große Unvorsichtigkeit begeht, sie für einen Gegenstand begeht, von dem sie sich weniger geliebt glaubt und nur in sich selbst eine Stütze für ihr Handeln findet! Wenn sie Ruf und Ruhe auf's Spiel setzte, um dem Geliebten damit einen großen Dienst zu leisten, wäre sie durchaus nicht zu beklagen. Es ist so süß, sich aufzuopfern! Es ist so entzückend, großen Gefahren zu trotzen, um ein uns theures Leben zu retten, um den Schmerz zu lindern, der ein befreundetes Herz zerreißt! Aber unbekannte Länder schutzlos durcheilen müssen, ankommen ohne erwartet zu sein, vor dem Geliebten erröthen müssen über den Beweis von Liebe, den man ihm giebt, alles auf's Spiel setzen, weil man es selbst will, nicht weil ein Anderer es von uns verlangt – welch erbarmungswürdiges Elend! Welche des Mitleids werthe Demüthigung! Denn alles Leid, was von der Liebe kommt, verdient Mitleid. Anders wäre es, wenn man fremdes Glück mit in den Abgrund zöge, wenn man der Pflichten gegen geheiligte Bande vergäße! Doch Corinna war frei; sie opferte nur ihre Ehre, nur das eigene Glück. In ihrer Haltung war keine Vorsicht, keine Klugheit, aber auch nichts, das ein anderes Geschick, als das ihre, beeinträchtigen konnte; und ihre unglückselige Liebe richtete Niemand zu Grunde, als sie allein.

Als Corinna in England ankam, erfuhr sie durch die öffentlichen Blätter, daß der Aufbruch von Lord Nelvils Regiment auf's Neue verschoben sei. In London sah sie nur den Familienkreis des Banquiers, welchem sie unter einem angenommenen Namen empfohlen war. Man interessirte sich hier für sie und erwies ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit. Gleich nach ihrer Ankunft erkrankte sie gefährlich; und vierzehn Tage hindurch pflegten ihre neuen Freunde sie mit der liebevollsten Güte. Ueber Lord Nelvil erfuhr sie, daß er jetzt in Schottland sei, aber in einigen Tagen nach London zurückkehren müsse, wo sein Regiment eben in Garnison lag. Sie wußte nicht, wie es anfangen, um ihn von ihrer Anwesenheit in England in Kenntniß zu setzen. Ihre Abreise hatte sie ihm nicht gemeldet, und so groß war hierin ihre Verlegenheit, daß Oswald seit einem Monat keinen Brief mehr von ihr erhalten hatte. Auch war er in höchster Unruhe; er warf ihr Unbeständigkeit vor, als ob er das Recht gehabt hätte, über solche zu klagen. Bei seiner Rückkehr nach London eilte er zuerst zu seinem Banquier, wo er Briefe aus Italien zu finden hoffte; man sagte ihm, es seien keine eingetroffen. Er ging fort, und wie er noch sorgenvoll über dieses Stillschweigen hin und her dachte, traf er auf Herrn Edgermond, den er zuletzt in Rom gesehen hatte. Dieser fragte sogleich nach Corinna. »Ich weiß nichts von ihr«, erwiderte Lord Nelvil verstimmt. – »Ach, das glaube ich wohl«, entgegnete Herr Edgermond, »diese Italienerinnen vergessen die Ausländer immer, sobald sie ihnen aus den Augen sind. Es giebt tausend Beispiele davon, und man muß sich das nicht zu Herzen nehmen; sie wären zu liebenswerth, wenn sie mit so vielem Zauber auch noch Beständigkeit vereinten. Es ist gut, daß unsern Frauen auch ein Vorzug bleibe.« – Er drückte Oswald bei diesen Worten die Hand, verabschiedete sich von ihm, um in sein Wales zurückzukehren, und dachte wohl kaum, daß er mit den wenigen Worten Oswald sehr bekümmert hatte. »Es ist unrecht«, sagte er sich, »unrecht, zu wünschen, sie solle mir nachhängen, da ich mich ihrem Glücke nicht widmen kann. Aber so schnell vergessen, was man liebte, das heißt die Vergangenheit ebenso sehr vernichten als die Zukunft!«

In dem Augenblick, als Lord Nelvil den Willen seines Vaters erfahren, war er entschieden gewesen, sich nicht mit Corinna zu verbinden; aber zugleich hatte er auch den Entschluß gefaßt, Lucile nicht wiederzusehn. Ueber den bedeutsamen Eindruck, welchen diese auf ihn gemacht, war er mit sich selbst unzufrieden. Wenn er dazu verurtheilt sei, sagte er sich, der Freundin so viel Schmerz zu bereiten, habe er ihr wenigstens jene Treue des Herzens zu bewahren, welche zu opfern keine Pflicht ihm gebieten könne. Er beschränkte sich darauf, seine Bitte in Betreff Corinnens schriftlich bei Lady Edgermond zu erneuern; doch verweigerte ihm diese beharrlich jede Antwort, und Lord Nelvil errieth aus einigen Unterhaltungen mit Herrn Dickson, der auch Lord Edgermond nahe gestanden, daß es wohl kein anderes Mittel gebe, seinen Wunsch bei der Lady zu erreichen, als um die Tochter, um Lucile, zu werben. Denn die vorsichtige Dame fürchtete, daß Corinna, wenn sie jetzt wieder in ihre Familie zurücktrete, einer Verheirathung ihrer jüngeren Schwester hinderlich sein werde. – Corinna ahnte noch nichts von dem Interesse, das Lucile Lord Nelvil abgewonnen hatte; diesen Schmerz hatte ihr das Schicksal bis jetzt erspart. Nie indessen war sie ihm näher nie war sie seiner würdiger gewesen, als in dem Augenblick, wo das Loos sie von ihm schied. Während ihrer Krankheit, umgeben von der Sorgfalt der einfachen, herzlichen Familie jenes Kaufmannes, hatte sie an englischen Sitten und Lebensgewohnheiten aufrichtiges Wohlgefallen gefunden. Ohne in irgend welcher Richtung besonders hervorragend zu sein, besaßen diese Menschen, von denen sie so liebevoll aufgenommen war, doch viel seltene Geisteskraft und eine anerkennenswerthe Bildung des Urtheils. Man drückte ihr weniger überschwängliche Zuneigung aus, als sie es gewohnt war, doch bewies man ihr solche zu jeder Stunde durch neue Wärme, neue Dienstleistungen. Die Strenge der Lady Edgermond, die Langeweile der kleinen Stadt hatten sich hindernd vor Corinnens Urtheil gestellt; sie hatte die großen und edlen Vorzüge des Landes, dem sie entsagt, nicht überblicken können; und nun wendete sie diesem unter Verhältnissen ihre Neigung zu, die ein solches Gefühl, zu ihrem Glücke wenigstens, nicht mehr wünschenswerth machten.

Viertes Kapitel.

Die Damen der Familie des Banquiers, welche Corinna mit Beweisen von Freundschaft und Theilnahme überschütteten, forderten diese eines Abends auf, in ihrer Begleitung Madame Siddons als »Isabella« in der »Unglücklichen Ehe« zu sehen, einem der englischen Stücke, in welchem diese Schauspielerin ihr Talent am Bewundernswürdigsten entfaltete. Corinna weigerte sich lange, bis die Erinnerung daran, daß Lord Nelvil ihre Declamation oft mit der von Madame Siddons verglichen hatte, einige Neugierde, diese zu hören, in ihr anregte. Verschleiert begab sie sich in eine kleine Loge, wo sie Alles sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Sie wußte zwar nicht, daß Lord Nelvil am vorhergehenden Tage in London eingetroffen war, doch fürchtete sie auch schon, nur von irgend einem Engländer, der sie vielleicht in Italien gesehen hatte, bemerkt zu werden. Die edle Erscheinung und tiefe Auffassung der Schauspielerin fesselten Corinnens Aufmerksamkeit dergestalt, daß sie während der ersten Aufzüge die Augen nicht von der Bühne wendete. Wenn ein schönes Talent die Kraft und Originalität der englischen Declamation zur Geltung bringt, ist diese mehr als jede andere geeignet, den Hörer zu ergreifen. Sie hat nicht so viel Gekünsteltes, nicht so viel Verabredetes und so zu sagen Uebereingekommenes als die französische; ihre Wirkung ist unmittelbarer, die wahre Verzweiflung würde sich ausdrücken wie sie; und da die Natur der Stücke, wie die Art der Versifikation hier die dramatische Kunst in geringerer Entfernung vom realen Leben halten, bringt diese eine um so ergreifendere Wirkung hervor. Um in Frankreich ein großer Schauspieler zu sein, bedarf es um so viel mehr des Genie's, als die allgemeinen Regeln so breit in den Vordergrund treten, daß wenig Freiheit für individuelle Ausführung bleibt. In England aber darf man Alles wagen, falls es natürliche Eingebung ist. Dieses lange Seufzen z.B., das lächerlich wäre, wenn man es erzählte, durchschauert das Herz, wenn man es hört. Madame Siddons, in ihren Formen die edelste aller Schauspielerinnen, verliert nichts von ihrer Würde, wenn sie zur Erde stürzt. Es liegt hierin auch gar nichts, das nicht bewundernswürdig sein könnte, wenn wahre Erschütterung dazu hinreißt, eine Erschütterung, die, von der innersten Seele ausgehend, den, welcher sie empfindet, noch mehr beherrscht als den, welcher davon Zeuge ist. Es giebt bei den verschiedenen Nationen auch eine verschiedene Art, die Tragödie zu spielen; doch der Ausdruck des Schmerzes wird von einem Ende der Welt bis zum andern verstanden, und vom Bettler bis zum Könige gleichen sich die wahrhaft unglücklichen Menschen.

Im letzten Zwischenact fiel es Corinna auf, daß alle Blicke sich nach einer Loge richteten, in welcher auch sie nun Lady Edgermond und ihre Tochter bemerkte. Denn sie zweifelte nicht daran, daß diese blonde Schönheit Lucile sei. Der Tod eines sehr reichen Verwandten Lord Edgermonds hatte die Lady genöthigt, wegen des Ordnens ihrer Erbschaftsangelegenheiten nach London zu kommen. Lucile, die sich für das Theater mehr als gewöhnlich geschmückt hatte, erregte sichtlich die allgemeinste Bewunderung, und seit lange war in England, wo doch schöne Frauen häufig sind, eine so außerordentliche Erscheinung nicht gesehen worden. Corinna war von ihrem Anblick schmerzlich überrascht. Es schien ihr unmöglich, daß Oswald dem Zauber eines solchen Gesichts widerstehen könne. Sie verglich sich in Gedanken mit der Schwester und fand sich sehr untergeordnet. Wenn hier zu übertreiben möglich war, übertrieb sie sich dergestalt den Reiz dieser Jugend, dieser schneeigen Weiße, dieses blonden Haares, dieses unschuldigen Bildes vom Frühling des Lebens, daß sie sich fast gedemüthigt fühlte, mit Talent, mit Geist, kurz, mit erworbenen oder doch vervollkommneten Gaben gegen solche verschwenderische Huld der Natur zu streiten.

Plötzlich bemerkte sie in der gegenüberliegenden Loge Lord Nelvil, dessen Blicke auf Lucile geheftet waren. Welch ein Augenblick für Corinna! Zum ersten Mal sah sie die theuren Züge wieder, an die sie soviel gedacht! Dieses Antlitz, das sie so viel in der Erinnerung gesucht, wiewohl es nie derselben entflohen, sie sah es nun wieder: als Oswald eben ganz von Lucile hingenommen schien! Er konnte Corinnens Gegenwart nicht ahnen; aber wenn sein Auge sich jetzt zufälligerweise auf Corinna gerichtet hätte, würde die Unglückselige sich das günstig und tröstend gedeutet haben. Endlich erschien Madame Siddons wieder, und Lord Nelvil wendete sich der Bühne zu.

Corinna athmete auf; sie schmeichelte sich, daß eben nur die Neugierde Oswalds Aufmerksamkeit auf Lucile gezogen habe. Das Stück wurde mit jedem Augenblick ergreifender, und Lucile schwamm in Thränen; um diese zu verbergen, zog sie sich in den Hintergrund der Loge zurück. Nun blickte Oswald von Neuem, und mit noch größerem Interesse als das erste Mal zu ihr hinüber. Endlich kam die furchtbare Scene, wo Isabella, welche den Händen der Frauen entronnen, die sie hindern wollen, sich zu tödten, über die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen lachend, sich den Dolch ins Herz stößt. Dieses Lachen der Verzweiflung ist der schwierigste Effekt, den die dramatische Kunst hervorbringen kann; er erschüttert viel mehr als Thränen; mehr als sie ist dieser bittre Spott des Unglücks sein herzzerreißendster Ausdruck. Wie gräßlich ist das Leid der Seele, wenn es in solche schauerliche Freude umschlägt; wenn es bei dem Anblick seines eigenen Blutes die wilde Befriedigung eines furchtbaren Feindes empfindet, der sich gerächt hat!

Lucile war jetzt offenbar so ergriffen, daß die Mutter es beunruhigend fand, denn sie wendete sich wiederholt nach dem Innern der Loge zurück. Oswald erhob sich voller Hast, als wolle er zu den Damen hinüber, doch setzte er sich wieder. Corinna empfand etwas wie Genügen an dieser zweiten Bewegung, aber sie seufzte. »Meine Schwester, das mir einst so theure Kind, ist jung und empfänglichen Herzens«, sagte sie sich, »darf ich ihr ein Glück rauben wollen, dessen sie sich ohne Hinderniß, ohne ein Opfer von Seiten des Geliebten, erfreuen kann?« – Der Vorhang fiel. Corinna, in der Besorgniß, erkannt zu werden, wollte das ganze Publikum sich erst entfernen lassen, ehe sie selbst hinausginge. Wartend stand sie hinter der geöffneten Thür ihrer Loge, von wo aus sie den Corridor übersehen konnte. Als Lucile auf denselben heraustrat, wurde sie von allen Seiten mit Ausrufungen über ihre Schönheit empfangen, die nur wenig von der nothwendigsten Rücksicht gedämpft waren. Das junge Mädchen gerieth dadurch in große Verwirrung; zumal Lady Edgermond in ihrer Gebrechlichkeit, ohngeachtet der Sorgfalt ihrer Tochter und der ihnen von den Umstehenden bewiesenen Hochachtung, ohnehin große Mühe hatte durch das Gedränge zu kommen. Sie kannten Niemand, und deshalb wagte keiner der Herren sie anzureden; bis Lord Nelvil nun die Verlegenheit der Damen sah, und ihnen entgegeneilte. Er bot Lady Edgermond den einen Arm; den andern reichte er Lucile, die ihn schüchtern und erröthend annahm. So schritten sie an Corinna vorüber. Oswald dachte nicht, daß seine arme Freundin Zeugin eines für sie so schmerzlichen Anblicks sei; nicht ohne einigen Stolz führte er die schönste Frau Englands durch diese Reihen zahlloser Bewunderer.

Fünftes Kapitel.

Corinna kehrte halb verwirrt in ihre Wohnung zurück; sie wußte nicht, welchen Entschluß sie fassen, wie sie Lord Nelvil mit ihrer Ankunft bekannt machen und was sie ihm sagen solle, um dieselbe zu motiviren. Denn immer mehr schwand ihr Vertrauen in die Treue des Freundes, und es war ihr zuweilen, als wolle sie einen Fremden wiedersehen, einen Fremden, den sie mit Leidenschaft liebte, und der sie nicht mehr wiedererkennen werde. Am Abend des nächsten Tages schickte sie zu Lord Nelvil, und erfuhr, daß er bei Lady Edgermond sei; am folgenden Tage brachte man ihr dieselbe Botschaft mit der Bemerkung, Lady Edgermond sei krank und wolle gleich nach ihrer Genesung wieder auf das Land zurückkehren. Corinna beschloß nun, diesen Augenblick erst abzuwarten, ehe sie Lord Nelvil von ihrer Gegenwart benachrichtige. Inzwischen ging sie allabendlich an dem Hause der Lady vorüber, und sah vor deren Thür stets Oswalds Wagen halten. Ein unaussprechliches Weh beschlich dann ihr armes Herz, aber am nächsten Tage unternahm sie doch denselben Weg, um dieselben Schmerzen zu empfinden. Indessen irrte sich Corinna, wenn sie annahm, Oswalds Besuche bei Lady Edgermond hatten seine Werbung um Lucile zum Zweck.

Während Oswald die Lady an jenem Theaterabend nach ihrem Wagen geleitete, hatte diese ihm mitgetheilt, daß die Hinterlassenschaft des in Indien verstorbenen Verwandten Lord Edgermonds Corinna ebenso viel als Lucile angehe, und ihn gebeten, sich in ihrem Hotel einzufinden, damit sie ihn mit den getroffenen Bestimmungen bekannt machen und er diese dann weiter nach Italien berichten könne. Oswald versprach zu kommen, und da er in diesem Augenblick Lucile zum Abschied die Hand reichte, schien es ihm, als ob die kleine Hand zittere. Corinnens Stillschweigen konnte ihn glauben machen, er sei nicht mehr von ihr geliebt, und die Erregung dieses jungen Mädchens mußte ihm die Vermuthung an eine für ihn aufsteigende Neigung erwecken. Noch dachte er nicht daran, seinem Versprechen mit Corinna untreu zu werden. War ja doch der Ring, den sie von ihm besaß, ein sicheres Pfand, daß er, ohne ihre Einwilligung, nie eine Andere heirathen werde! Um also Corinnens Interesse zu vertreten, begab er sich Tags darauf zu Lady Edgermond, fand aber diese so krank, und Lucile von ihrer Verlassenheit in der großen Stadt, welche derartig war, daß sie nicht einmal wußte, an welchen Arzt sich wenden, so beunruhigt, daß Oswald es als eine Pflicht gegen die Freundin seines Vaters betrachtete, ihr seine ganze Zeit zu widmen.

Lady Edgermond, von Natur herbe und stolz, schien nur für Oswald milder gestimmt zu sein; sie empfing ihn täglich, wiewohl er nichts that und sagte, das eine Absicht auf ihre Tochter verrathen hätte. Lucilens Name wie ihre Schönheit machten sie zu einer der glänzendsten Partien Englands; seit sie im Theater erschienen und man sie in London wußte, war ihre Thüre von Besuchern aus den höchsten Kreisen des Adels umlagert worden. Doch Lady Edgermond wies diese beständig zurück, ging niemals aus und empfing nur Lord Nelvil. Wie hätte er von so feiner Auszeichnung nicht geschmeichelt sein sollen? Die schweigende Großmuth, mit der man sich auf ihn verließ, ohne etwas zu verlangen, ohne sich über etwas zu beklagen, rührte ihn tief; und doch fürchtete er immer, daß man seine Besuche als verpflichtend auffassen möge. Er würde sie eingestellt haben, sobald der Abschluß von Corinnens Angelegenheiten sie unnöthig machte, wenn Lady Edgermond wieder hergestellt gewesen wäre. Aber grade, als man sie auf dem Wege der Besserung hielt, erkrankte sie von Neuem und gefährlicher, als das erste Mal. Wäre sie jetzt gestorben, hätte Lucile, da ihre Mutter mit Niemand Verbindungen angeknüpft hatte, keinen andern Schutz in London gehabt als Oswald.

Nicht ein einziges Wort hatte Lucile sich erlaubt, das Lord Nelvil verrathen konnte, sie gewähre ihm im Stillen irgend welchen Vorzug; doch durfte er solchen aus diesem leichten und plötzlichen Verändern ihrer Farben, aus den sich oft so scheu senkenden Augen, aus manchem ungleichen Aufathmen wohl voraussetzen. Jedenfalls studirte er das Herz des jungen Mädchens mit neugierigem und wohlwollendem Interesse; wenn ihre große Zurückhaltung ihn über die Natur ihrer Gefühle auch stets in Zweifel und Ungewißheit ließ. Der höchste Grad der Leidenschaft und die große Sprache, durch welche sie zum Ausdruck kommt, genügen der Einbildungskraft noch nicht; man wünscht immer noch mehr, und da man es nicht erhalten kann, wird man kalt und müde; während jener schwache Schimmer, den man hinter Wolken bemerkt, unsere Neugierde lange in Spannung erhält, und uns für die Zukunft neue Gefühle, neue Entdeckungen zu verheißen scheint. Jedoch nur scheint: denn die Erwartung wird durchaus nicht erfüllt; und sieht man schließlich ein, was diese reizvolle, aus Schweigen und Unbekanntschaft gewebte Hülle verbirgt, ist auch der geheimnißvolle Zauber zerstoben, und man kommt darauf zurück, die Hingebung und reiche Beweglichkeit eines lebhaften Charakters reuevoll anzuerkennen. Ach! auf welche Weise wäre diese Trunkenheit des Herzens, wäre dies seelische Entzücken zu verlängern, das sich im Vertrauen wie im Zweifel, im Glück wie im Unglück so bald verflüchtigt? Wie sind diese himmlischen Freuden unserm Erdenloose so ganz entfremdet! Sie ziehen manchmal durch das Gemüth, aber nur um uns an unsern Ursprung, an unsere Hoffnungen zu erinnern.

Lucilens Mutter war wieder genesen. In einigen Tagen dachte sie nach dem Landsitze Lord Edgermonds, welcher an den Lord Nelvils grenzte, abzureisen. Sie erwartete, dieser werde ihr vorschlagen, sie dorthin zu begleiten, da er geäußert hatte, daß er Willens sei, vor dem Antritte der Expedition noch einmal nach Schottland zu gehen. Er sagte indeß nichts darauf Hinweisendes; Lucile sah ihn an, und dennoch schwieg er. Sie stand schnell auf, und eilte ans Fenster; kurz darauf fand Lord Nelvil einen Vorwand, ihr dorthin zu folgen: sie hatte die Augen voll Thränen. Er war bewegt davon, und seufzte, und eben jetzt trat ihm die Untreue, deren er Corinna anklagte, so lebhaft vor die Seele, daß er sich fragte, ob dieses junge Mädchen nicht eines beständigeren Gefühls fähiger sei als Jene.

Oswald suchte Lucilens Kummer wieder zu verscheuchen; es ist so süß, auf ein noch kindliches Gesicht wieder Freude und Sonnenschein zurückzubringen! Der Schmerz ist für Physiognomien, auf denen selbst der Gedanke noch keine Spur zurückließ, nicht gemacht. Ueber Lord Nelvils Regiment sollte am folgenden Morgen in Hyde-Park eine Revue abgehalten werden. Er bat nun Lady Edgermond, dort ebenfalls zu Wagen einzutreffen und zu gestatten, daß nach abgenommener Parade Lucile ein Pferd besteige, damit sie zusammen neben ihrer Kalesche reitend noch ein wenig den Park durchstreiften. Lucile hatte einmal geäußert, wie gern sie reite. Sie blickte auf ihre Mutter mit einem Ausdruck, der zwar immer noch ein gehorsamer blieb, in welchem aber doch die Bitte um gütige Einwilligung deutlich genug zu lesen war. Lady Edgermond überlegte einige Augenblicke; dann reichte sie Lord Nelvil ihre schwache, täglich mehr abzehrende Hand und sagte: »Wenn Sie selbst es sehr wünschen, Mylord, so erlaube ich's gern.« Aeußerst betroffen von dem bedeutsamen Ton dieser Worte, stand Oswald im Begriff, auf die Gewährung der eben von ihm selbst gestellten Bitte Verzicht zu leisten. Lucile hatte aber schon mit einer noch nie gezeigten Lebhaftigkeit die Hand der Mutter geküßt, um für die erhaltene Erlaubniß zu danken, und Lord Nelvil fehlte nun der Muth, das unschuldige Geschöpf, dessen Leben so einförmig und traurig verfloß, des kaum gehofften Vergnügens wieder zu berauben.

Sechstes Kapitel.

Corinna hatte die letzten vierzehn Tage in fürchterlicher Unruhe zugebracht. An jedem Morgen schwankte sie, ob sie an Lord Nelvil schreiben solle, und jeder Abend verfloß ihr in dem unsäglichen Schmerz, ihn bei Lucile zu wissen. Was sie heute litt, machte sie für das Morgen nur noch schüchterner. Sie erröthete, dem Manne, der sie vielleicht nicht mehr liebte, ihren unvorsichtigen, für ihn gethanen Schritt mitzutheilen. »Vielleicht«, sagte sie sich oft, »sind alle Erinnerungen an Italien seinem Gedächtnisse entwichen? Vielleicht ist es ihm kein Bedürfniß mehr, in den Frauen einen überlegenen Geist, ein Herz voll Leidenschaft zu finden? Jetzt gefällt ihm die entzückende Schönheit von sechzehn Jahren, der engelhafte Ausdruck dieses Alters, die schüchterne und junge Seele, die dem Gegenstande ihrer Wahl ihre ersten Gefühle weiht!«

So sehr war Corinnens Fantasie von den körperlichen Vorzügen ihrer Schwester eingenommen, daß sie beinahe Scham empfand, mit so vielen Reizen kämpfen zu wollen. Neben dieser entwaffnenden Unschuld schien ihr das Talent ein listiger Kunstgriff, Geist eine Tyrannei, Leidenschaft eine Gewaltsamkeit; und obwohl Corinna noch nicht achtundzwanzig Jahr zählte, ahnte sie schon das Nahen jener Lebensepoche, in der die Frauen mit so vielem Schmerz ihrer Macht zu gefallen mißtrauen. Eifersucht und stolze Schüchternheit rangen mit einander in ihrer Seele, und von Tag zu Tag verschob sie deshalb den ersehnten und gefürchteten Augenblick des Wiedersehens mit Oswald. Da sie erfuhr, daß man über sein Regiment Revue halten werde, beschloß auch sie, nach Hyde-Park zu fahren. Möglicherweise, dachte sie, sei Lucile da, und dann würde sie mit eigenen Augen über Oswalds Gefühle urtheilen können. Anfangs hatte sie den Gedanken, sich ihm plötzlich und schön geschmückt zu zeigen; als sie aber die Toilette begann, ihr schwarzes Haar, den von der Sonne etwas gebräunten Teint und ihre scharf geschnittenen Züge musterte, deren Ausdruck sie bei dieser Selbstkritik doch nicht zu beurtheilen vermochte, sank ihr der Muth. Stets sah sie das ätherische Angesicht der Schwester im Spiegel, und vor all dem versuchten Putz verzagt zurückscheuend, legte sie einfach das schwarze Kleid nach venetianischem Schnitte an, bedeckte Kopf und Taille mit der üblichen Mantilla und warf sich tief in die Ecke eines Wagens.

Sie hatte Hyde-Park kaum erreicht, als sie auch schon Oswald an der Spitze seines Regiments anrücken sah. Die Uniform brachte seine edle Gestalt zu stattlichster Geltung, und mit vollendetem Anstand lenkte er das Pferd. Die stolzen, weichen Klänge der Militairmusik zogen ihm voran; Corinna war's, als forderten sie zu edler Hinopferung des Lebens auf. Man spielte das berühmte »God save the King«, das so tief auf englische Herzen wirkt. Vornehm blickende Herren, schöne und sittsame Frauen zeigten in ihren Mienen, die einen den Ausdruck männlicher Tugend, die andern den edler Bescheidenheit. Die Leute von Oswalds Regiment schienen mit Vertrauen und Ergebenheit zu ihm aufzuschauen. »O würdiges Land, das meine Heimat sein sollte«, mußte Corinna unwillkürlich ausrufen, »warum habe ich dich verlassen? Was kommt es inmitten so vieler Tugenden auf etwas mehr oder weniger persönlichen Ruhm an? Und welcher Ruhm gliche dem, o Nelvil, Deine beglückte Gattin zu sein!«

Die Musik nahm jetzt einen kriegerischen Charakter an, der Corinnens Gedanken auf die Gefahren hinleitete, denen Oswald entgegen ging. Lang hing ihr Blick an ihm, er ahnte nichts davon, und mit thränenvollen Augen sagte sie sich: »Möge er leben, wenn auch nicht für mich! Er ist's, o Gott, nur er, der erhalten werden muß.« – Jetzt traf auch Lady Edgermond ein. Lord Nelvil grüßte sie hochachtungsvoll, indem er die Spitze seines Degens neigte. Die Kalesche der Damen fuhr mehrmals auf und nieder, wahrend aller Augen bewundernd an Lucile hingen. Oswald betrachtete sie mit Blicken, die Corinnens Herz durchbohrten. Die Unglückselige! Sie kannte diese Blicke – sie hatten einst auch auf ihr geruht!

Die Lord Nelvil gehörenden Rosse vor Lucilens Wagen eilten mit eleganter Flüchtigkeit durch die Alleen des Hyde-Park. Corinnens Equipage bewegte sich dagegen nur langsam fort; sie schlich jenen schnellen, feurigen Rennern wie ein Leichenwagen nach. »Ach! es war nicht so«, dachte Corinna, »nein, nicht so, als ich auf das Kapitol zog, als ich ihm zum ersten Mal begegnete. Er hat mich von dem Triumphwagen in diesen Abgrund der Schmerzen gestürzt. Ich liebe ihn! und alle Freuden des Lebens sind entschwunden. Ich liebe ihn! und alle Gaben der Natur sind dahin. O mein Gott, verzeihe ihm, wenn ich nicht mehr bin!« – Oswald ritt an Corinna vorüber; der italienische Schnitt ihrer schwarzen Gewänder mußte ihm sehr auffallen, denn er sprengte um ihren Wagen herum, kam zurück, sie noch einmal zu sehen, und schien sehr gern errathen zu wollen, wer die Dame sei, die sich so in der Tiefe des Sitzes verberge. Das bange Herz Corinnens schlug während dieser Zeit mit gewaltsamer Heftigkeit; Alles, was sie fürchtete, war, ohnmächtig umzusinken und in Folge dessen erkannt zu werden. Doch gelang es ihr, den innern Aufruhr zu bemeistern, und Lord Nelvil mochte seine anfängliche Vermuthung wohl aufgeben. Um seine Aufmerksamkeit nicht noch weiter auf sich zu ziehen, verließ Corinna, als die Revue beendet war, ihren Wagen; sie verschwand zwischen den Bäumen, und in der Volksmenge. Oswald sprengte jetzt der Kalesche von Lady Edgermond nach, und auf ein sehr frommes Pferd weisend, das seine Leute am Zügel führten, bat er um das versprochene Vergnügen, mit Lucile einen Spazierritt unternehmen zu dürfen. Die Lady gestattete es, indem sie ihm die möglichste Sorgfalt empfahl. Er war abgestiegen, und während er unbedeckten Hauptes an der Wagenthür stand, sprach er mit der Lady in höchst achtungsvoller, ritterlicher Haltung, welche Corinna nur zu deutlich jene Ehrfurcht für die Mutter verrieth, die aus der Bewunderung für die Tochter hervorgeht.

Lucile verließ den Wagen. Sie trug ein Reitkleid, das die Schönheit ihres Wuchses auf das Vortheilhafteste abzeichnete; den Kopf bedeckte ein schwarzer, mit weißen Federn gezierter Hut, und ihre reichen, blonden Haare fielen anmuthig um das reizende Gesicht. Oswald reichte die Hand hin, damit sie, um sich in den Sattel zu schwingen, den Fuß darauf setze. Sie erröthete, diesen Dienst, den sie von einem seiner Leute erwartet hatte, von ihm selbst zu empfangen, und zögerte, ihn anzunehmen. Da er aber darauf bestand, setzte Lucile endlich einen sehr zierlichen Fuß in diese Hand, und die Leichtigkeit, mit der sie sich auf das Pferd schwang, erinnerte an die Sylphiden, welche unsere Fantasie uns mit so duftigen Farben malt. Sie sprengte im Galopp davon. Oswald folgte ihr; er verlor sie nicht aus den Augen, und als ihr Pferd einmal fehl trat, untersuchte er augenblicklich Zaum und Kinnkette mit liebenswürdigster Besorgniß. Ein anderes Mal glaubte er, das Thier gehe durch; todtenblaß sprang er herunter, um ihm in die Zügel zu fallen. Lucile fürchtete, nicht rechtzeitig pariren zu können; aber mit fester Hand brachte er das Pferd zum Stehen, und ließ sie dann, sanft auf ihn gestützt, aus dem Sattel gleiten.

Was bedurfte es noch mehr, um Corinna von Oswalds Gefühl für Lucile zu überzeugen? Sah sie nicht alle die Beweise von Interesse, mit denen er früher sie selbst überschüttet hatte? Und mehr noch: glaubte sie nicht, mit nagender Verzweiflung, in seinen Blicken mehr Schüchternheit, mehr zurückgehaltene Verehrung zu lesen, als während der Zeit seiner Liebe für sie aus ihnen gesprochen? Zweimal zog sie den Ring vom Finger, im Begriff durch die Menge zu stürzen, um ihn Oswald vor die Füße zu schleudern, und die Hoffnung im Augenblick zu sterben, spornte sie an zu so verzweifeltem Thun. Aber wo wäre die Frau, selbst eine unter südlichem Himmel geborene, die, ohne zu schaudern, also die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre Empfindungen lenken möchte! Bald genug erbebte Corinna bei dem bloßen Gedanken, jetzt vor Lord Nelvil hinzutreten; verzagt und maßlos elend suchte sie ihren Wagen wieder auf. Als sie durch eine verlassene Seiten-Allee fuhr, sah Oswald noch einmal aus der Ferne die schwarze Gestalt, welche ihm vorher schon so aufgefallen war, und jetzt machte sie einen viel stärkeren Eindruck auf ihn. Indessen schrieb er diese Bewegung der vorwurfsvollen Empfindung zu, mit welcher er sich gestand, daß er Corinna heute zum ersten Mal im Grunde seines Herzens untreu gewesen sei; auf dem Wege zum Hotel faßte er den Entschluß, die beabsichtigte Reise nach Schottland sofort anzutreten.

Siebentes Kapitel.

Corinna erreichte ihre Wohnung in einem Zustande des Schmerzes, der an Verstandeszerrüttung gränzte, und von nun an war ihre Kraft auf immer gebrochen. Sie beschloß, an Lord Nelvil zu schreiben, ihm ihre Ankunft in England mitzutheilen, und Alles, was sie seitdem gelitten hatte! Wirklich begann sie auch einen Brief voll der bittersten Vorwürfe, aber sie zerriß ihn bald. »Was sollen Vorwürfe in der Liebe?« rief sie; »könnte sie das reinste, großherzigste, innerlichste aller Gefühle sein, wenn sie nicht ein freiwilliges wäre? Was würde ich denn mit meinen Klagen erreichen? Eine andere Stimme, ein anderer Blick beherrschen jetzt sein Herz, ist damit nicht Alles gesagt?« – Sie fing von Neuem an; und dieses Mal wollte sie Lord Nelvil die Einförmigkeit schildern, die er in seiner Verbindung mit Lucile zu erwarten habe; sie versuchte, ihm auseinanderzusetzen, daß ohne eine vollendete Übereinstimmung der Seelen und der Geister kein Glück der Liebe dauern könne; aber auch diesen Brief zerriß sie, noch ungeduldiger selbst, als den ersten. »Wenn er nicht weiß, was ich werth bin«, sagte sie, »darf er's von mir erfahren? Und darf ich so von meiner Schwester sprechen? Ist's auch wahr, daß sie so untergeordnet ist, als ich's mir vorstellen will? Und wäre sie's, ziemte es sich für mich, die ich sie in ihrer Kindheit wie eine Mutter an's Herz gedrückt habe, ziemte es sich für mich, es ihm zu sagen? Ach nein, man darf sein eigen Glück nicht um jeden Preis wollen. Dieses Leben, das uns so viele Wünsche giebt – es geht vorüber; und lange selbst vor dem Tode löst uns ein weiches, träumerisches »In die Ferne schauen« allmählig vom Dasein ab.

Sie griff noch einmal nach der Feder und sprach nur von ihrem Unglück; aber wie sie diesem hier Worte gab, fühlte sie das tiefste Mitleid mit sich selbst; ihre Thränen fielen auf das Papier. »Nein«, sagte sie sich noch weiter, »wenn er diesem Briefe widerstände, könnte ich ihn hassen; und rührte er ihn, so könnte ich doch nicht wissen, ob er mir nicht ein Opfer bringt, ob ihm nicht die Erinnerung an eine Andere bliebe. Besser ist's, ihn zu sehen, zu sprechen, und ihm den Ring, das Pfand seiner Treue, wiederzugeben.« – Auf ein neues Blatt schrieb sie nichts, als ein kurzes: »Sie sind frei!« dann fügte sie den Ring dazu, und diesen letzten Brief in den Brustfalten ihres Kleides bergend, wartete sie die Abendstunde ab, um ihn Oswald selbst zu bringen. Ihr war, als müsse sie im hellen Tageslicht vor der Welt erröthen; wieder aber wünschte sie auch Lord Nelvil anzutreffen, ehe er sich nach seiner Gewohnheit zu Lady Edgermond begab. Um sechs Uhr ging sie aus, zitternd wie eine Verurtheilte. Wie fürchtet man sich vor dem Geliebten, wenn das Vertrauen einmal dahin ist! Ach, der Gegenstand einer leidenschaftlichen Liebe ist in unsern Augen entweder der sicherste Beschützer oder der gefürchtetste Despot.

Corinna ließ vor Lord Nelvils Thür halten und fragte einen öffnenden Bedienten mit unsicherer Stimme, ob der Herr zu Hause sei. »Mylord ist vor einer halben Stunde nach Schottland gereist, Madame«, war die Antwort. Diese Nachricht fiel drückend auf ihr Herz; zwar bangte sie, Oswald zu sehen, aber dennoch war ihre Seele, über die entsetzliche Aufregung hin, ihm schon entgegengeeilt. Sie hatte sich einmal überwunden, hatte sich fähig gehalten, seine Stimme hören, seinen Blick ertragen zu können. Um das wieder zu erlangen, bedurfte es einer neuen Anstrengung, mußte sie wieder mehrere Tage warten, mußte sie zu einem neuen, schweren Schritt ihre erschöpfte Kraft zusammenraffen. Indessen wollte sie ihn nun um jeden Preis antreffen; am folgenden Tage reiste sie nach Edinburg ab.

Achtes Kapitel.

Lord Nelvil war, ehe er London verließ, noch einmal zu seinem Banquier gegangen, um etwaige Briefe aus Italien in Empfang zu nehmen, und da er hörte, daß immer noch nichts von Corinna eingetroffen sei, fragte er sich mit Bitterkeit, ob er ein sicheres und dauerndes häusliches Glück einer Frau zu opfern habe, die sich seiner vielleicht nicht mehr erinnere? Doch beschloß er, nochmals zu schreiben, wie er das seit sechs Wochen schon so oft gethan hatte, um Corinna nach der Ursache ihres Schweigens zu fragen, und wiederholt zu versichern, daß er nie der Gatte einer Andern sein werde, bis sie ihm nicht den Ring wiedersende. Die Reise legte er in sehr verdrossener Stimmung zurück: er liebte Lucile, fast ohne sie zu kennen, gedachte aber auch mit Schmerz Corinnens, und betrübte sich über die Verhältnisse, die sie Beide von einander schieden. Abwechselnd bestach ihn der jungfräuliche Zauber der Einen, erinnerte er sich der edlen Anmuth, der hohen Redegabe der Andern. Hätte er in diesem Augenblick gewußt, daß Corinna ihn mehr als je liebte, daß sie Alles verlassen hatte, um ihm zu folgen, würde er Lucile niemals wiedergesehen haben; doch er glaubte sich vergessen! Die Charaktere von Corinna und Lucile vergleichend, meinte er, daß eine äußerlich kalte und verschlossene Frau oft des wärmsten Empfindens fähig sei. Er täuschte sich: »leidenschaftliche Menschen verrathen sich auf tausendfache Art, und was man stets zurückzuhalten vermag, ist wohl nur schwach empfunden!«

Es kam noch ein Umstand dazu, um Lord Nelvils Interesse an Lucile zu steigern. Der Weg zu seinem Landsitze führte nahe an dem Schlosse der Lady Edgermond vorüber; neugierig machte er dort Halt. Er ließ sich das Kabinet öffnen, in welchem Lucile zu arbeiten pflegte, und fand hier viele Erinnerungen aus der Zeit, die Oswalds Vater, während seines Sohnes Aufenthalt in Frankreich, in diesem Hause verlebt hatte. An der Stelle, wo Lord Nelvil ihr noch wenige Monate vor seinem Tode Unterricht ertheilte, hatte Lucile ein kleines Denkmal errichten lassen, auf welchem die Worte »Dem Gedächtnisse meines zweiten Vaters« zu lesen waren. In einem Buche, das auf dem Tische lag, erkannte Oswald eine Sammlung von Gedanken und Aussprüchen seines Vaters, und auf der ersten Seite stand in dessen eigener Handschrift Folgendes: »An sie, die mich in meinem Kummer tröstete; der reinsten Seele, der engelgleichen Frau, die einst der Stolz und das Glück ihres Gatten sein wird!« – Mit tiefer Bewegung las Oswald diese Zeilen, in denen der Wunsch des hochverehrten Mannes so lebhaft ausgesprochen war. Lucilens Verschweigen der Beweise von Zuneigung, welche sie von seinem Vater empfangen, erstaunte ihn. Er sah in diesem Schweigen ein seltenes Zartgefühl, und die Besorgniß, daß die Pflicht seine Wahl bestimmen könne. Am meisten trafen ihn die Worte: »An Sie, die mich in meinem Kummer tröstete.« – »Also Lucile ist's«, rief er, »Lucile, die den Schmerz zu lindern verstand, den meine Irrthümer dem Vater bereiteten; und ich sollte sie verlassen, während ihre Mutter im Sterben ist, und sie keinen anderen Tröster haben wird, als mich! Ach Corinna! Du Strahlende, Du Vielgesuchte, bedarfst Du, wie Lucile, eines treuen und ergebenen Freundes?« – Sie war nicht mehr strahlend, sie war nicht mehr gesucht, diese Corinna, die eben allein von Station zu Station irrte; die den nicht einmal sah, für den sie Alles geopfert, und welche dennoch die Kraft nicht hatte, sich von ihm loszusagen. In einer kleinen Stadt, auf dem halben Wege nach Edinburg, war sie erkrankt, und trotz aller Selbstbeherrschung nicht im Stande gewesen, ihre Reise fortzusetzen. Oft, in diesen langen Leidensnächten, dachte sie daran, daß, falls sie hier stürbe, Theresina allein ihren Namen wisse, um ihn auf ihr Grab zu setzen. Welch eine Veränderung, welch ein Schicksal für eine Frau, die in Italien keinen Schritt gethan hatte, ohne daß die überschwänglichsten Huldigungen zu ihren Füßen niedergelegt wurden. Muß denn die Fluth eines einzigen Gefühls so das ganze Leben veröden? Endlich, nach acht Tagen der unaussprechlichsten Angst, vermochte sie ihren traurigen Weg wieder anzutreten; wenn das Ziel desselben auch die Hoffnung war, Oswald zu sehen, so lagerte sich um diese bange Erwartung doch eine solche Schaar schmerzlichster Empfindungen, daß die qualvollste Rastlosigkeit doch eigentlich alles Andere in ihrem Herzen überwog. Corinna wünschte, ehe sie Lord Nelvils Schloß erreichte, noch einige Stunden auf dem nahegelegenen Landsitze ihres Vaters zuzubringen, wo sich, nach dessen letztem Willen, sein Grabmal befand. Sie war seit seinem Tode nicht dort gewesen, und hatte überhaupt einst nur einen Monat, allein mit dem Vater, auf diesem Gute zugebracht. Diese Erinnerungen an den glücklichsten Abschnitt ihres Aufenthalts in England machten es ihr zum Bedürfniß, den Ort noch einmal wiederzusehen. Sie konnte nicht voraussetzen, daß Lady Edgermond schon dort sei.

Noch einige Meilen vom Schlosse entfernt, traf Corinna auf der großen Straße eine umgeworfene Reisekalesche. Sie ließ halten, um dem Inhaber derselben, einem greisen Gentleman, der von dem eben stattgehabten Unfalle sehr erschrocken schien, und sich mühsam aus dem zertrümmerten Wagen hervorarbeitete, Hülfe zu leisten. Voller Dankbarkeit nahm er den von Corinna freundlich angebotenen Platz in ihrer Chaise an und stellte sich ihr als Herr Dickson vor. Corinna erinnerte sich, wie oft sie diesen Namen von Lord Nelvil gehört. Bald wußte sie die Rede dieses guten Mannes auf den einzigen Gegenstand zu leiten, der noch ihr Leben erfüllte. Herr Dickson war ein sehr gesprächiger, alter Herr; wie konnte er ahnen, daß Corinna, deren Namen ihm unbekannt, und die er wohl für eine Engländerin hielt, bei ihren Fragen irgend welch persönliches Interesse haben könne. So erzählte er Alles, was er wußte, mit der größten Umständlichkeit; und da ihre Güte ihn gerührt hatte, und er ihr gern gefallen wollte, wurde er schließlich, nur um zu unterhalten, recht indiscret.

Er erzählte, wie er selber Lord Nelvil davon in Kenntniß gesetzt, daß sein Vater die Ehe, welche er jetzt einzugehen denke, im Voraus gemißbilligt habe. Den darauf bezüglichen Brief des Verstorbenen gab er im Auszuge wieder; es durchschnitt Corinnens Herz, ihn mehrmals eifrig wiederholen zu hören: »Der Vater habe es Oswald nun einmal untersagt, diese Italienerin zu heirathen, und solchem Befehl zu trotzen, hieße sein Gedächtniß entehren.« Damit ließ es Herr Dickson noch nicht genug sein. Er berichtete weiter, daß Oswald Lucile liebe, diese es erwidere, und daß Lady Edgermond nun gar die Angelegenheit auf das Lebhafteste betreibe; kurz, nichts hindere Lord Nelvil, darein zu willigen, als dies in Italien eingegangene Verlöbniß. »Wie!« rief Corinna, indem sie ihre furchtbare Aufregung zu unterdrücken suchte, »Sie glauben, daß Lord Nelvil sich lediglich durch diese Verpflichtung verhindert fühlt, Miß Lucile Edgermond zu heirathen?« – »Ich bin dessen gewiß«, entgegnete Herr Dickson, entzückt von Neuem befragt zu werden, »erst vor drei Tagen habe ich Lord Nelvil gesprochen, und obgleich er mir die Art jenes unglückseligen Verhältnisses nicht mittheilte, sagte er mir doch ein Wort, das Lady Edgermond zu berichten ich nicht unterlassen habe: Wenn ich frei wäre, würde ich um Lucile werben.« – »Wenn er frei wäre!« wiederholte Corinna, in dem Augenblicke, als ihr Wagen vor der Thür des Gasthauses hielt, wo Herr Dickson abzusteigen wünschte. Er wollte ihr danken, sie fragen, wann und wo er sie wiedersehen könne, doch hörte sie ihn nicht mehr. Sie drückte ihm die Hand, und wendete sich ab, ohne zu antworten, ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Es war spät geworden; indessen wollte sie noch gern die Stätte aufsuchen, wo ihres Vaters Asche ruhte; die Verwirrung ihres Geistes machte ihr diese Wallfahrt nun ganz zur heiligen Nothwendigkeit.

Neuntes Kapitel.

Lady Edgermond war schon seit zwei Tagen auf ihrem Gute, und grade an diesem Abend von Corinnens Eintreffen fand dort ein großes Ballfest statt. Sämmtliche Nachbarn hatten die Lady gebeten, sich zur Feier ihrer Ankunft bei ihr vereinigen zu dürfen, und Lucile sich diesem Wunsche angeschlossen, in der geheimen Hoffnung vielleicht, auch Oswald werde sich zu dem Feste einfinden. So war es auch: als Corinna ankam, war er schon dort. Die Auffahrt schien von Equipagen angefüllt; sie ließ deshalb die ihrige eine Strecke vorher halten, stieg aus, und stand nun wieder auf dem Boden, wo sie von dem theuren Vater so viele Beweise seiner Liebe erhalten hatte. Welch ein Unterschied zwischen jenen Zeiten, die sie damals doch für glücklose hielt, und ihrer gegenwärtigen Lage! So werden wir im Leben für die Schmerzen unserer Einbildungskraft oft durch ein Leid gestraft, das uns nur zu gut erkennen lehrt, was wahrer Kummer ist.

Corinna ließ sich erkundigen, aus welchem Grunde das Schloß erleuchtet und welches die Namen der dort versammelten Gäste seien. Der Zufall wollte, daß Corinnens Bediente einen von Lord Nelvils Leuten fragte, der erst seit dessen Heimkehr von Italien in seine Dienste getreten war. Jener berichtete die erhaltene Antwort: »Lady Edgermond giebt heute einen Ball, und mein Herr, Lord Nelvil, hat ihn soeben mit Miß Lucile, der Erbin dieses Schlosses, eröffnet.« – Corinna bebte, doch gab sie ihren Entschluß nicht auf. Eine unselige Neugier zog sie nach der Stätte, wo so viel Schmerzen ihrer warteten. Sie schickte ihre Leute fort und trat allein in den offenen Park, in welchem sich ungesehen zu bewegen die Dunkelheit dieser Stunde ihr gestattete. Es war zehn Uhr, und seit dem Beginn des Balles tanzte Oswald mit Lucile jene englischen Contretänze, die fünf- bis sechsmal in einem Abend, und stets mit derselben Dame, wiederholt werden; der größeste Ernst waltet zuweilen über diesem Vergnügen.

Lucile tanzte mit edlem Anstand, doch ohne Leben, und das Gefühl, von dem sie jetzt beschäftigt war, vermehrte noch ihren natürlichen Ernst. Da man in der Nachbarschaft begierig war, zu wissen, ob sie Lord Nelvil liebe, wurde sie von aller Welt mehr als gewöhnlich beobachtet. Das hinderte sie, die Augen zu Oswald aufzuschlagen, wie sie denn überhaupt vor lauter Schüchternheit nichts mehr sah und hörte. Anfangs war Lord Nelvil von so vieler Verwirrung und Zurückhaltung äußerst gerührt; da sich diese Situation aber gar nicht änderte, fing er doch an, derselben müde zu werden, und er verglich diese langen Reihen von Damen und Herren und diese einförmige Musik mit der seelenvollen Anmuth der italienischen Weisen und Tänze. Diese Betrachtung versenkte ihn in tiefe Träumerei, und Corinna würde noch einige Augenblicke des Glückes genossen haben, wenn sie jetzt Lord Nelvils Gefühle hätte ahnen können. Aber die Unglückliche, die auf dem väterlichen Boden als Fremde stand, die eine Verlassene in der Nähe des Mannes war, den sie als Gatten zu besitzen gehofft, sie durchirrte ziellos, schmerzzerrissen die dunklen Alleen eines Wohnsitzes, den sie einst als den ihren hatte betrachten dürfen. Die Erde schwankte unter ihren Füßen, und nur die Aufregung der Verzweiflung vertrat die mangelnde Kraft. Vielleicht hoffte sie, Oswald im Garten zu begegnen; doch sie wußte selber nicht, was sie wünschen sollte.

Das Schloß lag auf einer Anhöhe, an deren Abdachung sich ein kleiner anmuthiger Fluß hinzog. Sein diesseitiges Ufer schmückten reiche Baumgruppen; das jenseitige wurde von nackten, mit wenigem Gestrüpp bedeckten Felsen gebildet. Corinna befand sich jetzt in der Nähe dieses Flusses, zu dessen leisem Rauschen die Klänge der festlichen Musik herniederschwebten, als suchten sie Vereinigung. Auch der Glanz der Lichter fiel von der Höhe herab tief in die Fluthen hinein, während allein des Mondes Schimmer die schroffen Abhänge des jenseitigen Ufers erhellte. Wie in der Tragödie des Hamlet, irrten hier die Schatten um das von froher Lustbarkeit wiederhallende Schloß.

Die einsame und verstoßene, die beklagenswerthe Corinna, sie hatte jetzt nur einen Schritt zu thun, um in ewiges Vergessen zu tauchen! »Ach!« rief sie, »wenn er morgen im Kreise heiterer Genossen an diesem Ufer wandelte und sein siegender Blick fiele dann auf den Körper der Frau, die er doch einst liebte, würde er dann nicht ein Furchtbares empfinden, das mich rächte, einen Schmerz, der dem gliche, was ich leide? Nein! Nein!« rief sie, »nicht Rache soll man in dem Tode suchen, sondern Ruhe!« Sie schwieg; nachdenklich blickte sie auf dieses eifrige schnelle und dennoch so gleichmäßig dahinfließende Wasser, und bedachte, wie es in der Natur gelassen weiter treibt und webt, während des Menschen Seele im höchsten Aufruhr kämpft. Jener Tag, an welchem Lord Nelvil sich in das tobende Meer stürzte, um einen Greis zu retten, kam ihr ins Gedächtniß. »Wie gut er damals war!« rief Corinna. »Ach!« fuhr sie weinend fort, »vielleicht ist er es noch! Weshalb soll ich ihn tadeln, weil ich leide? Vielleicht weiß er es nicht, vielleicht würde er, wenn er mich sähe ...« Und plötzlich kam ihr der Entschluß, Lord Nelvil mitten aus diesem Feste abrufen zu lassen, um augenblicklich mit ihm zu reden. In der Anspannung, die sich aus einer neu errungenen Entscheidung erzeugt, stieg sie nun wieder zum Schlosse hinauf; allein als sie dasselbe erreicht, fühlte sie sich längst wieder entkräftet und verzagt, und war genöthigt, sich auf einer Steinbank niederzulassen, welche unter den Fenstern des Saales stand. Die Menge der Landleute, welche herbeigeströmt waren, um den Tanz mit anzusehen, schützte sie vor Entdeckung.

Lord Nelvil trat eben jetzt auf den Balcon hinaus; er athmete die frische Abendluft begierig ein; der Duft einiger in der Nähe befindlicher Rosenbüsche erinnerte ihn an das Parfüm, das Corinna immer trug, – es durchschauerte ihn! Die lange, eintönige Festlichkeit war so ermüdend! Er erinnerte sich, mit welchem Geist Corinna dergleichen zu arrangiren wußte, er gedachte ihres künstlerischen Verständnisses für alles Schöne und Große, und es fiel ihm ein, daß er sich Lucile nur in einem regelmäßigen, häuslichen Leben mit Wohlgefallen als Gefährtin denken könne. Alles nur im entferntesten in das Reich der Einbildungskraft, der Poesie Hinübergreifende erweckte ihm Gedanken an Corinna, erneuerte ein schmerzliches Bangen nach ihr! In diesem Augenblick wurde Oswald von einem seiner Freunde angeredet, und Corinna vernahm seine Stimme. In wie unaussprechliche Bewegung bringt sie uns, die Stimme des Geliebten! Welch ein Durcheinander von Wonne und Schreck! Schreck: denn es giebt so heftige Eindrücke, daß die arme Menschennatur, die ihnen unterworfen ist, vor sich selber scheut.

»Finden Sie den Ball nicht entzückend?« fragte einer von Oswalds Bekannten. »Ja«, sagte er, »ja in der That«, wiederholte er zerstreut und seufzend. Dieses Seufzen und der schwermüthige Klang seiner Stimme gaben Corinna ein Gefühl des Glücks. Mit Sicherheit hoffte sie jetzt, Oswalds Herz noch wiederzufinden, noch von ihm verstanden zu werden, und schnell erhob sie sich, um einen der Bedienten zu bitten, er möge Lord Nelvil rufen. Wie verschieden würde sich ihr Schicksal und das Oswalds gestaltet haben, wenn sie dieser Regung gefolgt wäre!

In diesem Moment näherte sich Lucile dem Fenster; beim Hinausblicken fiel ihr Auge auf die Gestalt einer fremdartig gekleideten und dennoch nicht festlich geschmückten Frau. Mit vorgebeugtem Haupt spähte sie aufmerksam prüfend der Erscheinung nach; sie glaubte die Züge der Schwester klar zu erkennen, und da sie dieselbe seit sieben Jahren zweifellos für todt hielt, sank sie im Entsetzen über deren vermeintlichen Schatten ohnmächtig zusammen. Alles lief ihr zu Hülfe. Corinna fand den Diener nicht mehr, den sie hatte anreden wollen, und ängstlich zog sie sich tiefer in den Garten zurück, um nicht gesehen zu werden.

Lucile erholte sich wieder; sie wagte aber nicht zu gestehen, was sie so erschreckt hatte. Ihr Geist war von Kindheit auf durch die mütterliche Erziehung mit frommgläubigen Vorstellungen überfüllt worden, und so wähnte sie denn, dieser auf des Vaters Grab zuschreitende Schatten der Schwester sei ihr erschienen, um ihr das Vergessen dieses Grabes und den Leichtsinn vorzuwerfen, mit welchem sie hier an Lustbarkeiten Theil nahm, ohne vorher der heiligen Asche mindestens ein frommes Gedenken geweiht zu haben. In einem Augenblicke daher, als Lucile sich unbeobachtet glaubte, verließ sie schnell den Ballsaal, und mit Erstaunen sah Corinna die Schwester allein in den Garten treten. Sie zweifelte nicht, Lord Nelvil werde ihr bald folgen; ja vielleicht hatte er eine geheime Unterredung von ihr erbeten, um die Erlaubniß nachzusuchen, daß er mit seinen Wünschen zu ihrer Mutter gehen dürfe. Bei dieser Vermuthung zitterte Corinna; bald jedoch sah sie Lucile den Weg nach einem Bosquet einschlagen, welches das Grabmal Lord Edgermonds umschloß; und sich nun gleichfalls anklagend, daß sie ihr Herz und ihre Schritte nicht zuerst dorthin gerichtet, folgte sie der Schwester in einiger Entfernung, während sie immer Acht hatte, sich im Dunkel der Bäume zu halten. Sie konnte jetzt die scharfen Umrisse des Sarkophags genau unterscheiden. Unfähig weiterzugehen, lehnte sie sich in tiefer Erschütterung an einen Baum; Lucile stand vor dem Grabe.

Jetzt war Corinna bereit, sich der Schwester zu entdecken, und im Namen ihres Vaters Rang und Gatten zurückzufordern; aber eben trat Lucile noch einige Schritte näher an das Denkmal heran, und von Neuem sank Corinnens Muth. In dem Herzen einer Frau eint sich so viel Schüchternheit mit der Allmacht ihres Gefühls, daß ein Nichts sie zurückhalten, ein Nichts sie hinreißen kann. Lucile beugte vor dem Grabe ihres Vaters die Kniee. Sie strich ihr blondes Haar zurück, welches heute ein Blumenkranz schmückte, und hob mit holder Andacht die Augen im Gebet zum Himmel. Corinna konnte die vom Licht des Mondes sanft verklärte Gestalt der Schwester deutlich sehen; mit großmüthiger Rührung betrachtete sie diese reine Frömmigkeit, dieses jugendliche Antlitz, auf dem der Kindheit Züge noch erkennbar waren. Sie erinnerte sich der Zeit, als sie Lucile wie eine Mutter liebte; sie dachte an sich selbst und daß sie nicht mehr weit vom dreißigsten Jahre, von dem Höhepunkte sei, wo die Jugend sich abwärts zu neigen beginnt, während ihre Schwester eine lange, lange Zukunft vor sich habe; eine Zukunft, die durch keine Erinnerung, durch keine Vergangenheit, welche man vor Andern, oder vor dem eigenen Gewissen zu verantworten habe, getrübt werde. »Wenn ich vor Lucile trete und mit ihr rede«, sagte sie sich, »stürme ich ihre ruhige Seele auf, und nie vielleicht kehrt der Friede ihr wieder zurück. Ich habe schon so viel gelitten, ich werde auch noch mehr zu leiden wissen; während dieses unschuldige Kind schnell aus tiefer Ruhe in furchtbare Erschütterung versetzt würde. Und ich, die ich sie in meinen Armen hielt, die ich sie an meiner Brust in Schlaf gesungen, ich sollte sie in die Welt des Schmerzes stürzen?« – So dachte Corinna. Aber diesem uneigennützigen Gefühl, dieser edlen Exaltation, mit welcher sie sich selbst hinopfern wollte, stellte sich die Liebe in ihrem Herzen zu schwerem Kampfe entgegen!

»O mein Vater, bitte für mich«, sprach Lucile halblaut; Corinna hörte es; auch sie kniete nieder, auch sie flehte den väterlichen Segen, für beide Schwestern jedoch, hernieder, und vergoß Thränen, die einem noch reineren Gefühl, als dem irdischer Liebe entströmten. Wie tief gerührt war sie, als Lucile in ihrem Gebete fortfuhr: »Und Du, meine Schwester, sprich im Himmel für mich! Du, die Du mich in meiner Kindheit liebtest, beschütze mich auch ferner. Mein Vater, verzeihe mir, daß ich Dich einen Augenblick vergaß; ein von Dir gebotenes Gefühl ist Schuld daran. Ich bin nicht strafbar, wenn ich den Mann liebe, den Du selbst mir zum Gatten bestimmtest; aber vollende Dein Werk und füge es, daß er mich als die Seine erwähle. Ich kann nur mit ihm mein Glück finden; doch soll er niemals wissen, daß ich ihn liebe, niemals soll dies zitternde Herz sein Geheimniß verrathen. O mein Gott! O mein Vater! Tröstet Euer Kind, und macht es der Liebe Oswalds werth.« – »Ja«, wiederholte Corinna, »erhöre sie, mein Vater, und Deinem andern Kinde gewähre bald den Tod.«

Nach diesem Gelübde, dem schwersten Siege, den sie ihrer Seele abzuringen vermocht, zog Corinna den Brief mit Oswalds Ring hervor und entfernte sich schnell. Sie fühlte es wohl: wenn sie diesen Brief an Lord Nelvil schickte, ohne ihn wissen zu lassen, daß sie in England sei, zerriß sie auf ewig das Band, das sie noch an Oswald knüpfte, und gab ihn an Lucile fort. Aber in Gegenwart dieses Grabes hatten sich die Hindernisse, welche sie von Oswald trennten, ihrem Nachdenken furchtbarer denn je entgegengestellt. Sie hatte der Worte Herrn Dicksons gedacht: »Sein Vater verbietet es ihm, jene Italienerin zu heirathen«; und es war ihr, als ob auch der ihre sich dem Vater Oswalds zugeselle, als ob ihre Liebe von dieser hohen väterlichen Machtvollkommenheit verurtheilt werde. Lucilens Unschuld, Jugend und Reinheit begeisterten ihre Einbildungskraft, und einen Augenblick wenigstens war sie stolz, sich hinzuopfern, auf daß Oswald mit seinem Lande, seiner Familie, mit sich selbst im Frieden sei!

Die glanzvolle Musik, welche gleichsam auf sie herniederströmte, als sie sich dem Schlosse näherte, unterstützte ihren Muth. Sie bemerkte einen armen, blinden Greis, der, am Fuße eines Baumes sitzend, auf das Geräusch des Festes lauschen mochte; an diesen trat sie heran und bat ihn, er möge den erwähnten Brief einem der Bedienten des Hauses übergeben. So vermied sie die Gefahr, daß Lord Nelvil entdecke, eine Frau sei die Ueberbringerin desselben gewesen. Wer Corinna gesehen hätte, als sie diesen Brief aushändigte, der würde auch gefühlt haben, daß er die Verurtheilung ihres Lebens, ihres Glückes enthielt. Ihr Blick, ihre zitternde Hand, die feierliche und traurige Stimme, alles entsprach einem jener unseligen Momente, wo das Schicksal sich unserer bemächtigt, wo der glücklose Mensch nur noch als der Sklave des Verhängnisses handelt, das ihn endlich ereilt.

Corinna folgte dem Greise mit den Augen; ein treuer Hund geleitete ihn, und sie sah deutlich, wie er, seinen Auftrag gewissenhaft ausführend, den Brief einem der Bedienten Lord Nelvils übergab. Alle Verhältnisse wirkten zusammen, um ihr keine Hoffnung mehr zu lassen. Noch einige Schritte ging sie weiter, zu beobachten, wie der Diener unter dem Portale verschwand; und dann – als sie ihn nicht mehr sah, als sie die große Straße erreicht hatte, als sie die Festesklänge nicht mehr vernahm, und selbst die erleuchteten Fenster des Schlosses nicht mehr sichtbar waren, da durchbebten sie Todesschauer: kalter Schweiß netzte ihre Stirn, sie wollte weiter, aber die Kräfte versagten, und besinnungslos brach sie auf der offenen Landstraße zusammen.

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